Welche Fahrt?

„In Ordnung. – Wo fahren wir hin?“
„Entschuldigung?“
„Was denn? Anschnallen? Ist das Ihr Ernst? So hätte ich Sie nicht eingeschätzt.“
„Wollen Sie mich verarschen?“
„Fahren Sie!“
„Was? Warum sollte ich?“
„Wäre ‚Weil grün ist!‘ ein überzeugendes Argument? Fahren Sie schon!“
„Nicht, so lange Sie neben mir sitzen!“
„Hören Sie das Geräusch? Damit bringen die Fahrer hinter Ihnen ihre Frustration zum Ausdruck. Fahren Sie!“
„Also schön. Aber nur bis zur nächsten Parklücke. Dort steigen Sie aus!“
„Parklücke? In diesem Viertel? Sie sind niedlich, ich hab’s mir gedacht. Außerdem geht die Fahrt doch gerade erst los!“
„Welche Fahrt?“
„Woher soll ich das wissen? Sie fahren. Hier wären übrigens 50 erlaubt.“

„Sind sie auf der Flucht?“
„Sehe ich aus als hätte ich eine Bank überfallen? Ich habe dazu mal recherchiert – aus rein beruflichem Interesse, versteht sich. Die Sicherheitsvorkehrungen der Banken heutzutage verderben einem den ganzen Spaß. Aber glauben Sie mir: Falls ich jemals eine Bank überfalle, würde meine Beute nicht in meine kleine Tasche hier passen. Geben Sie einen guten Komplizen ab?“
„Werden Sie verfolgt?“
„Wer soll mich verfolgen? Agenten? Auftragskiller? Wie aufregend! Aber nein.“
„Ihr eifersüchtiger Ehemann?“
„Sie täuschen sich. Dem bin ich nachgelaufen. Viel zu lange.“
„Ein Kaufhausdetektiv?“
„Halten Sie mich für eine Diebin? Wie langweilig. Oder eine Kleptomanin? Denken Sie, ich sei verrückt?“

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Das Mädchen aus der Fremde

Niemand wusste, wo sie herkam. Sie ging die Straßen des Dorfes entlang, als würde sie schon immer auf ihnen wandeln. Jede Gasse, jedes Schild, jeder Stein, jedes Haus, nichts schien ihr fremd zu sein, kein Baum und kein Mensch. Ihr Kleid flatterte im Wind und der Saum umspielte ihre Knie. Sie setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. Sie trug keine Schuhe und lief doch nicht zu langsam. Ihre langen, weißen Arme schlenkerten neben ihrem schmalen Oberkörper hin und her. Den kleinen Lederkoffer, den sie bei sich hatte, trug sie einmal in der linken, einmal in der rechten Hand. Der große Filzhut saß scheinbar zur Zierde auf ihrem gelockten Schopfe. Alle paar Minuten rückte sie ihn zurecht und zog ihn sich noch tiefer ins Gesicht. Ihre Augen waren so grün wie der Hut.

Die Leute hatten sich viel zu erzählen. Ein jeder wusste etwas anderes zu berichten. Sie wäre fortgelaufen vor dem Krieg, sie wäre fortgelaufen vor der Armut, sie wäre fortgelaufen vor der prügelnden Mutter. Sie hätte kein Geld für neue Schuhe, sie wäre ein trotziges Mädchen, das ihre Eltern nur grämen wolle, sie hätte noch nie Schuhe getragen. Sie suche ihren Vater bei ihnen, sie suche ihr Glück, sie suche sich selbst.

Die Leute wunderten sich. Sie war höflich. Immer gerade so, um anderen gegenüber nicht ablehnend zu sein, und immer gerade so, dass niemand ihr freundschaftliche Empfindungen hätte entgegenbringen können. Und auch sonst war es, als nähme sie von allem das rechte Maß. Es war als bräuchte sie keinen Schlaf und es war als hätte sie keinen Hunger. Niemand sah sie je lachen und niemand sie weinen.

