Der Belieber

Nach dem Aufwachen dreht sich der Belieber auf die Seite seines großen Wasserbettes und betrachtet den Körper, an dem er die Liebesleistung der letzten Nacht vollzogen hat. Vorsichtig streichelt er das schlafende Gesicht, dass sich ein leichtes Lächeln entspinnt. Dabei denkt er mit Genuss an die verschiedenen Gesten, die das Gesicht in der zurückliegenden Nacht hervorgebracht hat. Und es ist ihm eine allmorgendliche Befriedigung, die gesamten Liebeleien noch einmal detailliert in Gedanken zu wiederholen. Ist er mit dem Gedankenspiel fertig, hebt er mit Schwung das seidene Bettzeug über den schlafenden Körper, dreht sich zurück auf den Rücken und betrachtet sich im Deckenspiegel. Er beugt sich über den schlafenden Körper und haucht ihm einen Kuss auf den Nacken. Vergnügt steht er auf und schlendert ins Bad. Vor dem Spiegel streckt er die fast haarlose Brust heraus und versucht, die Verspannung, die er sich regelmäßig in den Nächten zuzieht, mit einer eigens entworfenen Gymnastik zu lösen. Hat er in der zurückliegenden Nacht außerordentlich gewagte oder gar gefährliche Liebestaten vollbracht, stellt er sich am anderen Morgen auf den Kopf und schüttelt seinen Unterleib bis ihm das dicke Gemächt an die Stirn stößt. Anschließend lässt er sich wieder auf den Boden sinken. Zusammengekauert rollt er auf dem Badvorleger auf und ab. Fühlt er sich wieder entspannt, springt er in den blasengebenden Whirlpool, in dem er die Liebesspiele der Nacht für gewöhnlich beginnt. Danach stellt er sich wieder vor den Spiegel und rasiert die Haare von Gesicht und Brust. Zum Schluss massiert er sich die Schläfen.

Ist er mit seiner morgendlichen Toilette fertig, föhnt er seinen Körper trocken und kleidet sich vor dem großen Bücherregal im Flur an. Dabei greift er in die Buchreihen und sucht eine kleine Erzählung, einen bunten Bildband oder einen klugen Ratgeber, der zum Wesen der jeweiligen seiner Liebschaften passt. Hat er das Buch gefunden, zieht er es heraus, greift zu einem der vielen Stapel Seidenpapier und umhüllt es kunstvoll. Er geht zum alten Holzkästchen, holt eines seiner vielen samtbestickten Haarbänder und umbindet das Papier. Anschließend schleicht er ins Schlafzimmer. Behutsam legt er das Büchlein mit einem Kuss und dem ehrlichen Wunsche, dass es seiner Nachtbekanntschaft im weiteren Leben helfen möge, auf das aufgeschüttelte Kopfkissen. Er öffnet die dicke Silberkette, die er Tag und Nacht um seinen Hals trägt und zieht die Schere und den Schlüssel, die ihm beide im allnächtlichen Liebestaumel als Metronom dienen, heraus. Er schneidet den Schlafenden eine Strähne oder Locke vom Kopfe, steckt sie in einen farbigen Briefumschlag und beschriftet diesen. Dabei geht er jedes Mal gleichermaßen vor. Er vermerkt zuerst den Tag, danach die Stunden, die angewandten Liebestechniken, die Sehnsüchte der Beliebten und zum Schluss seinen Zufriedenheitsgrad. Ausgiebig beleckt er danach den Brief, verklebt ihn sorgfältig und legt ihn in sein Archiv in den Wandtresor. Stolz addiert er die Zahlenkombination des Tresors um einen weiteren Nenner, denn nur so bleibt er auf dem aktuellen Stand. Nachdem er den Tresor wieder verschlossen hat, hängt er den Schlüssel und die Schere um den Hals und geht in die Küche zum Kühlschrank. Er greift zu einer der wohltemperierten Flaschen Champagner, öffnet sie leise und füllt deren Inhalt in zwei Gläser. Genüsslich trinkt er das erste Glas auf das Wohlergehen der Bekanntschaft aus. Mit geschickter Hand pflückt er drei Blumen aus den breiten Pflanzkästen, die er eigens für diese Stunden angelegt hat. Die erste Blüte arrangiert er liebevoll in das eingefüllte Champagnerglas, welches für seine Nachtbekanntschaft bestimmt ist. Die zweite platziert er gut sichtbar vor dem Badspiegel. Die dritte steckt er sich in den Mund. Mit der Blüte im Mund kocht er Kaffee, füllt ihn in die Thermoskanne, stellt Butter, Käse, viel frisches Obst auf den Frühstückstisch und das Champagnerglas dazu. Erfreut an dem beginnenden Tag, steckt er die Blüte ins Revers, schließt leise die Wohnungstür und rutscht vergnügt das Treppengeländer hinunter.

