Herr Bär und die Wespe

„Wir sollten es bei einer Verwarnung belassen, Herr Bär.“
Er hat die Lippen schon geschürzt, als er stockt.
„Finden Sie nicht?“
Sein Glas hat vibriert. In der Sekunde, in der er es ansetzen wollte, hat es vibriert. Er verharrt.
„Aber wieso?“
„Frau Brunner arbeitet seit 34 Jahren für uns. Acht davon für Sie, Herr Bär. Sie waren immer zufrieden.“
Langsam senkt er das Glas und stellt es vor sich auf den Tisch. Er beugt sich darüber und starrt hinein, wie in ein Mikroskop. Auf dem Spiegel seiner Apfelsaftschorle kämpft ein Insekt gegen das Ertrinken.
„Nein!“ Er schlägt eine Hand vor den Mund.
Sie blättert durch Ihre Unterlagen.
„Aus den jährlichen Leistungsbewertungen, die Sie geschrieben haben, geht aber hervor, dass Sie sogar sehr zufrieden mit ihr waren.“
Mit großen Augen sieht er auf. „Völlig unerheblich, jetzt.“

Hecktisch dreht er den Kopf hin und her. Er klopft die Taschen seines Jacketts ab, dann die seines Hemdes, dann die seiner Bundfaltenhose.
„Frau Brunner hat sich eine Verfehlung geleistet, Herr Bär.“
Er kippt das Glas an und stiert hinein. Das Insekt paddelt um sein Leben.
„Aber ihre Anstellung bei uns ist von außerordentlicher Wichtigkeit für sie.“
Er stellt das Glas ab. Mit beiden Händen fährt er sich durchs Haar. „Ihr Strohhalm.“
Erschrocken legt sie die Hand auf das silberne Kreuz in ihrem Dekolletee.
„Die Anstellung? Ihr Strohhalm?“ Sie nickt langsam. „Gewissermaßen.“
„Geben Sie ihn mir.“
„Was?“
„Ihren Strohhalm. Sie können Ihren Tomatensaft ohne trinken.“
„Warum sollte ich?“
„Schnell!“
Er streckt den Arm über den Tisch und schnappt sich den Strohhalm. Er zieht ihn durch die Lippen, um ihn vom Tomatensaft zu reinigen. Er achtet sorgfältig darauf, nicht seine Krawatte zu bekleckern.
Sie nimmt ihre eckige Brille von der Nase und lacht. „Herr Bär! Was wird das?“
Er schmatzt. „Ein Exempel, Frau Lugner!“

Vorsichtig fährt er mit dem Strohhalm in das Glas und legt ihn an die Seite des Insekts.
Mit offenem Mund starrt sie ihn an. „Sie retten eine Wespe?“
„Biene.“
„Sie retten eine Biene?“
„Einer Wespe würde ich genüsslich beim Ertrinken zusehen.“ Er grinst.
Die Biene angelt nach dem Strohhalm. Sie findet keinen Halt. Er schiebt sie an den Rand des Glases. Immer wieder landet das Insekt in der Schorle. „Mist!“

„Frau Brunner wird sich in der Sitzung nachher vor dem versammelten Vorstand für ihr Verhalten entschuldigen, Herr Bär. Wir sollten ihre Entschuldigung annehmen. Finde ich.“
Er greift nach dem Glas und legt es so schräg wie möglich, ohne dabei Schorle zu verschütten. Die Biene treibt ganz nach hinten zum Boden des Glases. „War ja klar!“
„Sie tut mir einfach leid, Herr Bär.“
„Mir auch. Es ist alles meine Schuld. Man darf süße Getränke nicht offen stehen lassen in einer solchen Umgebung.“
„Ich meine Frau Brunnner, nicht die Biene!“
„Sie ahnen ja nicht, wie wichtig Bienen für die Landwirtschaft sind!“
„Ihre Sekretärin ist mir augenblicklich wichtiger. “

Unermüdlich stochert er mit dem Strohhalm nach der Biene. Die Kunststoffoberfläche ist zu glatt. Die Biene hat keine Chance. Frau Lugner lehnt sich zurück und seufzt. „Die ist hin, Herr Bär.“
„Das sehe ich auch so.“ Er zieht die Schultern an. „Wir haben sensible Daten zu verarbeiten. Ich kann Frau Brunner nicht mehr Vertrauen. Frau Brunner hat mich hintergangen.“ Er lässt wieder locker.
Ihr Blick schweift über den Platz. „Indem sie eine Frikadelle gegessen hat?“ Sie schließt die Augen und badet ihr Gesicht in der Sommersonne.

