Aljoscha Teil IV

Er setzte sich auf die Schwelle des Gasthauses, das ihn und seine Geschwister all die Jahre zuverlässig ernährt hatte und das ihm deswegen jetzt der vertrauteste Ort auf dieser Welt war. Aljoscha wusste, würde er jemals zu Gelde kommen, würde er viele solche Gasthäuser über das Land verteilt bauen, den Kindern darin Zuflucht gewähren, sie jeden Tag mit süßem Brei und Kuchen ernähren und ihnen das Alphabet in schönen großen Buchstaben auf die Fensterscheiben schreiben lassen. Außerdem würde er darauf achten, dass keiner der anderen Gäste jemals die Hand gegen eines der Kinder erheben würde. In diese wunderbaren Gedanken versunken, lehnte er seinen Rücken an die Hauswand aus dicken übereinander gefügten Kiefernstämmen. Er drehte den Kragen hoch, drückte seinen schlanken Hals in den schmutzigen Stoff hinein und überkreuzte die Beine. Weil er dennoch zu frieren begann, schnürte er den aus Lederresten verflochtenen Gürtel, der seine Hose und die dünne Stoffjacke nur leidlich zusammenhielt, enger um die Taille und hauchte über die erkalteten Fingerkuppen. Dabei hörte er durch das geschlossene Fenster die vielen Stimmen, die wild durcheinandersprachen. Da er von je her nicht die Neigung der Anderen besaß, Dinge, die ihn bewegten seinen Mitmenschen mitzuteilen und deswegen auch von klein auf, keinerlei Veranlassung verspürte, mit irgendjemanden über das notwendige Maß hinaus ins Gespräch zu kommen und wegen dieser Eigenschaft in früheren Jahren manchmal in der Nachbarschaft sogar als geistig zurückgeblieben gegolten hatte, wunderte er sich nicht wirklich über das Gemurmel. Schon lange hatte er es aufgegeben herauszufinden, was Leute dazu antrieb, immerzu zu erzählen, anstatt sich still über den Tag, die Heiligen und die schöne Natur zu erfreuen. Eine Zeit lang hatte er es wie die Anderen versucht. Aber egal was er erzählte, sie machten sich entweder mit hämischen Sprüchen über seine Worte lustig oder fuhren ihm bei jedem zweiten Satz über den Mund, sodass er seine Gedanken oftmals nicht zu Ende bringen konnte. Und so nahm er es als eine Art Schicksal an, den Anderen still zuzuhören und dann und wann, wenn diese eine Pause einlegten, nachzufragen oder sie wortlos anzusehen, zuzustimmen oder auch gar nichts dergleichen zu tun und ihnen stattdessen zu versprechen für sie und ihre Sorgen zu beten. Die Erfahrung schien dem Jungen Recht zu geben. Bemühte er sich mit ihnen um eine Tagearbeit, bekam meist er den Auftrag und nicht die Gesprächigen. Zufrieden rieb Aljoscha den Kopf über die Rinde der Kiefernstämme und betrachtete den leckeren Kuchen, den der freundliche Mann ihm eben auf der Straße einfach so in die Hand gelegt hatte. Er rieb sich über die Stelle der Stirn, auf die ihn der Fremde eben geküsst hatte und überlegte, wann er das letzte Mal einen so unerwarteten Kuss erhalten hatte und ob er überhaupt schon einmal von einem Mann geküsst wurden war. Dass seine Mutter so etwas mit ihm früher vor dem Zubettgehen gemacht hatte und er mit solchen Aufmerksamkeiten häufiger bedacht wurden war, als die sieben Geschwister, begriff er immer dann, wenn sie ihn nach dem Kerzenlöschen in die Waden kniffen, einen Klaps auf die Schulter gaben oder die kleinen Geschwister beim Fortgehen der Mutter weinten und von ihm getröstet werden wollten. Er lächelte über den Gedanken, zwickte sich selbst in die Seite und beschloss, all seinen Geschwistern, wenn er nachher Hause käme, mindestens einen Kuss auf die Stirn und einen weiteren auf den Mund zu geben. Glücklich über seine Idee, schob er die Zunge über die Zuckerkruste und tupfte sanft über die unebenen Klümpchen, die der Bäcker wohl in der Schnelle seiner vielen Handbewegungen unachtsamer Weise darauf verteilt haben musste. Nach einer Weile machte er eine Pause, schob den runden Marmorkuchen vor die Augen und schaute ihn aus der Tiefe seines hochgeschobenen Kragens an, als wollte er sich noch einmal überzeugen, dass er tatsächlich im Besitze eines so schmackhaften Kuchens war. Er hielt ihn an die Nase und sog den Duft des Teiges in sich hinein. Aljoscha streckte die Zunge soweit er konnte heraus und begann mit der Zungenspitze kleine Kreisbewegungen über die Klümpchen zu ziehen, bis diese glatt geleckt waren. Unebenheit für Unebenheit leckte er so Stück für Stück herunter. Und Schicht für Schicht leckte er anschließend auch den dicken Zuckerguss ab. Als dieser abgeleckt war atmete er zufrieden ein und aus, schloss die Augen und begann in den Teig zu beißen. Endlich spürte er ein Mandelstück. Er pulte es aus dem Teig, schob es zwischen die Zähne, verharrte einen klitzekleinen Moment und zerknackte es schließlich. Das Geräusch gefiel ihm. Wieder begann er zu pulen und holte ein weites Mandelstück hervor. Auch bei diesem machte er eine Pause und biss darauf. Aljoscha pulte und pulte bis der Kuchen in zwei Hälften zerbrach. Dankbar gedachte er des fremden rothaarigen Mannes, mit den lustig klingenden Glöckchen an den Stiefeln und der schönen Pelzkappe, der ihn völlig unerwartet geküsst hatte und dessen Kuss er immer noch als angenehm empfand. Er freute sich über seine Heiligen und war sich sicher, dass sie ihn nie verlassen und auch weiterhin beschützen würden. Mit dieser Gewissheit, die er schon als kleiner Junge aus irgendeinem Grunde in sich trug und die ihm schon frühzeitig das Gefühl gab, eines Tages still für Gottes Ruhm und Ehre tätig werden zu dürfen, schlief der Junge auf der oberen Stufe kauernd und sich in einem Kloster mit weißen hohen Mauern sehend und allerlei Geschenke an die Armen verteilend, ein.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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