Der Belieber erscheint stets gepflegt. Schon auf den Fluren des Krankenhauses grüßt er mit übergroßem Lächeln den verschlafenen Pförtner oder die unsichere Reinigungsfrau.
Der Belieber ist höflich und zuvorkommend. Trotz, dass er seit Monaten auf Station seinen Dienst absolviert, klopft er mehrmals leise an die Tür und wartet, bis die jeweilige Stationsschwester ihr schnoddriges Herein ruft. Er öffnet die Tür einen Spalt weit, schiebt zuerst seinen Kopf, danach den schlanken Hals mit der dicken Silberkette und der Schere und dem Schlüssel hindurch und lächelt in den Raum. Erst danach gibt er der Tür einen kräftigen Schwung und betritt das Aufenthaltszimmer. Mit einer angedeuteten Verbeugung grüßt er zuerst die Stationsschwester und nach ihr dem Range folgend alle weiteren Schwestern. Hat er die Begrüßung artig abgeleistet, begibt er sich an das Ende des Tisches und küsst die ungeduldig wartenden Schwestern oder Pfleger. Zum Schluss gibt er ausgewählten von ihnen einen kräftigen Händedruck, einen kleinen Klaps auf die Schulter oder einen unerwarteten Puffer. Aber auch hier hält er eine unsichtbare Reihenfolge ein, deren Wertfolge nur für Eingeweihte erkennbar ist und erarbeiten werden muss. Hat er die allmorgendliche Prozedur vollzogen, hält er einen klitzekleinen Moment inne und setzt sich auf einen der angeboten Plätze zwischen eine der unglücklichen Schülerinnen oder Schüler. Er öffnet eine Flasche Möhrensaft und trinkt diesen in einem einzigen Zuge aus.

Der Belieber arbeitet korrekt. Ohne zu zaudern führt er die ihm übertragenen Aufgaben aus. Und keine noch so ekelerregende Tätigkeit weist er zurück. Vielmehr kämmt er vorab nochmal sein rotblondes, glattes Haar. Er zieht einen seiner samtbestickten Haarschnüre aus der Hosentasche, die wie zum Zeichen seiner Anwesenheit im gesamten Krankenhaus verstreut liegen und bindet den Zopf zusammen. Allzu gern sammeln arglose Schülerinnen die scheinbar verlorenen samtenen Schnüre als heimliche Souvenirs. Und nicht selten streiten Büroangestellte mit den Reinigungsfrauen teilweise heftig um deren Besitz. Neuerdings hat man auch Schüler die albernen Schnüre aufheben sehen.

Kommt der Belieber am Nachmittag nach Hause, schläft er sich erstmal gründlich aus. Am Abend, wenn die Mitarbeiter in die Stadt gehen, steht er auf, macht Fünfzig Liegestütze, Hundert Seilsprünge und mehrere Serien Hantelheben. Anschließend duscht er seinen Körper mehrmals gründlich ab. Er gönnt seinem Haar eine Heil-und Pflegekur und seinem Gesicht eine Honig-Gurken-Maske. Ist er damit fertig, feilt, lackiert, bürstet und cremt er sich für die Nacht zurecht. Zum Schluss rasiert er sich mit einer Schablone in den Intimbereich ein chinesisches Glückszeichen oder eine indianische Liebesformel, die die Beliebten in der kommenden Nacht beeindrucken sollen. Danach kleidet er sich modisch an und wartet ungeduldig auf seinen allabendlichen Besuch. Unruhig schreitet er auf dem ausgetretenen Parkettboden auf und ab, kneift sich in die zusammen geballten Hände, zieht sich an den Ohren oder kämmt sich wieder und wieder das schulterlange Haar. Erst das kurze Leuten der Klingel lässt ihn von seinen Handbewegungen innehalten und zur Tür hasten. Mit einem entspannenden Lächeln öffnet er sie und genießt die kommenden Stunden.

Der Belieber ist für seine gründliche Körperarbeit weltbekannt. Hat er Liebeshungrige erst einmal in seinem Wasserbett, begreift und beliebt er sie ausgiebig und von allen Seiten kunstvoll und ohne Unterlass. Und keine noch so kleine oder verborgene Stelle bleibt von ihm unbetastet.
Ist der Belieber nach vielen Stunden mit seiner Körperarbeit fertig, massiert und küsst er die erschöpften, säuselt ihnen erotische Formeln in verschiedenen Sprachen in die Ohren und schwingt die seidene Bettwäsche über sie. Sind sie eingeschlafen, steht er unbemerkt auf und reinigt ihre Schuhe oder bürstet ihre Sachen aus. Dabei greift er in die verstreuten Kleidungsstücke und bringt die Geldtasche an sich. Vorsichtig öffnet er die diese und prüft gewissenhaft deren Inhalt. Hat er sich von der Geldmenge überzeugt, steckt er kleine Münzen oder Scheine hinein, damit die Beliebten am anderen Morgen wohlbehalten nach Hause fahren können. Stets achtet er darauf, dass die eingelegten Münzen oder Scheine an genau den Positionen platziert werden, an denen sich gleichwertige befinden. Ist er damit fertig, schiebt er die Geldtasche zurück, legt sich ins Bett, lächelt erschöpft in den großen Deckenspiegel und schläft von der ausgiebigen Arbeit zufrieden ein.

Der Geldbeschneider

Der Geldbeschneider liebt nichts so sehr wie den eigenen Vorteil. An jeder Stelle des Krankenhauses, an der sich eine Möglichkeit ergibt, nutzt er diesen, egal wie gering der Betrag auch für ihn sein mag. Und selbst in den entferntesten Winkeln würde er, wenn sich dort erfolgreich etwas finden ließe, mit aller Macht suchen.

Schon auf der Fahrt ins Krankenhaus, beobachtet der Geldbeschneider mit wachen Augen den Fußboden des Niederflurwagens. Er streckt seinen Kopf unter die Sitzreihen oder schiebt ihn geschmeidig an den Mitfahrenden vorbei, die sich die Neuigkeiten des Tages berichten. Unruhig sucht er nach Gegenständen, die verträumte Gäste liegen gelassen haben. Selbst ein Geldstück, das  an der  Umrandung eines Hosensaumes ruht, findet er zielsicher zwischen den vielen Beinreihen. Hat er es entdeckt, schnappt er es blitzartig beim Aussteigen mit geübtem Handgriff. Und er ärgert sich über den ganzen Tag, wenn er nicht wenigstens eine kleine Kupfermünze am Abend aus einer seiner tiefen Jackentaschen herausnehmen und bestaunen kann.

