Grauzone

„Man führt dort ein sehr geregeltes Leben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.“ C. Hein

 

I.

Guten Tag Frau Taubert. Hier ist Frau Ahrend – die Klassenlehrerin von Stefan. Ich wollte mich erkundigen, wie es ihrem Sohn geht? Er hat Bauchschmerzen, sagt er? Waren Sie denn gestern nicht beim Arzt? — Hat er Ihnen nichts von der Prügelei gestern Nachmittag erzählt? — Er wurde von zehn Schülern aus der Parallelklasse zusammengeschlagen. —  Ja, er scheint große Angst zu haben. Bitte gehen Sie unbedingt zum Arzt. — Nein, nicht erst wenn ihr Mann von der Frühschicht kommt, bitte gehen Sie sofort. — Und bitte rufen Sie mich zurück, sobald Sie etwas Neues wissen. Sagen Sie Stefan gute Besserung! — Ja, auf Wiederhören.

II.

Wissen Sie, Sie dürfen nicht nur das Schlechte an diesem Beruf sehen. Sie haben geregelte Arbeitszeiten. Sie haben immer frei an den Feiertagen. Ferien. Sie verdienen gutes Geld. Das ist doch etwas.

III.

Ey, wenn ich dich erwische, du Spasti, deine Mutter, Alter. Bleib gefälligst stehen. Hey, du hast es wohl nicht verstanden, was, willste Stress, oder was? Einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Das kannste bei deinen Alten bringen, aber bei mir nich Junge. Ja,ja, jetzt haste wohln Arsch voll, wa?  Komm hier mal raus aus der Penne, du Assi, nachher biste dran!

IV.

„Stopp, hier ist das Klassenzimmer der Klasse 5 und ihr gehört mit Sicherheit nicht hier rein.“ „ Alte Fotze, Sie haben uns gar nichts zu sagen.“ „O doch, stopp- geht zurück in eurer Klassenzimmer.“ „Sie können uns mal am Arsch lecken, Sie sind doch Niemand, kommen aus ihrem feinen Elternhaus und  kriegen alles in den Arsch geblasen. Nüscht wissen Sie. Gar nüscht.“

V.

Guten Tag, Ahrend am Apparat. Aaah, Frau Bräuner, sind Sie die Anwohnerin, die sich gestern schützend vor Stefan gestellt hat? — Nein, ich weiß leider nicht, wie es ihm geht. Wurden Sie dabei verletzt? — Zum Glück. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich Ihre Reaktion sehr mutig finde. — Ja, ich melde mich bei Ihnen. Auf Wiederhören.

VI.

„Ich muss heute mit euch über ein sehr ernstes Thema sprechen. Euer Mitschüler Stefan wurde gestern Nachmittag von der kompletten Parallelklasse so verprügelt, dass er heute mit inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. — Es ist noch nicht sicher, ob er bleibende Schäden davontragen wird. Wusstet ihr von diesem geplanten Überfall?“ „Na, der Stefan hat dem Tony wohl zwei Euro geschuldet. Und er hat dann rumerzählt, jetzt wären es fünfzig Euro – mit Zinsen und so.“ „Hat noch jemand etwas anderes bemerkt? — Wie findet ihr das denn, was da passiert ist.“ „Nicht so gut. Der hätte auch umkommen können. Im Ernst der Tony hätte den abgestochen, wenn die Alte da nicht dazwischengegangen wär.“ „Was denkt ihr, wie sich Stefan wohl in der Situation gefühlt hat?“ „Scheiße, hat der sich gefühlt.“ „Jetzt geht’s mir an den Kragen.“ „Der hat gar nüscht mehr gedacht, dem hamse doch aufn Nüschel gedroschen.“ „Der dachte, der stirbt jetzt.“ „Was denkt ihr, können wir tun, um Stefan jetzt zu helfen? „Keene Ahnung, de Ärzte solln den erstmal wieder grade biegen, würdsch sagen.“

VII.

In was für einer Gesellschaft leben wir denn heutzutage? Das kann doch nicht sein, dass die Wänster die Mülltonnen anzünden. Und vorige Woche haben Sie die Autotüren zerkratzt. Ich habe genau gesehen, dass das der Riese mit den Locken war, der immer so ein gelbes Basecape und ne schwarze Lederjacke trägt. Die haben doch keinen Anstand mehr. Wegsperren sollte man die, da muss man ja selbst schon Angst haben aus dem Haus zu gehen. Ich werde zur Polizei gehen. Und überhaupt alle ins Gefängnis sollte man die stecken. Sie unterrichten ja potentielle Mörder, wie halten Sie das eigentlich aus?

