Dating in Zeiten von Corona

Nach 24 Matches wurde es der eine, den ich als erstes empfangen wollte. Bereit meine Arme, mein Herz zu öffnen, vereinbarten wir ein erstes Date.

Hierfür präparierte ich:

1 die Frisur: frisch parfümiert und zur Seite gelegt, offen (das mögen die Männer)

2 den Körper, die Haut des Körpers: eingecremt und in Lotion gelegt mit Glitzerpartikeln bereit, endlich zu strahlen

3 das Oberteil: schmal geschnitten und figurbetont (was sonst)

4 die Hose: eng, aber nicht zu eng (man will ja nicht negativ auffallen)

5 die Unterwäsche (für den Fall der Fälle): in roter Spitze, oben wie unten eine Einladung zum Auspacken oder Anschauen

6 die Strümpfe (unterschätzt): leicht durchsichtig und mit Spitze versehen, passend zur Unterwäsche in Rot gehalten und anmutig zugleich

7 das Make-up: dezent (auch das mögen die Männer)

8 Schmuck: Ohrringe (kleine Steine), eine schmale Kette (säumt das Dekolletee, verstecken muss man sich ja nichts)

9 die Jacke: eine Jeansjacke, die dem Ganzen einen lockeren Touch verleiht

Da sah ich in den Spiegel und sah, dass es gut war.

Die Zeit war ausgemacht, ich hatte noch eine Stunde, um zum Ort des Geschehens zu kommen und nicht abgehetzt pünktlich zu erscheinen.

So lief ich durch die Landschaft: ein paar Kinder weinten am Rande der Spielplätze, da die Rutschen und Schaukeln abgesperrt wurden mit rotem Band (passend zur Unterwäsche).

Die Schreibwarenläden waren geschlossen und auch die Mode wartete darauf, später wieder entdeckt zu werden. Das alles brauchte ich nicht, denn heute würde ich das Date meines Lebens erleben. Bereit meine Arme auszubreiten und mein Herz zu öffnen (vielleicht auch alles andere).

So lief ich und lief ich und strahlte bis über beide Seiten des Gesichts.

Einmalig genug, endlich den Tag meines Lebens für den Rest meines Lebens zu erleben.

Ich traf ein und setzte mich an einen kleinen Tisch. Der Tisch befand sich in der Nähe der Tür: so konnte ich ihn gut sehen (was ja kein Nachteil sein muss, ihn zuerst zu sehen).

Und innerhalb weniger Sekunden traf auch er ein.

Bevor er das Lokal betrat, setze er eine Atemmaske auf und sprühte die Hände ein. Die Ärmel bereit, die Tür sicher und gewagt zu eröffnen. Sein Haar wehte im Wind.

Dann war er drin und lächelte vermutlich darüber, mich zu sehen.

Mit letzter Gewissheit ließ sich das allerdings nicht bestimmen (das Gesicht war doch stark verdeckt – von bahnbrechender Sicherheit).

Da redeten wir über Gott und die Welt (vermutlich, leider verstand ich ihn sehr schlecht).

Doch seine Augen funkelten (ganz gewiss) in meine Richtung.

So vereinbarten wir, gemeinsam nach Hause zu gehen und zu vor noch in einen Baumarkt ein paar Erledigungen zu verrichten.

Im Baumarkt kaufte er sehr rasch eine helle Plane, für davor und danach, wie er mir versicherte. Das wenigstens hatte ich verstanden.

Ich bewunderte seine Eindeutigkeit!

Da liefen wir zu mir, er breitete die erste Plane über das Bett aus, dann holte er einen Sack aus seinem Rucksack und stülpte ihn sich über.

So sicher, war ich noch nie in den Armen eines Mannes gewesen!

Das Gerücht


Ich bin dein Gerücht.

Deine Nervenbahnen sind von mir zersetzt. Ich befinde mich in jedem Winkel deines Gebeins und kenne kein Erbarmen. Dies entspricht nicht meinem Tun. Vielmehr bin ich gerecht, denn ich strafe jede Reputation ohne Ansehen der Person: ich bestrafe alt wie jung, krank wie gesund und schön wie hässlich. Meinem Urteil kannst du nicht entkommen, egal an welchem Ort du dich versteckst. Weder heute noch morgen. Das hat in den letzten Jahrtausenden noch keiner geschafft. Dies entspricht mir nicht. Bis jetzt hat jeder vor mir kapituliert, zwang es die Menschen und selbst Staaten vor mir in die Knie. (Mir entkommt niemand!) Denn mein Gesetz ist höchstes Gesetz. Das war es seitjeher und wird auch in (ferner) Zukunft so bleiben. Denn ich gestalte nur das, was du zu mir gesprochen. Du befiehlst mir das Wort und ich gehorche.

Dieb befiehlst du und ich erschaffe dir einen Dieb.

Lass diesen Hand anlegen an: den Tisch, den Stuhl, die Feder, das Blatt, den Namen. An der Wand ein Bett. Betrachte das weiße Laken, die Bügelfalten, die geradlinig ihre Linien ziehen. Breite eine Daunendecke darüber aus. Neben dem Bett ein Nachttisch. Darauf zwei Gläser.  Entscheide dich stets für Rotwein.  Nimm mindestens zwanzigjährigen Château Mouton Rothschild. Schwenke den Wein. Rieche an dem Wein. Befülle die Gläser zur Hälfte. Wirf eines von beiden um.  Die Phantasie des Betrachters beflügelst du, indem du ein paar Tropfen über die Bettdecke träufelst. Dort, wo das Laken blitzt, gib die übrigen Tropfen dazu.  Schieb die Bettdecke zurück. Die Bügelfalten brichst du, indem du dich ausgiebig befriedigst. Jetzt überlasse ich dir den Raum. Befülle den Raum wahlweise mit Parfüm, Musik oder Körpern. Hast du dir gründlich Gedanken gemacht. Sei dir bewusst: verschiede Hauttypen verlangen unterschiedliche Haartypen. Deine Finger winden sich in Leidenschaft um Locken, um dunkles, langes und kurzes, helles und gewelltes Haar. Graue Haare lege über schwarzes. Im Bett allein liegt kein Haar. Hast du einmal eine Strähne gefasst, lass deine Hand unter das Bett gleiten und befreie dich davon.

Gib mir Substanz und hinterlege deine Zeichen: auf dem Fensterbrett ein Taschentuch, an der Wand Lippenstift, auf dem Stuhl Schweiß. Mächtig werde ich werden, wenn der Name zu tragen hat. Befülle meine Gestalt mit Küssen, Bisswunden, Flecken, Kratzern. Gibt es Kleidung im Raum? Lass darin Stadtpläne wandern, nimm sie nicht weg, auch die fernen Münzen lass fallen. Man bezahlt so schnell für eine Nacht. Darum lass die Nächte wachsen über den Münzen: mit Tränen, Schweiß und Dreck.

Damit steigerst du die Lust des Betrachters ins Unermessliche.

Kraft verleihst du mir in allen Dingen. Justine von de Sade in drei Sprachen, Eselsohren und Fettflecken in der französischen Ausgabe. Weise mir eine Zeit zu, indem du die Mittel deiner fortschrittlichen Zeit wählst und hinterlässt. Jedes Mittel ist mir recht. Ich esse alles. Ich trinke alles. Mein Gewand schwingt in der Bewegung, im Tanz. In allen Elementen bin ich daheim. Willst du mich wandeln? Ich bin flüssig, fest und gasförmig. Ich wechsele die Aggregate und beherrsche die Sprachen des Geschreis, Gestöhns, der Rede. Worte fülle ich mit Gift und Arznei. Allmacht ist die Allmacht des Namens, den ich zerstöre.

Am wohlsten fühle ich mich in der Liebe. Dort werde ich schnell fündig. Staatsmänner schwinden, denn mit einem Fingerzeig sind sie entleert, entehrt und auf ewig verdammt.

In meinem Namen schwören die Menschen. Gericht ist gerecht. Schmeichele mir. Regale und Archive sammeln meine Würde.  Siegel auf den Akten sind geprägte Wirklichkeit.

Präge nun den Raum!

von Michael Elias Graul und Eileen Mätzold

Aljoscha VI

In den ersten fünf Teilen erlebt Aljoscha wie ein Mann auf der Straße zusammenbricht und sich daraufhin ein Doktor und eine Heilerin an Kopf und Füße gegenüberstehend, um die richtige Behandlung des Kranken streiten. Dabei schneit dieser Mann vor aller Augen Stück für Stück ein und verstirbt schließlich. In der Zwischenzeit stellen sich die Bewohner des Ortes stellvertretend für ihre Ansichten hinter den Doktor oder die Heilerin. Aljoscha entscheidet sich für den Doktor. In der Folge entkommt er mehreren Schlägereien und landet halb erfroren an genau jener Stelle, an der der Mann am Morgen erfror. Er findet eine Ledertasche mit Papieren des Mannes. Diese nimmt er an sich und wird von einem weiteren Betrunken verprügelt. Der Gastwirt will ihn nicht mehr in seiner Gaststube haben. Somit wird es für ihn Zeit, einen anderen Ort zu suchen:

Er sah in den Lichtkegel, der aus dem Fenster der Gaststube leuchtete, in dessen Fensternische er seit mehreren Jahren hockte, sich recht und schlecht im Gastraum aufwärmte, dabei auf die übervollen Teller der Gäste schielte und ungeduldig darauf wartete, dass einer von den gut gekleideten Herren satt oder zumindest müde wurde, den halbvollen Teller launig von sich schob und kopfüber am Tische einschlief. Aljoscha wusste, dass mit den Ereignissen der letzten Tage eine Rückkehr in den wärmenden Gastraum mit seinen weit gereisten Gästen und dem gewalttätigen Besitzer unmöglich geworden war. Ohne es begründen zu können, ahnte er, dass er aus diesem Ort weggehen musste. Es war ihm nur noch nicht ganz klar, wohin er in dieser Welt zu gehen hatte, wo ab jetzt sein neuer oder gar angestammter Platz werden würde. Er grübelte, ob es richtig war, so zu denken und ob es richtig war, die Geschwister ohne einen herzlichen Abschied allein zu lassen. Andererseits wollte er dem Jähzorn und der Wut der unberechenbaren Heilerin mit all ihren Anhängerinnen entweichen. Denn so viel war ihm klar, sie würde ihn nun, nachdem ihre Macht von ihm und den Doktor Michail Michailowitsch in diesem Ort infrage gestellt worden war, nicht mehr in Ruhe lassen und, wo sie nur konnte, ihn verfolgen. Das Gasthaus als tägliche Zuflucht, die Schule mit dem Lehrer, der grundlos zuschlug und der Vater, der nach dem Tod der Mutter traurig und manchmal unberechenbar wurde, und die Geschwister, um die er sich zu kümmern hatte, waren nun nicht mehr sicher. In diesen Bereichen seines Lebens hatte die Heilerin, wenn sie nur wollte, Zugang und konnte ihren Hass jederzeit durchsetzen. Um sich diesen einengenden Gedanken zu entziehen, machte er das, was er gern in solchen Momenten tat, er sah in den Himmel und suchte seine Heiligen. Dass sie ihn beschützten, wusste er, denn zu oft war er in seinem bisherigen Leben dem Tode nahe gewesen und jedes Mal wurde er, wie durch ein Wunder, gerettet. Nur das dieser Himmel, in dem seine Schutzheiligen wohnten, jetzt voller weißer, dicker Schneeflocken war. Er verfolgte einen vorbeiziehenden Windzug, der eine Vielzahl von Schneeflocken in einem Zuge mit sich fortriss und zu einer einzigen großen Wolke verband. Er folgte ihrem langgezogenem Wolkenflug aus dem Dunkel der eiskalten Nacht auf die verschneite Straße, die Wegbiegung mit ihrer kindshohen Verschneeung, sah weiter und weiter, hinüber zu den Häusern und von dort wie sich die Tür des Gasthauses in dem schneefeinen Gestöber, das sich rasch um die Tür zu einem tanzendem Spiel verwirbelte, öffnete und zwei angetrunkene Gäste aus dem Lichtkegel mehr oder minder singend herausschwankten. Sie stützten sich an den Schultern, klopften sich abwechselnd auf die Mäntel und liefen den beschneiten Weg zur Straße in seine Richtung entlang und diskutierten lebhaft über finanzielle Möglichkeiten, ja gar den unsagbaren Reichtum, den Sankt Petersburg oder Moskau böten. Sie waren sich einig, dass ein jeder ehrbarer Russe die Städte mit den goldbedeckten Kathedralen, den Flüssen und den großen farbigen Palästen mit ihren ausladenden Treppenanlagen, die sich an den breit ummauerten Ufern wie Perlen aufreihten, sowie die Einwohner in ihren edlen Kleidern, unbedingt gesehen haben musste. Auch waren sie sich einig, dass die Petersburger Mädchen, hoje, den Moskauer Frauen, naja, in jedem Fall vorzuziehen seien. Dabei schnalzten sie laut und fuhren sich anerkennend über ihre Bärte. Aljoscha weckte bei dem Gespräch, das er, so gut es eben im Schneegestöber zu belauschen war, weniger die Lust auf irgendwelche Mädchen oder gar Frauen, denn damit konnte er in seinem Alter nicht wirklich etwas anfangen, egal wie oft und merkwürdig die Männer darüber zu sprechen kamen. Manchmal ging ihm die Heimlichtuerei der Großen zu weit und er war sich sicher, dass das nicht viel mehr sein konnte, als Besserwisserei gegenüber den Kleinen. Denn so viel hatte er begriffen, hatten die größeren Jungen tatsächlich mit Mädchen zu tun, waren sie meist launisch oder sonnten in Tagesfantasien vor sich hin und waren außer Stande auf dem Felde die ihm zugewiesene Arbeiten zu verrichten. Und nicht selten bekamen sie für ihre Mädchenträume eine mit dem Besenstil oder gleich die flache Hand. Aljoscha weckte vielmehr die Vorstellung vielleicht in diese Kathedralen und Paläste gehen zu dürfen, zumindest kurz hineinzuschauen, um die goldglänzenden hochherrschaftlichen Leute oder gar die Zarenfamilie bestaunen zu können. Diese Vorstellung gefiel dem Jungen und er folgte den Herren so nah als nur irgend möglich, um ja keines ihrer kostbaren Worte zu verpassen. Diese Worte zogen den Jungen immer und immer näher an die beiden Herren heran, dass er ihnen, als diese plötzlich an einer Kreuzung zu stehen kamen, fast in den Rücken gefallen wäre. Die Herren besprachen noch dieses und jenes und verabredeten sich schließlich für den nächsten Tag Punkt neun Uhr an der Bahnstation nach Moskau, um gemeinsam ins Kaufhaus zu gehen und dort die neuesten Waren von Übersee einzukaufen. Die Verabredung gefiel Aljoscha. Und so beschloss der Junge, in seiner Not und auch aus seinem kindlichen Wagemut heraus, am anderen Morgen ebenfalls dort zu erscheinen und sich hinter den beiden Herren auf irgendeine geschickte Art in eine der vielen Wagons zu schleichen, sich unter eine Bank zu legen oder hinter einen Stapel Waren zu kauern und ebenfalls nach Moskau zu fahren. Vielleicht bekäme er für den Inhalt der gefundenen Tasche etwas Geld, um seinen Geschwistern warme Kleidung und Schuhe zu kaufen. Vielleicht könnte er dem Schaffner bei seiner Rückkehr auch das nicht bezahlte Fahrgeld nach Moskau zurückerstatten, denn Dinge zu benutzen, ohne sich die Genehmigung des Eigentümers einzuholen, oder sie gar zu stehlen, war Sünde.

