verstreut

seit wochen wiegen die sonnenblumen
sich fröstelnd im ostwind, als wären sie trotzig.
der schnee, der in der nacht auf ihren köpfen
gewachsen ist, fällt im flirrenden mittagslicht hinab
und zerstäubt in den feldkrumen. längs des baches
knorren die weiden den winter an.
ihr eisiges laubwerk birgt geräusche unter den schuhsohlen.
die zeit vertreibt sich, heißt´s hier.

Gepäck im Kopf

Sag mal, der Rucksack da: Wem gehört der?

Weiß ich nicht.

Und wie lange steht der schon dort?

Keine Ahnung! Wenn du nicht ohne Unterlass auf dein Telefon gestarrt hättest seit wir eingestiegen sind, wüsstest du es. Smombie!

Kannst du bitte aufhören, offizielle Jugendsprache zu benutzen? Du bist über 30.

Ich müsste keine offizielle Jugendsprache benutzen, wenn du dich nicht verhalten würdest wie ein sozial degenerierter Teenager.

Aber findest du das nicht komisch?

Was?

Dass der Rucksack hier steht? Herrenlos? In einer vollen U-Bahn, mitten in der Rush Hour?

Kannst du bitte aufhören, 80er-Jahre-Sprache zu benutzen? Ich meine: Obwohl du über 30 bist?

Kannst du mir bitte antworten?

Nein!

Nett von dir.

Nein, ich meine: Ich finde das nicht komisch. Da hat jemand seinen Rucksack abgestellt. Fertig.

Aber wer?

Vielleicht die Frau da, mit den blonden Streichholzhaaren? Diese biegsamen Brillenbügel, diese schmalen Lippen – die sieht sportlich aus, der würde ich so einen Rucksack zutrauen. Ist ja so ein Outdoor-Rucksack, oder?

Naja, so ein Pseudo-Outdoor-Rucksack. Damit man ihn kauft, wird er mit aufregenden Abenteuern in der Wildnis beworben und wenn man ihn gekauft hat, will man ihn wegen seines Preises, doch lieber weich in den Schrank legen. Guck mal die Schuhe der Frau an. Wie sauber die sind! Niemals würde die zulassen, dass ihr Rucksack den siffigen Boden eines U-Bahn-Waggons auch nur streift.

Aber sie hat keine andere Tasche dabei.

Trotzdem. Der Rucksack gehört bestimmt dem Typen da in der schwarzen Lederjacke.

Ausgeschlossen. Der ist dermaßen stylo, der würde unter keinen Umständen so einen piefigen Pseudo-Outdoor-Rucksack aufsetzen.

Findest du den heiß?

Was? Ich sage nur, dass sein Outfit kein Zufall ist. Dieser enge flaschengrüne Pulli ist an sich schon eine Style-Rakete. Aber dazu noch die farblich passenden Chelsea-Boots zu finden, würdest du jedenfalls nicht schaffen.

Was für Boots?

Siehste? Der ist jedenfalls so verliebt in sich, dass er sich niemals etwas antun würde.

Er muss sich ja nichts antun wollen. Kann ja sein, dass es ihm reicht, uns etwas anzutun. Vielleicht steigt er gleich aus, schreibt seinem Rucksack eine SMS und – Boom!

Was soll das denn bringen?

Ich tippe mal auf: Tod und Verwüstung?

Ja, aber die kommen doch nur ins Paradies, wenn sie selbst auch sterben. Sonst sind sie ja keine Märtyrer, oder? Heißt das auch Paradies bei denen? Machen die das überhaupt um ins Paradies zu kommen?

Die machen das aus Hass auf unseren gottlosen Lebensstil.

Ich glaube die machen das aus Neid und Rache. Für die sind wir die reichen, geizigen, egozentrischen, ignoranten Hedonisten. Wir denken, wir seien die Guten. Aber das denken die auch. Von sich.

Der Typ in der Lederjacke sieht aber selber egozentrisch und hedonistisch aus. Oder? Gockel.

Jedenfalls sieht er nicht danach aus, als würde er sich für Jungfrauen interessieren.

Aber wem gehört der Rucksack dann? Jeder weiß doch, dass man sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt herumstehen lassen soll. Ist das nicht sogar verboten?

Ich wage zu bezweifeln, dass Terroristen ihre Rucksäcke brav auf dem Rücken behalten würden, wenn es verboten wäre sie abzustellen. Außerdem beaufsichtigen wir das Gepäck doch sehr aufmerksam.

In Köln haben schon Kofferbomben gestanden!

Aber das ist zehn Jahre her und die Dinger sind nicht explodiert. Außerdem war das am Hauptbahnhof. Wir sitzen hier in der U7 nach Spandau. Nur Steglitz könnte noch weiter von Terrorismus entfernt sein.

Dass die sich jetzt wo Paris so gut gesichert ist, andere Hauptstädte für ihre Anschläge suchen, ist dir wohl noch nicht in den Sinn gekommen? Madrid hatten sie schon, dort passt man jetzt auf. In London das Gleiche. Berlin mit seinen vielen Touris und dem ganzen Hype ist der perfekte Ort. Vielleicht ist der Terrorist ja schon ausgestiegen. Oder der Rucksack gehört dem Jungen mit dem Ziegenbärtchen da drüben.

Der interessiert sich bestimmt für Jungfrauen, aber nicht für Bomben. Das ist ein Zocker. Siehst du die glasigen Augen und die blasse Haut? Der ist nicht oft draußen. Und wehe, du kommst mir jetzt mit der Vermutung, dass er sich tagelang durch Ego-Shooter geballert hat, um hier in drei, zwei, eins Amok zu laufen. Der ist nett. Der ist kein Monster.

Würde ja reichen, wenn er ein gehirngewaschener Erfüllungsgehilfe wäre.

Du bist der gehirngewaschene Erfüllungsgehilfe!

Ich?

Vor 15 Jahren hättest du dich angesichts dieses Rucksacks gefragt, wo das nächste Fundbüro ist. Heute bist du kurz davor, das SEK zu alarmieren. Du bist der einzige, der in dieser U-Bahn angesichts eines allein reisenden Rucksacks Panik schiebt.

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, alle fragen sich das.

Das Mädchen dort spielt Candy Crush. Die fragt sich gar nichts. Die hat sich schon sehr lange nichts mehr gefragt. Aber du könntest ja mal fragen. Steh auf, räuspere dich und frag einfach.

Ob Terroristen an Bord sind?

Wem der Rucksack gehört!

Ich mach mich doch nicht lächerlich.

Vielleicht rettest du unser aller Leben.

Du machst dich lustig über mich!

Vielleicht ein bisschen.

Hast du denn keine Angst?

Überhaupt nicht.

Wir sind zweimal in der Woche am Hauptbahnhof. Jeweils zur Hauptverkehrszeit. Und am Wochenende fahren wir mit S- und U-Bahn quer durch Berlin. Es ist ja fast fahrlässig, da keine Angst zu haben.

Genau. Sagt ja schon das Wort. Wer keine Angst hat, fährt lässig. ‘Tschuldigung.

Mal sehen, ob du noch so lachst, wenn sie dich erwischt haben.

Es ist Energieverschwendung Angst zu haben. Wir haben Angst, weil sie uns einen evolutionären Vorteil geboten hat. Diejenigen die Angst hatten, haben sich besser vor gefährlichen Situationen geschützt und sind dementsprechend seltener draufgegangen.

Na also. Deswegen muss man Menschenansammlungen meiden. Wie diese hier zum Beispiel.

Aber Terroranschläge sind Überraschungen. Auf Überraschungen ist man nicht vorbereitet, andernfalls wären es keine. Wenn ich mich also vor allen Situationen schützen wollte, die mir heute gefährlich werden können, müsste ich mein Leben aufgeben und als Selbstversorger in die brandenburgische Prärie ziehen. Und da muss ich mich dann vor Wölfen fürchten.

Es würde doch vielleicht reichen, in eine etwas kleinere Stadt zu ziehen.

Naja. Norden in Ostfriesland wäre mit seinen knapp 30.000 Einwohnern jedenfalls schon zu groß. Norden gehört laut CIA zu den Top-5 der potentiellen Anschlagsziele. Die haben ein wichtiges Unterseekabel dort.

Und Potsdam?

Ist das dein Ernst? Den perfektesten Ort für ihre Anschläge haben die Idioten schon gefunden. Und getroffen: Deinen Kopf. Komm, wir müssen raus.

Ich weiß nicht, was ich denken soll

Ich fahre den Einkaufswagen zum Käseregal. Aus dem Gang mit den Konserven kommen junge Zigeuner. Ich schiebe den Wagen schnell weiter. Ich weiß, dass man Zigeuner nicht sagt. Und trotzdem forme ich wie von fremder Macht geführt dieses Wort lautlos in meinem Mund und schiebe mich an den plappernden Frauen vorbei. Ich schiebe meinen Einkaufswagen an den Sinti oder Roma-Männern, wie es korrekt heißen müsste, entlang, die jeder neugierig in einen anderen Gang schauen. Hab´ ich mir`s doch gedacht, geht es mir durch den Kopf, ihr wollt klauen. Ich beiße mir bei dem Wort Klauen auf die Lippen und denke, dass ich das maximal vermuten darf und mir fest vorgenommen habe aus der jämmerlichen Geschichte der Zigeuner meine Konsequenzen zu ziehen und stets zuerst eine Unschuldsvermutung abzugeben. Ich erinnere mich, dass ich mich tagelang im Internet belesen hatte, um deren Schicksal nachzuvollziehen. Ich weiß seitdem, dass sie wie die Homosexuellen und Kommunisten noch vor Hitlers Machtergreifung auf Listen geführt und verfolgt worden, dass sie in Auschwitz ein spezielles Lager hatten, und dass sie die Einzigen waren, die einen Aufstand führten, sodass die SS abziehen musste und erst am nächsten Tag alle Gefangenen ermorden konnte.

