2. Ausrüsten

(Fortsetzung von 1. Erwachen)

Er fand sich in der Mitte des Zimmers wieder und drehte sich langsam um die eigene Achse. Wie Mira. Mira steht jeden Morgen in der Mitte des Schlafzimmers und dreht sich mit ausgestreckten Armen um die eigene Achse. Genau einundzwanzig Mal. Ausnahmslos jeden Morgen absolviert sie ihr Übungsprogramm um ihre Chakren in Einklang zu bringen. Die fünf Tibeter sind eine ernste Angelegenheit für sie. Er hatte sich das Spotten abgewöhnt. Danach erst konnte er erkennen, wie konzentriert, versunken und wunderschön sie dabei aussieht.

Aber Mira war weg. Oder er. Je nach Perspektive. Er versuchte, nicht mehr an sie zu denken. Er versuchte stattdessen, im durch seine langsamen Drehbewegungen wieder und wieder an ihm vorbeiziehenden Zimmer an etwas erinnert zu werden. Der Deckenstuck glich dem im Behandlungszimmer seines Zahnarztes. Aber da war er nicht. Die Doppelfenster aus Holz waren wie die im Haus seiner Großmutter. Das war längst abgerissen. Der grobe Plüschteppich, der jeden seiner Schritte dämpfte, fühlte sich an wie sein Badewannenvorleger. Aber, so gern er es wäre: Er war nicht zuhause. Er kannte diesen Raum nicht. Er war der Fremde. Der andere war der Andere.

Als ihm schwindlig wurde, ließ er sich wieder aufs Bett fallen. Das glatte, weiche Gefühl der abgekühlten Bettwäsche auf seiner Haut gefiel ihm. Er kannte es. Er drückte sein Gesicht tief ins Kissen. Es roch nach Duschbad, nach Waschmittel, nach Haaren, ein bisschen nach Schweiß und ein bisschen nach Spucke. Es roch nach Mensch. Er atmete diesen Geruch, Nase um Nase. Er wartete auf eine Erinnerung, einen Fetzen irgendwas. Er wusste, wer er war. Aber wer er war würde nicht ohne Erinnerung im Bett eines wildfremden Menschen aufwachen, der dem Inhalt seines Kleiderschrankes nach zu urteilen obendrein ein Mann war. Der Geruch, den das Kissen verströmte war ihm nicht unangenehm. Aber unbekannt und beunruhigend.

Es klickte. Blitzschnell drehte er sich um und starrte zur Tür. Er brauchte einige Sekunden, um das Klicken der Zahlenmechanik des Weckers zuzuordnen. Es war 11:07 Uhr. Wie konnte er wissen, dass er allein war? Vielleicht war der Andere gerade im Bad und würde in wenigen Augenblicken, ein Handtuch um die Hüften und ein Liedchen auf den Lippen, im Türrahmen erscheinen. Vielleicht saß er in der Küche und frühstückte. Vielleicht saß er schon im Arbeitszimmer über seinen Rechner gebeugt. Wenn er nicht allein war, würde er in wenigen Minuten jemandem begegnen, von dem er keine Vorstellung hatte. Jemandem, der ihn kannte und sich möglicherweise darüber freuen würde, dass er endlich wach war. Jemandem, der ihn hatte ausschlafen lassen. Jemandem, der ihn in seinem Bett schlafen ließ. Was, wenn er sich auch dann nicht erinnerte ? An wen?

Er drehte den Kopf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass neben dem Kissen auf dem sein Kopf ruhte ein weiteres lag. Er schreckte auf. Er hatte keine zwei Kissen benutzt, soweit er sich erinnerte. Aber er erinnerte sich nicht. Er beugte sich zu dem zweiten Kissen herüber und roch daran. Es roch genauso wie dasjenige, welches er benutzt hatte. Er versuchte sich zu erinnern, ob er dieses fremde Bett mit jemandem geteilt hatte. Er legte den Kopf auf das andere Kissen und wartete auf einen Fetzen Erinnerung. Er legte den Kopf zurück auf sein Kissen und wartete auf irgendetwas. Er hatte Kopfschmerzen.

Er schreckte auf, kniete sich aufs Bett und untersuchte das Laken unter auf Flecken. Er fand welche. Ein größerer roch nach Bier, zwei weitere, kleinere rote Flecken rochen leicht süßlich. An anderer Stelle war offensichtlich ein Splitter Schokolade unter einem warmen Körper geschmolzen. Ansonsten nur viele tiefe Falten im Laken. Wer auch immer hier schläft, schläft unruhig. Er suchte nach einem Haar, er fand keines, nicht einmal ein kurzes. Ein langes, blondes Haar hier zu finden, hätte ihn beruhigt. Aber Mira war weg.

Er hielt seine Finger unter die Nase. Sie rochen neutral, etwas salzig vielleicht. Mit den Daumen schob er einige Fingerkuppen zurück und sah unter seinen Fingernägeln nach. Alles sauber. Er untersuchte seinen Bauch, seine Schenkel, sein Schamhaar. Nichts verklebt. Gutes Zeichen. Er sah unter seiner Vorhaut nach. Keine Ahnung. Er lehnte sich aus dem Bett und kuckte darunter. Er fand eine braune Herrensocke, aber kein benutztes Kondom. Trotzdem kein Beweis. Er prüfte seinen Körper auf Kratzspuren und blaue Flecke. Nichts. Er überlegte, nochmal hinüber zum Spiegel zu gehen. Dort wäre auch die Untersuchung seines Rückens möglich. Und die seines Hinterns. Aber er blieb auf den eigenen Fersen sitzend im Bett. Sein Hintern fühlte sich normal an, aber auch das bewies gar nichts. Er wollte Duschen. Er ekelte sich. Vor dem Bett, das so fremd roch. Vor dem Körper, der diesen Geruch ursprünglich verströmte. Vor dessen Händen, sofern sie ihn berührt hatten. Und vor dem Rest dieses fremden Körpers auch. Erst recht. Sogar vor seinem eigenen Körper ekelte er sich, weil er diesen fremden Geruch anzunehmen schien.

Er war durstig. Er sah sich nochmals im Zimmer um. Am Grunde des leeren Wasserglases auf dem Nachttisch fand er Rückstände eines weißen Pulvers. Er befeuchtete seinen Zeigefinger und nahm ein paar Krümel auf. Sie schmeckten so, wie der geltenden Meinung der chemischen Industrie zufolge tropische Früchte schmeckten. Um diesen Geschmack wieder los zu werden, brauchte er noch dringender etwas zu trinken. Aber hier war nichts. Er würde das Zimmer verlassen müssen um seinen Durst zu stillen. Außerdem musste er pinkeln. Und duschen.

Er beschloss, zu rufen. Vorher schlüpfte er wieder unter die Decke. Falls da jemand war, wollte er ihm nicht in Boxershorts begegnen. Trotz und gerade wegen letzter Nacht. Er rief. Seine Stimme war belegt und rau. Offenbar hatte er gegrölt gestern. Er lauschte. Nichts. Sein Hals brannte. Er räusperte sich. Er rief wieder. Seine Kehle war trocken und seine Zunge pelzig. Er lauschte. Nichts. Er holte tief Luft und brüllte. Sein Atem roch nach Alkohol und sein Kopf dröhnte. Er lauschte. Kein Geräusch außer dem Knacken seiner Kiefergelenke und seinem leise pfeifend ausströmenden Atem.
Er sank wieder ins Kissen. Wahrscheinlich war er allein. Das enttäuschte ihn. Das Gesicht des anderen oder zumindest dessen Rede hätten seiner Erinnerung vielleicht auf die Sprünge geholfen. Die große Irritation wäre vorüber gewesen. Man hätte ihn wieder aufs Spielfeld gesetzt. Es wäre weiter gegangen. Gleichzeitig war er erleichtert. Er fürchtete die Konfrontation mit dem Anderen. Dem Anderen? Warum nicht den Anderen? Woher konnte er wissen, dass er es nicht mit mehreren zu tun hatte? Was, wenn er in die Fänge einer Schleuserbande geraten wäre? Menschenhändler? Organhändler? „Absurd.“, murmelte er, als er einsah, dass ihn eine Menschenhändlerbande wahrscheinlich nicht in einem Zimmer mit Balkon zur Straße untergebracht hätte. Mit Daumen und Zeigefinger rieb er sich den Schafsand aus den Augen. Seine Einsamkeit gab ihm Zeit, wieder zu sich zu kommen. Vielleicht wüsste er, wo er war, wenn er nur endlich dieses Zimmer verließ.
Die Messinggriffe der großen Flügeltür waren ihm schon vorhin aufgefallen. Er wollte sie berühren. Ihre glatte, kühle Anmutung lockte ihn. Durch das Milchglas zeichnete sich ein weiterer heller Raum ab. Dem Schattenwurf nach zu urteilen, musste es ein großes Fenster darin geben, vor dem der Wind mit einer mächtigen Baumkrone spielte. Der Raum schien freundlich. Der Raum jagte ihm Angst ein.

Ohne seine Erinnerung war er blind. Blind fühlte er sich wehrlos. Wehrlos wollte er den tanzenden Schatten hinter dem Milchglas nicht gegenübertreten. Er schloss die Augen und wartete auf einen Fetzen Erinnerung. Er wusste seinen Namen: Kay. Er wusste seine Adresse. Er kannte sein Alter: 36. Und er wusste das Passwort zu seinem Rechner im Büro: 8hrs2go!. Ihm war bewusst, in welchem Jahr er lebte. Und mit wem: Mira. Er erschrak. Falsche Zeitform.

Ihm war schlecht. Erneut hob er seine Beine aus dem Bett und stand auf. Er war ein geduldiger Mensch, aber dieses Warten auf nichts machte alles dringender. Er ging hinüber zur Flügeltür. Es knarrte. Er fror ein. Er selbst musste dieses Geräusch ausgelöst haben, als er über die Dielen lief. Er war allein in der Wohnung. Er hatte gerufen und keine Antwort erhalten. Außer dem Klicken vorhin und diesem Knarren jetzt hatte es kein Geräusch in der Wohnung gegeben, seitdem er wach war. Er hatte gute Ohren. Er verlagerte sein Gewicht wieder auf den anderen Fuß, aber es knarrte kein zweites Mal. Er ging zurück zu seiner Ausgangsposition und lief den Weg erneut. Es knarrte nicht. Vielleicht war das ein Spiel, das der Andere mit ihm spielte. Vielleicht lauerte er hinter der Tür, um ihn mit einem „Buh!“ zu Tode zu erschrecken, sobald er sie öffnete. Vielleicht saß der andere seit Stunden schweigend in seinem zur Tür gewendeten Lesesessel, nur um aufzusehen und ihn schweigend aber breit anzugrinsen, sobald sein Schlafgast heraustrat. Vielleicht hatte sich eine Tragödie abgespielt und der andere lag direkt vor der Tür in einer riesigen Blutlache, die – um die Überraschung nicht zu gefährden – kurz vor der Schwelle zum Schlafzimmer endete. Bestimmt.

Er konnte da nicht raus gehen. Nicht so. Er machte drei Schritte in Richtung Kleiderschrank, weil ihm die Idee gekommen war, ein paar Kleider des Anderen anzuziehen. Er stockte. Nach allem, was er bisher wusste, mochte er diesen Anderen nicht. Nicht seinen Geschmack, nicht seinen Geruch und vor allem nicht seine Abwesenheit. Er wollte diese Sachen nicht tragen. Er ging zum Bett und nahm sich ein Kissen. Wie ein Schild drückte er es sich auf den Bauch und verschränkte die Arme davor, als würde er sich daran festhalten. Das half, er fühlte sich sicherer. Er machte wieder einen Schritt in Richtung Tür. Was aber, wenn der Andere ebenso orientierungslos war wie er? Was, wenn er ihn angreifen würde? Was, wenn er in die Fänge eines Psychopaten geraten war, der ihn auf der anderen Seite des Milchglases mit gewetzten Messern erwartete? Er konnte da nicht rausgehen. Nicht so. Er ging zurück zum Bett und hängte sich die Bettdecke um die Schultern. Dabei registrierte er sehr wohl, dass es nur eine große Decke war, nicht zwei. Er weigerte sich allerdings, über diesen Fakt nachzudenken. Nachdenken hatte ihm bis hierher nicht viel genützt. Er machte wieder drei Schritte in Richtung Tür. Die Steifheit des Federbettes um seine Schultern und das Kissenpolster vor dem Bauch gab ihm das Gefühl eine Rüstung zu tragen, wenn auch eine lächerliche. Ein letztes Mal sah er sich im Raum um. Diesmal auf der Suche nach einer möglichen Waffe. Einem Kerzenständer, einer Flasche, einer Hantel vielleicht. Nichts. So unbewaffnet konnte er da unmöglich rausgehen.

Er schwenkte ab in Richtung Balkon. Er öffnete die Tür und trat nach draußen. Er beugte sich über die Brüstung um zu sehen, ob sich nicht doch ein Weg finden ließ, nach unten zu klettern. Es fand sich keiner. Er drehte sich und sah am Gebäude nach oben, um zu prüfen, ob er vielleicht über das Dach entkommen könnte. Es war aussichtslos. Auf dem Nachbarbalkon – der Höllenhund.