Am anderen Morgen, es war immer noch kalt und der verdeckte Himmel ließ den Schnee immer noch herunterrieseln, wenn auch nicht mehr in der Fülle, wie die Tage zuvor, tummelten sich die dickbepelzten Damen und Herren umringt am ofenbeheizten Bahnsteig und traten von einem Bein aufs andere und sahen ungeduldig in Richtung, aus der der Zug kommen musste. Bei dem Anblick der feinen Leute wünschte sich Aljoscha in eben einem solchen Pelz zu stecken, weniger weil er zu diesen ehrbaren, hochgestellten Leuten zählen wollte, nein, das war ihm bewusst, dass solch ein vermessener Wunsch gegen die heilige Ordnung und somit nur Unheil mit sich bringen konnte. Vielmehr wünschte er sich in einen Pelz, weil er sich seit gestern Nachmittag auf der Straße befand und fror. Und immer wenn er fror wünschte er sich gern in die wohltuende Wärme dieser edlen Pelze hinein, denn das gab ihm für einen Moment das wohlige Gefühl nicht mehr so sehr zu frieren. Bei diesen Gedanken schlich er an den Holzstapel, griff sich zwei Scheide und trug sie zum Ofen. Er spekulierte darauf, dass keiner dieser Wartenden sich fragen würde, was der zerlumpte Junge dort tat. Vielmehr würden sie wie von einer unsichtbaren Hand dirigiert, stillschweigend Platz machen und ihm seine niedere Arbeit verrichten lassen. Und so trat Aljoscha an den Ofen heran, besah ihn, legte erst einen Scheid, danach den anderen Scheid auf den Boden, nahm das Ende seines Schals, wickelte es um die Hand und öffnete ganz langsam die Luke. Er ging einen Schritt zurück, danach wieder nach vorn, nahm den Schürhaken, drehte ihn um die eigene Achse, rieb das saubere Eisen sauber und stocherte genüsslich in der orangen Glut. Die Wärme, die die Öffnung hergab, tat ihm gut. Am liebsten hätte er sich neben den Ofen gelegt und die Müdigkeit und die Aufregung der letzten Tage mit einem ausgiebigen Schlaf beendet. Wieder stocherte er in der Glut und beobachtete die Wartenden. Wie von ihm vorhergedacht, beachteten sie ihn keines Blickes und erzählten von den Schönheiten, die Moskau zu bieten hatte, und von dem, was sie in den unzähligen Geschäften für ihre Verwandten alles zu kaufen gedachten. Für einen Moment träumte er sich bei der wohltuende Wärme in all die gesagten Worte und Wünsche der Umherstehenden hinein, schloss die Augen und taumelte leicht vor sich hin. Doch ein Schlag in den Nacken und die Aufforderung nicht zu träumen und vielmehr seine Arbeit zu verrichten, ließ ihn wieder wach werden. „Du elender Faulpelz, wir frieren hier und du steht faul herum, na so etwas hat der Herrgott zum frühen Morgen noch nicht gesehen. Nichtsnutz!“  Aljoscha hob den Scheid und schob ihn schnell in die Öffnung. „Na wird’s was, du Taugenichts! Beeil dich, sonst mach ich dir Beine!“ Aljoscha mit der Stimme des Mannes im Nacken, hob rasch den anderen Scheid auf und schob ihn ebenfalls hinein. Er sah wie die Flammen sich um die zwei Holzscheide schlangen und Stück für Stück an ihnen empogzüngelten und kurz aus der Luke herausloderten. Verschlafen hob er die Hände und hielt sie in Richtung Öffnung. Ein weiterer Schlag von links und dann einer von rechts auf sein Genick nahmen ihm das Gleichgewicht. Um nicht mit dem Gesicht in die Öffnung zu stürzen, streckte er die Arme, spreizte die Hände seitwärts und stützte sich mit dem ganzen Gewicht seines schmalen Körpers an der metallenen Ofendeckung ab. Er stieß die Teekanne um, dass sie krachend in den Schnee fiel und diesen für einen kurzen Moment braun werden ließ, um dann in Windeseile zu Eis zu gefrieren. Der Mann schlug ein weiteres Mal auf ihn ein, dass er sich noch fester an der glühenden Ofenabdeckung festhielt. Die Hitze schoss in die Hände. Es kam ein weiterer Schlag und ein Fluch hinzu. Ein anderer Mann, zog ihn von dem Ofenloch weg und rieb ihm frischen Schnee auf die Handinnenflächen. Aljoscha begriff nicht recht was mit ihm geschah. Er zog die Schultern zusammen und beugte sich nach vorn. Aus dieser demütigen Stellung heraus, die weitere Schläge verhindern sollte, versuchte er den Mann, der seine Hände abrieb, zu erkennen. Er blickte für einen kurzen Moment zu ihm auf und erkannte Doktor Michail Michailowitsch, der ihn und seine Geschwister in letzter Zeit mit guten Worten und kleinen Geschenken unterstützte, und hinter dem er sich heute Morgen gestellt hatte, als die Heilerin kreischend den Sterbenden im Schnee für sich beanspruchte und ihn dann kurzerhand erfrieren ließ. „Aljoscha, meine guter Junge, was machst du denn hier? Guter Junge, du gehörst nach Hause!“ Nachdem der Doktor ihm die Hände gründlich mit Schnee abgerieben hatte, kam der pochende Schmerz in ihm wieder hoch. „Was willst du hier!“, fragte er und Aljoscha antwortete zögernd: „Ich will nach Moskau, verehrter Herr!“  Nach einer Pause rief der Doktor: „Unsinn, Moskau ist nichts für dich, du überlebst dort keine zwei Wochen. Moskau ist etwas für feine Leute. Besser du bleibst hier!“ Doch Aljoscha blieb hartnäckig und sagte. „Ich, ich kann doch nicht…, Sie wissen, was die Heilerin angerichtet hat, Sie wissen, sie wird jeden im Ort gegen mich aufbringen, den Gastwirt, den Lehrer, den Vater, die Frauen vom Markt. Alle! Alle! Wo soll ich hin? Außerdem habe ich die vielen Papiere aus dem Beutel bei mir. Die muss ich doch irgendwem übergeben!“, flüsterte Aljoscha. Bei dem Wort Beutel zuckte der Doktor für einen Moment zusammen und schaute nach links und rechts, ob auch niemand zuhörte. Er holte tief Luft, schwenkte seinen rundlichen Kopf mit der großen, runden goldfarbenen Brille, die auf seiner Fleischnase wie ein aufgestecktes Fahrrad am Bordstein steckte. Und um ein Haar wäre bei der übereifrigen Bewegung die spitze Pelzmütze vom Kopfe heruntergefallen. Er holte noch einmal Luft, dieses Mal vorsichtiger, drehte wie geistesabwesend die Hand einmal um die eigene Achse herum und zog sie mit den Fingerspitzen nach unten, als wolle er einem eben eingetretenen Patienten bedeuten, dass er sich ohne viel Federlesen zur anstehenden Untersuchung entkleiden und hinlegen solle. In einem undefinierbaren Tone sagte er: „Zeig mir doch einmal die Papiere!“ Aljoscha holte die Papiere aus der linken und rechten Hosentasche und übergab sie dem Mann. Der Doktor hielt sie vor sich hin, schob den Kopf mit der aufgesteckten Brille noch näher an die Papiere und musterte die Zeilen von oben bis unten wie die Haut eines unbekleideten Patienten. Dann sagte er: Soso, naja, hm!“ Und nach einer Pause sagte er „das ist aber interessant!“ und schob dabei seinen Kopf zurück, wieder vor und wiederholte: „So, so, interessant! Sehr interessant… hab ich so noch nicht gelesen… da müssen wir sehen!“ Er sah von den Papieren abwechselnd zu dem Jungen in Richtung Zug, sah wieder zu dem Jungen, schob den Kopf hoch, um etwas Bedeutendes zu sagen, zog den Kopf aber abrupt zurück bis tief in den Kragen hinein, sodass man denken konnte einen Mann ohne Hals vor sich zu sehen. Aus der Brille schielend, die wie auf seinem Kragen zu thronen schien, sagte er erstaunt: „Soo, so, ach je, du frierst ja mein Junge, du frierst. Oh, entschuldige“ und griff in seine Tasche, nahm eine zusammengefaltete Decke heraus, die er wohl auf längere Fahrten mitzunehmen pflegte, und wickelte sie fest um die Lenden des Jungen und knotete sie vorn am Bauchnabel gekonnt mit einer straffen Schleife zusammen. Der Zug fuhr ein und die Leute in ihren Mänteln drängelten Pelz an Pelz, Mütze an Mütze, Schulter an Schulter an die Wagontüren, dass man das Gefühl bekam in einer einzigen Woge aus braunen, schwarzen, ockerfarbenen Fellhaaren unterschiedlichster Formen und Längen zu schwimmen. Die Leute stiegen hektisch ein oder drängelten mit mahnenden oder vorwurfsvollen Worten heraus. Doktor Michail Michailowitsch griff den Jungen abrupt am Arm und sagte: „Aljoscha, höre mir jetzt gut zu! Diese Zettel haben, glaube ich eine große Bedeutung. Sie könnten dein und mein Leben im Guten wie im Bösen verändern. Wenn du bereit bist, immer das zu tun, was ich von dir verlange und mir verspichst, stets bedingungslos zu gehorchen und deinen Mund zu halten, nehme ich dich mit nach Moskau. Versprich mir das!“ Der Junge, der nicht mit der Heftigkeit und dem klammernden Griff des schmächtigen Doktors gerechnet hatte, stand sprachlos vor ihm. Aljoscha ahnte seine Sprachlosigkeit. Er ahnte, dass er nicht schwieg, weil es sich nun mal so gegenüber den Wohlgeborenen dieser Welt gehörte, oder weil er drohenden Schlägen entgehen wollte oder weil es klug in dieser Situation gewesen wäre. Nein, er schwieg, weil er diese Situation gegenüber einem geliebten Menschen überhaupt nicht kannte. Und erstmals, so schien es ihm, wagte er sich, dem Doktor ins Gesicht zu sehen und er wusste nicht, was er von diesem Gesicht halten sollte. Er sah die braunen Augen hinter Gläsern unter flauschigen Augenbrauen. Ihn verwirrten die vielen Pelzkragen, die sich hektisch in einem Knäul hin und her um den Mann mit der Goldbrille bewegten. Ihn störte der Ruß, der den Bahnsteig entlang zog. Ihn verunsicherten die fleißigen Gepäckträger, die schnellen Schrittes ihre schweren Kofferkarren quer durch die vielen Leuten störungsfrei zu manövrieren versuchten. Wegen alledem blieb er stumm. Wieder griff der Doktor ihn am Arm und wiederholte seine Worte, dieses Mal eindringlicher, und er sprach ihn beim Namen an. „Aljoscha! Aljoscha, hörst du mich. Bist du bereit dich mir bedingungslos unterzuordnen!“ Der Junge sah auf die Brillengläser des Mannes und erkannte in ihnen das Gesicht eines Jungen mit schmalem Gesicht, schmaler Nase, langen lockigen ungepflegten Haaren auf einem dünnen Hals, der wiederum im gestrickten Schal seiner Mutter steckte. Der Doktor warf seine Tasche zu Boden, riss die kurzen Arme hoch und drehte sie im Kreis vor den Augen des Jungen und fragte in die Länge gezogen: „Aljoscha?“ Der Junge nickte geistesabwesend. „Aljoscha, bist du bereit“, hob der Doktor an und in die Länge gezogen, „das zu tun, was ich dir sage und mir nicht zu widersprechen, egal, was ich von dir verlange?“- „Einsteigen, Einsteigen, bitte einsteigen!“, rief eine warnende Stimme. „Einsteigen, der Express nach Moskau fährt in wenigen Minuten ab!“ Bei dem Wort Moskau wurde der Junge aus seiner Starre wach und sah durch die Gläser und erblickte den Zorn des von ihm verehrten Mannes. Der Doktor wedelte immer noch mit seinen Händen vor den Augen des Jungen. Aljoscha nun wach geworden, drehte den Kopf nach links und rechts, sah den langen Zug mit seinen vielen Wagons und der dampfenden Lokomotive, die ihn in die Paläste und Kathedralen bringen sollte. Er erinnerte sich an die blödsinnige Formulierung, dass Petersburger Mädchen irgendwie schöner seien als die Moskauer Frauen und hatte auf einmal eine Ahnung, dass da irgendwas dran sein musste, den Mädchen klingt doch irgendwie viel weicher als das Wort Frauen. Außerdem spürte er wieder den Wunsch seinen Geschwistern nach seiner langen Reise viele Geschenke mitzubringen. Er hob die Schultern weil er nicht wusste, was es mit dem Doktor, den Geschenken, der Heilerin auf sich hatte, weil er Hunger verspürte, weil der Nacken schmerzte, die Hände brannten, weil der Bahnsteig zunehmend leer wurde, weil… „Alles einsteigen, alles einsteigen, der Zug nach Moskau fährt gleich ab. Bitte alles einsteigen. Letzte Möglichkeit!“ „Aljoscha“, wiederholte der Doktor, “bist du bereit!“ – „Alles einsteigen!“ rief der Bahnvorsteher unbestimmt. „Aljoscha, wirst du das tun, was ich von dir verlange?“, mahnte der Doktor. „ Bitte wegtreten und die Türen schließen! Bitte gehen Sie dort weg, verehrter Herr!“, rief der Bahnbeamte bestimmt aber freundlich. „Aljoscha!“ – „Bitte von der Bahnsteigkante wegtreten!“, wiederholte der Bahnvorsteher im bestimmten Tonfall. „Aljoscha!“, rief der Doktor wieder und wieder. Von der drohenden Ohnmacht vernebelt, von der irrwitzigen Idee beseelt, sich und seinen fünf Geschwistern aus dem Elend befreien zu wollen, von der Freundlichkeit dieses Mannes irgendwie umhüllt und doch ahnend enttäuscht, von der kindhaft-jugendlichen Verwirrung nach Neuem, nach Unbekannten, nach Licht, nach weniger Schnee, weniger Schlägen, nach Irgendetwas, vielleicht auch nur weit weg vom Fenster, weit weg von den Speiseresten und hin zu den lebenslustigen, frohen Kaufleuten, die ungestüm im Wirtshaus aßen und „Hejo, Herr Wirt riefen“ und von der Fremdheit berichteten, die der Wirt so gern hörte und die sie ihm reichlich mit Trinkgeld vergoldeten, wenn er ihnen nur lange genug zugehört hatte. Der Junge nickte apathisch und sagte benebelt: „Wenn, wenn Sie es wünschen, so gehöre, so gehöre ich Ihnen, verehrter Herr Michail Michailowitsch. Ich, ich mache alles, alles was Sie von mir verlangen, ich gehorche Ihnen, ich werde Sie bedienen, ich…, ich bin gottesfürchtig.“ Er taumelte. „Versprich es bei den Heiligen, bei deiner Mutter und bei deinen Geschwistern!“, zischte der Doktor. „Ich verspreche es beim toten Leib meiner Mutter und bei all meinen Heiligen im Himmel und dem Leben meiner Geschwister!“ Der Doktor machte eine beschwichtigende Bewegung und sagte leise: „Gut Junge, gut, ist schon gut, dann sind wir beide, du und ich, uns einig und an Weihnachten in Moskau. Mit ernster Stimme fügte er zu: „Nun steig ein und folge mir! Beeil dich, komm, deine Zukunft liegt nun in meinen Händen!“ Er steckte die Papiere in seine Brusttasche, griff die Reisetasche und die schlaffe Hand des Jungen und zog sie und seinen nachfolgenden fast wehrlosen Körper die Stufen hinauf in den Zug und den Gang entlang in sein Abteil. Dort angelangt, zog er hastig die Gardinen zu und setzte den Jungen auf den gegenüberliegenden Sitz, auf dem er sofort umkippte und einschlief. Er setzte sich ihm gegenüber und beobachtete den Schlafenden mit den ungewaschenen, schwarzen Locken, dem dürren Körper in der dreckigen Kleidung, der sich bei jedem seiner Atemzüge auf und ab bewegte und von der wollenen Decke, die der Doktor von einer seiner vielen Reisen, über die er sich nur ungern äußerte, mitgebracht hatte und die mit einem festen Knoten am Körper des Jungen nun zusammen gehalten wurde. Fortwährend sah er ihn an und sagte: „Weihnachten, mein Junge, Weihnachten sind wir in Moskau. Weihnachten sind wir bei mir!“ Zitternd putze er die Brille, griff danach noch zitternder in die Brusttasche und holte den Stapel Papiere hervor, die der Junge in den letzten Tagen so sorgsam und nichtsahnend in seinen Hosentaschen mit sich trug. Mit Mühe faltete der Doktor die Seiten auseinander. Beim Knistern des Papierstapels hielt er abrupt die Luft an, dass sein kleines rundes Gesicht puterrot anlief und er nach Luft ringen musste. Dabei zitterten seine Hände so heftig, dass sich die Zettel im Abteil verteilten. Einer dieser Zettel verfing sich in den Locken des Jungen und glitt auf sein schlafendes Gesicht. Unter diesem Blatt, das mit schwungvollen Buchstaben und Zahlenreihen und zwei roten Siegeln mit Doppeladler versehen war, murmelte Aljoscha: „Mos…kau… Peters…b.“ Der Schaffner pfiff zweimal kurz, die Lokomotive schnaufte, die Wagons ruckelten und der Express-Zug nach Moskau setzte sich langsam in Bewegung.

Der Gönner


Der Gönner gönnt dir das Paradies, ohne selbst daran teilzunehmen. Bei einem Wein lädt er dich ein, um zu plaudern und plaudert dir alles aus dem Leib, denn er ist der Gönner, der dir ein Paradies beschreibt und das Grauen im Paradies, ohne selbst daran teilzunehmen, darin verweilt.

Mit seinem Geld wirft er um sich. Er verteilt Trinkgelder mit der Geste des großen Mannes, der es nicht bemerkt, wie ihn die Scheine aus den Taschen, die Zahlen von der Abrechnung fallen. Unter allen Sternen ist er der hellste, der gibt. Mit einem Wink besticht er den Ober mit seinem distanzierten Lächeln und bezahlt noch im Sitzen mit der eigenen Zeit. Darin verweilt.

Dem Gönner sieht man seine Rechnung an. Die Zahlen sind ihm schwarz anzumerken.

Was er hat, das gönnt dir der Gönner. Vom Schlechten und vom Guten gibt er dir ab. Ohne zu fragen, überreicht er dir seine Geheimnisse.

Doch du wirst fragen. Er wird sie dir gönnen, dir entgegentragen.

Denn der Gönner gönnt dir dieses Paradies auf Erden, dass noch in seiner Hölle durch Wärme und dem letzten Brand besticht, auch wenn es lodert und brechend über dich kommt, gönnt er dir das Paradies bildlich gesprochen, von dem er dir Stück um Stück gibt, auch wenn dir nur am kleinsten daran liegt. Einen Kuchen gleich teilt er die Welt in gut und schlecht und tut sich selbst nicht schlecht damit, dir einen guten Schleier über die Netzhaut zu legen. Dir entgegentragend: sein Leben.

Der Gönner gönnt der Sonne ihr Licht und dir deinen Frieden. Darum legt er sich ins Zeug. Willst du gebraucht werden, so gönnt er dir, dich zu lieben. Und liegt in deinem Erkennen auch Schmerz und man hat es prophezeit, sticht dir der Gönner das Messer in die Brust, auf dass du nicht länger leiden mögest an deiner Zeit.

Denn wer nicht sehen will, der muss bei ihm nicht sehen. Der Gönner gönnt jedem sein Trübes. Sein Tribunat ist kein Verrat.

Den Fußweg legt der Gönner gerne in Begleitung zurück. Manchmal versucht er den Schritt anzupassen, andernorts bleibt er stehen, um in der Betrachtung von etwas zu verharren, was in der Bewegung längst vergangen wäre, doch es vergeht nicht, bleibt, brennt sich ein. Auch das gönnt er dir: mit ihm sehen zu lernen. Mit einem Gönner gönnt man sich zu sein.

Doch nicht nur zu anderen ist er gönnerhaft. Auch zu sich selbst.

Manchmal legt er seine beste Uhr an, um den besten Blick des Tages auf diese Uhr zu legen. Auch die Stille gönnt er sich. Wirklich verlebt er Tage. In ihr verharrt er zu Lebzeiten, gibt manchmal davon ab, wenn man fragt und behält sie für sich, wenn man letzte Bitte verschweigt, wenn es tagt, wenn es nächtigt, wenn Zeit ist.

Der Gönner beherrscht die Materie. Deine Ahnen werden wieder lebendig, dein Kind, noch ungeboren, schreit zum ersten Mal und auch die Gräber werden gegen Gärten eingetauscht. Berauscht von diesem Fest, lässt du ab von dem Menschen, der du einmal warst. Denn rester ist französisch und heißt bleiben. Denn was bleibt, ist der Rest, davon zu schweigen, keine Spuren hinterlässt.

