Unbekannt

Freund, mir unbekannt,

reichen die Tränken,

um zu dürsten?

Freund, uns unbekannt,

stehen die Bäche noch auf Abwegen?

Der Regen fällt den Fremden,

die Sonne bricht sein Haar,

die Liebe weiß, dass er weiß:

doch spricht es nicht aus.

Freund, sich unbekannt,

rennen die Frösche noch

vom Himmel auf Erden?

Freund, sich unbekannt,

langen mit großen Armen die Kälber hinüber

zu dir, um zu wissen das Gras?


Freund, sich unbekannt,

unter warmen Betten,

reicht da dein Herz?

Bist nicht längst du abhanden gekommen

dem Allen – bist nicht längst du

fragil und schadvoll gewesen?

Schambehaftet und sorgengetränkt

schickt einer Worte deiner Antwort zu.

Du, Freundunbekannt,

weißt noch nicht,

dass die Zeigerkeine sind,

die Bildernicht mehr werden:

dass wir auf Erden vergessen

und ungelenk

der Freiheit entgegenschweren.

Babett


Lieben. Begehren. Anfassen. Atmen. An Lust saugen, tauchen und verschwinden.

Fliegen wollen, töten mit Verrat und getötet haben (mittels Gefühls).

Er telefonierte wie wild, um sein Geld zu verdienen. Verdiente er es? Er wusste es nicht, zum Schluss stumpfte er ab, als lebe er ewig, habe schon ewig gelebt. Vielleicht hatte er sie alle erlebt, jede einzelne, verführt in einem Traum auf dem weißen Pferd. Verdient hatte er das Geld für die Frauen. Bezahlte: mit einem Scheck, mit einer Rechnung, einem Telefonat. Eines Morgens wach: die Frist sei vorbei. Schluss mit lustig. Ende im Gelände.

Er ertug seinen Körper in Creme, trug seine Hosen in Schweiß und zerfraß seine Fragen ohne Würde.

Babett, er hatte sie geliebt… schwarzes Haar, dicklich, oder vielleicht nicht dicklich, rund, weiblich, ja feminin und schön, für ihn war sie schön, sehr schön, doch er hatte sie auch nur ein Jahr gekannt. Ein Jahr ist lang genug, um sich daran zu erinnern. Nach einem Streit, es kann sein, vielleicht hätte er sie nicht mehr so schön gefunden, oder er hätte sie noch mehr begehrt und dann… ganz einfach, von einem Tag auf den anderen, Schluss, das war’s, du bist mir zu nah… er hatte es sich einfach gemacht. Liebe schon einmal vor, ich liebe dann nach. Oder brauche mich schon mal warm, ich bleibe dann gebraucht und brauche dich in einem Jahr umso mehr. DANN schrien sie: dann und dann und dann. Sie wusste nicht, dass der Held am Ende stets glorreich seine Beute erlegt. Ein funkelnder Star, ein Massen verzaubernder ( wie eine schöne grelle Werbetafel).

Trotz der müden Augen geliebt werden wärmt, rettet… nicht? Liebe rettet!

Er stopfte seine Erinnerungen in den Staub seiner Asche links neben den Taschentüchern. Und Gott war er schön. Immer schon. Vor allem in dem Jahr mit der Babett. Er war schön, cool, elegant, männlich. Unnahbar wie Marlboro-Pferde-Reiter.

Babett. Mit Babett war es komisch anders. Diese mollige Traumfrau in spe, mit der konnte man wirklich mehr haben. So sagt man ja, in der Liebe will man alles vom andern. Und viel war sie. Sie liebte ihn, dachte aus ihm heraus und fragte für ihn nach ihm alles. Wer warst du, warum warst du wie du warst? Aber merk dir das.

Einmal Sex und die Liebe ist vorbei.

Wenn einer in ein neues Jahr geht

(nach Ingeborg Bachmann „Das dreißigste Jahr“)

Du bist eine neue Seite, darauf

schreibe ich das Wort:

Fügung.



Du stehst deine weiße Fläche,

auf der ich sicher versichere:

Neigung.



Du vergisst die Leerstellen nicht,

in denen ich schweige:

.



Wenn einer in ein neues Jahr geht,

so geht er hinein gebrochen.

Wochen brechen Knochen auf,

jede Woche bricht ein anderer.



So segnet die neue Zeit

den alten Menschen:

ich räche dich wie ich

einen Stern rächen würde:

zahm.



Die Blitze breche ich

auf dieser Fläche. Mit

einem Fuße lahm.

Die Toten beklage ich

ein Jahrhundert später.

Das Wetter reiße ich entzwei.

Die Gewitter lass ich übrig

und

spreche von jener höchsten Stund –

bevor ich in die Flammen steche



gezittert,

gezähmt –



dein Mund.

