Gewürzgurken

Es ist kann nicht meine Aufgabe sein, diese Entscheidung in Frage zu stellen. Meine Arbeit ist es lediglich, die Entscheidung, die das Gericht nach sozialistischen Normen gewissenhaft geprüft hat, schnell und präzise umzusetzen. Eigentlich können die sich gar nicht beschweren. Ich bin leise, halte den Atem kurz an, dass sie mich nicht bemerken, strecke meine Hand lautlos in ihre Richtung aus… und ehe sie das von mir angewärmte Metall spüren, führe ich den mir gestellten Auftrag im Bruchteil einer Sekunde aus. Nicht einmal Parfüm oder Seife verwende ich an solch einem Tag wie heute, damit die nicht bemerken, dass…

Dafür, dass so einer schwerste Verbrechen an unserem sozialistischen Staat begangen hat, bekommt er einen milden… Ich habe Leute schon ganz anders sterben sehen… durch das Fallbeil z.B. Dass Geschrei, der sinnlose Kampf, das Aufbäumen des Oberkörpers. Was für eine Kraft die entwickeln können. Da haben selbst drei geübte Männer zu tun, so einen zu bändigen, damit… Man glaubt das nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Die schütteln den Kopf, bäumen den Körper hin und her, als ob sie den Nacken damit schützen könnten… Es hat früher eine Menge Kraft gekostet, bis wir so einen Verräter mit dem Lederriemen festgebunden… und bis es dann endlich erledigt war. Da sind die Schädlinge an unserer großen sozialistischen Sache doch heutzutage gut bedient. Kurz und schmerzlos. Meine Mutter zum Beispiel, die war eine wahrhaft tapfere Kommunistin der ersten Stunde und musste so früh und jämmerlich sterben… Das hat ein ganzes Jahr gedauert. Oder auch unsere Nachbarin, die arme Frau Tretter, eine Seele von einer Frau, die brachte uns im Herbst gläserweise Marmelade und ihre selbst gemachten knackigen Gewürzgurken in unsere Mansardenwohnung. Das Gurkenrezept haben wir beim Aufräumen ihrer Wohnung gefunden. Seitdem weckt meine Frau Jahr für Jahr nach genau diesem Rezept die Gurken ein. Am liebsten würde ich jetzt… irgendwie bekomme ich beim Warten Appetit auf die Gurken… und danach genüsslich eine rauchen. Ich höre noch keine Schritte. Wenn ich hier unten im Dunkeln in dem kalten Raum stehe und warte, kommt man auf solche Gedanken. Manchmal mache ich mir Gedanken, was so ein gewissenloses Subjekt antreibt. Eigentlich darf ich das nicht, aber manchmal, da denke ich über den Delinquenten nach, was das für einer ist, z. B. sein Gesicht, seine Stimme, ob er Familie hat, ob er Kinder hat, ob er auch einen Garten besitzt mit Gurkenbeet, ob er z.B. einen Hund, wie meinen Rocco hat, und was einen Faschistischen Saboteur wie ihn dazu antreibt, unser schöne Heimat mit Anschlägen zerstören zu wollen, was so einer überhaupt denkt, wenn er… ich meine, denkt er wirklich allen Ernstes, er kann unseren ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden einfach so an den Imperialismus, an den Westen verraten. Wir sind schon mit ganz anderen fertig geworden, mit ganz, ganz anderen. In der Zeitung liest man nichts, von dem, was ich hier… im Dunkeln… Das will meine Partei wegen der Hetze der amerikanisch gesteuerten Auslandspresse nicht. Ich, ich würde das auf der ersten Seite in knallroten Buchstaben verkünden. Für alle in der Welt gut sichtbar. Alle sollen wissen, was mit Spionen und Saboteuren bei uns passiert. Mein Vorgesetzter schrie mich vor Jahren an, als ich ihn fragte, was für einen Saboteur denn ich..: „Fange bloß nicht damit an, dir die Schweine vorzustellen. Das sind Verräter, alles vaterlandslose Verräter, die uns, die dich, teurer Genosse, die deine Familie, Freunde, die alles woran wir glauben und wofür wir gekämpft und wofür wir teuer gelitten haben, an den Imperialismus verraten wollen. Alles Konterrevolutionäre! Da darf man kein Mitleid haben, da darfst Du, standhafter Genosse, kein Mitleid zeigen. Die hatten früher auch kein Mitleid mit uns. Mitleid ist Konterrevolution. Hörst du, Genosse, Konterrevolution!