Nackt erwachst du im Bett. Deine Hand lastet in der Scham, ein Zahn muss dir Fehlen oder ist es der Biss, der dich schmerzen macht. Die Sonne überstrahlt dich und mit dem Anblick des Paradieses gelingt dir auf gespenstische Art und Weise der Tag. Wenn du etwas Schöneres erwünschst, so frag danach.

In seinem aufgehellten Dunkelblick erscheint dir Gott persönlich. Auch daran nimmst du nicht mehr teil. Im Tanz der Worte passiert es dir vielleicht, dass er sich über deine Sätze neigt und sie anklagt zu gönnen das Stück vom Paradies, das alles verheißt, dunkel und hell ist und die Erde erblindend überstrahlt; denn er ist der Gönner, der dir ein Paradies beschreibt und das Grauen im Paradies, ohne selbst daran teilzunehmen. Der nicht klagt. Er ist bei dir auf allen Wegen und nimmt kein Geschenk zurück.

Der Gönner gönnt jedem, das für ihn bestimmte

Glück.

Lolita


12.November.2017

Wir wohnten damals schon eine Weile, fast ein Jahr, im Bezirk W..

Aus der alten Wohnung nehme ich die Hitze mit. Denn im Sommer fiel das Atmen schwer. Das Zimmer war zu klein gewesen für zwei Leben und doch teilten wir es durch zwei, scheiterten, wurden zu einem Körper: im Bett, sitzend auf der Couch – des Trostes bedürftig.

Wir schieden Tag und Nacht. Das blaue Laken wirkte heimisch. Die gepunkteten Bezüge galten als Zeichen des Bleibens. Der Tisch im Flur wurde von einer Kerze geschlagen. Frühstück ist Liebe.

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In W. fehlte mir auch das Fenster der alten Wohnung. Sitzend, oftmals rauchend, dachte ich nach. Zu Hause richtete ich mir ein, zu Hause, richtete sich in mir ein. Mit nackter Selbstverständlichkeit, bekleidet dahinter bloße Träume, schaute ich nach unten in den Hof. Einen Sommer lang. Einen Herbst. Einen Winter. Einen Frühling. Einen halben Sommer lang. Der trostlose, graue Hinterhof behielt Platz für Wahnsinnige, für spielende Kinder, für Kinder von Wahnsinnigen, die spielten.

Wir standen spät auf. An Erinnern werde ich damals noch nicht gedacht haben.

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Zwölf Uhr dreißig Frühstück beim Bäcker, der Kaffee und Süßspeisen beheimatete. Das erste Mal saßen wir damals im Hinterzimmer des Geschäftes. Keine geteilten Aufgaben: des Eierkochens, Einkaufens, wieder Vereinens zum Frühstück, um die Mittagszeit. Noch saßen wir da. Plauderten. Flanierten durch die Stadt, gehetzt.

Morgens wachte man auf, suchte im Anderen einen Halt. Des Ertrinkens ungewiss. Das kam später.

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Vierzehn Uhr Ankunft. Der Stuhl im Raum verhieß Buch. Die Buddenbrooks rochen modrig. Schimmelig hatte die Ausgabe den Besitzer verlassen, um nun hier gehalten zu werden. Braun-golden. Schwer gebettet, ich, in eine Decke gehüllt. Das Buch haltend, das stank.

Der Kaffee steht auf dem Tisch, im fast leeren Raum des Cafés im Bezirk P. Jetzt setze ich ihn an.

Mein Mann von damals trug die Augen offen, das Haar kraus und meistens schwarz. Um sich vom Abend zu schützen, windet sich eine schwarze Stoffjacke um den Körper. Die Kälte…

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Ein paar Stunden später. Es wird siebzehn Uhr gewesen sein. Wir fallen in ein Antiquariat, kommen drei Euro weniger, mit Lolita wieder heraus. Das Buch liegt gut in der Hand. Anderthalb Stunden später sehen wir uns die Sterne an. Mitten in der Stadt. Unter einer Kuppel.

Noch einmal blicke ich auf uns. Wir gehen quer über die Gleise. Und weil wir Teil der Galaxie sind, werden wir traurig. Keiner nimmt die Hand des anderen beim Wort.

In der Nacht wird Liebe gewesen sein.

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Lolita hat mich gelesen.

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Ich schlage das Buch zu.

Schreibe: “Ich habe dich wirklich geliebt.

Ich habe dich wirklich geliebt.

Ich habe dich wirklich.

Ich habe dich.

Ich habe.

Ich

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Damals war November.

Weiß-orange-blauer Rollkragenpullover

Ich stand an der Gedenkstätte am Mauerstreifen der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen der DDR in Berlin in der Bernauer Straße. Ich beobachtete die Kinder, die auf dem in die Erde eingelassenem Metallstreifen wie auf einem Holzbarren spielend balancierten. Ich sah wie sie die Fußspitzen mal auf die eine Seite, mal auf die andere Seite der Sperranlage schoben, als tanzten sie darauf. Sie drehten sich auf dem Metallband um die eigene Achse, reckten die Hände in die Luft und kicherten. Die Sonne schien ihnen dabei ins Gesicht. Als sie genug von ihrem Spiel hatten, taten sie so, als hopsten sie im hohen Bogen von einer Mauerkuppe. Sie gingen in die Knie, hoben die Arme nach oben, sprangen in die Luft und auf die Pflastersteine. Die einen in den Osten, die anderen in den Westen, so wie ihnen zumute war, geradewegs in die offenen Arme ihrer Eltern. Das gefiel mir. Ich sah den Kindern mit der mir unbekannten Sprache zu und sagte zu alledem kein Wort. Ich schwieg.

Von den Kindern ermutigt, ging ich langsam auf den Mauerstreifen zu. Ich beugte meinen Kopf nach unten und sah auf das Metall, das in der Sonne gleiste und meine Augen wie einen Flutlichtstrahler, der mir ins Gesicht gerichtet wurde, blendete. Ich stellte erst den einen Fuß auf das Metall, auf dem die Kinder eben noch ausgelassen gespielt hatten und danach den anderen darauf. Ich drückte beide Füße fest auf den Streifen, um zu prüfen, ob das Metall nicht doch nachgab. Ich wippte. Mir wurde schwindlig. Für einige Sekunden blieb ich starr auf dem Metallstreifen, der die ehemalige Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik symbolisiert, stehen. Ich bekam Rückenschmerzen. Ich umgriff meinen rechten Rippenbogen. Die Rückenschmerzen nahmen zu. Ich griff nach dem Spray in der Jackentasche, das ich nach der Wende vom Arzt verordnet bekam, zog es heraus und nahm zwei Hübe. Erleichtert sah ich in die Sonne, schloss die Augen und drehte den Kopf in die Strahlen. Ich drehte den Kopf hin und her, wie ich es zwei Jahre lang wöchentlich tat, wenn ich mein gefordertes Limit erfüllt und dafür extra Zeit zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Ich setzte mich auf das Metallband und versuchte in meine mitgenommene Tüte zu atmen. Die Kinder kamen von vorn und hinten auf den Metallstreifen angestürmt und winkten mir zu, weil sie dachten, ich mache irgendwelche Kunststücke. Ich blies in die Tüte und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Die Kinder lachten und zeigten auf mich. Ich beugte mich auf, setzte einen Fuß vor den anderen und tat so, als ob ich von einer Kante stürze. Die Kinder gaben keine Ruhe, umringten mich und sprachen in verschiedenen Sprachen auf mich ein. Der anschwellende Lärm ängstigte mich. Ich senkte den Kopf nach unten und setzte mich wieder hin. Die Kinder tollten um mich herum, hoben und senkten ihre Hände im Licht der Sonne, das ihre Schatten auf mich niederprasselten. Mit einem sanften Stoß befreite ich mich aus dem Kreis ihrer Beine. Ich bewegte mich zu der rostigen Eisenwand und blieb vor der Galerie stehen. Meine Luftnot wurde nicht wirklich besser. Ich ging die metallene Galerie entlang, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. Ich drehte mich zu der Wand, schaute ohne wirklich hinzusehen auf die Fotos der Männer, Frauen und Kinder und verharrte vor dem Foto eines lächelnden, schwarzhaarigen jungen Mannes im Rollkragenpullover. Das Gesicht mit den braunen Augen, den Grübchen und dem Leberfleck am Kinn war mir vertraut. Ich kannte es. Ich kannte das Lächeln und ich liebte es. Ich kannte auch den Rollkragenpullover. Dieser Pullover war diesem Mann wenigstens zwei Nummern zu groß gewesen und er meinte, dass das elende Ding sowieso nur kratzte. Dieser Pullover, den er auf dem Foto trug, war von meiner Mutter frisch gewaschen und auf die Leine gehängt, was uns damals nicht daran hinderte ihn beim Weggehen in ein anderes Land von der Leine zu nehmen und an den Rucksack zu binden, um ihn in der Nacht zu verwenden, wenn es kalt werden würde. Kalt vom Warten auf den richtgien Moment. Kalt vom Kauern im Gras. Kalt auch vor dem Unbekannten. Angst hatten wir anfangs nicht. Ich betrachtete das Foto und suchte die Stelle an der Schulter, an der der Pullover von meiner Großmutter ausgebessert wurde. An dem Tag, an dem ich ihn von der Wäscheleine nahm, wurde er vier Mal beschädigt. Nie wieder war ich diesem Mann in dem gestreiften Pullover, diesem Gesicht, dem schönen, schlanken Körper, der sich darin verbarg, so nah, wie in dieser warmen Sommernacht. Zusammengekauert, Knie an Knie, Herz an Herz, Gesicht an Gesicht. Ich weiß nicht, ob er es in dieser Nacht, in diesem Moment geahnt hatte. Diese Frage kann ich bis heute nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob er überhaupt begriff, dass ich ohne ihn nicht weg wollte, weg konnte, das ich aber unbedingt weg musste, ich mich unter den Anderen nicht wohlfühlte, die dummen Sprüche nicht mehr ertrug und endlich frei sein wollte. Frei. Ich habe mich Abend für Abend in meiner Zelle gefragt, was passiert wäre, wenn ich ihn nicht überredet hätte. Und ich habe in den Nächten, in denen ich mich auf Zelleninsassen einlassen musste, gefragt, warum er mitging, wo er doch hätte bleiben können, er, der bei allen im Ort beliebt war, den jeder mochte, die Lehrer, die Schüler und die gut aussehenden Mädels im Besonderen. Nur in diesen Minuten, in denen die anderen in der Zelle mir ihren Rücken zudrehten und taten, als ob sie schliefen und nichts mitbekommen wollten, war ich mir absolut sicher, die Wahrheit über uns beide zu kennen. Schon als Kind spürte ich, dass er der Stärkere von uns beiden war. Ich liebte seinen Mut, seine Sportlichkeit, seine Fähigkeiten mit den Größeren aus der Schule zu wetteifern. Ich beneidete ihn dafür, dass er jeden mitreisen konnte, dass er uns zu allen Dummheiten überredete, die wir, egal, wie sie endeten, nie bereuten. Ein letztes Mal habe ich seinen Mut gespürt, als er sich im Scheinwerferlicht vor mich warf, mein Gesicht mit seinen Händen berührte, mein Kopf fest an sein Gesicht drückte und im Lichtkegel mehrerer Scheinwerfer küsste und danach wie in einem amerikanischen Schwarz-Weiß-Film die Augen schloss und die Arme seitwärts auf meine Beine fallen ließ. Den zusammengeknüllten Zettel, den er in meine Hand schob, verscharrte ich mit den Fuß und versuchte mir die Stelle mit einem in die Erde aufgemalten X einzuprägen, während die Grenzposten auf uns einprügelten, auf seinen leblosen Körper ebenso wie auf meinen zusammengekauerten. Was auf dem karierten Zettel stand, werde ich nie erfahren. Deswegen bin ich wohl jetzt auch wieder hier bei Ihnen? Ich weiß, seit Jahren sagen Sie mir immer wieder, dass ich mich vom Mauerstreifen fernhalten soll, dass ich aus dieser imaginären Rolle heraustreten muss, dass ich stattdessen einen eigenen Zettel beschreiben soll. Sie sagen das so, als wäre es ein Kinderspiel, Verantwortung für sich, für diese Nacht und für ihn zu übernehmen, wo es doch die DDR gab.

Was ich Ihnen noch nicht erzählt habe. Die Kinder kamen zurück und umringten mich. Sie lächelten und sahen auf das Foto des jungen Mannes mit dem weiß-orange-blau gestreiften Rollkragenpullover. Sie tapsten mit ihren schmutzigen Fingern auf das Foto und kicherten, dass ich für einen Moment wütend wurde. Ungeduldig zogen sie mich an der Hand und führten mich an genau jene Stelle, an der ich in die Tüte geblasen hatte und an der ich so tat, als ob ich von der Mauerkuppe in die Tiefe stürzte. Sie streckten ihre Köpfe ungeduldig zu mir hoch und sahen mich fragend an. Ich wusste nicht, was ich ihnen sagen sollte und schwieg. Ich nahm meine Tüte, die ich stets bei mir trage und machte das, was ich immer mache: Grimassen. Das habe ich Ihnen beim letzten Besuch auch schon erzählt? Entschuldigen Sie bitte.

Babett


Lieben. Begehren. Anfassen. Atmen. An Lust saugen, tauchen und verschwinden.

Fliegen wollen, töten mit Verrat und getötet haben (mittels Gefühls).

Er telefonierte wie wild, um sein Geld zu verdienen. Verdiente er es? Er wusste es nicht, zum Schluss stumpfte er ab, als lebe er ewig, habe schon ewig gelebt. Vielleicht hatte er sie alle erlebt, jede einzelne, verführt in einem Traum auf dem weißen Pferd. Verdient hatte er das Geld für die Frauen. Bezahlte: mit einem Scheck, mit einer Rechnung, einem Telefonat. Eines Morgens wach: die Frist sei vorbei. Schluss mit lustig. Ende im Gelände.

Er ertug seinen Körper in Creme, trug seine Hosen in Schweiß und zerfraß seine Fragen ohne Würde.

Babett, er hatte sie geliebt… schwarzes Haar, dicklich, oder vielleicht nicht dicklich, rund, weiblich, ja feminin und schön, für ihn war sie schön, sehr schön, doch er hatte sie auch nur ein Jahr gekannt. Ein Jahr ist lang genug, um sich daran zu erinnern. Nach einem Streit, es kann sein, vielleicht hätte er sie nicht mehr so schön gefunden, oder er hätte sie noch mehr begehrt und dann… ganz einfach, von einem Tag auf den anderen, Schluss, das war’s, du bist mir zu nah… er hatte es sich einfach gemacht. Liebe schon einmal vor, ich liebe dann nach. Oder brauche mich schon mal warm, ich bleibe dann gebraucht und brauche dich in einem Jahr umso mehr. DANN schrien sie: dann und dann und dann. Sie wusste nicht, dass der Held am Ende stets glorreich seine Beute erlegt. Ein funkelnder Star, ein Massen verzaubernder ( wie eine schöne grelle Werbetafel).

Trotz der müden Augen geliebt werden wärmt, rettet… nicht? Liebe rettet!

Er stopfte seine Erinnerungen in den Staub seiner Asche links neben den Taschentüchern. Und Gott war er schön. Immer schon. Vor allem in dem Jahr mit der Babett. Er war schön, cool, elegant, männlich. Unnahbar wie Marlboro-Pferde-Reiter.

Babett. Mit Babett war es komisch anders. Diese mollige Traumfrau in spe, mit der konnte man wirklich mehr haben. So sagt man ja, in der Liebe will man alles vom andern. Und viel war sie. Sie liebte ihn, dachte aus ihm heraus und fragte für ihn nach ihm alles. Wer warst du, warum warst du wie du warst? Aber merk dir das.

Einmal Sex und die Liebe ist vorbei.