VIII.

Meldung des Tages

Kuckmarsdorf

In der Erziehungshilfeschule Martin-Schubert wurde gestern Nachmittag ein 11-Jähriger Schüler von zehn Mitschülern brutal zusammenschlagen. Der Polizeisprecher Horst Müller gab in der Pressemeldung bekannt, dass ohne das spontane Eingreifen einer Anwohnerin, ein tödlicher Ausgang nicht auszuschließen gewesen wäre. Gegen die Täter wurde Strafanzeige erhoben.

 

mein fotografisches Gedächtnis


Während man im Radio jene beziffert, die auf der anderen Seite des Planeten bei der schlimmsten Überschwemmung ertrunken sind, tropft mir der Honig vom Brötchen in die Hand. Die Serviette löst sich in einzelne Lagen, als ich mich abputze, so dass die äußeren Schichten zu Knäueln verkleben, während das Innere unberührt bleibt. Ich lecke meinen Handballen, ausgiebig schmatzend, wie sich dein Hund seine Pfoten leckte, und freue mich über dein entsetztes Gesicht. Du zischst, was denn die Leute denken sollen, und ich setze an, dir „Was sie wollen.“ zu antworten, aber als es süß schmeckt und salzig erinnere ich mich.

Daran, wie du geschmeckt hast, gestern, als sich dein Schweiß mit dem Regen vermischte, der den Tag kurz vor seinem Ende achtlos in die Gullis spülte. An die Tropfen, die in deinen Haaren hingen, und den Widerwillen unserer Haut, als sich dein Hals von meinem löste. Du hast mich berührt, daran erinnere ich mich. Aber nicht an diesen Ort.

Rückwärts im Zug haben wir durch Fotos geblättert. Du hattest mich gebeten, nach ihnen zu suchen, als feststand, wohin die Reise ging. Bestimmt wäre da meine Mutter drauf, mein Lausbubenlächeln und die 80er Jahre und vieles, was du noch nicht weißt. Ich fand sie in einer Kiste im Keller zwischen Münzen und Marken in einem Album – halbvoll. Tatsächlich zeigen sie meine Mutter, meine Igelfrisur und die DDR. Vor allem aber vieles, was ich nicht mehr weiß.

Als du das Album aufschlägst, findest du, dass es nach Kleber riecht, nach fremdem Zuhause ein bisschen und nach vergangener Zeit. Ich rieche Keller, Feuchte und Schimmel, und greife schweigend nach dem ersten Seidenpapier.

Ein Junge lehnt an einem Geländer am Hafen.
Am Steg heißt ein Schiff „Völkerfreundschaft“.
Am anderen Ufer ein Campingplatz.

Ein Junge steht im Brunnen am Marktplatz.
Ein Hering aus Stahl speit auf seine dicklichen Waden.
Die Rathausuhr sagt, es sei dreiviertel drei.

Ein Junge sitzt auf einem Koffer am Bahnhof.
Am Kiosk hinter ihm gibt es Fischbrötchen
und Bockwurst mit Senf für 0,8 Mark.

Der Junge bin ich, du siehst das sofort. Du findest, dass ich süß bin. Ich frage dich, wann. Du zeigst mir den Stempel auf der Rückseite eines Fotos und sagst Juli Neunzehnsechsundachtzig. Ich frage nach heute. Du lachst und bist schön.

Wir blättern weiter:
Meine Mutter raucht in den Abendhimmel.
Ihre roten Lippen haben den Filter gefärbt.
Die hellgrünen Lider passen perfekt zum Blouson.

Meine Schwester schaukelt gegen das Licht.
Ihr Haar hat die Farbe von reifem Getreide,
ihr Kleid lacht über himmelblau.

Ihr Mann klettert in einen Kirschbaum.
Sein Bart maskiert ihn als Freiheitskämpfer.
Seine nackten Füße haben schwarze Sohlen.

Heute ist meine Mutter nicht mehr und meine Schwester geschieden. Aber nicht von diesem Mann, der ist in den Jahren verloren gegangen. Und ich? War schonmal hier. Und weiß es nicht mehr.

