Besuchszeit (Erster Teil)

Es ist ganz bestimmt nicht meine Art, an Türen zu lauschen oder in ein Zimmer ohne Erlaubnis einzutreten. Seit ich Kind war und die Eltern das unerlaubte Betreten ihres Schlafzimmers hart bestraften, unterlasse ich solche Dinge. Warum ich mir dennoch über die Jahre angewöhnt habe, an Wohnungstüren zu rütteln, um zu prüfen, ob sie unverschlossen und ihre Bewohner außer Haus gegangen sind, weiß ich ehrlich gesagt bis heute nicht.

In meiner frisch gereinigten Uniform, die ich noch vom Fasching habe, betrete ich das unsanierte Mietshaus und putze im Erdgeschoss meine verschmutzen Schuhsohlen ab. Ich drücke die beiden Türklinken herunter und prüfe, ob eine der beiden Wohnungstüren offen ist. Da sie verschlossen sind, gehe ich ins nächste Stockwerk und kontrolliere auch hier, ob einer der Mieter zufällig vergessen hat, seine Tür abzuschließen. Leider sind auch diese beiden Türen zu. Wenn ich Pech habe, sind in diesem Haus alle Türen fest verrammelt oder mit den neumodischen Schnappschlössern ausgestattet und ich kann zusehen, wie ich zu einen meiner Wohnungsbesichtigungen komme. Da ich seit über zwei Wochen keine Wohnung mehr angesehen habe, schleiche ich mit einem Stapel leerer Briefe in der Hand in die nächste Etage und prüfe die linke und rechte Tür. Wie zu Kinderzeiten rüttle ich an den beiden breiten Flügeltüren, bis ich einsehe, dass ich sie so nicht aufbekomme. Schlecht gelaunt setze ich mich auf die gebohnerte Holztreppe und möchte am liebsten auf den Stapel unbeschriebener Briefe heulen. Mit unruhigen Händen krakle ich meinen Namen mit dem abgenagten Daumennagel in den Glanz der gebohnerten Treppe. Da unten im Haus eine Tür geöffnet wird, springe ich auf und schleiche auf den Boden, stelle mich in den Holzrahmen und warte bis es wieder still wird. Auf dem Weg nach unten sehe ich den vertrockneten Blumentopf und greife unwillkürlich hinein. Als ob ich es geahnt hätte, ziehe ich einen Schlüssel heraus und denke erleichtert, immer noch die gleichen Verstecke und küsse den Schlüssel. Mit noch unruhigen Händen mache ich ihn sauber, halte ihn in die Sonne und küsse noch einmal das nun glänzende Metall. Ich überlege in welche der alten Türen er passen könnte und entscheide mich für die linke Tür. Ich schiebe ihn ins Schloss, halte die Luft an und drehe den Schlüssel langsam in Uhrzeigerrichtung, sodass das Schloss fast lautlos aufgeht. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür eine Handbreit, horche und rufe mehrmals den Nachnamen, der in schnörkelloser Schrift auf dem Schild steht und wiederhole, dass ich einen Schlüssel gefunden habe und die Tür rein zufällig offen stand. Ich warte einen Moment, rufe nochmal den Namen, trete in Zeitlupe über die Schwelle auf den silberglänzenden und voll gefusselten Abtreter und seufze erleichtert. Ich mache einen weiteren Schritt, bleibe auf einem Bein stehen, fummle mit dem anderen Bein den kaputten Abtreter an die Türschwelle und klappere mit meinem dicken Schlüsselbund, den ich bei meinen Wohnungsbesichtigungen stets bei mir trage. Ich drehe den Kopf schnell nach links und rechts, rufe noch einmal den Namen, den ich auf dem Messingschild las, dieses Mal aber im Ton einer Sprechstundenhilfe einer meiner vielen Ärzte und klappere noch einmal heftig mit dem Schlüssel. Endlich lasse ich das Bein herunter, schüttle den Krampf heraus und verschließe die Tür. Ich drücke mein Auge fest an den Späher und sehe prüfend auf den Flur. Als sich niemand rührt, lehne ich mich mit dem Rücken an die Tür, werfe das Schlüsselbund wie meine morgendliche Apfelsine in die Luft und hänge es schließlich wieder um den Hals. Ich reiße die Arme in Siegerpose zur Stuckdecke, schnipse mit den Fingern der linken und rechten Hand und jauchze fröhlich. Warum ich annehme, dass ich wieder in der Wohnung einer Frau gelandet bin, kann ich nicht begründen, bin mir aber auch dieses Mal absolut sicher, dass ich Recht habe. Außerdem, denke ich, habe ich über die Jahre einen Riecher dafür bekommen, wo Frauen wohnen und welche Wohnungen sich somit besonders lohnen, besucht zu werden. Frauenwohnungen finde ich von jeher interessanter, da die Wände farbenfroher gestrichen sind, die Räume liebevoller dekoriert werden, flauschige Teppiche daliegen, Bilder an den Wänden hängen und wunderbarer Schnickschnack überall zu entdecken ist. Zudem kann ich unproblematisch während der Besuchszeit aufs Klo gehen oder gar mal fix in die Badewanne hauen und muss nicht ewig das Papier oder den Badezusatz suchen. Und wenn ich zwischendurch Hunger bekomme, kann ich mit einer Schaumkrone in die Küche schlendern und finde jederzeit etwas Leckeres. Bei den Männern sehen die Wände einfach nur stino-weiß aus, es fehlt der Kleinkram in den Regalen, die Poster hängen einfallslos über den oft schlecht gemachten Betten und sind außerdem meist nicht der Renner. Von den fehlenden Blumen und Essen ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt, hat mich das ständige Wäsche waschen, Heizung abdrehen, Kippen wegwerfen über die Jahre auch ganz schön gestört. Naja, neuerdings werden die Jungs auch etwas reinlicher, achten auf ihre Kleidung und ich muss mich nicht mehr so sehr ekeln, wenn ich die Unterhosen prüfe und die Größe des Dinges anhand der Beulen abschätze. Das einzige was mich überhaupt an Männerwohnungen reizt, ist der ultramoderne Technikkram, den die überall stehen haben. Wenn ich die Wohnung von so einem Technikfreak erwische, kann ich stundenlang an den teuren Geräten rumspielen und habe echt Mühe die Zeit nicht zu verpassen. Und mal ehrlich, so eine ordentliche Musikanlage, oder ein Riesenfernseher, oder so ein Superrechner, da werde ich manchmal neidisch auf den Typen und bettle danach meine Mutter, ob ich vielleicht etwas mit Elektronik lernen darf, wenn sie mich irgendwann endlich mal arbeiten lässt. Und wenn ich dann noch ein Foto von dem Typen finde, das mir gefällt, möchte ich in seiner Wohnung bleiben, mich in seinem Bett rumsielen, sein Rasierzeug und Parfüm benutzen, seine Unterwäsche anziehen und einfach Hallo in sein wunderschönes verdutztes Gesicht sagen, wenn er mit einer Zigarette im Mund nackt aus dem Bad geschlendert käme. Meist frisiere und gele ich meine Haare in seinem Look, setzte mich vor die Technik und fluche so, wie er sicher fluchen wird, wenn die Technik wieder einmal nicht funktioniert.

Bei der Freude endlich wieder eine interessante Frauenwohnung zu besichtigen, öffne ich den breiten Garderobenschrank im Korridor. Wie die aufgetakelte Verkäuferin im Laden meiner Mutter, schiebe ich mit Kennerblick die Mäntel und Jacken auf der Chromstange wählerisch hin und her. Da ich das metallklingende Scharren wahnsinnig liebe, widerhole ich die Bewegung, bis mir die Lust dazu vergeht, und mein Wunsch, möglichst alles anzuprobieren, was auf der Garderobenstange fein säuberlich aufgebaumelt hängt, überhandnimmt. Die Farben der Klamotten gefallen mir allesamt gut: leuchtendes helles Blau, knalliges Rot, blasses Rosa und schrilles Neongrün. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich aus lauter Blödsinn wirklich einen dieser wunderschönen Mäntel anprobieren soll. Ich ziehe meinen Bauch ein, halte die Luft an und strecke die Brust heraus. Nachdem ich im Kragen die Kleidergröße sehe, gebe ich den Gedanken schnell wieder auf, puste die Luft wieder heraus und lasse den Bauch wieder hängen. Neugierig öffne ich die Schubladen und betrachte die Schuhe. Auch diese Farben finde ich wunderbar schräg. Am liebsten möchte ich die Schuhe alle hintereinander anprobieren Aber weil auch das nicht meine Größe ist, stoße ich die Schubladen zu und wundere mich, was für kleine Füße sie haben muss. Ich nehme das Rosa Telefon von der Spiegelkonsole, stelle mich vor den Spiegel, wähle eine Festnetznummer, hebe das Telefon an mein Ohr und setze mich mit gespreizten Beinen auf den weißen kunstfellbezogenen Hocker, auf dem die Frau sicherlich bei ihren stundenlangen Telefonaten vor diesem mannshohen Spiegel sitzt. Dabei überlege ich, was für eine Stimme sie haben könnte, und vor allen Dingen, welche Worte sie am liebsten durch das Telefon ihrem Freund in den unzähligen Telefonaten zuhaucht und welche Worte sie ihm gegenüber lieber vermeidet. Die Stimme des Anrufbeantworters unterbricht meine schönen Gedanken. Ruckartig schiebe ich meinen Kopf in den Nacken, kämme mit gespreizten Fingern durch mein blondes Haar und presse die Lippen zusammen. Ich überlege, was sie mir sagen würde, wenn wir uns kennenlernen würden. Da ich keine Antwort parat habe, und auch nicht sagen kann, ob wir überhaupt miteinander auskommen, oder sie nicht vielmehr eine arrogante und zutiefst dominante Kuh ist, spreche ich meine zwei üblichen Standardsätze auf das Band, die ich jedes Mal spreche, wenn ich von einem unbekannten Telefon aus telefoniere. Ich drücke die Aus-Taste, rieche an dem Plastik des Telefons und küsse die Zahlen, da ich sicher bin, dass auch ihr Freund die Tasten schon verwendet haben muss. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich auf dem Plastik Fingerabdrücke von ungewaschenen Fingern. Na solche Typen sind mir die Liebsten, die kommen gleich zu Sache, fackeln nicht lange, denke ich bei den Fingerabdrücken und hauche „Mechatroniker im ölverschmierten Overall“ in den halbdunklen Korridor.