Alles, außer AfD

Siebzehn Uhr vierzig. Ich habe noch Zwanzig Minuten Zeit. Diese Wahlliste ist heute wieder besonders lang. Der Tisch reicht gar nicht aus. Namen über Namen über Namen und kein Schwein kennt sie. Am liebsten möchte ich den Schein zerreißen. Bloß, wohin mit den Papierschnipseln? Ich muss doch mit irgendetwas aus der Kabine rauskommen. Und was sage ich dann den anderen? Dass ich Wahlscheine… durchstreiche… das weiß doch keiner. Schließlich ist es eine geheime Wahl. Früher, da habe ich beim Wählen vorsichtig an die Decke gesehen, unter den Tisch gegriffen, ob da nicht doch irgendwo eine Kamera heimlich versteckt ist, bevor ich alles aus Frust durchgestrichen habe. Einmal, als ich wieder in eine dieser sinnlosen Endlos-Umschulungsmaßnamen gesteckt wurde und die junge Göre mit der Strähnchenfrisur mir wochenlang erst kein und dann ein viel zu geringes Übergangsgeld berechnete, habe ich auf dem Zettel alles durchgekrakelt und JAQUELINE NAGLER IST EINE DOOFE, UMSCHULUNGSWÜTIGE UND DAZU NOCH RECHENSCHWACHE ZIEGE draufgeschrieben. Das muss sehr geräuschvoll gewesen sein, denn einer aus der Nachbarkabine fragte mich lauthals, warum ich überhaupt wählen gehe, wenn ich doch sowieso die Kandidaten allesamt nur durchstreiche. Mann!, war mir das peinlich. Zu Honeckers Zeiten wäre ich dafür bestimmt abgeholt worden. Jetzt weiß ich noch nicht, wen ich dieses Mal von den verlogenen Politikern wählen soll. Wie lange bin ich hier? Siebzehn Uhr vierundvierzig. Vier Minuten? Alles i.O. Die Uhr ist ein Hochzeitsgeschenk von Babette und das Einzige, was mir von ihr geblieben ist. Kandidaten über Kandidaten, eine endlose Reihe von Politikernamen. Was haben wir hier? SPD? Da weiß ich schon lange nicht mehr, wofür diese Partei überhaupt noch steht mit ihrem ständig wechselnden Partei-Vorsitzenden. Mit dem Harz IV war meine Babette weg. Erst hatte meine Frau NPD gewählt, da habe ich getobt und gefragt, ob sie vom Antifaschismus noch nie etwas gehört hätte und das mein Opa bei den Nazis gesessen hat. Kurze Zeit später hat sie durch meinen Cousin Ronny, der mit so einer aufgetakelten älteren, völlig zugeschminkten Abteilungsleiterin vom Arbeitsamt rumachte und dadurch stets in Ruhe gelassen wurde, eine Anstellung in Probe im Grundbuchamt bekommen. Urplötzlich hat sie nicht mehr NPD, sondern abwechselnd PDS und SPD gewählt. Da hätte sie auch gleich wieder die SED wählen können… Als sie stellvertretende Abteilungsleiterin wurde, wählte sie über Nacht die CDU. Und jetzt, wo sie zur Abteilungsleiterin aufgestiegen ist und sich so ´ne teure Elektrokarre leisten kann und mit dem Regionalleiter aus dem Westen zusammen ist, kauft sie nur noch Biogelumpe bei REWE und wählt Grün. Grün muss man sich erst einmal leisten können, sage ich immer zu meinen Kumpels. Grün kostet Geld. Grün gibt’s nicht umsonst. Babette kann froh sein, dass das damals geheime Wahlen waren, sonst wäre sie ihren Abteilungsleiterposten wegen ihrer NPD-Stimme ganz schnell wieder losgeworden. Apropos CDU? Die ist doch eher etwas für ältere Abteilungsleiter, die aus dem golden Westen kommen. Zudem ist die Merkel doch fast so lange dran wie zu unserer Zeit der Honecker. Und die FDP? Der Lindner in seinen schweineteuren Anzügen, seiner Haarverpflanzungsmacke, den Strähnchen und dem Privatisierungsfimmel nützt mir nichts. Mit meiner Glatze würde ich in dieser Partei der Vollhaaridioten auffallen. Dann doch eher Die Linke? Die sind für mehr Grundsicherung, mehr Rente, mehr Arbeitslosengeld, mehr, was- weiß-ich-was. Aber davon ist bei mir noch nichts angekommen, außer, dass sie die Wagenknecht rausgeschmissen haben. Was haben wir hier noch auf dem Zettel? AfD? Naja, ne, die AfD kommt für mich eigentlich nicht wirklich in Frage. Die habe ich schon beim letzten Mal nicht wirklich gewollt. Durchgelesen habe ich mir ihr Programm… ein… zweimal vor dem Schlafengehen. Interessehalber. Man hört ja so einiges, und da dachte ich mir… du liest dir das mal genau durch. Schaden kann´s nicht. Schlechter kann dir danach nicht gehen… Mutig sind sie, das muss man ihnen lassen. Obwohl sie niedergeschrien werden, ihnen das Wort in jeder Fernsehsendung abgeschnitten wird, schaffen sie es immer wieder doch ihre Meinung zu sagen. Naja, also, der Höcke ist ´ne Zumutung, das gebe ich als antifaschistischer Enkel zu, das… das geht dann wirklich zu weit. Und die Weidel mit ihrer AfD-typischen Perlenkette, ihrem Zopf und ihren überlangen Hemdkragen, ist auch völlig daneben. Ich habe wirklich nichts, nichts  gegen Lesben… aber früher gab´s so etwas noch nicht… Die Storch, die immer so verprügelt in die Kamera schielt, mit der Forderung zur Not die Flüchtlingskinder an der Grenze niederzuknallen, als ich das gehört habe… Das will doch kein vernünftiger Mensch. Trotzdem, ich könnte jetzt hier… reineweg ausversehen…  mein Kreuz… auf ihren Kreis… setzten, so wie damals meine Babett bei der NPD… und keine Sau wird´s jemals merken. Ist doch alles geheim. Kamera..?, ne, sehe ich nicht. Das ist der unbestreitbare Vorteil einer geheimen Wahl. Nicht wie bei Erich. Was sagt die Uhr? Wie lange bin ich hier? Siebzehn Uhr achtundvierzig. Schon acht Minuten vergangen? Ach Gott. Babettes Uhr funktioniert immer noch tadellos. Das muss man ihr lassen, gekauft hat sie immer nur die guten Dinge. Ein Händchen hatte die und war stets modisch gekleidet. Nun gut, dafür habe ich ja auch `ne Menge Überstunden gemacht. Nein, nein, meine Stimme bekommen die von der AfD nicht. Etwas wirklich zu bieten haben die nicht. Und Arbeitslosengeld zu privatisieren, das bekommt nicht mal die FDP hin. Hm, wem gebe ich sie denn nun? Ich kann doch nicht schon wieder aus der Kabine rausgehen ohne gewählt zu haben. Das geht doch nicht! Das habe ich früher mal gemacht. Davon ging mein Mindestlohn auch nicht weg. Den Zettel durchkrakeln, Gesichter draufmalen, wieder einen fetten, ekeligen Popel aus der Nase ziehen und ihn quer über die Zeilen schmieren, allen Kandidaten ein Kreuz verpassen, ein eigenes Parteiprogramm dranklippen… das hat mir nur in diesen Sekunden unendlichen Spaß gemacht. Geholfen hat es mir überhaupt nicht. Mein Gott, früher da war das irgendwie alles einfacher. Bei Honecker sowieso. Und nach der Wende da haben sich die Parteien wenigstens unterschieden, da hatte ich Hoffnung. Die überschlugen sich förmlich mit Visionen. Da machte es Riesenspaß, mal den einen, mal den anderen zu wählen, um eine Veränderung zu erreichen. Nach der Wende, da war ich so glücklich, dass meine Stimme endlich richtig gezählt wurde, da habe ich die Nacht vorher nicht richtig schlafen können, mich im Bett rumgewälzt, mit Babette rumdiskutiert, mit ihr Pläne geschmiedet, dass wir erst eine kleine Firma für mich und dann eine Firma für sie aufmachen werden, in eine schöne, schicke neue Wohnung ziehen, dann vielleicht ein Haus kaufen und um die Welt reisen und uns dann im Alter in Mallorca oder Frankreich niederlassen. Darüber hatten wir uns so heftig gestritten, dass wir tagelang nicht miteinander sprachen, bis ich dann wie immer nachgab und mit ihr nach Mallorca ziehen wollte. Zur ersten Wahl bin ich allen Ernstes im Jugendweihanzug gestolpert. Man musste ja dem Tag gemäß gekleidet sein, hieß es bei Honecker. Früher, ja früher, da war ich so aufgeregt, dass die im Wahllokal dachten, ich habe etwas getrunken. Die haben einfach nicht kapiert, dass ich unendlich glücklich war. Wir dachten ja alle, dass der Honecker und das Politbüro und die Mauer bis in alle Ewigkeit bleiben. Am Wahlabend bin ich mit dem Radio wie ein durchgeknallter Jugendlicher in der Altbauwohnung rumgerannt und habe Nachrichten auf allen Kanälen gesehen, sogar die Aktuelle Kamera verfolgt. Der Fernseher lief und lief und meine Babette fragte, ob sie die Stromrechnung gleich vom Kneipengeld abziehen soll. Wen ich damals gewählt habe… natürlich die Grünen. Unser Land war damals ökologisch tot. Später hing meine Wahl von den jeweiligen Arbeitsstellen, den Befristungen und den Löhnen ab. Schluss damit. Ich fasele hier vor mich hin. Früher, das war gestern. Basta! Wie lange bin ich hier? Oh Gott, siebzehn Uhr dreiundfünfzig. Dreizehn Minuten! Wem gebe ich denn nun mein verflixtes Kreuz? Das sich noch keiner beschwert hat, dass ich hier so lange sitze. Bei Erich wärs das mit der Karriere gewesen. Also, die AfD, mit ihren Ansichten zu Klimaschutz, zu völlig übertriebener Homosexuellen- und Lesbenwerbung an Schulen und zu straffällig gewordenen Ausländern sind für mich irgendwie… zumindest teilweise nachvollziehbar, obwohl ich selber noch nie Probleme mit solchen Leuten hatte, da ich keinen persönlich kenne. Im Gegensatz zu den Grünen kann man sich die AfD aber leisten. Die Kinder, die am Freitag auf die Straße gehen, haben noch nie auf etwas verzichten müssen. Ich schon. Jahrelang. Und den nächsten Urlaub verbringen die sicherlich mit Mama und Papa in der Karibik und knipsen tausende Fotos mit ihren gigantisch großen Handys, die sie dann sinnlos in die Welt schicken. Namen, Namen, Namen. Ist denn nicht irgendeiner für mich dabei? Gar nichts? Irgendetwas auf dem Wahlzettel muss doch mein Leben betreffen. Ich habe doch alles gemacht, was man von mir verlangt hat. Erst Schule, Junge Pioniere, FDJ, dann Armee, Tischler, dann Industriemeister, danach Fach-Ingenieursstudium. Nebenbei Altbauwohnung ausbebaut und Familie großgezogen. Ich bin mehrfach ausgezeichnet worden. Ich war immer ein Vorbild der Gesellschaft. Und schwuppdiwupp wurden nach Artikel soundso des Einigungsvertrages meine beiden Abschlüsse, alles, was ich geleistet habe, im goldenen Westen plötzlich nicht mehr anerkannt. Der verdammte Einigungsvertrag hat solche wie mich verraten. Klammheimlich. Einfach so. Und ich habe zu all dem Scheiß noch gejubelt, die Deutschlandfahne in Leipzig geschwungen und mich über die 6.000 DM gefreut, die ich 1 zu 1 umtauschen durfte. Fix einen Artikel geschrieben und schon gibt’s mich und meine Berufe nicht mehr. „Darf man das?“, habe ich die vom Amt gefragt. „Jawohl!“ So eine Sauerei kann man mit mir, mit uns doch nicht machen. Erst meine Arbeitsstelle weg, dann Babettes Laden zu. Das Arbeitsamt meinte, vom Prinzip sei ich ein Ungelernter und hätte mich still zu verhalten, denn ich sei ja schließlich Gewinner des wiedervereinigten Landes. Ich kenne eine Menge Leute im Osten, denen es auch so geht. Das sind die Fachschul-Ingenieure, die jetzt mit dem Herrn Gauland sympathisieren, oder ihm zumindest heimlich Erfolg wünschen, damit die Großparteien endlich eine saftige Abreibung bekommen. Ich kenne aber auch ´ne Menge, die die AfD nur wählen, weil sie damit endlich erreichen wollen, dass die Parteien sich endlich um uns kleine Leute kümmern. Nicht, dass diese Leute rechts sind, dass ich rechts wäre. Nein, nein, ich bin nicht rechts. Überhaupt nicht. Das bin ich nicht! Ich bin nur… nur nicht zufrieden. Ich merke, dass es überhaupt nicht weitergeht. Ich bin den Parteien scheißegal. Dass das keiner verstehen will. Ich denke… ich meine… würden nur ausreichend Leute die wählen, dann würden sich vielleicht die anderen Parteien, die ich alle mal gewählt habe… anstrengen und ich würde endlich aus dem verkackten Mindestlohn rauskommen, vielleicht meinen DDR -Abschluss wiederbekommen. Ich will ja gar nicht mehr als Ingenieur arbeiten, das würde ich sowieso nicht mehr packen… aber zumindest anerkannt werden, wieder anerkannt durch die Straßen gehen, „Guten Tag!“, sagen können, „Ich habe ein Fachschulstudium hinter mir, ich bin nicht ungelernt, Frau Nagler!“ Das, das wäre doch toll. Aus der ofenbeheizten Wohnung im vierten Stock, die ich vor über dreißig Jahren ausgebaut habe, würde ich auch gern endlich rauswollen. Mit 55 findet man die 86 Stufen auch nicht mehr prickelnd. Nur einen neuen Mietvertrag, kann ich mir doch im Moment gar nicht leisten. Und dass Babette wiederkommt, glaube ich schon lange nicht mehr, die bleibt bei ihrem reichen Wessi. Ich muss eher aufpassen, dass unsere Carola nicht Drüben bleibt. Dann bin ich ganz allein. Vom Prinzip her würde ich die AfD niemals wählen. Niemals. Aber vielleicht tut es ein anderer… Es gibt doch noch mehr Unzufriedene. Wie lange bin ich hier? Siebzehn Uhr achtundfünfzig. Achtzehn Minuten. Oh Gott. Wo verdammt noch mal setzte ich jetzt das verflixte Kreuz hin? Ich habe ja nur die eine Stimme. Dafür bin ich doch 89´ auf die Straße gegangen. Dafür wurde ich vorgeladen… Klärung eines Sachverhaltes. Dafür habe ich mich mit meinen linientreuen Eltern, meinem Bruder und der knallroten Tante verstritten. Was soll ich jetzt ankreuzen? Linke? In der PDS war ich ´ne Zeit lang und auch in der… DSU. Hat alles nicht mein Leben verändert. Ich war bereit! Ich bin immer noch bereit! Wie lange bin ich hier? Siebzehn Uhr neunundfünfzig. Neunzehn Minuten. Ach, herrjeh. Neunzehn Minuten! Ich muss mich entscheiden.

Bitte kommen Sie zum Ende, das Wahlbüro schließt um Achtzehn Uhr.

Soll ich, oder soll ich nicht? Wäre ich nur heute nicht hergekommen. Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl in meinem Jugendweihanzug hier noch einmal anzutanzen. Ich gehöre einfach nicht in diese Future-und-noch-was-Zeit, wo alles möglich sein soll und ich nicht begreife, was das bitteschön sein soll und wie man das macht, wo mich doch keiner will. Mich hier. Ich sitze hier seit Neunzehn Minuten, seit neunzehn… seit… Jahren und warte, warte, tagein-tagaus. Wenn es mir nicht zu blöd wäre, würde ich zugeben, dass… dass… dass irgendwer Fremdes jetzt meine Hand nehmen soll, um das verflixte Kreuz zu machen. Das, das kann ich nur keinem sagen. Wem denn? Ich hoffe, dass wenigstens die anderen die richtige Entscheidung treffen.

Mein marineblaues Motorrad

Alles abgenutzter Autoschrott. Benjamin bescheißt besonders bei Bauteilen, beispielsweise bei billigen Bremsbelägen. Chaotischer Chassisaufbau; charakterloser Charmebomber. Der denkt doch, der darf da drüben am Dorfrand dreckige Droschken demontieren. Einfach eklig, eher einen eigenen Ersatzteilshop eröffnen. Feurig-farbige Frontscheinwerfer fürs fetzige Fahrvergnügen (gehören dann auch dazu)

Gestern bei Gintonic gestenreich die Geldmenge eines eigenen Ersatzteilladens ausführlich analysiert. Henriette hat erst heißen Honigtee hastig heruntergeschlüft, dann gestaunt, aber hinterher herzhaft gelacht. Hässliche herrische Blondine. Die hätte die Ersatzteilfrage auch ein bissel ernster abhandeln dürfen. Im Interesse aller homosexuellen Fahrer habe ich fest in Henriettes hellblaue, geldgierig glänzenden Augen gesehen. Jemine, die hat aber affig geguckt. Geizig ist die geworden! Jahrein, jahraus juchtelt die mit der ewig jammernden Jeanine aus Jux ins Illertal. Just dieses Jahr im Juli. „Könnt ihr komischen Kerle euch das kein bissel in die Kalender krakeln“, kreischte Janine „für Ersatzteile habe ich derzeit keinen Kopf!“

Leider, leider hat keiner der Jungs im Leisesten Interesse an dem langweiligen Illertal. Lieber fahre ich allein durchs Land, besuche leidenschaftliche Liebhaber. Mir ist das alles im Grunde genommen egal. Mein marineblaues modernes Motorrad macht mindestens hundert km/h. Nur noch Nachbesserungen an den Nocken, danach ist alles nigelnagelneu. Oktober ordere ich noch das Ölpapier aus Øresund für die Ersatzteile. Problemlos per Postanweisung oder per PayPal blechen. Perfekt. Qualität geht mir nämlich über alles. Quälereien mit qualitativ minderwertigem Quatsch, mag ich nicht. Ein Quäntchen Glück braucht man aber heutzutage bei den Bestellungen.

Regelmäßiges Reinigen, rät Ron, ist jedoch immer noch die allerbeste Medizin für eine richtig rassige Rennkarre; dann kann einem rein rechnerisch im Grunde genommen auch absolut nichts passieren. Sonst sehe ich sekundenlang silberfarbene Sternchen schwirren, Schnuppen schweben, Schweife schwingen. Seit Sizilien im letzten Jahr schaue ich mich gründlich um, bevor ich abbiege. Tatsächlich trainiere ich den Schulterblick seit dem tragischen Tag, theoretisch genommen, tagein, tagaus. Und untertourig fahre ich seit dem auch nicht mehr. Verkehrstechnisch sollte ich mich vielleicht auch vielmehr auf den Staumeldefunk verlassen. Vielleicht fahre ich dann erstmals unfallfrei. Wenn wirklich wieder Wahnsinnsstau werden sollte, fahre ich eben in meiner neuen Wolljacke im Winterurlaub Waldwandern. Xaver von Xanten begleitet mich und wir hören auf der Fahrt die neue Mucke von Xatar oder Xavier Naidoo oder überprüfen bei XING schnell mal unser Profil und hantieren stundenlang auf dem Rastplatz mit meiner nagelneuen Xbox. Yin checkend, Yanswurzel rauchend und auf meiner Yamaha Yuccapalmen träumen, könnte ich dann auch zu genüge.  Zur Zeit zieht mich aber eine zähe Zettelwirtschaft runter, die mich zu zermürben droht und mir ziemlich zu schaffen macht.

Was will ich da mit meinem attraktiven Albert oder dem xenophoben Xaver, wenn ich kein kleinwenig Zeit zu verspüren glaube und mich stattdessen schier in unendlich unergründlichen und zudem zusätzlich auch anstrengenden Alliterationen vielsagend verirre.

