Besuchszeit (Zweiter Teil)

Ich höre wie der Mann ein zweites und drittes Mal an der Tür rüttelt und durch den Briefkastenschlitz Hallo, Hallo, ist da wer, ruft und danach die Treppe runtertrampelt. Ich schiebe mich leise vom Stuhl, schleiche zum Küchenfenster, sehe durch den Vorhang auf das Blumenbeet des schicken Hinterhofes und bemerke, dass die Scheiben völlig verdreckt sind. Ich schüttele den Kopf, nehme den froschgrünen Eimer aus der Ecke, lasse Wasser über meine Hände auf den Boden des Eimers laufen damit kein Laut nach draußen klingen kann und bin mir sicher, dass die Frau mit den gepunkteten Küchenkram von einem sauberen Fenster auch noch nichts gehört hat. Ich ziehe den Vorhang zurück und putze eine Seite des schmutzigen Fensters bis es streifenfrei glänzt. Die andere Seite lasse ich dreckig, damit sie den Unterschied merkt. Als ich den Eimer wieder in die Ecke stelle, sehe ich, dass die Fliesen an der Kochzeile ebenfalls völlig verdreckt sind. Auch hier putze ich eine Seite der Fliesen. Nachdem ich den Eimer zurückgestellt habe, klopfe ich mir auf die Schulter. Ich spiele an der leuchtenden Anzeige und lasse einen Latte Macchiato in die Tasse laufen. Den habe ich aber jetzt wirklich verdient, denke ich stolz. Als ich über den Automaten putzte, kommt mir die Idee ihm endlich einen Namen zu verpassen. Dabei stelle ich wie im Film die Tasse nach jedem Schluck auf die Untertasse, da ich das Klirren des Porzellans wahnsinnig mag. Ich überlege, ob ich den Kaffeeautomaten nach meiner Mutter oder doch lieber nach meinem Papa benenne. Weil mein Papa äußerst akkurat ist und die Chromstangen der Autos immer blankhaucht und weil es grammatikalisch völlig richtig ist, entscheide ich mich seinen Namen zu benutzen. Den Namen meiner Mutter möchte ich für den schicken chromfarbenen Automaten nicht unbedingt benutzen, vielleicht doch eher für den grünen Eimer. Wie unsere alte Pfarrerin, hebe ich die Hand und sage: „Mein kleiner Täufling, ich taufe Dich auf den Namen Jens! Möge die Taufe Dich vor allem Unheil in der Welt bewahren!“ Feierlich küsse ich über das kalte Metall wie über eine Babystirn und murmle: „Im Namen des Allmächtigen!“. Zufrieden greife ich zum Latte Macchiato und tue so, als würde ich drei Tropfen von dem Kaffee über den Automaten kippen. Ich gehe in den Flur, schlürfe wie die feinen Damen in den Pariser Boutiquen den Kaffee mit der einen Hand, mit der anderen wühle ich in den Fächern und kontrolliere die bunten Schuhe. Schimpfend stelle ich die Tasse ab, nehme das Putzmittel und säubere den verkrusteten olivgrünen Schuh, der mit einer schrägen Schleife aus bunten Strasssteinen besetzt ist. Ich stellte mich vor den Spiegel, halte den glitzernden Schuh vors Gesicht, lächle wie ein Mannequin und versuche in das Ding hineinzuschlüpfen. Da ich nicht hineinkomme, ziehe ich die ausgetreten Turnschuhe an, die ihr Freund achtlos in die Ecke geschmissen hat und denke, von meiner Mutter hättest als erstes eine geschallert bekommen und als zweites hätte sie dir die Latschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf gehauen.