Ich schleiche zur angelehnten Küchentür, schiebe meinen Kopf hindurch und rufe noch einmal in nicht wirklich ernst gemeint fragender Stimme halblaut den Namen. Dabei halte ich den Schlüssel in der Hand. Als sich auch diese Mal niemand meldet, drücke ich die Schiebetür auf und sehe mich in der großen Küche um. Da ich Hunger bekomme, haste ich als erstes auf den geblümten zweitürigen Kühlschrank zu. Ich reiße die beiden Metalltüren auf, stelle mich in den kühlen Lichtkegel, sehe nach oben, strecke die Hände hoch, falte die Hände zum Gebet und denke, Halleluja, der Frau geht’s aber richtig gut. Seit ich mir vor langer Weile auch tagsüber die amerikanischen Serien ansehe, träume ich davon, wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben einen so großen Kühlschrank aufzumachen und in dem hohen Lichtkegel stehen zu können. Vor Freude endlich vor so einem Riesenkasten zu stehen, nehme ich die Hände wieder runter, öffne die Augen und greife in den Stapel Dosen. Ich ziehe eine heraus und wirble sie wie eine der verhassten Apfelsinen, die mir meine Mutter täglich gegen meinen Willen auf den Frühstückstisch knallt, durch die Luft. Neugierig lese ich die Aufschrift. Französische Gänsestopfleber. Entrüstet werfe ich die Dose in das Kühlfach zurück und frage mich was für eine gewissenlose Pute hier wohnt. Gänsestopfleber geht gar nicht. Ich schüttle den Kopf, greife in den zweiten Stapel Dosen und lese vorsichtshalber gleich den Aufdruck: 1000 Gramm Russischer Balugakaviar. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihn öffnen und ihn wie die bösen Filmhelden genüsslich mit dem ausgestreckten Zeigefinger essen sollte. Da ich nicht weiß, ob wie beim letzten Mal übertriebene Schadenersatzforderungen auf mich zukommen und die nörgelnde Richterin mir meinen kleinen Hunger wieder als Habgier auslegt und ständig darauf verweist, dass ich doch Sozialleistungen erhalte, packe ich die Dose widerwillig ins Fach zurück, lecke schmatzend an meinem unbenutzt gebliebenen Finger und hauche wehmütig in die Kühle des Kühlfaches und denke mir, ein anderes Mal bist du fällig. Dabei bemerke ich, dass ich nicht die leckere Dose Baluga meine, sondern die vollkommen bekloppte Richterin vom letzten Mal. Immer der Ärger mit den Richterinnen. Das nächste Mal muss es unbedingt wieder ein Mann sein, die verstehen meine Besuche und können sogar herzhaft darüber lachen. Und einer dieser netten Herren hat sogar meine Mutter angemeckert, dass sie doch eigentlich an allem Schuld sei. Da habe ich laut, ja, da haben sie aber wirklich recht gerufen und gesagt, dass ich überhaupt nicht begreifen kann, warum alle nur auf mir rumhacken und nur mich für distanzlos und bisschen krank halten. Mit Männern komme ich eben besser klar, und die auch mit mir. Ich winke in der verspiegelten Rückwand des Kühlschranks dem netten Richter zu und krame in den verschiedenen Käsepackungen. Neugierig rieche ich daran und entscheide mich, einen angefangenen Ziegenkäse, den ich überhaupt noch nicht kenne, zu probieren. Dabei schaue ich zu meinem Spiegelbild und versuche wie eine interessierte Käseverkäuferin zu wirken. Mit einem Lächeln frage ich, was es den heute sein darf, tippe einen Betrag in die Kasse, machen ein Kassengeräusch und kassiere ab. Anschließend sortiere ich die Packungen nach den jeweiligen Arten in die verschiedenen Ecken der Kühlfächer, die Frischkäse nach unten, die Schnittkäse in die mittlere Ebene und die Camemberts ins obere Fach. Da mir die Einteilung plötzlich unsinnig erscheint, sortiere ich die Käse nach ihrem Fettgehalt, die mageren nach unten, die mittelfetten in die Mitte und die fetteren nach oben. Dabei grinse ich scheinheilig ins Spiegelbild und denke, dafür, mein liebes Mäuschen, musst du dich schon ein bisschen strecken, denn umsonst ist nur der Tod. Die Käse über 60% Fettgehalt werfe ich weg. Da ich zu frieren beginne, reibe ich über meine Oberarme, verstelle die Temperaturskala von fünf auf acht Grad und überlege was für eine merkwürdige Art von Energiesparen sie hat und ob ihr überhaupt klar ist, dass sie die Menschheit mit ihrem Verhalten geradewegs in den Atomtod treibt. Ich schüttle über so viel Blödheit den Kopf, nehme die hellblaue Strickjacke mit den großen rosa Punkten von der Stuhllehne, ziehe sie an, streife die Ärmel nach oben und kontrolliere die restlichen Verfallsdaten. Ganz nebenbei kratze ich die verkrusteten und jahrhundertealten Schmutzflecken ab und wundere mich wie achtlos doch die Leute mit ihren Nahrungsmitteln umgehen und dass sie bei meiner Mutter ein ebenso schweres Leben hätten, wie mein Papa. Über die Jahre habe ich bei meinen Besuchen tonnenweise an abgelaufenen Speisen weggeworfen. Bei dem Gedanken, kontrolliere ich die restlichen Verpackungen, die irgendeinen beschädigten Eindruck machen und werfe die übel riechenden in den Abfalleimer. Ich knalle den Deckel wütend darauf und wasche mir gründlich mit viel Spülmittel die Hände. Als ob die Frau da wäre, frage ich „Wo hast du das Brot?“ Ich öffne einige Schranktüren, nehme Körnerbrot heraus, prüfe auch hier das Verfallsdatum und schneide eine Scheibe ab und belege sie mit dem unbekannten und lecker riechenden Ziegenkäse. Margarine oder Butter schmiere ich nicht darauf, da ich solcherlei Fettschleudern seit Langem nicht mehr verwende. Glücklicherweise finde ich auch nichts dergleichen in ihrem Kühlschrank und kann somit von meinem Vorsatz, wenigsten in diesem Jahr 10 Kilo abzunehmen, nicht abgelenkt werden. Ich freue mich über ihre Vernunft und hole einen Teller  mit einem schönen Mohnblumendekor aus dem Schrank, lege die Scheibe Brot darauf, kneife die Augen zu, führe das Messer aufs Brot und zerschneide schließlich im Blindflug die Scheibe in zwei exakt gleiche Teile. Ich gehe zum modernen Kaffeeautomaten und stelle an der elektronischen Anzeige eine Tasse Kaffee ein. Mit einem Werbelächeln puste ich über den Schaum des Kaffees, halte meine Nase hinein, versuche mit der Zungenspitze das Zeug abzulecken und puste stattdessen den Schaum auf die Marmorplatte. Dabei fällt mir ein, dass ich seit meiner heimlichen Flucht heute Morgen aus meinem abgeschlossenen Kinderzimmer noch gar nicht gegessen und getrunken habe, da ich ja ursprünglich nur mal kurz einen Abstecher zum Bäcker machen wollte. Ich schüttele über meine Bummelei den Kopf und sage im ermahnenden Ton meiner Mutter zu mir selbst, dass ich gleich nach Hause gehen muss, wenn ich hier fertig bin. Ich greife zum grün gepunkteten Schwamm und säubere die totschicke Kaffeemaschine von den Kaffeeresten der letzten Wochen und Monate und begreife nicht wie das Ferkel so eine tolle Maschine so versiffen lassen kann. Wie in der Autowerbung hauche ich über das Chrom und versuche mein Gesicht darin zu erkennen. Ich nehme die Tasse mit dem blauen Allianzwerbeaufdruck und freue mich, dass ich heute einen wirklich gute Wohnungsbesichtigung habe und nicht wie beim letzte Mal in eine fast ausgeräumten Wohnung gelandet bin. Wie immer, schlürfe ich viel zu hastig den ersten Schluck und verbrenne mir dabei den Gaumen. Ich schimpfe über meine eigene Dummheit, setze mich an den unaufgeräumten Stahltisch mit der fetten Marmorplatte, hebe den Teller an meine Nase, rieche nochmal an dem Käsebrot und denke, dass das Luder sehr genau weiß, was schmeckt. Mit geschlossenen Augen beiße ich hinein. Ich öffne die Augen, trinke dieses Mal etwas vorsichtiger aber immer noch zu hastig aus dem Allianzbecher und überlege wie einfallslos sie sein muss, wenn sie tagein und tagaus aus dem billigen Werbebecher ihren köstlichen Kaffee von der megaschicken und nun von mir blitzblank geputzten Maschine schlürft. Auf einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mit ihr jemals befreundet sein könnte. Ich klopfe auf die Schenkel, puzzle zuerst die Brotkrumen vom Teller und erst danach die Käserester auf. Ich strecke die Zunge heraus und lecke genüsslich den Teller sauber. Dabei grinse ich, weil ich weiß, dass ich von meiner Mutter dafür eine gescheuert bekommen hätte. Ich bekreuzige mich flüchtig, bewege meine Schultern zu einem Sorry und stelle den Teller in den Aufwasch. Um mich von meiner Mutter abzulenken, beginne ich neugierig den Stapel Zettel im Fensterbrett durchzublättern. Dabei fallen mir die unzähligen standardisierten Internetrechnungen- und Mahnungen auf. Wenn du mit mir zusammen wärst, würde dir so etwas niemals passieren, denke ich. Ich wische mit dem grün gepunkteten Schwamm über den Tisch und ziehe den Rechner von der anderen Seite des Küchentisches zu mir herüber, klappe ihn auf und fahre ihn hoch. Ich staune nicht schlecht über die Schweinerei des Liebespaares, die sie als Hintergrundbild gewählt hat. Mehrere Minuten betrachtete ich den gut aussehenden nackten Mann und überlege, ob er in dieser komischen Haltung keine Rückenschmerzen bekommt. Damit ich nicht in eine meiner ausschweifenden Tagträume abrutsche und womöglich von der Bewohnerin ertappt und wieder eingeliefert werde und zahllose Untersuchungen über mich ergehen lassen muss bis mich meine detternde Mutter herausholt, ändere ich vorsorglich das versaute Bild mit dem gut aussehenden Mann in eine melancholische Vollmondlandschaft und denke, siehst du Mädel, jetzt hast du etwas Anständiges auf dem neuen Rechner. Ich seufze, reibe mit dem Taschentuch über den Vollmond, öffne das E-Mail-Programm, lese ihre Mails und schreibe Antwortschreiben. Darin drohe ich den Empfängern mit den Anwälten, die bei uns um die Ecke arbeiten und deren Namen ich von jeher so wunderbar furchteinflößend finde. Weiterhin drohe ich mit verschiedenen Gesetzen und fordere sie auf, ihre Gemeinheiten gegenüber der Frau und dem Mann endlich aufzugeben. Mit Freude schicke ich eine Mail nach der anderen an die frechen Absender und schreie bei jedem einzelnen Klick in die Küche: „Da hast du, du elender Kapitalist! Da hast du! Friss doch, du elender Geldhai! Ersticke daran!“ Ich höre wie jemand an der Wohnungstür klopft und in die Länge gezogen „Hallo, Hallo, da ist doch wer“, ruft. Vor Schreck halte ich die Hände vor den Mund, springe auf, werfe versehentlich den Stuhl um, schleiche zur Küchentür und sehe wie der Briefkastenschlitz aufgeschoben wird und jemand hindurchlukt. Ich schließe die Augen und denke, das ist jetzt wie beim letzten Mal, wo ich zu laut war und fröhlich gesungen habe. Ich schleiche auf Zehenspitzen zurück in die Küche, hebe den Stuhl auf, setze mich darauf, lege die Hände auf die Schenkel und weiß, wenn der jetzt die Wohnung aufschließt, das Haus zusammenbrüllt oder die Bullen holt, bin ich geliefert und kann den Sommer wieder woanders zubringen.

Soweit mein Auge reicht

In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen und stand müde und unruhig vor der gewohnten Weckzeit auf. Ich fuhr in die Kühlanlage der Schlachterei, in der ich seit über 45 Jahren fehlerfrei arbeitete, schaltete die Lichtanlage an und nahm das Fleisch für den Tag heraus. Vorsichtig begann ich das erste Schwein zu filetieren. Ich legte die Rippenbögen frei, trennte die Schulterteile ab und schnitt Lunge und Magen aus dem Bauchraum. An der Blase machte ich eine Pause. Für gewöhnlich machte ich an dieser Stelle immer eine Pause, bevor ich die weiteren Innereien behutsam herauslöste. An diesem Morgen genoss ich das Herauslösen der Innereien besonders, speziell der Blase. Ich hielt die blutverschmierte Blase in das Neonlicht, spülte sie lauwarm aus und tupfte die Wasserreste sorgfältig auf. Dabei schwitzte ich. Manchmal schwitzte ich so sehr, dass einzelne Tropfen von meiner Stirn auf die Blase oder gar in sie hineintropften. Das fand ich jedes Mal eklig, wahnsinnig eklig. Wenn das passierte, säuberte ich sie nochmals; eine schweißverdorbene Blase durfte ich auf gar keinen Fall in mein Haus bringen. Deswegen achtete ich an diesem Morgen besonders auf meinen Schweiß und tupfte, sobald ich ihn bemerkte gründlich mit meinen Fingern über die Stirn. Ich faltete die Blase und legte sie in meinem Taschentuch nach einem jahrelang erprobten Prinzip zusammen. Vorsichtig steckte ich das Taschentuch in die linke Hosentasche. Ich steckte die Blasen immer in die linke Tasche. Links und nur links; etwas anderes kam für mich nicht in Frage. Warum ich das tat, wusste ich nicht, fühlte mich aber dabei wohl. In letzter Zeit tat ich immer häufiger das, was die Psychotante seit meiner Kindheit vorbetete: immer nur das zu tun, was mir Spaß macht.

