Mein marineblaues Motorrad

Alles abgenutzter Autoschrott. Benjamin bescheißt besonders bei Bauteilen, beispielsweise bei billigen Bremsbelägen. Chaotischer Chassisaufbau; charakterloser Charmebomber. Der denkt doch, der darf da drüben am Dorfrand dreckige Droschken demontieren. Einfach eklig, eher einen eigenen Ersatzteilshop eröffnen. Feurig-farbige Frontscheinwerfer fürs fetzige Fahrvergnügen (gehören dann auch dazu)

Gestern bei Gintonic gestenreich die Geldmenge eines eigenen Ersatzteilladens ausführlich analysiert. Henriette hat erst heißen Honigtee hastig heruntergeschlüft, dann gestaunt, aber hinterher herzhaft gelacht. Hässliche herrische Blondine. Die hätte die Ersatzteilfrage auch ein bissel ernster abhandeln dürfen. Im Interesse aller homosexuellen Fahrer habe ich fest in Henriettes hellblaue, geldgierig glänzenden Augen gesehen. Jemine, die hat aber affig geguckt. Geizig ist die geworden! Jahrein, jahraus juchtelt die mit der ewig jammernden Jeanine aus Jux ins Illertal. Just dieses Jahr im Juli. „Könnt ihr komischen Kerle euch das kein bissel in die Kalender krakeln“, kreischte Janine „für Ersatzteile habe ich derzeit keinen Kopf!“

Leider, leider hat keiner der Jungs im Leisesten Interesse an dem langweiligen Illertal. Lieber fahre ich allein durchs Land, besuche leidenschaftliche Liebhaber. Mir ist das alles im Grunde genommen egal. Mein marineblaues modernes Motorrad macht mindestens hundert km/h. Nur noch Nachbesserungen an den Nocken, danach ist alles nigelnagelneu. Oktober ordere ich noch das Ölpapier aus Øresund für die Ersatzteile. Problemlos per Postanweisung oder per PayPal blechen. Perfekt. Qualität geht mir nämlich über alles. Quälereien mit qualitativ minderwertigem Quatsch, mag ich nicht. Ein Quäntchen Glück braucht man aber heutzutage bei den Bestellungen.

Regelmäßiges Reinigen, rät Ron, ist jedoch immer noch die allerbeste Medizin für eine richtig rassige Rennkarre; dann kann einem rein rechnerisch im Grunde genommen auch absolut nichts passieren. Sonst sehe ich sekundenlang silberfarbene Sternchen schwirren, Schnuppen schweben, Schweife schwingen. Seit Sizilien im letzten Jahr schaue ich mich gründlich um, bevor ich abbiege. Tatsächlich trainiere ich den Schulterblick seit dem tragischen Tag, theoretisch genommen, tagein, tagaus. Und untertourig fahre ich seit dem auch nicht mehr. Verkehrstechnisch sollte ich mich vielleicht auch vielmehr auf den Staumeldefunk verlassen. Vielleicht fahre ich dann erstmals unfallfrei. Wenn wirklich wieder Wahnsinnsstau werden sollte, fahre ich eben in meiner neuen Wolljacke im Winterurlaub Waldwandern. Xaver von Xanten begleitet mich und wir hören auf der Fahrt die neue Mucke von Xatar oder Xavier Naidoo oder überprüfen bei XING schnell mal unser Profil und hantieren stundenlang auf dem Rastplatz mit meiner nagelneuen Xbox. Yin checkend, Yanswurzel rauchend und auf meiner Yamaha Yuccapalmen träumen, könnte ich dann auch zu genüge.  Zur Zeit zieht mich aber eine zähe Zettelwirtschaft runter, die mich zu zermürben droht und mir ziemlich zu schaffen macht.

Was will ich da mit meinem attraktiven Albert oder dem xenophoben Xaver, wenn ich kein kleinwenig Zeit zu verspüren glaube und mich stattdessen schier in unendlich unergründlichen und zudem zusätzlich auch anstrengenden Alliterationen vielsagend verirre.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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