Als wäre er auf Menschen abgerichtet, ging er auf ihn los. Mit einem kraftvollen Satz versuchte er, die Brüstung zu erklimmen. Er drückte sich das Kissen vors Gesicht, dann wieder vor den Bauch, dann vor die Brust. Der Hund konnte nicht über die Brüstung. Er ließ das Kissen sinken. Von seinen Lefzen schleuderte der Hund Geiferfetzen um sich, so rasend war er. Er aber wurde ganz ruhig. Was für ein dummer, armseliger Hund das war. Er hielt das Kissen nur noch an einem Zipfel, der gegenüberliegende streifte den Boden. Er wandte sich dem Tier zu und sah im direkt in die Augen. Das irritierte den Hund. Er hielt kurz inne, dann verstand er die Provokation des Fremden. Sein Nackenfell stellte er zum Hahnenkamm, seine Vorderläufe hängte er bis zu den Knien über das Balkongeländer. Er zog seine Lefzen so hoch, dass sein eindrucksvolles Gebiss bis zu den Backenzähnen zu sehen war. Er knurrte ein tiefes, dunkles Knurren. Der Fremde stand da und starrte dem Tier in die Augen. Solange, bis der Hund einsah, wie verzweifelt hoffnungslos und gnadenlos lächerlich seine Drohung war. Solange, bis er endlich Ruhe gab, und sich setzte. Eine Windböe trieb Schnee vom Dach. Der Fremde blieb regungslos stehen. Der Schnee schmolz zwischen in seinen Nackenhaaren. Er wischte ihn beiseite. Er hatte keine Lust auf einen kalten, theatralischen Tropfen, der ihm wie eine eisige Fingerspitze unter dem wärmenden Federbett den Rücken hinab fuhr. Der Hund legte sich auf den Boden und rollte sich ein, den Blick demonstrativ Richtung Hof gewandt. Als im Bürogebäude gegenüber ein Fenster geöffnet wurde und zwei Frauen zum Vorschein kamen, von denen eine herzhaft lachte und die andere freundlich winkte, wandte sich der Fremde ebenfalls ab und ging nach drinnen. Der König verließ den Balkon vor den Augen des Volkes. Der König musste Pinkeln.

Er suchte nach einer Vase, einer Topfpflanze, einer leeren Flasche. Er wollte nicht ins Wasserglas urinieren. Sein Blick fiel auf den Kristallaschenbecher auf dem Nachttisch. Er ging hinüber und hob ihn an. Er nickte. Das Gewicht des Aschenbechers, seine spitzen Ecken und seine Kühle gaben ihm das erleichternde Gefühl, nun endlich wehrhaft zu sein. Erst kürzlich hatte eine Frau ihren Mann mit seinem Aschenbecher erschlagen, das hatte er irgendwo gelesen. Er las alles. Seit ihm in der Bank ein Arbeitsplatz zugewiesen worden war, dessen Bildschirm von niemandem eingesehen werden konnte, verbrachte er den Großteil seiner Arbeitszeit mit dem Lesen von Nachrichten im Internet. Ihm entging nicht, wie seine Gedanken abschweiften. Er kannte sich gut genug um sich nicht darüber zu wundern. Er wollte da nicht rausgehen. Er fürchtete sich davor. Angst ist ein guter Ratgeber, sagt Mira. Angst zeigte dir, welchen Weg du zu gehen hast. Sein Weg führte durch die Flügeltür.

Unter dir (Teil 1)

Mit einem Schwung, den ich mir mühsam über die letzten Jahre antrainiert habe, rutsche ich unter das Bett. Ich schiebe meinen Hintern auf dem glänzenden Linoleum hin und her, bis ich das Gefühl habe, genau unter deinem Körper zu liegen. Ich schließe die Augen, achte auf das surrende Geräusch deiner Atemanlage und höre einen ungewohnten Ton heraus. Sofort versuche ich anhand deines Atems herauszufinden, was dir in den letzten 24 Stunden passiert sein könnte. Damit ich deine passende Frequenz schneller finde, halte ich meine Atmung an. Meist gelingt es mir so, schnell in deinen Rhythmus einzudringen. Nur manchmal bockst du. Aber gegen meine Yogaübungen, die ich nur für unseren gemeinsamen Rhythmus zu Hause übe, bist du völlig machtlos. Warum es mir diesmal nicht gelingt, kann ich nicht sagen, bringe es aber zum einen mit meiner Chefin in Zusammenhang. Zum anderen damit, dass wir beide heute unseren besonderen Tag haben und ich seit dem Morgen aufgeregt bin. Bei dem Gedanken an unsere besondere Nacht, schiebe ich meinen Körper unruhig auf dem gebohnerten Fußboden hin und her und stoße mich mit dem Knie an einer der Querstreben des Bettes. Ich fluche. Um mich von dem Schmerz abzulenken, klopfe ich mit den Fingern abwechselnd Morsezeichen an das blöde Metallgestell. Dabei fällt mir ein, dass du es warst, der mich damals auf die Idee mit dem Morsen gebracht hatte. Immer wenn ich dich fragte, mit wem du bei den Pfadfindern morst und ob auch Mädchen mitmachen, fühltest du dich genervt. Und das brachte mich auf die Idee, mich ebenfalls dort anzumelden, um dich bei deinem Schweinskram mit den anderen Mädels auf frischer Tat zu ertappen.
Ich werde müde und klopfe lauter und schneller an das Metallgestell. Manchmal fange ich unter dem Bett liegend, zu Schnarchen an. Vor deinem Unfall hattest du mir in unseren Nächten oft vorgeworfen, zu schnarchen. Alte Schnarchguste, hattest du zu mir gesagt. Du schnarchst wie meine Oma. Beleidigt gab ich dir jedes Mal einen Klaps auf deinen muskulösen Hintern und sagte, dass deine Oma tot ist und ich lebe. In manchen Nächten werde ich von der eintönigen Büroarbeit schlagartig müde und muss hier unten aufpassen, nicht doch einzuschlafen. Dann frage ich mich jedes Mal, wie das alles enden soll, wenn wir beiden irgendwann ein altes Ehepaar sind.
Ich gähne und baue dir meine heutigen Tageserlebnisse vorsichtig in den Rhythmus des Atems hinein, den ich vorgebe. Ich sage dir, dass ich glaube, dass meine Chefin ahnt, dass ich jede Nacht zu dir gehe. Glücklicherweise kann sie es aber nicht beweisen. Deswegen, glaube ich, gibt sie mir in der letzten Zeit zum Feierabend neue Aufgaben. Ich hoffe sehr, dass sie schwanger wird. Wenn es geht Zwillinge oder gleich Drillinge. Dann hat sie massig Scherereien und lässt mich in endlich Ruhe.

Das Schlüsselgeklapper beendet meine Unterhaltung an dich und schiebe mich näher an die Wand. Dabei stoße ich mich an der Schulter. Die Tür geht auf und eine Stimme erzählt überlaut, dass sie jetzt hier wäre und du dich jederzeit melden könntest, wenn du etwas benötigt. Sie sagt das Wort jederzeit in einem vertraulichen Ton, der mir einfach nicht gefällt. Trotzdem bin ich froh, dass die Schwester mit der überlauten Stimme und dem Schlüsselgeklapper heute Nachtdienst hat. Sie steht über das Bett gebeugt und scheint dich zu streicheln, zumindest kommt es mir hier unten an meiner linken Wange und auf der Stirn so vor. Es krabbelt. Mit einem lobenden Satz über den sauberen Nachttisch geht sie zur Tür zurück und dimmt das Licht. Lobende Worte spricht nur diese Schwester. Das gefällt mir an ihr. Auf einmal habe ich den Wunsch, sie näher kennen lernen zu wollen. Früher, als ich begann, mich unter das Bett zu dir zu legen, um nicht mehr in den Nächten allein zu Hause zu sein, hatte ich sie wie alle anderen Schwestern gründlich beobachtet und viele Notizen in meine Karteikarten eingetragen. Tagsüber war ich ihr müde hinterhergelaufen und wusste recht schnell wie sie heißt, wo sie wohnte, was sie alles einkaufte, mit wem sie rumlungerte und wohin sie in den Urlaub fuhr. Bei keiner anderen Schwester habe ich jemals soviel Mühe aufgewandt. Ich weiß auch, dass sie, wie ich, keine Geschwister hat und allein bei ihrer Mutter lebt und manchmal deren teures Auto fährt. Und ich weiß, dass sie immer noch keinen Freund hat. Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ob ich ihr einen Freund suchen sollte. Ich hatte für sie Annoncen aufgegeben und ihr über Wochen hinweg die Briefe unter den Scheibenwischer geschoben, in der Manteltasche oder einem ihrer fremdsprachigen Reiseführer versteckt. Genützt hatte es aber nichts. Soweit ich weiß, hat sie nie einem der vielen Bewerber zurück geschrieben. Da hatte ich ihr dann die Liebesbriefe, die ich dir in der Schule geschrieben und in deiner Schultasche versteckt hatte, einfach abgeschrieben. Zum einen um sie endlich mit einem netten Mann zusammenzubringen, denn unbemannte Schwestern sind so ziemlich das Gefährlichste was es gibt. Und zum anderen, weil sie doch immer so lieb zu dir ist. Aber nachdem sie in der Kantine allen erzählt hatte, dass ihr eine unnachgiebige Lesbe Liebesbriefe schriebe, lies ich die Schreiberei bleiben. Ich vermute, meine Handschrift hatte mich damals verraten. Im Verstellen war ich leider noch nie gut. Von jeher mag ich keinen Fasching, kein Ostereiersuchen und auch kein `Ich-sehe-was, -was-du-nicht-siehst`.
Was macht sie da bloß? Sie hantiert immer noch am Bett. Das dauert heute länger als sonst. Ich sehe auf ihre Schuhe, sie hat immer noch ihre alten Birkenstockdinger an. Seit ich ihre Füße hier unten sehe, trägt sie diese alten ausgelatschten Dinger. Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten ein paar neue Wichteln. Das gäbe eine schöne Verwirrung. So etwas kann ich gut. Verwirrungen stiften, ja das mag ich sehr. Welche Größe sie hat, habe ich in meinem Merkbuch eingetragen. Es ist ca. die 40. Beim Gedanken ans Wichteln, sehe ich, dass sie die Fußnägel knallrot lackiert hat. Ich schüttle den Kopf und bin mir sicher, dass ich ihr doch noch einen Mann besorgen muss. Dich bekommt sie jedenfalls nicht!
Endlich öffnet sie die Krankenzimmertür. Sie dreht sich nochmal um, hält dir die ausgestreckte Hand entgegen und macht einen ihren üblichen Luftküsse. Früher machten mich ihre Luftküsse rasend und ich wollte in die Verwaltung gehen und protestieren oder ihr zumindest in die Waden treten. Aber dann hatte ich mir gedacht, dass sie es sowieso abstreiten würde und ich es ja auch nicht beweisen könnte ohne mich dabei zu verraten. Schließlich hatte mich die Angst abgehalten, sie könnte dir etwas antun, oder zumindest nicht mehr so freundlich zu dir sein. Und das wollte ich dir auf keinen Fall zumuten. Manchmal empfand ich ihre Luftküsse auch als eine Art Liebenswürdigkeit und ich war mir nicht sicher, ob sie diese Luftknutscherei auch mit anderen Patienten machte, denn dann wäre sie ein Miststück, oder ob sie diese Liebelei nur mit dir machte, dann war es ihre Art von liebenswürdiger Aufmerksamkeit für dich. Durch meine jahrelange Beobachtung war ich eher der Meinung, dass es Aufmerksamkeit ist. Egal. Ich wusste vom allerersten Tag unserer Beziehung, dass ich höllisch auf dich aufpassen muss. In der Schule, wenn du halb angezogen vom Sport kamst, drängelten sich unsere Klassenkameradinnen um dich, trugen dir die Sporttasche und den Rest deiner Kleidung hinterher oder wollten mit dir ins Schwimmbad gehen. Am Schlimmsten war es, wenn du aus dem Musikunterricht kamst und verträumt vor dich hinschautest. Die Mädchen wollten dann von dir wissen, was du im Unterricht gespielt hattest, was für ein Instrument sich im Beutel befand und ob sie mit dir mal am Abend ein paar Stücke üben durften. Seit ich das mitbekam, wartete ich vor der Schule und begrüßte dich vor allen Mädchen der oberen Klassen, in dem ich dich umarmte. Anschließend ging ich mit dir Hand in Hand Eis essen oder nach Hause.

Mit einem Schwung kullere ich mich unter dem Bett hervor. Ich ziehe mich langsam am Gitter hoch und begrüße dich mit einem überlauten Kuss. Ich mag dieses schmatzende Geräusch, das die Stille in dem wenig beleuchteten Raum beendet und mich unmissverständlich bei euch drei Patienten ankündigt. Manchmal küsse ich dich so oft und so laut und verlängere dabei die Geräusche, bis ich keine Luft mehr bekomme oder Angst habe, du könntest davon aufwachen oder die Schwestern könnten ins Zimmer kommen.
Ich öffne den Nachttisch und krame den großen Silberkamm, den ich mir von dir von unserer ersten gemeinsam besuchten Haushaltauflösung erbettelt hatte und mit dem ich stundenlang alle Haare deines Körpers kämmen konnte, aus dem unteren Fach. Weil du es wahnsinnig geliebt hast, stelle ich mich vor dir auf und kämme mit dem Silberkamm in Zeitlupe durch meine Haare. Dabei drehe ich dir den Rücken zu, schaue über die Schulter und binde die durchgekämmten Haare zu einem Dutt zusammen. Ich strecke meinen Po zu einem Entenhintern heraus, wackle im Watschelschritt eine Runde um den Nachttisch herum und mache dabei das Geräusch einer Ente. Ich stelle mich wieder vor dir auf, schüttle den Kopf und wühle mit einer wischenden Handbewegung deine brave Frisur durcheinander. Ich mag sie nicht. Ich mag die langweiligen Frisuren, die sie dir hier kämmen, überhaupt nicht. Stundenlang habe ich den Schwestern erklärt, dass ich keinen Mittelscheitel, Seitenscheitel oder sonst so einen Opakram haben will; aber keine hat jemals auf mich gehört. Vor Wut frisiere ich dein schwarzes, lockiges Haar wild durcheinander, kämme dir sexy Haarsträhnen über die Augen bis zur Nase und kitzle dich mit deinen eigenen Haarspitzen. Irgendwie bekomme ich jetzt, wo du wieder die tolle, wilde Frisur aus unserer Campingzeit hast, den Wunsch, dir einen megafetten Knutschfleck zu verpassen. Ich beginne exakt an der Stelle unter deiner sichelförmigen Narbe meine Lippen aufzulegen und zu saugen, an der ich mich früher gern zu schaffen gemacht habe. Ich finde deine Haut riecht heute wieder nach Krankenhaus. Sicherlich hat dich am Morgen die ältere Schwester gewaschen. Sie nimmt ständig die Krankenhauskosmetik, obwohl ich es ihr hundertmal verboten habe. Ich rieche noch einmal über deine Krankenhaushaut und öffne mein kleines Fläschchen, das ich mir eigens für diese Momente zugelegt habe und am Hals in einer deiner vielen handgefertigten Lederhüllen unter dem T-Shirt trage. Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke und dein Hemd um die Schläuche herum. Ich tropfe einzelne Tropfen aus dem Fläschchen zuerst auf deine Stirn, auf deine Augenlider, auf deine beiden Brustwarzen, in deinen Bauchnabel, auf die beiden Hoden, die Armbeugen, auf jeden Finger, auf deine Oberschenkel, die beiden Knie und zum Schluss auf jede deiner Zehen. Ich tropfe, bis das kleine Fläschchen völlig leer ist. Mit den Fingerspitzen verreibe ich die Flüssigkeit auf deinem immer noch schönen Körper. Ich schließe die Augen, lege mein Ohr auf deine linke Brustwarze und lausche dem Rhythmus deines Herzschlages. Zufrieden atme ich tief ein und rieche an deiner weißen und nun gut duftenden Haut. Da ich mich auch heute nicht benehmen kann, strecke ich die Zunge heraus, lecke an deiner Haut und habe Lust dir endlich den überfälligen Knutschfleck zu verpassen. Knutschflecke konnte ich schon immer schöne machen. Die wurden bei mir besonders bunt und blieben lange bestehen. Dafür war ich in der Schule berühmt. Ich glaube, mein erster Freund hatte sich deswegen geschämt und ist auch deswegen weggerannt. Ich hole noch einmal tief Luft und sauge an der Stelle, an der ich für gewöhnlich früher meine Knutschflecke hinknutschte. Ich weiß, dass du Küsse magst und dass du auch das Machen der Knutschflecke liebt. Und ich weiß, dass du früher dabei eine Erektion hattest und vorschnell kamst. Manchmal schob ich meine Hand vor dein Glied und wartete bis es bei dir losging und alles auf meiner Hand landete. Ich wusste vom ersten Tag an, dass wir uns lieben und für immer zusammengehören. Und vom allerersten Tag an, wusste ich auch, dass ich es niemals zulassen würde, dass uns irgendwer ungestraft auseinanderbringt.
Ende Teil I