Ich flüstere lautlos Entschuldigung und schiebe meinen Einkaufswagen zurück. Im Vorbeigehen greife ich ein Glas Senf und nicke den Männern freundlich zu. Ich schiebe den Wagen zu der Sinti-Frau, mit der aufwendig gesteckten Frisur und überlege, ob und wie ich sie eigentlich ansprechen soll. Im bemühten Tonfall frage ich mit meinen Englischkenntnissen: „Can I help you, please?“ Dabei lächle ich und wiederhole meine Frage ohne eine Antwort abzuwarten. „What can I do for you?“ Das Plappern der Frauen hört auf, sie sehen mich an und die Sinti-Frau mit der verschnörkelt schönen Haarkreation winkt meine Worte mit einer laxen Handbewegung ab. Weil ich mir nicht sicher bin, ob sie mich versteht, wiederhole ich dieses Mal meine Frage an die Schwangere, die mit den Händen über ihren dicken Bauch streichelt. „Can I help you?“ Ich lächle und zeige auf das Wurstregal. Sicher, geht es mir durch den Kopf, sicher sind sie mit der Fülle an Wurstsorten überfordert. Als ich nach der Wende das erste Mal in einen Supermarkt stand, wusste ich auch nicht, was ich wollte und packte den so Wagen voll, dass das Geld an der Kasse nicht reichte und ich mich mit hochrotem Kopf entschuldigen musste. Da mir diese Situation unangenehm wird, nehme ich irgendeine Packung Wurst aus der schier endlosen Fülle, bedeute ihr, dass die Wurst sehr gut schmecke, werfe sie in meinen Wagen und fahre weiter. Im übernächsten Gang bleibe ich stehen und überlege, ob sie vielleicht wegen der Frage, ob die Wurst aus Schwein oder Rind bestünde, verunsichert ist. Ich erinnere mich an meine Internetsuche und weiß, dass die Zigeuner oder Sinti und Roma oder wie auch immer, überwiegend Christen sind und somit auch Schwein essen. Ich erinnere mich, dass es mir nach dem Gelesenen damals unverständlich blieb, warum besonders die Kirchen ihre Verfolgung mit den Namenslisten in den Taufbüchern ermöglichten und sich Himmler genötigt sah, sich für deren Unterstützung öffentlich in einer Radioansprache zu bedanken. Ich schiebe meinen Wagen weiter durch die Gänge und überlege, warum sie über Jahrhunderte so viel Hass erleben mussten. Bei den Juden hat man sich der Frage gestellt und es gibt jede Menge Bücher dazu. Bei den Sinti bleibt die Frage bis heute unbeantwortet. Deswegen bekommen sie auch kein jährliches Flüchtlingskontingent zuerkannt. Ich schiebe den Wagen zur Aktionstheke und beginne zu wühlen. Mir fällt der Spruch des Vorsitzenden des Zentralrates der Sinti und Roma ein, der in einem seiner wenigen Interviews sagte, dass er im Windschatten des Holocaust leben musste. Unlängst las ich einen Beitrag, dass deutsche Zigeuner, die an der Front kämpften und mit Tapferkeitsmedaillen geehrt wurden, umgehend nach Auschwitz kamen, wenn sich herausstellte, dass sie Zigeuner waren und dass die Uniformen und Auszeichnungen bei Bewachern und Gefangenen für Verwirrung sorgten.

Ich wühle in der Aktionsware und nehme eher lustlos, und um aus meiner wirren Gedankenspirale herauszufinden, einen Doppelpack gebackene Camembert, obwohl ich weiß, dass ich die Kalorienbombe im Ganzen fresse, wenn ich die Packung einmal aufhabe. Der Gruppe an Männern und Frauen drängt lautstark in Richtung Kasse. Weil mir es unangenehm ist, hinter den Männern zu stehen, renne ich an die andere Kasse und werfe schnell die Wurst, den Senf und den gebackenen Camembert aufs Band. Die Verkäuferin sieht mich ungläubig an, steht auf und schaut in den leeren Wagen, in Richtung meiner Tasche, auf meine Hände und sagt in die Länge gezogen: „Ist das alles?“ Ich schaue zurück und komme mir wie ein Dieb vor. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die anderen Wartenden, die jede ihrer Bewegungen aufmerksam verfolgt. Ich lasse die schwangere Sinti-Frau mit den tausend Armreifen, die beim Aneinanderschlagen so wunderbar klingen, an mir vorbei. Empört sage ich: Wenn Sie heute kein gescheites Angebot haben, dafür kann ich doch nichts.“ Nur um sie zu ärgern, ziehe ich den Hunderter aus dem Portemonnaie und bekomme prompt die Frage: „Haben Sie´s nicht Kleiner?“ Ich lächle sie an und sage: „. Leider nicht. Tut mir wirklich leid! Ist wohl heute bei Ihnen nicht viel Umsatz?“ Wortlos gibt sie mir das Wechselgeld. Sofort kommen mir die Sinti-Männer in den Sinn. Hastig schütte ich das Geld ins Portemonnaie und verstecke es in der Brusttasche. Die schwangere Sinti-Frau sieht mich an und steigt auf die Rolltreppe. Demonstrativ nehme ich das Portemonnaie wieder aus der Brusttasche und stecke es wie sonst üblich in die Gesäßtasche. Ich werfe die Einkäufe in den Rucksack und gehe ebenfalls zur Rolltreppe. Die Sinti-Männer huschen auf die Stufen und stehen nun doch vor mir. Auf der Rolltreppe betrachte ich die Männer mit ihren völlig ausgetretenen Schuhen und bin mir sicher, dass sie mit den Dingern nach Deutschland gelaufen sein müssen und dringend neues Schuhwerk bräuchten. Ich betrachte ihre Kleidung und wundere mich. Rosa und gelb scheinen denen wirklich nichts auszumachen. Die Männer kommen im Erdgeschoss an. Die Schwangere erwartet sie, zieht ihr Sweatshirt hoch, lässt eine Vielzahl an Wurstpackungen herausgleiten und verteilt sie an die Männer. Ich laufe an ihnen vorbei, tue so, als ob ich die Wurst nicht sehe und starre stattdessen zu der Frau mit der hochgesteckten Frisur. Ich gehe zum Rad und denke, typisch Zigeuner. Über meinen Gedanken erschrocken, trete ich wütend ins Pedal und fahre los. An der Straßenkreuzung, bremse ich ab, steige vom Rad, nehme das Portemonnaie und ziehe den Fünfziger, den Zwanziger, die zwei Zehner und den Fünfer Wechselgeld heraus. Ich falte sie zusammen und werfe sie dem Zigeuner, ich berichtige mein Gedankenwort, dem Sinti, der schon seit Jahren hier kniet, in den Pappbecher mit dem verblassten Aufdruck. Ich nicke. Er sieht mich an, bekreuzigt sich und will meine Hand küssen. Ich habe nichts gegen euch, denke ich. Ich betrachte den knienden Mann mit seiner gegerbten Gesichtshaut, der mich dankbar anlächelt. Ich nicke ihm nochmal zu und weiß auch heute wieder nicht, was ich von Sinti oder Romas oder wie man korrekterweise heutzutage sagen muss, halten soll.

´s wurzelt dich

die stricknadeln tanzen in ihren händen
als wurzelten sie der wolle an,
großvater steht wieder vor dem haus und fegt
die blätter vom fenstersims, die nächsten nachbarn
die apfelbäume am feldrand, schon fast kahl,
an den ersten kalten abenden im oktober,
schlägst du dir den schweiß in den hackstock und
kehrst das holz tief in die nase
bis der schornstein raucht, flattern die gebleichten
gardinen auf der wäscheleine, während ihr beide still
körner ausstreut für die vögel, die durchzufüttern sind,
wie einst eure kinder.

Schaltsekunde – oder warum ich mit dem Meditieren anfangen werde um meinen Geist zu zähmen

Es ist grün, also fahr. Wenn erst wieder rot ist, stehst du ewig. Keine Ahnung, wer diese Ampelschaltung programmiert hat, aber man muss ihn bestrafen. Hart. Man sollte ihn zwingen, hier lang zu fahren, jeden Tag, zweimal. Und man sollte das Gesicht des Ampelprogrammieres auf diese Kreuzungsuhr da drüben plakatieren und fett drunter schreiben: Selbst Schuld! Dann kann er mal nachdenken, was er falsch gemacht hat, Hacker-Horst. Jeden Tag, zweimal.

Ampelprogrammierer, ist das eigentlich ein Beruf? Und? Was willst du mal werden, wenn du groß bist? Wer ist für die Dinger zuständig? Das Straßenverkehrsamt? Dann heißt der Job wahrscheinlich Lichtsignalanlagenintervallsfachwirt. Mit Binnen-s oder ohne? –intervallfachwirt oder –intervallsfachwirt? Interwalzfachwirt – einer, der professionell dazwischenwalzt. Aber wieso Wirt? Kein Fachwirt hat jemals irgendwen bewirtet. Vielleicht heißt der Job auch einfach Verkehrsplaner. Wobei Verkehrsplaner auch in der Kinderwunschklinik arbeiten könnten. Ob das geklappt hat inzwischen bei Claudia und Steve? Du hast vor Wochen versprochen, dass du sie anrufst.

Jetzt konzentrier dich bitte und tritt kräftiger. Noch ist grün, aber lange kann nicht mehr grün sein und wenn erst wieder rot ist: hundert Jahre. Wieviel Strom verbraucht eine Ampel? Dass die noch läuft, mitten in der Nacht, ist völlig sinnlos. Kein Mensch an der Kreuzung außer mir. Oder ist das ein Auto da vorn? Selbst wenn: Zwei Leute, weiß Gott wie viele Lichter. Sieht hübsch aus, wie sich der Regen da drüben vor der roten Ampel einfärbt. Nett vom Regen, dass er mir zeigt, dass da drüben rot ist. Fies vom Regen, dass er jetzt regnet. Hätte er damit noch zehn Minuten gewartet, hätte ich ihm vielleicht zuhause am offenen Fenster noch für eine Zigarettenlänge gelauscht. Jetzt gehe ich heiß Duschen, sobald ich rein bin; ich bin nass bis auf die Haut. Da kann er so kräftig und so romantisch regnen wie er will, der Regen, ich werde ihm jedwede Bewunderung verweigern. Das ist magisches Denken, Junge. Dem Regen ist scheißegal, was du von ihm denkst. Er regnet. Genau genommen weiß er das nicht einmal. Weder, dass er regnet, noch, dass es ihm egal ist, wie du das findest. Guck auf die Straße!

Immer noch grün. Schaffst du das noch? Komm schon! Willst du noch schnell ein fetziges Ja/Nein-Spiel draus machen? Na los. Wenn die Ampel noch grün ist, in der letzten Sekunde, bevor du an ihr vorbeifährst, dann, dann, dann läuft die Lesung nächste Woche gut. Springt die Ampel auf gelb wird’s öde. Ist sie rot, gehst du gar nicht erst hin. Fahr! Du denkst schon wieder magisch! Willst du nie erwachsen werden? Lass das ja niemanden hören; bestimmt gibt es eine psychologische Diagnose für diese pathologisch gamifizierte Vergewaltigung von Zufällen als Orakel. Omenophilie, Neuroorakleitis oder so. Neuroorakelitis, das einzige Wort mit r-o-o-r in der Mitte. Ro-or! Es ist egal. Nicht hingucken. Nicht hingucken!

Konzentriere dich auf die Straße, bitte, hier sind Straßenbahnschienen, hier ist Kopfsteinpflaster, es ist dunkel, es regnet und deine Fingerspitzen sind taub. Wieso muss es so früh im Herbst eigentlich schon so verdammt kalt sein? Ist das normal? Ich wette der kälteste Spätsommer/Frühherbst seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Wer hat sich jemals so gelangweilt, dass er begonnen hat, das Wetter aufzuzeichnen? Garantiert ein spießiger Junggeselle. Wie Paul. Dem würde ich zutrauen, dass er seit 1962 jeden Morgen vor dem Frühsport Bewölkung und Temperatur in ein kleines Büchlein einträgt.

Guck auf die Straße bitte, zack, über die erste Schiene, fein gemacht, Armraushalten vor dem Linksabbiegen kannst du dir sparen, halt lieber deinen Lenker fest, das ist ja kein Pflaster, das ist eine Frechheit und hier ist niemand außer dir. Obwohl, doch, da drüben. Tatsächlich ein Auto? Ist das ein Typ da drin? Wie ist der denn drauf? Hört der gregorianische Choräle? In der Lautstärke? Dem müssen die Ohren bluten! Gibt der Gas? Ernsthaft? Ist das sein Motor? Alter, der fährt! Hallo? Ich habe grün! Guckst du vielleicht mal, du Grützkopf? Geht mein Licht? Sicher. Frisch aufgeladen. Hinten auch? Bestimmt. Egal. Will der mich umbringen? Schwacher Trost für die Angehörigen: Für getragene Musik im Moment seines Ablebens war gesorgt.

