abgebrüht

k1

krautkopf und rübe geraten quer beet,

schalottenbeschuss:

du sagst, du hättest die mütze auf,

der ofen, der spräche zu dir, schon wieder,

du könntest nicht anders, das wäre der hammel in dir,

also bleibe ich dünnhäutig sitzen und als reiche das nicht,

steh ich spalier auf meinem eigenen schlips,

denn es mundet mir sehr,

bin ich mir selbst der suppenhuntzelmann,

der vorher spuckt und nachher schlürft,

morgen dürftest du wieder ran,

sage ich als wäre es das salz der brühe.

k2

© Illustrationen Küche (I. und II.) von Elena Seubert

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung.

manches mal schon wurde ich gefragt, warum ich eigentlich immer alles kleinschriebe. das würde nerven. das wäre unleserlich. das entspräche nicht der norm. ja genau, antworte ich dann trotzig, es entspricht nicht der norm und das ist gut so.

argument eins. ich widersetze mich gerne der norm, auch wenn´s nur die rechtschreibenorm ist. für mich ist das ein ausdruck des widerstandes gegen gesetze.

viel entscheidender aber ist argument zwei. die großschreibenorm wird meiner meinung nach schlichtweg nicht benötigt, da selbst worte die als substantiv oder verb zugleich gelesen werden könnten und erst durch die entsprechende klein- bzw. großschreibung ihre bedeutung erhalten immer aus dem kontext erkennbar werden.

argument drei. andere sprachen machen es vor. im englischen ist kleinschreibung bis auf den satzanfang gang und gäbe. und selbst den satzanfang gilt es zu brechen, da dieser eineindeutig durch den punkt gekennzeichnet wird.

fazit. entscheiden darf immer noch jeder selbst. und ich muss zugeben, dass ich in offiziellen briefen auch die rechtschreibenorm einhalte und wohl als angehende deutschlehrerin kein loblied auf die stringente kleinschreibung singen darf, dennoch: im privaten bereich breche ich diese norm gern und werde sie so schnell auch nicht ändern.

einen wunderbaren kleingeschriebenen samstag wünscht euch /eure freundeunbekannte dina

Herr Auskunft

Schon in der Aufwachphase überlegt Herr Auskunft noch in seinem flauschigen Bette liegend, welche Informationen er für den beginnenden Tag abgeben möchte. Er gähnt in die dicken Kissen und murmelt zusammenhangslose Worte in den Raum. Verschlafen dreht sich Herr Auskunft auf die Seite und spielt mit den Fingerkuppen sanft über die Lippen. Blubbern weitere Worte heraus, formt er sie zu Sätzen zusammen. Er legt sich auf den Rücken, öffnet die Augen und schiebt die Hände unter den Kopf. Seelenruhig durchdenkt er das Geblubber und vermengt es mit den verbliebenen Erinnerungsfetzen seiner nebulösen Nachtträume. Und nur, wenn wenigstens zwei reißerische Nachrichten für den Tag entstehen, verlässt er sein kuschliges körperwarmes Bett. Anderenfalls bleibt Herr Auskunft trotzig zwischen den vielen aufgestapelten Kissen liegen, greift zum Telefon, das in auf dem Nachttisch steht, verstellt die Stimme und meldet sich mit starkem Halsweh oder einem Fieberschub krank.

Auf dem Weg zur Arbeit streut Herr Auskunft erste Informationen in den Fahrgastraum der Straßenbahn. Will er deren Wirksamkeit prüfen, spricht er den genervten Fahrer, rumklapsende Schulkinder oder prahlende Jugendliche an. Haben sie ihm die Information abgenommen, unterfüttert er diese mit weiteren Details. Dabei studiert er aufmerksam die Reaktion der Zuhörer. Konnte er sich einen ersten Eindruck über die Wirkung seiner Nachrichten verschaffen, verlässt er hastig den Wagon und eilt in den zweiten und dritten, um auch dort seine Nachrichten unter die müden oder morgenschwatzenden Fahrgäste zu bringen.

Gelangt Herr Auskunft nach der vielen Rumfahrerei endlich an die Krankenhauspforte, versucht er auch dem sprachfaulen Pförtner eine seiner vermeintlich heißen Nachrichten zuzuflüstern. Dieser schüttelt meist ungläubig den ergrauten Schopf, kratzt sich demonstrativ an der faltigen Stirn oder puhlt mit beiden Händen gleichzeitig in den abstehenden Ohren. Misswillig winkt er den säuselnden Herrn Auskunft unter der geschlossenen Schranke hindurch. Erscheinen ihm jedoch die Informationen absolut abstrus, öffnet er mit einem breiten Lächeln den Schrankenbaum und verbeugt sich. Und während Herr Auskunft versucht darunter hindurch zu schlüpfen, schließt der Pförtner die Schranke.

Mit einer Beule am Kopf schleicht er in den Umkleideraum der Kantine. Dort erzählt er, seinen Hinterkopf reibend, beiläufig Neuigkeiten über eine bevorstehende Scheidung oder das Verschwinden von Kindern beliebter Mitarbeiter, den Ruin eines vermögenden Chefs und dessen logischen Freitod. Sind die Kollegen davon gesättigt, eilt Herr Auskunft zufrieden in die Küche, schneidet den bereit liegenden Berg Brötchen auf und schmiert sie schnell mit Butter, Wurst und Käse. Hastig sortiert er das Frühstückbuffet in die Auslage und wartet auf den Zehen wippend ungeduldig an der Kasse auf die ersten hungrigen Mitarbeiter. Kommen diese mit knurrendem Magen an sein Buffet, rechnet er deren Einkauf langsam und in aller Ruhe ab. Meist muss er die angeblich abgelaufene Abrechnungsrolle wechseln, wegen vermeintlicher Rückenschmerzen seinen Stuhl anders ausrichten oder seine schwitzende Stirn unter Stöhnen abtupfen. Die Zeit nutzt er vor den Wartenden selbstredend um von einer Kündigungswelle, einer Totalpleite des Unternehmens und unausweichlichen Lohnabschlägen leidenschaftlich zu berichten. Stets bereitet es Herrn Auskunft größte Freude dackelhaft in die erstaunten Gesichter zu sehen und sie dabei mit freundlicher Stimme nach weiteren Essenswünschen zu fragen. Vergessen die Mitarbeiter vor Entsetzen das Tablett mit dem Becher Kaffee und den frisch belegten Brötchen, ruft er ihnen hilfsbereit hinterher. Unter konspirativem Geflüster, rückt er näher an die Mitarbeiter heran und reicht das eben Vergessene. Zittern sie und schwappt infolge dessen der Kaffee auf das Tablett oder purzeln die Brötchen auf den Fußboden, umgreift er sorgenvoll deren Hände, drückt diese an seine Brust und versichert im geheimnisvollen Tone, dass es schon nicht all zu arg kommen werde. Fast unhörbar flüstert Herr Auskunft, dass er sie weiterhin unaufgefordert und unter eigener Gefahr unterrichten werde. Mit dieser Methode verfährt er, bis alle ausreichend abgefertigt wurden.

Zum Mittagsbuffet, wenn Herr Auskunft die Salate liebevoll angerichtet hat, die warmen Speisen in den Töpfen dampfen und mit mediterranen Kräutern garniert sind, streut er an seiner Kasse sitzend, eine zweite und noch gewaltigere Information in die Kantine. Hat sich diese in allen Fluren und Zimmern des Krankenhauses ausgebreitet, kommt es vor, dass die Geschäftsführung die überfüllte Kantine oder andere Teile des Krankenhauses absperren lässt. Und es ist mehr als einmal passiert, dass panische Patienten wegen falschen Feueralarms evakuiert werden mussten, dass Mitarbeiter mit Mundschutz ängstlich auf Arbeit erschienen und dass das Hygieneamt hektisch Fußböden und Decken desinfizieren ließ. Selbst die Antiterrorgruppe scheint seit Jahren Dauergast zu sein und hat verschiedene Kellergewölbe, Wände und die Kanalisation nach versteckten Waffenlagern durchbrochen, hat blumengeschmückte Gartenanlagen wegen vermeintlicher Fliegerbomben durchpflügt, hat abgestellte Koffer gesprengt und verdächtige Pulverhäufchen geprüft.

