Unbekannt

Freund, mir unbekannt,

reichen die Tränken,

um zu dürsten?

Freund, uns unbekannt,

stehen die Bäche noch auf Abwegen?

Der Regen fällt den Fremden,

die Sonne bricht sein Haar,

die Liebe weiß, dass er weiß:

doch spricht es nicht aus.

Freund, sich unbekannt,

rennen die Frösche noch

vom Himmel auf Erden?

Freund, sich unbekannt,

langen mit großen Armen die Kälber hinüber

zu dir, um zu wissen das Gras?


Freund, sich unbekannt,

unter warmen Betten,

reicht da dein Herz?

Bist nicht längst du abhanden gekommen

dem Allen – bist nicht längst du

fragil und schadvoll gewesen?

Schambehaftet und sorgengetränkt

schickt einer Worte deiner Antwort zu.

Du, Freundunbekannt,

weißt noch nicht,

dass die Zeiger keine sind,

die Bilder nicht mehr werden:

dass wir auf Erden vergessen

und ungelenk

der Freiheit entgegenschweren.

Wenn einer in ein neues Jahr geht

(nach Ingeborg Bachmann „Das dreißigste Jahr“)

Du bist eine neue Seite, darauf

schreibe ich das Wort:

Fügung.



Du stehst deine weiße Fläche,

auf der ich sicher versichere:

Neigung.



Du vergisst die Leerstellen nicht,

in denen ich schweige:

.



Wenn einer in ein neues Jahr geht,

so geht er hinein gebrochen.

Wochen brechen Knochen auf,

jede Woche bricht ein anderer.



So segnet die neue Zeit

den alten Menschen:

ich räche dich wie ich

einen Stern rächen würde:

zahm.



Die Blitze breche ich

auf dieser Fläche. Mit

einem Fuße lahm.

Die Toten beklage ich

ein Jahrhundert später.

Das Wetter reiße ich entzwei.

Die Gewitter lass ich übrig

und

spreche von jener höchsten Stund –

bevor ich in die Flammen steche



gezittert,

gezähmt –



dein Mund.