Jeden Morgen lief sie durch das Gewirr der Gassen und kam immer auf verschiedensten Wegen, punkt zwölf, wenn die Kirchenglocke schlug und die Sonne am höchsten stand, unter einem alten Eichenbaum zum Sitzen. Dieser Baum stand auf einem unbewirtschafteten Feld und hätten die Kinder sie vom alten Forststand im nebenanliegenden Wald nicht entdeckt, wüsste es niemand, dass sie hier täglich eintraf. Sie setzte sich unter die beschützende Baumkrone auf ihren kleinen Koffer, den sie stets mit sich führte und über den die Leute im Dorf munkelten, dass sie ihn auch im Schlaf immer dabei habe, weil sie ihn dann anstelle des Kopfkissens benutzen würde. Sobald sie es sich auf dem Koffer bequem gemacht hatte, sang sie. Aber sie sang nicht so, wie jeder im Dorf hätte singen können. Sie sang ganz außergewöhnlich. Niemand hatte bisher so eine Stimme vernommen und nicht nur die Kinder waren entzückt darüber, sondern auch die Bewohner des Dorfes lauschten andächtig der fremden Melodie, wenn der Wind sie zu ihnen trug. Bis zum Untergang der Sonne konnte man sie noch singen hören.

Und so kam es, dass ein jeder auf sie wartete. Ein jeder wartete Tag für Tag auf das Mädchen. Niemand hätte es vor dem Anderen zugegeben, aber jeder wartete auf das Mädchen, das immer barfuß ging, auf das Mädchen mit dem kleinen Koffer in der Hand. Ein jeder wartete punkt zwölf auf ihren Gesang unter dem alten Eichenbaum.

Und wie verstört waren die Leute im Dorf, als eines Tages ihre Stimme ausblieb. Alle stürmten aus ihren Häusern. Die Kinder rannten vorneweg, die Männer kamen mit den Gewehren hinterdrein, die Frauen schluchzten in ihre umhäkelten Taschentücher. Niemand wusste, wo sie hingegangen war.

Verhandlungsbasis

Mit einem Tritt gegen das Schienbein wollte ich Heikos Aufmerksamkeit erregen. Als mich Herr Korkmaz erschrocken ansah, begriff ich, dass ich versehentlich ihn unter dem Tisch getroffen hatte. Durch seinen dunklen Schnurbart sahen seine Zähne noch weißer aus. Ich entschuldigte mich lächelnd und rutschte auf dem Stuhl hin und her, als würde ich eine bequemere Position suchen. Innerlich rang ich um Fassung, während Heiko unbeirrt weitersprach. „Dann ist hier die Zulassung. Und hier Ihre Schlüssel. Ihren Ausweis hatte ich Ihnen ja schon zurückgegeben, oder?“

Ich suchte Heikos Blick. Der aber prüfte durch die Gläser seiner Lesebrille mit der Gelassenheit eines Buchhalters ein letztes Mal, ob alle Felder des Vertrages ordnungsgemäß ausgefüllt waren. Ich räusperte mich. Heiko sah auf und lächelte mich an. „Haben wir etwas vergessen?“ „Ich weiß nicht.“, sagte ich, während ich bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben zog. Heiko sah mich fragend an.

„Wenn Ihnen nicht wohl dabei ist, dass wir das Auto schon heute mitnehmen, können wir auch in der nächsten Woche noch einmal vorbeikommen, um es zu holen.“, sagte Frau Korkmaz, nachdem  sie ihre Hand wie eine Freundin auf meine gelegt hatte. Ihre braunen Augen sahen aus wie schmelzende Pralinen. „Aber das ist doch albern.“, sagte Heiko, bevor mir eine elegante Formulierung zur Annahme dieses vernünftigen Angebotes eingefallen war. „Sie können das Auto schon am Wochenende gebrauchen und hier würde es nur herumstehen.“ Mit einem hilflosen „Naja, aber“ leitete ich ein Argument ein, dass mir dann nicht einfiel. Kurz bevor die Stille peinlich wurde, sagte Herr Korkmaz ruhig: „Ich verspreche Ihnen, dass wir das Geld gleich morgen überweisen.“

Weil alle Dokumente unterschrieben und alle Kaffeetassen leer waren, erhoben wir uns und gingen zur Tür. „Ach, holst du bitte noch den Beutel mit dem Eiskratzer, dem Frostschutzmittel und dem Lackstift?“, fragte Heiko. „Wo ist der denn?“, fragte ich nach einigen Sekunden aus dem Arbeitszimmer zurück, in der Hoffnung, dass Heiko mir nach käme und mir einige Sekunden mit ihm allein bleiben würden. „Gleich am Haken hinter der Tür. Du hast ihn doch selbst dorthin gehängt.“ Ich seufzte.