Gewürzgurken

Es ist kann nicht meine Aufgabe sein, diese Entscheidung in Frage zu stellen. Meine Arbeit ist es lediglich, die Entscheidung, die das Gericht nach sozialistischen Normen gewissenhaft geprüft hat, schnell und präzise umzusetzen. Eigentlich können die sich gar nicht beschweren. Ich bin leise, halte den Atem kurz an, dass sie mich nicht bemerken, strecke meine Hand lautlos in ihre Richtung aus… und ehe sie das von mir angewärmte Metall spüren, führe ich den mir gestellten Auftrag im Bruchteil einer Sekunde aus. Nicht einmal Parfüm oder Seife verwende ich an solch einem Tag wie heute, damit die nicht bemerken, dass…

Dafür, dass so einer schwerste Verbrechen an unserem sozialistischen Staat begangen hat, bekommt er einen milden… Ich habe Leute schon ganz anders sterben sehen… durch das Fallbeil z.B. Dass Geschrei, der sinnlose Kampf, das Aufbäumen des Oberkörpers. Was für eine Kraft die entwickeln können. Da haben selbst drei geübte Männer zu tun, so einen zu bändigen, damit… Man glaubt das nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Die schütteln den Kopf, bäumen den Körper hin und her, als ob sie den Nacken damit schützen könnten… Es hat früher eine Menge Kraft gekostet, bis wir so einen Verräter mit dem Lederriemen festgebunden… und bis es dann endlich erledigt war. Da sind die Schädlinge an unserer großen sozialistischen Sache doch heutzutage gut bedient. Kurz und schmerzlos. Meine Mutter zum Beispiel, die war eine wahrhaft tapfere Kommunistin der ersten Stunde und musste so früh und jämmerlich sterben… Das hat ein ganzes Jahr gedauert. Oder auch unsere Nachbarin, die arme Frau Tretter, eine Seele von einer Frau, die brachte uns im Herbst gläserweise Marmelade und ihre selbst gemachten knackigen Gewürzgurken in unsere Mansardenwohnung. Das Gurkenrezept haben wir beim Aufräumen ihrer Wohnung gefunden. Seitdem weckt meine Frau Jahr für Jahr nach genau diesem Rezept die Gurken ein. Am liebsten würde ich jetzt… irgendwie bekomme ich beim Warten Appetit auf die Gurken… und danach genüsslich eine rauchen. Ich höre noch keine Schritte. Wenn ich hier unten im Dunkeln in dem kalten Raum stehe und warte, kommt man auf solche Gedanken. Manchmal mache ich mir Gedanken, was so ein gewissenloses Subjekt antreibt. Eigentlich darf ich das nicht, aber manchmal, da denke ich über den Delinquenten nach, was das für einer ist, z. B. sein Gesicht, seine Stimme, ob er Familie hat, ob er Kinder hat, ob er auch einen Garten besitzt mit Gurkenbeet, ob er z.B. einen Hund, wie meinen Rocco hat, und was einen Faschistischen Saboteur wie ihn dazu antreibt, unser schöne Heimat mit Anschlägen zerstören zu wollen, was so einer überhaupt denkt, wenn er… ich meine, denkt er wirklich allen Ernstes, er kann unseren ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden einfach so an den Imperialismus, an den Westen verraten. Wir sind schon mit ganz anderen fertig geworden, mit ganz, ganz anderen. In der Zeitung liest man nichts, von dem, was ich hier… im Dunkeln… Das will meine Partei wegen der Hetze der amerikanisch gesteuerten Auslandspresse nicht. Ich, ich würde das auf der ersten Seite in knallroten Buchstaben verkünden. Für alle in der Welt gut sichtbar. Alle sollen wissen, was mit Spionen und Saboteuren bei uns passiert. Mein Vorgesetzter schrie mich vor Jahren an, als ich ihn fragte, was für einen Saboteur denn ich..: „Fange bloß nicht damit an, dir die Schweine vorzustellen. Das sind Verräter, alles vaterlandslose Verräter, die uns, die dich, teurer Genosse, die deine Familie, Freunde, die alles woran wir glauben und wofür wir gekämpft und wofür wir teuer gelitten haben, an den Imperialismus verraten wollen. Alles Konterrevolutionäre! Da darf man kein Mitleid haben, da darfst Du, standhafter Genosse, kein Mitleid zeigen. Die hatten früher auch kein Mitleid mit uns. Mitleid ist Konterrevolution. Hörst du, Genosse, Konterrevolution!“ Nein, Mitleid hatte ich noch nie mit solchen Elementen, es ist nur manchmal so etwas wie… wie Neugierde hier unten im Dunkeln, weiter, weiter nichts. Wirklich nichts. Ich weiß nicht, woran ich denken soll. Rauchen darf ich ja nicht. Nur so dastehen und warten, warten und an nichts denken, bis der Delinquent seine letzten Zeilen im Nebenraum geschrieben hat, die sowieso niemand zu lesen bekommt, warten, warten bis er endlich irgendwann hier ahnungslos reinspaziert kommt, das geht bei mir nicht immer. Aufgeregt bin ich nicht. Aufgeregt, das war ich vielleicht früher, ganz früher, am Anfang. Am Anfang, da ist man ja immer aufgeregt. Das geht Jedem so. Jetzt ist es nur noch Neugierde, Zeitvertreib, die ich mir mit ein, zwei Schlucken vertreibe… Wo hab ich sie? Hier… Schon am Abend fülle ich mir mein Flachmännchen ab, damit ich es auf keinen Fall vergesse. Alles Griffbereit. Gut. Wo war ich stehen geblieben? Vom Prinzip her ist es doch eine Gnade so schnell und unproblematisch für Verbrechen gegen die Werktätigen des Sozialismus abgeurteilt zu werden. Es ist ein Geschenk. Jawohl, ein Geschenk. Ich weiß nicht, wie das bei mir mal werden wird, wie lange ich… ich meine, brauchen werde. Ich habe darüber schon oft nachgedacht. Also, bei mir muss es auch schnell gehen. Wobei ich immer noch der Meinung bin, 100 Jahre Gulag wären für die hinterhältigen Agenten des Imperialismus eine mehr als gerechte Strafe. Aber nach den Grundsätzen der sozialistischen Gerechtigkeit, hat unser Strafgesetzbuch in § 60, Abs1 ein viel zu mildes Aburteilen vorgesehen: den Tod durch Erschießen. Nahschuss in das Hinterhaupt des Delinquenten, heißt es im Text. Wie gesagt früher, da war das Hinrichten noch ein wirkliches Hinrichten, das der Verbrecher mitbekam. Da stand er mir gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Er musste in meine Augen sehen und ich in seine. In diesem Moment musste er sich entscheiden, ob er z. B. Theater machen und rumzappeln wollte,  oder ob er z. B. eine Memme sein wollte und sich in die Hosen pisste, oder ob er z. B. mit seinen konterrevolutionären Sprüchen uns ein letztes Mal beeindrucken und mit seinem Freiheitsgefasel in unsere Arbeit reinreden wollte. Mein Gott, die konnten zum Schluss diskutieren, als ob sie damit bei mir eine Chance gehabt hätten. Am liebsten, am liebsten waren mir die Stillen, die sofort begriffen, dass… Manchmal grinste mich z. B. einer einfach nur an. So etwas konnte ich auf den Tod nicht leiden, weil mich ihr dummes Grinsen zu Hause nicht losließ, weil ich dieses Grinsen tagelang sah. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum ein Verräter grinst. Kapitalistische Saboteure. Provozieren bis zum Schluss. Wenn ich ehrlich bin, hinter das Grinsen bin ich auch heute noch nicht gekommen, egal wie sehr ich darüber nachdenke. Und mit jemanden darüber reden, darf ich nicht. Da hat es doch sein Gutes, dass unsere große Partei-und Staatsführung aus humanen Gründen den Nahschuss für solche Verräter vorsieht und ich ihr Grinsen nicht mehr ansehen muss. Wie sagte der Staatsanwalt nach meiner ersten Exekution zu mir: „Genosse, indem die Todesstrafe der Sicherung und dem zuverlässigen Schutz unseres souveränen sozialistischen Staates, der Erhaltung des Friedens und dem Leben der Bürger dient, trägt sie einen zutiefst humanistischen Charakter.“ Recht hat er! Ich glaube, jetzt kommen sie.

Jedes Mal bleibt der Staatanwalt unmittelbar auf der anderen Seite der Tür stehen und verkündet, dass das Gnadengesuch vom Staatsratsvorsitzendem der DDR abgelehnt wurde. Ich höre ihn durch die Tür sprechen: „Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es jetzt!“ Vielleicht ist es gut so, dass ich das Gesicht nicht zu sehen bekomme. Diese Personen haben hier vor mir ihre Persönlichkeit für immer verspielt, sie sind Verurteilte und ich habe den Auftrag ihre Aburteilung vorzunehmen, sobald sie diesen Raum betreten. Alles andere ist dann nicht mehr meine Sache. Die heimliche Entsorgung und Verbrennung auf den Südfriedhof als anatomischen Sondermüll übernehmen die Genossen des MfS. Ich führe die Sache aus, bekomme die vereinbarten 150 Mark und habe für den Rest des Tages frei. Offiziell heißt es für die Kollegen im Strafvollzug, dass ich einen Sozialistischer Spezialauftrag habe oder dass ich krankgeschrieben bin. Nicht einmal meine Frau weiß, dass ich jetzt hier stehe, die müsste jetzt auf dem Weg zur Arbeit sein. Nein, nein, das ist ganz allein eine Sache zwischen mir, meiner Partei, der Großen Sache, dem Verräter und den zwei Wärtern, die mit ihm vor der Tür stehen. Wenn alles reibungslos abläuft, schließen sie mit Schlüsselrasseln auf, um mich vorzuwarnen, stoßen die Tür weit auf, bleiben stehen und bitten den Delinquenten höflich einzutreten. Ich stehe hinter der Tür, gehe von hinten an ihn heran, bleibe genau hinter seinem Rücken stehen, höre auf zu atmen, um ihn keinesfalls zu erschrecken, strecke meinen Arm aus, drücke den Zeigefinger durch und führe meinen Spezialauftrag ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, aus. Warum sollte ich zögern. Es gibt keinen Grund dafür. Solange ich das hier auf diese Weise mache, habe ich es noch kein einziges Mal erlebt, dass einer von den Delinquenten geschrien oder irgendwie Widerstand geleistet hätte. Dafür mache ich das alles viel zu schnell. Ich habe das alles Tausendfach auf dem Schießplatz des MfS probiert und beherrsche jeden Handgriff im Schlaf. Und wenn ein Auftrag wie heute ansteht, probiere ich es zuhause mit einer Spielzeugpistole, meist in der Zeit, wenn meine Frau die Hausordnung macht. Früher hat sie mich ab und zu vor dem Schlafzimmerspiegel erwischt und ich musste ihr das irgendwie erklären. Ich sagte ihr etwas von Filmszenen nachspielen. Um das zu vermeiden, gehe ich seit dem in den Keller, stelle mich hinter das Gatter und übe wie ich ins Ziel treffe. Manchmal setze ich mich auch einfach nur hin, öffne ein Glas Gewürzgurken, futtere das gesamte Glas aus und lass mich von meiner Frau später ausschimpfen. Die Schlüssel klappern, die Tür geht auf, die Silhouette eines schlanken Mannes, der mindestens einen Kopf größer ist als ich, kommt herein und schaut ins Dunkel. Ich trete von hinten an ihn heran, strecke den Arm aus und drücke den gespannten Hahn meiner Walter P 38 durch. Der Delinquent sackt lautlos vor mir auf den Boden. Das Licht wird angeschaltet. Die zwei Wärter, der Staatsanwalt, der Gefängnisdirektor und der Arzt treten nacheinander herein. Der Arzt beugt sich flüchtig zu ihm herunter, greift mit Daumen und Zeigefinger sein Handgelenk. Er nickt. Die Wärter breiten ein Tuch aus und heben den Delinquenten in einen bereitgestellten Sarg. Erst jetzt lasse ich den Arm sinken, sichere die Waffe, ziehe das Magazin heraus und verlasse den Raum.

Der Achtinfame – Der Mutmacher

Der Achtinfame

Infam können die Menschen sein, doch sind sie es stets einmalig, nicht aber achtmalig. So entschied sich der Achtinfame achtfaltig, und nicht einfältig dazu, die Zahl ACHT zu seiner liebsten Zahl zu machen. Um ein Marmeladenbrot zu bestreichen, benötigte er stets acht Striche. Reiste er weit, so packte er seinen Koffer achtmal um. Auch unterschrieb er stets achtmal, das sah dann so aus als hätte er nur einen besonders dicken Stift gewählt, um Dokumente zu beglaubigen. Denn glauben konnte er sich stets, soweit er alles achtmal tat.
Auch bemühte er sich seit jeher acht Freundinnen zu seinem Freundeskreis zu zählen, und wenn eine ging, so kam eine andere dazu, denn es mussten schon acht sein. Vor einer Woche hatte er acht vollzählig, da kam eine andere Freundin hinzu. Doch der Achtinfame wusste was zu tun war. Immer. Und so weiß er es auch jetzt und tötet sie achtmal.

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Der Mutmacher

Der Mutmacher hat sein Gewerbe noch nicht eintragen können. Heutzutage sind die Behörden sehr streng.
Am Mut seiner Mitbürger feilt, schraubt und sägt er. Ist der Mut einmal fertiggestellt, so liegt es an ihm, ihn an den Mann oder an die Frau zu tragen. Denn Mut trägt nicht jeder. Mut steht nicht jedem.
Doch es ist mühsam Menschen zu finden, die bereit sind Geld für Mut auszugeben. Dabei fehlt es doch gerade an ihm, um den Mut zu erwerben. Die Menschen sind so dumm.
So stellt er sich an die dunklen Ecken, die hellen Gassen, die verstaubten Straßen und die vollen Märkte… all das für ein bisschen Einkommen mit dem ältesten Gewerbe der Welt.
Mut verkaufen.

Der Kleingepunktete

Ein kleingepunkteter Mensch unterscheidet sich stark von seinem verwandten Bruder, dem kleinkarierten. Denn der Kleingepunktete ist ein Freigeist. Er mischt die Punkte ebenso wie deren Farben, denn er liebt die Muster, die sich von weitem ebenso erkennen lassen wie von nahem. Manchmal wirkt es wie eine Farbpalette, manchmal geht alles in einem über. Doch immer zeigt sich je näher man kommt, was das alles ausmacht: Punkte.
Die Punkte kamen schon sehr früh in sein Leben. Wo andere eine klare Linie verfolgten, verfolgte er stets Punkte. Die Momente seines Lebens kennt er anhand ihrer Punkte. Seine erste Freundin hatte sechs Sommersprossen, die von Sonnenstrahl zu Sonnenstrahl dicker und klarer wurden.
Seine Lehrerin in der 6b gab ihm stets die beste Punktzahl. Denn er strebte sie immer an. Doch sie unterschied sich von den anderen Lehrern an einem folgeschweren Tag. Sie gab ihm eine 1 mit Stern. Sterne aber hat er nie begriffen. Waren es nicht die Sterne von weit, die keine Sternform kannten? Waren sie nicht auch von Nahen schon längst vergangen und leuchteten nur, weil wir auf dem Erdball Punkte und Licht wahrnehmen können? So entschied er sich den Stern zu schwärzen und galt seitdem als Seltsamer. Denn mit Kleinkarierten kennt man sich aus, nicht aber mit Kleingepunkteten.

Europarechtler Erdogan – Masse mal Maaslosigkeit

Europarechtler Erdogan

Eilig ersetzt Erpresser Erdogan ersatzlos Europarecht. Er erzählt epenhaft, er errette Eulen. Erdogans Etüden erzürnen Europapolitiker (etwas). Eiskalt erpresst er Eliten, ebenso einfältig empfängliche Einwohner. Erlasse erledigen erbarmungslos ehemals ehrbare Existenzen. Entmutigt emigrieren einige. Europapolitiker erstarren entgeistert, experimentieren eindeutiges Europarecht, erschwindeln Etikette. Ekelhaftes Einvernehmen. Erdogan exerziert exaltierte Ersatzarmeen, erpresst eisern, ermittelt effektiv, einstweilen exemplarisch. Erfolgsmann Erdogan äschert einsame ängstliche Eulen ein. Erdoganisch erodiert „Einiges Europa“.

Masse mal Maaslosigkeit

Musterschüler Meiko Maas macht mit Maaslosigkeiten mediale Massenüberwachung momentan möglich. Mittels maasgeschneiderten Mutmaasungskatalogen minimiert Messdiener Maas moderne Medienrechte, macht Meinungsfreiheit mundtot, Menschenrechtsorganisationen machtlos, Mediennutzer mutlos. Meikos Maasregelwahn mobilisiert Massen. Meutere mit!

Waliča Weidels Wahlscheinlichkeit! – Bedauernswerte Beatrix

Waliča Weidels Wahlscheinlichkeit!

Während wir wankelmütig werden, webt Waliča Weidel wohlgefällig wirre Welttheorien, woraus westdeutsche Wirtschaftswundermelancholie, wurmstichiger Weltkriegswundenpathos, wohlhabende Wirtschaftsflüchtlingsangst wechselseitig weichgemaicht werden. Willenlos wanken wacholderschnapstrunkene Wracks, wehrmachtsbereite Wendeverlierer, wetternde Witwengruppen westwärts, wandern wohlklingenden weidelschen Widerhall. Währenddessen wettgeifern Wahlkampfveranstaltungen weichgespültes wolkenfreies Wunschzettelallwetterhoch. Wenn wir (wieder) wegschauen wird Waliča Weidels Wahlscheinlichkeit Wahrheit werden.

Bedauernswerte Beatrix

Brechstange Beatrix benutzt bei Bootsflüchtlingen bereitwillig beleidigende Begriffe, bisweilen bei bestimmten Berufspolitikern besonders beliebt. Bleibt Brechstange Beatrix bei brandstifterischem Benehmen, brauchen bedürftige Bootsflüchtlinge bei brennenden Bleiben, besser bewachten Behausungen, besonnene Bundes-Bürger bei bewährten Bürgerrechten.