Wie die Mechatroniker in der Autowerkstatt meines Papas, schlendere ich mit den ausgetretenen Turnschuhen im Gammelschritt durch den Flur und bleibe vor der geschlossenen Wohnzimmertür stehen. Ich ziehe das dicke Schlüsselbund vom Hals, räuspere mich laut und frage in verstellter Kinderstimme, ob ich eintreten darf, weil ich einen Wohnungsschlüssel im Treppenhaus gefunden habe. Da sich niemand meldet, drücke ich die Klinke herunter, trete in Zeitlupenschritten ins Wohnzimmer, schleiche zum Fenster und sehe auf die Mittagsstraße. Lust auch diese verschmutzten Scheiben zu putzen, habe ich nicht. Viel lieber will ich den neumodischen Fernseher und die Musikanlage probieren, die ihr reicher Freund von seinem vielen Geld hier aufgestellt hat. Ich muss unbedingt sein Foto suchen. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sieht er gut aus, denn nur gut aussehende Männer haben auch einen guten Technik-Geschmack. Ich schnalze wie mein Papa und suche die Fernbedienung. Bei Frauen kannst du die gesamte Bude auf den Kopf stellen bis du die Fernbedienung findest und dann liegt sie in der Küche im Brotkorb oder im Bad zwischen den Schminksachen. Ich gehe in den Flur und sehe die Fernbedienung neben dem rosa Telefon. Aha, da hat sie während eines Liebesfilms ein Telefonat gehabt. Ich nehme die Fernbedienung, gehe ins Wohnzimmer zurück und mache den glänzenden Flachbildschirm an. Typisch, als erstes die ARD, dann das ZDF und dann das Dritte. Wie meine Mutter ändere ich die langweiligen Sender in ordentliche Sender und zappe bis ich meinen Musiksender finde. Jetzt fehlt nur etwas zu Knabbern und ich könnte hier vor dem Superteil übernachten. Ich greife unter die Fernsehzeitung und finde die fast leere Schale mit den Erdnüssen. Die hat garantiert er ausgefressen. Das zum Beispiel hasse ich an Männerwohnungen. Immer sind die Chips und Erdnüsse weg und nur süßer Kram liegen bergeweise da. Eigentlich kann ich froh sein, dass kaum noch Nüsse in der Schale sind, denn bei meiner Diät ist das wirklich nicht sonderlich gut. Und wie ich mich kenne, würde ich doch früher oder später fast alle Nüsse wegnaschen. Ich höre schon wieder die blöde Richterin labern, dass ich doch von der Gesellschaft versorgt werde und sie meine ständige Verletzung der grundgesetzlich garantierten Privatsphäre keinesfalls weiterhin dulden wird, sie mich aber für überwiegend zurechnungsfähig hält und ich endlich lernen muss die Privatsphäre anderer Mitmenschen zu respektieren. Blablabla, ja, was hat die Kuh in Schwarz denn gedacht, dass ich irgendwie Plemplem bin und anderen unnötig auf den Geist gehe? Aber woher, verehrte Frau Richterin, soll ich denn sonst die leckeren Chips herbekommen? Bei uns zuhause, allerverehrteste Frau Richterkuh, sind die Dinger strikt verboten und es gibt für mich und Papa permanent nur die widerlichen Gummibärchen und die ekelhaft süßen Törtchen. Bei dem Gedanken strecke ich der Richterin die Zunge raus, stibitze mit den Fingerkuppen eine und noch eine und noch eine klitzekleine Erdnuss und entschuldige mich in den Fernseher. Ich schalte einen anderen Musiksender ein, sehe Britney Spears und bekomme Lust bei der Mucke die Jacke auszuziehen. Ich ziehe die gepunktete Strickjacke aus, drehe mich wie meine Britney um die eigene Achse, rufe jä, jä, jä und werfe das gepunktete Teil auf die bronzene Männerstatue. Ich beuge mich zu dem Bronzeboy vor, drehe mich zur Seite, wieder zu ihm vor, nach hinten und zur anderen Seite. Ich ziehe das Hemd aus, trommle rhythmisch auf seinen Sixpack, wackle mit dem Hintern, lege dem Bronzemann die Jacke um den Hals, kreise mit meinen Hüften, umrunde den Kerl und greife ihm rein zufällig unten hin. Ich knöpfe meine Hose auf, beuge mich wieder vor, ziehe die Hosen ein Stück herunter, lasse mich wie der Papst auf die Knie fallen, wirble die Arme durch die Luft und zufällig auch etwas um seine Hüften. Außer Puste setze ich mich hin, ziehe den linken Turnschuh aus und werfe ihn auf die Kaninchenbox zu dem blöde glotzenden Tier. Ich ziehe den rechten Turnschuh aus, rieche darin und denke, bei dem Gestank muss er ja ein wahrer Wohltäter sein. Im hohen Bogen werfe ich den zweiten Schuh auf einen der vielen Stahlarme der Deckenlampe. Ich ziehe die Hose aus, springe hoch, rufe wie meine Britney jä, jä, jä und tanze in der Unterwäsche nach dem Musikvideo. Ich kullere auf dem weißen Teppichboden hin und her und hebe die Schultern bis sie mir der Nacken wieder wehtut und