Der Geldbeschneider kleidet sich stets als letzter in der Umkleidekabine um. Nur so hat er alle Spinde im Blick und kann, wenn möglich, unbeobachtet Dinge an sich bringen, die verschlafene Mitarbeiter in der morgentlichen Hektik achtlos liegen gelassen oder verloren haben.

Kommt der Geldbeschneider zur Dienstbesprechung ins Schwesternzimmer, grüßt er überfreundlich und in die Länge gezogen jeden einzelnen Kollegen. Mit weichem Handgriff umfasst er deren Hände und versucht in der kurzen Zeit des Grußes sich einen Überblick über die umherliegenden Dinge zu verschaffen. Gern verwickelt er Patienten, die zufällig auf dem Flure stehen, in Gespräche, über unerfreuliche Diagnosen oder äußerst riskante Therapien. Dabei versucht er sie soweit zu verwirren, das sie selbstversunken oder völlig verängstigt ihre persönlichen Habseligkeiten auf der Waschkonsole oder dem Fensterbrett zurücklassen. Überdies klagt er häufig bei Patienten, die er auf Umwegen zur Diagnostik fährt, wie schlecht er entlohnt würde. Und nicht selten stecken ihm diese ab und zu ein paar Scheine, scheinbar von ihm unbemerkt, in die Jackentasche. Auf dem Rückweg bleibt er atemringend an der hell erleuchteten Vitrine mit den vielen Hausmitteilungen stehen, schliesst die Augen und lehnt seinen Rücken an die Wand. Hastig zieht er das knisternde Papier heraus, reibt es   zwischen den Händen und versucht mit den Fingerkuppen den Wert des Geldes zu ertasten. Hält er es nicht mehr aus, blinzelt er, presst den Schein gegen das Vitrinenglas und streicht das Papier mit beiden Daumen glatt. Hat er die Banknotenmerkmale gründlich geprüft, haucht er auf den Zahlenwert. Er steckt die lange Zunge heraus und  betupft das Wasserzeichen. Schließlich leckt er den gesamten Schein auf beiden Seiten sorgfältig ab. Das durchfeuchtete Papier faltet er zweimal zusammen und markiert es mit seinem Gebissabdruck. Nachdem er daran gerochen hat, schiebt er den Schein in die kniehohen Karostrümpfe, die er sommer´s wie winter´s trägt. Erschöpft fährt er zurück auf Station.

Der Geldbeschneider lebt von Frau und Kind getrennt. Er wohnt in einem Gartenhaus, das er durch jahrelangen Rechtsstreit den  Miterben abgetrotzt hat. Seine Parzelle pflegt er übergründlich, und holt, wenn es sein muss, selbst in der Nacht noch so manche reife Frucht aus der Beetfurche um sie den Schnäbeln pickender Vögel am darauf folgenden Morgen vorzuenthalten. Möbel hat sich der Geldbeschneider noch nie geleistet. Vielmehr besitzt er, die seiner Meinung nach achtlos auf den Sperrmüll des Krankenhauses geworfenen Dinge. Und Selbst das plastene Geschirr, das über die Jahrzehnte augesondert wurde und noch aus den Gründungsjahren des Krankenhauses stammen soll, hat er  auf seine Weise erworben.

Der Geldbeschneider geht ungern einkaufen. Es macht ihm schon seit Jahren nichts mehr aus, die Reste, die auf Station gesammelt werden, zu einem deftigen Eintopf zu verwerten.

Am Abend, wenn alle Türen fest verriegelt sind, setzt er sich in seinen Rollstuhl oder legt sich in sein Krankenbett und schiebt den Betttisch heran. Er entzündet ein Ewiges Licht, das er aus der Leichenhalle entwendet hat und schließt zufrieden die Augen. Er blinzelt in den rot flackernden Lichtschein und streckt geräuschvoll seinen dürren Körper aus. Wenn er dem Krankenhausseelsorger wieder eine gute Flasche Messwein entwenden konnte, freut er sich besonders. Würdevoll öffnet er die Flasche und lässt den Wein in winzig kleinen Schlucken in eine Schnabeltasse laufen. Er schiebt die Zunge vor und schlürft Tropfen für Tropfen die Flüssigkeit heraus, und leckt, wenn er damit fertig ist, bis in die kleinste Stelle des Becherbodens. Dabei schmatzt er so lautvoll, dass das Geräusch selbst noch am hohen Gartenzaune deutlich zu hören ist. Hat er den Becher ausgeleckt, stellt er das kleine Kofferradio an, kuschelt sich auf die Seite seines Bettes und beginnt zu träumen. Regelmäßig wünscht er sich endlich ohne ein einziges Geldstück im Monat ausgegeben zu haben, leben zu können. Neuerdings stellt er sich immer häufiger vor, wie er einen Schatz in seinem Garten finden würde oder das Lohnbüro ihm bis zum Lebensende versehentlich Chefarztgehälter überwiese.

Der Geldbeschneider arbeitet unauffällig und leise. Patienten und Mitarbeiter beklagen, dass des öfteren Dinge abhanden kämen. Und selbst die Verwaltung kann nur mitteilen, das er seit seiner Ausbildung im Krankenhaus beschäftigt ist.

