Alles andere

„Da bist du! Ich habe dich überall gesucht! Was machst du hier oben?“
Kai sieht Wenzel an, sagt aber nichts. Einen Augenblick später wendet er sich wieder der orange getünchten Stadt zu.
„Komm runter da, Kai. Das ist gefährlich. Und grins nicht so. Sei vernünftig!“
„Machst du dir Sorgen um mich?“
„Allerdings!“
„Das ist schön.“
„Bist du betrunken?“
„Allerdings. Das ist schön.“
„Was soll das, Kai? Es ist noch nicht mal sechs.“
„Spaß machen. Es soll Spaß machen.“
„Okay: Ich greif dir jetzt von hinten unter die Arme und ziehe dich zu mir rüber.“
„Lass mich.“
„Deine Zehen klemmen hinter dem Geländer. Du hängst fest.“
„Na bitte. Ist doch gar nicht gefährlich.“
„Kannst du dir denken, warum diese Dachterrasse von einem Geländer begrenzt ist?“
„Damit man darauf sitzen kann?“
„Sicher nicht.“
„Dann vielleicht als Sprungbock?“
„Los jetzt, Kai!“
„Für einen schönen Köpper in die Stadt?“
„Kai, wir sind 16 Etagen über dem Boden. Wenn du hier runter stürzt bist du tot.“
„16 mal 3 ist 48, plus ein bisschen ist 50. Wie lange falle ich für 50 Meter?“
„Deinem Gewicht nach zu urteilen nicht sehr lange. So, jetzt bitte loslassen, ich habe dich.“
„Hast du Zigaretten?“
„Du kriegst eine, sobald du vom Geländer runter bist.“
„Rauch eine mit mir. Hier.“
„Ausgeschlossen.“
„Feigling.“
„Oh, ja! Das zieht bei mir. Du nennst mich Feigling und ich tue alles was du von mir verlangst, um dich zu beeindrucken.“
„So ist das eben zwischen uns. Komm schon, ich will dir etwas zeigen.“
„Was gibt es da zu sehen, dass ich nicht auch von hier sehen könnte?“
„Nichts. Aber es gibt was zu fühlen.“
„Todesangst?“
„Nein. Chance.“
„Chance?“
„Entweder setzt du dich jetzt neben mich und erlebst es mit mir oder du verschwindest und lässt mich diesen Moment genießen.“
„Genießen? Aushalten.“
Wenzel tritt an das Geländer und atmet tief.
„Nicht nach unten gucken, Wenzel! Sieh mich an.“
„Kai, wie soll ich denn –“
„Linkes Bein über das Geländer schlagen, Geländerstange in die Kniekehle klemmen, linken Fuß hinter eine Geländerstrebe stecken, rechtes Bein nachziehen. Schon sitzt du.“
„Nichts leichter als das, du Klugscheißer.“
„Bist du noch nie irgendwo drüber geklettert?“
„Sehe ich aus, als würde ich viel klettern?“
„Gerade siehst du sehr lustig aus. Du hast ein V zwischen deinen Augenbrauen. V wie Venzel.“
„Das ist sehr hoch, Kai.“
„Toll, oder?“
„40 Meter weniger würden mir auch reichen. Oder 50.“
„Aber der Blick!“
„Es ist der gleiche Blick wie eben.“
„Nur, dass da kein Geländer mehr ist, zwischen dir und –“
„Dem Tod?“
„Dem Leben! Diesem Licht! Diesem –“
„Mir wird schlecht.“
„Du gewöhnst dich dran, gleich.“
„Gleich werde ich nicht mehr hier sitzen. Was wolltest du mir zeigen?“
„Hast du die Zigaretten?“
„Das Päckchen ist in meiner Hosentasche.“
„Na los, gib eine aus.“
„Das geht nicht. Ich werde keine meiner Hände von dem Geländer lösen.“
„Soll ich das Päckchen etwa aus deiner Hosentasche fischen? Das wird aufregend.“
„Unter anderen Umständen gern. Gott, ich hoffe, dass du dir bis an dein Lebensende bei jeder Zigarette Vorwürfe machst, wenn ich jetzt abstürze und sterbe.“
„Vielleicht springe ich dann gleich hinterher.
„Willst du dich umbringen?“
„Was soll ich hier ohne dich?“
„Ha. Ha.“
„Ich will rauchen. Aber davon kann man auch sterben.“
Wenzel löst seine rechte Hand vom Geländer. Nur eine Sekunde, dann muss er sich wieder festhalten.
„Sehr gut! Siehst du? Es passiert gar nichts, Wenzel. Und jetzt in die Tasche mit der Hand.“
„Ich hasse dich, Kai.“
„Du würdest nicht hier sitzen, wenn das stimmen würde.“
Wenzel löst die Hand ein weiteres Mal und stopft sie in seine rechte Hosentasche. Er lehnt seinen Oberkörper Richtung Kai, damit der feste Stoff seiner Jeans mehr Platz für seine fleischigen Hände lässt.