Nachdem ich die Blase in die Hosentasche verstaut hatte, konnte ich das Arbeitsende kaum erwarten. Die Mittagspause verbrachte ich Zigaretten rauchend auf dem Werkhof. Ich zählte fingerhebend immer wieder die einzelnen Gehwegsteine, die ich vorher grübelnd nach einem bestimmten Ritual auf- und ablief. Wie an solchen Tagen üblich, konnte ich nur wenig essen und musste öfter als sonst die Toilette benutzen. Als mein Chef „Feierabend“ rief, fuhr ich nicht meinen täglichen Weg zur Kirche, sondern gleich nach Hause. Ich warf die Autotür zu ohne sie zu verschließen, öffnete hastig die Haustür, schielte mit einem flüchtigen Blick in den fast immer leeren Postkasten und rannte schnaufend in die obere Etage meines geerbten Elternhauses. Durch die Gardine sah ich hinüber auf das penibel gepflegte Grundstück meiner neugierigen Nachbarin. Diese Frau beobachtete mich seit meiner Kindheit mit halb zusammen gekniffenen Augen durch ihre immer gleiche ovale orangefarbene Hornbrille hinter einer Hecke stehend, beim Straßefegen oder beim Blumen verschneiden; zuerst mit ihrem meckernden Mann und, seit der endlich tot ist, allein. Neugierige Menschen konnte ich noch nie leiden, weder die Neugierde meiner Eltern, die ständig in meiner Abwesenheit mein Zimmer durchschnüffelten, noch die Neugierde meines neuen Chefs, der heimlich meinen Spind in meinen freien Tagen durchwühlt. Gegenüber der Neugierde der Nachbarin fühlte ich mich genauso machtlos, wie damals gegenüber den Schnüffeleien meiner – endlich verstorbenen – Eltern oder meines – immer noch lebenden – Chefs. Mit einem Ruck zog ich die Jalousie herunter und blickte noch einmal kurz durch die Lamellen. Da mir die Erinnerung an die Vergeltungsaktionen gegen die Neugierigen unangenehm war, legte ich mich auf den Fußboden. Ich streckte die Arme und Beine erst in die Luft und danach auf dem Fußboden auseinander und hauchte, wie von meiner Psychotante empfohlen „Mir geht`s gut!“, in den Raum. Langsam schob ich meine Hand in die linke Tasche und holte vorsichtig das Taschentuch heraus. Ich spürte wie die Wärme von meinen Beinen in den Kopf strömte. Ich hielt das Taschentuch in die Luft, drückte dem Stoff einen lang gezogenen Kuss auf, legte ihn auf meinen Körper und atmete tief ein und aus, dass mein Bauch sich wölbte und zusammenzog. Mit einem Schwung stand ich auf und legte das Taschentuch exakt in die Mitte des Tisches. Ich zog die kleine silberne Spülschale unter dem Tisch hervor, nahm die Konservierungsmittel aus dem Wandschrank, holte das dazugehörige Sezierbesteck aus dem Kunstlederköfferchen, stellte die OP-Lampe auf den Tisch, setzte meine beleuchtete Lupenbrille auf und richtete den Lichtstrahl auf das Taschentuch. Als wollte ich mein tägliches Nachtgebet sprechen, legte ich meine Hände ineinander und kniff danach die Finger so fest zusammen, dass sie zu schmerzen begannen. Ich faltete das Taschentuch auseinander und tupfte meine verschwitzte Stirn sauber. Ich nahm das Besteck und begann die Blase lehrbuchmäßig zu konservieren. Prüfend hielt ich sie immer wieder zwischen den einzelnen Handgriffen in das starke Licht der OP-Lampe und begutachtete aufmerksam die Äderchen, die die Haut überzogen. Eine schadhafte Blase durfte ich auf keinen Fall in meinem Haus haben. Auf gar keinen Fall. Meine Blase musste perfekt sein.
Nachdem ich mit der Konservierung fertig war, umwickelte ich die Blase mit einer Angelsehne. Ich nahm die Leiter aus dem Schrank und stieg fünf Stufen hinauf ich hob die Blase feierlich nach oben und hängte sie an die Decke. Dabei rief ich „Wunderschön! Einfach Wunderschön!“. Es war der letzte freie Platz in meinem Kinderzimmer. Der allerletzte. Endlich! Ich sprang von der Leiter, knipste die farbige Lichtanlage an und stellte mich mit geschlossenen Augen in die Mitte des Raumes. Ich genoss den Gedanken an den Moment in dem ich alle alabasterfarbenen Blasen beleuchtet sehen konnte. Ich blinzelte und öffnete, weil ich es einfach nicht mehr aushielt, die Augen. Ich hielt die Hände wie mein geliebtes Vorbild, Johannes Paul, nach oben und freute mich über den wunderbaren Anblick. Es war wie in der Tropfsteinhöhle, als ich meine Eingebung hatte. Ich bin mir nicht sicher, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nur deswegen Metzger geworden, ich bin nur Metzger geworden, weil ich mich damals in einer Tropfsteinhöhle verlief. Heute war mir diese Frage völlig egal. Heute waren mir alle schlechten Träume der letzten Jahre, die mir Nacht für Nacht Sorge bereiteten, unwichtig. Ich glaube, ich war glücklich. Vielleicht war ich so glücklich wie nie in meinem Leben. Obwohl ich wusste, wie viele Blasen an der Zimmerdecke hingen, begann ich sie laut und in die Länge gezogen zu zählen. Feierlich sprach ich die einzelnen Zahlen. Erst als ich bei der letzten Blase angelangt war und leise die Zahl „Sechshundert“ zählte, beruhigte ich mich etwas. Ich legte mich wieder auf den Fußboden und spreizte Arme und Beine. „Sechshundert“, flüsterte ich schläfrig, dabei streckte ich die Finger zur Zimmerdecke. „Sechshundert“, flüsterte ich kaum hörbar und drehte mich auf die Seite. „Fünfhundertsiebenundneunzig Schweineblasen soweit das Auge reicht!“
Ich spürte, an diesem Abend musste ich irgendetwas Besonderes anstellen, etwas völlig Außergewöhnliches, irgendetwas, zum Beispiel endlich wieder einmal ins Kino gehen und danach Pizza essen oder ein kleines Bier trinken. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie es aussehen würde, wenn Schweineblasen von der getäfelten Zimmerdecke hingen, wenn Schweineblasen im teppichausgelegten Flur, in der marmorgefliesten Küche, wenn meine Schweineblasen überall im gesamten Haus an durchsichtigen Angelsehnen herunterhingen. Zum ersten Mal empfand ich kein unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken das Haus in eine große, dunkle, kalte Tropfsteinhöhle zu verwandeln.

Wieder stellte ich mir die Frage, warum die zwei Nächte in der Tropfsteinhöhle eine Strafe Gottes auf mein sündenbehaftetes Leben gewesen sein soll und ob meine Eltern und auch der Nachbar aus der Kirchgemeinde wirklich damit recht hatten.

Ich stieg noch einmal die Leiter hinauf und schlug auf die ersten drei Blasen und fluchte: „Von Dir, von Dir und von Dir lasse ich mich nicht mehr einsperren!“

Die Sprachspielerin

Noch in der Hängematte sitzend, überlegt die Sprachspielerin, welche ferne Kultur sie sich für den Sonntag ausdenken möchte. Wahllos plappert sie Lautgebilde in verschiedenen Tonlagen ineinander und übt die dazugehörige Gestik und Mimik. Ist sie damit fertig, klettert die Sprachspielerin aus der selbst geflochtenen Schlafschaukel zwischen den deckenhohen Papppalmen herab und denkt sich die dazu gehörige Speise aus. In ihren großen Töpfen rührt sie die Zutaten zusammen und übt nebenbei ihre frisch erfundene Wochenendsprache.

Wird es Abend, holt sie die passende Verkleidung aus dem Schrank, schminkt sich ausgiebig, zieht eine ihrer unzähligen Perücken über den Kopf und steckt farbige Ringe und Armbänder an. Als fremdländische Besucherin stolziert sie für alle geschwätzigen Nachbarn gut sichtbar langsam auf der Treppenanlage des ererbten Elternhauses auf und ab. Wie in ihren Kindertagen stolpert sie scheinbar hilflos die dunkel werdenden Straßen entlang. Kommt sie außer Puste an die Haltestelle, greift sie sich ans gepuderte Doppelkinn oder kratzt ihr grau meliertes kurzes Haar unter der Perücke. Geräuschvoll reibt sie mit den vielberingten Fingern an der Glasfläche des Fahrplanes. Spricht sie einer der Wartenden an, verneigt sie sich verlegen und beginnt im gekünstelten Tone hastig zu stottern. Im grammatikalisch falschem Deutsch fragt sie nach dem Weg zum Krankenhaus in dem sie arbeitet, erkundigt sich nach der Stadt in der sie seit ihrer Geburt wohnt oder nach dem Flugplatz, den sie noch nie benutzt hat und auch niemals zu betreten beabsichtigt. Generös öffnet sie ihre große Handtasche und holt selbst gestaltete Geldscheine heraus, die stets bei sich trägt. Für jede Antwort verschenkt sie einen bunten Schein. Wortlos steigt sie in die Bahn, winkt den Wartenden mit einem Lächeln zu und fährt davon.

Gelangt die Sprachspielerin am Sonntagabend zur Tatortzeit ins Krankenhausgelände, klopft sie ans Fensterchen des Pförtners und begrüßt ihn mit ihrer eigens entwickelten Wochenendsprache. Sie übergibt ihm Zettel mit Vokabeln oder Grammatikübungen und erklärt ihm geduldig die von ihr neu entwickelten orthografischen Finessen. Es gibt Mitarbeiter die immer wieder behaupten, dass die fremdländische Besucherin nur dann nachts in Erscheinung treten soll, wenn der Pförtner einen seiner seltenen Wochenenddienste leistet. Hat die Sprachspielerin dem Pförtner ihr frisch erfundenes Land und ihre Verkleidung für den Abend ausführlich erklärt, wartet sie bei einem Pott schwarzem Tee und liebevoll verziertem Gebäck der Pförtnersfrau bis es im Turm des Mutterhauses endlich Zehn schlägt. Verlässt der Spätdienst die Stationen und klettert der Belieber am herabgelassenen Betttuch einer ungeduldig wartenden Schülerin ins Schwesternwohnheim hinauf, nimmt die Sprachspielerin den Schlüssel von der Wand und schließt die nach Reinigungsmittel riechende Wäscherei auf. Unbemerkt schleicht sie an der Besungenen vorbei, die Liebeslieder vor sich hinträllert und unentwegt in den meterhohen Haufen der verschmutzten Patientenwäsche nach Nachrichten wühlt, die an sie gerichtet sein könnten. Mitleidig schüttelt die Sprachspielerin den Kopf, stellt sich in den Fahrstuhl und fährt ins Dachgeschoss. Dort beginnt sie ihre Route, die sie immer nur zur Sonntagnacht absolviert. Sie schlüpft in dunkle Zimmer und unterhält sich mit Patienten über ihr fernes Land. Meist reicht sie ihnen eine angeblich landestypische Speise oder Wunder wirkende Essenzen seltener Kräuter in alkoholischen Auszügen. Dabei führt sie ihnen die mitunter sehr merkwürdigen Sitten und Gebräuche ihrer unbekannten Kultur vor oder massiert sie nach jahrtausendealten und absolut bewährten Heilmethoden. Immer wieder wird auch von unglaublichen Begebenheiten in den dunklen Patientenzimmern berichtet. Regelmäßig kommt es am darauf folgenden Morgen vor, dass sich Patienten für die schmackhafte Speise wortreich beim ungläubigen Koch bedanken. Einige der Patienten humpeln noch vor dem Frühstück in die Krankenhausbibliothek um in dicken Bildbänden nach dem unbekannten Land zu blättern. Und berichten Patienten zur Visite voller Freude von wilden Nächten und betteln sie im Anschluss nur noch von der unbekannten Nachtschwester gepflegt zu werden, verordnet der Stationsarzt umgehend Psychopharmaka und weist sie in die geschlossene Abteilung ein.

Seilt sich bei Sonnenaufgang der Belieber am Betttuch einer frisch abgeliebten Schülerin hinab und zieht die von ihm Beliebte seufzend das zerknitterte Laken wieder herein, beendet die Sprachspielerin abrupt ihren Rundgang. Sie schleicht durch den dunklen Keller zurück zur Wäscherei an der nun eingeschlafenen Besungen vorbei. Wieder erinnert sie sich, dass sie eine eigens verfasste Nachricht für die Besungene mitbringen und in den schmutzigen Wäschehaufen verstecken wollte. Mit dem ehrlichen Wunsche, diesen Vorsatz am kommenden Sonntag auf keinen Fall zu vergessen, schließt sie leise die Tür ab und eilt zum Pförtner. Sie hängt den Schlüssel an das Wandbrett und gibt ihm einen dicken Kuss für seine treue Verschwiegenheit. Sie nimmt die von ihm frisch ausgefüllten Übungsblätter entgegen und rennt zur Straßenbahnhaltestelle. Findet sie auf der Heimfahrt einen der Fahrgäste unsympathisch oder will sie dessen Platz in der überfüllen Bahn ergattern, rempelt sie ihn an und beschwert sich in ihrer Wochenendsprache laut über ihn. Aufgeregt verlangt sie den Ausländerbeauftragten oder gar die Polizei. Und nur wenn der Betreffende sich entschuldigt, setzt sie sich an dessen nun leeren Platz und knabbert geräuschvoll die von der Pförtnersfrau aufwendig verzierten Plätzchen. Danach schläft sie erschöpft ein. Kommt der schüchterne Kontrolleur vorbei und fleht er sie an, ihm doch endlich einen gültigen Fahrschein vorzuzeigen, plappert sie wieder so lange auf ihn ein, bis er auch an diesem Morgen heulend von ihr Abstand nimmt und beschämt die Bahn verlässt. Gähnend schaut sie dem Flüchtenden aus dem werbebeklebten Fenster hinterher.