Würde man den Pförtner nach ihm befragen, würde er mit einer heftigen Handbewegung abwehren, ausspucken und ihn als einen krummen Hund bezeichnen, der freundlich wirres Zeug daherquatsche. Außerdem würde er sagen, dass man bei ihm nicht sicher sein könne, ob er  einen nicht den Arsch unter’m Hintern wegstehle.

Der Geldbeschneider wusste vom ersten Tage an, was er mit seinem Anteil von 23.572 Euro machen würde. Er wollte ihn in Goldbarren anlegen. Und Silvester, wenn alle Kleinstadtbewohner auf dem Platze feiern, wollte er diesen Punkt Mitternacht unter seinem Erdbeerbeet, das er extra der habgierigen Kinder wegen, vor seinem Küchenfenster angelegt hatte, vergraben. Der Geldbeschneider wüsste als einziger Mitarbeiter der Krankenstation, wo und wie er 235.720 Euro sicher vergraben müsste.

Die Allenschenkerin

Die Allenschenkerin schenkt immer und überall. Stets findet sie einen Anlass passende Geschenke zu verteilen. Niemand im Krankenhaus ist vor ihr sicher. Und selbst Fremde können sich der Allmacht ihrer kleinen und großen Aufmerksamkeiten kaum entziehen.

Wochenlang beobachtet sie in den den Schwesternzimmern, den Stationsgängen oder den Umkleideräumen des Krankenhauses in dem sie arbeitet, die zu Beschenkenden und filtert jedes noch so kleine Bedürfnis der Gesprächspartner, die sie intensiv belauscht, heraus. Selbst auf der Toilette, in die sie sich gern heimlich einschließt, erhört sie manchen unbedacht ausgesprochenen Wunsch, den der Belauschte im Selbstgespräch äußert. Nicht selten reinigt sie Betten, Schränke und auch Nachttische übergründlich um sich der Bedürfnisse der dabei abgehörten Gesprächspartner  sicher zu sein.

Hat sie diese endlich erkannt, muss sie sie unbedingt kaufen, und kein noch so großes Hindernis hält sie davon ab. Sie schleicht Tage oder Wochen, manches Mal Jahre um die Zu-Beschenkenden, als wollte sie diese mit einem unsichtbaren Netz aus Fäden umwirken. Unnachgiebig sucht sie nach dem passenden Moment das Geschenk zu überreichen. Glaubt sie den idealen Moment endlich gefunden zu haben, überrascht sie den Verwunderten, stellt sich ihm in den Weg und drückt ihm Zeitschriften und Lexika, plastene Zigarettenetuis und metallene Aschenbecher, oder bunt bedrucktes Geschirr in die Hand. In früheren Jahren, als das Arbeitszimmers ihres Vaters noch voller Bücher stand, verschenkte sie seltene Exemplare zu bestandenen Prüfungen, zu Geburtstags-Weihnacht-und Ostertagen. Selbst den Nationalfeiertag nimmt sie gern als geeigneten Anlass kleine Präsente zu verteilen.

Hat die Allenschenkerin endlich ihr aufwendig verpackte Gabe verschenkt, dreht sie sich schüchtern zur Seite oder senkt den Blick auf den von ihr vorher gründlich gesäuberten Stationsboden. Ungeduldig  wartet sie mit der linken Ferse wippend oder an ihren Ohren ziehend auf eine Reaktion des soeben Beschenkten. Und nicht selten prüft sie, nur um sich von der Wartezeit abzulenken, die weißen Fliesen auf etwaige Putzstreifen. Meist hat sie die Verpackung vorher so kunstvoll gefertigt, dass sie dem Beschenkten auf jeden Fall allein aufgrund der Umpackung eine laute Bewunderung entlocken muss.

Wen allerdings die Allenschenkerin in den Kreis der Beschenkten aufnimmt und welche unsichtbare Verbindung zwischen dem Geschenk, der meist männlichen Adressaten und ihr bestehen, bleibt auch für sie im Dunkel.

Jedoch achtet sie bei jedem so präzise zu schenken, dass eine Ablehnung zwecklos wird. Oftmals lässt sie den Beschenkten erst durch das Geschenk sein unbekanntes Bedürfnis erkennen.

Benötigt die Allenschenkerin ein neues Geschenk, schlendert sie anscheinend ziellos durch die Stadt, verharrt hier und da vor den Auslagen und begibt sich in diese und jene Straße um möglichst alles zu erfassen, was verschenkbar ist. Selbst die kleinste Nebenstraße behält sie im Blick. Dabei denkt sie sich immer und immer wieder mit großer Freude in die Bedürfnisse der zu Beschenkenden hinein. Hat sie sich einen Überblick in Schaufenstern, Warenhäusern und Geschäften verschafft, fühlt sie kaum noch Zeit zwischen den Exponaten und dem verbliebenen Geld abzuwägen. Unruhig umkreist sie mehrmals das zum Kauf ausgewählte Objekt, ohne es jedoch zu berühren. Dabei durchzählt sie geräuschvoll den mitgenommenen Geldbetrag mehrmals auf der flachen Hand, da  sie es als unmöglich ansieht ungekauft nach Hause zu gehen. Spricht eine Verkäuferin sie an, kauft sie hastig das Kaufobjekt oder läuft ohne ersichtlichen Grund verwirrt davon. Selbst in ihren Träumen steht sie oft atemlos in langen, hell beleuchteten Regalreihen und erwirbt, ohne einen Rabatt auszuhandeln, eifrig die Bedürfnisse der Nachbarn, Kollegen oder auch die der Verkäuferinnen selbst. Sehr oft stimmt sie am Ende das Einschlagpapier, Format und Band sorgfältig ab oder tauscht Bedürfnisse  zurück und erhält von allen ein dankbares Lächeln. Zum Schluss stellt sie in ihren Träumen eine Rangfolge der einzelnen Personen auf, die sie in den nächsten Tagen mit ihren Aufmerksamkeiten beschenkt. In winzigen Druckbuchstaben schreibt sie die Namen, die in den letzten Wochen ihren Fleiß am häufigsten bemerkten und lobten auf ein kariertes Blatt. Nur nach einer solchen Nacht fühlt sie sich am Morgen ungewohnt wohl und würde, wenn sie endlich den Mut aufbrächte, Selbsterzählend im Bett liegen bleiben und gern für diesen Tag ihre Arbeit im Krankenhaus vernachlässigen.