Umklammert

Klammeraffe, Affentanz, Tanzschritte, Schritte des Unterrichts, Wie mache ich guten Unterricht? Unterrichtsheft, Heft dreizeilig A5 für Schulausgangsschrift, Schriftbild, Bilderrätsel, rätselnder Blick, blickdichte Strumpfhose, Hosenstall, Stall mit doppeltem Mitlaut, Lautstärke, starke Arme, eine Armlänge zu schnell, Schnelldenker, Denkzettel, Zettelwirtschaft, Wirtschaft mit „t“ am Wortende, Wortspiel, Spielregeln, Regelverstoß, Verstoß gegen die Hausordnung, Ordnung muss sein, Sein oder Haben, Habenicht, nicht schlafen, Schlaftablette, Tablette mit „b“, Buchstaben, Stabrechnen, Rechenbuch, Buchumschlag, Umschlagverschmutzung, Schmutznase, Naseweiß, Weißabgleich, 2×3 gleich sechs, Sechser im Lotto, Lottozahlen, Zahltag Erdbeermilch, Milchbubis, Bubenstreiche, Streichwurst auf Pausenbrot, Brotbüchse mit Abziehbildchen, Bilder zum Einstieg, Einstiegsdroge Ritalin, Ritalin statt Förderung, Fördermaßnahme, Maßnahmenkatalog Störungen im Unterricht, Unterrichtsfächer, Fächer und Fenster auf, Aufnahmeverfahren, verfahrene Situation, Situation nicht gewachsen, Wachsbuchstaben auf Kindertorte, Tortenschlacht, Schlachtplan, planlos, Lostrommel, Trommelwirbel, Wirbeltiere, Tiernamen, Namenwörter, wortlos.

Soweit mein Auge reicht

In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen und stand müde und unruhig vor der gewohnten Weckzeit auf. Ich fuhr in die Kühlanlage der Schlachterei, in der ich seit über 45 Jahren fehlerfrei arbeitete, schaltete die Lichtanlage an und nahm das Fleisch für den Tag heraus. Vorsichtig begann ich das erste Schwein zu filetieren. Ich legte die Rippenbögen frei, trennte die Schulterteile ab und schnitt Lunge und Magen aus dem Bauchraum. An der Blase machte ich eine Pause. Für gewöhnlich machte ich an dieser Stelle immer eine Pause, bevor ich die weiteren Innereien behutsam herauslöste. An diesem Morgen genoss ich das Herauslösen der Innereien besonders, speziell der Blase. Ich hielt die blutverschmierte Blase in das Neonlicht, spülte sie lauwarm aus und tupfte die Wasserreste sorgfältig auf. Dabei schwitzte ich. Manchmal schwitzte ich so sehr, dass einzelne Tropfen von meiner Stirn auf die Blase oder gar in sie hineintropften. Das fand ich jedes Mal eklig, wahnsinnig eklig. Wenn das passierte, säuberte ich sie nochmals; eine schweißverdorbene Blase durfte ich auf gar keinen Fall in mein Haus bringen. Deswegen achtete ich an diesem Morgen besonders auf meinen Schweiß und tupfte, sobald ich ihn bemerkte gründlich mit meinen Fingern über die Stirn. Ich faltete die Blase und legte sie in meinem Taschentuch nach einem jahrelang erprobten Prinzip zusammen. Vorsichtig steckte ich das Taschentuch in die linke Hosentasche. Ich steckte die Blasen immer in die linke Tasche. Links und nur links; etwas anderes kam für mich nicht in Frage. Warum ich das tat, wusste ich nicht, fühlte mich aber dabei wohl. In letzter Zeit tat ich immer häufiger das, was die Psychotante seit meiner Kindheit vorbetete: immer nur das zu tun, was mir Spaß macht.

Nachdem ich die Blase in die Hosentasche verstaut hatte, konnte ich das Arbeitsende kaum erwarten. Die Mittagspause verbrachte ich Zigaretten rauchend auf dem Werkhof. Ich zählte fingerhebend immer wieder die einzelnen Gehwegsteine, die ich vorher grübelnd nach einem bestimmten Ritual auf- und ablief. Wie an solchen Tagen üblich, konnte ich nur wenig essen und musste öfter als sonst die Toilette benutzen. Als mein Chef „Feierabend“ rief, fuhr ich nicht meinen täglichen Weg zur Kirche, sondern gleich nach Hause. Ich warf die Autotür zu ohne sie zu verschließen, öffnete hastig die Haustür, schielte mit einem flüchtigen Blick in den fast immer leeren Postkasten und rannte schnaufend in die obere Etage meines geerbten Elternhauses. Durch die Gardine sah ich hinüber auf das penibel gepflegte Grundstück meiner neugierigen Nachbarin. Diese Frau beobachtete mich seit meiner Kindheit mit halb zusammen gekniffenen Augen durch ihre immer gleiche ovale orangefarbene Hornbrille hinter einer Hecke stehend, beim Straßefegen oder beim Blumen verschneiden; zuerst mit ihrem meckernden Mann und, seit der endlich tot ist, allein. Neugierige Menschen konnte ich noch nie leiden, weder die Neugierde meiner Eltern, die ständig in meiner Abwesenheit mein Zimmer durchschnüffelten, noch die Neugierde meines neuen Chefs, der heimlich meinen Spind in meinen freien Tagen durchwühlt. Gegenüber der Neugierde der Nachbarin fühlte ich mich genauso machtlos, wie damals gegenüber den Schnüffeleien meiner – endlich verstorbenen – Eltern oder meines – immer noch lebenden – Chefs. Mit einem Ruck zog ich die Jalousie herunter und blickte noch einmal kurz durch die Lamellen. Da mir die Erinnerung an die Vergeltungsaktionen gegen die Neugierigen unangenehm war, legte ich mich auf den Fußboden. Ich streckte die Arme und Beine erst in die Luft und danach auf dem Fußboden auseinander und hauchte, wie von meiner Psychotante empfohlen „Mir geht`s gut!“, in den Raum. Langsam schob ich meine Hand in die linke Tasche und holte vorsichtig das Taschentuch heraus. Ich spürte wie die Wärme von meinen Beinen in den Kopf strömte. Ich hielt das Taschentuch in die Luft, drückte dem Stoff einen lang gezogenen Kuss auf, legte ihn auf meinen Körper und atmete tief ein und aus, dass mein Bauch sich wölbte und zusammenzog. Mit einem Schwung stand ich auf und legte das Taschentuch exakt in die Mitte des Tisches. Ich zog die kleine silberne Spülschale unter dem Tisch hervor, nahm die Konservierungsmittel aus dem Wandschrank, holte das dazugehörige Sezierbesteck aus dem Kunstlederköfferchen, stellte die OP-Lampe auf den Tisch, setzte meine beleuchtete Lupenbrille auf und richtete den Lichtstrahl auf das Taschentuch. Als wollte ich mein tägliches Nachtgebet sprechen, legte ich meine Hände ineinander und kniff danach die Finger so fest zusammen, dass sie zu schmerzen begannen. Ich faltete das Taschentuch auseinander und tupfte meine verschwitzte Stirn sauber. Ich nahm das Besteck und begann die Blase lehrbuchmäßig zu konservieren. Prüfend hielt ich sie immer wieder zwischen den einzelnen Handgriffen in das starke Licht der OP-Lampe und begutachtete aufmerksam die Äderchen, die die Haut überzogen. Eine schadhafte Blase durfte ich auf keinen Fall in meinem Haus haben. Auf gar keinen Fall. Meine Blase musste perfekt sein.
Nachdem ich mit der Konservierung fertig war, umwickelte ich die Blase mit einer Angelsehne. Ich nahm die Leiter aus dem Schrank und stieg fünf Stufen hinauf ich hob die Blase feierlich nach oben und hängte sie an die Decke. Dabei rief ich „Wunderschön! Einfach Wunderschön!“. Es war der letzte freie Platz in meinem Kinderzimmer. Der allerletzte. Endlich! Ich sprang von der Leiter, knipste die farbige Lichtanlage an und stellte mich mit geschlossenen Augen in die Mitte des Raumes. Ich genoss den Gedanken an den Moment in dem ich alle alabasterfarbenen Blasen beleuchtet sehen konnte. Ich blinzelte und öffnete, weil ich es einfach nicht mehr aushielt, die Augen. Ich hielt die Hände wie mein geliebtes Vorbild, Johannes Paul, nach oben und freute mich über den wunderbaren Anblick. Es war wie in der Tropfsteinhöhle, als ich meine Eingebung hatte. Ich bin mir nicht sicher, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nur deswegen Metzger geworden, ich bin nur Metzger geworden, weil ich mich damals in einer Tropfsteinhöhle verlief. Heute war mir diese Frage völlig egal. Heute waren mir alle schlechten Träume der letzten Jahre, die mir Nacht für Nacht Sorge bereiteten, unwichtig. Ich glaube, ich war glücklich. Vielleicht war ich so glücklich wie nie in meinem Leben. Obwohl ich wusste, wie viele Blasen an der Zimmerdecke hingen, begann ich sie laut und in die Länge gezogen zu zählen. Feierlich sprach ich die einzelnen Zahlen. Erst als ich bei der letzten Blase angelangt war und leise die Zahl „Sechshundert“ zählte, beruhigte ich mich etwas. Ich legte mich wieder auf den Fußboden und spreizte Arme und Beine. „Sechshundert“, flüsterte ich schläfrig, dabei streckte ich die Finger zur Zimmerdecke. „Sechshundert“, flüsterte ich kaum hörbar und drehte mich auf die Seite. „Fünfhundertsiebenundneunzig Schweineblasen soweit das Auge reicht!“
Ich spürte, an diesem Abend musste ich irgendetwas Besonderes anstellen, etwas völlig Außergewöhnliches, irgendetwas, zum Beispiel endlich wieder einmal ins Kino gehen und danach Pizza essen oder ein kleines Bier trinken. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie es aussehen würde, wenn Schweineblasen von der getäfelten Zimmerdecke hingen, wenn Schweineblasen im teppichausgelegten Flur, in der marmorgefliesten Küche, wenn meine Schweineblasen überall im gesamten Haus an durchsichtigen Angelsehnen herunterhingen. Zum ersten Mal empfand ich kein unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken das Haus in eine große, dunkle, kalte Tropfsteinhöhle zu verwandeln.

Wieder stellte ich mir die Frage, warum die zwei Nächte in der Tropfsteinhöhle eine Strafe Gottes auf mein sündenbehaftetes Leben gewesen sein soll und ob meine Eltern und auch der Nachbar aus der Kirchgemeinde wirklich damit recht hatten.

Ich stieg noch einmal die Leiter hinauf und schlug auf die ersten drei Blasen und fluchte: „Von Dir, von Dir und von Dir lasse ich mich nicht mehr einsperren!“

Von wegen Arbeit

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer an meinem Arbeitsplatz und will arbeiten. Du sitzt mir mit baumelnden Beinen auf der Schulter und grinst. Du hast recht: Ich arbeite nicht und ich werde heute nicht arbeiten, denn ich bin müde, ich bin fahrig und ich will es zu sehr.

Als ich mich letzten Sonntag nach dem Mittagessen zum Arbeiten zurückziehen wollte, sagtest du – die Spülbürste in der einen und den schmutzigen Teller in der anderen Hand: „Das ist Arbeit. Abwaschen ist Arbeit. Kartoffeln schälen. Einkäufe übers Band ziehen. Aber wenn du Arbeiten sagst, meinst du Schreiben. Schreiben ist doch keine Arbeit.“

Wie heute saß ich daraufhin eine Stunde an meinem Arbeitsplatz in meinem Arbeitszimmer und schrieb nicht. Ich war beleidigt, ich war wütend und ich fand, dass du unrecht hattest: In einem einzigen Jahr schreibe ich einundsechzig Artikel und vierzehn Kurzgeschichten. Für einige davon, brauche ich mehrere Wochen, auch wenn du ihnen das nicht anmerkst. Ich lektoriere einen fremden Roman und fange einen eigenen an. Ich versichere dir, dass das sehr wohl Arbeit ist. Nur jemand, dessen Schreiben sich im Verfassen von Eingaben und im Anlegen von Einkaufslisten erschöpft, kann finden, Schreiben sei keine Arbeit.