Kommt sie zuhause an, setzt sie sich an den Frühstückstisch und isst die Reste der zubereiteten Patientenspeise. Mit fettigen Fingern blättert sie neugierig in den dicken Reisekatalogen, ohne jedoch den Wunsch zu verspüren jemals selbst eine der dort angebotenen Reisen antreten zu wollen.
Pünktlich zum Montagmittag fährt sie mit ihrem kaputten Fahrrad und in studentisch wirkender Verkleidung in die nahe gelegene Universität. Mit einem gut gefälschten Semesterausweis geht sie zu verschiedenen Vorlesungen. In der Mensa erklärt sie ausschweifend und unter Tränen dumm fragenden Studenten ihre frisch erfundene Heimat, die leider vom Rest der Welt immer noch nicht diplomatisch anerkannt wurde. Bei Seminaren, in denen sie eifrig mitdiskutiert, ist es mehr als einmal vorgekommen, dass Professoren resigniert die Kreide nach ihr warfen. Das hält sie aber überhaupt nicht davon ab, weiterhin zu ihren Sprachspielen ausführliche Hausarbeiten zu verfassen und namenlos in die überfüllten Postfächer der Professoren zu legen. Und sie ist mehr als zufrieden, wenn es eine ihrer unzähligen Arbeiten schafft, Gegenstand von Diskussionsrunden zu werden.

Kommt die Sprachspielerin am Abend ins leere Elternhaus zurück, holt sie eine Flasche Wein aus dem gut sortierten Weinkeller. Sie bürstet die unscheinbare Robe für den langweiligen Rezeptionsdienst aus, den sie seit Jahren in der Aufnahme des Krankenhauses unauffällig absolviert. Lustlos bügelt sie über das weiße Hemd, putzt die schwarzen Schuhe und steckt das messingfarbene Namensschild verkehrt herum an das Revers.
Angetrunken erklimmt sie mühsam die Papppalme und lässt ihren kräftigen Körper mit einem Tarzanschrei in die Hängematte fallen. Sie rollt sich zusammen und denkt an die schönen Stunden die sie mit dem Belieber in ihrem selbst gebauten Urwald erlebt hat. Sie schließt die Augen und bastelt weiter an der betörenden Liebessprache, die es dem Angesprochenen unmöglich machen soll, der Erzählenden zu widersprechen. Und sie weiß sehr genau, wem sie mit diese Sprache zuerst wehrlos machen wird. Damit es auch weiterhin ihr Geheimnis bleibt, tastet die Sprachspielerin in einen der vielen Beutel, holt ein breites Pflaster heraus und drückt es auf die plappernden Lippen.

Würde man den Pförtner nach ihr befragen, würde er die Hände ineinanderschlagen und antworten, dass es ihm bei aller Mühe immer noch nicht gelungen sei, herauszufinden, warum sie zu DDR-Zeiten keine Abiturprüfungen ablegen durfte. Nachdenklich würde er sich am Hals kratzen und flüstern, dass ihr Spiel spätestens nach seiner Pensionierung auffliegen wird.

Der Damalige

Der Damalige weiß ganz genau, wie es früher zuging. Deswegen kauft er vereinzelt vorhandene Vorräte aus alten Lagerbeständen und liest politische Bücher von Verlagen vergangener Zeiten.

Springt der Damalige von der durchgelegenen Feldliege auf, schiebt er zu Beginn des Tages eine Kassette mit zackiger Militärmusik in den Radio-Recorder oder legt eine Schallplatte mit beliebten Schlagern aus der guten alten Zeit auf den Plattenspieler. Er marschiert ins Bad, putzt die Zähne mehrere Minuten mit Elkadent-Creme, wäscht seinen schlanken Oberkörper mit Nautic-Seife und rasiert über den kaum vorhandenen Bart mit dem stumpfen bebo-sher-Gerät. Im Laufschritt rennt er ins Zimmer zurück, zieht das weiße Turnhemd mit dem aufgenähten Staatsemblem an und hebt schwere Hanteln für die Körperertüchtigung. Von den Übungen hellwach, setzt er sich an den Frühstückstisch und liest die Junge Welt und das Neue Deutschland. Und bis auf den Wetterbericht glaubt er seinen Zeitungen jede darin abgedruckte Nachricht. Er isst Burger-Knäckebrot mit Nudossi-Brotaufstrich, knabbert Filinchen mit Fruchtmarmelade und schlürft zwei große Tassen Trink-Fix. Tagesgestärkt verlässt er die Wohnung und stolziert einmal um den ungepflegten Innenhof des Wohnblockes. Feierlich stellt er sich vor der verrosteten Teppichstange auf und entrollt die Flagge der Internationale. Mit viel Mühe bläst er die Trompete. Werden die Fenster geöffnet, rennt er zur nahe gelegenen Garagenanlage. Ist sein Motorroller wegen fehlender Einzelteile wieder zerlegt, eilt er im Stechschritt und viel zu spät die Straßen entlang bis zur Krankenpflegeschule. Sieht er den Pförtner am Schlagbaum stehen, geht er ihm so weit als möglich aus dem Weg. Kann er ihm nicht entweichen, winkt er ihm verlegen den Sozialistischen Gruß entgegen. Hört der Pförtner diese Worte, ruft er den Damaligen einen ahnungslosen Spinner, eine elende rote Socke oder einen völlig verwöhnten Westbalg. So als würde er die Beleidigungen des Pförtners nicht mitbekommen, spurtet der Damalige schnellen Schrittes ins Klassenzimmer. Und obwohl er weiß, dass die anderen Pflegeschüler seit Jahren von seinem übertriebenen Kollektivgefühl genervt sind, grüßt er auch sie mit einem zünftigen Kammeradengruß. Verpetzt ihn ein Schüler deswegen bei der Mutter Oberin, beschimpft er ihn als üblen Vaterlandsverräter und rührt ihm das Abführmittel Regulax heimlich ins Essen. Gibt ihm hingegen eine ältere Krankenschwester Tipps für die Grundpflegeprüfung oder flüstert ihm die Lehrerin Informationen ins Ohr, dass eine junger Kollege eine Leistungskontrolle anstrebt, lobt er die Frauen gönnerhaft als beherzte Agentinnen der gerechten Sache, schenkt ihnen abgelaufene Schlager-Süßtafeln und Märchenriegel oder legt ihnen verbeulte Medaillen in die Taschen und Mäntel. Einmal in der Woche wartet der Damalige als selbst ernannter Gruppenratsvorsitzender bei Club-Cola und Rotgardistenmusik im Keller der Krankenpflegeschule vergebens auf Neumitglieder für die von ihm gegründete FDJ-Gruppe. Und er ist sehr stolz, einer verfassungsfeindlichen Vereinigung anzugehören, die nichts weiter zum Ziele hat, als das Lebensglück aller Menschen zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang wird gemunkelt, dass er einen Fluchtkoffer im Krankenhaus und einen in der Wohnung bereithält.

Hat der Damalige wieder handgeschriebene Zettelchen mit Zitaten aus dem Kommunistischen Manifest auf Stühle, in Gesangsbücher oder gar auf den Altar in der Kapelle angeklebt und will ihn die Oberin deswegen bestrafen, schickt sie ihn von Station zu Station und lässt ihn lästige Botengänge verrichten sowie Schwerkranken Gottes gütige Worte verkünden. Im Namen des Auftrages geht er eifrig mit der Bibel unterm Arm die langen Flure entlang und ballt die Ernst-Thälmann-Faust für jedermann gut sichtbar zum Gruß. Und so mancher ältere Patient steht bei diesem Anblick stramm oder schiebt erschrocken das Gehbänkchen in die Ecke und erleidet einen schweren Herzanfall. Sieht der Damalige auf dem Rückweg ins Klassenzimmer in den überfüllten Warteräumen Patienten in gut erhaltener Ost-Originalkleidung sitzen, schleicht er mehrfach um sie herum, verstrickt sie in wortreiche Gespräche und begleitet sie mit allerhand freundlichen Hilfereichungen ins Patientenzimmer. Bettelnd verfolgt er sie anschließend in den Garten und dreht mit ihnen Runde um Runde bis sie sichtbar entnervt das gewünschte Kleidungstück vor ihm stehend ausziehen und frierend übergeben. Seit Neuesten wird wiederholt von Fällen berichtet, dass auf der Intensivstation Malimo-Bademäntel spurlos verlorengingen.
Steht der Damalige in der Kantine und hört er den Kassierer am Buffet aufgeregt seine wirren Wahrheiten an die neugierige Mitarbeiterschaft verteilen, unterbricht er ihn ungeduldig und fragt im forderndem Tone nach nahrhaften Ostspeisen. Verneint der Kassierer das Anliegen, oder meint er, dass er diese Speisen gar nicht kenne oder fragt er misstrauisch ob sie überhaupt genießbar seien, nennt der Damalige ihn vor allen Anwesenden empört einen hundsgemeinen, hinterhältigen Konterrevolutionär. Tags darauf kann man den Damaligen beobachten, wie er ihm mit Duosan-Rapid die Kasse verklebt oder den Sitz mit Chemisol-Kleber einreibt.

Geht der Damalige nach einem anstrengenden Kampftag mit geschwellter Brust aus der Krankenpflegeschule, rennt er zu einer der unzähligen Haushaltauflösungen, stürmt die Treppenanlage zur Wohnung des Verstorbenen empor, drängelt sich zwischen all den anderen Interessenten nach vorn und ersteigert ungesehen die Altbestände, um auch diese wertvollen Produkte des Sozialismus vor der Müllkippe zu bewahren. Sieht er auf dem Weg dorthin ein ehemals messeprämiertes Glasserie-oder Gastronomiegeschirr aus einer seltenen Herstellungsreihe in der Auslage eines Geschäftes, stürzt er erregt hinein. Minutenlang drückt er die kostbaren Stücke an die Brust, dreht sich euphorisiert im Kreise und küsst oder streichelt sie fortwährend. Begeistert verwickelt er den verdutzten Verkäufer in leidenschaftliche und ellenlange Fachgespräche. Und so manches Mal hat er dabei dem im Nachhinein verärgerten Verkäufer eine museumsreife Rarität zum Selbstkostenpreis abgeschwatzt. Hat er das Gesehene vom gestohlenen Geld aus der Brieftasche eines Privatpatienten gekauft, läuft er im Marschschritt nach Hause und stellt es wie eine Karl-Marx-Büste in eine der wenigen noch freien Ecken oder Regale. Sodann setzt er sich an die Erika-Reiseschreibmaschine, zündet sich eine Duett-Zigarette nach der anderen an und arbeitet den Stapel unzähliger Beschwerden sorgfältig ab. Geduldig schreibt er ausführliche Änderungsvorschläge an die Intendanten der ARD, wenn für längere Zeit keine Schwarz-Weiß-Filme vom Fernsehfunk der DDR gezeigt wurden. Empört verfasst er leidenschaftliche Appelle an verschiedene Westfirmen, wenn diese wieder die Produktion einer beliebten Ostware einstellen. Und manchmal schreibt er auch bitterböse Proteste an die Stadtverwaltung, wenn sie seiner Meinung nach wieder völlig zu Unrecht den Straßennamen eines verdienten Stalinisten ändern. Sind die Briefe verfasst, beendet er sie stets mit sozialistischen Grüßen und klebt alte Briefmarken darauf. Danach setzt er sich an den Rechner und sucht fieberhaft im Internet nach Jahressätzen des Neuen Deutschland und der Jungen Welt. Um sich von der Fleißarbeit zu erholen, kocht er zwei Tassen starken Rondo-Kaffee in der Kaffeeboy-Maschine, gießt Bitterlemon ins Limonadenglas und legt eine Dokumentation über die großen sozialen Erfolge der DDR in den Videorecorder. Zufrieden schläft er bei den Sozialistischen Erfolgen über flächendeckende Kindertagesplätze, medizinische Versorgung und das Wohnungsprogramm auf der Doppellbettcouch Dagmar als zukünftiger Staatsratsvorsitzender ein. Weckt ihn die Kuckucksuhr, zieht er sein blaues FDJ-Hemd über und legt den Stapel liebevoll gefertigter Handzettel mit den vielen Vorteilen einer neuen DDR in den dicken Armee-Rucksack. Wahllos verteilt er sie auf Straßen und Plätzen und vor Schulen an verdutzte Passanten und an die neugierige Schülerschaft.
Kommt er nach der Agitation über eine sozialistische Zukunft erschöpft nach Hause, zieht er die Jesuslatschen aus und badet stundenlang mit einem Pionierlied auf den Lippen in Badusan. Läuft am Abend ein beliebter Fernsehfilm der DDR, lädt er seine Freundin oder gleichgesinnte Genossen in die vollgestellte Wohnung ein. Im Wohnzimmer lümmeln sie auf der breiten Sesselgarnitur aus dem Politbüro, kochen Gulasch mit Makkaroni in Töpfen aus dem Kulturministerium, trinken Sekt aus Gläsern vom Amtssitz der Staatsicherheit und naschen Gebäck aus Glasschalen von Wandlitz. Gemeinsam sehen sie begeistert die künstlerischen Leistungen der verstorbenen Schauspieler und knabbern Unmengen Knusperflocken und Halloren-Kugeln.
Beschläft der Damalige nach solch einem Abend seine Freundin auf der ehemaligen Ruheliege von Erich Mielke, flüstert er ihr als Ansporn zu höheren Liebesleistungen Kampflosungen aus dem Vaterländischen Kriege abwechselnd in die Ohren. Darf sie irgendwann nach den vielen Losungen endlich eingeschlafen, verlässt er auf Zehenspitzen und in voller Kampftruppenmontur die Wohnung. Geübt schraubt er Straßenschilder von Geächteten über neue Namen, führt stolz Kontrollen an Kreuzungen durch, inspiziert Autokinos oder entrollt Transparente mit SED-Parolen auf alterschwachen Dächern. Ab und zu setzt er sich auch in Gaststätten und belauscht begierig die konsumkritischen Meinungen der Anwesenden ab. Und bis weit nach Mitternacht notiert er eifrig deren Gedanken über den im Absterben befindlichen Kapitalismus in seinen knallroten Schulhefter.
Kommt der Damalige mit der unerschütterlichen Gewissheit für die gerechte Sache unterwegs zu sein wieder in den verschmutzten Wohnblock, wirft er die tagesgenaue Junge Welt und das Neue Deutschland in den kaputten Briefkasten. Er schleicht in die Wohnung, stellt den Ruhla-Wecker und legt sich neben seine Freundin. Dankbar steckt er ihr einen seiner zahllosen Orden an das Nachthemd. Neben ihr liegend, überlegt er beim Schimmer des Metalls ob es nicht an der Zeit wäre, eine neue Einheitspartei zu gründen. Er schließt die Augen und ist sich sicher, dass die sozialistische Idee niemals untergehen darf. Um das zu verhindern, ist er aus der Wohngegend seiner reichen Eltern mit den nörgelnden Nachbarn zu den Ausgestoßenen des Kapitalismus gezogen. Außerdem hat er seine Wohnung liebevoll mit Alltagsgegenständen aus der DDR vollgestellt, damit diese ihn immerzu an den großen Traum der Menschheit erinnern.
Fährt der Damalige in den Ferien endlich in den Urlaub, wandert er zum Verdruss seiner Freundin, den antifaschistischen Schutzwall mehrfach auf und ab, steigt begeistert auf Armeekontrolltürme oder spielt leidenschaftlich Passkontrolle an einem der vielen verlassenen Grenzübergänge.