Frustriert stellt er das Glas vor sich ab. Darin tobt eine Springflut. Die Biene hält sich wacker. Mit dem kleinen Finger angelt er nach ihr. „Es geht nicht um die Frikadelle.“ Der Finger ist zu kurz, die Hand zu dick, der Pegel zu niedrig. „Verdammter Mist!“
„Worum dann? Ums Brötchen?“ Sie legt ihre Brille auf den Tisch. Er studiert den ungewohnten Anblick ihres brillenlosen Gesichtes. „Es kommt auch nicht auf den Wert des Brötchens an, sondern einzig und allein auf das Vertrauen.“
Frau Lugner öffnet einen Knopf ihrer Bluse um noch mehr Sonnenstrahlen zu erhaschen. „Und ihr Vertrauen ist nachhaltig erschüttert, weil sich Frau Brunner ein Frikadellenbrötchen gemacht hat?“
Er hält die Luft an. Blitzschnell beugt er sich über den Tisch und greift sich das Glas Tomatensaft. Frau Lugner wirft die flachen Hände in die Luft. „Was ist nur los mit Ihnen?“

Er nimmt sein Glas und legt es schräg. Aus dem Glas in der anderen Hand lässt er langsam den Tomatensaft in die Schorle fließen. Schnell bilden die beiden Flüssigkeiten eine trübe dunkelorange Einheit. Auf deren Spiegel strampelt eine hilflose Biene.
„Der Knackpunkt ist, dass sie sich seit Jahren schon vor den Sitzungen des Sachverständigenrats am Buffet bedient hat.“ Er knallt das leere Glas auf den Tisch. „Hinter meinem Rücken.“
„Wie sind sie ihr auf die Schliche gekommen?“
„Sie hat es zugegeben.“
„Aber wie haben Sie es bemerkt?“

Ruhig richtet er das Schorleglas auf. Mit dem Zeigefinger der freigewordenen Hand bildet er einen Haken, den er neben der Biene in die Flüssigkeit taucht.
„Es gab einen Verdacht. Wir haben dann bei der letzten Sitzung des Sachverständigenrats nachgezählt.“
Langsam fährt er mit dem Haken unter die Biene. Vorsichtig hebt er ihn an. Mit den Hinterbeinen zuerst krabbelt die Biene auf seinen Finger.
„Und siehe da.“ Er strahlt.
„Es fehlte eine Frikadelle?“
Er wird ernst. „Eine Frikadelle und zwei halbe Brötchen.“

Er hebt die Biene aus der Flüssigkeit, die unerwartet sämig von seinem Finger tropft. Die Biene wagt ihre ersten benommenen Schritte.
„Sie wird sie stechen!“
„Die Hand, die sie rettet?“ Lächelnd runzelt er die Stirn.
Sie hebt ihre Unterlagen wie einen Schutzschild. „Der Stich einer Biene kann gefährlich werden!“
„Wespenstiche sind deutlich gefährlicher.“ Er führt den Finger dicht vor seine Nasenspitze.

Das Insekt beginnt sich zu putzen. Zuerst reinigt sich die Biene mit dem vordersten Beinpaar die Fühler. Ein bisschen sieht das aus, als würde sie sich frisieren. Er beobachtet den Vorgang mit kindlicher Freude. Frau Lugner beobachtet ihn, verliert aber nach einigen Sekunden das Interesse.
„Wir könnten Frau Brunner versetzten, Herr Bär. Wir könnten ihr die Chance geben, sich das Vertrauen an anderer Stelle wieder zu erarbeiten.“
„Am Gefährlichsten sind übrigens diejenigen Wespen, die für Bienen gehalten werden.“
Die Biene reibt sich ihre Vorderbeine abwechselnd aneinander und an ihrer Brust. Die Mittelbeine säubert sie, indem sie sie anwinkelt und sich damit mehrfach über ihren behaarten Bauch fährt. Mit den Hinterläufen verfährt sie ebenso.
Bär sieht sie scharf an. „Ich möchte, dass Sie ihr kündigen.“

