Wie ich geschlafen habe? Gut, danke. Und Sie? Oder ist das eine ernst gemeinte Frage? Wirklich? Dann kann ich das nicht beantworten. Es ist eine absurde Frage, sofern Sie sie ernst meinen.
Die Handlungsrichtung ist falsch. Verstehen Sie? Sie verdrehen Aktiv und Passiv. Wenn Sie mich fragen, ob ich gut geschlafen habe, dann klingt das, als würden sie herauszufinden versuchen, wie erfolgreich ich bei der Verrichtung der Tätigkeit Schlafen war. Aber ich habe ja gar nichts getan. Wissen Sie, was ich meine?
Sie stehen am Straßenrand und warten auf den Bus. Der Bus kommt, Sie steigen ein. An der Endstelle werden sie abgeholt. Niemand fragt Sie dann: „Wie bist du gefahren?“ Die Frage lautet vielmehr: „Wie war die Fahrt?“, richtig? Jedem wäre klar, dass Sie von Ihrem Fensterplatz aus stundenlang in die Landschaft starrend nichts zu Route und Verlauf der Busfahrt beigetragen hätten. „Wie wurden Sie geschlafen?“, müssten Sie mich also fragen, wenn Sie etwas anderes als „Gut, danke.“ hören wollen. „Wie haben Sie geschlafen?“ kann nur eine höfliche Floskel zur Antwort haben. Jahrelang habe ich Germanistik doziert, später ein entsprechendes Institut geleitet; ich möchte Sie bitten, mich nicht mit Floskeln aufzuhalten
Ist das also Ihre Frage? Wie ich geschlafen wurde? Ich weiß nicht. Das ist meine Antwort. Bitte denken Sie nicht, dass ich Sie boykottiere oder etwas vor Ihnen verheimliche; Sie hören mir zu, das ist sehr sympathisch. Aber „Ich weiß nicht.“ ist die ehrliche Antwort und ehrlich wollen wir doch sein. Ich schlief, ich habe keine Erinnerung.
Was ich sagen kann ist: Ich schlafe schlecht ein. Immer häufiger hat mein Bus Verspätung, manche Nacht fährt er gar nicht. Ich habe das Lesen vor dem Einschlafen aufgegeben, so wie es mir Ihre Vorgängerin, Dr. Buchner, aufgetragen hatte. Sie hat sich meines zugegeben unbeholfenen BusGleichnisses bemächtigt und es in absurde Richtungen ausgedehnt. So befürchtete sie zum Beispiel, ich könne meinen Bus verpassen, weil ich von meinem Buch so gefesselt sei. Oder ich könne die Busfahrt mit einem Krankentransport verwechseln den ich natürlich zu vermeiden versuche, weil ich vor dem Einsteigen einen Arztroman gelesen habe. Ich fand, diesen Gedankengang gelinde gesagt dämlich. Abgesehen davon, dass ich unter keinen Umständen Arztromane lesen würde, schon gar nicht in einer Institution wie dieser, ist mein – Phänomen nicht so leicht zu erklären. Sie müssen folgendes begreifen: Ich habe meinen Körper zu schützen, und mein Problem besteht darin, dass mir das nachts nicht gelingt.
Etwas Klügeres fiel Frau Dr. Buchner leider nicht ein und so schlug sie mir die Einnahme von Tabletten vor, die Muskelkontraktionen im Schlaf unterdrücken. Mir war sofort unwohl bei dem Gedanken, einen Schlafenden medikamentös noch weiter von seinem Körper zu entfernen, als es die Natur ohnehin vorsieht. Aber ich war ratlos genug, mich dennoch auf dieses Experiment einzulassen – ein Fehler. Die Tabletten nahmen mir den letzten Funken Kontrolle über meinen Körper. Und mit der Kontrolle verschwindet auch die Würde, das lässt sich in vielen Situationen des Lebens beobachten. Als die Schwestern mich dazu drängten mir nachts Windeln anzulegen, habe ich mich geweigert, das Medikament weiter einzunehmen. Dr. Buchner protestierte, bezeichnete mich als unwillig und störrisch und schob mich an Sie ab. Sind Sie zuständig für hoffnungslose Fälle? Sie Ärmster.