Würde man den Pförtner nach dem Damaligen befragen, würde er die rechte Hand zur Faust ballen um sie danach flach über den nicht vorhandenen Scheitel zu wischen. Anschließend würde er an der Oberlippe kratzen und im oberösterreichischen Dialekt aus dem Kapital zitieren. Weiterhin würde er mit nicht ernst gemeinter Stimme versprechen, die gestohlenen Teile aus dem Pitty-Motorroller reumütig wiederzugeben.

Hoch zwei

Wir setzen auf Eile am Montagmorgen. Wir schlafen so lange, dass wir beim ersten Piepen des Weckers sofort aufstehen müssen, sonst verpasse ich meinen Zug und du deinen Bus. Während ich im Bad bin, schmierst du mir Brote; während du im Bad bist, packe ich. Wir brauchen 43 Minuten für unsere Routine, deswegen steht der Wecker auf 6:17 Uhr. Früher sind wir 6:15 Uhr aufgestanden, aber dann hatten wir nach dem Rasieren, Deodorieren und dem Tee noch zwei Minuten übrig. Du hast dich dann noch zwei Minuten zu mir gesetzt, wir haben zwei Minuten gesprochen oder ich habe zwei Minuten mit der Hündin gespielt. Dann ging es uns schlechter. Es hat sich bewährt, stattdessen zwei Minuten länger bewusstlos zu bleiben.

Ich ziehe den Reißverschluss bis unter die Nase, damit mir der Regen nicht in den Nacken tropft. Geradeaus gibt es nichts zu sehen; Dunkelheit ist schwarz und Kälte hat keine Farbe. Der Weg ist matschig und schmal, also fällt mein Blick auf den Boden.

Ich befürchte, spät dran zu sein, aber ich bin zu faul, die tief vergrabene Hand aus der Jackentasche zu ziehen um das zu prüfen; zumal ich dadurch nicht pünktlicher würde. Ich versuche mir einzureden, mich auf mein Talent zur Pünktlichkeit zu verlassen. „Sich auf ein Talent verlassen“ klingt besser als „ein Talent missbrauchen“. In Wirklichkeit will ich diesen Zug nicht erreichen; er fährt mich weg von dir. Er fährt mich an einen Schreibtisch, an dem ich der kleinen Uhr rechts unten fünf Tage lang beim Hochzählen zu sehen werde, bevor mich ein anderer Zug zurückbringt. „Wir brauchen das Geld“ klingt besser als „ich brauche meine Freiheiten.“

Mein Telefon vibriert in der Tasche. Du schreibst, dass du mich vermisst, obwohl ich deinen Bart noch auf meiner Wange spüre. Du schreibst, dass ich auf mich aufpassen soll, wenn du es nicht kannst. Das Handy nicht aus der Tasche zu nehmen, um deine Nachricht zu lesen, hat nichts mit Faulheit zu tun. Ich muss mich vorsehen, nicht auszurutschen; außerdem kenne ich deine Nachricht, denn ich kenne dich. Deshalb habe ich meine Pantoffeln nicht neben die Flurkommode gestellt, wo sie deiner Meinung nach hin gehören, sondern tief in den Schuhschrank gestopft. Deshalb habe ich meine Teetasse gespült, sobald sie leer war und selbst zurück in den Schrank gestellt. Und deshalb sieht mein Schreibtisch bei dir montagmorgens wie eine Blumenbank aus.

Etwas ist bunt im Schlamm und ich korrigiere meinen Schritt, um nicht darauf zu treten. Auf den ersten Blick ein Amulett, auf den zweiten ein eingeschweißtes ovales Stück Papier. Es wurde nicht weggeworfen sondern verloren, das ist eindeutig. Dementsprechend habe ich es nicht nur gesehen, sondern gefunden. Ich bücke mich und hebe es auf. Während andere Passanten an mir vorbei zur U-Bahn drängen, krame ich nach einem Papiertaschentuch, um meinen Fund zu reinigen.

Ich glaube, dass man durch Dinge, die man findet etwas über sich selbst erfahren kann. Wenn einem ein Ding nichts sagt, übersieht man es. Das ist wie, wenn man plötzlich nur noch Paare sieht, weil man gerade Single ist oder auf einmal nur noch Singles, weil man jemanden hat. Ich habe das ungelenk ausgeschnittene Porträt eines Mannes gefunden.

Ich trage das Taschentuch zum Papierkorb und betrachte das Bildnis im gelben Gaslaternenlicht. Ein väterlicher Mann. Mit vollem schwarzen Haar und einem stattlichen Bart, der an den Ansätzen weiß wird. Mit festem Blick, fast adlerhaft, wegen der schwungvoll gezogenen Augenbrauen. Mit einem hellen Schein um seinen Kopf, der kitschig in einen hellblauen Hintergrund ausläuft. Auf der Rückseite ein Name: Pater Pio. Darunter ein winziges schwarzes Quadrat. Ich streiche mit dem Daumen darüber und fühle die Erhebung unter der Folie. Es ist ein Stück Stoff, halb so groß nur, wie der Nagel meines kleinen Fingers. Es hat die gleiche Farbe wie das Gewand des Mannes auf der Vorderseite. Es ist ein Teil davon. Es war.

Ich komme zu spät zur U-Bahn, denke ich kurz, aber dann schwindet meine Hoffnung. Die U-Bahnen fahren zu häufig und ich bin zu früh los, als das mir dieses Stück Stoff dabei helfen könnte, meinen Zug zu verpassen. Zumal es ja jetzt, da ich diesen Gedanken gedacht habe, ohnehin kein Verpassen mehr wäre, sondern eine Entscheidung. Im Entscheiden bin ich nicht gut.

In der U-Bahn hole ich mein Telefon aus der Tasche. Pater Pio war Kapuzinerpriester. Er wurde heiliggesprochen weil er die Stigmata trug. Und weil er der Bilokation fähig war. Ich tippe auf das Wort „Bilokation“.

Wenn ich an zwei Orten gleichzeitig sein könnte, bliebe ich hier bei dir und würde nebenbei in die andere Stadt zur Arbeit fahren. Nachmittags würden wir gemeinsam mit der Hündin gehen, während ich meine Freunde treffe. Am Abend würde ich meinen Kopf auf deinem Schoß legen und mit dir fernsehen und anderswo mit den Jungs ausgehen. Nachts wäre ich ganz bei dir. Zusammen würden wir auf Reisen gehen und gleichzeitig das Geld dafür in unseren Büros verdienen.

Die Frau, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt, schneidet mit einer Nagelschere das untere Ende eines schmalen Stapels Papier in Streifen. Später, wenn die Plakate an den Laternen hängen, kann man sich so leicht Schnipsel abreißen, auf denen ihre Telefonnummer steht. Die Plakate zeigen das Foto einer Katze und fragen „Wo ist Schrödinger?“. Ich frage mich, ob die Frau Quantenphysikerin ist. Ich habe gelesen von Schrödingers Katze. Das ist ein quantenphysikalisches Gleichnis, benannt nach dem Mann, der es sich ausgedacht hat:

Eine Katze wird in einen Karton gesperrt. Darin befindet sich außer ihr ein Fläschchen Blausäure, ein Hämmerchen, ein Geigerzähler und ein radioaktives Atom. Zerfällt das Atom, springt der Geigerzähler an und das Hämmerchen schlägt auf das Fläschchen: Die Katze stirbt. Ob das Atom aber zerfällt oder wann, kann niemand wissen. Den Gesetzen der Quantenphysik zufolge ist die Katze deshalb zugleich tot und lebendig. Bis sich einer entscheidet, nachzusehen.

Ich bin der Fähigkeit zur Bilokation so nahe, wie ihr jemand ohne Heiligenschein kommen kann. Ich habe zwei Adressen, zwei Kleiderschränke und zwei Paar Hausschuhe. Ich führe ein Junggesellen- und ein Eheleben und habe sowohl einen Hund als auch keinen. Ich begreife, dass keine Entscheidung und zwei Entscheidungen das Gleiche sein können. Ich bin verwirrt.

Wenn ich der Quantenphysikerin meine Hilfe beim Aufhängen der Plakate anbiete, würde sie vielleicht anschließend einen Kaffee mit mir trinken. Sie sieht nett aus und sie hat Humor: ihre Katze heißt Schrödinger. Außerdem sind wir Leidensgenossen: Sie vermisst ihre Katze, ich vermisse dich. Allerdings muss sie Plakate kleben, hoffen und bangen, während ich nur eine Entscheidung treffen müsste. Vielleicht könnten wir über Bilokation sprechen, damit habe ich ein Problem, fürchte ich.

Ich drehe die Reliquie zwischen meinen Händen und versuche es nicht albern zu finden: Man schneidet die Kutte eines Mannes in winzige Quadrate und verkauft sie an Pilger und Touristen. Ich stelle mir vor: Die Kleidungsstücke eines Heiliggesprochenen haben eine schützende Aura; beim Zerschneiden wird die nicht geteilt, sondern vervielfältigt. Mit dem Daumen streiche ich über die Erhebung und denke: Gewebe ist Gewebe, nichts sonst. Eine Aura kann man, wenn überhaupt, nur mit der Nase wahrnehmen. Sie verfliegt.