Ich muss bremsen, ich muss bremsen, welcher Hebel ist für hinten? Wenn ich nur vorne bremse fliege ich übers Rad. Jetzt drück halt beide Hebel! Scheiße, es wird glatt sein. Nützt nichts. Wenn der dich umhaut war’s das! Ich muss lenken, lenken, aber wohin soll ich denn, hier sind überall Schienen – Schienen aus vier Richtungen! Ich eskaliere! Stell die Füße auf die Erde, bremse mit den Hebeln und mit deinen Sohlen! So fliegst du nur auf den Arsch, vielleicht! Obwohl, mit einem gebrochenen Steiß monatelang auf einem Schwimmring zu sitzen wie Christian: auch panne. Da ist eine gebrochene Schulter würdevoller. Verdammt, mach dich vom Rad, der überfährt dich! Shit, was denn jetzt? Wieso blockiert das? Bitte nicht! Ich klemme, ich hänge, die Schienen, ich raste aus! Kann ich mich festhalten? Hier? Nein, verdammt! Wohin? Wohin mit meinem Schwung, kann ich bitte wenigstens – oh, hallo: ich fliege.

Es ist verrückt, oder? Dieses Fliegen? Immer wieder faszinierend. Der Schwung ist weg, man schwebt – wie eine, ähm, Staubflocke. In dieser Untertassen-Kotzmaschine in Belantis fühlt man sich so ähnlich. Und diese Lichter, diese Streifen – hu! Hammer, wie sich das Ampelrot auf der nassen Straße spiegelt! So machen die Ampeln Sinn! Sinn machen! Anglizismus-Alarm! Und wenn schon. Ich habe keine Angst vor Anglizismen. Sprache ist ein lebendiges Konstrukt, dude. Früher waren Französismen en vogue – hihi, en vogue, merkst du selber, ne? Aber die hießen anders, oder? Was mit Gallien. Gallizismen? Oder wollen wir die linguistischen Dinge vielleicht später machen?

So, bitte rechten Fuß bisschen drehen, sonst bleibst du an der Mittelstange hängen – sehr gut, danke. Wohin fliegen wir? Kannst du irgendwie nach links steuern, rechts wäre schlecht, dieser Idiot in seinem scheiß Fiesta hat dich immer noch nicht gesehen. Was für ein Arschloch! Meditiert der zu seinem Mönchsgesinge? Hat der den Führerschein auf der Rolltreppe gemacht? Scheiße, der fährt dir über den Arm! Oder übers Bein! Oder über den – was wiegt so ein Fiesta? 700 Kilo? Das sind 0,7 Tonnen! Oder 0,07 Tonnen? Einheitenumrechnung machen wir auch später, ja? Versuche mit dem linken Bein nach vorn zu kommen – oh kacke, da ist schon das Pflaster. Lieber mit der Hand abstützen oder mit dem Ellenbogen? Oder mit der Schulter? Splitterbruch im Ellenbogen ist fies. Dauert Monate. Als sie Sven damals den Verband abgenommen haben, gehörte einer seiner Arme zu einem 35jährigen Sportler und der andere zu einem schwächlichen 12jährigen Jüngling. Sven ist aber auch ein Chaot. Splitterbruch im Handgelenk ist auch Mist. Musste bei Caro dreimal operiert werden. Dann lieber Schlüsselbein. Da kriegst du eine Platte rein und fertig. Martin kommt damit gut klar. Obwohl, diese Stufe, wenn man ihn da anfasst, ist schon eklig. Und am Flughafen immer die Diskussionen! Nützt nichts, einen Tod musst du sterben.

Fuck, Sterben! Wenn es das jetzt war, bist du zufrieden? Ach komm, das ist echt zu krass. Bitte nicht sterben! Bitte einen zündenden Einfall, bitte jetzt. Knie? Knie. Falle aufs Knie, das kann man operieren, da gibt es Prothesen. Frag Petra, alles ganz modern. Zuerst mit dem Knie aufkommen, um den Stoß abzufangen. Dann auf die Schulter abrollen, aber den Kopf unbedingt neigen. Nach rechts? Links? Rechts? Junge, wenn du mit dem Kopf auf dem Pflaster aufschlägst, hat sich’s! Wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast bist du Gemüse. Was wärst du lieber: Ein Idiot oder tot? Irgendwas stimmt mit der Zeit nicht. Das ist wie in Pac-Man, wenn man eine dieser Früchte frisst und sich dann doppelt so schnell bewegt wie die Geister. Pac-Man? Alter, passt du bitte auf deinen Kopf auf? Ein Idiot bist du übrigens schon jetzt. Ist ja nicht so, dass du keinen Helm hättest, ne? Wo ist das Ding? Auf dem Schlafzimmerschrank? Nee, da sind die Kartons. Im Keller? Nee, der ist ausgemistet. Wer hat verfügt, dass Helme so hässlich sein müssen? Obwohl, der von Caren ist schick. Dezent jedenfalls. Ein Nicht-Helm, quasi. Sie hat dir auch gesagt, wo sie den – kannst du das bitte später zu Ende denken, kannst du bitte jetzt möglichst elegant stürzen? Ich meine: Abrollen? Knie, Schulter, Kopf. Knie, Schulter, Kopf. Ist schon der Knaller, wie schnell du denkst, wenn du fliegst. Ist das auf Koks auch so? Oder auf Meth? Alter, du könntest König der Welt sein, wenn du immer so schnell –

Geht’s, kommen Sie klar, geht’s, kommen Sie klar? Ob die bitte mal aufhören können wie beim Squaredance durcheinander zu trampeln, bis ich meine Brille gefunden habe? Mann, wo ist die? Das Scheißding hat vierhundert Euro gekostet und ich habe nur diese eine. Morgen ist der Termin mit Lehmann: wichtig! Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne Brille zur Arbeit kommen soll, geschweige denn den Termin schaffen. Gott, ich bin so ein Maulwurf! Eines Tages muss ich bestimmt gelasert werden, weil die das mit normalen Linsen gar nicht mehr korrigieren können. Die lasern die Leute bei vollem Bewusstsein; wie pervers muss man sein! Was ist eigentlich mit meiner alten Brille passiert? Falls einer dieser Idioten auf meine neue latscht? Boah, ich höre es schon knacken. Da! Das ist sie doch, oder? Ja! Puh. Okay. Ins Gesicht damit. Funktioniert noch. Ja, ich weiß, dass ich aufstehen muss. Ich bin nicht aus einem Raumschiff auf die Straße gefallen, sondern nur von meinem Fahrrad. Apropos: Wo ist das? Da hinten? So weit? Meine Fresse. Sieht hübsch aus, wie die Speichen das Laternenlicht reflektieren. Sehr nett von meinem Hinterrad, dass es jetzt wieder so widerstandslos rotiert. Blöde Kuh! Was ist denn? Nein, ich will nicht zum Bushäuschen! Ich will zu meinem Rad! Was soll ich denn jetzt an dieser Bushaltestelle sitzen? Opfer-Ausstellung? Ist ja nett, das ihr mir helfen wollt, aber ich bin okay. Nix passiert. Kann die bitte aufhören mir ins Gesicht zu fassen? Ich kenne die nicht. Was will die denn? Aber Ihre Hände riechen gut. Und wie weich die sind! Eincrem-Junkie, hundert Pro. Scheiße, ist das Blut? Verdammt, das ist Blut! Doch, ich will mir aber jetzt da hin fassen. Das ist mein Körper, Sie werden entschuldigen. Verdammt, das suppt ja wie sau! Kann die mir das Taschentuch bitte geben, ich kann das selber halten! Wo ist der scheiß Mönchs-Fiesta? Ist der weitergefahren? Der ist weitergefahren! Habe ich mir das Kennzeichen – hat sich jemand das Kennzeichen? War ja klar. Was für ein Zombie! Das Rad ist Schrott! Von den 500 Euro hätte ich mir lieber ein Bett gekauft. Na gut. Es ging zehn Jahre ohne richtiges Bett, geht auch noch ein elftes. Ist ja gut, ich sitze doch! Ich weiß, dass ich einen Unfall hatte, ich war dabei. Nein ich habe kein Loch im Kopf, höchstens in meinen Klamotten. Hose sieht ganz aus. Moment: Ist das auch Blut? Da am Knie? Scheiße, ja. Voll klebrig. Loch drin? Nö! Was sind das für Hosen, Mann? Ey, ich werde Testimonial für Levi‘s und erzähle im Fernsehen, dass die Hosen so robust sind, dass man sich darin die Knie demolieren kann ohne die Hosen kaputt zu machen. Im Gegenzug bezahlen die mir ein neues Rad. Aber ein gutes! Und die Jacke? Kaputt. Arschklar. Einmal in zehn Jahren kaufe ich mir was Teures und dann kriege ich das in sechs Wochen ramponiert. Sinnlos. Naja, ist eben used look jetzt. Oder ich mache einen Smiley-Aufbügler drauf. Dann ist es retro. Kopfschmerzen? Nein. Wenn ihr nicht bald aufhört auf mich einzureden, kriege ich welche. Ja, ich weiß, dass ich mit dem Kopf aufgeschlagen bin, ich blute ja nicht spontan. Ist ja nett, dass ihr mir helfen wollt, aber ich bin nicht Rescue-Annie aus eurem Ersthelferkurs. Jetzt hört doch mal auf an mir rumzuzuppeln! Ich brauche keinen Krankenwagen, nein! Ich bin okay und werde jetzt nach Hause gehen. Ich habe es nicht mehr weit. Sag das doch einfach. Die können keine Gedanken lesen. „Ich bin okay und werde jetzt nach Hause gehen. Ich habe es nicht mehr weit.“ Geht doch. Geh doch.

wer anderen beim aufstieben zusieht

hinter den hügeln, im geäst der thronenden birken,
erspähst du gespenstiges rauschen und krächzen,
doch dann ist es still, so
still um dich und der himmel
so schwarz, dass keine wolke sich trägt,
erheben sich tausende in formation
höher und höher mit steigenden luftmassen,
segeln sie dahin, ohne zu fragen, ohne zu wissen,
sie ziehen den altvorderen nach in eingefleischte winterquartiere.

Über Spinnen – am Beispiel von Barbara

Ich nenne sie Barbara. Mir ist bewusst, dass das albern ist. Ich kann Leute nicht ausstehen, die ihren Autos (Hugo, Jonny), Zimmerpflanzen (Gerda, Paloma) oder Penissen (ich habe allen Ernstes einmal ‘Torpedo’ gehört) Namen geben. Das Benennen von Tieren ist zugegeben geläufiger, dem Tier aber ebenso gleichgültig wie dem Auto. Einer Spinne, die seit dem Frühjahr vor meinem Stubenfenster wohnt einen Namen zu geben, hat dementsprechend mehr mit mir zu tun als mit ihr. Es war ein Versuch der Annäherung, vielleicht sogar der Aneignung.