Viel kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich bin ohne Bewusstsein, wenn diese Dinge mit mir geschehen. Ein trotziger Teil von mir lauert auf den Schlaf, will sich vor ihm verstecken und ihn dann aus seinem Versteck heraus dabei beobachten, was er mit mir tut. Natürlich ist das paradox. Der Schlaf zieht eine klare Grenze. Diesseits Bewusstsein, jenseits Unbewusstsein, wenn es das gibt, Unterbewusstes von mir aus, Sie wissen das besser als ich. Jedenfalls kann man sich ein paar Minuten im Niemandsland dazwischen aufhalten, kurz vor dem Einschlafen, kurz vor dem Aufwachen. Aber der Schlaf erlaubt es nicht, die ganze Nacht in diesem Niemandsland zu balancieren; er duldet keine Spione. Manchmal wirft er mich raus, manchmal zieht er mich zu sich. Ich weiß nicht, was dann mit mir vor sich geht. Ich kann es vor dem Einschlafen nicht erahnen und habe es beim Aufwachen schon vergessen. Oft genug wäre das Vergessen ein Segen, in dem Fall allerdings ist es ein Fluch. Mir bleiben nur die Spuren an meinem Leib.
Können Sie diesen Knopf hier öffnen? Dann kann ich den Ärmel ein Stückchen nach oben schieben. Sehen Sie? Keine Sorge, das sind nur Kratzer. Sie jucken ein bisschen, aber sie bereiten mir keine Schmerzen. Bestimmt denken Sie, ich habe mich selber gekratzt, Sie müssen das denken, Sie sind Psychiater – pardon: Psychologe. Außerdem wird Ihnen Dr. Buchner das erzählt haben, Sie haben doch sicher mit ihr über mich gesprochen. Darf ich ihren Bericht über mich lesen? Ich wette, der ist nicht das Papier wert, auf dem er steht. Denn sehen Sie meine Hände? Wenn ich meine Nägel noch kürzer schneide bluten sie. Geben Sie mir Ihren Arm, wenn Sie mir nicht glauben. Ich werde Sie kratzen so fest ich kann. Größeres Unheil als ein paar rote Striemen kann ich nicht anrichten. Ich bin ohnehin nicht der Typ für körperliche Aggressionen. Ich habe meine Probleme immer mit Köpfchen geklärt.
Zunächst dachte man, ich würde mir die Kratzer vielleicht am Bettgestell holen. Pfleger Pavel hat deshalb das komplette Gestänge meines Bettes mit Mull umwickelt, obwohl das gegen die Regeln ist, wegen der Keime. Man dachte auch, der Mull würde den blauen Flecken vorbeugen. Fehlanzeige.
Bitte helfen Sie mir auf. Ich werde meine Bluse ausziehen, wenn es Ihnen nicht peinlich ist. Ich habe in den letzten Wochen vor so vielen Ärzten und Assistenten im Büstenhalter posiert, dass mir jede Scham fremd geworden ist. Wenn Sie mir nur bitte auch den Knopf des anderen Bündchens öffnen könnten? Danke sehr.
Sehen Sie meine Hüfte? Fünf Hämatome über dem Beckenknochen links, von kirschgroß bis pflaumengroß ansteigend, halbkreisförmig angeordnet. So steht es im Bericht. Geben Sie mir Ihre Hand! Nun machen Sie schon, es gehört zu Ihrem Beruf, fremde Menschen anzufassen. Obwohl, Sie reden eigentlich immer nur, oder? Psychologen machen keine körperlichen Untersuchungen, richtig? Wie dem auch sei: Legen Sie Ihren kleinen Finger auf den kirschgroßen Fleck hier. Sehr gut. Und jetzt den Daumen auf den pflaumengroßen. Na los, ich bin nicht aus Zucker! Strecken Sie Ihre Hand ein bisschen, geben Sie sich Mühe! Und jetzt legen Sie die anderen Finger einfach ab. Was für ein Zufall, oder? Jeder Ihrer Finger kommt auf einem der Hämatome zu liegen. Im Bericht hätte richtigerweise stehen müssen: Die Patientin wurde in die Hüfte gekniffen. Größe und Abstand der Hämatome lassen auf die Hand eines großen, kräftigen Mannes schließen, eines sehr großen, sehr kräftigen Mannes. Steht da aber nicht. Weil es unplausibel ist.
Pavel ist der einzige Mann, der hier nachts verkehrt und er ist lieb und tüchtig, mitnichten aber groß und stark. Dass meine Verletzungen unplausibel sind, ist der Grund warum ich hier mit einem Psychologen spreche und nicht mit einem Polizisten, nehme ich an. Aber ich selbst kann mir diesen Handabdruck nun nicht zugefügt haben. Meine Hände sind zu klein.
Und nur für den Fall, dass das ihre nächste Frage ist: Nein, ich hole mir die Blessuren auch nicht tagsüber. Schwester Marianne, die mir beim Waschen hilft, kennt meinen Körper. Meist ist sie diejenige, die morgens Male findet, welche abends noch nicht da waren; fragen Sie sie selbst. Sie wird Ihnen auch bereitwillig Einblick in meine Medikation geben. Ich nehme keine Blutverdünner. Ich neige nicht zu blauen Flecken. Mein Bindegewebe ist immer noch straff, sehen Sie?