Aljoscha, Teil V

Aljoscha fiel kopfüber in den Schnee und wurde wach. Ein Mann, der in zusammengeschnürten Fußlappen breitbeinig auf der oberen Stufe stand und auf ihn herabsah, aß den Rest des Kuchens, über den der Junge vor ein paar Minuten eingeschlafen war. Er schrie: „Was willst Du hier? Schere dich weg, Du versperrst mir den Weg! Du Dieb, Du hast den Kuchen gestohlen. Gib es zu!“ Der Junge erkannte das kantige Gesicht mit der flachen Stirn und der breiten Nase und dem zottligen Bart. Oft hatte er in seiner warmen Nische sitzend beobachtet, wie dieser Mann aus unerklärlichen Gründen plötzlich Ränkeleien anzettelte und auf die Gäste einschlug, bis diese zu Boden gingen und regungslos liegen blieben. Selbst der Gastwirt schien jedes Mal vor diesem Mann Angst zu haben, denn er blieb stets still hinter dem breiten Tisch seiner Theke stehen oder ging schnell in die Küche oder den Keller, bis der Kampf ausgetragen war und der Zusammengeschlagene blutüberströmt das Gasthaus verließ. Der Mann drückte mit seinen schmutzigen Fingern den Kuchenrest in einem Zuge in den Mund und wischte sich schmatzend über den ungeschnittenen Bart. Er sprang von der obersten Stufe herunter, drehte sich zu dem Jungen und blieb mit breit ausladenden Armen vor ihm stehen. Der Junge lag immer noch regungslos im Schnee. Der Mann machte einen Schritt auf den Jungen zu, beugte sich über ihn und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. In der Zeit des Schlages griff er mit der anderen Hand geschickt das im Schnee liegende rotlederne Beutelchen, warf es in einem Schwunge hoch und ließ es in seine Hand gleiten. Der Junge, der glaubte, dass der Schlag wegen des Stück Kuchens erfolgte, sagte ehrerbietig: „Herr, verehrter Herr, ich habe den Kuchen eben von einem großherzigen Gönner geschenkt bekommen und nicht gestohlen. Wenn Sie, verehrter Herr, jedoch den Kuchen wollen, dann dürfen Sie ihn selbstverständlich nehmen!“ So als ob er die Worte des Jungen nicht hörte, schlug der Mann ihn ein weiteres Mal in das Gesicht. Dieses Mal heftiger. Er zog den Jungen am hochgestellten Kragen in einem Schwung nach oben, das dieser für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor und sich in die Luft erhob. Dabei löste sich die Jacke aus dem Gürtel und der Junge stand mit freier Brust vor ihm. „Woher hast Du das Beutelchen, Du verdammter Tagedieb?“, schrie der Mann aus voller Kehle. Ohne weitere Worte des Jungen abzuwarten, schlug er mit einem kurzen, aber treffsicheren Schlag genau zwischen die Rippen des Jungen, dass dieser rücklings wieder in den Schnee fiel und sich krümmte. Wieder zog er ihn am Kragen hoch, dieses Mal aber so heftig, dass die Arme aus den Ärmeln rutschten und die Jacke im hohen Bogen in den Schnee flog und der Junge mit freiem Oberkörper vor ihm stand. Wieder schlug er ihm mit einem gekonnten Hieb zwischen die Rippen oberhalb des Magens. Und wieder fiel der Junge. Dieses Mal krümmte er sich nicht. Die Wucht des Schmerzes, die in seinem Leibe einsetze, machte ihn für einen Augenblick atemlos und nahm ihn die Möglichkeit, eine abwehrende Körperbewegung einzunehmen. Stattdessen wartete der Junge im Schnee liegend, bis er wieder Luft holen konnte und sich die Lunge mit Atem füllte. Er holte kurz hintereinander Luft und hauchte: „Bitte, bitte, fremder Herr, bitte lasst mich in Ruhe, ich sage Ihnen doch, wenn Ihr den Kuchen möchtet, bitte, so könnt Ihr ihn haben!“ Voller Gier öffnete der Mann das Beutelchen und schüttete den Inhalt in die Hand. Da sich außer ein paar zusammengeknüllten Zetteln kein Geld darin befand, schüttelte er wieder und wieder an dem Beutelchen. Als immer noch keine Kopeke herausrollte, zog er das Beutelchen auseinander, sah hinein und schlug, als er immer noch keine Münze darin fand, mit der Faust auf das Leder. Er warf die zusammengeknüllten Zettel in den Schnee und steckte das Beutelchen in seine Manteltasche. Von Wut erfüllt, stapfte er nochmal zu dem Jungen und schrie so laut er konnte: „Wo, wo ist das verdammte Geld? Wo hast du das Geld versteckt? Sag es, Du elender Tagedieb! Wo, wo, wo, verdammt noch einmal, wo? Sag es! Sag es!“ Der Junge, der am Tonfall und den ruckartigen Bewegungen die Raserei an dem Manne wiedererkannte, machte sich so klein er konnte. Um den Schlägen soweit als möglich, zu entgehen, kauerte er sich zusammen, zog die Füße an das Gesäß und schlang Arme und Hände um die Lenden und Beine. Der Mann, von der devoten Haltung, die der Junge einnahm, angestachelt, schlug mit den Fäusten auf den Rücken des Jungen wie ein Hungriger auf den Küchentisch. Als ihm die Puste ausging, trat er mit den Füßen auf den Kopf und die Schulter. Benommen von den Schlägen und taumlig von den Tritten, versuchte der Junge sich aufzurichten und an die Barmherzigkeit des Mannes zu appellieren. In diesem Moment beugte sich der Mann nach vorn, um einen vom Baume herunterbrechenden Ast aufzuheben. Beim Umgreifen des Astes kamen sich die Gesichter der Beiden nah. Der Junge sah den starren, tiefen Blick der Augen und begriff, dass alles Bitten und Flehen zwecklos sein würde. Der Mann umgriff mit beiden Händen den Ast, hob ihn hoch, schwang ihn wie eine Peitsche in die Luft, um den Jungen den alles entscheidenden Hieb zu versetzen. In diesem Moment rollte der Junge seinen schlanken Körper durch den Schnee, genauso wie er es vorhin tat, als die Pferde der Kutsche auf ihn zurasten. Er krabbelte zu der Öffnung unter der Treppe und schlupfte hindurch. Der Mann, der über die unerwartete Bewegung des Jungen verdutzt war, hielt den Ast immer noch in die Luft und blieb regungslos stehen. Mit dem Ast in den Händen, stellte er sich vor die schmale Öffnung und schlug so lange auf die Stufen, bis der Ast zerbrach. Der Junge hoffte, dass der Mann zu ungeschickt war, um ihn aus der Öffnung hervorzuholen. Ohne zu wissen, welchen seiner Heiligen er jetzt bitten musste, um zu erreichen, dass diese den Mann völlig betrunken werden ließen, faltete er die Hände und bat laut murmelnd zu den Stufen schauend, in die Richtung, in der er den Himmel und seine Heiligen vermutete. Er bat sie, dass sie den Mann endlich betrunken machten. Er bat sie, dass dem Mann genauso wie den Betrunkenen, die der Junge in den letzten Jahren zuhauf in den Gasthäusern kennen gelernt hatte, die Kräfte entwichen und wie es bei Betrunken üblich war, schnell die Laune verlöre und sich einer neuen Sache zuwendete. Und schließlich bat er seine Heiligen, dass sie den Mann, wenn möglich, abrupt müde werden ließen, in den Schnee sinken und einschlafen lassen sollten. Der Mann stand indes unbeirrt vor dem Loch wie vor einem Fuchsbau und trat abwechselnd mit den Füßen dagegen. Immer wieder beugte er sich vor, griff in das Dunkel der Öffnung und ruderte blind mit der Hand umher. Er spreizte und schloss die Finger zu Schnappbewegungen und versuchte so den Jungen herauszuziehen. Immer wieder sah der Junge die suchende Hand, mit dem vernarbten Handrücken, sah die dicken Finger, an denen einige Glieder fehlten, die in Richtung seines nackten Oberkörpers schnappten. Als der Mann von der Raserei erschöpft war und er begriff, dass er den Jungen auf diese Weise nie zu fassen bekommen würde, trat er nochmal wütend gegen die Bretter der Öffnung und gab lauthals Flüche über Löcher käuflicher Frauen ab, die der Junge jedoch nicht verstand. Zum Abschluss schlug er nochmal prüfend auf jede einzelne Stufe, ob nicht doch eine Möglichkeit bestand, den Jungen aus dem Versteck zu zerren und zu verprügeln. Als er erkannte, dass die Stufen fest vernagelt waren, fluchte er nochmals und verschwand. Der Junge kauerte still in dem Loch. Er lehnte seinen Kopf gegen die Bretter des Gasthauses und sah wie einzelne Zettel des Beutelchens vom Schneegewölk einer Windböe erfasst wurden, hochwirbelten und in einem Schwung direkt vor dem Eingang seines Versteckes zum Liegen kamen. Trotz oder weil er nicht wirklich lesen konnte, reizte ihn die Neugierde zu erfahren, was auf den Zetteln geschrieben stand. Auf allen Vieren krabbelte er aus dem Loch heraus, griff nach den Zetteln, die eben noch vor ihm am Boden lagen und die nun wieder von einer Böe erfasst wurden, sich in die Luft erhoben und wild um seinen Kopf tanzten. Von der unsichtbaren Macht der Böe angelockt, krabbelte er weiter und weiter und erhaschte einen nach dem anderen. Nach all den Schlägen, deren Wirkung noch nicht ganz in seinem Körper angekommen war, empfand er auf einmal Freude. Er drehte sich flink von rechts nach links, von oben nach unten. Nachdem er die Zettel eingesammelt hatte, griff er das am Boden liegende letzte Stück Papier. Er beugte sich über das Blatt und bemerkte, wie sich ein Schatten erst über das Blatt und dann über ihn schob.

You’re welcome

„Sorry.“, sagt die Frau und ich bin versucht mich umzusehen um sicherzugehen, dass sie mich meint. Aber wir sitzen einander gegenüber und wie hinter ihr nur Glas und U-Bahntunnel ist, so kann auch hinter mir nur Glas und U-Bahn-Tunnel sein. Ihre Augen – groß, klar, dunkel – fokussieren mich eindeutig. Ich hebe ich die Augenbrauen und senke die Mundwinkel, weil ich mich nicht traue „Was? Wie?“ zu fragen. Die Frau presst die Lippen aufeinander, senkt den Kopf und steckt ihre schlanke Nase in das Haar ihres Kindes, welches auf ihrem Schoß sitzt. Für einen Moment schließt sie ihre Augen.

Das Mädchen – die gleichen dicken braunen Locken wie ihre Mutter – hatte mich lange angestarrt und dann meine Hündin und dann wieder mich. Ich hatte gezwinkert und gegrinst. Der Blick des Mädchens hatte weiterhin distanziert und beobachtend auf meinem Gesicht geruht. Ich hatte eine Grimasse gezogen und geschielt. Das Gesicht des Mädchens war unbewegt geblieben. Meine 8-jährige Nichte ist dankbarer, wenn ich den Clown spiele, hatte ich gedacht; wie es ihr wohl geht, hatte ich mich gefragt und wann ich sie mal wieder anrufen würde.

Weil die U-Bahn ein bisschen rumpelte, hatte sich meine Hündin zwischen meinen Beinen aufgesetzt, so dass ihr Kopf an meinem Knie lehnte. Ich hatte angefangen, sie hinter dem Ohr zu graulen. Meine Hündin grunzt und schnauft dann ein bisschen und das bringt Menschen zum Lächeln. Das Mädchen aber hatte sich abgewendet und sein Gesicht im dunkelblauen Mantel seiner Mutter verborgen.

In manchen Kulturen gelten Hunde als schmutzig, hatte ich gedacht, vielleicht ekelt sich das Mädchen zu sehen, dass ich meine Hündin mit bloßen Händen streichle. Du solltest mal fühlen, wie sich das anfässt, dachte ich weiter; weichster Plüsch, warm und kuschlig. Vielleicht fürchtest du dich auch vor meiner Hündin, dachte ich noch, aber ich sag’s dir, die fürchtet sich mehr vor dir. Erst dann hatte ich bemerkt, dass der zarte Rücken des Mädchens zu zucken begonnen hatte. Wahrscheinlich weinte sie.

Ich muss erschrocken aussehen, denn jetzt sieht mich die Mutter an – unverwandt, tief – und sagt: „Sorry.“
Als ich nicht sage, schiebt sie nach einigen Sekunden nach: „We had a dog, too:“
Ich nicke mitfühlend.
„It died?“, frage ich schließlich leise.
Die Mutter sieht zur Decke und neigt abwägend den Kopf. Sie presst kurz die Lippen aufeinander, dann sieht sie mich an und sagt unvermittelt: „We ate it.“
Mein Mund öffnet sich. Sie hält meinen Blick.
„We’re from Syria. We were hungry.“, erklärt sie.

Ich schlucke. Sie hebt kurz die schlanken Schultern. Ich mache ein Geräusch, das man am ehesten als Ächzen beschreiben kann. Sie lächelt unsicher. Ich ziehe meinen Bauch ein. Sie wendet sich ihrem Kind zu. Ich fahre mir mit der Hand über den Mund und nutze die Gelegenheit, meinen Kopf zu drehen um für ein paar Sekunden woanders hinzusehen. Reklame, Mobiltelefone, bunte Turnschuhe, dunkel geränderte Brillen, ein Süßwarenautomat auf dem Bahnsteig, eine leere Tequila-Bier-Dose, die über den grauen Boden rollt. Ich sehe sie wieder an. Ihr Blick ist glasig. Sie sieht mich wieder an. Ich spüre, wie mein Blick glasig wird. Sie zieht die Unterlippe nach innen. Ich streiche mir über den Bart.

„You’ve never been as hungry.“, sagt sie und schüttelt einige Sekunden lang kaum merklich den Kopf. „Believe me.“
„I don’t judge you.“, sage ich und schüttele ebenfalls den Kopf. „It’s just so –“, sage ich weiter und dann fällt mir das Wort nicht ein und ich denke, verdammt, sag ein anderes Wort, aber ich kann kein anderes Wort sagen, es gibt kein Wort. Ich sehe auf den Boden.

Ich muss es mir vorstellen. Wie tötet man einen Hund? Mit dem Messer? Mit einem Stein? Und was dann? Häuten? Ausnehmen? Braten? In den Nachrichten hatte ich gehört, vom Hunger in Madaja. Liegt Madaja in Syrien? Ich hatte gehört, dass es stinkt, wenn man tote Tiere aufschneidet neulich, von einer Kollegin, aus einer Fleischerfamilie. Ich spüre den Kopf meiner Hündin an meinem Knie, ihren Hals an meiner Wade. Ich habe den Impuls, sie zu graulen. Ich verbiete es mir, ich finde es pietätlos. Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Augen, damit die Frau denkt, sie wären davon rot geworden. Würde ich meine Hündin essen, wenn ich hungriger wäre, als ich jemals war? Natürlich. Keinesfalls. Sicher. Vielleicht. Was weiß ich denn?

„People eat animals.“, höre ich mich sagen. „When we eat pork, why shouldn’t we eat dogs?“
„We’re Muslim. We do not eat pork.“, antwortet sie. „But we usually do not eat dogs, either.“
„Of course not.“, antworte ich, „Sorry.“
„You’re welcome.“, sagt sie und winkt ab.
„You are welcome, too.“, antworte ich ernst und langsam. Dann lächle ich.

Sie lächelt zurück. Du bist schön, denke ich, aber was ist das für eine Kategorie: Schönheit! Ich stehe auf. Meine Hündin schüttelt sich, ihr Halsband klappert. Das Mädchen zieht sein Gesicht aus dem Mantel seiner Mutter und sieht meine Hündin an. Die macht einen Schritt auf das Mädchen zu und schnuppert an seiner Hose. Das Mädchen streckt ihr seine Hand entgegen, aber dann öffnen sich die Türen. Wir steigen aus. Als ich am Fenster der U-Bahn vorbeilaufe und mein Blick den der Mutter kreuzt, blinzle ich lange und nicke langsam. Sie winkt mit zwei Fingern. Ich setze mich und warte auf den nächsten Zug.

Aljoscha Teil IV

Er setzte sich auf die Schwelle des Gasthauses, das ihn und seine Geschwister all die Jahre zuverlässig ernährt hatte und das ihm deswegen jetzt der vertrauteste Ort auf dieser Welt war. Aljoscha wusste, würde er jemals zu Gelde kommen, würde er viele solche Gasthäuser über das Land verteilt bauen, den Kindern darin Zuflucht gewähren, sie jeden Tag mit süßem Brei und Kuchen ernähren und ihnen das Alphabet in schönen großen Buchstaben auf die Fensterscheiben schreiben lassen. Außerdem würde er darauf achten, dass keiner der anderen Gäste jemals die Hand gegen eines der Kinder erheben würde. In diese wunderbaren Gedanken versunken, lehnte er seinen Rücken an die Hauswand aus dicken übereinander gefügten Kiefernstämmen. Er drehte den Kragen hoch, drückte seinen schlanken Hals in den schmutzigen Stoff hinein und überkreuzte die Beine. Weil er dennoch zu frieren begann, schnürte er den aus Lederresten verflochtenen Gürtel, der seine Hose und die dünne Stoffjacke nur leidlich zusammenhielt, enger um die Taille und hauchte über die erkalteten Fingerkuppen. Dabei hörte er durch das geschlossene Fenster die vielen Stimmen, die wild durcheinandersprachen. Da er von je her nicht die Neigung der Anderen besaß, Dinge, die ihn bewegten seinen Mitmenschen mitzuteilen und deswegen auch von klein auf, keinerlei Veranlassung verspürte, mit irgendjemanden über das notwendige Maß hinaus ins Gespräch zu kommen und wegen dieser Eigenschaft in früheren Jahren manchmal in der Nachbarschaft sogar als geistig zurückgeblieben gegolten hatte, wunderte er sich nicht wirklich über das Gemurmel. Schon lange hatte er es aufgegeben herauszufinden, was Leute dazu antrieb, immerzu zu erzählen, anstatt sich still über den Tag, die Heiligen und die schöne Natur zu erfreuen. Eine Zeit lang hatte er es wie die Anderen versucht. Aber egal was er erzählte, sie machten sich entweder mit hämischen Sprüchen über seine Worte lustig oder fuhren ihm bei jedem zweiten Satz über den Mund, sodass er seine Gedanken oftmals nicht zu Ende bringen konnte. Und so nahm er es als eine Art Schicksal an, den Anderen still zuzuhören und dann und wann, wenn diese eine Pause einlegten, nachzufragen oder sie wortlos anzusehen, zuzustimmen oder auch gar nichts dergleichen zu tun und ihnen stattdessen zu versprechen für sie und ihre Sorgen zu beten. Die Erfahrung schien dem Jungen Recht zu geben. Bemühte er sich mit ihnen um eine Tagearbeit, bekam meist er den Auftrag und nicht die Gesprächigen. Zufrieden rieb Aljoscha den Kopf über die Rinde der Kiefernstämme und betrachtete den leckeren Kuchen, den der freundliche Mann ihm eben auf der Straße einfach so in die Hand gelegt hatte. Er rieb sich über die Stelle der Stirn, auf die ihn der Fremde eben geküsst hatte und überlegte, wann er das letzte Mal einen so unerwarteten Kuss erhalten hatte und ob er überhaupt schon einmal von einem Mann geküsst wurden war. Dass seine Mutter so etwas mit ihm früher vor dem Zubettgehen gemacht hatte und er mit solchen Aufmerksamkeiten häufiger bedacht wurden war, als die sieben Geschwister, begriff er immer dann, wenn sie ihn nach dem Kerzenlöschen in die Waden kniffen, einen Klaps auf die Schulter gaben oder die kleinen Geschwister beim Fortgehen der Mutter weinten und von ihm getröstet werden wollten. Er lächelte über den Gedanken, zwickte sich selbst in die Seite und beschloss, all seinen Geschwistern, wenn er nachher Hause käme, mindestens einen Kuss auf die Stirn und einen weiteren auf den Mund zu geben. Glücklich über seine Idee, schob er die Zunge über die Zuckerkruste und tupfte sanft über die unebenen Klümpchen, die der Bäcker wohl in der Schnelle seiner vielen Handbewegungen unachtsamer Weise darauf verteilt haben musste. Nach einer Weile machte er eine Pause, schob den runden Marmorkuchen vor die Augen und schaute ihn aus der Tiefe seines hochgeschobenen Kragens an, als wollte er sich noch einmal überzeugen, dass er tatsächlich im Besitze eines so schmackhaften Kuchens war. Er hielt ihn an die Nase und sog den Duft des Teiges in sich hinein. Aljoscha streckte die Zunge soweit er konnte heraus und begann mit der Zungenspitze kleine Kreisbewegungen über die Klümpchen zu ziehen, bis diese glatt geleckt waren. Unebenheit für Unebenheit leckte er so Stück für Stück herunter. Und Schicht für Schicht leckte er anschließend auch den dicken Zuckerguss ab. Als dieser abgeleckt war atmete er zufrieden ein und aus, schloss die Augen und begann in den Teig zu beißen. Endlich spürte er ein Mandelstück. Er pulte es aus dem Teig, schob es zwischen die Zähne, verharrte einen klitzekleinen Moment und zerknackte es schließlich. Das Geräusch gefiel ihm. Wieder begann er zu pulen und holte ein weites Mandelstück hervor. Auch bei diesem machte er eine Pause und biss darauf. Aljoscha pulte und pulte bis der Kuchen in zwei Hälften zerbrach. Dankbar gedachte er des fremden rothaarigen Mannes, mit den lustig klingenden Glöckchen an den Stiefeln und der schönen Pelzkappe, der ihn völlig unerwartet geküsst hatte und dessen Kuss er immer noch als angenehm empfand. Er freute sich über seine Heiligen und war sich sicher, dass sie ihn nie verlassen und auch weiterhin beschützen würden. Mit dieser Gewissheit, die er schon als kleiner Junge aus irgendeinem Grunde in sich trug und die ihm schon frühzeitig das Gefühl gab, eines Tages still für Gottes Ruhm und Ehre tätig werden zu dürfen, schlief der Junge auf der oberen Stufe kauernd und sich in einem Kloster mit weißen hohen Mauern sehend und allerlei Geschenke an die Armen verteilend, ein.