Die Allenschenkerin lebt allein. Sie wohnt in einem Zimmer mit Schlafnische, die ihre Mutter  sorgfältig vor Jahren einrichtete. Die Allenschenkerin isst am liebsten Nudeln ohne Soße und verbringt ihre freien Tage in den Haupt-und Nebenstraßen ihres Wohnanlage. In Urlaubsorte ist sie noch nie gefahren und Feierlichkeiten, die außerhalb ihrer Häuserzeile stattfinden, lehnt sie prinzipiell ab. Die wenigen Nachrichten, die sie an sich heranlässt, entnimmt sie, seit sie auch den Fernseher verschenkt hatte, den Überschriften von Wurfsendungen oder den Gesprächen der Straßenbahnfahrgäste.

Am Abend, wenn sie das Restgeld des Tages exakt abgezählt hat, faltet sie die dünne Silberkette, die sie seit ihrer Konfirmation jeden Tag trägt, nach einem ganz bestimmten Muster auf dem Fensterbrett zusammen. Manchmal bleibt sie auch am Fenster stehen und spielt mit den großen, schweren Schmuckstücken ihrer verstorbenen Mutter, die sie aus einer unerklärlichen Abneigung nie benutzt. Und nur Selten schaut sie, den schweren Schmuck in den Händen haltend, den Pärchen auf der Straße lange nach. An solchen Abenden schüttelt sie kräftig ihre vielen Kopfkissen, legt sich seufzend in ihr Jugendbett, faltet die Hände zum Gebet und bemüht sich vergebens die Schafreihe laut bis Hundert zu zählen. Selten gelingt es ihr in diesem Moment den unangenehmen Gedanken an die fällige Kreditrate zu vergessen

Die Allenschenkerin arbeitet fehlerfrei. Entschuldigte oder gar unentschuldigte Tage gab es bei ihr nie. Auch hat sie keinem Patienten jemals einen Anlass zu einer Beschwerde gegeben. Selbst der Pförtner, den sie fast 40 Jahre höflich grüßt, könnte nichts Nachteiliges berichten. Würde man ihn nach ihr fragen, fiele es ihm schwer, trotz der Blumen, die sie ihm täglich wortlos ins Sichtfenster stellt, die Allenschenkerin zu beschreiben.

Die Allenschenkerin kann mir immer noch nicht genau sagen, was sie mit ihrem Anteil von 23.572 Euro machen wollte. Möglicherweise hätte sie damit einen ihre vielen Kredite beglichen.

Die Eismutter (II/II)

Sie schleicht vorsichtig in die Küche. Den warmen, kleinen Körper hält sie fest umschlungen in den Händen. Sie schaut in den Abfalleimer. Den hat sie heute vergessen. Sie setzt sich auf einen Stuhl und weint. Dann trägt sie den Körper ins Wohnzimmer. Danach wieder in die Küche. Vor der Gefriertruhe bleibt sie ruckartig stehen. Sie legt ihn mechanisch hinein. Den Einkauf packt sie obendrauf.

Erschöpft legt sie sich neben ihren Mann ins Bett. Er schläft geräuschvoll. Sie schiebt ihn sanft auf die Seite und flüstert: „Es ist alles wieder in Ordnung!“ Danach dreht sie sich auf die andere Seite zur Wand. Das ist ihre Lieblingsseite. Dort hängt ihr Hochzeitbild. Sie schaut es jeden Abend an bevor sie einschläft. Auch heute schaut sie in ihr umkränztes Lächeln und schließt schnell die Augen. Sie weiß, daß sie ihre Familie gerettet hat. Sie weiß, dass sie eine gute Mutter ist, und eine gute Ehefrau auch! Sollen doch die Leute im Dorf reden. Die reden über jeden. Sie weiß, das sie nie wieder schwanger werden wird!

Sie spielt mit dem Großen. Manchmal trägt sie ihn Huckepack zum verlassenen Spielplatz. Sie mag es, wenn er sie in die Nase kneift. Dann zeigt sie der Kleinen wie das geht und spricht mit ihr in der Kindersprache.

Sie ist 22. Und sie ist wieder schwanger. Das Andere liegt noch in der Truhe. Sie hat es nicht vergraben. Manchmal arbeitet er im Garten. Sie hat Angst in den Wald zu gehen, dort könnte sie jemand beobachten. Dann wäre es mit ihren Kindern vorbei, und der Ehe auch. Sie weiß, in der Küche wird es sicher sein. Sie legt das Neue einfach hinzu. Und die Leute tratschen wieder im Dorf, sie würde ihre Babys für viel Geld verkaufen. Und sie, sie hofft dass sie nie, nie wieder schwanger wird. Das hat sie sich dieses Mal ganz fest vorgenommen.