Ich vermeide es, Insekten zu töten. Ich finde, dass Insekten mit dem gleichen Recht auf diesem Planeten wandeln wie ich. Nur weil ich sie leicht töten könnte, heißt das noch lange nicht, dass das auch richtig wäre. Wobei richtig und falsch zu belächelnde Kategorien sind, denn Insektenrechte haben keine Lobby; selbst wenn ich sie verletze, erwachsen mir daraus keinerlei Sanktionen.

Leider muss ich zugeben, Spinnen mit der gleichen Mischung aus Ekel und Furcht zu betrachten, wie die meisten. Was also passiert, wenn sich eine von ihnen entscheidet, vor meinem Stubenfenster ihr Netz zu spinnen?

Ein Freund war zu Besuch, als ich die damals noch sehr zierliche Barbara dabei entdeckte, sich einzurichten. Die Hände auf dem Rücken verschränkt beobachteten wir das Treiben einige Minuten lang mit großer Bewunderung. Ein Seil abzusondern, das einen trägt, während man sich kopfüber der Schwerkraft spottend von einem Haltestrang zum nächsten schwingt, kann nichts Anderes als Staunen auslösen. Die Schwerkraft, erklärte mir mein Freund auf die rhetorische Frage hin, wie es die Spinne hinauf zu meinem Fenster geschafft habe, sei ohnehin eine Freundin der Insekten. Im Frühjahr, im April genauer, sei es der Wind, der die jungen Spinnen an den Ort trage, an dem sie ihr Leben verbringen werden. Die Poesie dieses Gedankens ließ uns einige Sekunden schweigen — nicht andächtig, eher hilflos.

Ich war schon auf dem Weg, Saftglas & Postkarte zu holen um das Tier auf die Grünfläche vor meinem Haus umzusiedeln, als mein Freund einwandte, dass mir doch gar nichts Besseres passieren könnte, als ein Spinnennetz vor meinem Fenster. Den ganzen Sommer lang hätte ich Ruhe vor Mücken und Wespen, eine natürliche Falle für — respektive: gegen — Stubenfliegen und eine gratis Barriere gegen Nachtfalter, die mich häufiger erschrecken. Außerdem wäre ich bei allem Gespinne, Gekämpfe und Gefresse dabei, ohne auch nur einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen und könnte so endlich meine irrationale Angst vor Spinnen überwinden. Spinnen haben reichlich Anlass, sich vor uns zu fürchten. Aber wir? Unsere Angst sei alt und nutzlos und eine Beleidigung der Schöpfung.

Ein Blick genügte, damit mein Freund mit ‘Ja, Schöpfung!’ fortfuhr. Das habe nichts mit Religion zu tun, sondern mit dem Erkennen universeller Prinzipien. Ich solle nur hinsehen, nur einen Sommer lang. Ich würde das schon kapieren.

Das einzige Gegenargument, das mir einfiel (und dass ich mich zu äußern traute) — Was, wenn sich die Spinne in einer kühlen Nacht entschiede, zu mir nach drinnen zu ziehen und während ich schlafe von meiner rutschigen Mundhöhle in meinen Rachen zu stürzen? — entkräftete er mit dem Hinweis, dass die damals noch namenlose Barbara, sehr offensichtlich keine räuberische Kampfspinne, sondern eine zivilisierte Netzspinne sei, die es im Zentrum ihres Netzes wesentlich gemütlicher fände, als beispielsweise in meinen Nasenlöchern.

Das zweite Gegenargument räumte ich später am Rechner selbst aus: Es stimmt, Kreuzspinnen sind giftig, aber nicht so giftig wie Wespen. Sie verkürzen das Leid ihrer Beute, in dem sie ein tödliches Sekret in sie speien; das hysterische Um-sich-Stechen gieriger Wespen ist den ansonsten friedlichen Spinnen jedoch ebenso fremd wie mir. Ich ließ der Spinne also ihr Netz und taufte sie Barbara. Keine Ahnung warum, ich behaupte, ich habe ihr den Namen aus einer Laune heraus verpasst; alle Namen werden irgendwann aus einer Laune heraus vergeben. Mein Freund behauptet, Barbara sei das gestottert-sublimierte Resultat des Gedankens: Ja, aber acht Beine!

Der sommerliche Blick aus meinem Fenster erschien mir fortan wie eine nicht zu unterschätzende Mischung aus Big Brother und Discovery Channel. Ich guckte viel. Ich googelte viel. Ich habe viel gelernt.

Wenn eine dicke Fliege beim Versuch eine Stubenfliege zu werden eine Netzfliege wird, lässt Barbara sie nicht lange zappeln. Mit ihren langen Beinen registriert sie jede Schwingung des Netzes und kann dabei die Wellen, die ein gefangenes Insekt auslöst mühelos von jenen unterscheiden, die ein dümmlich gegen das Netz pustender oder angewidert mit dem kleinen Finger gegen das Netz stupsender Zuschauer verursacht. Sofort macht sie sich auf dem Weg zur Beute. Sie rennt nicht, sie trödelt nicht, sie läuft etwa in der Geschwindigkeit, in der man zur Arbeit geht. Ich lege den Kopf schief und frage mich, wie es so ein kleines Gehirn wie das von Barbara schaffen kann, acht Beine nicht nur zu kontrollieren, sondern mühelos zusammenspielen zu lassen. Barbara, denke ich, fragt sich indes vielleicht, wie ich es mit nur zwei Beinen überhaupt schaffe, mich fortzubewegen. Nein, sie fragt sich das nicht, sie hat Wichtigeres zu tun. Sie umklammert die Fliege und treibt ihre Kieferklauen in deren Körper. Das gelingt zügig und routiniert; es dauert nur ein paar Sekunden bis die Fliege aufhört zu zappeln. Mit blinder Grausamkeit hat das weniger zu tun als mit Respekt, denke ich, als die Fliege ein letztes Mal zuckt. Ich erinnere mich, an die Klebebandfliegenfänger in der Küche meine Großmutter und daran, über wie viele Stunden sich das verzweifelte Sterben der Fliegen daran hinzog.

Webspinnen — der Begriff ‘Netzspinne’ war eine Erfindung meines Freundes, ebenso wie der Begriff ‘Kampfspinne’; mein Freund ist ein Freak, das haben Sie schon bemerkt; wir haben uns gut verstanden diesen Sommer — jedenfalls: Webspinnen erledigen einen Teil ihrer Verdauung extern. Das klingt eleganter, als es ist: Das giftige Sekret, dass sie in ihre Beute spucken enthält Verdauungsenzyme, die deren Inneres weitgehend verflüssigen. Das dauert ein bisschen — Barbara zieht sich erst einmal zurück.

Meistens beschäftigt sich Barbara in der Zwischenzeit damit ihr Netz auszubessern. Mein Fenster ist ziemlich groß und Barbara gut ausgelastet. Ständig reißt der Wind Haltefäden ab oder allzu schwergewichtige Beute Löcher ins Gespinst. Ich bin inzwischen sehr vorsichtig beim Öffnen meines Fensters geworden um ihr nicht noch zusätzliche Arbeit zu bereiten, aber — Entschuldigung? — ich muss ja wohl lüften. Es hat einige Wochen gedauert, bis ich Barbara so sehr vertraute, dass ich unbeaufsichtigt zu lüften begann. Die Angst, dass die Spinne, sobald die Gelegenheit günstig sei, hinterlistig die Umsiedlung in die Zweige meines im Wohnzimmer befindlichen Ficus benjamini wagen könnte, dessen Äste über mein Bett ragen, hatte sich als überzogen herausgestellt. List allerdings, das zeigten die Beobachtungen, ist durchaus ein Prinzip der Spinne.

Mit den feinen Härchen an ihren Beinen, reinigt sie die schimmernden Fäden von hängengebliebenem Pollen bis sie wieder fast unsichtbar und schön klebrig sind. Manchmal frisst sie den Pollen von ihren Beinen, manchmal schmeißt sie ihn mir aufs Fensterbrett. Hygiene — auch das lehrte mich Barbara — ist eine Notwendigkeit, der vom Insekt bis zum Riesensäuger alle Spezies unterliegen.

Zwischendurch klettert die Spinne immer wieder zur Beute, und betastet sie — wie die Hexe im Märchen den Finger von Hänsel — um den Weichheitsgrat zu beurteilen. Sie umkreist ihre Mahlzeit und manchmal umspinnt sie sie noch mit einen Extrafaden, damit der Wind ihr nicht die labberigen Vorräte stiehlt.

Nur wenn die Beute immer noch nicht durch ist, obwohl das Netz längst perfekt gepflegt in der Abendsonne glitzert, setzt sich Barbara in die Mitte, schaukelt ein bisschen im Wind und lässt sich bereitwillig von mir fotografieren. Niemals habe ich sie nervös, sabbernd oder gelangweilt neben ihrem Abendessen warten sehen. Geduld —das lässt sich leicht beobachten— ist nicht zuletzt eine Frage von gutem Stil. Und guter Stil eine Frage von Genügsamkeit. Kein einziges Insekt verirrt sich in Barbaras Netz solange sie gescheckt und kräftig in dessen Mitte thront.

Barbara in ihrem Netz
Barbara in ihrem Netz

Mit dem Aussaugen der Fliege, lässt sich die Spinne Zeit; ungefähr so lange, wie ich für einen hochpreisigen Cocktail. Mein Mund verzieht sich unwillkürlich als ich sehe, wie sich der dicke Bauch der Fliege allmählich nach innen zu wölben beginnt, während sich Barbaras Hinterteil aufbläht. Anders als ich in einer Bar ist Barbara ist selbst fürs Abräumen zuständig. Ihr vorderstes Beinpaar hat die feinste Motorik, sie benutzt es, um den leeren Körper der Fliege vorsichtig von ihrem Netz zu trennen. Die hintersten Beine sind die Kräftigsten; mit ihnen stößt sie die zerknitterte Fliegenhülle — Zack! —  aus dem Netz fünf Etagen nach unten.

Nach dem Essen ruht sie. Im äußersten Winkel, dort wo der Rahmen meines Fensters ans Mauerwerk stößt, ist Barbaras Schlafplatz. Wie bei meiner Hündin frage ich mich zuweilen ob sie tot ist, wenn ich sie beim Schlafen beobachte. Ich weiß nicht, wie sich die Spinne während der Ruhephasen festhält. All ihre Beine sind eingerollt und sehen vertrocknet und leblos aus. Barbara ist über den Sommer hinweg kräftig gewachsen, aber noch immer sind keinerlei Atembewegungen auszumachen. Kaum setzt jedoch die Dämmerung ein kehrt das Leben zurück in ihre Glieder — zumindest bis heute.

Jetzt ist Herbst und das beunruhigt mich. Es gibt viele mögliche Enden der Geschichte, aber keines gefällt mir; deshalb schreibe ich schon jetzt über meinen Sommer mit Barbara.

Ich gehe davon aus, dass Barbara eine Gartenkreuzspinne ist. Soweit ich gelesen habe, leben Gartenkreuzspinnen zwei Jahre — es sei denn, sie werden vorher von einem Vogel gefressen, wovon nicht auszugehen ist, da Vögel mein Fensterbrett sogar dann meiden, wenn ich es mit Futter für sie dekoriere. Für den Winter suchen sich Gartenkreuzspinnen für gewöhnlich einen etwas wärmeren, etwas geschützteren Ort. Ich hoffe Barbara ist klar, dass dieser Ort nicht diesseits meiner Fensterscheiben zu suchen ist. Mit Nachbarn zieht man nicht zusammen, man darf selbst tiefe Sympathie nicht überstrapazieren.