Das ist in Ordnung, sagst du, völlig normal. Und nicht wahr, versprichst du, es ist alles noch da. Finden wir die Orte, finden wir auch die Geschichten. Du wettest, ich zweifle. Wir wollen suchen gehen.

Du wickelst zwei Brötchen mit gelber Konfitüre in frische Servietten und nennst sie Proviant. Ich leere meinen Malzkaffee bis auf den Satz, um dich anzugrinsen mit schlammigen Zähnen. Und in dein Lachen auf das ich zählte, frage ich trotzig, was dieser Moment wert war, wenn er dir nicht bleibt. Momente bleiben nicht, dozierst du, nur die Geschichten, die aber für immer. Und weil ich das schön finde, aber nicht glaube, ziehen wir los, mit den Fotos und deiner Kamera und dem Proviant, die Orte zu finden, an denen ich in die Sonne blinzelte, fünfundzwanzig Jahre vor heute.

Den Schlüssel zu unserem Zimmer lässt du am Tresen in ein dunkles Fach hängen, damit er nicht verloren geht, wie manches. Währenddessen stecke ich meine Hand bis zum Gelenk ins Bonbonglas, um zwischen den Drops nach den Toffees zu angeln, die du so liebst. Du bist sehr erwachsen, aber ich kann manche deiner Traurigkeiten mit Bonbons vertreiben. Das hat im Frühling funktioniert als dein Hund weg ist, und du ihm nachwolltest. Wenn auch nur ein bisschen. Und heute muss es wieder funktionieren, denn ich werde mich nicht erinnern.

Bei unserer Ankunft gestern Abend, Gleis vier, hast du gesprochen, und ich geschwiegen. Du hast vom Garten deiner Oma erzählt, der auch an Gleise grenzte, so wie die Gärten, die wir gerade passierten. Einmal war der Bach so weit über seinen Lauf getreten, dass ihr Kinder, in einer Badewanne aus Holz durch die Sträucher geschippert seid, um die Aprikosen zu ernten.

Ich mochte die Geschichte, aber ich kannte sie schon, und so suchte ich still in der Umgebung nach Dornen, an denen ich meine Erinnerung hätte ritzten können.

Als wir uns vor dem Bahnhof wie durch einen Irrgarten, durch die parkenden Autos schlängelten, habe ich gesehen, dass dort kein Kiosk mehr steht. Fischbrötchen muss man heute bei Nordsee kaufen. Auf dem Weg zur Pension habe ich das Rathaus entdeckt, hinter Gerüsten und Planen, und den gepflasterten Platz mit seinen Geranien, und dem Wochenmarkt. Aber ohne Brunnen. Und als wir vor Mitternacht unten am Hafen das Gewitter grüßten, das wir aus dem Radio kannten, haben wir gespottet, dass die Schiffe heute „Sea Princess“ heißen. Als dann der Blitz einschlug, in dich und mich, war da kein Geländer.
Das weiß ich, denn ich hätte eines gebraucht.

Mit den Füßen im Wasser liegen wir am Ufer und ich mit meinen Haaren auf deinen, auf dass auch meine Haare nach Regen riechen. Wir sind erschöpft, weil du dich verrannt hast in alten Bildern, und ich mir in neuen Schuhen Blasen gelaufen habe.

Am Bahnhof gibt es keine Bockwurst mehr und auf dem Markplatz keine Wasserspiele. Der Campingplatz ist ein Einkaufszentrum und die Rathausuhr zeigt nicht mehr die Zeit. Du bist traurig, weil nichts mehr da ist, die Orte nicht und nicht die Geschichten und auch sonst nichts, an das ich mich erinnern könnte. Und ich streichle deine Wange und seufze
und bin da.

„Wenn doch alles verschwindet -“ fängst du an, als ich endlich einen Toffee zu fassen kriege und ihn sofort in deine Hand lege, damit du ruhig bist. Ich bin auch ruhig und sage dir nicht, dass du eine Wette verloren hast, denn ich habe nichts gewonnen. Und während auch ich ein Trosttoffee kaue, überlege ich, ob es ein Wort gibt für dieses Gegenteil eines Déjà-vu.