mich daran erinnert, dass ich dringend zu einem meiner vielen Fachärzte gehen muss. Da mir die Luft ausgeht, kullere ich mich ein letztes Mal auf dem Teppich, wackele mit dem fast freien Hintern und hebe schwungvoll den Kopf nach oben, dass mein gewelltes Haar über die Schultern fällt. Dabei stoße ich den Kopf am eckigen Glastisch. Ich greife an die Stelle am Kopf und meckere warum die Frau auch den blöden Glaskasten unbedingt da hinstellen muss. Ich beschließe, dass der Tisch dort sowieso nicht hingehört und schiebe ihn unter das Fenster. Da ich beim Umräumen bin, schiebe ich den Schwingsessel in die andere Ecke, stelle die Stahlvase an die Wand und den roten Blumenkasten neben die Tür. Ich ziehe mein Unterhemd aus, setze mich vor den Bildschirm, lege den Kopf auf die Knie und schaue den fast unbekleideten und gut aussehenden Tänzern von Britney zu. Warum ich dabei plötzlich traurig werde, weiß ich nicht, spüre aber, dass ich unbedingt nackt sein muss. Ich winke in den Fernseher, ziehe langsam die Unterhose aus und tupfe sie auf die linke und rechte Brust. Mit beiden Händen knülle ich sie zusammen, werfe sie wie einen Ball nach oben und fange sie mit dem Kopf auf. Damit ich sie nicht wieder irgendwo liegen lasse und sie urplötzlich bei Gericht als Beweismittel, Nummer soundso landet, ziehe ich sie vorsichtshalber über beide Ohren Ich nasche eine klitzekleine Erdnuss, schiebe die verbliebenen Nüsse in der viel zu großen Schale auseinander, damit keiner merkt, das einige der Dinger fehlen. Ich lasse mich rückwärts auf den flauschigen Teppich knallen und kullere mich noch einmal um die eigene Achse. Auf allen Vieren robbe ich zur Wand und bekomme Lust völlig unbekleidet durch die ganze Bude zu toben. Wie die Jungs im Fernseher springe ich hoch und runter, beuge mich nach vorn, winke den hübschen Tänzern von Britney zu und drehe schließlich die Mucke auf. Ich flitze in die Küche, klemme den Griff des Kühlschrankes zwischen die Hinterbacken, drücke beide Hände darauf und öffne mit zusammengekniffen Backen die Tür. Gierig greife ich den Balugacaviar. Ich nehme die große Dose heraus und halte das kühle Teil zuerst über meine Schläfe, reibe sie danach über die Brustwarzen und zum Schluss über meinen schweißnassen Bauch. Ungeduldig reiße ich die metallene Lasche auf, stecke Zeige- und Mittelfinger hinein und hole das schwarze salzhaltige Gelumpe heraus. Wie die Reichen in meinen Lieblingsfilmen lecke ich die Finger ab und stöhne zur lila Küchendecke, dass die verkackte Gänsestopfleber heute auch noch daran glauben muss. Ich renne zurück in den Flur und stelle mich an den mannshohen Spiegel. Völlig aufgeregt wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter, verstelle meine Stimme und sage mit vollem Mund, dass sie endlich der Teufel holen soll, dass sie nicht mehr so viel mit meinem Papa rummeckern soll, dass sie mich nach all den Jahren endlich auch einen Beruf erlernen lassen soll, dass sie ab jetzt mein Zimmer nicht mehr unerlaubt betreten darf und dass sie sowieso alle Menschen aus unserem Viertel hassen. Ich höre wie meine Mutter mir wie immer ins Wort fällt und sagt, dass ich sofort nach Hause kommen soll und sie mich einschließen wird und dass das heute das allerletzte Mal war, das ich allein außer Haus gehen durfte. Vor Wut, dass sie mich wieder nicht ausreden lässt und wieder einsperren will, trage ich das rosa Telefon ins Wohnzimmer und lege es vor die Box zur Musik von Britney. Trotzig gehe ich zurück in den Flur und tanze vor dem Spiegel, strecke meiner Mutter die Zunge heraus und zeige ihr meinen nackten Hintern. Ich nehme den neongrünen Mantel und lege ihn um die Schultern. Mit dem grünen Teil und dem Kaviar, renne ich zurück ins Wohnzimmer und lasse den Mantel wie ein Modell langsam an meiner Haut herabgleiten. Ich greife den Balugakaviar, stecke Zeige-und Mittelfinger wieder hinein und hole einen ordentlichen Batzen heraus. Johlend schiebe ich den schwarzen Kram in den Mund. Dabei äffe ich die bescheuerte Richterin nach, dass ich eigentlich eine Zumutung für die Gesellschaft sei und im Wiederholungsfall für immer weggeschlossen gehöre. Was heißt hier eigentlich und was heißt für immer, du dusslige schwarz eingefärbte fette Kuh, denke ich, wackle mit den Hintern und drehe den Fernseher auf volle Pulle. Ich nehme das neongrüne Teil, lege es auf den Glastisch, stelle mich auf die grüne Fläche und hebe wie ein Sieger die Arme in die Luft. Mit beiden Händen schmiere