Kommt Herr Auskunft nach solch einem ereignisreichen Tag in seine kleine Wohnung, zieht er den Hausanzug an und legt sich zufrieden ins flauschige Bett. Er schließt die Lider und lässt noch einmal genüsslich die angstverzerrten Gesichter in Zeitlupe an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Sorgfältig analysiert er alle abgegebenen Informationen. Hat er die Analyse abgeschlossen, greift er im Nachttischfach nach der selbst gebauten Messskala und benotet sich selbstkritisch von eins bis zehn. Anschließend steht er auf, kocht Kaffee, holt den am Abend vorgebackenen veganen Kuchen aus dem Kühlschrank und erwärmt zwei Stück in der Mikrowelle. In kleinen Kringeln sprüht er Dosensahne auf den Zuckerguss und beobachtet wie sie schmilzt.

Zufrieden setzt sich Herr Auskunft auf das Plüschsofa, schaltet den Fernseher an und legt die Stoppuhr zwischen Kuchengabel und Fernbedienung. Geduldig wartet er auf den ersten Anruf. Klingelt das Telefon,
beantwortet er mit vollem Mund bereitwillig alle ihm gestellten Fragen. Ab und zu unterbricht er den Anrufer mit geheimen Informationen, die er ihm flüsternd und exklusiv zusteckt. Ist das Telefonat beendet, klatscht er in die Hände, streckt die Arme abwechselnd rhythmisch in die Luft. Hat hingegen ein aufgebrachter Abteilungsleiter angerufen oder eine erstaunte Stationsschwester stundenlang mit ihm telefoniert, springt er vom Sofa, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und tanzt nicht weniger als vier Mal ausgelassen um den Wohnzimmertisch. Vor dem Fernsehgerät bleibt er anschließend atemlos stehen.

Geht Herr Auskunft nach den unzähligen Telefonaten am Abend schlafen, schreibt er exakt alle eingegangenen Anrufe auf. Je verzweifelter die Stimmen aus dem Hörer klangen, desto breiter malt er den Strich in das dicke Heft. Er legt es unter eines seiner vielen Kissen, kuschelt den Lockenkopf mit den vielen Sommersprossen in die Federn und fühlt sich seinem Traum nah, dass bald die Krankenhausleitung, der Staatsminister oder gar die verschiedenen Radiosender bei ihm anrufen würden. Mit diesem Gedanken schließt Herr Auskunft die Augen, dreht sich auf die Seite und gähnt. Verspielt zupft er an den Lippen, murmelt unverständliche Wortfetzen in den Stapel Kissen und schläft sorglos ein.

Inventur

Der Beamte tritt kräftig gegen die Querstrebe zwischen den Tischbeinen. Auf seinem Bürostuhl rollt er quietschend zum Drucker. Seine Füße reckt er gerade in die Luft, um sich nicht zu bremsen. „Hui!“ Sein Stuhl kommt exakt eine Armlänge vor dem Dokumentenfach zum Stehen. Der Beamte nickt zufrieden, bevor seine Zunge langsam zwischen seinen Lippen hervor gleitet. Mit Daumen und Zeigefinger zupft er daran, um seine Fingerspitzen zu befeuchten. Seite für Seite sortiert er den Bericht aus dem Drucker. Mit seinem Hintern im Drehstuhl tippelt er zurück zum Schreibtisch. Er staucht den dünnen Stapel Papier auf die Tischplatte, um die Seiten perfekt zueinander auszurichten. Entrückt lächelt er mich über seine Lesebrille an. Er bittet mich, den Bericht gründlich zu lesen und dann zu unterzeichnen. Einen Millimeter über dem Papier malt er mit seinem spitzen Bleistift flink einen Kringel in die Luft. Dann lehnt er sich zurück und verschränkt die Arme auf seinem Bauch. Er seufzt wie nach getaner Arbeit.

Am 5. Juni 2013 erreichte ich meine Wohnung zwei Stunden eher als erwartet gegen 23:10 Uhr. Meine Wohnungstür war ordnungsgemäß verschlossen.

„Ich möchte hier noch etwas ergänzen.“
Der Beamte macht einen Schmollmund. Er schnippst gegen den vor ihm auf dem Schreibtisch liegenden Bleistift, sodass dieser schnurgerade auf mich zu rollt. Ich schreibe: „Doppelt abgeschlossen, wie immer. Mein Türschloss ließe sich auch dreifach verriegeln, aber das finde ich übertrieben.“ Nach kurzem Zögern streiche ich „finde“ und ändere in „fand“.

Schon beim Betreten der Wohnung bemerkte ich den schmalen Streifen Licht, der durch die angelehnte Schlafzimmertür in den Flur fiel. Da ich meine Wohnung an diesem Tag jedoch sehr zeitig und in großer Eile verlassen hatte, vermutete ich, es versäumt zu haben, meine Nachttischlampe auszuschalten. Ich zog meine Schuhe aus und hängte meinen Mantel zu meinen anderen Jacken an die Garderobe. Ich wunderte mich über deren nach außen gekrempelte Taschen, musste jedoch so dringend zur Toilette, dass ich diese nicht näher untersuchte. Im Badezimmer stutze ich über den offen stehenden Medizinschrank, erklärte mir diese Unordnung aber neuerlich mit meiner Eile am Morgen.

Als ich das Bad verließ, raschelte es im Schlafzimmer. Ich erstarrte. Erst, als ich sicher war, das Rascheln erneut zu hören und ich es mir also nicht einbildete, erlaubte ich mir, weiter zu atmen. Auf Zehenspitzen schlich ich zur angelehnten Tür und lukte durch den Spalt. Am Fußende meines Bettes, wippten zwei edle schmale schwarze Lederschuhe. Ihre hellen Sohlen waren staubfrei.

Ich geriet in Zweifel darüber, ob ich mich möglicherweise in der Etage oder im Aufgang geirrt hatte. Da ich keinen meiner Nachbarn näher kannte, konnte ich nicht ausschließen, dass sie ihre Wohnung zufällig genauso eingerichtet hatten, wie ich. Das neben der Tür angebrachte Schlüsselbrett war jedoch zweifelsfrei das meine, mein Neffe hatte es für mich ausgesägt und bemalt. Allerdings widersprach die Reihenfolge der Schlüssel meiner Gewohnheit.

Ich fasste den Entschluss, den Einbrecher zu stellen und wähnte mich im Vorteil, da er mich noch nicht bemerkt zu haben schien. Ich stahl mich in die Küche. Auf dem Küchentisch fand ich meine noch nicht abgeheftete Post durchwühlt. Ich nahm das Brotmesser an mich, denn im Falle eines tätlichen Angriffs wollte ich gewappnet sein.

Der Beamte schnauft amüsiert.
„Ich habe verstanden, dass Sie das leichtsinnig finden. Aber ich bleibe dabei: Das war es nicht! Wenn ich versucht hätte, meine Wohnung zu verlassen, hätte er mich sofort bemerkt. Wenn ich versucht hätte, noch in meiner Wohnung die Polizei zu rufen, erst recht.“
Der Beamte schiebt die Unterlippe nach vorn. Ich seufze und lese weiter.

Zurück an der Schlafzimmertür holte ich tief Luft, schloss die Augen und wartete auf den letzten Funken Mut, um die Tür auf zu stoßen und „Keine Bewegung!“ zu rufen! Mit zitternden Fingern führte ich meine Hand zur Klinke.

„Nun kommen Sie schon rein. Und wenn Sie das mit dem Brotmesser ernst meinen, sollten Sie es in die rechte Hand nehmen. Links haben Sie doch einen Tennisarm, oder?“

Sachte tippte ich gegen die Klinke, woraufhin sich die Tür langsam öffnete. Auf meinem Bett lag eine Person. Schwarzer Anzug, weißes Oberteil mit schmucklosen Knöpfen. Sie hatte sich mein Kissen unter den Rücken gestopft und lehnte mit dem Kopf an der Wand. Ihre Hände waren gepflegt und ohne Makel. Ihr Gesicht war ohne besondere Merkmale.