Sofern Barbara ein Weibchen sein sollte — ihr Name legt das nahe, aber sie kennt ihn ja nicht — ist das Risiko groß, dass sie schon in einigen Wochen stirbt. Die Eiablage ist sehr kräftezehrend und dürfte kurz bevorstehen.

Allerdings habe ich niemals Herrenbesuch bei Barbara beobachtet — kein Wunder, ich lebe im fünften Stock. Möglicherweise ist Barbara also Jungfer geblieben, was ebenfalls sehr traurig wäre. Wozu ist sie denn so wunderbar fett geworden, wenn nicht, um das Wissen um einen guten Ort zum Leben und ihre Fertigkeiten in Sachen Nest – pardon! – Netzbau an ihre Brut weiterzugeben?

Wenn Barbara aber Herrenbesuch hatte und stark genug ist, die Eiablage zu überleben, ist das leider ebenfalls kein Happy End. Hinter dem angenehm biologisch-distanziert klingenden Terminus ‘Eiablage’ verbirgt sich nichts anderes, als das Spinnen von vier bis fünf Kokons, die Barbara anschließend mit Eiern füllen würde, und zwar mit 40 bis 50 Eiern – jeweils. Die mindestens einhundertsechzig Jungspinnen würden noch vor dem Winter schlüpfen, bis ungefähr März aber freundlicherweise in ihren muckeligen Säckchen bleiben und vom Dottervorrat leben.

Ich wohne gern hier und war zuerst da. Die gründliche Versiegelung meines Wohnzimmerfensters mit Silikon stellt für mich keine akzeptable Lösung dar. Ich kann nur hoffen, dass der Wind dreht.

kjakk wangenrot

und unter den bemoosten zaunslatten hindurch zieren sich nur die wicken,
dahinter schlägst du den purzelbaum dir voll mit pustesamen,
rufen die dohlen ihr kjakk,
während die bäume die nüsse abwerfen
hinein in die schnäbel und pfoten,
schlägst du dich durchs gefräßige brennnesseldickicht
immer langhin, die disteln mit ihren stachelkullern hängen sich an,
dein wollkleid mit flicken besät, rennst du und malst dir die wangen rot,
bis du sie schnattern hörst, die enten und gänse, hier draußen
döst du an die schuppenwand gelehnt, solange sie krumen und schnecken vertilgen,
kicherst dich scheckig, bevor sie dich zwicken und aufgeregt
flattern, weil du ihnen die kiele stahlst und noch ehe du dich versiehst,
hörst du die glocken schlagen und weißt, du musst schnell sein,
die zaunslatten hindurch, die hände geseift, im mund eine dicke scheibe leberwurstbrot.

Die Internette

Bevor die Internette mit dem Taxi zur Arbeit ins nahe gelegene Krankenhaus fährt, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Ladekabel zusammenzurollen und ihre beiden Smartphones wie Revolver links und rechts in die Gürteltaschen zu verstauen.

Sie wirft sich auf die Rückbank, streift die Pantoletten ab und stützt die Füße an die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Sie greift zu den beiden Smartphones und tippt den Inhalt ihres Traumes -, oder auch nur die Dauer des nächtlichen Gewitters mit der Anzahl der Blitze als erste Nachricht ein. Aufgeregt versendet sie diese Informationen an ihre noch schlafenden Abonnementen. Reichen für die Weitergabe ihrer News Daumen und Zeigefinger nicht aus oder bekommt sie die von ihr gefürchteten Muskelkrämpfe im Daumen, setzt sie sich auf und tippt und scrollt stattdessen mit der Nase Informationen ins Tablet.

Fährt die Internette an der Krankenhauspforte vor, steigt sie aus und schreibt die letzten Worte über grandiose Mitternachtsschwimmen, über einen Feuerwehreinsatz, den ihre Freunde durch ein drei-Meter hohes Lagerfeuer ausgelöst haben oder auch über ein Wettessen mit Todesfolge und verschickt die Nachrichten mit 33 Emojis. Erst danach schlüpft sie in ihre Pantoletten und versteckt das Tablet geschickt unter ihrer luftigen Kleidung. Schweißgebadet greift sie das mitgebrachte Handtuch aus der Tasche und trocknet sich Hals, Hände und die Stirn ab. Sie schleicht hinter die Pförtnerei und wringt das Handtuch über der in schnurgerader Reihe gepflanzten Köpfe des Pfücksalats aus, die der Pförtner jedes Frühjahr für sein Frühstück angelegt hat. Ist sie damit fertig, stopft sie das Handtuch wieder in die Tasche, geht zurück zum Auto und schickt dem Fahrer Infos über wichtige Kulturveranstaltungen auf sein Smartphone, die ihm jede Menge zusätzliche Fahrgäste versprechen. Hat sie hingegen wieder heikle Informationen über das abendliche Treiben seiner geschiedenen Frau oder böse Streiche seiner drei heranwachsenden Kinder parat, krakelt sie mühselig Buchstaben auf linierte Zettel, faltet diese zusammen und legt sie als Lohn für treue Fahrdienste auf den Beifahrersitz. Mit einem Nicken bedankt sich der Fahrer, fragt, wann er sie wieder abholen soll und braust mit Lichtsignal davon.

Betritt die Internette das Foyer des Krankenhausgebäudes, schnappt sie alle Meinungsfetzen auf, die sie bekommen kann. Mit diesen geht sie in die neonbeleuchteten Flure und fragt entgegenkommende Mitarbeiter nach den Launen ihrer Chefs oder Kollegen. Noch im Hören greift sie in den Beutel, winkt besorgt oder erfreut den Berichterstattern zu und gibt die Melange aus Meinungsfetzen und eben geäußerten Nachrichten blind in die Smartphones ein und drückt aufgeregt gleichzeitig die Entertasten. Bevor sie auf Station ankommt, hat sie so ein erstes Stimmungsbarometer der Belegschaft noch vor den Sechs-Uhr-Nachrichten abgesandt. Und es ist kein Wunder, dass, seit sie sich mit ihren beiden Smartphones in die letzte Personalratswahl mit zigtausend Rund-SMS eingemischt hat und der aussichtsreichste Kandidat von Platz eins auf den vorletzten Platz rutschte und andere Kandidaten, die seit Jahren aktiv für die Rechte der Mitarbeiter kämpfen, urplötzlich rausfielen, -die Geschäftsführung, die Personalabteilung sowie der Personalrat zu ihren treuesten Kunden zählen sollen. Einzig der Pförtner weigert sich beharrlich eines von den doofen Smartphonedingern zu kaufen und den unverständlichen Quatsch, den sie Tag und Nacht schreibt, zu lesen. Seit geraumer Zeit wird gemunkelt, dass die Pflegedienstleitung extra wegen ihr einen nicht näher benannten Mitarbeiter mit Diplomstudiengang der Neuen Medien beschäftigt, der tags und manchmal auch nachts mit der Weiterverarbeitung ihrer Nachrichten beschäftigt sei. Auch hält sich das Gerücht, die Personalakte der Internetten sei nur wegen ihrer eifrigen Smartphonetätigkeiten bei allen Entlassungsgesprächen immer wieder unauffindbar. Viele, die dieses Gerücht verbreiten, stellen ungefragt der Internetten ihr Wissen zur Verfügung. Auch scheint ihr, dass die Chefs ihr gegenüber irgendwie aufmerksamer geworden sind, ihr neuerdings jede Menge Komplimente machen und sie des Öfteren in der Kantine zum Essen einladen.