Auf dem Parkplatz drehte Frau Korkmaz eine letzte Runde um unser Auto. Sie klatschte in die Hände und strahlte mich an. „Ach, ich freu‘ mich so!“ „Das freut mich.“, gab ich unbeholfen zurück. „Du fährst, Arslan.“ rief sie ihrem Mann zu, der unseren Autoschlüssel so gekonnt um seinen Zeigefinger kreisen ließ, als wäre es seit Jahren seiner. „Nichts lieber als das!“ Lachend warf er seiner Frau einen Kuss zu.

„Ja.“ Heiko breitete die Arme aus, bevor er die Hände vor seinem Bauch faltete. „Dann wünsche ich Ihnen allzeit gute Fahrt!“ „Ich auch.“, pflichtete ich bei. „Falls etwas sein sollte, irgendetwas, können Sie uns jederzeit anrufen.“, sagte Herr Korkmaz, während er meine Hand schüttelte. Und „Vielen Dank!“, als er die von Heiko ergriff. Seine Frau war schon ins Auto geklettert und flötete mehrmals „Danke!“ und „Tschüss!“ von innen. Herr Korkmaz stieg ein, startete den Motor und verließ die enge Parklücke mit beeindruckender Sicherheit. Kurz bevor er am Ende der Straße abbog, hupte er noch zweimal zum Abschied. Heiko sah mich an und grinste. „Das war ja einfach.“

„Das werden die sich auch denken“, fauchte ich.
„Wieso?“, fragte er arglos.
„Bist du verrückt geworden? Die haben unser Auto! Wir haben nichts! Außer 10.000 Euro Schulden!“, rief ich.
„Aber die überweisen doch gleich morgen.“, wandte Heiko ein.
„Das haben sie gesagt! Was aber, wenn sie es nicht tun?“
„Ich vertraue denen.“, sagte er nachdenklich. „Du nicht?“
Schweigend stapfte ich durch den Schnee zurück zum Haus.

„Wieso hast du nichts gesagt, wenn du ein schlechtes Gefühl hast?“, fragte Heiko.
„Das wäre so unhöflich gewesen!“, antwortete ich. „Ich will nicht, dass die denken, ich denke schlecht über sie.“
„Tust du aber.“, grinste er.
„Überhaupt nicht.“
Heiko runzelte die Stirn. „Und worüber diskutieren wir dann?“
Ich stützte die Hände in die Hüften. „Wir haben den ganzen gestrigen Tag damit verbracht, im Internet über privaten Autoverkauf zu recherchieren. Wir haben diese goldenen Regeln gefunden. Und die wichtigste gebrochen: Ware gegen Geld! Dabei warst Du doch derjenige, der auf die Warnungen vor arabischen Autohehler-Ringen gestoßen ist!“
„Das waren doch aber keine Araber, sondern Türken.“, entgegnete er verständnislos.
„Nein, das waren keine Türken sondern Deutsche. Deutsche Personalausweise. Du hast sie selbst abgeschrieben.“, berichtigte ich.
„Die hatten ja auch überhaupt keinen Akzent.“, ergänzte er.
„Stimmt.“
„Na also.“, versuchte er mich zu beruhigen. „Dann gibt’s auch kein Problem.“

„Aber woher wissen wir denn, dass die Ausweise echt waren?“, wandte ich ein.
„Die sahen echt aus.“, entgegnete Heiko.
„Kennst du dich aus mit gefälschten Dokumenten?“
„Kein bisschen.“  Heiko kratzte sich am Kopf.
„Siehste!“, triumphierte ich.
„Aber mit Menschen“, fuhr er fort, „und das waren gute.“
„Das ist lächerlich!“, winkte ich ab.
„Nein, das ist Menschenkenntnis.“, zischte er.

„Was, wenn das Profis waren? Die kreuzen hier auf als perfektes Ehepaar, leiern uns lächelnd Schlüssel und Zulassung aus den Rippen und sind in diesen Minuten mit Vollgas unterwegs nach Polen, wo sie die alte Fahrgestellnummer abschleifen lassen!“, fantasierte ich.
„Du spinnst doch!“, sagte Heiko. Und dann lange nichts mehr.