Der Beamte grunzt belustigt.
„Aber so war es! Ich kann das Gesicht der Person nicht beschreiben, weil es keinen einzigen markanten Punkt gab. Allerweltsaugen, nichtssagende Nase, ein Kinn ohne Charakter. Keine Sommersprossen, keine Muttermale, keine Frisur. Keine abstehenden Ohren, keine hohe Stirn, konturlose Lippen. Nichts, das man sich einprägen könnte, nichts!“
Der Beamte stülpt seine Lippen nach innen und dreht langsam den Kopf hin und her. Ich winke ab.

Die Ordner mit meinen Dokumenten türmten sich aufgeschlagen neben meinem Bett. Aus einer umgefallenen Aktentasche, lukte eine Tüte aus festem Kunststoff. Darin die Kaffeetasse, die ich am morgen nicht abzuspülen geschafft hatte. Meine Kleidung lag vor den Schränken auf dem Boden. Die Kisten mit selten benutzten Dingen, die ich auf den Schränken aufbewahrte, waren davor aufgestapelt. Meine Fotoalben musste die Person aus dem Regal genommen und aufs Bett geworfen haben. Eines von ihnen hatte sie aufgeblättert auf dem Schoß. Sie lächelte mich an.

„Wenn Sie mit dem Messer in der Linken auf mich losgehen, tun Sie sich selbst mehr weh als mir.“
„Woher wissen Sie das mit dem Tennisarm?“
„Auf ihrem Kleiderschrank fand ich einen sorgfältig verpackten Tennisschläger, auf dessen Tasche sich kein Staub gesammelt hatte, im Verbandsschrank im Badezimmer bewahren Sie eine typische Ellenbogenbandage auf und in der rechten Schublade ihres Küchenschrankes einen Kartoffelschäler für Linkshänder. Das war nicht schwer. Es tut mir übrigens sehr Leid, dass Sie diesen Anblick ertragen müssen. Sie sind ein sehr ordentlicher Mensch, das weiß ich. In Ihren Augen muss es hier chaotisch aussehen. Ich habe Sie erst in zwei Stunden zurück erwartet. Sie sind zu früh.“
„Ja. Woher-“
„Sehen Sie! Bei Lichte betrachtet sind es also Sie, die hier alles durcheinander gebracht haben und nicht ich.“
„Was zum Teufel reden Sie da?“
„Wären Sie zwei Stunden später nach Hause gekommen, hätten Sie ihre Wohnung selbstverständlich in bester Ordnung vorgefunden. So haben wir es bei den letzten Malen ja auch gehandhabt.“
„Bei den letzten Malen?“
„Nun, Sie sind seit vielen Jahren mein Klient. Es ist notwendig, Sie in regelmäßigen Abständen zu überprüfen. Sie sehen das sicherlich ein. Nein? Ach, das ist schade. Sie haben immer einen so vernünftigen Eindruck auf mich gemacht.“
„Was überprüfen Sie denn?“
„Alles. Wir suchen nach – sagen wir mal – Unregelmäßigkeiten.“
„Wir?“
„Ich. Als Repräsentant meiner Organisation.“
„Welcher Organisation?“
„Sie sind aber neugierig. Sie können sich denken, dass ich diese Informationen vertraulich behandeln muss.“
„Wer sind Sie?“
„Also erlauben Sie mal, das geht sie nun wirklich nichts an.“
„Für wen arbeiten Sie?“
„Sie sind ein kluger Mann, nicht wahr? Wie dem auch sei: Ich möchte Sie bitten Stillschweigen über die Sache zu bewahren.“
„Einen Teufel werde ich! Sie sagen mir jetzt sofort, wer Sie sind!“
„Mit Wahnvorstellungen wird man heute sehr schnell in Nervenheilanstalten eingewiesen.“
„Drohen Sie mir?“
„Aber nicht doch! Ich berate Sie. Nur zu Ihrem Besten.“
„Sie machen sich lustig über mich!“
„Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie sich so aufregen.“
„Weil sie sich unbefugt Zugang zu meiner Wohnung verschafft haben?“
„Befugt oder unbefugt – eine Frage der Perspektive. In jedem Fall kein Grund, so laut zu werden. Sehen Sie nicht, dass Sie ihr Auftritt hier verdächtig macht?“
„Verdächtig wofür?“
„Das wird sich zeigen. Aber sie müssten sich ja kaum so aufregen, wenn Sie nichts zu verbergen hätten, richtig?“
„Das ist meine Wohnung! Mein Privatleben! Das geht Sie nichts an!“
„So beruhigen Sie sich doch. Ich mache nur meine Arbeit. Soweit ich das bisher beurteilen kann, haben Sie nichts zu befürchten. Sie sind ein rechtschaffender Bürger. Geradezu liebenswürdig.“
„Ich erlaube Ihnen nicht, über meine Würde zu sprechen.“
„Aber was haben Sie denn? Das Mäppchen mit den wilden nicht abgeschickten Liebesbriefen habe ich schon durch. Ich habe immer noch eine sehr hohe Meinung von Ihnen. Auch die Kiste mit den delikaten Gegenständen unter Ihrem Bett hat daran nichts geändert. Sie sind völlig unauffällig. Für Sie besteht überhaupt kein Grund zur Sorge.“

„Was suchen Sie?“
„Ich ver-suche, für Sicherheit zu sorgen. Für Ihre Sicherheit. Das alles geschieht in Ihrem Interesse.“
„Blödsinn!“
„Ich darf doch sehr bitten! Haben Sie denn kein Interesse daran, unbehelligt und in Ruhe leben zu können?“
„Unbehelligt? Haben Sie das wirklich gesagt?“
„Ich bin hier, um Sie zu schützen, so sehen Sie das doch ein! Ich schütze Sie! Vor Terroristen! Vor Kriminellen!“
„Auch vor Einbrechern? Wie sind Sie hier rein gekommen?“
„Wir haben unsere Wege, wie Sie sehen.“
„Haben Sie einen Zweitschlüssel von meiner Wohnungsverwaltung?“
„Ihre Wohnungsverwaltung wird Ihnen versichern, dass Sie mit alledem nichts zu tun hat.“
„Haben Sie mein Schloss geknackt?“
„Den Hersteller der Schlösser trifft keine Schuld.“

„Sie hören jetzt sofort auf, meine Sachen zu durchwühlen!“
„Aber wie stellen Sie sich das vor? Ich bin mit ihren Alben noch nicht fertig!“
„Ich vergesse mich gleich!“
„Wenn Sie dabei helfen wollen, die Sache etwas abzukürzen, könnten Sie mir aus dem Regal dort drüben alle Bücher heraus suchen, die Sie innerhalb der letzten zwölf Monate neu erworben und gelesen haben. So würde ich mir den Abgleich mit der Inventarliste vom letzten Jahr sparen.“
„Zeigen Sie mir diese Inventarliste.“
„Dazu bin ich nicht berechtigt.“
„Und danke für den Tipp, das Messer in die rechte Hand zu nehmen.“
„Es wäre dumm von Ihnen, mir zu drohen.“
„Es wäre dumm von Ihnen, mir nicht zu gehorchen.“
„Würden Sie bitte das Messer zur Seite legen? Andernfalls sehe ich mich gezwungen, Sie zu überwältigen und unschädlich zu machen.“

Mein Blick fiel auf den an der Innenseite der Schlafzimmertür steckenden Schlüssel.
„Lassen Sie diese Dummheiten.“ war das Letzte, dass ich die Person sagen hörte. So schnell ich konnte zog ich den Schlüssel von der Innenseite der Schlafzimmertür ab und schloss die Person ein. Dann verließ ich meine Wohnung und schloss meine Wohnungstür von außen dreimal ab. Vom Treppenabsatz aus rief ich die Polizei, die zehn Minuten später eintraf.

Der Beamte räuspert sich.
„Ich weiß, dass sie mich für paranoid halten. Aber da täuschen Sie sich! Ich bestreite nicht, dass Sie meine Wohnung in bester Ordnung vorgefunden haben. Sie müssen jedoch gestehen, dass das noch lange kein Beweis dafür ist, dass sie nicht zehn Minuten vorher in völligem Chaos lag. Ich habe das Chaos gesehen und die Person, die es angerichtet hat. Sie können sich auch nur auf das berufen, was Sie gesehen haben. Ich weiß nicht, wohin die Person ist. Durch die Wohnungstür jedenfalls nicht. Sie ist verschwunden.“
„Verschwunden.“, singt der Beamte.