Gelangt die Internette endlich auf Station, geht sie voller Ungeduld in die Zimmer, öffnet die Fenster und lässt die ersten Sonnenstrahlen auf die Gesichter der noch schlafenden Patienten scheinen. Sie klopft sie wach, nimmt die Becher vom Nachttisch, reicht sie ihnen an die Münder und fragt ganz nebenbei, wie viele Besucher gestern das Radrennen des Enkels hatte, wie das Essen derzeit schmeckt, wie laut sie die Musik beim diesjährigen Sommerfest des Krankenhauses fanden oder auch nur wie sie die Kleiderordnung auf einer Skala von eins bis zehn einstufen würden. Haben die Patienten ihre Informationen im Halbschlaf genuschelt, klopft sie ihnen anerkennend auf die Schulter, stellt die leer getrunkenen Becher auf die Nachttische zurück, notiert die Flüssigkeitsmenge im Einfuhrprotokoll, zieht die Decken bis zur Nasenspitze hoch, schließt die Fenster und gibt noch im Raume stehend umgehend Votings zur Genießbarkeit des Patientenessens, des Lärmpegels im Krankenhaus und zum schrillsten Ärztekittel an alle Whatsapp-Gruppen ihres ellenlangen Verteilers weiter. Und nur wenn die Daten mehr als zwei, drei SMS überschreiten, schiebt sie sich seit Neuestem in einen der sehr schmalen Patientenschränke, zieht das Tablet unter dem Shirt hervor und schreibt ausführliche Rundmails mit Grafikanhang und Balkendiagramm. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie die eigens für diese schmalen Schränke begonnene Diät erfolgreich beendet hat. Anschließend kommt sie wie nach einem Toilettengang erleichtert aus dem Schrank, schiebt zufrieden die Tür zu und steckt das Tablet unters Shirt. Meist bemerkt sie erst jetzt, dass sie in der Zwischenzeit furchtbar müde geworden ist und sie dringend einen Frühstückskaffee braucht. Im Pausenraum angelangt, schiebt sich die Internette in ihre Lieblingsecke an die Stirnseite des Tisches, streift die Schuhe ab, legt die Beine hoch und lauscht gleichzeitig allen Gesprächen der Mitarbeiter. Da es sehr anstrengend ist, die Verwandten und Bekannten der Mitarbeiter auseinanderzuhalten, kann es schon mal vorkommen, dass der Internetten die Augen zufallen und sie in einen wohltuenden Sekundenschlaf hinabgleitet. Erwacht sie wieder, gibt sie die oft unvollständigen Sachverhalte in ihre beiden Smartphones ein. Nicht selten ist sie von der Brisanz ihrer neu gewonnenen Informationen so perplex, dass sie vor Schreck gleichzeitig in zwei, drei oder gar vier Brötchen beißt und den viel zu heißen Kaffee abwechselnd aus den umherstehenden Kaffeepötten runterschlüft. Ist die ihrer Meinung nach viel zu kurze Pause vorbei, zieht die Internette ihre Pantoletten an und fragt die Stationsleiterin, ob sie die Patienten in den OP fahren oder von dort abholen darf. Vorher schleicht sie in den Umkleideraum und wechselt ihre zwei schwächelnden Smartphones gegen zwei mit aufgeladenen Akkus. Die akkuschwachen Smartphones steckt sie an einer Verteilerdose an, die ihr ein Handwerker, aus der Schar der unendlichen Verehrer, in den Umkleideschrank heimlich eingebaut hat. Mit den zwei aufgeladenen Smartphones bewaffnet, schnappt sie sich ein im Gang geparktes Bett nebst Patient und beginnt ihre ausgedehnte Spazierfahrt durch alle Etagen und Winkel des Krankenhauses. Zuerst führt sie ihr Weg in die Wäscherei. Dort horcht sie was die Besungene an Zetteln, Eintrittskarten und anderen interessanten Fundstücken in den schmutzigen Wäschestücken gefunden hat und welche wichtigen Nachrichten sich daraus rekonstruieren lassen. Anschließend schiebt sie das Bett mitten in die Raucherinsel der Krankenpflegeschule, holt ihre Zigaretten heraus, steckt sich und dem halbschlummernden Patienten eine Zigarette zwischen die Lippen und gibt der qualmenden Schülerschaft Tipps, wo in den nächsten Nächten angesagte oder gar streng verbotene Tanzveranstaltungen mit anschließendem Nacktbaden stattfinden. Kommt die Internette von der kleinen Raucherpause an der Kantine vorbei, kann sie sich meist nicht beherrschen. Sie wirft ihre und des Patienten Zigarette in die Ecke, stellt das Bett mit dem magennüchternen Patienten neben den beleuchteten Lunchautomaten, zieht sich ihr saftiges Schinken-Käse-Sandwich mit Ei und Salat aus dem Automatenfach und stürmt an die Kasse zu Herrn Auskunft. Dort tauschen sie Speicherkarten mit verschiedenen Diagrammen und Grafiken aus und besprechen wichtige Kulturveranstaltungen, die im Umkreis von mindestens einhundertfünfzig Kilometern stattfinden. Und jedes Mal nimmt sich die Internette ganz fest vor beim nächsten Schwatz nicht wieder zwei, drei Stunden in der Kantine zu verweilen. Denn oft kommen die Patienten danach viel zu spät zu ihren OP-Terminen oder versterben, weil die Sauerstoffmaske zwischenzeitlich verloren gegangen oder der Infussiomat leer gelaufen ist. Sie übergibt ihre halbtoten Patienten am OP-Eingang und übernimmt die frisch operierten Patienten. Da das Handy im OP und ITS-Bereich keinen Empfang hat, hasst sie die Zeit der Übergabe und drängt das Personal zur Eile. Anschließend rast sie wie von der Tarantel gestochen mit dem Patienten in den Flur zurück und prüft mit zitternden Händen den Empfang ihrer beiden Smartphones. Mit der Fülle an Informationen beantwortet sie auf der Rückfahrt bereitwillig jedem Mitarbeiter, wann, wo, wie, welche wichtigen Veranstaltungen stattfinden, wie hoch die Eintrittsgelder sind, wie viele Karten sich überhaupt noch im Umlauf befinden und ob die Fragenden zu dieser oder jener außergewöhnlichen oder einmaligen Veranstaltung kommen müssen. Gern beendet sie ihre Tipps mit dem mahnenden Satz, dass ein Fernbleiben ein nicht wieder gut zumachender Frevel oder gar ein untrügerisches Zeichen von kultureller Einfältigkeit vor aller Welt darstelle und der Ferngebliebene sich nicht mehr bei Tage unter die Menschheit getrauen könne. Sind die Fragenden noch im Zweifel, schiebt sie den standardisierten Satz hinterher, dass auch sie todmüde sei, dass auch sie Wäsche in der Waschmaschine habe und auch ihre Fenster vor Dreck aus den Rahmen fielen, aber sie sich gar nicht mehr im Spiegel ansehen könne, wenn sie der Veranstaltung fernbliebe. So angeheizt beteuern die Informierten, dass sie in jedem Falle zur angemahnten Veranstaltung kämen. Oft trifft sie am Abend den Handwerker, der ihr fortwährend zulächelt, Teile ihres alten oder neuen Stationsteams oder gar ganze Abteilungen dort an. In diesen Momenten fühlt sie sich seltsam geborgen und glaubt sich ihrem großen Ziele näher, einmal alle Mitarbeiter des Krankenhauses als familiäres Ganzes zu erleben. Sie nimmt die Smartphones und macht Fotos, die sie als Panoramabilder in verschiedene Netzwerke stellt und mit den Namen aller Abgebildeten versieht. Die Gelungensten klebt sie später an einer der wenigen freien Plätze ihrer vier Meter hohen, weiß getünchten Wände der Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Außentoilette. In sehr guten Momenten gelingt ihr das Kunststück, die Anwesenden im Saale in tobende Begeisterung zu versetzen. Dann schunkelt sie so lange hin und her, bis die Anwesenden die von ihr vorgegebene Bewegung aufgreifen und in eine einzige Woge verwandeln. Nach solchen Veranstaltungen fährt sie nicht, wie sonst üblich, mit dem Taxi zum nächsten Ereignis, sondern schaltet ihre beiden Smartphones aus, nimmt ihre bunten Pantoletten in die Hand und planscht im Springbrunnen und träumt davon, endlich von einem schönen Mann entdeckt zu werden. Barfuß tanzt sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett und schaukelt sich mit dem Rhythmus der abendlichen Woge in den wohl verdienten Schlaf und stellt sich die Frage warum sich niemand getraut, sie endlich anzusprechen. Und nur wenn sie wieder einen ihrer furchtbaren Albträume hat, schreckt sie aus ihrem Schunkelschlafe auf und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf ihre beiden Handys, die sie stets fest umklammert in den Händen hält. Dabei überlegt sie, was sie eigentlich machen wird, wenn sie, wie im Traume geschehen, wirklich in ein Funkloch fallen sollte.

Würde man den Pförtner nach ihr fragen, würde er sagen, dass sie eine ausgesprochene Handymacke hätte und er beim besten Willen nicht sagen könne, woher sie die viele Kohle nehme, um die täglichen Taxifahrten bezahlen zu können. Außerdem würde er behaupten, dass sie endlich einen Mann in ihr unstetes Leben lassen müsse. Dann würde sich das mit der Doppel-Handymacke und dem Taxirumgekutsche schnell legen. Außerdem könne er dann wieder seinen geliebten Pflücksalat abernten und zum Frühstück essen.

Flecken, dunkelblau (2)

(Fortsetzung des Textes von letzter Woche. Eine 78jährige Patientin einer geschlossenen psychiatrischen Station erörtert mit einem Psychologen die möglichen ursachen der unerklärlichen Verletzungen, die sie nachts erleidet.)

Oh, ich weiß, was sie sagen werden. Sie werden mir eine Nacht in einem Schlaflabor vorschlagen. Sie werden vorschlagen, dass wir dem Spuk leicht auf die Schliche kommen, wenn Sie mich unter Kameraüberwachung stellen und mein Gehirn an allerlei Elektroden anschließen. Am nächsten Morgen wüssten wir sicher mehr. Wissen wir nicht. Ich habe das schon hinter mir. Generell schlafe ich nicht in Schlaflaboren. Schlafen in einem Schlaflabor ist, als würden Sie versuchen in einem vollbesetzten Theatersaal auf der Bühne zu schlafen – unmöglich. Als ich zwei Nächte im Schlaflabor komplett durchwacht hatte, haben sie mir drei zusammenhängende Nächte dort gebucht. In der dritten Nacht war ich so erschöpft, dass ich tatsächlich eingeschlafen bin. Es blieb alles friedlich. Selbstverständlich. Dass es im Schlaflabor nicht passiert ist, beweist gar nichts. Als würde es sich zeigen, wenn alle gucken!

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Flecken, dunkelblau (1)

Wie ich geschlafen habe? Gut, danke. Und Sie? Oder ist das eine ernst gemeinte Frage? Wirklich? Dann kann ich das nicht beantworten. Es ist eine absurde Frage, sofern Sie sie ernst meinen.

Die Handlungsrichtung ist falsch. Verstehen Sie? Sie verdrehen Aktiv und Passiv. Wenn Sie mich fragen, ob ich gut geschlafen habe, dann klingt das, als würden sie herauszufinden versuchen, wie erfolgreich ich bei der Verrichtung der Tätigkeit Schlafen war. Aber ich habe ja gar nichts getan. Wissen Sie, was ich meine?

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verweilen

so geschieht es dir an einem septembermorgen im fenster
splitternackt, drüben die kronen der fichten,
die tauben auf dem dach, irgendwo hinter gardinen,
siehst du dich hüpfen auf asphalt, himmel und holla,
die knie blutig, ins gesicht steht dir der apache geschrieben.
kein strauch, den du nicht kennst, alle blätter getrocknet, alle stämme erklommen,
alle früchte gelesen, latzhosen mit großen flicken.
nachbars tiere umhalsend, auch die mütterchen im dorf,
denen du manchmal die beutel trugst für ein stück schokolade oder heißen kakao.
heuschrecken fangen, schnecken verekeln mit kalk auf dem kopf,
blümchen pflücken für mutti oder nur so
als dekor für den sandkuchen, nebst grasnudeln und schlammkloß.
noch ist sommer und das gewimmel der asseln unterm gestapelten holz,
du weißst, du kennst es.

Welche Fahrt?

„In Ordnung. – Wo fahren wir hin?“
„Entschuldigung?“
„Was denn? Anschnallen? Ist das Ihr Ernst? So hätte ich Sie nicht eingeschätzt.“
„Wollen Sie mich verarschen?“
„Fahren Sie!“
„Was? Warum sollte ich?“
„Wäre ‚Weil grün ist!‘ ein überzeugendes Argument? Fahren Sie schon!“
„Nicht, so lange Sie neben mir sitzen!“
„Hören Sie das Geräusch? Damit bringen die Fahrer hinter Ihnen ihre Frustration zum Ausdruck. Fahren Sie!“
„Also schön. Aber nur bis zur nächsten Parklücke. Dort steigen Sie aus!“
„Parklücke? In diesem Viertel? Sie sind niedlich, ich hab’s mir gedacht. Außerdem geht die Fahrt doch gerade erst los!“
„Welche Fahrt?“
„Woher soll ich das wissen? Sie fahren. Hier wären übrigens 50 erlaubt.“

„Sind sie auf der Flucht?“
„Sehe ich aus als hätte ich eine Bank überfallen? Ich habe dazu mal recherchiert – aus rein beruflichem Interesse, versteht sich. Die Sicherheitsvorkehrungen der Banken heutzutage verderben einem den ganzen Spaß. Aber glauben Sie mir: Falls ich jemals eine Bank überfalle, würde meine Beute nicht in meine kleine Tasche hier passen. Geben Sie einen guten Komplizen ab?“
„Werden Sie verfolgt?“
„Wer soll mich verfolgen? Agenten? Auftragskiller? Wie aufregend! Aber nein.“
„Ihr eifersüchtiger Ehemann?“
„Sie täuschen sich. Dem bin ich nachgelaufen. Viel zu lange.“
„Ein Kaufhausdetektiv?“
„Halten Sie mich für eine Diebin? Wie langweilig. Oder eine Kleptomanin? Denken Sie, ich sei verrückt?“