ich den restlichen Kaviar auf meinen Körper. Ich reibe das schwarze Zeug zuerst auf das Gesicht, danach über die Schultern, über die Brustwarzen, dann den Bauch, den Hintern, reibe die Beine entlang und zum Schluss über die Füße. Lautstark beginne ich mich abzuschlecken und finde, dass der nackte Typ mit der Zigarette im Mund hammermäßig einen auf James Dean macht. Außerdem finde ich, dass er einen durchtrainierten Body hat und verdammt gut aussieht. Mit einem angedeuteten Arschbombensprung, springe ich vom Tisch und komme vor ihm zum Stehen. Ich strecke ihm die fast leere Dose Kaviar hin, ziehe die Augenbrauen hoch und sage im Ton meiner Mutter in sein verdutztes Gesicht, wenn er sich die ölverklebten Finger ordentlich gewaschen hat und mir verspricht für immer und ewig brav zu sein und alles machen wird, was ich von ihm verlange, darf er, wenn er will, die Rester rauskratzen. Dafür erwarte aber im Austausch als erstes eine Zigarette und will, dass er mich bei meiner nervigen Mutter nicht verpetzt. Ich gehe eine Schrittlänge auf ihn zu, umgreife seine Hände schiebe die Dose zwischen seine Finger und ziehe die Zigarette aus dem Mundwinkel. Weil er nicht reagiert und mich anguckt, als ob ich nicht da wäre, gehe ich einen Schritt näher an ihn heran. Da er immer noch nicht reagiert, schiebe ich meinen Körper die restlichen Zentimeter an ihn heran, bis sich zuerst unsere Fußspitzen und danach unsere Pimmel berühren. Ich sehe in sein Gesicht, lächle und habe Mühe, ihm nicht die ungekämmten Haare zu streicheln. Stattdessen reibe ich mit den kaviarverschmierten Fingern über seine muskulösen Oberarme. Wie die Orang-Utans in unseren wöchentlichen Gruppen-Therapie-Besuchen im Zoo, schiebe ich die Lippen weit nach vorn und stecke mir die halb abgebrannte Zigarette in den Mund. Ich sauge Luft in meine Lungen und beuge meinen Kopf nach vorn, bis meine Haare an seine Brust fallen. Ich öffne den Mund, atme den eingesaugten Atem aus und puste den Qualm an unseren nackten Körpern hinab. Dabei beobachte ich, wie unsere Pimmel den herabsinkenden Qualm in zwei Hälften teilen. Weil mir das irre gut gefällt, ziehe ich noch einmal Luft in mich hinein und puste den Qualm bis zu unseren Pimmelspitzen hinunter. Dabei überlege ich, was ich machen soll, wenn unsere Pimmel hart werden.

Was soll denn daran unnormal sein, frage ich sie? Mal ehrlich, wenn ich hier rauskomme, kann die Richterin etwas erleben. Und auf meine Wohnungsbesichtigung werde ich mein Lebtag nicht mehr verzichten. Darauf kann sie ewig warten. Lieber möchte ich sterben/tot sein.

Besuchszeit (Erster Teil)

Es ist ganz bestimmt nicht meine Art, an Türen zu lauschen oder in ein Zimmer ohne Erlaubnis einzutreten. Seit ich Kind war und die Eltern das unerlaubte Betreten ihres Schlafzimmers hart bestraften, unterlasse ich solche Dinge. Warum ich mir dennoch über die Jahre angewöhnt habe, an Wohnungstüren zu rütteln, um zu prüfen, ob sie unverschlossen und ihre Bewohner außer Haus gegangen sind, weiß ich ehrlich gesagt bis heute nicht.

In meiner frisch gereinigten Uniform, die ich noch vom Fasching habe, betrete ich das unsanierte Mietshaus und putze im Erdgeschoss meine verschmutzen Schuhsohlen ab. Ich drücke die beiden Türklinken herunter und prüfe, ob eine der beiden Wohnungstüren offen ist. Da sie verschlossen sind, gehe ich ins nächste Stockwerk und kontrolliere auch hier, ob einer der Mieter zufällig vergessen hat, seine Tür abzuschließen. Leider sind auch diese beiden Türen zu. Wenn ich Pech habe, sind in diesem Haus alle Türen fest verrammelt oder mit den neumodischen Schnappschlössern ausgestattet und ich kann zusehen, wie ich zu einen meiner Wohnungsbesichtigungen komme. Da ich seit über zwei Wochen keine Wohnung mehr angesehen habe, schleiche ich mit einem Stapel leerer Briefe in der Hand in die nächste Etage und prüfe die linke und rechte Tür. Wie zu Kinderzeiten rüttle ich an den beiden breiten Flügeltüren, bis ich einsehe, dass ich sie so nicht aufbekomme. Schlecht gelaunt setze ich mich auf die gebohnerte Holztreppe und möchte am liebsten auf den Stapel unbeschriebener Briefe heulen. Mit unruhigen Händen krakle ich meinen Namen mit dem abgenagten Daumennagel in den Glanz der gebohnerten Treppe. Da unten im Haus eine Tür geöffnet wird, springe ich auf und schleiche auf den Boden, stelle mich in den Holzrahmen und warte bis es wieder still wird. Auf dem Weg nach unten sehe ich den vertrockneten Blumentopf und greife unwillkürlich hinein. Als ob ich es geahnt hätte, ziehe ich einen Schlüssel heraus und denke erleichtert, immer noch die gleichen Verstecke und küsse den Schlüssel. Mit noch unruhigen Händen mache ich ihn sauber, halte ihn in die Sonne und küsse noch einmal das nun glänzende Metall. Ich überlege in welche der alten Türen er passen könnte und entscheide mich für die linke Tür. Ich schiebe ihn ins Schloss, halte die Luft an und drehe den Schlüssel langsam in Uhrzeigerrichtung, sodass das Schloss fast lautlos aufgeht. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür eine Handbreit, horche und rufe mehrmals den Nachnamen, der in schnörkelloser Schrift auf dem Schild steht und wiederhole, dass ich einen Schlüssel gefunden habe und die Tür rein zufällig offen stand. Ich warte einen Moment, rufe nochmal den Namen, trete in Zeitlupe über die Schwelle auf den silberglänzenden und voll gefusselten Abtreter und seufze erleichtert. Ich mache einen weiteren Schritt, bleibe auf einem Bein stehen, fummle mit dem anderen Bein den kaputten Abtreter an die Türschwelle und klappere mit meinem dicken Schlüsselbund, den ich bei meinen Wohnungsbesichtigungen stets bei mir trage. Ich drehe den Kopf schnell nach links und rechts, rufe noch einmal den Namen, den ich auf dem Messingschild las, dieses Mal aber im Ton einer Sprechstundenhilfe einer meiner vielen Ärzte und klappere noch einmal heftig mit dem Schlüssel. Endlich lasse ich das Bein herunter, schüttle den Krampf heraus und verschließe die Tür. Ich drücke mein Auge fest an den Späher und sehe prüfend auf den Flur. Als sich niemand rührt, lehne ich mich mit dem Rücken an die Tür, werfe das Schlüsselbund wie meine morgendliche Apfelsine in die Luft und hänge es schließlich wieder um den Hals. Ich reiße die Arme in Siegerpose zur Stuckdecke, schnipse mit den Fingern der linken und rechten Hand und jauchze fröhlich. Warum ich annehme, dass ich wieder in der Wohnung einer Frau gelandet bin, kann ich nicht begründen, bin mir aber auch dieses Mal absolut sicher, dass ich Recht habe. Außerdem, denke ich, habe ich über die Jahre einen Riecher dafür bekommen, wo Frauen wohnen und welche Wohnungen sich somit besonders lohnen, besucht zu werden. Frauenwohnungen finde ich von jeher interessanter, da die Wände farbenfroher gestrichen sind, die Räume liebevoller dekoriert werden, flauschige Teppiche daliegen, Bilder an den Wänden hängen und wunderbarer Schnickschnack überall zu entdecken ist. Zudem kann ich unproblematisch während der Besuchszeit aufs Klo gehen oder gar mal fix in die Badewanne hauen und muss nicht ewig das Papier oder den Badezusatz suchen. Und wenn ich zwischendurch Hunger bekomme, kann ich mit einer Schaumkrone in die Küche schlendern und finde jederzeit etwas Leckeres. Bei den Männern sehen die Wände einfach nur stino-weiß aus, es fehlt der Kleinkram in den Regalen, die Poster hängen einfallslos über den oft schlecht gemachten Betten und sind außerdem meist nicht der Renner. Von den fehlenden Blumen und Essen ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt, hat mich das ständige Wäsche waschen, Heizung abdrehen, Kippen wegwerfen über die Jahre auch ganz schön gestört. Naja, neuerdings werden die Jungs auch etwas reinlicher, achten auf ihre Kleidung und ich muss mich nicht mehr so sehr ekeln, wenn ich die Unterhosen prüfe und die Größe des Dinges anhand der Beulen abschätze. Das einzige was mich überhaupt an Männerwohnungen reizt, ist der ultramoderne Technikkram, den die überall stehen haben. Wenn ich die Wohnung von so einem Technikfreak erwische, kann ich stundenlang an den teuren Geräten rumspielen und habe echt Mühe die Zeit nicht zu verpassen. Und mal ehrlich, so eine ordentliche Musikanlage, oder ein Riesenfernseher, oder so ein Superrechner, da werde ich manchmal neidisch auf den Typen und bettle danach meine Mutter, ob ich vielleicht etwas mit Elektronik lernen darf, wenn sie mich irgendwann endlich mal arbeiten lässt. Und wenn ich dann noch ein Foto von dem Typen finde, das mir gefällt, möchte ich in seiner Wohnung bleiben, mich in seinem Bett rumsielen, sein Rasierzeug und Parfüm benutzen, seine Unterwäsche anziehen und einfach Hallo in sein wunderschönes verdutztes Gesicht sagen, wenn er mit einer Zigarette im Mund nackt aus dem Bad geschlendert käme. Meist frisiere und gele ich meine Haare in seinem Look, setzte mich vor die Technik und fluche so, wie er sicher fluchen wird, wenn die Technik wieder einmal nicht funktioniert.