Als ich aufsehe ist die Frau ausgestiegen, jedenfalls ist sie nicht mehr da. Mein Telefon vibriert in meiner Hand. Nach einem augenzwinkernden Smiley schreibst du: „Du hast wieder meine Jacke genommen, oder?“ Ich vergrabe meine Nase im Kragen. Auf meinem Stammplatz im Zug angekommen antworte ich: „Dafür kannst du meine nehmen.“

Der Altersscheue

Der Altersscheue fürchtet nichts so sehr wie seinen Geburtstag. Spricht einer seiner stets gutaussehenden Gesprächspartner unbedacht ein Wort aus, das mit Alterung in Verbindung steht oder auch nur gebracht werden könnte, hält der Altersscheue schreckhaft die Hand vor das Gesicht, tupft die vielen, dicken Schweißperlen von der gecremten und geschminkten Stirn oder steckt die lackierten Nägel seiner Zeigefinger tief in die Ohren. Wird in solch einem Gespräch zufällig sein tatsächliches Alter erkannt und trägt es der Entdecker nichtsahnend in die Welt, zittert der Altersscheue vor Wut. Er stößt mit den Füßen heftig gegen Betten oder tritt wahllos Wäschekisten ein, die in den Stationsfluren abgestellt sind. Noch vor Ort erklärt er lauthals den geschwätzigen Entdecker zu seinem Todfeind. Denn nichts verletzt ihn mehr, als der Verrat seines wirklichen Alters.

Der Altersscheue zieht jeden Morgen die dicke handgefertigte Silikonmaske, die er zur Straffung seiner Haut über Nacht trägt, vom Gesicht. Danach massiert er nach einer von ihm entwickelten Dehnübung die Haut bis er das Gesicht wieder bewegen kann. Ist er damit fertig, läuft er ins Bad, stellt sich auf die große Glaswaage, pustet mit aller Kraft die Luft aus seinen Lungenflügeln und zieht den Bauch ein. Dabei kneift er die Augen fest zusammen und streckt die Hände zur Baddecke. In Zeitlupe senkt er den Kopf und blinzelt auf die elektronische Anzeige. Ist er mit der Zahlenfolge auch hinter dem Komma zufrieden, atmet er hörbar Luft ein. Mit weit ausgebreiteten Armen hüpft er lächelnd von der chromgefassten Waage, klopft sich anerkennend auf die linke und rechte Schulter und tanzt ausgelassen durch die drei Zimmer seiner nach den neuesten Wohntrends eingerichteten Wohnung. Wieder im Bad angekommen, dreht er eine Pirouette und verbeugt sich gönnerhaft vor dem Spiegel wie vor jubelnden Publikum.

Um seinen Körper nach etwaigen Alterserscheinungen gründlich abzusuchen, knipst er den eigens installierten Halogen-Flutstrahler an und stellt sich in dessen breiten Lichtkegel. Er umgreift die große Standlupe und setzt zur besseren Kontrolle eine Juweliersbrille auf. Akribisch beginnt er Millimeter für Millimeter sein kosmetisch bearbeitetes Gesicht zu prüfen. Er schielt zwischen die gebleichten und reparierten Zähne und streckt die Zunge mit einem lauten „Bääh“ heraus. Mehrfach umrundet er dabei die obere und untere Zahnreihe, bis ihm die Zunge lahmt. Mit einem kräftigen Biss prüft er die korrigierten Lippen, ob sie noch prall genug für bevorstehende Abenteuer sind. Er nimmt die ägyptische Liebescreme, die er hinter dem Schrank in einem speziell eingebauten Versteck hält und die er stets nach einer streng geheimen Rezeptur nach Anweisung seiner Modezeitung fertigt. Hat er die Lippen gründlich eingecremt, beginnt er widerwillig die Fältchen auf der Stirn zu zählen. Verzählt er sich, was in neuester Zeit sehr häufig vorkommt, wiederholt er das Abzählen, dieses Mal mit halb geschlossenen Augen, bis er jedes Fältchen erfasst hat. Und nicht selten bricht er tränenüberströmt zusammen oder fällt beim Addieren der vielen Fältchen kurz in Ohnmacht und verletzt sich an der Badheizung oder seiner Lichtanlage. An solchen Tagen ist er krankgemeldet und schluckt massenhaft Vitamine und Aufbaupräparate.

Ist er endlich mit dem Fältchenzählen fertig, streckt er den Hals schwanenhaft nach oben und misst mit einem Präzisionszirkel das Doppelkinn ab und notiert die Zahl in einer Tabelle. Anschließend schneidet er schimpfend die kleinen Härchen aus Ohren und Nase. Danach schaut er verächtlich über und unter die Augen und schminkt alle Ränder kunstvoll zu. Ist er mit dem Zustand seines Gesichtes halbwegs zufrieden, greift er das Maßband und prüft den Bizeps und den Brustumfang. Um erneuten Entzündungen der vielen Einstichpunkte seines abgesaugten Bauchfettes zu vermeiden, schmiert er mit beiden Händen dicke Schichten Kamille-Gel auf die schmerzenden Stellen. Sind alle Körperpartien kontrolliert und sorgfältig eingecremt, sucht er zum Schluss auch im Genitalbereich nach Spuren seines Alters. Findet er graue Härchen, schreit er laut auf und reißt sie unverzüglich und ohne auf etwaige Schmerzen zu achten mit einer bereit liegenden Briefmarkenpinzette heraus. Hat er endlich alle Normalitäten seines tatsächlichen Alters entfernt, fotografiert er mit dem neusten Smartphone mehrfach alle Partien seines polierten und entgrauten Körpers. Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtet er die einzelnen Bilder in der Fotogalerie seines großen Displays. Gern schnalzt und zwinkert er in die bespiegelte Glasfläche, wie er es früher oft bei den Groupies aus seiner Schülerband gemacht hatte. Damit ihm kein einziges Bild verlorengeht, rennt er ins Wohnzimmer und speichert sofort alle Bilder in einem extra dafür angelegten Ordner im Rechner, damit er sie am Ende des Jahres zu einer Videoanimation zusammenschneiden und ins Internet stellen kann. In den letzten Jahren, hatte er dafür viel Zuspruch erhalten. Ist er mit der umfangreichen Speicherung fertig, wackelt der Altersscheue zufrieden mit beiden Pobacken, ruft laszive Sprüche in den Flur und reibt sein Hinterteil kreisend an den gefliesten Badwänden. Mit einen kräftigen Trommelwirbel auf seinen Hintern beendet er die ausgiebige Morgenbetrachtung.

Fühlt sich der Altersscheue um mindestens fünfzehn Jahre verjüngt, schlendert er ins große Ankleidezimmer. Er öffnet den beleuchteten Wandschrank und sucht in den nach unzähligen Farben und Schnitten unterteilten Fächern und Schüben nach der passenden Tageskleidung. Mit einem anerkennenden Blick greift er nach der in Frankreich abonnierten aktuellen Modezeitschrift, die er in der zurück liegenden Nacht bis zur Erschöpfung immer und immer wieder durchgeblättert hat. Hat er die abgebildeten Kleidungsstücke gefunden, zieht er sie in Zeitlupe an und malt sich lebhaft Chancen aus, die ihm in dieser Kleidung zuteilwerden. Ist er angezogen, zieht er sich wieder in Zeitlupe aus, um sich danach erneut anziehen zu können. Besonders gelungene Outfits fotografiert er mit dem Smartphone und klebt sie an die Zimmerwände oder sammelt sie für sein jährliches Fotoalbum. Allzu oft vergisst er bei diesem ausgiebigen Ritual die Uhrzeit und muss mit seinem verrosteten Opel Calibra mit überhöhter Geschwindigkeit auf Arbeit fahren.

Kommt der Altersscheue am Morgen ins Krankenhaus, beobachtet er die Gestik und Mimik der Mitarbeiter die ihm zufällig in den Fluren begegnen. Verspricht ihm eine Körperbewegung oder ein Gesichtsausdruck oder Tick eine Verjüngung, macht er diese umgehend im nächsten Flur nach. Aber am liebsten schleicht er noch vor Beginn des Dienstes zum kleinen Raucherbereich der Krankenpflegeschule. Er schraubt die Deckenlampe heraus und stellt sich in die unbeleuchtete Ecke. Mit großen Augen betrachtet er die neuesten Accessoires an Nase, Ohren, Händen und Füßen der verschlafenen Schülerschaft. Bewundernd lauscht er jeden coolen Spruch, jede Bemerkung und jeden noch so fragwürdigen Sprachtrend der Rauchenden ab. Hat er genug Leichtigkeit und Zukunftsglauben eingesaugt, rennt er auf die Toilette und kneift sich in die verschwitzte Nase, damit er nicht wahnsinnig zusammenbricht. Ungeduldig notiert er alle Worte in sein dickes, ausgefranstes Hosenheft. Anschließend dreht er das Heft auf die Rückseite und beginnt alle Accessoires sorgfältig und detailliert mit Malstiften einzuzeichnen. Hat er alles notiert und skizziert, drückt er zur Erleichterung die Toilettenspülung und taumelt völlig erschöpft aber zufrieden auf Station.

Der Altersscheue arbeitet ungern mit Mitarbeitern zusammen, die älter sind. Soweit es möglich ist, läuft er ihnen mit schnellen Schritten davon, lässt ihnen gekonnt den leeren Fahrstuhl oder schnürt so lange an seinen Schuhen, bis die Mitarbeiter aus seinem Blickfeld verschwunden sind. Er ist sich sicher, dass jeder von ihnen viele verpasste Chancen, die er bedauert und unter denen er leidet, mit sich herumträgt. Ältere Patienten fertigt er zur Visite in sekundendschnelle und mit einem Dauermonolog im gereizten Tonfall ab, damit sie ihn in keinem Fall in Gespräche über Leiden, Alter oder unerfüllte Wünsche verwickeln können. Denn ihren sehnsüchtigen Blick, mit dem sie von ihren verlorenen Möglichkeiten berichten, kann er nicht ertragen. Nur wegen dieser Patienten lässt er sich krankschreiben und ruft täglich auf Station an, und kommt erst nach deren sicherer Entlassung wieder auf Arbeit zurück.

Kommt der Altersscheue nach dem Dienst nach Hause und hat er eine Andeutung über eine Verabredungen bekommen, rennt er sogleich zum Friseur und lässt sich die angesagteste Frisur schneiden und färben. Danach eilt er zur Kosmetik und erstreitet sich einen Termin außer der Reihe. Zum Schluss geht er zur Pediküre. Zuhause angekommen, verstreut er wahllos Kleidungsstücke von vorrangegangen Liebschaften in der gesamten Wohnung. Ab und zu legt er selbst verfasste Dankesbriefe auf den Nachttisch, klebt Küsschenzettel an den Badspiegel oder schreibt Anerkennungssprüche auf benutzte Höschen oder Bettlaken. Er dreht die Musikanlage auf und spielt CDs oder Videos von Musikgruppen, deren Namen er überhaupt nicht kennt, von denen er aber weiß, dass sie derzeit gehört werden. Wie zu Teeniezeiten strippt er ausgelassen vor dem Spiegel seiner Anbauwand. Er spreizt die Arme und spielt nackt aktuelle Stars aus Film und Fernsehen nach. In diesen Momenten schließt er die Augen und fühlt sich jung und in vergangene Zeiten versetzt. Erinnert er sich aber plötzlich an das faltige Gesicht seines hilflosen Großvaters, versteckt er sich unter dem Tisch und wartet bis die Erinnerung wieder verschwunden ist. Danach krabbelt er unter dem Tisch hervor, legt eine der unbekannten CDs in die Musikanlage und dreht den Regler bis zum Anschlag auf. Seine Lieblings-CDs hat der Altersscheue schon vor Jahren vorsorglich im Keller versteckt oder über Nacht heimlich in die Mülltonne geworfen damit sie auf keinen Fall sein wirkliches Alter verraten können.

statt Glückwünschen

Statt Glückwünschen sage ich euch heute, sage ich jedem Einzelnen von euch, sage ich Dir:

Du wirst scheitern.

Es wird Dir nicht gelingen, Deine in jahrelanger Lehre erworbenen Fertigkeiten zum Erhalt und zur Entfaltung unserer Freiheit einzusetzen, denn dieser Einsatz ist kräftezehrend und frustrierend. Stattdessen wirst Du Deinen Scharfsinn, Deine Gewandtheit, Deinen Eifer bereitwillig eintauschen gegen Augenmasken und Ohrenstöpsel, um in den leidenschaftslosen Halbschlaf des Unterhaltenwerdens und Beschäftigtseins herabzusinken, in dem sich Dein Umfeld außerhalb dieser Institution längst befindet.

Das ist nicht meine Schuld, wahrlich: Ich versuchte, was in meiner Macht stand, Dich zu einem wachen, mündigen, mutigen Menschen zu bilden – und ich vermeide an dieser Stelle ganz bewusst das Wort Bürger, weil das Wort Bürger unwillkürlich einen Bezug zum Staate herstellt, der unser Staat sein will, der bei Lichte betrachtet aber Teil, wenn nicht gar Urheber der Ideologie des selbstbezogenen Wohlfühlens ist, welcher auch Du erliegen wirst. Nein, ich knüppelte Dich nicht ins Normalmaß hinein.