Dies sagte ich dir, als ich mein Arbeitszimmer aufschloss, mitten in dein freundliches Gesicht. Aber statt dich zu empören, hast du dich auf den Esstisch gesetzt, die Pantoffeln einige Zentimeter über dem Parkett baumeln lassen und erklärt: „Wenn man arbeitet, arbeitet man für ein Resultat: saubere Teller, Kartoffelklöße, Geld für die Miete. Aber wenn du schreibst? Du schreibst doch nicht, damit du fertig wirst. Das würde auch gar keinen Sinn machen, denn überhaupt mit dem Schreiben anzufangen ist ja dein freier Wille. “
Nachdem ich dich an meinem Fingern abzählend darüber belehrt hatte, dass es 1.) „Sinn ergeben“ und nicht „Sinn machen“ heißt und dass Sinn 2.) eine Erfindung der Menschheit ist und der freie Wille – das war 3.) – nach dem Stand der Forschung auch, ging ich eine Stunde mit der Hündin spazieren oder sie mit mir, denn ich war es, der ihr hinterher trottete. Ich ärgerte mich, ich fror und mir gefiel nicht, dass du Recht hattest: Wenn ein Text am Sonntag fertig ist, dauert die Freude darüber bis ungefähr Mittwoch. Sie verblasst wie das Erholtsein nach einem Urlaub. Sie geht auf oder über in: Aufstehen, Hunderunde, Erwerbsarbeit, Hunderunde, Abendessen, Fernsehen, Hunderunde, Schlafen. Dagegen hilft: Schreiben. „Ich schreibe fürs Schreiben!“, zeterte ich, „Denn der Weg ist das Ziel!“ Meine Hündin blieb ratlos stehen und drehte sich langsam nach mir um. Das Stöckchen flog weiter als sonst.

„Du verstehst nicht, was ich tue.“, sagte ich beim Schuhe ausziehen statt Hallo.
„Aber du verstehst es? Hast du Kuchen mitgebracht?“
„Und ob. Gilt für beide Fragen.“

„Darf ich?“ wolltest du wissen, als wir saßen. Ich dachte, du meintest den Kuchen und nickte irritiert, aber nein, du meintest das Wort; auch gut, bitte. Ich ertrug, wie du das Schreiben als mein Hobby bezeichnetest und es mit anderen Hobbies, zum Beispiel dem Modelleisenbahnbau verglichst, für den man eben Muse und Konzentration brauche. Ich schwieg, als du Worte wie „Fantasiereisen“, „Rollenwechsel“ und „Erlebnisbewältigung“ aussprachst, aber ich stöhnte, als du mir die banale Suche nach Applaus unterstelltest, was mitnichten damit zu tun hatte, dass ich mich ertappt fühlte, sondern lediglich damit, dass ich hart auf einen Kirschkern biss.

Freilich, das zu hören gefiele mir nicht, fuhrst du fort, aber wenn ich diese Wahrheit endlich annehmen könnte, wäre ich bestimmt entspannter und müsste mich nicht länger mit täglichen Schreibzeitfenstern quälen, sondern schriebe nur noch dann, wenn mir danach wäre. Das würde meinen Texten sicher nicht schaden; nichts gegen meine Texte, die würden dir gefallen, aber vielleicht gelte in Fachkreisen auch hier Qualität vor Quantität.

Allerdings, aber das wisse ich hoffentlich, würden mich bessere Texte auch nicht zu einem besseren Menschen machen; ich sei ein guter Mensch, auch ein wertvoller, dass müsse ich niemandem beweisen. Du beispielsweise liebtest mich ja nicht wegen meiner Texte, vielmehr – ich dürfe dir das nicht übel nehmen – würde dir die ewige Schreiberei zuweilen einiges an Toleranz abverlangen.

Ich spuckte den Kirschkern auf den Teller damit es klirrte und danach endlich Ruhe war. Erschrocken sahst du mich an. Ich hielt deinen Blick; wer zuerst zwinkert hat verloren; du zwinkertest, ich gewann, ich gewinne immer.

Heute gewinnst du: Ich streiche dich von meiner Schulter, klappe den Rechner zu, schließe mein Arbeitszimmer ab und lasse mir ein Bad ein.

„Und was ist mit den Geschichten?“, fragte ich dich am letzten Sonntag, nachdem auch ich die Augen nicht mehr offen und die Lippen nicht mehr geschlossen halten konnte.
„Welche Geschichten?“, wolltest du wissen.
„Na, die von dem Vögelchen, das in meiner Jackentasche lebt, zum Beispiel.“
„In deiner Jackentasche? Ein Vogel? Erzähl!“

Die Sprachspielerin

Noch in der Hängematte sitzend, überlegt die Sprachspielerin, welche ferne Kultur sie sich für den Sonntag ausdenken möchte. Wahllos plappert sie Lautgebilde in verschiedenen Tonlagen ineinander und übt die dazugehörige Gestik und Mimik. Ist sie damit fertig, klettert die Sprachspielerin aus der selbst geflochtenen Schlafschaukel zwischen den deckenhohen Papppalmen herab und denkt sich die dazu gehörige Speise aus. In ihren großen Töpfen rührt sie die Zutaten zusammen und übt nebenbei ihre frisch erfundene Wochenendsprache.

Wird es Abend, holt sie die passende Verkleidung aus dem Schrank, schminkt sich ausgiebig, zieht eine ihrer unzähligen Perücken über den Kopf und steckt farbige Ringe und Armbänder an. Als fremdländische Besucherin stolziert sie für alle geschwätzigen Nachbarn gut sichtbar langsam auf der Treppenanlage des ererbten Elternhauses auf und ab. Wie in ihren Kindertagen stolpert sie scheinbar hilflos die dunkel werdenden Straßen entlang. Kommt sie außer Puste an die Haltestelle, greift sie sich ans gepuderte Doppelkinn oder kratzt ihr grau meliertes kurzes Haar unter der Perücke. Geräuschvoll reibt sie mit den vielberingten Fingern an der Glasfläche des Fahrplanes. Spricht sie einer der Wartenden an, verneigt sie sich verlegen und beginnt im gekünstelten Tone hastig zu stottern. Im grammatikalisch falschem Deutsch fragt sie nach dem Weg zum Krankenhaus in dem sie arbeitet, erkundigt sich nach der Stadt in der sie seit ihrer Geburt wohnt oder nach dem Flugplatz, den sie noch nie benutzt hat und auch niemals zu betreten beabsichtigt. Generös öffnet sie ihre große Handtasche und holt selbst gestaltete Geldscheine heraus, die stets bei sich trägt. Für jede Antwort verschenkt sie einen bunten Schein. Wortlos steigt sie in die Bahn, winkt den Wartenden mit einem Lächeln zu und fährt davon.

Gelangt die Sprachspielerin am Sonntagabend zur Tatortzeit ins Krankenhausgelände, klopft sie ans Fensterchen des Pförtners und begrüßt ihn mit ihrer eigens entwickelten Wochenendsprache. Sie übergibt ihm Zettel mit Vokabeln oder Grammatikübungen und erklärt ihm geduldig die von ihr neu entwickelten orthografischen Finessen. Es gibt Mitarbeiter die immer wieder behaupten, dass die fremdländische Besucherin nur dann nachts in Erscheinung treten soll, wenn der Pförtner einen seiner seltenen Wochenenddienste leistet. Hat die Sprachspielerin dem Pförtner ihr frisch erfundenes Land und ihre Verkleidung für den Abend ausführlich erklärt, wartet sie bei einem Pott schwarzem Tee und liebevoll verziertem Gebäck der Pförtnersfrau bis es im Turm des Mutterhauses endlich Zehn schlägt. Verlässt der Spätdienst die Stationen und klettert der Belieber am herabgelassenen Betttuch einer ungeduldig wartenden Schülerin ins Schwesternwohnheim hinauf, nimmt die Sprachspielerin den Schlüssel von der Wand und schließt die nach Reinigungsmittel riechende Wäscherei auf. Unbemerkt schleicht sie an der Besungenen vorbei, die Liebeslieder vor sich hinträllert und unentwegt in den meterhohen Haufen der verschmutzten Patientenwäsche nach Nachrichten wühlt, die an sie gerichtet sein könnten. Mitleidig schüttelt die Sprachspielerin den Kopf, stellt sich in den Fahrstuhl und fährt ins Dachgeschoss. Dort beginnt sie ihre Route, die sie immer nur zur Sonntagnacht absolviert. Sie schlüpft in dunkle Zimmer und unterhält sich mit Patienten über ihr fernes Land. Meist reicht sie ihnen eine angeblich landestypische Speise oder Wunder wirkende Essenzen seltener Kräuter in alkoholischen Auszügen. Dabei führt sie ihnen die mitunter sehr merkwürdigen Sitten und Gebräuche ihrer unbekannten Kultur vor oder massiert sie nach jahrtausendealten und absolut bewährten Heilmethoden. Immer wieder wird auch von unglaublichen Begebenheiten in den dunklen Patientenzimmern berichtet. Regelmäßig kommt es am darauf folgenden Morgen vor, dass sich Patienten für die schmackhafte Speise wortreich beim ungläubigen Koch bedanken. Einige der Patienten humpeln noch vor dem Frühstück in die Krankenhausbibliothek um in dicken Bildbänden nach dem unbekannten Land zu blättern. Und berichten Patienten zur Visite voller Freude von wilden Nächten und betteln sie im Anschluss nur noch von der unbekannten Nachtschwester gepflegt zu werden, verordnet der Stationsarzt umgehend Psychopharmaka und weist sie in die geschlossene Abteilung ein.

Seilt sich bei Sonnenaufgang der Belieber am Betttuch einer frisch abgeliebten Schülerin hinab und zieht die von ihm Beliebte seufzend das zerknitterte Laken wieder herein, beendet die Sprachspielerin abrupt ihren Rundgang. Sie schleicht durch den dunklen Keller zurück zur Wäscherei an der nun eingeschlafenen Besungen vorbei. Wieder erinnert sie sich, dass sie eine eigens verfasste Nachricht für die Besungene mitbringen und in den schmutzigen Wäschehaufen verstecken wollte. Mit dem ehrlichen Wunsche, diesen Vorsatz am kommenden Sonntag auf keinen Fall zu vergessen, schließt sie leise die Tür ab und eilt zum Pförtner. Sie hängt den Schlüssel an das Wandbrett und gibt ihm einen dicken Kuss für seine treue Verschwiegenheit. Sie nimmt die von ihm frisch ausgefüllten Übungsblätter entgegen und rennt zur Straßenbahnhaltestelle. Findet sie auf der Heimfahrt einen der Fahrgäste unsympathisch oder will sie dessen Platz in der überfüllen Bahn ergattern, rempelt sie ihn an und beschwert sich in ihrer Wochenendsprache laut über ihn. Aufgeregt verlangt sie den Ausländerbeauftragten oder gar die Polizei. Und nur wenn der Betreffende sich entschuldigt, setzt sie sich an dessen nun leeren Platz und knabbert geräuschvoll die von der Pförtnersfrau aufwendig verzierten Plätzchen. Danach schläft sie erschöpft ein. Kommt der schüchterne Kontrolleur vorbei und fleht er sie an, ihm doch endlich einen gültigen Fahrschein vorzuzeigen, plappert sie wieder so lange auf ihn ein, bis er auch an diesem Morgen heulend von ihr Abstand nimmt und beschämt die Bahn verlässt. Gähnend schaut sie dem Flüchtenden aus dem werbebeklebten Fenster hinterher.

Kommt sie zuhause an, setzt sie sich an den Frühstückstisch und isst die Reste der zubereiteten Patientenspeise. Mit fettigen Fingern blättert sie neugierig in den dicken Reisekatalogen, ohne jedoch den Wunsch zu verspüren jemals selbst eine der dort angebotenen Reisen antreten zu wollen.
Pünktlich zum Montagmittag fährt sie mit ihrem kaputten Fahrrad und in studentisch wirkender Verkleidung in die nahe gelegene Universität. Mit einem gut gefälschten Semesterausweis geht sie zu verschiedenen Vorlesungen. In der Mensa erklärt sie ausschweifend und unter Tränen dumm fragenden Studenten ihre frisch erfundene Heimat, die leider vom Rest der Welt immer noch nicht diplomatisch anerkannt wurde. Bei Seminaren, in denen sie eifrig mitdiskutiert, ist es mehr als einmal vorgekommen, dass Professoren resigniert die Kreide nach ihr warfen. Das hält sie aber überhaupt nicht davon ab, weiterhin zu ihren Sprachspielen ausführliche Hausarbeiten zu verfassen und namenlos in die überfüllten Postfächer der Professoren zu legen. Und sie ist mehr als zufrieden, wenn es eine ihrer unzähligen Arbeiten schafft, Gegenstand von Diskussionsrunden zu werden.

Kommt die Sprachspielerin am Abend ins leere Elternhaus zurück, holt sie eine Flasche Wein aus dem gut sortierten Weinkeller. Sie bürstet die unscheinbare Robe für den langweiligen Rezeptionsdienst aus, den sie seit Jahren in der Aufnahme des Krankenhauses unauffällig absolviert. Lustlos bügelt sie über das weiße Hemd, putzt die schwarzen Schuhe und steckt das messingfarbene Namensschild verkehrt herum an das Revers.
Angetrunken erklimmt sie mühsam die Papppalme und lässt ihren kräftigen Körper mit einem Tarzanschrei in die Hängematte fallen. Sie rollt sich zusammen und denkt an die schönen Stunden die sie mit dem Belieber in ihrem selbst gebauten Urwald erlebt hat. Sie schließt die Augen und bastelt weiter an der betörenden Liebessprache, die es dem Angesprochenen unmöglich machen soll, der Erzählenden zu widersprechen. Und sie weiß sehr genau, wem sie mit diese Sprache zuerst wehrlos machen wird. Damit es auch weiterhin ihr Geheimnis bleibt, tastet die Sprachspielerin in einen der vielen Beutel, holt ein breites Pflaster heraus und drückt es auf die plappernden Lippen.