Bei der Freude endlich wieder eine interessante Frauenwohnung zu besichtigen, öffne ich den breiten Garderobenschrank im Korridor. Wie die aufgetakelte Verkäuferin im Laden meiner Mutter, schiebe ich mit Kennerblick die Mäntel und Jacken auf der Chromstange wählerisch hin und her. Da ich das metallklingende Scharren wahnsinnig liebe, widerhole ich die Bewegung, bis mir die Lust dazu vergeht, und mein Wunsch, möglichst alles anzuprobieren, was auf der Garderobenstange fein säuberlich aufgebaumelt hängt, überhandnimmt. Die Farben der Klamotten gefallen mir allesamt gut: leuchtendes helles Blau, knalliges Rot, blasses Rosa und schrilles Neongrün. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich aus lauter Blödsinn wirklich einen dieser wunderschönen Mäntel anprobieren soll. Ich ziehe meinen Bauch ein, halte die Luft an und strecke die Brust heraus. Nachdem ich im Kragen die Kleidergröße sehe, gebe ich den Gedanken schnell wieder auf, puste die Luft wieder heraus und lasse den Bauch wieder hängen. Neugierig öffne ich die Schubladen und betrachte die Schuhe. Auch diese Farben finde ich wunderbar schräg. Am liebsten möchte ich die Schuhe alle hintereinander anprobieren Aber weil auch das nicht meine Größe ist, stoße ich die Schubladen zu und wundere mich, was für kleine Füße sie haben muss. Ich nehme das Rosa Telefon von der Spiegelkonsole, stelle mich vor den Spiegel, wähle eine Festnetznummer, hebe das Telefon an mein Ohr und setze mich mit gespreizten Beinen auf den weißen kunstfellbezogenen Hocker, auf dem die Frau sicherlich bei ihren stundenlangen Telefonaten vor diesem mannshohen Spiegel sitzt. Dabei überlege ich, was für eine Stimme sie haben könnte, und vor allen Dingen, welche Worte sie am liebsten durch das Telefon ihrem Freund in den unzähligen Telefonaten zuhaucht und welche Worte sie ihm gegenüber lieber vermeidet. Die Stimme des Anrufbeantworters unterbricht meine schönen Gedanken. Ruckartig schiebe ich meinen Kopf in den Nacken, kämme mit gespreizten Fingern durch mein blondes Haar und presse die Lippen zusammen. Ich überlege, was sie mir sagen würde, wenn wir uns kennenlernen würden. Da ich keine Antwort parat habe, und auch nicht sagen kann, ob wir überhaupt miteinander auskommen, oder sie nicht vielmehr eine arrogante und zutiefst dominante Kuh ist, spreche ich meine zwei üblichen Standardsätze auf das Band, die ich jedes Mal spreche, wenn ich von einem unbekannten Telefon aus telefoniere. Ich drücke die Aus-Taste, rieche an dem Plastik des Telefons und küsse die Zahlen, da ich sicher bin, dass auch ihr Freund die Tasten schon verwendet haben muss. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich auf dem Plastik Fingerabdrücke von ungewaschenen Fingern. Na solche Typen sind mir die Liebsten, die kommen gleich zu Sache, fackeln nicht lange, denke ich bei den Fingerabdrücken und hauche „Mechatroniker im ölverschmierten Overall“ in den halbdunklen Korridor.

Ich schleiche zur angelehnten Küchentür, schiebe meinen Kopf hindurch und rufe noch einmal in nicht wirklich ernst gemeint fragender Stimme halblaut den Namen. Dabei halte ich den Schlüssel in der Hand. Als sich auch diese Mal niemand meldet, drücke ich die Schiebetür auf und sehe mich in der großen Küche um. Da ich Hunger bekomme, haste ich als erstes auf den geblümten zweitürigen Kühlschrank zu. Ich reiße die beiden Metalltüren auf, stelle mich in den kühlen Lichtkegel, sehe nach oben, strecke die Hände hoch, falte die Hände zum Gebet und denke, Halleluja, der Frau geht’s aber richtig gut. Seit ich mir vor langer Weile auch tagsüber die amerikanischen Serien ansehe, träume ich davon, wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben einen so großen Kühlschrank aufzumachen und in dem hohen Lichtkegel stehen zu können. Vor Freude endlich vor so einem Riesenkasten zu stehen, nehme ich die Hände wieder runter, öffne die Augen und greife in den Stapel Dosen. Ich ziehe eine heraus und wirble sie wie eine der verhassten Apfelsinen, die mir meine Mutter täglich gegen meinen Willen auf den Frühstückstisch knallt, durch die Luft. Neugierig lese ich die Aufschrift. Französische Gänsestopfleber. Entrüstet werfe ich die Dose in das Kühlfach zurück und frage mich was für eine gewissenlose Pute hier wohnt. Gänsestopfleber geht gar nicht. Ich schüttle den Kopf, greife in den zweiten Stapel Dosen und lese vorsichtshalber gleich den Aufdruck: 1000 Gramm Russischer Balugakaviar. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihn öffnen und ihn wie die bösen Filmhelden genüsslich mit dem ausgestreckten Zeigefinger essen sollte. Da ich nicht weiß, ob wie beim letzten Mal übertriebene Schadenersatzforderungen auf mich zukommen und die nörgelnde Richterin mir meinen kleinen Hunger wieder als Habgier auslegt und ständig darauf verweist, dass ich doch Sozialleistungen erhalte, packe ich die Dose widerwillig ins Fach zurück, lecke schmatzend an meinem unbenutzt gebliebenen Finger und hauche wehmütig in die Kühle des Kühlfaches und denke mir, ein anderes Mal bist du fällig. Dabei bemerke ich, dass ich nicht die leckere Dose Baluga meine, sondern die vollkommen bekloppte Richterin vom letzten Mal. Immer der Ärger mit den Richterinnen. Das nächste Mal muss es unbedingt wieder ein Mann sein, die verstehen meine Besuche und können sogar herzhaft darüber lachen. Und einer dieser netten Herren hat sogar meine Mutter angemeckert, dass sie doch eigentlich an allem Schuld sei. Da habe ich laut, ja, da haben sie aber wirklich recht gerufen und gesagt, dass ich überhaupt nicht begreifen kann, warum alle nur auf mir rumhacken und nur mich für distanzlos und bisschen krank halten. Mit Männern komme ich eben besser klar, und die auch mit mir. Ich winke in der verspiegelten Rückwand des Kühlschranks dem netten Richter zu und krame in den verschiedenen Käsepackungen. Neugierig rieche ich daran und entscheide mich, einen angefangenen Ziegenkäse, den ich überhaupt noch nicht kenne, zu probieren. Dabei schaue ich zu meinem Spiegelbild und versuche wie eine interessierte Käseverkäuferin zu wirken. Mit einem Lächeln frage ich, was es den heute sein darf, tippe einen Betrag in die Kasse, machen ein Kassengeräusch und kassiere ab. Anschließend sortiere ich die Packungen nach den jeweiligen Arten in die verschiedenen Ecken der Kühlfächer, die Frischkäse nach unten, die Schnittkäse in die mittlere Ebene und die Camemberts ins obere Fach. Da mir die Einteilung plötzlich unsinnig erscheint, sortiere ich die Käse nach ihrem Fettgehalt, die mageren nach unten, die mittelfetten in die Mitte und die fetteren nach oben. Dabei grinse ich scheinheilig ins Spiegelbild und denke, dafür, mein liebes Mäuschen, musst du dich schon ein bisschen strecken, denn umsonst ist nur der Tod. Die Käse über 60% Fettgehalt werfe ich weg. Da ich zu frieren beginne, reibe ich über meine Oberarme, verstelle die Temperaturskala von fünf auf acht Grad und überlege was für eine merkwürdige Art von Energiesparen sie hat und ob ihr überhaupt klar ist, dass sie die Menschheit mit ihrem Verhalten geradewegs in den Atomtod treibt. Ich schüttle über so viel Blödheit den Kopf, nehme die hellblaue Strickjacke mit den großen rosa Punkten von der Stuhllehne, ziehe sie an, streife die Ärmel nach oben und kontrolliere die restlichen Verfallsdaten. Ganz nebenbei kratze ich die verkrusteten und jahrhundertealten Schmutzflecken ab und wundere mich wie achtlos doch die Leute mit ihren Nahrungsmitteln umgehen und dass sie bei meiner Mutter ein ebenso schweres Leben hätten, wie mein Papa. Über die Jahre habe ich bei meinen Besuchen tonnenweise an abgelaufenen Speisen weggeworfen. Bei dem Gedanken, kontrolliere ich die restlichen Verpackungen, die irgendeinen beschädigten Eindruck machen und werfe die übel riechenden in den Abfalleimer. Ich knalle den Deckel wütend darauf und wasche mir gründlich mit viel Spülmittel die Hände. Als ob die Frau da wäre, frage ich „Wo hast du das Brot?“ Ich öffne einige Schranktüren, nehme Körnerbrot heraus, prüfe auch hier das Verfallsdatum und schneide eine Scheibe ab und belege sie mit dem unbekannten und lecker riechenden Ziegenkäse. Margarine oder Butter schmiere ich nicht darauf, da ich solcherlei Fettschleudern seit Langem nicht mehr verwende. Glücklicherweise finde ich auch nichts dergleichen in ihrem Kühlschrank und kann somit von meinem Vorsatz, wenigsten in diesem Jahr 10 Kilo abzunehmen, nicht abgelenkt werden. Ich freue mich über ihre Vernunft und hole einen Teller  mit einem schönen Mohnblumendekor aus dem Schrank, lege die Scheibe Brot darauf, kneife die Augen zu, führe das Messer aufs Brot und zerschneide schließlich im Blindflug die Scheibe in zwei exakt gleiche Teile. Ich gehe zum modernen Kaffeeautomaten und stelle an der elektronischen Anzeige eine Tasse Kaffee ein. Mit einem Werbelächeln puste ich über den Schaum des Kaffees, halte meine Nase hinein, versuche mit der Zungenspitze das Zeug abzulecken und puste stattdessen den Schaum auf die Marmorplatte. Dabei fällt mir ein, dass ich seit meiner heimlichen