Da nimmt mir der Wind das Papier aus den Fingern und legt es aufs Wasser und trägt es davon. Und als ich das sehe, frage ich erst mich und dann dich, was uns trauriger macht: dass die Geschichten fehlen oder die Bilder noch da sind. Und weil du schweigst, setz‘ ich mich auf, nehme die Fotos aus dem Dunkel der Tasche und zerreiße das erste in zwölf kleine Quadrate. Da setzt du dich auf, schnappst dir neun Teile und fragst mich, ob ich denn von allen guten Geistern verlassen sei. Von dir nicht, flüstere ich und gebe dir kampflos die restlichen drei.

Und als ich das letzte Stück zurück ins Puzzle lege, küsst du mich und lobst mein fotografisches Gedächtnis. Wir lachen. „Bleib so!“, rufst du, greifst zur Kamera, legst deinen Arm um mich und nimmst ein Bild auf.

Kunstlederkoffer, weinrot, Reißverschluß defekt, Namensschild fehlt

darin:
1 Strickjacke, grün, stark abgetragen,
3 Blusen, weiß, rosa, grün, teilweise fleckig
5 Röcke, blau, grün, schwarz, grau, schwarz, verschmutzt
7 Paar Strumpfhosen, mehrfach gestopft
1 Strumpfhose, original verpackt
2 Paar Wollstrümpfe, getragen
1 Tagebuch, altrosa, samtbezogen, stark abgegriffen
2 Paar Ballettschuhe, weiß, purpurrot, unbenutzt
4 Paar Ballettschuhe, weiß, weiß, rosa, blau, löchrig
1 rechter Hausschuh, Kamelhaar, Sohle ausgetreten
1 rechter Straßenschuh, grünes Leder, Absatz fehlt
1 rechter Straßenschuh, ockerfarbenes Leder, mit Einlage, gut erhalten
1 goldfarbener Ehering mit Gravur „A M 12.1.44“ , stumpf
1 silberne Kette mit goldfarbenem Ehering mit Gravur „F M 12.1.44“, verbogen
1 goldfarbener Anhänger, grüner Stein, keine Abnutzungsspuren
53 Postkarten der Stadt Prag in Seidenpapier gehüllt, allesamt unbeschrieben
1 Reichskunstmedaille der Stadt Dresden, Verpackung fehlt, sehr gut erhalten
1 Medaille Held der Arbeit, Kunststoffetui, sehr gut erhalten
1 Ehrenmedaille der Stadt Leningrad, Holzkästchen mit Intarsien, sehr gut erhalten
1 Buch: Das Kapital, mit Textunterstreichungen, Randnotizen, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
1 Buch: Theorie des Ausdruckstanzes, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
12 Eintrittskarten, 32 Ballettkarten, 28 Opernkarten und 1 unbenutzte Kinokarte
1 hellbraunes Briefkuvert, DIN A5, darin:
1 Hochzeitsfotografie mit der Signatur 12.01.44
1 Kleinkindfoto, Rückseite Bleistiftvermerk „Ein lieber Gruß von der Landesheilanstalt Stadtroda“
1 ganzseitiger Zeitungsartikel, 1951, Uraufführung im Mariinskitheater, Leningrad, vergilbt
1 Aufführungsplakat, 1952 „Das Frühlingsopfer“ von Igor Strawinsky, Komische Oper, Ecken abgerissen
1 Stifte-Etui, braunes Kunstleder mit diversen Inhalt, abgenutzt
1 Damenbrille, Hornimitat, Bügel geklebt
1 Herrenbrille, goldfarben, gut erhalten
1 Brief an das Büro des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, handgeschrieben, 1973, gut erhalten
1 Antwortschreiben, schreibmaschinegeschrieben, 1973, zerknittert
1 Brief an das Büro des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages, handgeschrieben, 1991, gut erhalten
1 Antwortschreiben, maschinegeschrieben, 1991, zerrissen, mehrfach geklebt
1 Brief an das Büro der Entschädigungsstelle für die Opfer der NS Regimes, handgeschrieben 1992, gut erhalten
1 Klarsichthülle mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Ravensbrück, 1942, Knitterstellen
1 Klarsichtfolie mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Hohenschönhausen, 1953, sehr schlecht erhalten, viele Klebestellen
1 vierseitiges Urteil über die Aufhebung eines Entmündigungsverfahrens von 1943,
Siegel der sowjetischen Militärverwaltung und Unterschrift 1945, Stempel des Bezirksgerichtes Dresden mit Unterschrift, 1946, handschriftlicher Rücknahmevermerk, Bezirksgericht Berlin, 1953, gut erhalten
1 Kommentierung des Grundgesetzes der BRD, zwischen den Buchseiten DM 900.- in druckfrischen Scheinen
DM 29,73 Münzgeld in einer Nivea-Dose
1 Pass, Deutsches Reich, Visaeinträge, Polen, Sowjetunion, Iran, Türkei, Frankreich, Algerien, Beschlagnahmevermerk 1942, Ecken abgeschnitten
1 Personalausweis der DDR mit dem Aufdruck „ungültig“, 1953, gut erhalten
7 Vorläufige Personalausweise der DDR für einen „Eingezogen Personalausweis“ mit verschiedenen Aufenthaltsbeschränkungen, Schlüsselabgabevermerk, allesamt abgegriffen
1 Personalausweis der BRD, 1992, ohne Visavermerk, unbenutzt
1 Schwerbehindertenausweis des Amtes für Familie und Soziales der Stadt Dresden, 1995, mit dem Vermerk „unbefristet“, sehr gut erhalten
1 Mitgliedsausweis der KPD, Beschlagnahmevermerk 1938, Seiten fehlen, schlecht erhalten
1 Mitgliedsausweis der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, mit Auflösungsanordnung, 1953, Stempel der Polizei Stadt Dresden, mehrfach geklebt
1 Schachtel Veronal, Inhalt vollständig, Verpackung sehr stark abgegriffen