Würde man den Pförtner nach ihr befragen, würde er die Hände ineinanderschlagen und antworten, dass es ihm bei aller Mühe immer noch nicht gelungen sei, herauszufinden, warum sie zu DDR-Zeiten keine Abiturprüfungen ablegen durfte. Nachdenklich würde er sich am Hals kratzen und flüstern, dass ihr Spiel spätestens nach seiner Pensionierung auffliegen wird.

abgebrüht

k1

krautkopf und rübe geraten quer beet,

schalottenbeschuss:

du sagst, du hättest die mütze auf,

der ofen, der spräche zu dir, schon wieder,

du könntest nicht anders, das wäre der hammel in dir,

also bleibe ich dünnhäutig sitzen und als reiche das nicht,

steh ich spalier auf meinem eigenen schlips,

denn es mundet mir sehr,

bin ich mir selbst der suppenhuntzelmann,

der vorher spuckt und nachher schlürft,

morgen dürftest du wieder ran,

sage ich als wäre es das salz der brühe.

k2

© Illustrationen Küche (I. und II.) von Elena Seubert

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung.

manches mal schon wurde ich gefragt, warum ich eigentlich immer alles kleinschriebe. das würde nerven. das wäre unleserlich. das entspräche nicht der norm. ja genau, antworte ich dann trotzig, es entspricht nicht der norm und das ist gut so.

argument eins. ich widersetze mich gerne der norm, auch wenn´s nur die rechtschreibenorm ist. für mich ist das ein ausdruck des widerstandes gegen gesetze.

viel entscheidender aber ist argument zwei. die großschreibenorm wird meiner meinung nach schlichtweg nicht benötigt, da selbst worte die als substantiv oder verb zugleich gelesen werden könnten und erst durch die entsprechende klein- bzw. großschreibung ihre bedeutung erhalten immer aus dem kontext erkennbar werden.

argument drei. andere sprachen machen es vor. im englischen ist kleinschreibung bis auf den satzanfang gang und gäbe. und selbst den satzanfang gilt es zu brechen, da dieser eineindeutig durch den punkt gekennzeichnet wird.

fazit. entscheiden darf immer noch jeder selbst. und ich muss zugeben, dass ich in offiziellen briefen auch die rechtschreibenorm einhalte und wohl als angehende deutschlehrerin kein loblied auf die stringente kleinschreibung singen darf, dennoch: im privaten bereich breche ich diese norm gern und werde sie so schnell auch nicht ändern.

einen wunderbaren kleingeschriebenen samstag wünscht euch /eure freundeunbekannte dina

Herr Auskunft

Schon in der Aufwachphase überlegt Herr Auskunft noch in seinem flauschigen Bette liegend, welche Informationen er für den beginnenden Tag abgeben möchte. Er gähnt in die dicken Kissen und murmelt zusammenhangslose Worte in den Raum. Verschlafen dreht sich Herr Auskunft auf die Seite und spielt mit den Fingerkuppen sanft über die Lippen. Blubbern weitere Worte heraus, formt er sie zu Sätzen zusammen. Er legt sich auf den Rücken, öffnet die Augen und schiebt die Hände unter den Kopf. Seelenruhig durchdenkt er das Geblubber und vermengt es mit den verbliebenen Erinnerungsfetzen seiner nebulösen Nachtträume. Und nur, wenn wenigstens zwei reißerische Nachrichten für den Tag entstehen, verlässt er sein kuschliges körperwarmes Bett. Anderenfalls bleibt Herr Auskunft trotzig zwischen den vielen aufgestapelten Kissen liegen, greift zum Telefon, das in auf dem Nachttisch steht, verstellt die Stimme und meldet sich mit starkem Halsweh oder einem Fieberschub krank.

Auf dem Weg zur Arbeit streut Herr Auskunft erste Informationen in den Fahrgastraum der Straßenbahn. Will er deren Wirksamkeit prüfen, spricht er den genervten Fahrer, rumklapsende Schulkinder oder prahlende Jugendliche an. Haben sie ihm die Information abgenommen, unterfüttert er diese mit weiteren Details. Dabei studiert er aufmerksam die Reaktion der Zuhörer. Konnte er sich einen ersten Eindruck über die Wirkung seiner Nachrichten verschaffen, verlässt er hastig den Wagon und eilt in den zweiten und dritten, um auch dort seine Nachrichten unter die müden oder morgenschwatzenden Fahrgäste zu bringen.

Gelangt Herr Auskunft nach der vielen Rumfahrerei endlich an die Krankenhauspforte, versucht er auch dem sprachfaulen Pförtner eine seiner vermeintlich heißen Nachrichten zuzuflüstern. Dieser schüttelt meist ungläubig den ergrauten Schopf, kratzt sich demonstrativ an der faltigen Stirn oder puhlt mit beiden Händen gleichzeitig in den abstehenden Ohren. Misswillig winkt er den säuselnden Herrn Auskunft unter der geschlossenen Schranke hindurch. Erscheinen ihm jedoch die Informationen absolut abstrus, öffnet er mit einem breiten Lächeln den Schrankenbaum und verbeugt sich. Und während Herr Auskunft versucht darunter hindurch zu schlüpfen, schließt der Pförtner die Schranke.

Mit einer Beule am Kopf schleicht er in den Umkleideraum der Kantine. Dort erzählt er, seinen Hinterkopf reibend, beiläufig Neuigkeiten über eine bevorstehende Scheidung oder das Verschwinden von Kindern beliebter Mitarbeiter, den Ruin eines vermögenden Chefs und dessen logischen Freitod. Sind die Kollegen davon gesättigt, eilt Herr Auskunft zufrieden in die Küche, schneidet den bereit liegenden Berg Brötchen auf und schmiert sie schnell mit Butter, Wurst und Käse. Hastig sortiert er das Frühstückbuffet in die Auslage und wartet auf den Zehen wippend ungeduldig an der Kasse auf die ersten hungrigen Mitarbeiter. Kommen diese mit knurrendem Magen an sein Buffet, rechnet er deren Einkauf langsam und in aller Ruhe ab. Meist muss er die angeblich abgelaufene Abrechnungsrolle wechseln, wegen vermeintlicher Rückenschmerzen seinen Stuhl anders ausrichten oder seine schwitzende Stirn unter Stöhnen abtupfen. Die Zeit nutzt er vor den Wartenden selbstredend um von einer Kündigungswelle, einer Totalpleite des Unternehmens und unausweichlichen Lohnabschlägen leidenschaftlich zu berichten. Stets bereitet es Herrn Auskunft größte Freude dackelhaft in die erstaunten Gesichter zu sehen und sie dabei mit freundlicher Stimme nach weiteren Essenswünschen zu fragen. Vergessen die Mitarbeiter vor Entsetzen das Tablett mit dem Becher Kaffee und den frisch belegten Brötchen, ruft er ihnen hilfsbereit hinterher. Unter konspirativem Geflüster, rückt er näher an die Mitarbeiter heran und reicht das eben Vergessene. Zittern sie und schwappt infolge dessen der Kaffee auf das Tablett oder purzeln die Brötchen auf den Fußboden, umgreift er sorgenvoll deren Hände, drückt diese an seine Brust und versichert im geheimnisvollen Tone, dass es schon nicht all zu arg kommen werde. Fast unhörbar flüstert Herr Auskunft, dass er sie weiterhin unaufgefordert und unter eigener Gefahr unterrichten werde. Mit dieser Methode verfährt er, bis alle ausreichend abgefertigt wurden.

Zum Mittagsbuffet, wenn Herr Auskunft die Salate liebevoll angerichtet hat, die warmen Speisen in den Töpfen dampfen und mit mediterranen Kräutern garniert sind, streut er an seiner Kasse sitzend, eine zweite und noch gewaltigere Information in die Kantine. Hat sich diese in allen Fluren und Zimmern des Krankenhauses ausgebreitet, kommt es vor, dass die Geschäftsführung die überfüllte Kantine oder andere Teile des Krankenhauses absperren lässt. Und es ist mehr als einmal passiert, dass panische Patienten wegen falschen Feueralarms evakuiert werden mussten, dass Mitarbeiter mit Mundschutz ängstlich auf Arbeit erschienen und dass das Hygieneamt hektisch Fußböden und Decken desinfizieren ließ. Selbst die Antiterrorgruppe scheint seit Jahren Dauergast zu sein und hat verschiedene Kellergewölbe, Wände und die Kanalisation nach versteckten Waffenlagern durchbrochen, hat blumengeschmückte Gartenanlagen wegen vermeintlicher Fliegerbomben durchpflügt, hat abgestellte Koffer gesprengt und verdächtige Pulverhäufchen geprüft.

Kommt Herr Auskunft nach solch einem ereignisreichen Tag in seine kleine Wohnung, zieht er den Hausanzug an und legt sich zufrieden ins flauschige Bett. Er schließt die Lider und lässt noch einmal genüsslich die angstverzerrten Gesichter in Zeitlupe an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Sorgfältig analysiert er alle abgegebenen Informationen. Hat er die Analyse abgeschlossen, greift er im Nachttischfach nach der selbst gebauten Messskala und benotet sich selbstkritisch von eins bis zehn. Anschließend steht er auf, kocht Kaffee, holt den am Abend vorgebackenen veganen Kuchen aus dem Kühlschrank und erwärmt zwei Stück in der Mikrowelle. In kleinen Kringeln sprüht er Dosensahne auf den Zuckerguss und beobachtet wie sie schmilzt.

Zufrieden setzt sich Herr Auskunft auf das Plüschsofa, schaltet den Fernseher an und legt die Stoppuhr zwischen Kuchengabel und Fernbedienung. Geduldig wartet er auf den ersten Anruf. Klingelt das Telefon,
beantwortet er mit vollem Mund bereitwillig alle ihm gestellten Fragen. Ab und zu unterbricht er den Anrufer mit geheimen Informationen, die er ihm flüsternd und exklusiv zusteckt. Ist das Telefonat beendet, klatscht er in die Hände, streckt die Arme abwechselnd rhythmisch in die Luft. Hat hingegen ein aufgebrachter Abteilungsleiter angerufen oder eine erstaunte Stationsschwester stundenlang mit ihm telefoniert, springt er vom Sofa, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und tanzt nicht weniger als vier Mal ausgelassen um den Wohnzimmertisch. Vor dem Fernsehgerät bleibt er anschließend atemlos stehen.

Geht Herr Auskunft nach den unzähligen Telefonaten am Abend schlafen, schreibt er exakt alle eingegangenen Anrufe auf. Je verzweifelter die Stimmen aus dem Hörer klangen, desto breiter malt er den Strich in das dicke Heft. Er legt es unter eines seiner vielen Kissen, kuschelt den Lockenkopf mit den vielen Sommersprossen in die Federn und fühlt sich seinem Traum nah, dass bald die Krankenhausleitung, der Staatsminister oder gar die verschiedenen Radiosender bei ihm anrufen würden. Mit diesem Gedanken schließt Herr Auskunft die Augen, dreht sich auf die Seite und gähnt. Verspielt zupft er an den Lippen, murmelt unverständliche Wortfetzen in den Stapel Kissen und schläft sorglos ein.

Inventur

Der Beamte tritt kräftig gegen die Querstrebe zwischen den Tischbeinen. Auf seinem Bürostuhl rollt er quietschend zum Drucker. Seine Füße reckt er gerade in die Luft, um sich nicht zu bremsen. „Hui!“ Sein Stuhl kommt exakt eine Armlänge vor dem Dokumentenfach zum Stehen. Der Beamte nickt zufrieden, bevor seine Zunge langsam zwischen seinen Lippen hervor gleitet. Mit Daumen und Zeigefinger zupft er daran, um seine Fingerspitzen zu befeuchten. Seite für Seite sortiert er den Bericht aus dem Drucker. Mit seinem Hintern im Drehstuhl tippelt er zurück zum Schreibtisch. Er staucht den dünnen Stapel Papier auf die Tischplatte, um die Seiten perfekt zueinander auszurichten. Entrückt lächelt er mich über seine Lesebrille an. Er bittet mich, den Bericht gründlich zu lesen und dann zu unterzeichnen. Einen Millimeter über dem Papier malt er mit seinem spitzen Bleistift flink einen Kringel in die Luft. Dann lehnt er sich zurück und verschränkt die Arme auf seinem Bauch. Er seufzt wie nach getaner Arbeit.

Am 5. Juni 2013 erreichte ich meine Wohnung zwei Stunden eher als erwartet gegen 23:10 Uhr. Meine Wohnungstür war ordnungsgemäß verschlossen.

„Ich möchte hier noch etwas ergänzen.“
Der Beamte macht einen Schmollmund. Er schnippst gegen den vor ihm auf dem Schreibtisch liegenden Bleistift, sodass dieser schnurgerade auf mich zu rollt. Ich schreibe: „Doppelt abgeschlossen, wie immer. Mein Türschloss ließe sich auch dreifach verriegeln, aber das finde ich übertrieben.“ Nach kurzem Zögern streiche ich „finde“ und ändere in „fand“.

Schon beim Betreten der Wohnung bemerkte ich den schmalen Streifen Licht, der durch die angelehnte Schlafzimmertür in den Flur fiel. Da ich meine Wohnung an diesem Tag jedoch sehr zeitig und in großer Eile verlassen hatte, vermutete ich, es versäumt zu haben, meine Nachttischlampe auszuschalten. Ich zog meine Schuhe aus und hängte meinen Mantel zu meinen anderen Jacken an die Garderobe. Ich wunderte mich über deren nach außen gekrempelte Taschen, musste jedoch so dringend zur Toilette, dass ich diese nicht näher untersuchte. Im Badezimmer stutze ich über den offen stehenden Medizinschrank, erklärte mir diese Unordnung aber neuerlich mit meiner Eile am Morgen.

Als ich das Bad verließ, raschelte es im Schlafzimmer. Ich erstarrte. Erst, als ich sicher war, das Rascheln erneut zu hören und ich es mir also nicht einbildete, erlaubte ich mir, weiter zu atmen. Auf Zehenspitzen schlich ich zur angelehnten Tür und lukte durch den Spalt. Am Fußende meines Bettes, wippten zwei edle schmale schwarze Lederschuhe. Ihre hellen Sohlen waren staubfrei.

Ich geriet in Zweifel darüber, ob ich mich möglicherweise in der Etage oder im Aufgang geirrt hatte. Da ich keinen meiner Nachbarn näher kannte, konnte ich nicht ausschließen, dass sie ihre Wohnung zufällig genauso eingerichtet hatten, wie ich. Das neben der Tür angebrachte Schlüsselbrett war jedoch zweifelsfrei das meine, mein Neffe hatte es für mich ausgesägt und bemalt. Allerdings widersprach die Reihenfolge der Schlüssel meiner Gewohnheit.