Aber Du wirst das tun. Allmählich, schulterzuckend, ohne Not. Du wirst kein Wort darüber verlieren, zumal es dankbare Alternativthemen gibt: eine Regierung von Konzernmarionetten, eine Hochkultur auf Rummelplatzniveau und das Wetter, dass in diesem Jahr die tollsten Kapriolen schlägt.

Aber falls Du darüber reden musst, gut vorbereitet und hübsch zurecht gemacht auf einem Klassentreffen; aus heiterem Himmel am Frühstückstisch, dereinst mit Deinen pubertierenden Nachkommen; oder weil Du mir nichtsahnend auf der Straße begegnest, als klapprige Greisin, weil ich Dir aufgelauert habe, weil ich Dich geradezu gestellt habe, so dass Du mir erschrocken und mit roten Wangen gegenüberstehst und um Atem ringst, und mehr noch um Worte, während Du beim einleitenden Geschwätz, das ich Dir der Überraschung halber gewähren werde, verzweifelt nach einer Ausrede suchen wirst, die die lackbeschichtete Einkaufstasche in Deiner Rechten rechtfertigt und die Fernbedienung für die Zentralverriegelung Deines allradbetriebenen Straßenkreuzers in der Linken; wann immer Du also in die Verlegenheit kommen wirst, darüber sprechen zu müssen, wirst Du es schamlos herunterspielen, und wann immer Du gezwungen sein wirst, Dich zu erklären, weil da eine ist, die fragt und nicht locker lässt, wirst Du versuchen, Dich rauszureden.

Von der Nachfrage am Arbeitsmarkt wirst du sprechen, die jedem Kompromisse abverlangt, der erfolgreich sein will, obwohl Erfolg viel mehr bedeutet, als ein üppiges Salär, weil Erfolg in Zahlen oder Hierarchie-Ebenen nicht gemessen werden sollte, und wahrer Erfolg nur in der nachhaltigen Veränderung gesellschaftlicher Strukturen bestehen kann, wie Du betonen wirst, da Dir diese Parole aus Studientagen einfallen wird, während Du Dich freisprichst, und Dir auch einfallen wird, dass Du diese Parole einmal wie Deinen Namen im Munde geführt hast. Von den vielen Rechnungen, wirst Du sprechen, die schließlich bezahlt werden müssen, und für die Deine Eltern immer weniger bereitwillig das Portmonee geöffnet haben, je älter Du wurdest, was ihnen ja niemand verdenken kann, da es ihren ohnehin mickrigen Wohlstand zusätzlich schmälerte und ihr kleiner Wohlstand doch aber alles war, was sie hatten. Und auch von den bescheidenen und später dann weniger bescheidenen Wünschen wirst Du berichten, die ja ganz normal seien. Und obwohl Du Dir das heute nicht vorstellen kannst, wirst Du das Wort „normal“ ohne jegliches Problembewusstsein verwenden. Auch Du wolltest New York sehen und Südafrika. Auch Du wolltest ein Eigenheim und – Warum denn nicht? – einen Pool. Deine Wünsche waren nicht besonders; besonders war, dass Du in der glücklichen Lage warst, sie Dir erfüllen zu können. Teils als Belohnung für das Geleistete – ohne dabei zu spezifizieren, was das denn sein könnte – teils aber auch als Trostpflaster, mit Hilfe dessen Du Dich über die Unbarmherzigkeiten des Alltags hinwegzutrösten versuchtest: Überstunden, Steuererklärungen, die Alterung Deiner Haut.

Und hinter Deinem freundlichen Lächeln, das Du schauspielern wirst, und dessen einziger Zweck es sein wird, mich für Dich zu vereinnahmen, damit ich Dich nicht auf Deinen dicken Bauch anspreche oder auf den Kaschmir-Mantel mit dem Du ihn verhüllst, hinter diesem falschen Lächeln weggesperrt also, wird unter Asche ein schlechtes Gewissen flackern und ramponierte Traurigkeit.

Und beides wird sich aus Deiner Erinnerung speisen, aus Deiner Erinnerung an diesen augenblicklich verstreichenden Moment, der seiner Natur nach ein feierlicher sein sollte, und von dem Du erwartet hattest, dass ich ihn dafür nutzen würde, Dich zu den erzielten Leistungen zu beglückwünschen, Dir Mut zu machen, für das, was vor Dir liegt oder um Dich als neue Elite dieses Landes zu preisen.

Du wirst diesen Moment als einen Ankerpunkt in Deiner Biographie erinnern, an dem Du trotzig beschlossen hast, Du selbst zu bleiben, ausgefüllt von dem naiven aber liebenswerten Glauben, einerseits zu wissen, wer Du bist und andererseits überhaupt jemand zu sein, dessen Kern unveränderlich, klar umrissen und beschreibbar sei, und eben gerade nicht zu werden, wie die Anderen – wohlgemerkt, ohne Dir auch hier die Mühe zu machen, zu definieren, wer diese Anderen denn seien, und worin ihre unverzeihlichen Verfehlungen bestünden – sondern immerfort Deinen Idealen treu zu bleiben, also Deinem Versprechen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, einem Versprechen, dessen Blauäugigkeit und Albernheit sich Dir heute noch nicht erschließt, und sich Dir, so hoffe ich, viele Jahre lang noch nicht erschließen wird. Denn wenn es Dir nicht gelingt, Dich dauerhaft am Tropf der alltäglichen Zerstreuungen zu narkotisieren, wird Dich die Erkenntnis dieser Albernheit eines Tages treffen wie ein Schlag, dessen Härte und Schwung geeignet ist, was Du Dir aufbautest, einzureißen und Dich wach aber nackt auf ein neues, leeres Feld zu schleudern, so wie es mir selbst und anderen meines Kalibers geschehen ist.
Wenn mein Plan aufgeht, wirst Du diesen eben verstreichenden Moment, in dem Dich nur Deine Höflichkeit und die Konvention des Protokolls auf Deinem Stuhle hält, als einen Moment der Wut verinnerlichen, in dem Dir eine unsympathische, nicht nur desillusionierte, sondern in ihrer Arroganz regelrecht altersboshaft gewordene Lehrerin jegliche Standhaftigkeit abspricht und jeden Charakter; in dem sie Dir persönlich nicht nur die Fähigkeit, sondern gar den bloßen Willen zu Veränderung oder wenigstens zum Widerstand gegen das Bestehende abspenstig macht, in dem sie Deine ganze Generation zu einer Generation der gut ausgebildeten aber zu früh zu bequem gewordenen Mitläufer degradiert, die es sich gemütlich machen wird, im ererbten Wohlstand, und die diesen Wohlstand für nichts anderes verwenden wird, als sich abzuschotten, sich vollzustopfen, sich zu amüsieren und an die sich in einhundert Jahren niemand erinnern wird, weil diese Generation nichts vollbringen wird, das es wert sein wird, erinnert zu werden. Nichts, als sich verführen zu lassen, von den Versprechen der Technologie und des Besitzes, die unhaltbar sind und deren Preis zu hoch ist. Du bezahlst Technologie und Vernetzung mit der Fähigkeit zu präzisem Fragen und konzentriertem Denken. Du bezahlst Besitz mit der Fähigkeit, kompromisslos zu antworten und in der Konsequenz zu handeln. Du bezahlst Sicherheit mit Freiheit.

Ich hoffe inständig, dass diese Erinnerung wie ein Dorn in Deinem Fleisch sitzen wird, dessen Spitze trotzig schmerzt, wenn Du stehenbleibst und quälend sticht, wenn Du Dich setzt, damit Du fortkommst und wach bleibst und weitergehst, auf dass ich hernach aus Zeitungen, Ausstellungskatalogen, Theaterkalendern oder Wahlprogrammen erfahre, dass doch etwas aus Dir geworden ist, weil Dich der Trotz stur gemacht hat, weil Du vom Spott zäh geworden bist und weil Du ums Verrecken nicht werden wolltest, wie ich.

Dann werde ich mich rückhaltlos meiner Schmach hingeben, das verspreche ich. Denn dies ist die glücklichste Zukunft, die ich denken kann: Ich hätte doch viel erreicht.

Ich könnte heute in Ruhe und Dankbarkeit abtreten.

Der Belieber

Nach dem Aufwachen dreht sich der Belieber auf die Seite seines großen Wasserbettes und betrachtet den Körper, an dem er die Liebesleistung der letzten Nacht vollzogen hat. Vorsichtig streichelt er das schlafende Gesicht, dass sich ein leichtes Lächeln entspinnt. Dabei denkt er mit Genuss an die verschiedenen Gesten, die das Gesicht in der zurückliegenden Nacht hervorgebracht hat. Und es ist ihm eine allmorgendliche Befriedigung, die gesamten Liebeleien noch einmal detailliert in Gedanken zu wiederholen. Ist er mit dem Gedankenspiel fertig, hebt er mit Schwung das seidene Bettzeug über den schlafenden Körper, dreht sich zurück auf den Rücken und betrachtet sich im Deckenspiegel. Er beugt sich über den schlafenden Körper und haucht ihm einen Kuss auf den Nacken. Vergnügt steht er auf und schlendert ins Bad. Vor dem Spiegel streckt er die fast haarlose Brust heraus und versucht, die Verspannung, die er sich regelmäßig in den Nächten zuzieht, mit einer eigens entworfenen Gymnastik zu lösen. Hat er in der zurückliegenden Nacht außerordentlich gewagte oder gar gefährliche Liebestaten vollbracht, stellt er sich am anderen Morgen auf den Kopf und schüttelt seinen Unterleib bis ihm das dicke Gemächt an die Stirn stößt. Anschließend lässt er sich wieder auf den Boden sinken. Zusammengekauert rollt er auf dem Badvorleger auf und ab. Fühlt er sich wieder entspannt, springt er in den blasengebenden Whirlpool, in dem er die Liebesspiele der Nacht für gewöhnlich beginnt. Danach stellt er sich wieder vor den Spiegel und rasiert die Haare von Gesicht und Brust. Zum Schluss massiert er sich die Schläfen.

Ist er mit seiner morgendlichen Toilette fertig, föhnt er seinen Körper trocken und kleidet sich vor dem großen Bücherregal im Flur an. Dabei greift er in die Buchreihen und sucht eine kleine Erzählung, einen bunten Bildband oder einen klugen Ratgeber, der zum Wesen der jeweiligen seiner Liebschaften passt. Hat er das Buch gefunden, zieht er es heraus, greift zu einem der vielen Stapel Seidenpapier und umhüllt es kunstvoll. Er geht zum alten Holzkästchen, holt eines seiner vielen samtbestickten Haarbänder und umbindet das Papier. Anschließend schleicht er ins Schlafzimmer. Behutsam legt er das Büchlein mit einem Kuss und dem ehrlichen Wunsche, dass es seiner Nachtbekanntschaft im weiteren Leben helfen möge, auf das aufgeschüttelte Kopfkissen. Er öffnet die dicke Silberkette, die er Tag und Nacht um seinen Hals trägt und zieht die Schere und den Schlüssel, die ihm beide im allnächtlichen Liebestaumel als Metronom dienen, heraus. Er schneidet den Schlafenden eine Strähne oder Locke vom Kopfe, steckt sie in einen farbigen Briefumschlag und beschriftet diesen. Dabei geht er jedes Mal gleichermaßen vor. Er vermerkt zuerst den Tag, danach die Stunden, die angewandten Liebestechniken, die Sehnsüchte der Beliebten und zum Schluss seinen Zufriedenheitsgrad. Ausgiebig beleckt er danach den Brief, verklebt ihn sorgfältig und legt ihn in sein Archiv in den Wandtresor. Stolz addiert er die Zahlenkombination des Tresors um einen weiteren Nenner, denn nur so bleibt er auf dem aktuellen Stand. Nachdem er den Tresor wieder verschlossen hat, hängt er den Schlüssel und die Schere um den Hals und geht in die Küche zum Kühlschrank. Er greift zu einer der wohltemperierten Flaschen Champagner, öffnet sie leise und füllt deren Inhalt in zwei Gläser. Genüsslich trinkt er das erste Glas auf das Wohlergehen der Bekanntschaft aus. Mit geschickter Hand pflückt er drei Blumen aus den breiten Pflanzkästen, die er eigens für diese Stunden angelegt hat. Die erste Blüte arrangiert er liebevoll in das eingefüllte Champagnerglas, welches für seine Nachtbekanntschaft bestimmt ist. Die zweite platziert er gut sichtbar vor dem Badspiegel. Die dritte steckt er sich in den Mund. Mit der Blüte im Mund kocht er Kaffee, füllt ihn in die Thermoskanne, stellt Butter, Käse, viel frisches Obst auf den Frühstückstisch und das Champagnerglas dazu. Erfreut an dem beginnenden Tag, steckt er die Blüte ins Revers, schließt leise die Wohnungstür und rutscht vergnügt das Treppengeländer hinunter.