Graufahrer

„Guten Abend, ein Ticket bitte.“
„Es gibt keine Tickets mehr.“
„Aber am Automaten gibt es doch Tickets?“
„Normalerweise ja.“
„Aber?“
„Der Automat ist kaputt.“
„Aber wenn der Automat kaputt ist, verkaufen Sie doch die Tickets.“
„Das stimmt.“
„Also dann hätte ich gern eins.“

„Ich verkaufe keine Tickets mehr.“
„Aber wieso?“
„Weil der Automat kaputt ist und deshalb alle ihre Tickets bei mir gekauft haben.“
„Aber warum kann ich dann keins bei Ihnen kaufen?“
„Weil sie alle sind.“
„Ich bin alle?“
„Die Tickets.“

„Aber wo kaufe ich jetzt ein Ticket?“
„Sie können kein Ticket kaufen.“
„Aber was mache ich denn dann?“
„Na was schlagen Sie denn vor?“
„Ich fahre ohne Ticket mit?“
„Ja.“
„Gut!“
„Oder haben Sie eine bessere Idee?“

„Ich könnte Sie bezahlen und Sie merken sich mein Gesicht.“
„Sie wollen mich dafür bezahlen, dass ich mir ihr Gesicht merke?“
„Nur für den Fall, das eine Kontrolle kommt.“
„Und dann?“
„Dann sollen Sie sich an mich erinnern und sagen, dass ich bezahlt habe.“
„Sie wollen mich dafür bezahlen, dass ich sage, was sie wünschen?“
„Ich würde sie dafür bezahlen, dass sie die Wahrheit sagen.“
„Seltenes Angebot.“

„Also was jetzt?“
„Ich kann nicht einfach so Geld in die Kasse stecken. Und in meine Taschen schon gar nicht. Oder wollen Sie mich bestechen?“
„Ich will keine 40 Euro bezahlen müssen, wenn eine Kontrolle kommt.“
„Es kommt keine Kontrolle.“
„Sind Sie sich sicher?“
„Ja, weil ich die Kontrolle bin. Und ich will keine Gesichtskontrolle sein.“

„Stimmt was nicht mit meinem Gesicht?“
„So vermummt wie Sie sind, kann ich das nicht sagen.“
„Entschuldigung, es ist kalt.“
„Wenn Sie endlich richtig ein- oder richtig aussteigen würden könnte ich die Tür zu machen und es würde wieder wärmer.“
„Gut. Danke.“

„Sie könnten wenigstens Bitte sagen.“
„Was?“
„Bitte!“
„Was?“
„Verstehen Sie das nicht? Sie wollen nett sein. Aber Sie sind nicht nett.“
„Ich werde fürs Busfahren bezahlt.“
„Aber nicht von mir, heute.“
„Und fürs Nettsein hätten Sie was gegeben?“