Der Achtinfame – Der Mutmacher

Der Achtinfame

Infam können die Menschen sein, doch sind sie es stets einmalig, nicht aber achtmalig. So entschied sich der Achtinfame achtfaltig, und nicht einfältig dazu, die Zahl ACHT zu seiner liebsten Zahl zu machen. Um ein Marmeladenbrot zu bestreichen, benötigte er stets acht Striche. Reiste er weit, so packte er seinen Koffer achtmal um. Auch unterschrieb er stets achtmal, das sah dann so aus als hätte er nur einen besonders dicken Stift gewählt, um Dokumente zu beglaubigen. Denn glauben konnte er sich stets, soweit er alles achtmal tat.
Auch bemühte er sich seit jeher acht Freundinnen zu seinem Freundeskreis zu zählen, und wenn eine ging, so kam eine andere dazu, denn es mussten schon acht sein. Vor einer Woche hatte er acht vollzählig, da kam eine andere Freundin hinzu. Doch der Achtinfame wusste was zu tun war. Immer. Und so weiß er es auch jetzt und tötet sie achtmal.

.

.

Der Mutmacher

Der Mutmacher hat sein Gewerbe noch nicht eintragen können. Heutzutage sind die Behörden sehr streng.
Am Mut seiner Mitbürger feilt, schraubt und sägt er. Ist der Mut einmal fertiggestellt, so liegt es an ihm, ihn an den Mann oder an die Frau zu tragen. Denn Mut trägt nicht jeder. Mut steht nicht jedem.
Doch es ist mühsam Menschen zu finden, die bereit sind Geld für Mut auszugeben. Dabei fehlt es doch gerade an ihm, um den Mut zu erwerben. Die Menschen sind so dumm.
So stellt er sich an die dunklen Ecken, die hellen Gassen, die verstaubten Straßen und die vollen Märkte… all das für ein bisschen Einkommen mit dem ältesten Gewerbe der Welt.
Mut verkaufen.

Der Kleingepunktete

Ein kleingepunkteter Mensch unterscheidet sich stark von seinem verwandten Bruder, dem kleinkarierten. Denn der Kleingepunktete ist ein Freigeist. Er mischt die Punkte ebenso wie deren Farben, denn er liebt die Muster, die sich von weitem ebenso erkennen lassen wie von nahem. Manchmal wirkt es wie eine Farbpalette, manchmal geht alles in einem über. Doch immer zeigt sich je näher man kommt, was das alles ausmacht: Punkte.
Die Punkte kamen schon sehr früh in sein Leben. Wo andere eine klare Linie verfolgten, verfolgte er stets Punkte. Die Momente seines Lebens kennt er anhand ihrer Punkte. Seine erste Freundin hatte sechs Sommersprossen, die von Sonnenstrahl zu Sonnenstrahl dicker und klarer wurden.
Seine Lehrerin in der 6b gab ihm stets die beste Punktzahl. Denn er strebte sie immer an. Doch sie unterschied sich von den anderen Lehrern an einem folgeschweren Tag. Sie gab ihm eine 1 mit Stern. Sterne aber hat er nie begriffen. Waren es nicht die Sterne von weit, die keine Sternform kannten? Waren sie nicht auch von Nahen schon längst vergangen und leuchteten nur, weil wir auf dem Erdball Punkte und Licht wahrnehmen können? So entschied er sich den Stern zu schwärzen und galt seitdem als Seltsamer. Denn mit Kleinkarierten kennt man sich aus, nicht aber mit Kleingepunkteten.

Schuhe

Anderweitig vertan sind die Schuhe.
Selbst Strümpfe frieren, denn es bleibt Winter.
So frieren die Schuhe mit den Menschen
– ein. Man möchte im Leben
wirklich kein Schuh sein.

Erstens wäre man geteilt (denn was
ist einer ohne den anderen),
dann das Stolzieren und dann
das Wandern.
Das nützt doch keinem!

Niemandes Schuh möchte man sein.
Ginge kaputt und dann gen Müll,
in Tüll aber schlafen die Frauen nackt
– darunter…
Doch einen Schuh wirtschaftet
man herunter.

Undankbar und ohne Schuhfett
nässt man, schwitzt man, stinkt.
Überhitzt man überhitzig,
unvollzählig und traurig.

Trauern muss der Schuh:
denn ohne ein Schuh Ich
ist kein Schuh Du.

21.08.2019

Trau schau

Deiner Seele habe ich
keinen Abbruch getan.
Du bist meinetwegen,
wegen mir –
wegen dir –
deinetwegen –
wegen was,
(wegen dem doch nicht)
ein Gedicht geblieben.

Wegen dem Legen-zu-Mittag
liegen lassen,
verblassen.

Ein Gedicht bleiben können,
den Zeiten entgegen,
den Zeilen –
wegen Streben, wegen was,
wegen dem doch nicht…
reden, überreden,
streben zu reden:
reden lass.

Gedicht geblieben,
Gedicht bleiben
und Gesicht.
Dein Gesicht
in meinem Gesicht,
deine Gedichte
sind meine Gedichte,
meine Gedichte bleiben
wegen dir, deinetwegen.
Schweigen.
 
Wiegen, überwiegen,
liegend zu wiegend,
wiegen was…
wiegend liebend,
lieben zu lieben,
liebend, flehend,
stockend, stehend:
lieben lass.
 
Bloß der Regen fällt dein Haar.
 
Doch deiner Seele
hat das keinen Abbruch getan.
 
Und dann:
reise auf deine
stille Art und Weise
fort.
Liebend, flehend,
stockend, stehend:
lieben lass.
 
Was ist das:
pfeifend, reifend,
knochig betend:
Liebe lass.