“ Nein, Mitleid hatte ich noch nie mit solchen Elementen, es ist nur manchmal so etwas wie… wie Neugierde hier unten im Dunkeln, weiter, weiter nichts. Wirklich nichts. Ich weiß nicht, woran ich denken soll. Rauchen darf ich ja nicht. Nur so dastehen und warten, warten und an nichts denken, bis der Delinquent seine letzten Zeilen im Nebenraum geschrieben hat, die sowieso niemand zu lesen bekommt, warten, warten bis er endlich irgendwann hier ahnungslos reinspaziert kommt, das geht bei mir nicht immer. Aufgeregt bin ich nicht. Aufgeregt, das war ich vielleicht früher, ganz früher, am Anfang. Am Anfang, da ist man ja immer aufgeregt. Das geht Jedem so. Jetzt ist es nur noch Neugierde, Zeitvertreib, die ich mir mit ein, zwei Schlucken vertreibe… Wo hab ich sie? Hier… Schon am Abend fülle ich mir mein Flachmännchen ab, damit ich es auf keinen Fall vergesse. Alles Griffbereit. Gut. Wo war ich stehen geblieben? Vom Prinzip her ist es doch eine Gnade so schnell und unproblematisch für Verbrechen gegen die Werktätigen des Sozialismus abgeurteilt zu werden. Es ist ein Geschenk. Jawohl, ein Geschenk. Ich weiß nicht, wie das bei mir mal werden wird, wie lange ich… ich meine, brauchen werde. Ich habe darüber schon oft nachgedacht. Also, bei mir muss es auch schnell gehen. Wobei ich immer noch der Meinung bin, 100 Jahre Gulag wären für die hinterhältigen Agenten des Imperialismus eine mehr als gerechte Strafe. Aber nach den Grundsätzen der sozialistischen Gerechtigkeit, hat unser Strafgesetzbuch in § 60, Abs1 ein viel zu mildes Aburteilen vorgesehen: den Tod durch Erschießen. Nahschuss in das Hinterhaupt des Delinquenten, heißt es im Text. Wie gesagt früher, da war das Hinrichten noch ein wirkliches Hinrichten, das der Verbrecher mitbekam. Da stand er mir gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Er musste in meine Augen sehen und ich in seine. In diesem Moment musste er sich entscheiden, ob er z. B. Theater machen und rumzappeln wollte,  oder ob er z. B. eine Memme sein wollte und sich in die Hosen pisste, oder ob er z. B. mit seinen konterrevolutionären Sprüchen uns ein letztes Mal beeindrucken und mit seinem Freiheitsgefasel in unsere Arbeit reinreden wollte. Mein Gott, die konnten zum Schluss diskutieren, als ob sie damit bei mir eine Chance gehabt hätten. Am liebsten, am liebsten waren mir die Stillen, die sofort begriffen, dass… Manchmal grinste mich z. B. einer einfach nur an. So etwas konnte ich auf den Tod nicht leiden, weil mich ihr dummes Grinsen zu Hause nicht losließ, weil ich dieses Grinsen tagelang sah. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum ein Verräter grinst. Kapitalistische Saboteure. Provozieren bis zum Schluss. Wenn ich ehrlich bin, hinter das Grinsen bin ich auch heute noch nicht gekommen, egal wie sehr ich darüber nachdenke. Und mit jemanden darüber reden, darf ich nicht. Da hat es doch sein Gutes, dass unsere große Partei-und Staatsführung aus humanen Gründen den Nahschuss für solche Verräter vorsieht und ich ihr Grinsen nicht mehr ansehen muss. Wie sagte der Staatsanwalt nach meiner ersten Exekution zu mir: „Genosse, indem die Todesstrafe der Sicherung und dem zuverlässigen Schutz unseres souveränen sozialistischen Staates, der Erhaltung des Friedens und dem Leben der Bürger dient, trägt sie einen zutiefst humanistischen Charakter.“ Recht hat er! Ich glaube, jetzt kommen sie.