Aljoscha III

Aljoscha, der noch nie in seinem Leben gestohlen hatte, und der sich so eine furchtbar Tat, trotz seines immerwährenden Hungers auch für sein weiteres Leben nicht wirklich vorstellen konnte, ließ den Beutel, der ihm aus einem unerklärlichen Grunde in die Hand gekommen war, vor Schreck wieder in den Schnee fallen. Ängstlich drehte er sich um, um zu prüfen, ob ihn womöglich ein neugieriger Straßenpassant bei seinem Funde beobachtete und falsche Schlüsse daraus zog. Er betrachtete den Beutel mit der glänzenden Messingschnalle und bestaunte den goldenen Farbton, den er sonst nur vom Abendmalkelch und den reich verzierten Ikonen kannte. Er freute sich über das angenehme Gefühl, das der Glanz ihm in die Augen brachte. So, als wollte er die Schläge seines Vaters artig in Empfang nehmen, beugte er seinen Kopf langsam nach vorn, streckte den Rücken gerade, schob den Hintern etwas heraus und ließ die Arme geradewegs über die goldgelbe Stelle im Schnee hängen. Er beobachtete, wie der Glanz zusehend unter den herabfallenden dicken Flocken verschwand. In dieser Haltung drehte er sich noch einmal nach links und rechts, fand aber keinen Passanten weit und breit. Aljoscha wusste, dass es nicht richtig war, fremdes Eigentum an sich zu nehmen. Und dennoch tat er es. Aus einem ihm unerklärlichen Triebe und gegen seine innere Überzeugung und sicherlich auch weil er den Fund gleich morgen einem hohen Beamten der Stadt überreichen wollte, umgriff er mit beiden Händen das rotlederne Bündel mit der schönen goldleuchtenden Schnalle und schob es unter sein Hemd und drückte es an die Rippen. Die Kühle des Metalls, die er spürte, empfand er, trotz dessen er fror, als angenehm. Er schloss die Augen und glaubte zu fühlen, wie der Glanz seinen Körper durchdrang. Magensäure stieß in ihm auf und sein Bauch begann zu schmerzen und erinnerte ihn, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Er öffnete die Augen und starrte auf die Tür des Gasthauses, die sich soeben knarrend auftat und aus der ein Schwall würziger Düfte herausströmte. Ganz gegen seine Gewohnheit und ganz gegen die Order des Gastwirtes keinen der wertvollen Gäste auch nur im Geringsten zu belästigen, sprach der Junge den nahezu zwei Meter großen Mann mit runder Pelzmütze und knielangen Ledermantel an, der soeben die Stufen des warmen Gastraumes heruntertaumelte. Der Junge trat einen Schritt beiseite und musterte die bunten Stiefel mit den Glöckchen am Schaft. Er verbeugte sich und sagte ehrerbietig: „Verehrter Herr, sehr verehrter hoher Herr, bitte geben Sie mir ein Stück von dem, was Sie in der Hand haben. Ich weiß, hoher Herr, dass es sich nicht geziemt, ehrbare Herren anzubetteln. Aber ich habe Hunger und mein Vater hat meine sieben Geschwister zu ernähren. Ich komme auch morgen zu Ihnen und fege Ihre Stube sauber. Ganz gewiss, hoher Herr!“ Der Mann, der schwankend an dem Jungen vorbei gestolpert war, drehte sich um und fragte jedes Wort einzeln betonend: „Sieben? Sieben Kinder hat dein Vater? Soso! Hast Du auch richtig gezählt?“ Aljoscha verbeugte sich noch tiefer und antwortete kaum hörbar: „Ja, hoher Herr! Gewiss, es sind drei Jungen und vier Mädchen, mit mir also acht!“ Wieder fragte der Mann die Worte betonend: „Drei, sagt du? Soso. Acht? Und Du lügst mich auch nicht an?“ Er kaute und betrachtete aus dem Augenwinkel den Jungen, der mit bauen Lippen und durchgeweichten Fußlappen vor ihm stand. Der Mann hörte plötzlich auf zu kauen und hielt die Speise, die der Junge begehrte, in den Schatten des Fensters. Der Junge, der die Speise immer noch nicht erkennen konnte, aber umso mehr sehnte, drehte seinen Kopf blindlinks nach dem begehrten Stück im Dunkel der Nacht, wo er es vermutete. Der Mann, der dies beobachtete, tat so, als ob er weiter aß und sagte mit vorgetäuscht vollem Munde: „Kannst Du überhaupt zählen und schreiben? Weißt Du überhaupt, wie eine Acht geschrieben wird?“ Dabei pusselte er fortwährend an den Lippen und schmatzte. Aljoscha beugte sich noch tiefer, dass er fast vornüber und dem Fragenden auf die Stiefel gefallen wäre und sagte erleichtert: „Ja, aber ja, verehrter Herr, ich kann zählen und schreiben!“ Damit der Herr nicht auf die Idee kam, ihn nach Zahlen zu fragen, die er noch nicht kannte oder schon wieder vergessen hatte, kauerte sich Aljoscha vor ihn in den Schnee und malte vor dessen eisenbeschlagenen Stiefelspitzen in Schönschrift und mit ausladenden Handbewegungen die Zahlen Drei, Vier und Acht. Der Mann, der sichtlich erstaunt war und dem Jungen das in den Schnee Geschriebene sofort glaubte, ließ überrascht die Speise fallen. Er schob die Mütze in den Nacken, kratze sich am rotblonden Stirnhaar und ging wortlos auf die Straße. Nach wenigen Schritten blieb er abrupt stehen, drehte sich um, ging den Weg zurück und hob die Speise auf. Er wiegte seinen Kopf im Schneegewölk und wedelte mit seiner breiten Hand vor dem Gesicht des Jungen. Er betrachtete die klaren, braunen Augen, die schmale Nase und den etwas zu klein geratenen Mund mit den blauen Lippen. Er nahm die Hände des Jungen, legte das eben Weggeworfene hinein und sagte im sanften Ton, den man dem stattlichen Mann mit seiner lauten Stimme niemals zutrauen würde: „Und das Du schön brav weiterlernst. Ich sage dir, mein Junge, aus dir wird einmal wer, vielleicht ein Beamter. Man weiß nie!“ Bei dem Wort nie, tätschelte er dem Jungen zärtlich über die Wange und kämmte ihm das nasse, schneeverklebte, schulterlange Haar zu einem Scheitel. Er drückte sein rundes Gesicht mit dem rotblonden Backenbart an das blasse Gesicht des Jungen, umgriff dessen Hals zog ihn an sich heran und gab ihm einen schmatzenden Kuss auf die Stirn. Dann drehte er sich um und ging, dass die Glöckchen an den Stiefeln erklangen. Dabei sagte er: „Drei, soso, Acht, aus dem wird nochmal etwas Großes! Sieben Geschwister, und er kann Schreiben und Lesen. Wer hätte das gedacht? „Trällernd bog er in den abschüssigen, unbefestigten Seitenweg ein, der in einen tückischen rechten Winkel zum Bach hinabführte und auf dem sich schon viele ihre Knöchel nicht nur im winterlichen Schneegestöber an den vielverzweigten tiefen Wagenfurchen verstaucht hatten und auf dem schon so mancher Betrunkene abkam und in die unübersichtliche nahe Wasserbiegung rutschte und von dort fortgeschwemmt wurde. Er pfiff eine fröhliche Melodie in die Nacht und rief: „Soso, drei, aus dem wird noch mal ein Beamter. Ich sage euch, fein wird er werden, fein, drei und vier, eine sehr feine Acht. Ich spüre sowas!“ Vom eben Geschehenen verunsichert, wischte sich der Junge mit der einen Hand die Spucke vom Mund und schob mit der anderen Hand geistesabwesend langsam das eben Geschenkte zwischen die Lippen und biss darauf. Die Süße des Zuckers und das Aroma der Schokolade, die er beim Kauen auf einmal auf seiner Zunge verspürte, machten ihn glücklich. Er winkte dem Mann, von dem plötzlich weder sein Trällern noch das Glöckchengeläut zu hören waren, hinterher und rief: „Danke, danke für das schöne Stück Kuchen. Gott beschütze Sie, verehrte Herr! Gott gebe Ihnen ein langes und gesegnetes Leben

Alles andere

„Da bist du! Ich habe dich überall gesucht! Was machst du hier oben?“
Kai sieht Wenzel an, sagt aber nichts. Einen Augenblick später wendet er sich wieder der orange getünchten Stadt zu.
„Komm runter da, Kai. Das ist gefährlich. Und grins nicht so. Sei vernünftig!“
„Machst du dir Sorgen um mich?“
„Allerdings!“
„Das ist schön.“
„Bist du betrunken?“
„Allerdings. Das ist schön.“
„Was soll das, Kai? Es ist noch nicht mal sechs.“
„Spaß machen. Es soll Spaß machen.“
„Okay: Ich greif dir jetzt von hinten unter die Arme und ziehe dich zu mir rüber.“
„Lass mich.“
„Deine Zehen klemmen hinter dem Geländer. Du hängst fest.“
„Na bitte. Ist doch gar nicht gefährlich.“
„Kannst du dir denken, warum diese Dachterrasse von einem Geländer begrenzt ist?“
„Damit man darauf sitzen kann?“
„Sicher nicht.“
„Dann vielleicht als Sprungbock?“
„Los jetzt, Kai!“
„Für einen schönen Köpper in die Stadt?“
„Kai, wir sind 16 Etagen über dem Boden. Wenn du hier runter stürzt bist du tot.“
„16 mal 3 ist 48, plus ein bisschen ist 50. Wie lange falle ich für 50 Meter?“
„Deinem Gewicht nach zu urteilen nicht sehr lange. So, jetzt bitte loslassen, ich habe dich.“
„Hast du Zigaretten?“
„Du kriegst eine, sobald du vom Geländer runter bist.“
„Rauch eine mit mir. Hier.“
„Ausgeschlossen.“
„Feigling.“
„Oh, ja! Das zieht bei mir. Du nennst mich Feigling und ich tue alles was du von mir verlangst, um dich zu beeindrucken.“
„So ist das eben zwischen uns. Komm schon, ich will dir etwas zeigen.“
„Was gibt es da zu sehen, dass ich nicht auch von hier sehen könnte?“
„Nichts. Aber es gibt was zu fühlen.“
„Todesangst?“
„Nein. Chance.“
„Chance?“
„Entweder setzt du dich jetzt neben mich und erlebst es mit mir oder du verschwindest und lässt mich diesen Moment genießen.“
„Genießen? Aushalten.“
Wenzel tritt an das Geländer und atmet tief.
„Nicht nach unten gucken, Wenzel! Sieh mich an.“
„Kai, wie soll ich denn –“
„Linkes Bein über das Geländer schlagen, Geländerstange in die Kniekehle klemmen, linken Fuß hinter eine Geländerstrebe stecken, rechtes Bein nachziehen. Schon sitzt du.“
„Nichts leichter als das, du Klugscheißer.“
„Bist du noch nie irgendwo drüber geklettert?“
„Sehe ich aus, als würde ich viel klettern?“
„Gerade siehst du sehr lustig aus. Du hast ein V zwischen deinen Augenbrauen. V wie Venzel.“
„Das ist sehr hoch, Kai.“
„Toll, oder?“
„40 Meter weniger würden mir auch reichen. Oder 50.“
„Aber der Blick!“
„Es ist der gleiche Blick wie eben.“
„Nur, dass da kein Geländer mehr ist, zwischen dir und –“
„Dem Tod?“
„Dem Leben! Diesem Licht! Diesem –“
„Mir wird schlecht.“
„Du gewöhnst dich dran, gleich.“
„Gleich werde ich nicht mehr hier sitzen. Was wolltest du mir zeigen?“
„Hast du die Zigaretten?“
„Das Päckchen ist in meiner Hosentasche.“
„Na los, gib eine aus.“
„Das geht nicht. Ich werde keine meiner Hände von dem Geländer lösen.“
„Soll ich das Päckchen etwa aus deiner Hosentasche fischen? Das wird aufregend.“
„Unter anderen Umständen gern. Gott, ich hoffe, dass du dir bis an dein Lebensende bei jeder Zigarette Vorwürfe machst, wenn ich jetzt abstürze und sterbe.“
„Vielleicht springe ich dann gleich hinterher.
„Willst du dich umbringen?“
„Was soll ich hier ohne dich?“
„Ha. Ha.“
„Ich will rauchen. Aber davon kann man auch sterben.“
Wenzel löst seine rechte Hand vom Geländer. Nur eine Sekunde, dann muss er sich wieder festhalten.
„Sehr gut! Siehst du? Es passiert gar nichts, Wenzel. Und jetzt in die Tasche mit der Hand.“
„Ich hasse dich, Kai.“
„Du würdest nicht hier sitzen, wenn das stimmen würde.“
Wenzel löst die Hand ein weiteres Mal und stopft sie in seine rechte Hosentasche. Er lehnt seinen Oberkörper Richtung Kai, damit der feste Stoff seiner Jeans mehr Platz für seine fleischigen Hände lässt.
„Da. Zigaretten.“
„Steckst du mir keine an?“
„Mach das selber.“
„Manche sagen, sich von anderen eine Zigarette anstecken zu lassen, sei ein indirekter Kuss.“
„Und manche sagen, sich von anderen zwingen zu lassen, seine Sommerabende auf einer 5 Zentimeter breiten Metallstange in 50 Metern Höhe zu verbringen sei seltendämlich.“
Wenzel steckt sich eine Ecke des Zigarettenpäckchens mit der rechten Hand in den Mund und hält es mit den Zähnen fest. Dann umfasst er wieder das Geländer. Mit der linken Hand greift er nun nach dem Päckchen und reicht es Kai. Der lächelt und nimmt es.
„Feuerzeug?“
„Im Päckchen.“
Kai schlägt das Päckchen gegen seinen Handrücken. Zwei Zigaretten schießen heraus. Eine prallt von Kais Knie ab, die Zweite landet auf seinem Schenkel, rollt in Richtung Knie, fällt sein Schienbein hinunter und landet auf seinem Fuß. Die erste befindet sich inzwischen bereits anderthalb Stockwerke unter ihnen im freien Fall.
„Heilige Scheiße!“
„Man kann nicht widerstehen, oder?“
„Mir wird schwarz vor Augen.“
„Man kann nicht widerstehen, ihr nach zu sehen, stimmt’s? Wie schön sie trudelt, wie sie noch ein bisschen überlegt und probiert, was denn nun die günstigste Position für den Aufprall wäre und wie sie sich schließlich der Schwerkraft ergibt, und mit dem Tabak nach unten und dem Filter nach oben in die Tiefe stürzt. Schön, oder?“
„Du bist ein Sadist. Wolltest du mir das zeigen?“
„Nein, das war ein Versehen.“
„Ein Versehen? Dass du die zweite Zigarette mit deinem Fuß auffängst, war ein Versehen?“
„Nein, das war Glück. Warte, ich rette sie.“
Kai zieht die Zehen an und hebt langsam sein Bein, um nach der Zigarette auf seinem Fuß zu greifen. Wenzel packt Kais Schenkel und drückt ihn wieder auf das Geländer.
„Keine Akrobatik! Bist du verrückt geworden?“
„Nein, sparsam. Ich bin schließlich arbeitslos.“
Erst nach einigen Sekunden zieht Wenzel seine Hand zurück um sich wieder am Geländer festzuhalten. Die Zigarette rollt auf Kais Fuß hin und her, bevor auch sie auf die Straße trudelt.
„Sieh nur, sie wird ganz woanders landen! Der Wind trägt sie ganz woanders hin als die erste.“
„Fantastisch. Aber bevor der Wind auch mich sonstwohin trägt und dich bezaubernderweise ganz anderswohin, bringe ich mich lieber in Sicherheit.“
„Bleib, Wenzel.“
„Du hattest deinen Spaß.“
„Spür das doch mal!“
„Was denn? Meinen Angstschweiß auf der Stirn? Großartig.“
„Das ist bloß die Hitze.“
„Was dann? Panik? Herrlich.“
„Nein, keine Panik. Chance.“
„Chance? Wovon zur Hölle redest du?“
„Achte mal auf den Wind. Wie er dir durchs Haar fährt. Durch den Bart. In dein Hemd. Über deine Knöchel. Und sieh dir die Stadt an, sieh nur! Hinter jedem dieser Fenster wartet eine Geschichte! Und guck, dort drüben, das Flugzeug! Wohin fliegt es?“
„Das ist alles sehr romantisch, Kai, aber die einzige Chance, die ich hier habe, ist abzustürzen und zu sterben. Und das ist eigentlich keine Chance. Das ist ein Risiko.“
„Ja! Das ist das Risiko, genau.“
„Also?“
„Also ist alles, was nicht Risiko ist Chance!“
„Das ist doch pubertär.“
„Nein, das ist wahr! Alles was passiert, wenn du nicht stirbst ist Chance! Begreifst du das? Du könntest jetzt abstürzen und sterben. Oder du könntest ein paar Sachen packen, zum Flughafen fahren und noch heute Abend selbst in einem dieser Flugzeuge sitzen. Du könntest überall leben!“
„Ich muss arbeiten.“
„Blödsinn. Du müsstest dich viel eher mal fragen, was du bist, wenn du nicht arbeitest.“
„Ein Taugenichts wie du?“
„Oder du könntest zu einem dieser Häuser laufen und klingeln um zu sehen, wer hinter den Fenstern wohnt. Vielleicht die Liebe!“
„Ich weiß, wo die wohnt.“
„Oder du gehst in den Supermarkt, kaufst jedes 10. Ding und erfindest ein neues Essen!“
„Soll ich uns was kochen?“
„Kapierst du das nicht?“
„Natürlich tue ich das. Aber musstest du mich in Lebensgefahr bringen um sicherzugehen?“
„Du hast dich in Lebensgefahr gebracht.“
„Weil du versprochen hattest, dich dann endlich außer Lebensgefahr zu begeben. Wärst du dann so weit?“
„Weil ich dir was bedeute.“
„Ja! Du bedeutest mir was. Und? Bist du jetzt überrascht?“
„Gerührt. Ich bin ein bisschen gerührt.“
„Du bist gerührt? Mir zittern die verkrampften Hände vor Panik und du bist gerührt von meiner Zuneigung? Gott, ich bin so ein Idiot!“
„Nein, Wenzel. Ich bin betrunken.“
„Jedenfalls ist es im Augenblick nicht möglich, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen.“
„Ich will gar kein vernünftiges Gespräch führen.“
„Verstehe.“
„Es geht aber nicht darum, etwas zu verstehen. Es geht darum, etwas zu erleben.“
„Und was erlebe ich deiner Meinung nach?“
„Deine Macht.“
„Meine Macht? Ich erlebe deine Macht!“
„Aber nein. Wenn du jetzt aufstehst, die Augen zu machst und auf eine Windböe wartest, ist alles zu Ende. Zack. Deine Macht.“
„Ich will aber nicht, dass alles zu Ende ist.“
„Ich weiß. Aber wann hast du das jemals intensiver gespürt als jetzt?“
„Das stimmt. Noch nie.“
„Genau! Das ist es. Das Ende wollen wir nicht. Aber wir wollen alles andere!“
„Ja. Insbesondere du. Du willst alles.“
„Aber ich tue nichts, leider.“
Kai raucht. Wenzel sieht auf die Spitzen seiner Schuhe, schürzt die Lippen und atmet langsam aus.
„Kai? Willst du dich umbringen?“
„Ich weiß nicht.“
„Du musst doch wissen, ob du lebensmüde bist oder nicht!“
„Nein! Ich bin wach. Ich bin hellwach! Ich habe aufgehört, jeden Tag zu tun, was man eben tut und zu lassen, was man eben lässt. Und ich will meinen Geburtstag nicht jedes Jahr noch lauter und noch heftiger feiern müssen, damit niemand anspricht, wie wenig eigentlich passiert ist seit der letzten Party.“
„Aber du weißt nicht, was du stattdessen willst.“
„Alles andere!“
„Es kann nicht ewig so weitergehen, Kai. Das ist unvernünftig.“
„Diese scheiß Vernunft von der du immer redest: Ich hasse sie! Siehst du die S-Bahn auf der Brücke dort? Das ist, was die Vernunft aus uns macht.“
„Wie bitte?“
„Es ist, als kämen wir als robuste Geländewagen auf die Welt, Allradantrieb, voller Tank, fette Federung. Und dann begegnen wir der Vernunft und die baut uns über die Jahre zu S-Bahnen um, die nur noch in vorgefertigten Gleisen fahren können und selbst das nur, wenn alle Signale auf grün sind.“
„Ich mag S-Bahnen.“
„War ja nur ein Beispiel.“
„Ein alkoholisiertes Draufsichtsbeispiel. Du musst runter von deinem Turm, Kai.“
„Aber wohin?“
„In die Stadt? Mit dem Rad? Zum Beispiel.“
„Au ja! Kommst du mit?“
„Klar. Vorher will ich auch noch eine.“
„Was?“
„Zigarette.“
„Sicher.“