Ich fasste den Entschluss, den Einbrecher zu stellen und wähnte mich im Vorteil, da er mich noch nicht bemerkt zu haben schien. Ich stahl mich in die Küche. Auf dem Küchentisch fand ich meine noch nicht abgeheftete Post durchwühlt. Ich nahm das Brotmesser an mich, denn im Falle eines tätlichen Angriffs wollte ich gewappnet sein.

Der Beamte schnauft amüsiert.
„Ich habe verstanden, dass Sie das leichtsinnig finden. Aber ich bleibe dabei: Das war es nicht! Wenn ich versucht hätte, meine Wohnung zu verlassen, hätte er mich sofort bemerkt. Wenn ich versucht hätte, noch in meiner Wohnung die Polizei zu rufen, erst recht.“
Der Beamte schiebt die Unterlippe nach vorn. Ich seufze und lese weiter.

Zurück an der Schlafzimmertür holte ich tief Luft, schloss die Augen und wartete auf den letzten Funken Mut, um die Tür auf zu stoßen und „Keine Bewegung!“ zu rufen! Mit zitternden Fingern führte ich meine Hand zur Klinke.

„Nun kommen Sie schon rein. Und wenn Sie das mit dem Brotmesser ernst meinen, sollten Sie es in die rechte Hand nehmen. Links haben Sie doch einen Tennisarm, oder?“

Sachte tippte ich gegen die Klinke, woraufhin sich die Tür langsam öffnete. Auf meinem Bett lag eine Person. Schwarzer Anzug, weißes Oberteil mit schmucklosen Knöpfen. Sie hatte sich mein Kissen unter den Rücken gestopft und lehnte mit dem Kopf an der Wand. Ihre Hände waren gepflegt und ohne Makel. Ihr Gesicht war ohne besondere Merkmale.

Der Beamte grunzt belustigt.
„Aber so war es! Ich kann das Gesicht der Person nicht beschreiben, weil es keinen einzigen markanten Punkt gab. Allerweltsaugen, nichtssagende Nase, ein Kinn ohne Charakter. Keine Sommersprossen, keine Muttermale, keine Frisur. Keine abstehenden Ohren, keine hohe Stirn, konturlose Lippen. Nichts, das man sich einprägen könnte, nichts!“
Der Beamte stülpt seine Lippen nach innen und dreht langsam den Kopf hin und her. Ich winke ab.

Die Ordner mit meinen Dokumenten türmten sich aufgeschlagen neben meinem Bett. Aus einer umgefallenen Aktentasche, lukte eine Tüte aus festem Kunststoff. Darin die Kaffeetasse, die ich am morgen nicht abzuspülen geschafft hatte. Meine Kleidung lag vor den Schränken auf dem Boden. Die Kisten mit selten benutzten Dingen, die ich auf den Schränken aufbewahrte, waren davor aufgestapelt. Meine Fotoalben musste die Person aus dem Regal genommen und aufs Bett geworfen haben. Eines von ihnen hatte sie aufgeblättert auf dem Schoß. Sie lächelte mich an.

„Wenn Sie mit dem Messer in der Linken auf mich losgehen, tun Sie sich selbst mehr weh als mir.“
„Woher wissen Sie das mit dem Tennisarm?“
„Auf ihrem Kleiderschrank fand ich einen sorgfältig verpackten Tennisschläger, auf dessen Tasche sich kein Staub gesammelt hatte, im Verbandsschrank im Badezimmer bewahren Sie eine typische Ellenbogenbandage auf und in der rechten Schublade ihres Küchenschrankes einen Kartoffelschäler für Linkshänder. Das war nicht schwer. Es tut mir übrigens sehr Leid, dass Sie diesen Anblick ertragen müssen. Sie sind ein sehr ordentlicher Mensch, das weiß ich. In Ihren Augen muss es hier chaotisch aussehen. Ich habe Sie erst in zwei Stunden zurück erwartet. Sie sind zu früh.“
„Ja. Woher-“
„Sehen Sie! Bei Lichte betrachtet sind es also Sie, die hier alles durcheinander gebracht haben und nicht ich.“
„Was zum Teufel reden Sie da?“
„Wären Sie zwei Stunden später nach Hause gekommen, hätten Sie ihre Wohnung selbstverständlich in bester Ordnung vorgefunden. So haben wir es bei den letzten Malen ja auch gehandhabt.“
„Bei den letzten Malen?“
„Nun, Sie sind seit vielen Jahren mein Klient. Es ist notwendig, Sie in regelmäßigen Abständen zu überprüfen. Sie sehen das sicherlich ein. Nein? Ach, das ist schade. Sie haben immer einen so vernünftigen Eindruck auf mich gemacht.“
„Was überprüfen Sie denn?“
„Alles. Wir suchen nach – sagen wir mal – Unregelmäßigkeiten.“
„Wir?“
„Ich. Als Repräsentant meiner Organisation.“
„Welcher Organisation?“
„Sie sind aber neugierig. Sie können sich denken, dass ich diese Informationen vertraulich behandeln muss.“
„Wer sind Sie?“
„Also erlauben Sie mal, das geht sie nun wirklich nichts an.“
„Für wen arbeiten Sie?“
„Sie sind ein kluger Mann, nicht wahr? Wie dem auch sei: Ich möchte Sie bitten Stillschweigen über die Sache zu bewahren.“
„Einen Teufel werde ich! Sie sagen mir jetzt sofort, wer Sie sind!“
„Mit Wahnvorstellungen wird man heute sehr schnell in Nervenheilanstalten eingewiesen.“
„Drohen Sie mir?“
„Aber nicht doch! Ich berate Sie. Nur zu Ihrem Besten.“
„Sie machen sich lustig über mich!“
„Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie sich so aufregen.“
„Weil sie sich unbefugt Zugang zu meiner Wohnung verschafft haben?“
„Befugt oder unbefugt – eine Frage der Perspektive. In jedem Fall kein Grund, so laut zu werden. Sehen Sie nicht, dass Sie ihr Auftritt hier verdächtig macht?“
„Verdächtig wofür?“
„Das wird sich zeigen. Aber sie müssten sich ja kaum so aufregen, wenn Sie nichts zu verbergen hätten, richtig?“
„Das ist meine Wohnung! Mein Privatleben! Das geht Sie nichts an!“
„So beruhigen Sie sich doch. Ich mache nur meine Arbeit. Soweit ich das bisher beurteilen kann, haben Sie nichts zu befürchten. Sie sind ein rechtschaffender Bürger. Geradezu liebenswürdig.“
„Ich erlaube Ihnen nicht, über meine Würde zu sprechen.“
„Aber was haben Sie denn? Das Mäppchen mit den wilden nicht abgeschickten Liebesbriefen habe ich schon durch. Ich habe immer noch eine sehr hohe Meinung von Ihnen. Auch die Kiste mit den delikaten Gegenständen unter Ihrem Bett hat daran nichts geändert. Sie sind völlig unauffällig. Für Sie besteht überhaupt kein Grund zur Sorge.“

„Was suchen Sie?“
„Ich ver-suche, für Sicherheit zu sorgen. Für Ihre Sicherheit. Das alles geschieht in Ihrem Interesse.“
„Blödsinn!“
„Ich darf doch sehr bitten! Haben Sie denn kein Interesse daran, unbehelligt und in Ruhe leben zu können?“
„Unbehelligt? Haben Sie das wirklich gesagt?“
„Ich bin hier, um Sie zu schützen, so sehen Sie das doch ein! Ich schütze Sie! Vor Terroristen! Vor Kriminellen!“
„Auch vor Einbrechern? Wie sind Sie hier rein gekommen?“
„Wir haben unsere Wege, wie Sie sehen.“
„Haben Sie einen Zweitschlüssel von meiner Wohnungsverwaltung?“
„Ihre Wohnungsverwaltung wird Ihnen versichern, dass Sie mit alledem nichts zu tun hat.“
„Haben Sie mein Schloss geknackt?“
„Den Hersteller der Schlösser trifft keine Schuld.“

„Sie hören jetzt sofort auf, meine Sachen zu durchwühlen!“
„Aber wie stellen Sie sich das vor? Ich bin mit ihren Alben noch nicht fertig!“
„Ich vergesse mich gleich!“
„Wenn Sie dabei helfen wollen, die Sache etwas abzukürzen, könnten Sie mir aus dem Regal dort drüben alle Bücher heraus suchen, die Sie innerhalb der letzten zwölf Monate neu erworben und gelesen haben. So würde ich mir den Abgleich mit der Inventarliste vom letzten Jahr sparen.“
„Zeigen Sie mir diese Inventarliste.“
„Dazu bin ich nicht berechtigt.“
„Und danke für den Tipp, das Messer in die rechte Hand zu nehmen.“
„Es wäre dumm von Ihnen, mir zu drohen.“
„Es wäre dumm von Ihnen, mir nicht zu gehorchen.“
„Würden Sie bitte das Messer zur Seite legen? Andernfalls sehe ich mich gezwungen, Sie zu überwältigen und unschädlich zu machen.“

Mein Blick fiel auf den an der Innenseite der Schlafzimmertür steckenden Schlüssel.
„Lassen Sie diese Dummheiten.“ war das Letzte, dass ich die Person sagen hörte. So schnell ich konnte zog ich den Schlüssel von der Innenseite der Schlafzimmertür ab und schloss die Person ein. Dann verließ ich meine Wohnung und schloss meine Wohnungstür von außen dreimal ab. Vom Treppenabsatz aus rief ich die Polizei, die zehn Minuten später eintraf.

Der Beamte räuspert sich.
„Ich weiß, dass sie mich für paranoid halten. Aber da täuschen Sie sich! Ich bestreite nicht, dass Sie meine Wohnung in bester Ordnung vorgefunden haben. Sie müssen jedoch gestehen, dass das noch lange kein Beweis dafür ist, dass sie nicht zehn Minuten vorher in völligem Chaos lag. Ich habe das Chaos gesehen und die Person, die es angerichtet hat. Sie können sich auch nur auf das berufen, was Sie gesehen haben. Ich weiß nicht, wohin die Person ist. Durch die Wohnungstür jedenfalls nicht. Sie ist verschwunden.“
„Verschwunden.“, singt der Beamte.

Der Stift kratzt auf dem Papier, so dass ich die Anzeige mehr graviere als unterschreibe. Beim Punkt über dem i meines Nachnamens, platzt ein winziges Stück Mine ab. Kaum habe ich den schmalen Stapel wieder säuberlich zusammen geschoben, beugt sich der Beamte schon über den Tisch, um danach zu greifen. Nochmals staucht er die wenigen Seiten auf seine Tischplatte. Ohne seine Augen davon abzuwenden, angelt er mit dem linken Arm unter seinem Schreibtisch einen großen, schweren Locher heraus. Routiniert zieht er die Messschiene bis zur A4-Markierung heraus, an der sie klickend einrastet. Konzentriert darauf, die Seiten keinesfalls zueinander zu verschieben, legt er den Bericht unter die Stanzeisen des Lochers. Die Spitze seiner Zunge lugt dabei zwischen seinen Lippen hervor. Er schlägt mit einer solchen Wucht auf den Hebel des Lochers, dass es knallt. Ich erschrecke. Er schmunzelt, ohne mich jedoch anzusehen. Aus dem Regal rechts neben sich greift er einen dicken Ordner auf dessen Rückenetikett in akkuraten Druckbuchstaben der Name des aktuellen Monats und die Jahreszahl geschrieben wurde. Bedächtig und mit präzisen Handbewegungen legt er den Bericht darin ab. Bevor er den Deckel zuklappt, streicht er noch einmal zärtlich über die erste Seite. Nachdem er den Ordner zurück ins Regal gestellt hat, sieht er mich an. Er bedankt sich und wünscht mir einen schönen Tag.

Stoppelmanns Zähne

„Guten Tag!“, sagte sie. Das gehörte zu ihrem Job. Und nur die Besten konnten das so, dass es die Kunden auch glaubten. Sie konnte das, wenn sie etwas gegen ihre Kopfschmerzen genommen hatte. In den sechs Jahren, die sie hier war, hatte sich noch keiner über sie beschwert.

Der Stoppelmann nickte, schwieg aber. Manchmal murmelte er etwas. Aber er sprach nie. Sie mochte ihn, er wusste das. Wann immer sie in einer Kassenbox saß, wenn er alles beisammen hatte, zahlte er bei ihr. Oft wollte sie ihn fragen, wie er heißt, damit sie ihn beim nächsten Mal mit Namen begrüßen könnte. Aber eine Frage von ihr hätte eine Antwort von ihm verlangt. Sie respektierte seine Grenze. Job ist Job.

Dabei meinte sie es gut mit ihm. Sie wollte ihm eine Zahnärztin empfehlen. Eine liebe Omi, zu der sich sogar ihr Vater getraut hatte. Die war ganz vorsichtig und redete nicht viel. Der Vater musste da zwar hundertmal hin, aber danach konnte er wieder ungeniert lachen. Und er hatte doch immer so gern gelacht.

Damit die Zähne schön weiß blieben, würde sie dem Stoppelmann später auch den Trick erklären. Sie hatte ihn von der Frau in der Apotheke. Von der, die ihr immer ihre Kopfschmerztabletten verkaufte. Weil sie so oft in die Apotheke ging, dachte die Apothekenfrau wahrscheinlich, sie wären Freundinnen. Warum sonst hätte sie ihr letzte Woche den Trick verraten? Jedenfalls: Mit dem hätte es ihr Vater geschafft, seine schlechte Angewohnheit zu überwinden. Und der Stoppelmann könnte es so auch schaffen.

Er vertraute ihr. Nur bei ihr kaufte er sechs Schachteln auf einmal. Und bei keiner anderen Kollegin legte er gleich zwei Flaschen Pfefferminzlikör aufs Band. Sie beobachtete das vom Backstand, wenn sie dort aushalf. Selbst bei ihr versteckte er die Flaschen unter einer Zeitung, die sie geschickt nur soweit anhob wie nötig, um die Strichcodes zu scannen.