Der Stift kratzt auf dem Papier, so dass ich die Anzeige mehr graviere als unterschreibe. Beim Punkt über dem i meines Nachnamens, platzt ein winziges Stück Mine ab. Kaum habe ich den schmalen Stapel wieder säuberlich zusammen geschoben, beugt sich der Beamte schon über den Tisch, um danach zu greifen. Nochmals staucht er die wenigen Seiten auf seine Tischplatte. Ohne seine Augen davon abzuwenden, angelt er mit dem linken Arm unter seinem Schreibtisch einen großen, schweren Locher heraus. Routiniert zieht er die Messschiene bis zur A4-Markierung heraus, an der sie klickend einrastet. Konzentriert darauf, die Seiten keinesfalls zueinander zu verschieben, legt er den Bericht unter die Stanzeisen des Lochers. Die Spitze seiner Zunge lugt dabei zwischen seinen Lippen hervor. Er schlägt mit einer solchen Wucht auf den Hebel des Lochers, dass es knallt. Ich erschrecke. Er schmunzelt, ohne mich jedoch anzusehen. Aus dem Regal rechts neben sich greift er einen dicken Ordner auf dessen Rückenetikett in akkuraten Druckbuchstaben der Name des aktuellen Monats und die Jahreszahl geschrieben wurde. Bedächtig und mit präzisen Handbewegungen legt er den Bericht darin ab. Bevor er den Deckel zuklappt, streicht er noch einmal zärtlich über die erste Seite. Nachdem er den Ordner zurück ins Regal gestellt hat, sieht er mich an. Er bedankt sich und wünscht mir einen schönen Tag.

Stoppelmanns Zähne

„Guten Tag!“, sagte sie. Das gehörte zu ihrem Job. Und nur die Besten konnten das so, dass es die Kunden auch glaubten. Sie konnte das, wenn sie etwas gegen ihre Kopfschmerzen genommen hatte. In den sechs Jahren, die sie hier war, hatte sich noch keiner über sie beschwert.

Der Stoppelmann nickte, schwieg aber. Manchmal murmelte er etwas. Aber er sprach nie. Sie mochte ihn, er wusste das. Wann immer sie in einer Kassenbox saß, wenn er alles beisammen hatte, zahlte er bei ihr. Oft wollte sie ihn fragen, wie er heißt, damit sie ihn beim nächsten Mal mit Namen begrüßen könnte. Aber eine Frage von ihr hätte eine Antwort von ihm verlangt. Sie respektierte seine Grenze. Job ist Job.

Dabei meinte sie es gut mit ihm. Sie wollte ihm eine Zahnärztin empfehlen. Eine liebe Omi, zu der sich sogar ihr Vater getraut hatte. Die war ganz vorsichtig und redete nicht viel. Der Vater musste da zwar hundertmal hin, aber danach konnte er wieder ungeniert lachen. Und er hatte doch immer so gern gelacht.

Damit die Zähne schön weiß blieben, würde sie dem Stoppelmann später auch den Trick erklären. Sie hatte ihn von der Frau in der Apotheke. Von der, die ihr immer ihre Kopfschmerztabletten verkaufte. Weil sie so oft in die Apotheke ging, dachte die Apothekenfrau wahrscheinlich, sie wären Freundinnen. Warum sonst hätte sie ihr letzte Woche den Trick verraten? Jedenfalls: Mit dem hätte es ihr Vater geschafft, seine schlechte Angewohnheit zu überwinden. Und der Stoppelmann könnte es so auch schaffen.

Er vertraute ihr. Nur bei ihr kaufte er sechs Schachteln auf einmal. Und bei keiner anderen Kollegin legte er gleich zwei Flaschen Pfefferminzlikör aufs Band. Sie beobachtete das vom Backstand, wenn sie dort aushalf. Selbst bei ihr versteckte er die Flaschen unter einer Zeitung, die sie geschickt nur soweit anhob wie nötig, um die Strichcodes zu scannen.

Stoppelmanns Frau musste auch Kassiererin gewesen sein. Sie musste ihm erzählt haben, wie im Pausenraum über Kunden gesprochen wird. Mit seinen zur Entschuldigung hochgezogenen Schultern bat er sie, kein schlechtes Wort über ihn zu verlieren. Und auch den Ladendetektiv nicht auf seine Manteltaschen anzusetzen. Scharf wie ein Terrier war der. Sie versprach es mit einem Zwinkern. Lang genug, damit er es als verständiges Nicken lesen konnte. Kurz genug, um nicht als Schäkerei missverstanden zu werden. Dienst ist Dienst.

Stoppelmanns Frau war schon ewig weg. Der Länge seiner Haare nach zu urteilen, mindestens drei Jahre. Vor einer Weile hatte er wohl eine Freundin in Aussicht. Da hat er ein paar Mal Pralinen gekauft. Ist aber nichts draus geworden. Jetzt kaufte er wieder Knackwurst. So oder so, ihr war er zu alt. Und außerdem: Einen Mann mit schlechten Zähnen küsst keine Frau gern, auch keinen lieben. Da war sie sich mit ihrer Mutter einig. Obwohl sie einen Ehemann nicht wegen schlechter Zähne verlassen würde, wie ihre Mutter. Dass verspricht man sich doch, wenn man heiratet: dass man sich immer hilft. Sie würde ihren Ehemann einmal gut behandeln.

Als der Stoppelmann plötzlich vormittags zum Einkaufen kam, war ihr gleich klar, dass er bald knapp bei Kasse sein würde. Geld ausgeben in der Zeit, in der andere es verdienen, geht nicht gut. Mit den trockenen Schwielen an seinen Händen verschwanden auch die Euros auf seinem Konto. Sie sah das an seinen Einkäufen. Nudeln, Dosenfleisch, Ketchup.

Wie ungerecht das war! Der Stoppelmann war so fleißig! Wie viele Male war er mit putzverkrusteten Hosen einkaufen gewesen? Die waren bestimmt nicht beim Kaffeetrinken schmutzig geworden. Jeder, der seinen verzerrten Mund sah, wenn er sich den Rucksack mit den schweren Flaschen auf den Rücken wuchtete, musste doch kapieren, dass er nicht mehr als Maurer arbeiten konnte. Mit so einem kaputten Rücken! Als Maurer! Sie hätten ihm eine andere Arbeit geben müssen, im Büro, irgendwas, oder als Anstreicher. Aber nichts!

Vielleicht haben sie ihn auch rausgeschmissen, weil sie dachten, er trinkt. Solche Idioten! Haben die ernsthaft geglaubt, er braucht den Pfeffi, damit es dreht? In der Arbeit? Unter der prallen Sonne? Dummköpfe! Wie soll jemand gerade Mauern hochziehen, wenn er besoffen ist?

Ihr Vater hatte ihr damals erklärt, warum man Pfefferminzlikör trinkt. Aus drei Gründen: Erstens will man den schlechten Geruch überdecken. Kaputte Zähne stinken und man kommt nun mal nicht überall durch, stumm wie ein Fisch. Zweitens will man die Zahnfleischentzündungen desinfizieren. Die heilen nur, wenn sie keimfrei sind. Weiß jeder! Drittens will man, dass es nicht mehr weh tut. Wer mal richtige Zahnschmerzen hatte, weiß, dass man alles macht, um sie loszuwerden. Aber wie sollte sie ihm helfen, wenn sie ihn nicht zum Antworten zwingen wollte? Sie musste nachdenken. Aber ihr Kopf!

Mittlerweile kaufte er die Wurstpackungen mit den roten Sonderetiketten und das geschnittene Graubrot in Plastiktüten. Dabei hatten sie am Backstand in der Filiale jeden Tag eine andere Sorte in der Aktion, die leckerer war als seine. Und gesünder. Und billiger, immerhin 60 Cent. Am liebsten würde sie ihn mal fragen, wieso er das macht. Aber er würde ja nichts antworten. Seine Zähne mussten schlimm aussehen. Sie erinnerte sich an die ihres Vaters. Sie verstand seine Scham. Aber wie ihre Mutter, verstand sie absolut nicht, warum Männer ihr Geld so verplempern.