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Die Gastnehmerin, Teil V

Sie steht auf, zupft ein verwelktes Blatt von der Grünpflanze, wirft es in den Mülleimer und geht auf die Toilette. Wie immer lehnt sie die Tür an und ich höre wie ihr Urin in die Schüssel läuft. Damit ich das Geräusch des Urinstrahls heute nicht hören muss, lege ich Jazzmusik in den Spieler und drehe die Musik laut. Sie kommt aus dem Bad und schimpft erwartungsgemäß, dass das furchtbare Affenmusik sei, dass die Nachbarn dieses Geheul auf keinen Fall dulden würden und auch sie bei der furchtbaren Musik sofort gehen werde. Ich schalte die Musik etwas leise, sage beiläufig, dass es mir leidtue und warte bis sie sich angezogen hat. Ich begleite sie zur Tür. Sie bleibt im Flur stehen und fragt, ob nicht doch etwas Geld in dem Geldbeutel sei und ob ich noch einmal gründlich nachsehen könne. Siegessicher gehe ich zum Küchenschrank zurück, nehme mit ausladender Handbewegung den Geldbeutel aus dem Fach, werfe ihn in die Luft und drücke ihn ihr in die Hand und ermuntere sie, doch selber noch einmal ganz gründlich hineinzusehen. Sie schaut hinein und dreht die Spitze ihres Schuhs, als wollte sie eine Zigarette austreten. Sie klopft mit der Hand auf die Oberfläche ihrer Tasche und flüstert, ob ich nicht wenigstens etwas Kleingeld im Portemonnaie sei. Die Gastnehmerin, Teil V weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“ Die Gastnehmerin, Teil IV weiterlesen

klopfzeichen

da hockst du im gras, dem meterhohen
und schaust verstohlen hervor.
den mund ganz voll mit heidelbeeren,
die zähne blau, und auch der rock.
einen strauß frisch gepflücktes, in der hand,
margeriten vom feld,
für die mutter, da hockst du im gras, dem meterhohen
und wartest auf
klopfzeichen.
den mund ganz voll mit heidelbeeren,
gehst du zum grab, erzählst ihr von tintenklecksen
in deinem buch, tomaten, die reifen
und vom blau auf deinen zähnen, deinem rock und
dem himmel.
einen strauß frisch gepflücktes, legst du auf die noch
feuchte erde. margeriten. die magst du doch,
sagst du und wartest auf
klopfzeichen.

hierbleiben

an genau diesem tag
´sickert das glück mit dem abwaschwasser,
geht’s hinunter ins fallrohr und gluckert verloren
im hinterhof hören´s die kinder noch
bis zu den mülltonnen und zurück
sammeln sich teller und tränen,
applaus, applaus dem hohn
der gerechtigkeit sprichst du dich los
es gibt nichts zu sagen,
auch den göttern nicht mehr,
träumst du dich, lieber,
von chemo zu chance
an keinen anderen ort.

Wolken

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Der Wind treibt sie voran und du wunderst dich, dass ich niemals schlafe. Doch im Kinderwagen lässt sich gemütlich die Welt betrachten. Und wenn sich in deiner Brille die Wolkentiere spiegeln, strahle ich wie das Honigkuchenpferd, das du mir auf dem Rummel gekauft hast. Großmutter greift sich an den Kopf und schimpft mit den Spatzen auf dem Rohr. Was du dir dabei wieder einmal gedacht hättest, ich hätte doch überhaupt noch keine Zähne in meinem Mund. Iwo, murmelst du, die kommen schon bald, und hängst mir den Lebkuchen ins Blickfeld.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Wir stapfen durch Morast und Gestrüpp. Du sagst, wir wandern heute den Berghain hinauf. Wir tappen im Dunkeln und ich suche Halt an deiner Hand. Doch du schüttelst mich ab, sagst mir, du musst lernen, dich allein zurechtzufinden, ich weise dir nur die Richtung. Kleinlaut befolge ich deinen Rat und vertreibe mir die Geister mit Kieselstein-Weitwurf. Du brummst zufrieden, als sich die Lichtung auftut. Wir liegen im Gras. Ich kitzele dich mit Halmen im Ohr. Du schnarchst und dein runder Bauch wirft der Sonne Schatten entgegen. Am Abend sagst du zu Großmutter, wir haben uns nicht verlaufen, wir sind nur vom Weg abgekommen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Warum bauen wir eine Gartenpforte, frage ich dich. Die Blumen haben kalte Füße, antwortest du und schlägst die Nägel in das Holz. Aber ich hätte viel lieber eine eigene Schaukel, flüstere ich. Du hebst deinen Kopf und zupfst dir den Bart. Anständige Menschen bleiben lieber auf dem Boden der Tatsachen, zeterst du.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Großmutter sagt, ich sei ein Wildfang und meine Locken wären keine Laune der Natur, sondern ein Ausdruck meines Charakters, erzähle ich dir. Wenn sie das sagt, dann wird´s schon stimmen, meinst du zu mir. Und warum hast du dann so einen langen Bart, frage ich dich. Je länger der Bart, umso weiser ist ein Mensch, erklärst du. Ich staune und du lachst Tränen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Gestern um neun, in deinem Ohrensessel hat es dir halbseitig die Sprache verschlagen. Du liegst im Bett und hältst die Augen geschlossen. Verstehst du mich?, frage ich dich. Du lächelst und nickst.

Die Gastnehmerin, Teil III

Sie knurrt. Ich drehe das Radio leise, den Wasserhahn ab und wiederhole in langsamen Worten meine Frage: „Schmeckt´s dir? Schmeckt´s? Oder bist du schon satt? Wenn Du satt bist, musst du´s mir nur sagen. Dann stelle ich den restlichen Käse auch gern wieder in den Kühlschrank! Der muss ja nicht unnütz auf dem Tisch stehen.“ Ich höre ein weiteres Mal ihr Knurren und ein „Nein, nein, es schmeckt! Stell´ den Käse bloß nicht wieder weg!“ Ich drehe den Kopf etwas zur Seite und sehe wie sie mit der einen Hand hastig zwei Scheiben in ihren Mund steckt, wobei die eine Scheibe für Sekunden wie eine weiße Zunge heraushängt und im Rhythmus ihrer Kaubewegung mitschwingt. Mit der anderen Hand schiebt sie schnell die verbliebenen Käseteile auf ihren Teller. Sie nimmt die mitgebrachte Tüte aus der Tasche und kippt den Käse hinein. Ich drehe den Kopf zurück zur Spüle, schließe die Augen und spüre das Gefühl, dass ich in solchen Momenten immer verspüre. Ich sage mir in Gedanken, dass ich diesem Gefühl des Mitleids ab heute nicht mehr nachgeben will. Außerdem sage ich mir, dass ich mir das seit Jahren jedes Mal vorgenommen habe. Zum Schluss sage ich mir, dass ich aus einem unerklärlichen Grund seit dem letzten Besuch weiß, dass ich von ihr nichts mehr erhoffen kann.
Ich öffne die Augen, schiele auf den Tisch und sehe wie sie das letzte Stück herunterschlingt. Ich bemerke, wie ich die Schnur der Mikrowelle umfasse und in die Steckdose schieben will. Ich schüttle den Kopf, schalte die Herdplatte an, lege meine flache Hand darauf, bis es warm wird und ich ein leichtes Brennen verspüre, starre in das immer deutlicher werdende Rot und spreche lautlos zu mir: „Ab heute, ab heute muss das anders werden! Du hast es dir versprochen!“ Ich lege die Schnur der Mikrowelle aus der einen Hand, nehme die andere Hand von der Platte, schalte den Herd aus und überlege, wann sie endlich mit dem eigentlichen Grund ihres Besuches herausrücken wird. Ich halte meine Hand unter das kalte Spülwasser und bin mir auf einmal sicher, dass ich ihr es ganz gewiss nicht leicht machen werde und sie ab heute mit mir einen wirklich echten Gegner haben wird. Als erstes kommt mir die Idee, ihr Gespräch, zu torpedieren. Da ich weiß, was sie in Wirklichkeit will, dürfte es mir nicht allzu schwer fallen, jedes Mal, wenn sie damit beginnen würde, sie mit einem anderen Thema zu überrumpeln. Ich gieße ihr Kaffee ein. Dieses Mal gieße ich ihn, wie den Tee in chinesischen Filmen, aus großer Höhe ein, damit er schnell kalt wird. Ich weiß, kalten Kaffee mag sie noch weniger als zu heißen. Sie sagt, dass es schön sei, dass es so schnell mit diesem Besuch geklappt habe und sie ein dringendes Anliegen auf dem Herzen habe. Ich frage sie, was eigentlich ihr Herz mache und wie der Befund des Langzeit-EKGs ausgefallen sei. Sie sagt, dass sie es noch nicht geschafft habe, aber gleich nächste Woche zum Arzt gehe. Sie sagt, dass es schön ist, dass es mit diesem Besuch so schnell geklappt habe und sie wieder einmal einen kleinen Wunsch hätte. Ich frage, ob sie denn die Weihnachtswünsche der Verwandtschaft für dieses Jahr schon wüsste und bin völlig erstaunt als sie ja, natürlich sagt und dass sie ja deswegen mich besuchen komme. Ich verdrehe die Augen und sage, dass ich mich über ihren Besuch sehr freue, mir aber dieses Jahr vorgenommen habe, keinerlei Wünsche zu erfüllen. Sie sagt, dass auch sie sich dieses Jahr vorgenommen habe keine allzu großen Wünsche zu erfüllen und es sich sowieso nur wieder um Kleinigkeiten handle. Sie greift in ihre Jackentasche und holt den Weihnachtswunschzettel, den sie auf die Rückseite eines langen Kassenbons geschrieben hat, heraus. Da ich weiß, dass sie mit ihrer Brille nicht allzu viel erkennen kann, gehe ich zum Fenster, sehe hinaus und drehe am Stellrad der Jalousie. Sie beugt sich über den Zettel mit der kindlich krakeligen Schrift und beginnt laut vorzulesen. Ich bin erstaunt, dass sie ihre Schrift immer noch erkennt. Ich schaue wieder scheinbar unbeteiligt durch die Fensterscheibe und drehe ein weiteres Mal am Stellrad der Jalousie. Sie hält den Zettel nah an ihre Brille und liest in ihrer unnachgiebigen Art, die ich bewundere und zugleich fürchte, ihren Wunschzettel vor. Ich sehe weiterhin aus dem Fenster und drehe ein weiteres Mal das Plasterädchen der Jalousie und bin erfreut, mit wie wenig Aufwand ich ihren Willen unterbrechen kann. Sie schiebt den Zettel vor die Brille, reibt ihre Augen und beginnt zu stottern. Ich flüstere in Gedanken, dass ihr das völlig zu Recht geschieht und es die Strafe dafür ist, das von mir erbetene Geld statt für die neue Brille für unsinnige Einkäufe auszugeben. Sie reibt sich erneut die Augen und beginnt zu zittern. Da mir dieser Anblick leidtut, drehe ich das Rädchen der Jalousie zurück. Sofort beginnt sie wieder, diesmal schneller, die Wünsche vom Zettel vorzulesen. Da mich das, aber auch mein gottverfluchtes Mitfühlen ärgert und ich mir nicht sicher bin, was mich mehr von beidem in hilflose Wut versetzt, drehe ich das Rädchen zurück. Sie reibt Kreise über die Karos ihres violetten Hosenkostüms. Ich drehe wieder an dem Rädchen. Sie beobachtet mich und ich überlege, was ihre Beobachtung bedeutet und ob sie gemerkt hat, dass ich das Rädchen gedreht habe. Das macht mich völlig unsicher. Ich schaue noch einmal aus dem Fenster, öffne es, winke und rufe auf die Straße herunter. Ich schließe das Fenster, reibe mit dem Ellenbogen über die Scheibe, gehe vom Fenster zur Spüle, die hinter ihr steht und überlege wie ich ihren Leseschwall unterbrechen kann. Ich hole mit dem schweineteuren Bergkäse, den ich extra für diese Situation beim Händler bestellt habe, meine allerletzte Waffe aus dem Kühlschrank, stelle ihn vor sie und bemerke erst jetzt, dass sie schweigt und ihre Brust sich schnell auf- und abbewegt. Ich glaube puterrot zu werden, drehe mich von ihr weg und sage trotzig, dass ich ihn extra nur für sie gekauft habe, vorhin glatt vergessen habe ihn auf den Tisch zu stellen und nun aber auch möchte, dass sie ihn unbedingt isst und ich ihn ansonsten nie mehr kaufen werde. Sie schaut auf ihren Wunschzettel, auf den Käse, auf den Wunschzettel und von dort langsam auf den Käse und danach mich fragend an. Ich nicke ihr zu und sage im überzeugt lässigen Tonfall, dass es da überhaupt nichts zu überlegen gibt. Sie schaut mich zögernd an und legt in Zeitlupe den Zettel neben den Teller. Ich hobele die Scheiben vom Käse herunter und garniere sie auf den Teller. Sie schaut mich an und beginnt die Scheiben in einem Tempo in den Mund zu schieben, dass ich mit dem Hobeln kaum nachkomme Sie greift zur Kanne und gießt sich mit Schwung Kaffee nach, dass der Kaffee über die Tasse, auf die Untertasse und von dort auf den Tisch schwappt. Sie trinkt ihn mit einem großen Schluck, dass er tröpfchenweise aus den losen Gebisshälften träufelt. Ich beobachte sie und möchte am liebsten zum Fenster stürzen und die Jalousie komplett zudrehen. Stattdessen drehe ich mich wieder zur Spüle, frage sie in einem eingeübt scheinheiligen Ton, was denn dieses Mal der Grund ihres Besuches ist und spüre plötzlich wie mir übel wird und ich mich über meine eben gestellte Frage zu ärgern beginne, da ich ihr nun eine wunderbare Steilvorlage biete, die sie garantiert nutzen wird. Mit vollem Mund, nimmt sie den Wunschzettel in die Hand und beginnt laut vorzulesen. Ich schüttle den Kopf, setze mich an den Küchentisch sehe die vielen Posten, die auf der Vorderseite des Kassenbons aufgetragen sind und spüre das jahrhundertealte Gefühl in mir hochsteigen aus der Wohnung zu laufen, getraue es mir aber nicht. Ich sehe auf die Herdplatte, schüttle den Kopf und bezweifle, ob ich jemals diesem Gast, der auch heute wieder mit einem Selbstverständnis an seinem sogenannten Stammsitz am Küchentisch Platz genommen hat, gewachsen bin. Ich stehe auf, gehe zum Küchenherd, schalte die Herdplatte an und drücke meine flache Hand darauf.