Stoppelmanns Frau musste auch Kassiererin gewesen sein. Sie musste ihm erzählt haben, wie im Pausenraum über Kunden gesprochen wird. Mit seinen zur Entschuldigung hochgezogenen Schultern bat er sie, kein schlechtes Wort über ihn zu verlieren. Und auch den Ladendetektiv nicht auf seine Manteltaschen anzusetzen. Scharf wie ein Terrier war der. Sie versprach es mit einem Zwinkern. Lang genug, damit er es als verständiges Nicken lesen konnte. Kurz genug, um nicht als Schäkerei missverstanden zu werden. Dienst ist Dienst.

Stoppelmanns Frau war schon ewig weg. Der Länge seiner Haare nach zu urteilen, mindestens drei Jahre. Vor einer Weile hatte er wohl eine Freundin in Aussicht. Da hat er ein paar Mal Pralinen gekauft. Ist aber nichts draus geworden. Jetzt kaufte er wieder Knackwurst. So oder so, ihr war er zu alt. Und außerdem: Einen Mann mit schlechten Zähnen küsst keine Frau gern, auch keinen lieben. Da war sie sich mit ihrer Mutter einig. Obwohl sie einen Ehemann nicht wegen schlechter Zähne verlassen würde, wie ihre Mutter. Dass verspricht man sich doch, wenn man heiratet: dass man sich immer hilft. Sie würde ihren Ehemann einmal gut behandeln.

Als der Stoppelmann plötzlich vormittags zum Einkaufen kam, war ihr gleich klar, dass er bald knapp bei Kasse sein würde. Geld ausgeben in der Zeit, in der andere es verdienen, geht nicht gut. Mit den trockenen Schwielen an seinen Händen verschwanden auch die Euros auf seinem Konto. Sie sah das an seinen Einkäufen. Nudeln, Dosenfleisch, Ketchup.

Wie ungerecht das war! Der Stoppelmann war so fleißig! Wie viele Male war er mit putzverkrusteten Hosen einkaufen gewesen? Die waren bestimmt nicht beim Kaffeetrinken schmutzig geworden. Jeder, der seinen verzerrten Mund sah, wenn er sich den Rucksack mit den schweren Flaschen auf den Rücken wuchtete, musste doch kapieren, dass er nicht mehr als Maurer arbeiten konnte. Mit so einem kaputten Rücken! Als Maurer! Sie hätten ihm eine andere Arbeit geben müssen, im Büro, irgendwas, oder als Anstreicher. Aber nichts!

Vielleicht haben sie ihn auch rausgeschmissen, weil sie dachten, er trinkt. Solche Idioten! Haben die ernsthaft geglaubt, er braucht den Pfeffi, damit es dreht? In der Arbeit? Unter der prallen Sonne? Dummköpfe! Wie soll jemand gerade Mauern hochziehen, wenn er besoffen ist?

Ihr Vater hatte ihr damals erklärt, warum man Pfefferminzlikör trinkt. Aus drei Gründen: Erstens will man den schlechten Geruch überdecken. Kaputte Zähne stinken und man kommt nun mal nicht überall durch, stumm wie ein Fisch. Zweitens will man die Zahnfleischentzündungen desinfizieren. Die heilen nur, wenn sie keimfrei sind. Weiß jeder! Drittens will man, dass es nicht mehr weh tut. Wer mal richtige Zahnschmerzen hatte, weiß, dass man alles macht, um sie loszuwerden. Aber wie sollte sie ihm helfen, wenn sie ihn nicht zum Antworten zwingen wollte? Sie musste nachdenken. Aber ihr Kopf!

Mittlerweile kaufte er die Wurstpackungen mit den roten Sonderetiketten und das geschnittene Graubrot in Plastiktüten. Dabei hatten sie am Backstand in der Filiale jeden Tag eine andere Sorte in der Aktion, die leckerer war als seine. Und gesünder. Und billiger, immerhin 60 Cent. Am liebsten würde sie ihn mal fragen, wieso er das macht. Aber er würde ja nichts antworten. Seine Zähne mussten schlimm aussehen. Sie erinnerte sich an die ihres Vaters. Sie verstand seine Scham. Aber wie ihre Mutter, verstand sie absolut nicht, warum Männer ihr Geld so verplempern.

Als er neulich Schweinelende von der Bedientheke aufs Band legte und Wildlachs aus der Eiswürfelkühlung und den teuren Spreewald-Pfefferminz, wollte sie ihm schon gratulieren, zur neuen Arbeit. Mit einem strahlenden Lächeln, nicht mit Worten, natürlich. Dann aber bemerkte sie den blassen Streifen an seinem Ringfinger. Und als sie sah, dass auch die Silberkette um seinen Hals verschwunden war, wurde sie sauer. Während der Stoppelmann die 12,40 € aus seinem Portmonee kramte, erkannte sie das dünne hellblaue Quittungspapier im Geldscheinfach. Es war vom dicken Pfandleiher am Steinweg. Er gab es aus für die wertvollen Dinge, die er sich borgte und dann verscherbelte.

So ein Mistkerl! Den silbernen Anhänger ihrer Omi hatte er verhökert, obwohl der Vater ihm den nur geliehen hatte. Und auch die Granat-Ohrringe waren futsch, als sie sie am Zahltag abholen wollte. Dem Pfandleiher gönnte sie keinen weiteren Reibach, der war fett genug.

Während sie das Wechselgelt für die 15 Euro abzählte, die ihr der Stoppelmann gegeben hatte, nahm sie ihren Mut zusammen. Sie griff den Kuli für die Kartenzahlungen und riss den Kassenzettel von der Rolle. Auf die Rückseite kritzelte sie:

Frau Dr. Oettmeier
Kurt-Eisner- Ecke Kochstraße
Dienstags ab 8 Uhr.

Zusammen mit den Münzen streckte sie ihm den Zettel entgegen: „Ich möchte, dass Sie heute ihren Kassenbon mitnehmen.“

Der Stoppelmann sah sie aus großen Augen an und nickte. Sie zwinkerte noch einmal. Langsam nahm er den Kassenzettel. Wie sie das freute! Wenn dann bald alles wieder in Ordnung ist, mit seinen Zähnen, würde sie ihn beiseite nehmen und ihm den Trick verraten.

Sie würde sagen: „Und wenn sie morgen früh aufstehen, dann lassen Sie die Flasche Pfefferminz einfach zu. Sie brauchen sie jetzt nicht mehr, mit ihren schönen Zähnen. Also müssen Sie die Gewohnheit loswerden, so sparen Sie viel Geld.“ Sie würde ihm eintrichtern, sich vorzunehmen: „Heute trinke ich keinen Pfefferminz. Nur heute nicht. Morgen darf ich wieder. So viel ich will. Aber heute? Nö, heute will ich nicht. Heute lasse ich es. Wird ja kein Problem sein, es einen Tag zu lassen.“ Und sie würde sagen: „Dann lassen sie es. Verstehen Sie? Sie lassen es! An diesem Tag. Und am nächsten Tag“, würde sie kichern, „Am nächsten Tag machen sie es einfach genauso. Und dann wieder. Und so können Sie sich selbst überlisten. Nach ein paar Tagen haben sie den Likör vergessen. So einfach ist das.“

Der Stoppelmann hatte den Bon gefaltet und sorgsam vor die Quittung des Pfandleihers gesteckt. Als er sein Wechselgeld aus ihrer Hand sammelte, sah sie ihn an. Mit geschlossenen Lippen lächelte er, bevor er seinen Einkaufswagen in Richtung Ausgang schob.

Der Vergangenheitstreue

Dem Vergangenheitstreuen fällt es schwer, das Ticken von Uhren auszuhalten. Egal, wo er das gleichmäßige Geräusch vernimmt, ob auf Bahnhöfen, in Wohnzimmern oder Küchen, wird er unruhig und beginnt sich unwohl zu fühlen. Sieht er Mitarbeiter mit einer mechanischen Uhr am Handgelenk, geht er ihnen sofort aus dem Weg. Und muss er doch mit ihnen ein dringendes Fachgespräch führen, schätzt er die Lautstärke des Geräuschs der Uhrenmarke und stellt sich in sicherer Entfernung auf. In aller Kürze bespricht er mit ihnen das Notwendigste. Außerdem ist es dem Vergangenheitstreuen unangenehm Menschen zu beobachten, die immerzu in ihre dicken Kalender schauen, um nach etwaigen Terminen zu suchen, denn das Festlegen von Zeit ist ihm zuwider.

Kommt der Vergangenheitstreue auf Station, bitten ihn die Schwestern zum allmorgendlichen Kaffee um auch mit ihm private Erlebnisse ausführlich austauschen zu können. Da ihm dieses Angebot stets peinlich ist, lehnt er kopfschüttelnd und mit leiser Stimme ab. Noch nie soll es jemanden im Krankenhaus gelungen sein, dem Vergangenheitstreuen ein persönliches Gespräch zu entlocken, egal auf welcher Station er sich befand.

Vielmehr beginnt er nach der unangenehmen Frage unverzüglich mit der Arbeit, denn nur so ist er sich gewiss, dass er das Verstreichen von Zeit überhaupt nicht bemerkt. Dabei führt er routiniert jeden einzelnen Handgriff, den er während seiner Ausbildung erlernt hat, in Zeitlupengeschwindigkeit mit ein und derselben Genauigkeit Tag für Tag aus. Selbst Feiertage oder gar sein Geburtstag sind für ihn kein Grund irgendeinen seiner Handgriffe zu ändern. Neueste Arbeitsmethoden weiß er gekonnt zu umgehen. Und nur, wenn die Stationsschwester ihm mit Abmahnung oder gar Kündigung droht, benutzt er widerwillig und mit raschen Handbewegungen den modernen Infussiomanten, cremt die neue, unbekannte Wundsalbe auf die vereiterte Haut, verwendet die hochmoderne Antidekubitusmatratze und krakelt die Pflegedokumentation in die standardisierten Tabellen der Kurven. Hat hingegen die Stationsschwester über das Wochenende frei oder befindet sie sich auf einen ihrer unzähligen Auslandsreisen, nutzt er die Tage, um vergnügt seine alte Arbeitsweise anzuwenden.

Würde man den Pförtner des Krankenhauses an einem dieser Tage fragen, wie sich der Vergangenheitstreue in diesem Moment fühlt, würde er sein schönstes Lächeln aufsetzen und sagen, dass es diesem stillen, undurchschaubaren Jungen mit dem stets flüchtig-suchenden Blick, heute blendend gehe und er ihm viele solcher schönen Tage wünsche.

Hat die Mittagspause begonnen, geht der Vergangenheitstreue nicht wie andere Schwestern schwatzend in die Kantine, sondern schleicht in die abgedunkelten Patientenzimmer und bringt die welkenden Blumensträuße an sich. Seine Großmutter mochte nur frisch gepflückte. Unbemerkt wirft er die fast frischen Blumen in den Müll, geht in den kleinen Laden vor dem Krankenhaus, der ihn schon seit Jahren großzügig Rabatte gewährt und lässt vergleichbare Sträuße binden. Und nur wenn es die Blumensorte nicht gibt, kauft er einen bunten Strauß seiner Wahl und behauptet gegenüber den verschlafenen Patientinnen, dass ein sehr netter, unbekannter Besucher diesen Strauß abgegeben und den alten mitgenommen habe. Ist er mit dem Blumentausch fertig, fährt er zu seiner täglichen Runde ins Archiv der Anmeldung. Er nimmt den Nachschlüssel, den er sich durch ein vorgetäuschtes privates Gespräch mit der aufdringlichen Mitarbeiterin erschlichen hat und prüft akribisch die Aufnahmelisten der Patientinnen. Ist er damit fertig, geht er in den Garten und beobachtet das Goldfischpaar im Becken. Er holt die bunte Brotdose aus seinem Beutel und isst das dick bestrichene Butterbrot und den Riegel Vollmilchschokolade.

Kommt er nach dem Dienst nach Hause, legt er sich im Kinderzimmer auf sein Bett und betet ausführlich bis er für kurze Zeit einschlafen kann. Wacht er von einen seiner unschönen Träume auf, taumelt er erschöpft ins Schlafzimmer, um nach dem Bett seiner Großmutter zu sehen. Findet er ihr Bett unbenutzt, geht er in die Küche und greift aus dem defekten Kühlschrank die lauwarme Himbeerlimonade. Geräuschvoll trinkt er sie in einem Zuge aus. Mit verschlossenen Augen wartet er minutenlang auf ermahnende Worte. Bleiben auch an diesem Tage die geliebten Ermahnungen aus, setzt er sich an den weiß gestrichenen Holztisch, den der unbekannte Großvater seiner Großmutter zur Verlobung geschenkt haben soll und streichelt über das karierte Wachstuch. Aufmerksam nickt er dem weißen Stuhl mehrfach zu. Mit einem freudigen Lächeln springt er auf, stellt den Porzellanfilter auf die Kanne, steckt das Nylonsieb darauf und gibt vier gehäufte Löffel Kaffee hinein. Vom Emaillewaschbecken holt er Wasser und erhitzt es im verkrusteten Tauchsieder. In kleinen Schlucken brüht er kräftigen Kaffee. Wortlos stellt er die flache Teetasse mit dem blassen, goldverzierten Schnörkelmuster vor den Stuhl exakt auf den dunkelbraunen Kreis des Tischtuches. Er stellt die Keksdose, die Milch und die Zuckerschale neben den Kaffee. Von der Flurgarderobe holt er eilig die dicke Sonntagsausgabe der Tageszeitung, die er seit elf Jahren zusammengelegt im oberen Schubfach liegen hat. Er setzt sich neben den weißen Stuhl und liest langsam und deutlich alle Artikel der Zeitung laut vor, die er sich über die letzten elf Jahre eingeprägt hat.

Geht die Sonne unter, wäscht er im Halbdunkel das wenige Geschirr des Tages ab und erzählt vom Stationsalltag. Gründlich putzt er die Küche und die restlichen Räume der Wohnung. Ist er davon müde, geht er ins Kinderzimmer, legt sich auf das schmale Bett und schiebt die großen Kopfhörer auf die Ohren. Er schaltet die Hobby-Funkanlage ein und lauscht den Polizeifunk ab. Dabei versucht er nicht einzuschlafen. Bemerkt er, dass er müde wird, schlägt er zur Strafe mit der flachen Hand auf die Wangen. Und nur wenn die Wangenschläge seine Müdigkeit nicht beenden, piekt er mit der Kanüle in die Fingerkuppen.