Als er neulich Schweinelende von der Bedientheke aufs Band legte und Wildlachs aus der Eiswürfelkühlung und den teuren Spreewald-Pfefferminz, wollte sie ihm schon gratulieren, zur neuen Arbeit. Mit einem strahlenden Lächeln, nicht mit Worten, natürlich. Dann aber bemerkte sie den blassen Streifen an seinem Ringfinger. Und als sie sah, dass auch die Silberkette um seinen Hals verschwunden war, wurde sie sauer. Während der Stoppelmann die 12,40 € aus seinem Portmonee kramte, erkannte sie das dünne hellblaue Quittungspapier im Geldscheinfach. Es war vom dicken Pfandleiher am Steinweg. Er gab es aus für die wertvollen Dinge, die er sich borgte und dann verscherbelte.

So ein Mistkerl! Den silbernen Anhänger ihrer Omi hatte er verhökert, obwohl der Vater ihm den nur geliehen hatte. Und auch die Granat-Ohrringe waren futsch, als sie sie am Zahltag abholen wollte. Dem Pfandleiher gönnte sie keinen weiteren Reibach, der war fett genug.

Während sie das Wechselgelt für die 15 Euro abzählte, die ihr der Stoppelmann gegeben hatte, nahm sie ihren Mut zusammen. Sie griff den Kuli für die Kartenzahlungen und riss den Kassenzettel von der Rolle. Auf die Rückseite kritzelte sie:

Frau Dr. Oettmeier
Kurt-Eisner- Ecke Kochstraße
Dienstags ab 8 Uhr.

Zusammen mit den Münzen streckte sie ihm den Zettel entgegen: „Ich möchte, dass Sie heute ihren Kassenbon mitnehmen.“

Der Stoppelmann sah sie aus großen Augen an und nickte. Sie zwinkerte noch einmal. Langsam nahm er den Kassenzettel. Wie sie das freute! Wenn dann bald alles wieder in Ordnung ist, mit seinen Zähnen, würde sie ihn beiseite nehmen und ihm den Trick verraten.

Sie würde sagen: „Und wenn sie morgen früh aufstehen, dann lassen Sie die Flasche Pfefferminz einfach zu. Sie brauchen sie jetzt nicht mehr, mit ihren schönen Zähnen. Also müssen Sie die Gewohnheit loswerden, so sparen Sie viel Geld.“ Sie würde ihm eintrichtern, sich vorzunehmen: „Heute trinke ich keinen Pfefferminz. Nur heute nicht. Morgen darf ich wieder. So viel ich will. Aber heute? Nö, heute will ich nicht. Heute lasse ich es. Wird ja kein Problem sein, es einen Tag zu lassen.“ Und sie würde sagen: „Dann lassen sie es. Verstehen Sie? Sie lassen es! An diesem Tag. Und am nächsten Tag“, würde sie kichern, „Am nächsten Tag machen sie es einfach genauso. Und dann wieder. Und so können Sie sich selbst überlisten. Nach ein paar Tagen haben sie den Likör vergessen. So einfach ist das.“

Der Stoppelmann hatte den Bon gefaltet und sorgsam vor die Quittung des Pfandleihers gesteckt. Als er sein Wechselgeld aus ihrer Hand sammelte, sah sie ihn an. Mit geschlossenen Lippen lächelte er, bevor er seinen Einkaufswagen in Richtung Ausgang schob.

Der Vergangenheitstreue

Dem Vergangenheitstreuen fällt es schwer, das Ticken von Uhren auszuhalten. Egal, wo er das gleichmäßige Geräusch vernimmt, ob auf Bahnhöfen, in Wohnzimmern oder Küchen, wird er unruhig und beginnt sich unwohl zu fühlen. Sieht er Mitarbeiter mit einer mechanischen Uhr am Handgelenk, geht er ihnen sofort aus dem Weg. Und muss er doch mit ihnen ein dringendes Fachgespräch führen, schätzt er die Lautstärke des Geräuschs der Uhrenmarke und stellt sich in sicherer Entfernung auf. In aller Kürze bespricht er mit ihnen das Notwendigste. Außerdem ist es dem Vergangenheitstreuen unangenehm Menschen zu beobachten, die immerzu in ihre dicken Kalender schauen, um nach etwaigen Terminen zu suchen, denn das Festlegen von Zeit ist ihm zuwider.

Kommt der Vergangenheitstreue auf Station, bitten ihn die Schwestern zum allmorgendlichen Kaffee um auch mit ihm private Erlebnisse ausführlich austauschen zu können. Da ihm dieses Angebot stets peinlich ist, lehnt er kopfschüttelnd und mit leiser Stimme ab. Noch nie soll es jemanden im Krankenhaus gelungen sein, dem Vergangenheitstreuen ein persönliches Gespräch zu entlocken, egal auf welcher Station er sich befand.

Vielmehr beginnt er nach der unangenehmen Frage unverzüglich mit der Arbeit, denn nur so ist er sich gewiss, dass er das Verstreichen von Zeit überhaupt nicht bemerkt. Dabei führt er routiniert jeden einzelnen Handgriff, den er während seiner Ausbildung erlernt hat, in Zeitlupengeschwindigkeit mit ein und derselben Genauigkeit Tag für Tag aus. Selbst Feiertage oder gar sein Geburtstag sind für ihn kein Grund irgendeinen seiner Handgriffe zu ändern. Neueste Arbeitsmethoden weiß er gekonnt zu umgehen. Und nur, wenn die Stationsschwester ihm mit Abmahnung oder gar Kündigung droht, benutzt er widerwillig und mit raschen Handbewegungen den modernen Infussiomanten, cremt die neue, unbekannte Wundsalbe auf die vereiterte Haut, verwendet die hochmoderne Antidekubitusmatratze und krakelt die Pflegedokumentation in die standardisierten Tabellen der Kurven. Hat hingegen die Stationsschwester über das Wochenende frei oder befindet sie sich auf einen ihrer unzähligen Auslandsreisen, nutzt er die Tage, um vergnügt seine alte Arbeitsweise anzuwenden.

Würde man den Pförtner des Krankenhauses an einem dieser Tage fragen, wie sich der Vergangenheitstreue in diesem Moment fühlt, würde er sein schönstes Lächeln aufsetzen und sagen, dass es diesem stillen, undurchschaubaren Jungen mit dem stets flüchtig-suchenden Blick, heute blendend gehe und er ihm viele solcher schönen Tage wünsche.

Hat die Mittagspause begonnen, geht der Vergangenheitstreue nicht wie andere Schwestern schwatzend in die Kantine, sondern schleicht in die abgedunkelten Patientenzimmer und bringt die welkenden Blumensträuße an sich. Seine Großmutter mochte nur frisch gepflückte. Unbemerkt wirft er die fast frischen Blumen in den Müll, geht in den kleinen Laden vor dem Krankenhaus, der ihn schon seit Jahren großzügig Rabatte gewährt und lässt vergleichbare Sträuße binden. Und nur wenn es die Blumensorte nicht gibt, kauft er einen bunten Strauß seiner Wahl und behauptet gegenüber den verschlafenen Patientinnen, dass ein sehr netter, unbekannter Besucher diesen Strauß abgegeben und den alten mitgenommen habe. Ist er mit dem Blumentausch fertig, fährt er zu seiner täglichen Runde ins Archiv der Anmeldung. Er nimmt den Nachschlüssel, den er sich durch ein vorgetäuschtes privates Gespräch mit der aufdringlichen Mitarbeiterin erschlichen hat und prüft akribisch die Aufnahmelisten der Patientinnen. Ist er damit fertig, geht er in den Garten und beobachtet das Goldfischpaar im Becken. Er holt die bunte Brotdose aus seinem Beutel und isst das dick bestrichene Butterbrot und den Riegel Vollmilchschokolade.