Frau Schnorrmann

Langsam legte sich die stickige Zimmerluft in den Raum. Eine nach der anderen atmete den gleichmäßigen Atem, der der noch wach Liegenden verriet, dass die beiden Patientinnen bereits eingeschlafen waren. Und so wurde es kurz nach Mitternacht bis auch Frau Schnorrmanns unschöne Gedanken von dem gleichgültig machendem Geräusch der beiden Frauen erfasst wurden und sich ins Nichts auflösten: die Ankunft vor zwei Tagen; dass die Neue die geordnete Ruhe störe; die heiße Stimme von Frau Bayer; die jungfräuliche Lehrerin Frau Schubert, die im Bett sitzt und alles und jeden schulmeisterlich kritisierte, dass es selbst dem Personal manchmal zu viel wird.

Frau Schnormann bewegte sich im Bett von der einen auf die andere Seite. Dabei fiel ihre Steppdecke herunter und sie erwachte aus einem beunruhigenden Schlaf. Sie setzte sich auf und starrte zur der mehrere Meter hohen Zimmerdecke mit dem verzerrten Fensterkreuz mit Dreipass, welches das Mondlicht auf die weißen Wände projizierte. Sie betrachtete jede der gleichmäßig Atmenden in dem Raum und kletterte, nachdem sie sicher war, dass alle schliefen, vorsichtig über das Bettgitter hinab, hob die Steppdecke auf und legte sie ins Bett zurück. Mit kleinen Schritten bewegte sie sich ans Fenster, dessen Sims breit ausladend in ihrer Augenhöhe begann. Sie nahm sich einen Stuhl, kletterte darauf, legte ihre dicken Knie auf den Tisch, um auf diesen zu steigen. Mit den Händen stützte sie sich auf den tiefen Sims, öffnete das Fenster, umgriff die dünnen Sandsteinsäulen des Dreipasses und starrte still in die Nacht. Zu viel Mond, zu viel Licht, dachte sie. Das kann sehr gefährlich werden. Sie fror und knöpfte die zwei Knöpfe ihres rüschenbesetzen Nachthemdes zu. Die Kälte erinnerte sie an den Winter, an die ständige Angst, und immer die Russen im Nacken. Sie atmete die kühle, beißende ostpreußische Winterluft, hörte das Pferdegetrappel, wildes Durcheinanderschreien, das Knirschen von schnellen Fußstapfen, und in der Ferne den seit Wochen herannahenden Kanonendonner. Leise schob sie das Fenster zu, kniete sich mühsam auf den Tisch, um von diesem rückwärts auf den Stuhl zu klettern, um von dem wieder mit ihren nackten, für ihre Größe viel zu großen Füßen auf den Boden zu gelangen. Sie wischte mit ihren faltigen Wäscherinnenhänden über die Sitzfläche des Stuhles und schob ihn vorsichtig unter den Tisch. Sie kletterte über das Bettgitter in ihr Bett und bewegte den Kopf mit den faltigen Wangen auf dem Kopfkissen unruhig von der einen zur anderen Seite und kniff die Augen zusammen. Ihre breiten Hände mit den dicken Fingernägeln schob sie ins Gesicht und murmelte ein Gesicht. Es gelang nicht. Zu sehr schwirrten die Gedanken um sie herum und zu sehr beunruhigte sie diese Nacht. Ich halt das nicht aus. Ich weiß nicht was passiert ist, dachte sie. Sie rieb über den Bauch, der in der Windel steckte. Ich muss hier weg! Nein, nein, es ist zu spät, wie damals als sie ihn erschossen. Sie selbst spürte in jener Nacht nichts, die Tochter in ihrem warmen Stoffbündel gehüllt, schrie im Versteck. Sie schrie und hätte die Dorfbewohner fast verraten. Sie solle der Kleinen den Kehlkopf zudrücken, hatten die anderen gefordert. Es müsse sein. Sie dachte damals, die Tochter würde wegen der wenigen Habseligkeiten, schreien, die sie ins Knäuel heimlich eingenäht hatte, weil es doch immer hieß, die Russen würden die Kinder verschonen. Nur die Kinder. Deswegen riss sie die Löffel, die Silberschnalle der Mutter, die vergoldete Uhr, das Zigarettenetui des Vaters und die kleine, bronzene Kaiserplastik des Großvaters, heraus und warf sie in den Fluss. Erschossen hatten sie ihren Franz. Ganz einfach, ohne zu fragen, erschossen, und die Tochter hatte geschrien in dieser kalten, mondklaren Nacht und ließ sich einfach nicht beruhigen. Wie konnte das armselige Ding das nur merken, flüsterte Frau Schnorrmann zur Zimmerdecke, zu den Schatten des Dreipasses und zu dessen blasenförmigen Umrissen und glaubte den Schatten Dickichts im Schnee zu erkennen. Sie kniff die Augen zu, duckte sich in die Bettkuhle und flüsterte: „nur Du weißt warum, nur Du, lieber Gott? Ein Stück Papier hast Du mir gelassen, auf dem steht, dass er tot ist, in schöner Sütterlinschrift, mit einem Stempel drauf. Da sie sehr genau wusste, dass es ihr in diesen Momenten beim Einschlafen half, summte sie „Drei weiße Birken“ und streichelte sich über ihre Nase. Sie lief den Birkenhain entlang, stellte sich hinter die Mauerreste und hörte ihm beim Singen eines seiner vielen Volkslieder zu, die er gern und laut sang. Sie schwang sich heimlich über das Seitenbrett auf das Fuhrwerk, kletterte auf den Holzstapel und fuhr mit ihm ins Dorf.

Weil sie der Schlaf aber nicht haben wollte, öffnete Frau Schnurrmann die Augen, legte die Hände auf den Schoß und grübelte. Das gleichmäßige Atmen der Mitpatientinnen beunruhigte sie auf einmal. Sie kletterte wieder über das Bettgitter, ging zum Schrank, in dem die Schwestern die Kleidung bei der Ankunft einer Jeden hineinsortierten, nahm ihre Kleidung heraus, entfernte den schief eingeklebten Pflasterstreifen, auf dem ihr Name in hastig geschriebenen Buchstaben stand und zog die Sachen an. Da sie ihre Schuhe nicht fand, ging sie barfuß in ihrem viel zu großen grauen Mantel und dem viel zu langen grünen Rock durch den Raum, nahm ein Bündel Zellstoff, den die Schwestern vorsorglich am Abend auf alle Nachttische gelegt hatten und stellte sich an das gegenüberliegende Bett. Den Rock hatte sie vorher noch mit dem Pflasterstreifen zusammengeklebt, auf dem ihr falsch geschriebener Name stand. Die Patientin lag auf dem Rücken, die Arme auf der Brust, das Gesicht weit nach oben gerichtet, der Mund geöffnet. Mit ihrer blassen Haut wirkte sie wie eine in weißen Stein geschlagene Friedhofsskulptur. Frau Schnorrmann stellte sich an das Kopfende, seufzte und betete mit ihrer tiefen, brummenden Stimme, leise ein Vater Unser. Sie griff den Stapel mit den dünnen Zellstoffbahnen, zerpflückte diese zwischen ihren dicken Fingern zu kleinen Blütenknäulen und verstreute die Knäuel feierlich auf das Gesicht und auf die Brust der Schlafenden. Liebevoll streichelte sie über deren Wangen, murmelte Kinderreime und küsste sie. Von alledem aufgewacht, begann die Patientin um Hilfe zu schreien. “Was machen sie denn da? Die ist verrückt“, rief sie! „Bringt sie hier weg!“ und griff nach der Klingel. Völlig irritiert stand Frau Schnorrmann mit dem Zellstoff in der Hand, vor ihr. Die Nachtschwester betrat das Zimmer und herrschte sie an:“ Was wollen sie hier? Wissen sie nicht wie spät es ist? Gehen Sie sofort wieder in ihr Bett. Sie müssen doch schlafen, wenn sie gesund werden wollen!“ – „ Schaffen Sie mal die Oma hier fort“, geiferte die Patientin weiter und warf die zerpflückten Zellstoffknäuel, der auf ihrer Brust lag, hinter ihr her.
Mit gesenktem Kopf ging Frau Schnorrmann artig an der Hand der herbeigerufen Schwester. Sie entfernte das Bettgitter und legte die Frau wieder ins Bett. Frau Schnorrmann murmelte:“ Aber ich dachte, ich darf noch mal, aber ich muss sie doch wenigstens…!“ und sah dabei die Schwester an – „Ich bring ihnen noch etwas zur Beruhigung und dann schlafen wir aber fein. Es ist doch schon spät“, beschwichtigte die Schwester liebevoll die Frau.
Am anderen Morgen saß Frau Schnorrmann wortlos in ihrem Bett, zerriss den restlichen Zellstoff und streute ihn über ihre Bettdecke. Die lindgrüne Windel, die bis unter die dünnhäutige Brust reichte, irritierte den Arzt bei der Visite, dass er ihr das Nachthemd eilig zuknöpfte und beiläufig fragte „Was haben Sie denn da gestern Abend gemacht?“. Frau Schorrmann, die ihren Unterkiefer unaufhörlich hin- und herbewegte und mit den Händen die Zipfel der Bettdecke gegeneinander rieb, blickte ihn freundlich an. Sie hob die Schultern und sprach mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme „Wissen Sie“, dann machte sie eine Pause, holte tief Luft, denn sie hatte vor jedem Studierten Respekt, „wissen Sie, ich wollte doch nur noch ein einziges Mal, ich musste sie doch…!“ Sie hob wieder die Schultern und sah hilflos in die Runde der Visite. Da müssen wir unbedingt etwas dagegen machen!“, unterbrach empört die Stationsschwester, sonst bekommt der Nachtdienst eine Meise.“ – „Na, dann geben Sie ihr 10 Tropfen Valocordin zum Abend und ein bisschen Haloperidol zur Nacht!“, beschwichtigte der Arzt, streichelte über den Kopf der Frau und ging zum nächsten Bett.

Nach der Visite klingelte das Telefon der Stationsleiterin und eine Schwester erkundigte sich, ob sich die 90´jährige Frau Schnormann noch auf ihrer Station befände und das ihre Tochter heute Nacht plötzlich auf ihrer Station verstorben sei. Die Stationsschwester überlegte, wie sie die Nachricht der verwirrten Frau übermitteln könne. Sie beauftragte mit der Nachricht eine neue Mitarbeiterin.

Die junge Schwester betrat das Zimmer, nahm eine Schüssel, füllte sie mit Wasser und wusch Frau Schnorrmann. Sie fragte sie nach ihrem Leben, nach besonderen Wünschen, massierte den Rücken, die Hände und die Füße. Die Schwester brachte es jedoch nicht fertig, der Frau den Tod der einzigen Tochter mitzuteilen und stellte ihr wortlos das Frühstück hin. Mittag trat sie wieder an ihr Bett, räumte das Frühstück weg, reichte ihr das Mittagessen und überlegte, wie sie ihr endlich den Tod mitteilen könne. Mit leiser Stimme fragte sie: „Haben Sie sich schon in diesem Zimmer eingewöhnt? Haben Sie noch einen Wunsch? Kann ich Ihnen das Kissen aufschütteln?“ Die alte Frau, die auf der Seite lag und von der nur ein Stück der grünen Windel zu sehen war, drehte sich zu ihr um, legte den Kopf auf die Hand, die auf dem Kopfkissen lag und schwieg. Die Schwester zwirbelte unaufhörlich den Haarlocken und sagte: „Frau Schnorrmann, Sie müssen jetzt sehr stark sein. Ihre Tochter ist letzte Nacht unerwartet gestorben. Frau Schnorrmann, haben sie verstanden, was ich eben gesagt habe?“ Die alte Frau setzte sich auf, griff die runden Hände der Schwester und streichelte sie. Sie runzelte die Stirn und wog ihren von Falten übersäten Kopf nach links und rechts, dass ihr Zopf wackelte. Mit tiefer, fast männlichen Stimme sagte sie müde: „Ich weiß, Kindchen. Da kann ich nun nichts mehr machen.“ Sie lächelte die Schwester an, dass ihre drei verbliebenen schiefen Zähne in der linken Mundhälfte, hervortraten. „Wenn ich Ihnen nur helfen könnte“, sagte die Schwester, weinend am Bettrand sitzend. Frau Schnorrmann schob ihre faltigen Hände um die Wangen der Schwester und flüsterte in ihrem ostpreußischen Dialekt: „Ich weiß Kindchen. Ich weiß es bereits!“ Danach schob sie ihre Hände um ihre flache Brust und murmelte. „Weißt Du, ich habe sie eigenhändig getragen, von Ostpreußen bis hierher, die Russen im Nacken und die Kanonen im Ohr. Es war Weihnacht 44`“. Sie streichelte nochmal die Schwester, legte sich zurück auf die Seite, dass nur die grüne Windel zum Vorschein kam und starrte das Bettgitter an.