Am Morgen zieht der Vergangenheitstreue die Kopfhörer von den Ohren. Übermüdet geht er in die Küche ans Waschbecken, rasiert sich gründlich ein Milchgesicht und wäscht widerwillig den Oberkörper ab. Er geht ins Schlafzimmer der Großmutter, greift wahllos im Wäscheschrank seine abgetragenen, unmodernen Sachen heraus und zieht sie schweigend an.

Auf der Fahrt in die Klinik beobachtet der Vergangenheitstreue aufmerksam alle Passantinnen, die ihr ähnlich sehen. Ab und zu fallen ihm für Sekunden die müden Augenlider zu und er träumt, dass er nach Feierabend einen frisch gepflückten Strauß Blumen auf dem Küchentisch vorfindet, den würzigen Duft von leckeren Kohlrouladen auf dem Absatz des Treppenhauses einatmet, mit ihr eine Riesenschüssel grüne Klöße formt und anschließend Puddingreste aus der alten Kristallschüssel lecken darf, während sie mit nicht ernst gemeinten Worten schimpft. Hat er den Kohlrouladenduft in der Nase, reißt er abrupt die Augen auf und gibt sich eine Ohrfeige. Hastig springt er vom Sitz auf, schaut unruhig aus dem Fenster und beobachtet wieder die Gehwege, Straßen und Kreuzungen. Und nur noch selten greift der Vergangenheitstreue nach der Notbremse.

Die Allenschenkerin

Die Allenschenkerin schenkt immer und überall. Stets findet sie einen Anlass passende Geschenke zu verteilen. Niemand im Krankenhaus ist vor ihr sicher. Und selbst Fremde können sich der Allmacht ihrer kleinen und großen Aufmerksamkeiten kaum entziehen.

Wochenlang beobachtet sie in den den Schwesternzimmern, den Stationsgängen oder den Umkleideräumen des Krankenhauses in dem sie arbeitet, die zu Beschenkenden und filtert jedes noch so kleine Bedürfnis der Gesprächspartner, die sie intensiv belauscht, heraus. Selbst auf der Toilette, in die sie sich gern heimlich einschließt, erhört sie manchen unbedacht ausgesprochenen Wunsch, den der Belauschte im Selbstgespräch äußert. Nicht selten reinigt sie Betten, Schränke und auch Nachttische übergründlich um sich der Bedürfnisse der dabei abgehörten Gesprächspartner  sicher zu sein.

Hat sie diese endlich erkannt, muss sie sie unbedingt kaufen, und kein noch so großes Hindernis hält sie davon ab. Sie schleicht Tage oder Wochen, manches Mal Jahre um die Zu-Beschenkenden, als wollte sie diese mit einem unsichtbaren Netz aus Fäden umwirken. Unnachgiebig sucht sie nach dem passenden Moment das Geschenk zu überreichen. Glaubt sie den idealen Moment endlich gefunden zu haben, überrascht sie den Verwunderten, stellt sich ihm in den Weg und drückt ihm Zeitschriften und Lexika, plastene Zigarettenetuis und metallene Aschenbecher, oder bunt bedrucktes Geschirr in die Hand. In früheren Jahren, als das Arbeitszimmers ihres Vaters noch voller Bücher stand, verschenkte sie seltene Exemplare zu bestandenen Prüfungen, zu Geburtstags-Weihnacht-und Ostertagen. Selbst den Nationalfeiertag nimmt sie gern als geeigneten Anlass kleine Präsente zu verteilen.

Hat die Allenschenkerin endlich ihr aufwendig verpackte Gabe verschenkt, dreht sie sich schüchtern zur Seite oder senkt den Blick auf den von ihr vorher gründlich gesäuberten Stationsboden. Ungeduldig  wartet sie mit der linken Ferse wippend oder an ihren Ohren ziehend auf eine Reaktion des soeben Beschenkten. Und nicht selten prüft sie, nur um sich von der Wartezeit abzulenken, die weißen Fliesen auf etwaige Putzstreifen. Meist hat sie die Verpackung vorher so kunstvoll gefertigt, dass sie dem Beschenkten auf jeden Fall allein aufgrund der Umpackung eine laute Bewunderung entlocken muss.

Wen allerdings die Allenschenkerin in den Kreis der Beschenkten aufnimmt und welche unsichtbare Verbindung zwischen dem Geschenk, der meist männlichen Adressaten und ihr bestehen, bleibt auch für sie im Dunkel.

Jedoch achtet sie bei jedem so präzise zu schenken, dass eine Ablehnung zwecklos wird. Oftmals lässt sie den Beschenkten erst durch das Geschenk sein unbekanntes Bedürfnis erkennen.

Benötigt die Allenschenkerin ein neues Geschenk, schlendert sie anscheinend ziellos durch die Stadt, verharrt hier und da vor den Auslagen und begibt sich in diese und jene Straße um möglichst alles zu erfassen, was verschenkbar ist. Selbst die kleinste Nebenstraße behält sie im Blick. Dabei denkt sie sich immer und immer wieder mit großer Freude in die Bedürfnisse der zu Beschenkenden hinein. Hat sie sich einen Überblick in Schaufenstern, Warenhäusern und Geschäften verschafft, fühlt sie kaum noch Zeit zwischen den Exponaten und dem verbliebenen Geld abzuwägen. Unruhig umkreist sie mehrmals das zum Kauf ausgewählte Objekt, ohne es jedoch zu berühren. Dabei durchzählt sie geräuschvoll den mitgenommenen Geldbetrag mehrmals auf der flachen Hand, da  sie es als unmöglich ansieht ungekauft nach Hause zu gehen. Spricht eine Verkäuferin sie an, kauft sie hastig das Kaufobjekt oder läuft ohne ersichtlichen Grund verwirrt davon. Selbst in ihren Träumen steht sie oft atemlos in langen, hell beleuchteten Regalreihen und erwirbt, ohne einen Rabatt auszuhandeln, eifrig die Bedürfnisse der Nachbarn, Kollegen oder auch die der Verkäuferinnen selbst. Sehr oft stimmt sie am Ende das Einschlagpapier, Format und Band sorgfältig ab oder tauscht Bedürfnisse  zurück und erhält von allen ein dankbares Lächeln. Zum Schluss stellt sie in ihren Träumen eine Rangfolge der einzelnen Personen auf, die sie in den nächsten Tagen mit ihren Aufmerksamkeiten beschenkt. In winzigen Druckbuchstaben schreibt sie die Namen, die in den letzten Wochen ihren Fleiß am häufigsten bemerkten und lobten auf ein kariertes Blatt. Nur nach einer solchen Nacht fühlt sie sich am Morgen ungewohnt wohl und würde, wenn sie endlich den Mut aufbrächte, Selbsterzählend im Bett liegen bleiben und gern für diesen Tag ihre Arbeit im Krankenhaus vernachlässigen.

Die Allenschenkerin lebt allein. Sie wohnt in einem Zimmer mit Schlafnische, die ihre Mutter  sorgfältig vor Jahren einrichtete. Die Allenschenkerin isst am liebsten Nudeln ohne Soße und verbringt ihre freien Tage in den Haupt-und Nebenstraßen ihres Wohnanlage. In Urlaubsorte ist sie noch nie gefahren und Feierlichkeiten, die außerhalb ihrer Häuserzeile stattfinden, lehnt sie prinzipiell ab. Die wenigen Nachrichten, die sie an sich heranlässt, entnimmt sie, seit sie auch den Fernseher verschenkt hatte, den Überschriften von Wurfsendungen oder den Gesprächen der Straßenbahnfahrgäste.

Am Abend, wenn sie das Restgeld des Tages exakt abgezählt hat, faltet sie die dünne Silberkette, die sie seit ihrer Konfirmation jeden Tag trägt, nach einem ganz bestimmten Muster auf dem Fensterbrett zusammen. Manchmal bleibt sie auch am Fenster stehen und spielt mit den großen, schweren Schmuckstücken ihrer verstorbenen Mutter, die sie aus einer unerklärlichen Abneigung nie benutzt. Und nur Selten schaut sie, den schweren Schmuck in den Händen haltend, den Pärchen auf der Straße lange nach. An solchen Abenden schüttelt sie kräftig ihre vielen Kopfkissen, legt sich seufzend in ihr Jugendbett, faltet die Hände zum Gebet und bemüht sich vergebens die Schafreihe laut bis Hundert zu zählen. Selten gelingt es ihr in diesem Moment den unangenehmen Gedanken an die fällige Kreditrate zu vergessen

Die Allenschenkerin arbeitet fehlerfrei. Entschuldigte oder gar unentschuldigte Tage gab es bei ihr nie. Auch hat sie keinem Patienten jemals einen Anlass zu einer Beschwerde gegeben. Selbst der Pförtner, den sie fast 40 Jahre höflich grüßt, könnte nichts Nachteiliges berichten. Würde man ihn nach ihr fragen, fiele es ihm schwer, trotz der Blumen, die sie ihm täglich wortlos ins Sichtfenster stellt, die Allenschenkerin zu beschreiben.

Die Allenschenkerin kann mir immer noch nicht genau sagen, was sie mit ihrem Anteil von 23.572 Euro machen wollte. Möglicherweise hätte sie damit einen ihre vielen Kredite beglichen.

Grauzone

„Man führt dort ein sehr geregeltes Leben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.“ C. Hein

 

I.

Guten Tag Frau Taubert. Hier ist Frau Ahrend – die Klassenlehrerin von Stefan. Ich wollte mich erkundigen, wie es ihrem Sohn geht? Er hat Bauchschmerzen, sagt er? Waren Sie denn gestern nicht beim Arzt? — Hat er Ihnen nichts von der Prügelei gestern Nachmittag erzählt? — Er wurde von zehn Schülern aus der Parallelklasse zusammengeschlagen. —  Ja, er scheint große Angst zu haben. Bitte gehen Sie unbedingt zum Arzt. — Nein, nicht erst wenn ihr Mann von der Frühschicht kommt, bitte gehen Sie sofort. — Und bitte rufen Sie mich zurück, sobald Sie etwas Neues wissen. Sagen Sie Stefan gute Besserung! — Ja, auf Wiederhören.

II.

Wissen Sie, Sie dürfen nicht nur das Schlechte an diesem Beruf sehen. Sie haben geregelte Arbeitszeiten. Sie haben immer frei an den Feiertagen. Ferien. Sie verdienen gutes Geld. Das ist doch etwas.

III.

Ey, wenn ich dich erwische, du Spasti, deine Mutter, Alter. Bleib gefälligst stehen. Hey, du hast es wohl nicht verstanden, was, willste Stress, oder was? Einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Das kannste bei deinen Alten bringen, aber bei mir nich Junge. Ja,ja, jetzt haste wohln Arsch voll, wa?  Komm hier mal raus aus der Penne, du Assi, nachher biste dran!

IV.

„Stopp, hier ist das Klassenzimmer der Klasse 5 und ihr gehört mit Sicherheit nicht hier rein.“ „ Alte Fotze, Sie haben uns gar nichts zu sagen.“ „O doch, stopp- geht zurück in eurer Klassenzimmer.“ „Sie können uns mal am Arsch lecken, Sie sind doch Niemand, kommen aus ihrem feinen Elternhaus und  kriegen alles in den Arsch geblasen. Nüscht wissen Sie. Gar nüscht.“

V.

Guten Tag, Ahrend am Apparat. Aaah, Frau Bräuner, sind Sie die Anwohnerin, die sich gestern schützend vor Stefan gestellt hat? — Nein, ich weiß leider nicht, wie es ihm geht. Wurden Sie dabei verletzt? — Zum Glück. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich Ihre Reaktion sehr mutig finde. — Ja, ich melde mich bei Ihnen. Auf Wiederhören.

VI.

„Ich muss heute mit euch über ein sehr ernstes Thema sprechen. Euer Mitschüler Stefan wurde gestern Nachmittag von der kompletten Parallelklasse so verprügelt, dass er heute mit inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. — Es ist noch nicht sicher, ob er bleibende Schäden davontragen wird. Wusstet ihr von diesem geplanten Überfall?“ „Na, der Stefan hat dem Tony wohl zwei Euro geschuldet. Und er hat dann rumerzählt, jetzt wären es fünfzig Euro – mit Zinsen und so.“ „Hat noch jemand etwas anderes bemerkt? — Wie findet ihr das denn, was da passiert ist.“ „Nicht so gut. Der hätte auch umkommen können. Im Ernst der Tony hätte den abgestochen, wenn die Alte da nicht dazwischengegangen wär.“ „Was denkt ihr, wie sich Stefan wohl in der Situation gefühlt hat?“ „Scheiße, hat der sich gefühlt.“ „Jetzt geht’s mir an den Kragen.“ „Der hat gar nüscht mehr gedacht, dem hamse doch aufn Nüschel gedroschen.“ „Der dachte, der stirbt jetzt.“ „Was denkt ihr, können wir tun, um Stefan jetzt zu helfen? „Keene Ahnung, de Ärzte solln den erstmal wieder grade biegen, würdsch sagen.“

VII.

In was für einer Gesellschaft leben wir denn heutzutage? Das kann doch nicht sein, dass die Wänster die Mülltonnen anzünden. Und vorige Woche haben Sie die Autotüren zerkratzt. Ich habe genau gesehen, dass das der Riese mit den Locken war, der immer so ein gelbes Basecape und ne schwarze Lederjacke trägt. Die haben doch keinen Anstand mehr. Wegsperren sollte man die, da muss man ja selbst schon Angst haben aus dem Haus zu gehen. Ich werde zur Polizei gehen. Und überhaupt alle ins Gefängnis sollte man die stecken. Sie unterrichten ja potentielle Mörder, wie halten Sie das eigentlich aus?

VIII.

Meldung des Tages

Kuckmarsdorf

In der Erziehungshilfeschule Martin-Schubert wurde gestern Nachmittag ein 11-Jähriger Schüler von zehn Mitschülern brutal zusammenschlagen. Der Polizeisprecher Horst Müller gab in der Pressemeldung bekannt, dass ohne das spontane Eingreifen einer Anwohnerin, ein tödlicher Ausgang nicht auszuschließen gewesen wäre. Gegen die Täter wurde Strafanzeige erhoben.