Wir saßen uns an unseren Schreibtischen gegenüber und lasen uns stundenlang stumm durchs Internet. Auf dem Weg zum Fenster warf ich einen Blick auf Heikos Bildschirm. In mehreren Registerkarten suchte er nach Ayşe und Arslan Korkmaz.

„Ach.“, entfuhr es mir zynisch.
„Was?“, knurrte er mehr, als dass er fragte.  „Du hast ja recht.“, sagte er dann. „Das war ziemlich dämlich von uns.“
„Nein, du hast recht.“, gab ich zu. „Das waren keine Betrüger.“
„Es gibt jedenfalls eine Ayşe Korkmaz an der Charité.“, berichtete er. „Und einen Arslan Korkmaz in diesem Jugendzentrum auch.“
„Na also.“ antwortete ich beruhigt. „Wenn sie wirklich Ärztin ist und er wirklich Sozialarbeiter, dann sind es ehrliche Leute.“
„Ja, wenn.“, zweifelte Heiko. „Die können ja auch googeln. Von dieser Ayşe gibt es hier sogar einen Lebenslauf. Vielleicht hatte die Dame, die vorhin bei uns am Wohnzimmertisch saß, den nur auswendig gelernt.“
„Gibt es denn kein Foto?“,  wollte ich wissen.
„Eben nicht.“, antwortete er. „Auch von ihm nicht.“
„Du meinst, die haben sich die Identitäten aus dem Internet gesucht? Damit wir sie finden, wenn wir nach ihnen suchen?“, staunte ich.
„Kann doch sein.“, sinnierte er. „Was weiß denn ich, wie gut die Dokumentenfälscher in den anatolischen Hinterzimmern heutzutage sind! Die Ausweise jedenfalls beweisen gar nichts.“
Ich blies die Backen auf.

„Wollen wir mal die Handynummer anrufen, die sie uns gegeben haben?“, fragte ich.
„Und was sagen wir, wenn sie abnehmen? Dass wir nur mal checken wollten, ob sie keine Verbrecher sind?“ Heiko seufzte. „Das geht nicht.“
„Wir könnten ja unsere Nummer unterdrücken und gleich wieder auflegen.“, schlug ich vor.
Heiko schüttelte den Kopf. „Das ist armselig.“
„Stimmt.“, nickte ich. „Wir warten.“

Für den Rest des Tages mieden wir das Thema. Am nächsten Tag führte uns der Heimweg vom Einkauf am leeren Parkplatz vorbei. Mitten ins Schweigen klingelte mein Telefon.

„Herr Saltz, sind sie es?“, fragte eine freundliche Frauenstimme.
„Ja.“ Ich blieb stehen.
„Hallo, hier ist Ayşe Korkmaz. Ich habe es schon auf dem Telefon Ihres Mannes versucht, aber der ist seit Stunden nicht erreichbar.“
„Wir sind unterwegs.“ erklärte ich verdutzt. „Er hat sein Telefon Zuhause liegen lassen. Tut mir leid.“
„Kein Problem.“, antwortete sie. „Ich wollte nur schnell nach einer E-Mail-Adresse fragen, an die ich den Überweisungsbeleg mailen kann. Wenn wir ihn in Ihr Büro faxen, haben Sie ihn ja erst morgen.“
„Oh, das, das würde uns aber völlig reichen, machen Sie sich keine Umstände“, stammelte ich.
„Gut, dann machen wir es so.“, gab sie fröhlich zurück.
„Gut.“, antwortete ich.
Es vergingen einige Sekunden.

„Ach, und, Herr Saltz?“
„Ja.“
„Was halten Sie davon, wenn wir uns nächsten Sonntag treffen? Mit unseren Kindern und ihrem Hund? Wir könnten einen Spaziergang durch den Mauerpark machen. Und danach könnten wir noch einen Kaffee bei uns trinken. Mein Mann macht den besten Apfelstrudel der Stadt.“
Ich schluckte und spürte, wie ich rot wurde.
„Herr Saltz? Sind sie noch dran?“, fragte sie verunsichert.
„Ja, natürlich.“, entgegnete ich schnell. „Ich habe nur kurz nachgedacht, ob uns nächster Sonntag passen würde.“
„Und?“ Ich hörte, wie sie lächelte.
„Nächster Sonntag passt prima.“