Der Belieber erscheint stets gepflegt. Schon auf den Fluren des Krankenhauses grüßt er mit übergroßem Lächeln den verschlafenen Pförtner oder die unsichere Reinigungsfrau.
Der Belieber ist höflich und zuvorkommend. Trotz, dass er seit Monaten auf Station seinen Dienst absolviert, klopft er mehrmals leise an die Tür und wartet, bis die jeweilige Stationsschwester ihr schnoddriges Herein ruft. Er öffnet die Tür einen Spalt weit, schiebt zuerst seinen Kopf, danach den schlanken Hals mit der dicken Silberkette und der Schere und dem Schlüssel hindurch und lächelt in den Raum. Erst danach gibt er der Tür einen kräftigen Schwung und betritt das Aufenthaltszimmer. Mit einer angedeuteten Verbeugung grüßt er zuerst die Stationsschwester und nach ihr dem Range folgend alle weiteren Schwestern. Hat er die Begrüßung artig abgeleistet, begibt er sich an das Ende des Tisches und küsst die ungeduldig wartenden Schwestern oder Pfleger. Zum Schluss gibt er ausgewählten von ihnen einen kräftigen Händedruck, einen kleinen Klaps auf die Schulter oder einen unerwarteten Puffer. Aber auch hier hält er eine unsichtbare Reihenfolge ein, deren Wertfolge nur für Eingeweihte erkennbar ist und erarbeiten werden muss. Hat er die allmorgendliche Prozedur vollzogen, hält er einen klitzekleinen Moment inne und setzt sich auf einen der angeboten Plätze zwischen eine der unglücklichen Schülerinnen oder Schüler. Er öffnet eine Flasche Möhrensaft und trinkt diesen in einem einzigen Zuge aus.

Der Belieber arbeitet korrekt. Ohne zu zaudern führt er die ihm übertragenen Aufgaben aus. Und keine noch so ekelerregende Tätigkeit weist er zurück. Vielmehr kämmt er vorab nochmal sein rotblondes, glattes Haar. Er zieht einen seiner samtbestickten Haarschnüre aus der Hosentasche, die wie zum Zeichen seiner Anwesenheit im gesamten Krankenhaus verstreut liegen und bindet den Zopf zusammen. Allzu gern sammeln arglose Schülerinnen die scheinbar verlorenen samtenen Schnüre als heimliche Souvenirs. Und nicht selten streiten Büroangestellte mit den Reinigungsfrauen teilweise heftig um deren Besitz. Neuerdings hat man auch Schüler die albernen Schnüre aufheben sehen.

Kommt der Belieber am Nachmittag nach Hause, schläft er sich erstmal gründlich aus. Am Abend, wenn die Mitarbeiter in die Stadt gehen, steht er auf, macht Fünfzig Liegestütze, Hundert Seilsprünge und mehrere Serien Hantelheben. Anschließend duscht er seinen Körper mehrmals gründlich ab. Er gönnt seinem Haar eine Heil-und Pflegekur und seinem Gesicht eine Honig-Gurken-Maske. Ist er damit fertig, feilt, lackiert, bürstet und cremt er sich für die Nacht zurecht. Zum Schluss rasiert er sich mit einer Schablone in den Intimbereich ein chinesisches Glückszeichen oder eine indianische Liebesformel, die die Beliebten in der kommenden Nacht beeindrucken sollen. Danach kleidet er sich modisch an und wartet ungeduldig auf seinen allabendlichen Besuch. Unruhig schreitet er auf dem ausgetretenen Parkettboden auf und ab, kneift sich in die zusammen geballten Hände, zieht sich an den Ohren oder kämmt sich wieder und wieder das schulterlange Haar. Erst das kurze Leuten der Klingel lässt ihn von seinen Handbewegungen innehalten und zur Tür hasten. Mit einem entspannenden Lächeln öffnet er sie und genießt die kommenden Stunden.

Der Belieber ist für seine gründliche Körperarbeit weltbekannt. Hat er Liebeshungrige erst einmal in seinem Wasserbett, begreift und beliebt er sie ausgiebig und von allen Seiten kunstvoll und ohne Unterlass. Und keine noch so kleine oder verborgene Stelle bleibt von ihm unbetastet.
Ist der Belieber nach vielen Stunden mit seiner Körperarbeit fertig, massiert und küsst er die erschöpften, säuselt ihnen erotische Formeln in verschiedenen Sprachen in die Ohren und schwingt die seidene Bettwäsche über sie. Sind sie eingeschlafen, steht er unbemerkt auf und reinigt ihre Schuhe oder bürstet ihre Sachen aus. Dabei greift er in die verstreuten Kleidungsstücke und bringt die Geldtasche an sich. Vorsichtig öffnet er die diese und prüft gewissenhaft deren Inhalt. Hat er sich von der Geldmenge überzeugt, steckt er kleine Münzen oder Scheine hinein, damit die Beliebten am anderen Morgen wohlbehalten nach Hause fahren können. Stets achtet er darauf, dass die eingelegten Münzen oder Scheine an genau den Positionen platziert werden, an denen sich gleichwertige befinden. Ist er damit fertig, schiebt er die Geldtasche zurück, legt sich ins Bett, lächelt erschöpft in den großen Deckenspiegel und schläft von der ausgiebigen Arbeit zufrieden ein.

Jonathan hat ein Foto zu seinem Album hinzugefügt

S: In diese Einöde? Mit Sack und Pack?

J: Jawohl. Und mehr als einen Koffer werde ich nicht mitnehmen.

S: Du machst Witze!

J: Nein. Ich mache Ernst. Neue Kleider kriege ich dort. Ich werde nur ein paar Fotos und ein Tagebuch behalten.

S: Und dein Rechner?

J: Bräuchte Strom.

S: Und dein ganzes Zeug?

J: Kannst du haben, wenn du willst.

S: Okay, nehme ich.

J: Wirklich?

S: Klar, weißt du,  ich leihe mir den Transporter von Andreas und komme nächste Woche einfach mal vorbei.  Wenn ich in meinem Zimmer eine Zwischendecke einziehe, kann ich deine Möbel auch noch stellen…

J: Tolle Idee. Ich fliege aber schon am Sonntag.

S: Du hast die Tickets schon?

J: Das Ticket. Ja.

Sarah scheibt.

Sarah ist online.

Sarah scheibt.

Sarah ist online.

J: Ich lasse alles hier. Du kannst dir holen, was du magst. Was übrig bleibt, fährt Jens irgendwann zum Sperrmüll.

S: Nichts dabei, woran dein Herz hängt?

J: Doch. Aber ich will ein freies Herz.

Sarah ist online.

S: Hast du noch mehr Bilder?

J: Natürlich. Sekunde.

Ziehe Fotos, Musikstücke oder Videos auf diese Fläche, um sie mit Sarah zu  teilen.

S: Herrje, gibt es außer dieser Hütte noch irgendetwas anderes dort?

Klicke hier, um die Ortsmarkierung an einen Freund zu senden.

S: Jonathan, dieses Nichts wird dich auffressen! Du wirst umkommen vor Langeweile!

J: Ganz im Gegenteil: Man führt dort ein sehr geregeltes Leben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.

S: Du verarschst mich doch!

J: Wieso?

S: Man führt dort ein sehr geregeltes Leben, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat? Ganz ehrlich: Schreib diesen Satz auf einen Zettel und wenn du wieder nüchtern bist, lachen wir gemeinsam darüber.

J: Was meinst du?

S: Was meinst DU? Jonathan, wer ist „man“? Du? Du willst „man“ sein? Das ist lächerlich!

J: Kapiere ich nicht.

S: Ist ganz einfach: Du bist nicht „man“. Du bist Jonathan. Der, der im Sommer Strickmützen trägt und im Winter Sneakers. Der, der sich rasiert, weil alle Jungs Bart tragen.  Der, der sich eine Fee auf den Oberarm tätowieren lässt, weil das sonst keiner hat. Seit ich dich kenne, tust du alles um Jonathan zu sein! Und bloß nicht „man“!

J: Sind doch alles Äußerlichkeiten.

S: Ah, verstehe! Äußerlichkeiten spielen keine Rolle mehr, plötzlich?

J: Genau.

S: Moment:  Als ich dich zum letzten Mal besucht habe, standen zwei  Riesendosen Muskelaufbau-Eiweißpulver neben der Hantelbank in deinem Zimmer. Was ist DANN passiert?

J: Nur die Hütte ist passiert. Seitdem ich dort war ändert sich alles.

S: Das merke ich. Gefällt mir nicht.

Jonathan ist online.

S: Und die Wahrheit ist: Ich glaube dir nicht! Du hasst Alltag! Du willst kein geregeltes Leben führen! Das bist nicht du!

J: Das bin nicht ich. Gefällt mir. Doch, ich will ein geregeltes Leben. Mit fester Struktur und klaren Notwendigkeiten.

S: Mit Müssen? Jonny, du bist allergisch auf Müssen! Sehr.

J: Ich meine nicht Müssen.

S: Dinge, die notwendig sind, muss man.

J: Ich werde eine klare Rolle haben. Eine Aufgabe. Mit Bedeutung für andere.

S: Weißt du schon welche?

J: Sie brauchen einen Wasserträger.

S: Nee, is klar.

J: Um das Wasser vom Brunnen in die Hütte zu bringen.

S: Und dafür hast du studiert? Um hauptberuflich Wasser für Grüntee ranzuschleppen?

J: Nicht nur für den Tee. Auch für die Waschungen. Und die Speisen.

S: Oh, das sehe ich ein! Bei so viel Wasser braucht man ein abgeschlossenes Studium.

J: Natürlich nicht. Ich brauche kein Studium mehr.

S: Außer Selbststudium, nehme ich an.

J: Das stimmt. Achtsamkeit, Konzentration, Meditation, Beten.

S: Gerade gefiel dir noch Nicht-Ich-Sein. Jetzt willst du dich selbst studieren. Ich sag’s nur.

J: Ich will endlich zu mir kommen.

S: Mir wäre ja lieber, du würdest zu mir kommen.

Sarah lächelt.

Jonathan lächelt.

S: Und dann? Wenn du bei dir bist?

J: Dann will ich mich überwinden.

Sarah lacht laut.

J: Man MUSS zu sich kommen, um sich zu überwinden. Ich glaube das!

S: Und warum? Und was soll das bedeuten?

Jonathan ist online.

J: Ich selbst sein hat jedenfalls nicht funktioniert.

S: Weil du dich nie getraut hast!

J: Und du so?

S: Es geht um dich, gerade.

J: Es geht immer um mich, Sarah! Das ist ja, was so nervt!

S: Häh?

J: Mein Leben ist ein Hoppserlauf von Strohfeuer zu Strohfeuer. Deine Worte.

S: Hab ich gesagt, ich weiß. Sehe ich immer noch so. Finde ich mittlerweile aber völlig in Ordnung. Solange. Du. Brennst.

J: Ich brenne nur nieder. Ich entfache nichts.

S: Das ist esoterisches Geschwurbel, Jonathan! Was soll das heißen?

J: Ich weiß nicht, wozu ich hier bin.

S: Und da dachtest du dir: Mensch, auf der anderen Seite des Planeten suchen sie einen Wasserträger, das wär‘ doch was für mich!

J: Die brauchen einen Wasserträger. Er fehlt dort. Ich bin hier zu viel.

S: Schaff dir Kinder an, wenn du zu viel Zeit hast!

J: Ich will keine Kinder, bevor ich weiß, worum es geht.

S: Es GEHT um Kinder, Jonathan! Es geht immer um Fortpflanzung! Überall!

J: Das ist sinnlos.

S: Und wenn schon. Es funktioniert.

J: Nicht für mich.

S: Jonny, Sinn ist eine Erfindung der Menschheit. Juckt die Natur kein bisschen, wenn der fehlt.

Jonathan ist online.

S: Bei Wikipedia steht, dass die nur miteinander sprechen, wenn es unbedingt nötig ist. Übst du wohl schon?

Jonathan lächelt.

J: Ich habe jedenfalls nichts zu sagen, gerade.

S: Du wirst das nicht aushalten, wenn du dich erst einmal daran gewöhnt hast. Alles, an das du dich jemals gewöhnt hast, hast du aufgegeben.

J: Ich weiß. Aber diesmal –

S: Mich auch.

J: Ja.

Jonathan küsst Sarah.

Jonathan ist offline.