Jedes Mal bleibt der Staatanwalt unmittelbar auf der anderen Seite der Tür stehen und verkündet, dass das Gnadengesuch vom Staatsratsvorsitzendem der DDR abgelehnt wurde. Ich höre ihn durch die Tür sprechen: „Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es jetzt!“ Vielleicht ist es gut so, dass ich das Gesicht nicht zu sehen bekomme. Diese Personen haben hier vor mir ihre Persönlichkeit für immer verspielt, sie sind Verurteilte und ich habe den Auftrag ihre Aburteilung vorzunehmen, sobald sie diesen Raum betreten. Alles andere ist dann nicht mehr meine Sache. Die heimliche Entsorgung und Verbrennung auf den Südfriedhof als anatomischen Sondermüll übernehmen die Genossen des MfS. Ich führe die Sache aus, bekomme die vereinbarten 150 Mark und habe für den Rest des Tages frei. Offiziell heißt es für die Kollegen im Strafvollzug, dass ich einen Sozialistischer Spezialauftrag habe oder dass ich krankgeschrieben bin. Nicht einmal meine Frau weiß, dass ich jetzt hier stehe, die müsste jetzt auf dem Weg zur Arbeit sein. Nein, nein, das ist ganz allein eine Sache zwischen mir, meiner Partei, der Großen Sache, dem Verräter und den zwei Wärtern, die mit ihm vor der Tür stehen. Wenn alles reibungslos abläuft, schließen sie mit Schlüsselrasseln auf, um mich vorzuwarnen, stoßen die Tür weit auf, bleiben stehen und bitten den Delinquenten höflich einzutreten. Ich stehe hinter der Tür, gehe von hinten an ihn heran, bleibe genau hinter seinem Rücken stehen, höre auf zu atmen, um ihn keinesfalls zu erschrecken, strecke meinen Arm aus, drücke den Zeigefinger durch und führe meinen Spezialauftrag ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, aus. Warum sollte ich zögern. Es gibt keinen Grund dafür. Solange ich das hier auf diese Weise mache, habe ich es noch kein einziges Mal erlebt, dass einer von den Delinquenten geschrien oder irgendwie Widerstand geleistet hätte. Dafür mache ich das alles viel zu schnell. Ich habe das alles Tausendfach auf dem Schießplatz des MfS probiert und beherrsche jeden Handgriff im Schlaf. Und wenn ein Auftrag wie heute ansteht, probiere ich es zuhause mit einer Spielzeugpistole, meist in der Zeit, wenn meine Frau die Hausordnung macht. Früher hat sie mich ab und zu vor dem Schlafzimmerspiegel erwischt und ich musste ihr das irgendwie erklären. Ich sagte ihr etwas von Filmszenen nachspielen. Um das zu vermeiden, gehe ich seit dem in den Keller, stelle mich hinter das Gatter und übe wie ich ins Ziel treffe. Manchmal setze ich mich auch einfach nur hin, öffne ein Glas Gewürzgurken, futtere das gesamte Glas aus und lass mich von meiner Frau später ausschimpfen. Die Schlüssel klappern, die Tür geht auf, die Silhouette eines schlanken Mannes, der mindestens einen Kopf größer ist als ich, kommt herein und schaut ins Dunkel. Ich trete von hinten an ihn heran, strecke den Arm aus und drücke den gespannten Hahn meiner Walter P 38 durch. Der Delinquent sackt lautlos vor mir auf den Boden. Das Licht wird angeschaltet. Die zwei Wärter, der Staatsanwalt, der Gefängnisdirektor und der Arzt treten nacheinander herein. Der Arzt beugt sich flüchtig zu ihm herunter, greift mit Daumen und Zeigefinger sein Handgelenk. Er nickt. Die Wärter breiten ein Tuch aus und heben den Delinquenten in einen bereitgestellten Sarg. Erst jetzt lasse ich den Arm sinken, sichere die Waffe, ziehe das Magazin heraus und verlasse den Raum.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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