Und wieder kniet sie im Bad. Und wieder unter ihr die blutbefleckten Fliesen. Und wieder geht sie in die Küche. Sie öffnet die Gefriertruhe und sortiert zwei Einkaufsbeutel. Den leblosen Körper packt sie einfach dazu. Danach legt sie sich wieder auf ihre Seite neben ihren Mann ins Bett. Sie zieht wieder die Decke weit über den Kopf. Sie schließt die Augen und versucht zu schlafen. Nachdenken kann sie schon lange nicht mehr. Sie hat aufgegeben, nach einer Lösung zu suchen.

Sie steht am Fenster und blickt auf den Hof. Sie zündet eine Zigarette an. Der Große durfte heute anrufen. Die Großeltern haben es ihm erlaubt. Er hat gefragt, ob man da gar nichts machen kann. Sie hatte geschwiegen. Dann hat er gesagt: „Ich hab dich lieb, ganz doll lieb!“ und aufgelegt. 15 Jahre hat der Richter gemeint. 15 Jahre! Warum sie keine Pille nahm. Und warum sie niemanden davon erzählt habe. Und warum sie keine Hilfe geholt habe. Und ob sie sich bewußt wäre, dass das Töten von 3 Kindern ein Verbrechen darstelle. Sicherlich, richtig war es nicht, das mit den anderen, aber ein Verbrechen. Nein, das versteht der Richter nicht, denkt sie. Alle haben auf einmal so viele Fragen. Im Fernsehen kommen Sondersendungen, nur über sie. Die Leute im Dorf sind entsetzt. Die schütteln die Köpfe und antworten in die Kameras, dass sie immer so nett zu den Kindern war. Alle nennen sie nur: „Die Eismutter“. In der Hand hält sie ihre Zeitung. Auch die nennt sie nur “Die Eismutter“ und zeigt sie auf Bildern, wie sie tanzt und lacht, obwohl die Kinder schon lange tot sind.
Sie schließt das Fenster. Mechanisch blättert sie die Fernsehkanäle durch. Danach schaltet sie den Fernseher aus. Sie setzt sich an den Tisch und spielt wortlos mit ihren Händen. Das Telefonat beunruhigt sie jetzt. Sie drückt nach einem lautem Atemzug die Zigarette aus. Die unbenutzte Zeitung wirft sie in den Mülleimer. Sie schaut auf das Foto an der Wand und löscht das Zellenlicht. Sie legt sich in ihr Bett. Die Decke zieht sie weit über den Kopf.
23, ist sie jetzt.

Die Eismutter (I/II)

Sie ist 10. Ihr Bruder wurde geboren. Die Eltern freuen sich und haben weniger Zeit.

Sie ist jetzt immer so traurig. Die Tage sind irgendwie anders, nicht mehr wie früher. Das Spielzeug läßt sie oft liegen. Sie kann nicht schlafen und sie hat Angst sie könnte vergessen werden. Manchmal ist sie verzweifelt.

Ihre Eltern sind stolz auf ihren Bruder. Er sitzt auf Muttis Schoß. Er lacht und schmatzt und knetet Muttis Nase. Vati zieht dabei Grimassen. Auch er lacht und spricht mit ihm in der Kindersprache. Sie will auch gestreichelt werden und streckt ihre Arme weit hoch, zu den Eltern, so wie früher.

Die Eltern sind fleißige Leute. Das wissen alle im Dorf. Immer öfter kommen die Eltern zu anderen Zeiten nach Hause, manchmal ganz spät. Abendbrot isst sie entweder mit Vati oder Mutti, manchmal auch allein. Dann muß alles schnell gehen und es wird auch nicht mehr so viel erzählt. Das fehlt ihr besonders. Deswegen unterhält sie sich oft mit ihren Händen. Und wenn sie im Bett liegt und ihre Hausaufgaben vergessen hat, schimpfen die Eltern viel. Mutti holt sie aus dem Bett und sie muß die Aufgaben erledigen. Das passiert oft. Wenn das geschieht, schleicht sie heimlich in die Küche und isst das ganze Nutella auf. Das gibt es seit neuesten im Konsum.

Sie ist 13. Sie hat immer mehr Probleme den Lehrer zu verstehen. Sie ist müde und hat Kopfschmerzen. Irgendwie fehlt ihr Kraft dem Lehrer zu antworten. Sie behält die Antworten einfach für sich: in solchen Momenten packt sie wortlos die Einträge und schlechten Zensuren in ihren Ranzen und zeigt sie ihren Eltern, abends vor dem Fernseher. Wenn sie Stubenarrest bekommt versucht sie besonders lieb zu sein. Und auch in der Schule gibt sie sich besonders viel Mühe. Doch dann, dann ist alles so wie vorher. Sie geht wortlos in ihr Zimmer und legt sich auf ihr Bett und zieht die Decke über den Kopf: Sie träumt, wie ihr schwarzes Haar im Wind weht, wie sie ertrinkt und hofft das alle Kinder und auch die Eltern traurig sind. Sie träumt wie Mich Bucannon sie aus dem Wasser trägt, wie sie sich an ihn schmiegt, wie er sie anlächelt und sanft umarmt. Sie spürt wie er in ihr Ohr flüstert. Bei diesem Gedanken drückt sie immer die Hände fest vor die Augen. Und gemeinsam laufen sie am Strand entlang bis die Sonne untergeht. Sie denkt viel an ihn, manchmal auch nachts, bis sie endlich wieder einschlafen kann. Gemeinsam fährt sie mit Michael Knight und KITT davon, ganz schnell: vorbei am Haus der Eltern mit dem Garten und dem kleinen Bruder der darin spielt, vorbei an der Schule mit den Lehrern und den Schülern die erstaunt ihr zuwinken. Und wenn sie aufwacht, dann ist sie irgendwie vergnügt.