Letzte Woche hat man Frau Schilling, in das leerstehende Zimmer auf der Straßenseite einquartiert, um auszuschließen, dass mir meine Zimmergenossin, diese Repressalien im Halbschlaf oder einem Wahnzustand zufügt. Frau Schilling hat mir das sehr übel genommen. Gestern beim Kaffeetrinken herrschte sie mich an, ob ich denn kein schlechtes Gewissen hätte, mir wäre doch klar, wie laut es zur Straße hin sei. Schlechtes Gewissen gegenüber anderen ist eine merkwürdige Kategorie, finden Sie nicht? Wenn ich zu entscheiden habe, ob lieber ich zur Straße hin schlafen soll oder Frau Schilling, dann werde ich tun was ich kann, damit ich in meine Ruhe behalte. Frau Schilling tut das gleiche für sich. Gewinnen kann immer nur einer. Natürlich tut mir das leid für Frau Schilling, aber es gab nun mal kein freies Zimmer zur Hofseite. Ich frage Sie: Wäre ich Leiterin eines universitären Instituts geworden, wenn ich stets das getan hätte, was anderen nützt? Dass Egoismus so einen schlechten Ruf hat, dient nur der Manipulation der Menschen. Wenn man lange genug nach dem wahren Grund einer xbeliebigen Handlung fragt, wird man immer ein egoistisches Motiv unterstellen können. So gesehen taugt der Egoismus nicht als moralische Kategorie. Frau Schilling schläft nicht freiwillig zur Straßenseite. Dass sie es also tut, macht sie nicht zu einem besseren Menschen als ich es bin. Abgesehen davon ist sie harmlos.
Man hat mir weiterhin auf Geheiß von Dr. Buchner den Schlüssel für mein Zimmer ausgehändigt, so dass ich jede Nacht vor dem Zubettgehen abschließen kann. Welches Gezeter die Oberschwester angesichts eines von innen abgeschlossenen Patientenzimmers veranstaltet hat, können Sie sich denken. Insbesondere, als ich erwähnte, dass ich den Schlüssel nachts schräg im Schloss stecken lasse, damit ihr auch ihr möglicherweise vorhandener Zweitschlüssel nichts nützt. Das hier sei ein Irrenhaus und kein Hotel, hörte ich sie im Schwesternzimmer zetern. Ich finde es immer wieder erschütternd zu sehen, wie gestandene Persönlichkeiten die Contenance verlieren und sich so um Kopf und Kragen bringen.
Der Hausmeister hat die Wirbel meiner Doppelfenster so manipuliert, dass ich die Fenster nur noch ankippen, kann, um sicherzustellen, dass sich von der Straße her niemand in mein Zimmer stielt – über die Fassade in den zweiten Stock. Welchem Spinnenmann sollte das gelingen? Nun ja, dass das alles keinen Zweck hatte, dürften Sie sich denken, andernfalls würden wir uns heute nicht unterhalten. Ich bin die Exotin der Station. Wahrscheinlich bin ich die Exotin des ganzen Krankenhauses. Ich habe mir das nicht ausgesucht, glauben Sie mir. Als Leiterin eines GermanistikInstitutes, war ich nie gewöhnlich – das werden Sie sich denken können. Dass ich aber so auffalle wie hier, ist selbst für mich eine neue Erfahrung – und beileibe keine angenehme.
Können Sie bitte den Reißverschluss öffnen? Nur zu, ich erreiche ihn so schlecht. Ich muss Ihnen meinen Schenkel zeigen. Nein, wenden Sie sich nicht ab. Sehen Sie sich die Wunden an. Schreiben Sie in Ihren Diagnose und Therapieplan, was sie wollen. Aber schreiben Sie nicht, ich würde mir das alles einbilden. Ich möchte, dass sie es selbst gesehen haben. Im Bericht steht dazu: Augenförmige – also aus zwei gegenüberliegenden Viertelkreisen bestehende – dichte Anordnung von Hämatomen an der Innenseite des rechten Oberschenkels. Die Hämatome sind regelmäßig unterbrochen von circa einem Millimeter unverletzten Gewebes, so dass der optische Eindruck einer Naht entsteht. Finden Sie das zutreffend? Hätten Sie das auch so formuliert? Was sehen Sie? Sagen Sie es ruhig. Sie sehen Zähne! Das sind Abdrücke von Zähnen. Ich werde nachts gebissen. Wenn man weiß, dass es Zähne sind, kann man sogar die Reißzähne erkennen, die sich rechts und links der Schneidezähne in meine Haut gebohrt haben. Vier Stück, sehen Sie? Natürlich. Ich nehme Ihnen Ihre Sprachlosigkeit nicht übel, was sollen Sie auch sagen?
Ein Gedanke zu „Flecken, dunkelblau (1)“