Dann angelt er das Taschentuch aus der Brusttasche seines Jackets. Mit einem geübten Hieb in die Luft entfaltet er es, bevor er es vor sich auf dem Tisch ausbreitet.
„Frau Brunner hat angedeutet, dann das Arbeitsgericht anzurufen.“
„Wissen Sie eigentlich, dass Bienen sterben, wenn sie stechen?“
„Herr Bär.“
„Ihr Stachel hat Widerhaken. Beim Herausziehen reißt ihnen das Hinterteil ab. Bienen verwenden ihren Stachel deshalb klug. Nur Wespen können es sich leisten, wild um sich zu stechen.“
Langsam führt er den Finger zum Tisch und rollt ihn sachte darauf ab. Die Biene klettert auf das Taschentuch.

Frau Lugner schüttelt den Kopf. „Das tun Wespen nicht. Sie wehren sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Das ist ihr gutes Recht.“
„Wie wollen Sie das beurteilen, Frau Lugner? Sie können Bienen und Wespen nicht voneinander unterscheiden.“
„Auch Wespen haben ihren Platz.“
„Bienen sind fleißige Nützlinge, Wespen hinterhältige Räuber.“
„Ein Wespenvolk vertilgt bis zu 500 Gramm Schädlinge pro Saison. Sie wissen das, Herr Bär.“
Er faltet die Hände vor dem Kinn und lächelt anerkennend.

„Ich bin aber allergisch gegen Wespen.“
Sie schlägt ihre Unterlagenmappe zu und wirft einen Blick auf ihr Handy.
„Wir müssen, Herr Bär. Die Sitzung beginnt in zehn Minuten.“
„Einen Moment noch.“

Wenige Augenblicke später wagt die Biene den kurzen Flug zum Hortensiengesteck in der Mitte des Tisches. Herr Bär faltet gewissenhaft sein Taschentuch. Schmunzelnd steckt er es zurück an seinen Platz.

Im Juli 2009 wurde einer seit 34 Jahren für den Bauernverband Westfalen tätigen Chefsekretärin gekündigt, weil sie ohne Wissen ihrer Vorgesetzten zwei halbe Brötchen und eine Frikadelle von deren Buffet aß. Das anschließende Gerichtsverfahren wurde mit einem Vergleich beendet; die Klägerin erhielt eine Abfindung.

Veröffentlicht von

Korbinian

Korbinian Saltz wurde im November 1978 in Kapstadt geboren. Seitdem ist er unterwegs in Richtung Norden. Weil er ein miserabler Fotograf ist, versucht er alles, woran er sich erinnern möchte in Worten zu bewahren. Einige davon veröffentlicht er hier. Andere auf korbiniansaltz.de

5 Gedanken zu „Herr Bär und die Wespe“

  1. Helft mir auf die Spruenge, Freunde. Was hat die Bienen-/Wespen-Rahmenhandlung mit der Frau zu tun, die entlassen werden soll? Ich seh die Parallelen oder Gegensaetze nicht, es sei denn „ein Herz fuer Tiere, ein Herz fuer Blumen, nur ein Herz fuer Menschen haben wir leider nicht“ (Zitat: EAV) aber nein, das kanns nicht sein, weil Wespen mag er ja auch nicht, der Boesewicht.

    1. Herr Bär, mag das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu haben. Er hat eine sehr eindeutige Vorstellung von der Welt und scheut nicht davor zurück, die Wirklichkeit hier und da zurecht zu stutzen, damit sie wieder zu seiner Schablone davon passt. Bienen sind gut, Wespen sind Böse, Bienen sind Nützlinge, Wespen sind hinterhältige Räuber. Manchen Räuberinnen kann man kündigen. Im Text wie im zugrundeliegenden Fall ist der Vorgesetzte menschlich verletzt davon, dass sich Dinge von ihm unbemerkt hinter seinem Rücken abgespielt haben. Meinem Gefühl nach geht es ihm dabei nicht so sehr um den Verlust von Vertrauen, sondern viel stärker um den Verlust von Kontrolle. Den kann er nicht aushalten.

      Besten Dank, herumwiesel, für Ihre Aufmerksamkeit, Ihren Kommentar und Ihr Interesse.

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