Kommt er nach dem Dienst nach Hause, legt er sich im Kinderzimmer auf sein Bett und betet ausführlich bis er für kurze Zeit einschlafen kann. Wacht er von einen seiner unschönen Träume auf, taumelt er erschöpft ins Schlafzimmer, um nach dem Bett seiner Großmutter zu sehen. Findet er ihr Bett unbenutzt, geht er in die Küche und greift aus dem defekten Kühlschrank die lauwarme Himbeerlimonade. Geräuschvoll trinkt er sie in einem Zuge aus. Mit verschlossenen Augen wartet er minutenlang auf ermahnende Worte. Bleiben auch an diesem Tage die geliebten Ermahnungen aus, setzt er sich an den weiß gestrichenen Holztisch, den der unbekannte Großvater seiner Großmutter zur Verlobung geschenkt haben soll und streichelt über das karierte Wachstuch. Aufmerksam nickt er dem weißen Stuhl mehrfach zu. Mit einem freudigen Lächeln springt er auf, stellt den Porzellanfilter auf die Kanne, steckt das Nylonsieb darauf und gibt vier gehäufte Löffel Kaffee hinein. Vom Emaillewaschbecken holt er Wasser und erhitzt es im verkrusteten Tauchsieder. In kleinen Schlucken brüht er kräftigen Kaffee. Wortlos stellt er die flache Teetasse mit dem blassen, goldverzierten Schnörkelmuster vor den Stuhl exakt auf den dunkelbraunen Kreis des Tischtuches. Er stellt die Keksdose, die Milch und die Zuckerschale neben den Kaffee. Von der Flurgarderobe holt er eilig die dicke Sonntagsausgabe der Tageszeitung, die er seit elf Jahren zusammengelegt im oberen Schubfach liegen hat. Er setzt sich neben den weißen Stuhl und liest langsam und deutlich alle Artikel der Zeitung laut vor, die er sich über die letzten elf Jahre eingeprägt hat.

Geht die Sonne unter, wäscht er im Halbdunkel das wenige Geschirr des Tages ab und erzählt vom Stationsalltag. Gründlich putzt er die Küche und die restlichen Räume der Wohnung. Ist er davon müde, geht er ins Kinderzimmer, legt sich auf das schmale Bett und schiebt die großen Kopfhörer auf die Ohren. Er schaltet die Hobby-Funkanlage ein und lauscht den Polizeifunk ab. Dabei versucht er nicht einzuschlafen. Bemerkt er, dass er müde wird, schlägt er zur Strafe mit der flachen Hand auf die Wangen. Und nur wenn die Wangenschläge seine Müdigkeit nicht beenden, piekt er mit der Kanüle in die Fingerkuppen.

Am Morgen zieht der Vergangenheitstreue die Kopfhörer von den Ohren. Übermüdet geht er in die Küche ans Waschbecken, rasiert sich gründlich ein Milchgesicht und wäscht widerwillig den Oberkörper ab. Er geht ins Schlafzimmer der Großmutter, greift wahllos im Wäscheschrank seine abgetragenen, unmodernen Sachen heraus und zieht sie schweigend an.

Auf der Fahrt in die Klinik beobachtet der Vergangenheitstreue aufmerksam alle Passantinnen, die ihr ähnlich sehen. Ab und zu fallen ihm für Sekunden die müden Augenlider zu und er träumt, dass er nach Feierabend einen frisch gepflückten Strauß Blumen auf dem Küchentisch vorfindet, den würzigen Duft von leckeren Kohlrouladen auf dem Absatz des Treppenhauses einatmet, mit ihr eine Riesenschüssel grüne Klöße formt und anschließend Puddingreste aus der alten Kristallschüssel lecken darf, während sie mit nicht ernst gemeinten Worten schimpft. Hat er den Kohlrouladenduft in der Nase, reißt er abrupt die Augen auf und gibt sich eine Ohrfeige. Hastig springt er vom Sitz auf, schaut unruhig aus dem Fenster und beobachtet wieder die Gehwege, Straßen und Kreuzungen. Und nur noch selten greift der Vergangenheitstreue nach der Notbremse.

Die Allenschenkerin

Die Allenschenkerin schenkt immer und überall. Stets findet sie einen Anlass passende Geschenke zu verteilen. Niemand im Krankenhaus ist vor ihr sicher. Und selbst Fremde können sich der Allmacht ihrer kleinen und großen Aufmerksamkeiten kaum entziehen.

Wochenlang beobachtet sie in den den Schwesternzimmern, den Stationsgängen oder den Umkleideräumen des Krankenhauses in dem sie arbeitet, die zu Beschenkenden und filtert jedes noch so kleine Bedürfnis der Gesprächspartner, die sie intensiv belauscht, heraus. Selbst auf der Toilette, in die sie sich gern heimlich einschließt, erhört sie manchen unbedacht ausgesprochenen Wunsch, den der Belauschte im Selbstgespräch äußert. Nicht selten reinigt sie Betten, Schränke und auch Nachttische übergründlich um sich der Bedürfnisse der dabei abgehörten Gesprächspartner  sicher zu sein.

Hat sie diese endlich erkannt, muss sie sie unbedingt kaufen, und kein noch so großes Hindernis hält sie davon ab. Sie schleicht Tage oder Wochen, manches Mal Jahre um die Zu-Beschenkenden, als wollte sie diese mit einem unsichtbaren Netz aus Fäden umwirken. Unnachgiebig sucht sie nach dem passenden Moment das Geschenk zu überreichen. Glaubt sie den idealen Moment endlich gefunden zu haben, überrascht sie den Verwunderten, stellt sich ihm in den Weg und drückt ihm Zeitschriften und Lexika, plastene Zigarettenetuis und metallene Aschenbecher, oder bunt bedrucktes Geschirr in die Hand. In früheren Jahren, als das Arbeitszimmers ihres Vaters noch voller Bücher stand, verschenkte sie seltene Exemplare zu bestandenen Prüfungen, zu Geburtstags-Weihnacht-und Ostertagen. Selbst den Nationalfeiertag nimmt sie gern als geeigneten Anlass kleine Präsente zu verteilen.

Hat die Allenschenkerin endlich ihr aufwendig verpackte Gabe verschenkt, dreht sie sich schüchtern zur Seite oder senkt den Blick auf den von ihr vorher gründlich gesäuberten Stationsboden. Ungeduldig  wartet sie mit der linken Ferse wippend oder an ihren Ohren ziehend auf eine Reaktion des soeben Beschenkten. Und nicht selten prüft sie, nur um sich von der Wartezeit abzulenken, die weißen Fliesen auf etwaige Putzstreifen. Meist hat sie die Verpackung vorher so kunstvoll gefertigt, dass sie dem Beschenkten auf jeden Fall allein aufgrund der Umpackung eine laute Bewunderung entlocken muss.

Wen allerdings die Allenschenkerin in den Kreis der Beschenkten aufnimmt und welche unsichtbare Verbindung zwischen dem Geschenk, der meist männlichen Adressaten und ihr bestehen, bleibt auch für sie im Dunkel.

Jedoch achtet sie bei jedem so präzise zu schenken, dass eine Ablehnung zwecklos wird. Oftmals lässt sie den Beschenkten erst durch das Geschenk sein unbekanntes Bedürfnis erkennen.

Benötigt die Allenschenkerin ein neues Geschenk, schlendert sie anscheinend ziellos durch die Stadt, verharrt hier und da vor den Auslagen und begibt sich in diese und jene Straße um möglichst alles zu erfassen, was verschenkbar ist. Selbst die kleinste Nebenstraße behält sie im Blick. Dabei denkt sie sich immer und immer wieder mit großer Freude in die Bedürfnisse der zu Beschenkenden hinein. Hat sie sich einen Überblick in Schaufenstern, Warenhäusern und Geschäften verschafft, fühlt sie kaum noch Zeit zwischen den Exponaten und dem verbliebenen Geld abzuwägen. Unruhig umkreist sie mehrmals das zum Kauf ausgewählte Objekt, ohne es jedoch zu berühren. Dabei durchzählt sie geräuschvoll den mitgenommenen Geldbetrag mehrmals auf der flachen Hand, da  sie es als unmöglich ansieht ungekauft nach Hause zu gehen. Spricht eine Verkäuferin sie an, kauft sie hastig das Kaufobjekt oder läuft ohne ersichtlichen Grund verwirrt davon. Selbst in ihren Träumen steht sie oft atemlos in langen, hell beleuchteten Regalreihen und erwirbt, ohne einen Rabatt auszuhandeln, eifrig die Bedürfnisse der Nachbarn, Kollegen oder auch die der Verkäuferinnen selbst. Sehr oft stimmt sie am Ende das Einschlagpapier, Format und Band sorgfältig ab oder tauscht Bedürfnisse  zurück und erhält von allen ein dankbares Lächeln. Zum Schluss stellt sie in ihren Träumen eine Rangfolge der einzelnen Personen auf, die sie in den nächsten Tagen mit ihren Aufmerksamkeiten beschenkt. In winzigen Druckbuchstaben schreibt sie die Namen, die in den letzten Wochen ihren Fleiß am häufigsten bemerkten und lobten auf ein kariertes Blatt. Nur nach einer solchen Nacht fühlt sie sich am Morgen ungewohnt wohl und würde, wenn sie endlich den Mut aufbrächte, Selbsterzählend im Bett liegen bleiben und gern für diesen Tag ihre Arbeit im Krankenhaus vernachlässigen.