Die Gastnehmerin, Teil II

Im ersten Teil wartet der Erzähler auf seinen Gast und erzählt dabei (aufgeregt) wie aufgeregt er ist und er sich auch dieses Mal gegen dieses unangenehme Gefühl nicht wehren kann. Noch während des Wartens vollzieht sich für den Erzähler und den neugierigen Leser aus (noch) unerklärlichen Gründen eine Wandlung seines sonst üblichen Verhaltens. Diese Wandlung wird heute in Teil II fortgeführt und der Leser wird (un-gewollt) zum voyeuristischen Teilhaber des bizzaren Frühstücksgeschehens am Küchentisch.

Sie greift den Käse, schneidet wie erwartet dicke Scheiben herunter und stapelt ihn auf das Brötchen. Ich beobachte sie und bin verwundert, weil mich ihre Verfressenheit überhaupt nicht aufregt. Stattdessen sage ich, dass es mich sehr freut, dass sie heute ausnahmsweise viel Appetit mitgebracht hat und es ihr so wunderbar schmeckt. Ich nehme die Kaffeekanne, gieße ihr den tiefschwarzen Kaffee randvoll in die Tasse und sage: „Einen recht bekömmlichen und guten Hunger!“ Sie trinkt einen Schluck, antwortet, bei mir hast du das anders gelernt und beschwert sich, dass ich ihr zu viel Kaffee in die Tasse gegossen habe, sie ihn nun nicht mehr mit Milch verdünnen kann und der Kaffee außerdem viel zu stark sei. Sie erinnert mich daran, dass ich doch wüsste, dass sie starken Kaffee seit langem nicht mehr vertrüge und ob ich unbedingt wolle, dass sie wie ihr Großvater Magenkrebs bekomme. Ich entschuldige mich beiläufig und biete ihr mit einem Lächeln Milch an. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne mit der einen Hand die Tür, ziehe mit der anderen Hand den Neztstecker der Mikrowellenschnur aus der Dose und stelle ihr die eiskalte Milch, die ich vor ihrem Besuch ins Kühlfach gelegt habe, auf den Tisch. Sie fragt mich, ob ich wenigstens Milch in der Mikrowelle warm machen könne. Ich verneine, drücke stattdessen theatralisch an der unbeleuchtete Tastatur und bedaure, dass die Mikrowelle aus einem mir wirklich unerklärlichem Grunde just gestern den Geist aufgegeben habe und sie die Milch heute leider mal kalt nehmen müsse. Sie sagt nein und trinkt den schwarzen Kaffee in kleinen Schlucken und flüstert, dass sie, wenn sie ihre Diagnose bekäme, wenigstens wisse wer an alledem schuld sei. Ich versichere, dass das nie und nimmer passiert und sie wenigstens Hundert werde. Mit einem Knurren beißt sie in die Brötchenhälfte und zieht wie ein wildes Tier daran. Sie lässt den Teil der Brötchenhälfte wieder aus dem Mund gleiten, dreht den Kopf zur Seite und versucht es noch einmal. Als auch das nicht gelingt, schiebt sie die Lippen vor und lutscht an der Kruste. Sie schiebt ihre Zähne hin- und her, beißt vorsichtig hinein und würgt das abgesägte Stück herunter. Sie flucht und legt die Hälfte des Mohnbrötchens zurück und isst stattdessen den Käse vom Teller. Damit sie nicht mit dem Essen aufhört, gehe ich zum Kühlschrank und nehme den Büffelmozzarella heraus. Ich öffne die Verpackung, rieche daran, lecke mit der Zunge um den Mund, stelle den Mozzarella direkt vor ihre Nase und sage ihr in die Länge gezogen, dass ich den Käse extra nur für sie gekauft habe. Ich hoffe ihr so ein schlechtes Gewissen zu machen und ihre Fresssucht wieder anzuheizen. Wenn ich Glück habe, isst sie wieder alles, was ich auf den Tisch gestellt habe und ihr wird schlecht. Heute scheint mir das nichts auszumachen. Sonst regt mich ihr zu erwartendes Verhalten Tage vorher maßlos auf und ich beschwere mich lautstark vor dem Spiegel stehend über ihre Verfressenheit und mache ihren immer gleichen jammernden Monolog nach, bei dem sie sagt, dass sie wieder viel zu viel gegessen habe und ihr nun schlecht würde. Jedes Mal nehme ich mir vor dem gottverdammten Spiegel stehend vor, ihr endlich zu sagen, dass sie über ausreichend Geld verfügt und ich nicht mehr ihr Goldesel sein möchte. Aber nachdem ich die Vermutung habe, dass sie es ist, die im Hof hinter die Container kotzt, stört mich ihre Fresserei nur noch halb. Am Anfang dachte ich, es seien Jugendliche oder eines von den Hippie-Pärchen aus dem Nachbarhaus, die nach ihren Saufgelagen gern mal in die Ecken kotzen oder pinkeln. Aber nachdem ich festgestellt habe, dass die Kotze immer dann hinter dem Container liegt, wenn sie da war und die Hippies zu der Zeit ihren Rausch ausschliefen, bekam ich diese Ahnung. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn ich mich wieder über sie aufrege und wütend durch die Bude renne, das Kotzgeräusch nachmache und mich schlagartig dabei wohlfühle. Wenn ich Glück habe, kann ich es heute endlich live erleben. Ich summe ein Lied, schneide den Mozzarella in extra dicke Scheiben und lege ihn breitfächerig auf den Meißner Servierteller meiner verstorbenen Großmutter. Mit gespreizten Fingern nasche ich eine Scheibe vom Teller und summe trotz vollem Munde weiter. Jedes Mal wenn sie den Teller mit dem Streublumenmuster sieht, wird sie unruhig und äußert abwertende Bemerkungen, um auch das letzte bei mir verbliebene Stück meiner geliebten Großmutter, von mir geschenkt zu bekommen, um es anschließend zu verscherbeln. Über die Jahre habe ich es mir abgewöhnt, die Teile, die sie an den Antiquitätenhändler in meiner Straße verkaufte, zurückzukaufen. Anfangs hatte ich mich geärgert, dass sie die Stücke verkauft hat. Später war ich nur noch enttäuscht, dass sie sich nicht einmal die Mühe gab, die mir zuvor abgeschwatzten Teile, so zu verkaufen, dass ich es nicht bemerke. Und als sie mir eher zufällig ein Stück abschwatze, das ich ihr schon einmal geschenkt hatte, ließ ich es, weitere Teile vom Händler zurückzukaufen. Ich streichle über eine der abgebildeten Streublumen auf dem Teller, schmatze nachdenklich, sehe ihr in die Augen und sage, dass das ein wunderschönes Muster ist und ich gar nicht weiß, wer diesen prachtvollen Teller, wenn ich nicht mehr bin, bekommen soll und er sicherlich, wie mein anderer Kram in einer der vielen Haushaltauflösung oder gar im Sperrmüll landen wird. Ich staune, dass mir heute das bei Sammlern begehrte Motiv nicht abschwatzen will und stelle Pfeffer, Salz und Olivenöl wie eine Mauer um den Meißner Teller herum. Ich nehme das Kürbiskernöl, öffne es und sage ihr, dass das Öl vorzüglich zum Mozzarella passe. Ich garniere die Scheiben mit frischen Basilikumblättern und Cherrytomaten und bitte sie sich nicht zu zieren und doch endlich zuzugreifen. Ich gehe zur Spüle, wasche meine vom Käse verklebten Hände und sage ihr, dass der Büffelmozzarella erst neulich im Fernsehen von ihrem Lieblingskoch angepriesen wurde. Ich gehe zurück zum Tisch und erwische sie, wie sie mit ihren dicken Fingern an ihren beiden Gebissen rumruckelt. Erstmals erfreue ich mich bei dem Anblick, dass ihr die Beißer nicht mehr passen und sie seit Jahren deswegen Schmerzen hat. Hätte sie das viele Geld, das sie mir damals über Monate abgepresst hatte, auch wirklich für die Zahnarztrechnung verwendet, müsste sie jetzt nicht mit Schmerzen am Tisch sitzen und mit kaputten Zähnen und einem zu großen Gebiss essen. Ich drehe mich zurück zur Spüle und frage sie in einem Tonfall, bei dem ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall auf meine Frage antworten muss: „Schmeckt´s dir eigentlich? Du sagst gar nichts?“