Sie ist 17. Und sie ist glücklich! Er schaut sie an. Dann spricht er mit ihr. Sie sieht wie er ruhig und sicher sein Bier trinkt. Sie findet es gut, wie er raucht und wie er mit seinen starken Armen den Kellner zu sich herüberwinkt. Sie lächelt. Er lächelt. Sie tanzt mit ihm fast alle Lieder an diesem Abend. Er umarmt sie, er küßt sie, er umfasst sie, ganz fest. Dann flüstert er ihr ins Ohr. Sie versteht ihn nicht. Er zieht sie vom Festzelt weg, zieht sie hinter sich her, hinter das Schulgebäude, hinter den Appellplatz, zu den Bänken, neben die Mülleimer.

Sie hat ihn gefunden. Sie ist ganz aufgeregt. Die Nächte sind nicht mehr wie früher. Sie kann nicht schlafen. Das stört sie jetzt nicht mehr. Er hat es ihr gleich am ersten Tag gesagt, das mit der Liebe.

Sie ist 18. Und sie ist schwanger. Das ging alles so schnell. Sie hat das ja nur ganz selten gemacht, das hinter dem Appellplatz an den Mülleimern. Die Ausbildung will sie beenden. Sie braucht viel Zeit für das Kind. Sie will heiraten. Ihre Eltern sind dagegen. Die wollen ihren Freund nicht. Das Ungeborene, das auch nicht. Und sie, sie will ihn nicht verlieren. Er gehört ihr, ihr ganz allein. Sie liebt ihn, und seinen silbernen Lastwagen auch.

Sie ist 19. Sie heiratet. Ihre Ausbildung bricht sie ab. Zuviel hat sie mit dem Kind zu tun. Sie streichelt es liebevoll und sie spricht mit ihm liebevoll in der Kindersprache. Ihr Mann hat wenig Zeit. Er muss viel arbeiten. Er ist fleißig. Das wissen alle Leute im Dorf. Und wenn er da ist, geht er manchmal zur Feuerwehr ein Bier trinken. Das geht in Ordnung. Andere Männer machen das auch.

Sie ist 20. Sie wird wieder schwanger. Auch dieses Mal ging alles sehr schnell. Sie mag es wenn der Große sie in die Nase kneift. Dann spricht sie mit ihm in der Kindersprache. Der Mann fährt immer noch einen Lastwagen, jetzt einen blau-weißen. Und wenn er wie immer sein Bier trinkt, geht das fast immer in Ordnung. Nur manchmal, wenn er mit seinen starken Armen sie sehr fest hält, ist sie traurig. Danach bringt er ihr viele Blumen mit und spricht mit ihr. Und zärtlich ist er auch, nachts, meistens jedenfalls. In solchen Momenten ist es wunderbar schön! Er liebt sie. Sie weiß es genau.

Sie ist 21. Sie erinnert sich an den Großvater. Er hat vom Klapperstorch erzählt, wenn eine Familie im Dorf ein Kind bekam. Daran muss sie jetzt denken. Und an die Hände die er ihr immer so lieb in die Haare schob, bis sie kicherte, auch. Und dann, dann war er einfach tot, obwohl er sagte: „bis Samstag, Kleine!“ Und auch die Hände waren weg. Das ist lange her. Sie streichelt sich über den Bauch. Das Kind soll seinen Namen bekommen.

Sie ist ganz aufgeregt. Abends vorm Fernseher will sie es ihm sagen. Sie stellt ausreichend Bier in den Kühlschrank und kocht eine doppelte Potion von seinem Lieblingsgericht. Und er, er wird plötzlich laut, schreit sie an. Erst will er sie und dann die Kinder „alle machen“. Er steht auf und geht sein Bier woanders trinken. Sie weiß was danach passiert.

Sie sitzt am Küchentisch und malt Kreise auf die Decke. Sie weiß, dass Männer so etwas tun, überlegt sie. Sie hat es im Fernsehen gesehen. Die bringen so etwas immer in den Nachrichten. Auch in ihrer Zeitung sieht sie die Mütter mit den Kindern lachen, obwohl sie doch schon tot sind. Die Kinder, denkt sie, die können doch gar nichts dafür. Und warum nur machen Männer so etwas? Sie weiß nicht mit wem sie reden soll. Sie weiß nicht, was sie fragen soll, wo er sie doch liebt, sie und die Kinder auch. Sie ist verzweifelt. Und gegen das Gefühl von früher kann sie einfach nichts machen.

Die Eltern kommen die Enkel besuchen wenn er nicht da ist, sonst gibt es zuviel Streit. An solchen Abenden hören die Nachbarn die Streitereien, und die anderen Dinge auch. Das will sie nicht. Mit ihnen kann sie nicht reden, überlegt sie. Die Kinder leben auf dieser Erde. Das andere, das nicht. Die Kinder sprechen mit ihr in der Kindersprache. Das andere, das nicht. Sie kann sich ihr Leben ohne ihren Mann und ohne ihre Kinder einfach nicht vorstellen. Was wissen die Nachbarn schon von ihr. Die reden über jeden.