Die Allenschenkerin lebt allein. Sie wohnt in einem Zimmer mit Schlafnische, die ihre Mutter  sorgfältig vor Jahren einrichtete. Die Allenschenkerin isst am liebsten Nudeln ohne Soße und verbringt ihre freien Tage in den Haupt-und Nebenstraßen ihres Wohnanlage. In Urlaubsorte ist sie noch nie gefahren und Feierlichkeiten, die außerhalb ihrer Häuserzeile stattfinden, lehnt sie prinzipiell ab. Die wenigen Nachrichten, die sie an sich heranlässt, entnimmt sie, seit sie auch den Fernseher verschenkt hatte, den Überschriften von Wurfsendungen oder den Gesprächen der Straßenbahnfahrgäste.

Am Abend, wenn sie das Restgeld des Tages exakt abgezählt hat, faltet sie die dünne Silberkette, die sie seit ihrer Konfirmation jeden Tag trägt, nach einem ganz bestimmten Muster auf dem Fensterbrett zusammen. Manchmal bleibt sie auch am Fenster stehen und spielt mit den großen, schweren Schmuckstücken ihrer verstorbenen Mutter, die sie aus einer unerklärlichen Abneigung nie benutzt. Und nur Selten schaut sie, den schweren Schmuck in den Händen haltend, den Pärchen auf der Straße lange nach. An solchen Abenden schüttelt sie kräftig ihre vielen Kopfkissen, legt sich seufzend in ihr Jugendbett, faltet die Hände zum Gebet und bemüht sich vergebens die Schafreihe laut bis Hundert zu zählen. Selten gelingt es ihr in diesem Moment den unangenehmen Gedanken an die fällige Kreditrate zu vergessen

Die Allenschenkerin arbeitet fehlerfrei. Entschuldigte oder gar unentschuldigte Tage gab es bei ihr nie. Auch hat sie keinem Patienten jemals einen Anlass zu einer Beschwerde gegeben. Selbst der Pförtner, den sie fast 40 Jahre höflich grüßt, könnte nichts Nachteiliges berichten. Würde man ihn nach ihr fragen, fiele es ihm schwer, trotz der Blumen, die sie ihm täglich wortlos ins Sichtfenster stellt, die Allenschenkerin zu beschreiben.

Die Allenschenkerin kann mir immer noch nicht genau sagen, was sie mit ihrem Anteil von 23.572 Euro machen wollte. Möglicherweise hätte sie damit einen ihre vielen Kredite beglichen.

Grauzone

„Man führt dort ein sehr geregeltes Leben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.“ C. Hein

 

I.

Guten Tag Frau Taubert. Hier ist Frau Ahrend – die Klassenlehrerin von Stefan. Ich wollte mich erkundigen, wie es ihrem Sohn geht? Er hat Bauchschmerzen, sagt er? Waren Sie denn gestern nicht beim Arzt? — Hat er Ihnen nichts von der Prügelei gestern Nachmittag erzählt? — Er wurde von zehn Schülern aus der Parallelklasse zusammengeschlagen. —  Ja, er scheint große Angst zu haben. Bitte gehen Sie unbedingt zum Arzt. — Nein, nicht erst wenn ihr Mann von der Frühschicht kommt, bitte gehen Sie sofort. — Und bitte rufen Sie mich zurück, sobald Sie etwas Neues wissen. Sagen Sie Stefan gute Besserung! — Ja, auf Wiederhören.

II.

Wissen Sie, Sie dürfen nicht nur das Schlechte an diesem Beruf sehen. Sie haben geregelte Arbeitszeiten. Sie haben immer frei an den Feiertagen. Ferien. Sie verdienen gutes Geld. Das ist doch etwas.

III.

Ey, wenn ich dich erwische, du Spasti, deine Mutter, Alter. Bleib gefälligst stehen. Hey, du hast es wohl nicht verstanden, was, willste Stress, oder was? Einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. Das kannste bei deinen Alten bringen, aber bei mir nich Junge. Ja,ja, jetzt haste wohln Arsch voll, wa?  Komm hier mal raus aus der Penne, du Assi, nachher biste dran!

IV.

„Stopp, hier ist das Klassenzimmer der Klasse 5 und ihr gehört mit Sicherheit nicht hier rein.“ „ Alte Fotze, Sie haben uns gar nichts zu sagen.“ „O doch, stopp- geht zurück in eurer Klassenzimmer.“ „Sie können uns mal am Arsch lecken, Sie sind doch Niemand, kommen aus ihrem feinen Elternhaus und  kriegen alles in den Arsch geblasen. Nüscht wissen Sie. Gar nüscht.“

V.

Guten Tag, Ahrend am Apparat. Aaah, Frau Bräuner, sind Sie die Anwohnerin, die sich gestern schützend vor Stefan gestellt hat? — Nein, ich weiß leider nicht, wie es ihm geht. Wurden Sie dabei verletzt? — Zum Glück. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich Ihre Reaktion sehr mutig finde. — Ja, ich melde mich bei Ihnen. Auf Wiederhören.

VI.

„Ich muss heute mit euch über ein sehr ernstes Thema sprechen. Euer Mitschüler Stefan wurde gestern Nachmittag von der kompletten Parallelklasse so verprügelt, dass er heute mit inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. — Es ist noch nicht sicher, ob er bleibende Schäden davontragen wird. Wusstet ihr von diesem geplanten Überfall?“ „Na, der Stefan hat dem Tony wohl zwei Euro geschuldet. Und er hat dann rumerzählt, jetzt wären es fünfzig Euro – mit Zinsen und so.“ „Hat noch jemand etwas anderes bemerkt? — Wie findet ihr das denn, was da passiert ist.“ „Nicht so gut. Der hätte auch umkommen können. Im Ernst der Tony hätte den abgestochen, wenn die Alte da nicht dazwischengegangen wär.“ „Was denkt ihr, wie sich Stefan wohl in der Situation gefühlt hat?“ „Scheiße, hat der sich gefühlt.“ „Jetzt geht’s mir an den Kragen.“ „Der hat gar nüscht mehr gedacht, dem hamse doch aufn Nüschel gedroschen.“ „Der dachte, der stirbt jetzt.“ „Was denkt ihr, können wir tun, um Stefan jetzt zu helfen? „Keene Ahnung, de Ärzte solln den erstmal wieder grade biegen, würdsch sagen.“

VII.

In was für einer Gesellschaft leben wir denn heutzutage? Das kann doch nicht sein, dass die Wänster die Mülltonnen anzünden. Und vorige Woche haben Sie die Autotüren zerkratzt. Ich habe genau gesehen, dass das der Riese mit den Locken war, der immer so ein gelbes Basecape und ne schwarze Lederjacke trägt. Die haben doch keinen Anstand mehr. Wegsperren sollte man die, da muss man ja selbst schon Angst haben aus dem Haus zu gehen. Ich werde zur Polizei gehen. Und überhaupt alle ins Gefängnis sollte man die stecken. Sie unterrichten ja potentielle Mörder, wie halten Sie das eigentlich aus?

VIII.

Meldung des Tages

Kuckmarsdorf

In der Erziehungshilfeschule Martin-Schubert wurde gestern Nachmittag ein 11-Jähriger Schüler von zehn Mitschülern brutal zusammenschlagen. Der Polizeisprecher Horst Müller gab in der Pressemeldung bekannt, dass ohne das spontane Eingreifen einer Anwohnerin, ein tödlicher Ausgang nicht auszuschließen gewesen wäre. Gegen die Täter wurde Strafanzeige erhoben.