Flucht heute Morgen aus meinem abgeschlossenen Kinderzimmer noch gar nicht gegessen und getrunken habe, da ich ja ursprünglich nur mal kurz einen Abstecher zum Bäcker machen wollte. Ich schüttele über meine Bummelei den Kopf und sage im ermahnenden Ton meiner Mutter zu mir selbst, dass ich gleich nach Hause gehen muss, wenn ich hier fertig bin. Ich greife zum grün gepunkteten Schwamm und säubere die totschicke Kaffeemaschine von den Kaffeeresten der letzten Wochen und Monate und begreife nicht wie das Ferkel so eine tolle Maschine so versiffen lassen kann. Wie in der Autowerbung hauche ich über das Chrom und versuche mein Gesicht darin zu erkennen. Ich nehme die Tasse mit dem blauen Allianzwerbeaufdruck und freue mich, dass ich heute einen wirklich gute Wohnungsbesichtigung habe und nicht wie beim letzte Mal in eine fast ausgeräumten Wohnung gelandet bin. Wie immer, schlürfe ich viel zu hastig den ersten Schluck und verbrenne mir dabei den Gaumen. Ich schimpfe über meine eigene Dummheit, setze mich an den unaufgeräumten Stahltisch mit der fetten Marmorplatte, hebe den Teller an meine Nase, rieche nochmal an dem Käsebrot und denke, dass das Luder sehr genau weiß, was schmeckt. Mit geschlossenen Augen beiße ich hinein. Ich öffne die Augen, trinke dieses Mal etwas vorsichtiger aber immer noch zu hastig aus dem Allianzbecher und überlege wie einfallslos sie sein muss, wenn sie tagein und tagaus aus dem billigen Werbebecher ihren köstlichen Kaffee von der megaschicken und nun von mir blitzblank geputzten Maschine schlürft. Auf einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mit ihr jemals befreundet sein könnte. Ich klopfe auf die Schenkel, puzzle zuerst die Brotkrumen vom Teller und erst danach die Käserester auf. Ich strecke die Zunge heraus und lecke genüsslich den Teller sauber. Dabei grinse ich, weil ich weiß, dass ich von meiner Mutter dafür eine gescheuert bekommen hätte. Ich bekreuzige mich flüchtig, bewege meine Schultern zu einem Sorry und stelle den Teller in den Aufwasch. Um mich von meiner Mutter abzulenken, beginne ich neugierig den Stapel Zettel im Fensterbrett durchzublättern. Dabei fallen mir die unzähligen standardisierten Internetrechnungen- und Mahnungen auf. Wenn du mit mir zusammen wärst, würde dir so etwas niemals passieren, denke ich. Ich wische mit dem grün gepunkteten Schwamm über den Tisch und ziehe den Rechner von der anderen Seite des Küchentisches zu mir herüber, klappe ihn auf und fahre ihn hoch. Ich staune nicht schlecht über die Schweinerei des Liebespaares, die sie als Hintergrundbild gewählt hat. Mehrere Minuten betrachtete ich den gut aussehenden nackten Mann und überlege, ob er in dieser komischen Haltung keine Rückenschmerzen bekommt. Damit ich nicht in eine meiner ausschweifenden Tagträume abrutsche und womöglich von der Bewohnerin ertappt und wieder eingeliefert werde und zahllose Untersuchungen über mich ergehen lassen muss bis mich meine detternde Mutter herausholt, ändere ich vorsorglich das versaute Bild mit dem gut aussehenden Mann in eine melancholische Vollmondlandschaft und denke, siehst du Mädel, jetzt hast du etwas Anständiges auf dem neuen Rechner. Ich seufze, reibe mit dem Taschentuch über den Vollmond, öffne das E-Mail-Programm, lese ihre Mails und schreibe Antwortschreiben. Darin drohe ich den Empfängern mit den Anwälten, die bei uns um die Ecke arbeiten und deren Namen ich von jeher so wunderbar furchteinflößend finde. Weiterhin drohe ich mit verschiedenen Gesetzen und fordere sie auf, ihre Gemeinheiten gegenüber der Frau und dem Mann endlich aufzugeben. Mit Freude schicke ich eine Mail nach der anderen an die frechen Absender und schreie bei jedem einzelnen Klick in die Küche: „Da hast du, du elender Kapitalist! Da hast du! Friss doch, du elender Geldhai! Ersticke daran!“ Ich höre wie jemand an der Wohnungstür klopft und in die Länge gezogen „Hallo, Hallo, da ist doch wer“, ruft. Vor Schreck halte ich die Hände vor den Mund, springe auf, werfe versehentlich den Stuhl um, schleiche zur Küchentür und sehe wie der Briefkastenschlitz aufgeschoben wird und jemand hindurchlukt. Ich schließe die Augen und denke, das ist jetzt wie beim letzten Mal, wo ich zu laut war und fröhlich gesungen habe. Ich schleiche auf Zehenspitzen zurück in die Küche, hebe den Stuhl auf, setze mich darauf, lege die Hände auf die Schenkel und weiß, wenn der jetzt die Wohnung aufschließt, das Haus zusammenbrüllt oder die Bullen holt, bin ich geliefert und kann den Sommer wieder woanders zubringen.