Sie ist 21. Es ist Nacht. Der Mann war Bier trinken. Heute hat er ihr nichts getan. Die Kinder hat sie zeitiger ins Bett gebracht. Sie liegt im Bad auf den weißen, kalten Fliesen; neben ihr die Nachgeburt. Es muß alles schnell gehen, denkt sie. In der Hand hält sie den Körper; die Nabelschnur fest um den Hals. Es ist kalt. So viel Blut. Sie muss das alles wegwischen. Sie friert. Und sie ist müde. Jetzt darf keiner ins Bad kommen. Und wohin mit dem Kind, überlegt sie. Sie schaut in den Wäschekorb. Weg von der Erde hat er gemeint. Sie ist zu kraftlos um noch weiter suchen zu können, um noch graben zu können.

(Fortsetzung folgt am 25.Nov. um 10 Uhr.)

Kunstlederkoffer, weinrot, Reißverschluß defekt, Namensschild fehlt

darin:
1 Strickjacke, grün, stark abgetragen,
3 Blusen, weiß, rosa, grün, teilweise fleckig
5 Röcke, blau, grün, schwarz, grau, schwarz, verschmutzt
7 Paar Strumpfhosen, mehrfach gestopft
1 Strumpfhose, original verpackt
2 Paar Wollstrümpfe, getragen
1 Tagebuch, altrosa, samtbezogen, stark abgegriffen
2 Paar Ballettschuhe, weiß, purpurrot, unbenutzt
4 Paar Ballettschuhe, weiß, weiß, rosa, blau, löchrig
1 rechter Hausschuh, Kamelhaar, Sohle ausgetreten
1 rechter Straßenschuh, grünes Leder, Absatz fehlt
1 rechter Straßenschuh, ockerfarbenes Leder, mit Einlage, gut erhalten
1 goldfarbener Ehering mit Gravur „A M 12.1.44“ , stumpf
1 silberne Kette mit goldfarbenem Ehering mit Gravur „F M 12.1.44“, verbogen
1 goldfarbener Anhänger, grüner Stein, keine Abnutzungsspuren
53 Postkarten der Stadt Prag in Seidenpapier gehüllt, allesamt unbeschrieben
1 Reichskunstmedaille der Stadt Dresden, Verpackung fehlt, sehr gut erhalten
1 Medaille Held der Arbeit, Kunststoffetui, sehr gut erhalten
1 Ehrenmedaille der Stadt Leningrad, Holzkästchen mit Intarsien, sehr gut erhalten
1 Buch: Das Kapital, mit Textunterstreichungen, Randnotizen, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
1 Buch: Theorie des Ausdruckstanzes, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
12 Eintrittskarten, 32 Ballettkarten, 28 Opernkarten und 1 unbenutzte Kinokarte
1 hellbraunes Briefkuvert, DIN A5, darin:
1 Hochzeitsfotografie mit der Signatur 12.01.44
1 Kleinkindfoto, Rückseite Bleistiftvermerk „Ein lieber Gruß von der Landesheilanstalt Stadtroda“
1 ganzseitiger Zeitungsartikel, 1951, Uraufführung im Mariinskitheater, Leningrad, vergilbt
1 Aufführungsplakat, 1952 „Das Frühlingsopfer“ von Igor Strawinsky, Komische Oper, Ecken abgerissen
1 Stifte-Etui, braunes Kunstleder mit diversen Inhalt, abgenutzt
1 Damenbrille, Hornimitat, Bügel geklebt
1 Herrenbrille, goldfarben, gut erhalten
1 Brief an das Büro des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, handgeschrieben, 1973, gut erhalten
1 Antwortschreiben, schreibmaschinegeschrieben, 1973, zerknittert
1 Brief an das Büro des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages, handgeschrieben, 1991, gut erhalten
1 Antwortschreiben, maschinegeschrieben, 1991, zerrissen, mehrfach geklebt
1 Brief an das Büro der Entschädigungsstelle für die Opfer der NS Regimes, handgeschrieben 1992, gut erhalten
1 Klarsichthülle mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Ravensbrück, 1942, Knitterstellen
1 Klarsichtfolie mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Hohenschönhausen, 1953, sehr schlecht erhalten, viele Klebestellen
1 vierseitiges Urteil über die Aufhebung eines Entmündigungsverfahrens von 1943,
Siegel der sowjetischen Militärverwaltung und Unterschrift 1945, Stempel des Bezirksgerichtes Dresden mit Unterschrift, 1946, handschriftlicher Rücknahmevermerk, Bezirksgericht Berlin, 1953, gut erhalten
1 Kommentierung des Grundgesetzes der BRD, zwischen den Buchseiten DM 900.- in druckfrischen Scheinen
DM 29,73 Münzgeld in einer Nivea-Dose
1 Pass, Deutsches Reich, Visaeinträge, Polen, Sowjetunion, Iran, Türkei, Frankreich, Algerien, Beschlagnahmevermerk 1942, Ecken abgeschnitten
1 Personalausweis der DDR mit dem Aufdruck „ungültig“, 1953, gut erhalten
7 Vorläufige Personalausweise der DDR für einen „Eingezogen Personalausweis“ mit verschiedenen Aufenthaltsbeschränkungen, Schlüsselabgabevermerk, allesamt abgegriffen
1 Personalausweis der BRD, 1992, ohne Visavermerk, unbenutzt
1 Schwerbehindertenausweis des Amtes für Familie und Soziales der Stadt Dresden, 1995, mit dem Vermerk „unbefristet“, sehr gut erhalten
1 Mitgliedsausweis der KPD, Beschlagnahmevermerk 1938, Seiten fehlen, schlecht erhalten
1 Mitgliedsausweis der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, mit Auflösungsanordnung, 1953, Stempel der Polizei Stadt Dresden, mehrfach geklebt
1 Schachtel Veronal, Inhalt vollständig, Verpackung sehr stark abgegriffen