 

mein fotografisches Gedächtnis


Während man im Radio jene beziffert, die auf der anderen Seite des Planeten bei der schlimmsten Überschwemmung ertrunken sind, tropft mir der Honig vom Brötchen in die Hand. Die Serviette löst sich in einzelne Lagen, als ich mich abputze, so dass die äußeren Schichten zu Knäueln verkleben, während das Innere unberührt bleibt. Ich lecke meinen Handballen, ausgiebig schmatzend, wie sich dein Hund seine Pfoten leckte, und freue mich über dein entsetztes Gesicht. Du zischst, was denn die Leute denken sollen, und ich setze an, dir „Was sie wollen.“ zu antworten, aber als es süß schmeckt und salzig erinnere ich mich.

Daran, wie du geschmeckt hast, gestern, als sich dein Schweiß mit dem Regen vermischte, der den Tag kurz vor seinem Ende achtlos in die Gullis spülte. An die Tropfen, die in deinen Haaren hingen, und den Widerwillen unserer Haut, als sich dein Hals von meinem löste. Du hast mich berührt, daran erinnere ich mich. Aber nicht an diesen Ort.

Rückwärts im Zug haben wir durch Fotos geblättert. Du hattest mich gebeten, nach ihnen zu suchen, als feststand, wohin die Reise ging. Bestimmt wäre da meine Mutter drauf, mein Lausbubenlächeln und die 80er Jahre und vieles, was du noch nicht weißt. Ich fand sie in einer Kiste im Keller zwischen Münzen und Marken in einem Album – halbvoll. Tatsächlich zeigen sie meine Mutter, meine Igelfrisur und die DDR. Vor allem aber vieles, was ich nicht mehr weiß.

Als du das Album aufschlägst, findest du, dass es nach Kleber riecht, nach fremdem Zuhause ein bisschen und nach vergangener Zeit. Ich rieche Keller, Feuchte und Schimmel, und greife schweigend nach dem ersten Seidenpapier.

Ein Junge lehnt an einem Geländer am Hafen.
Am Steg heißt ein Schiff „Völkerfreundschaft“.
Am anderen Ufer ein Campingplatz.

Ein Junge steht im Brunnen am Marktplatz.
Ein Hering aus Stahl speit auf seine dicklichen Waden.
Die Rathausuhr sagt, es sei dreiviertel drei.

Ein Junge sitzt auf einem Koffer am Bahnhof.
Am Kiosk hinter ihm gibt es Fischbrötchen
und Bockwurst mit Senf für 0,8 Mark.

Der Junge bin ich, du siehst das sofort. Du findest, dass ich süß bin. Ich frage dich, wann. Du zeigst mir den Stempel auf der Rückseite eines Fotos und sagst Juli Neunzehnsechsundachtzig. Ich frage nach heute. Du lachst und bist schön.

Wir blättern weiter:
Meine Mutter raucht in den Abendhimmel.
Ihre roten Lippen haben den Filter gefärbt.
Die hellgrünen Lider passen perfekt zum Blouson.

Meine Schwester schaukelt gegen das Licht.
Ihr Haar hat die Farbe von reifem Getreide,
ihr Kleid lacht über himmelblau.

Ihr Mann klettert in einen Kirschbaum.
Sein Bart maskiert ihn als Freiheitskämpfer.
Seine nackten Füße haben schwarze Sohlen.

Heute ist meine Mutter nicht mehr und meine Schwester geschieden. Aber nicht von diesem Mann, der ist in den Jahren verloren gegangen. Und ich? War schonmal hier. Und weiß es nicht mehr.

Das ist in Ordnung, sagst du, völlig normal. Und nicht wahr, versprichst du, es ist alles noch da. Finden wir die Orte, finden wir auch die Geschichten. Du wettest, ich zweifle. Wir wollen suchen gehen.

Du wickelst zwei Brötchen mit gelber Konfitüre in frische Servietten und nennst sie Proviant. Ich leere meinen Malzkaffee bis auf den Satz, um dich anzugrinsen mit schlammigen Zähnen. Und in dein Lachen auf das ich zählte, frage ich trotzig, was dieser Moment wert war, wenn er dir nicht bleibt. Momente bleiben nicht, dozierst du, nur die Geschichten, die aber für immer. Und weil ich das schön finde, aber nicht glaube, ziehen wir los, mit den Fotos und deiner Kamera und dem Proviant, die Orte zu finden, an denen ich in die Sonne blinzelte, fünfundzwanzig Jahre vor heute.

Den Schlüssel zu unserem Zimmer lässt du am Tresen in ein dunkles Fach hängen, damit er nicht verloren geht, wie manches. Währenddessen stecke ich meine Hand bis zum Gelenk ins Bonbonglas, um zwischen den Drops nach den Toffees zu angeln, die du so liebst. Du bist sehr erwachsen, aber ich kann manche deiner Traurigkeiten mit Bonbons vertreiben. Das hat im Frühling funktioniert als dein Hund weg ist, und du ihm nachwolltest. Wenn auch nur ein bisschen. Und heute muss es wieder funktionieren, denn ich werde mich nicht erinnern.

Bei unserer Ankunft gestern Abend, Gleis vier, hast du gesprochen, und ich geschwiegen. Du hast vom Garten deiner Oma erzählt, der auch an Gleise grenzte, so wie die Gärten, die wir gerade passierten. Einmal war der Bach so weit über seinen Lauf getreten, dass ihr Kinder, in einer Badewanne aus Holz durch die Sträucher geschippert seid, um die Aprikosen zu ernten.

Ich mochte die Geschichte, aber ich kannte sie schon, und so suchte ich still in der Umgebung nach Dornen, an denen ich meine Erinnerung hätte ritzten können.

Als wir uns vor dem Bahnhof wie durch einen Irrgarten, durch die parkenden Autos schlängelten, habe ich gesehen, dass dort kein Kiosk mehr steht. Fischbrötchen muss man heute bei Nordsee kaufen. Auf dem Weg zur Pension habe ich das Rathaus entdeckt, hinter Gerüsten und Planen, und den gepflasterten Platz mit seinen Geranien, und dem Wochenmarkt. Aber ohne Brunnen. Und als wir vor Mitternacht unten am Hafen das Gewitter grüßten, das wir aus dem Radio kannten, haben wir gespottet, dass die Schiffe heute „Sea Princess“ heißen. Als dann der Blitz einschlug, in dich und mich, war da kein Geländer.
Das weiß ich, denn ich hätte eines gebraucht.

Mit den Füßen im Wasser liegen wir am Ufer und ich mit meinen Haaren auf deinen, auf dass auch meine Haare nach Regen riechen. Wir sind erschöpft, weil du dich verrannt hast in alten Bildern, und ich mir in neuen Schuhen Blasen gelaufen habe.

Am Bahnhof gibt es keine Bockwurst mehr und auf dem Markplatz keine Wasserspiele. Der Campingplatz ist ein Einkaufszentrum und die Rathausuhr zeigt nicht mehr die Zeit. Du bist traurig, weil nichts mehr da ist, die Orte nicht und nicht die Geschichten und auch sonst nichts, an das ich mich erinnern könnte. Und ich streichle deine Wange und seufze
und bin da.

„Wenn doch alles verschwindet -“ fängst du an, als ich endlich einen Toffee zu fassen kriege und ihn sofort in deine Hand lege, damit du ruhig bist. Ich bin auch ruhig und sage dir nicht, dass du eine Wette verloren hast, denn ich habe nichts gewonnen. Und während auch ich ein Trosttoffee kaue, überlege ich, ob es ein Wort gibt für dieses Gegenteil eines Déjà-vu.

Da nimmt mir der Wind das Papier aus den Fingern und legt es aufs Wasser und trägt es davon. Und als ich das sehe, frage ich erst mich und dann dich, was uns trauriger macht: dass die Geschichten fehlen oder die Bilder noch da sind. Und weil du schweigst, setz‘ ich mich auf, nehme die Fotos aus dem Dunkel der Tasche und zerreiße das erste in zwölf kleine Quadrate. Da setzt du dich auf, schnappst dir neun Teile und fragst mich, ob ich denn von allen guten Geistern verlassen sei. Von dir nicht, flüstere ich und gebe dir kampflos die restlichen drei.

Und als ich das letzte Stück zurück ins Puzzle lege, küsst du mich und lobst mein fotografisches Gedächtnis. Wir lachen. „Bleib so!“, rufst du, greifst zur Kamera, legst deinen Arm um mich und nimmst ein Bild auf.