„Da. Zigaretten.“
„Steckst du mir keine an?“
„Mach das selber.“
„Manche sagen, sich von anderen eine Zigarette anstecken zu lassen, sei ein indirekter Kuss.“
„Und manche sagen, sich von anderen zwingen zu lassen, seine Sommerabende auf einer 5 Zentimeter breiten Metallstange in 50 Metern Höhe zu verbringen sei seltendämlich.“
Wenzel steckt sich eine Ecke des Zigarettenpäckchens mit der rechten Hand in den Mund und hält es mit den Zähnen fest. Dann umfasst er wieder das Geländer. Mit der linken Hand greift er nun nach dem Päckchen und reicht es Kai. Der lächelt und nimmt es.
„Feuerzeug?“
„Im Päckchen.“
Kai schlägt das Päckchen gegen seinen Handrücken. Zwei Zigaretten schießen heraus. Eine prallt von Kais Knie ab, die Zweite landet auf seinem Schenkel, rollt in Richtung Knie, fällt sein Schienbein hinunter und landet auf seinem Fuß. Die erste befindet sich inzwischen bereits anderthalb Stockwerke unter ihnen im freien Fall.
„Heilige Scheiße!“
„Man kann nicht widerstehen, oder?“
„Mir wird schwarz vor Augen.“
„Man kann nicht widerstehen, ihr nach zu sehen, stimmt’s? Wie schön sie trudelt, wie sie noch ein bisschen überlegt und probiert, was denn nun die günstigste Position für den Aufprall wäre und wie sie sich schließlich der Schwerkraft ergibt, und mit dem Tabak nach unten und dem Filter nach oben in die Tiefe stürzt. Schön, oder?“
„Du bist ein Sadist. Wolltest du mir das zeigen?“
„Nein, das war ein Versehen.“
„Ein Versehen? Dass du die zweite Zigarette mit deinem Fuß auffängst, war ein Versehen?“
„Nein, das war Glück. Warte, ich rette sie.“
Kai zieht die Zehen an und hebt langsam sein Bein, um nach der Zigarette auf seinem Fuß zu greifen. Wenzel packt Kais Schenkel und drückt ihn wieder auf das Geländer.
„Keine Akrobatik! Bist du verrückt geworden?“
„Nein, sparsam. Ich bin schließlich arbeitslos.“
Erst nach einigen Sekunden zieht Wenzel seine Hand zurück um sich wieder am Geländer festzuhalten. Die Zigarette rollt auf Kais Fuß hin und her, bevor auch sie auf die Straße trudelt.
„Sieh nur, sie wird ganz woanders landen! Der Wind trägt sie ganz woanders hin als die erste.“
„Fantastisch. Aber bevor der Wind auch mich sonstwohin trägt und dich bezaubernderweise ganz anderswohin, bringe ich mich lieber in Sicherheit.“
„Bleib, Wenzel.“
„Du hattest deinen Spaß.“
„Spür das doch mal!“
„Was denn? Meinen Angstschweiß auf der Stirn? Großartig.“
„Das ist bloß die Hitze.“
„Was dann? Panik? Herrlich.“
„Nein, keine Panik. Chance.“
„Chance? Wovon zur Hölle redest du?“
„Achte mal auf den Wind. Wie er dir durchs Haar fährt. Durch den Bart. In dein Hemd. Über deine Knöchel. Und sieh dir die Stadt an, sieh nur! Hinter jedem dieser Fenster wartet eine Geschichte! Und guck, dort drüben, das Flugzeug! Wohin fliegt es?“
„Das ist alles sehr romantisch, Kai, aber die einzige Chance, die ich hier habe, ist abzustürzen und zu sterben. Und das ist eigentlich keine Chance. Das ist ein Risiko.“
„Ja! Das ist das Risiko, genau.“
„Also?“
„Also ist alles, was nicht Risiko ist Chance!“
„Das ist doch pubertär.“
„Nein, das ist wahr! Alles was passiert, wenn du nicht stirbst ist Chance! Begreifst du das? Du könntest jetzt abstürzen und sterben. Oder du könntest ein paar Sachen packen, zum Flughafen fahren und noch heute Abend selbst in einem dieser Flugzeuge sitzen. Du könntest überall leben!“
„Ich muss arbeiten.“
„Blödsinn. Du müsstest dich viel eher mal fragen, was du bist, wenn du nicht arbeitest.“
„Ein Taugenichts wie du?“
„Oder du könntest zu einem dieser Häuser laufen und klingeln um zu sehen, wer hinter den Fenstern wohnt. Vielleicht die Liebe!“
„Ich weiß, wo die wohnt.“
„Oder du gehst in den Supermarkt, kaufst jedes 10. Ding und erfindest ein neues Essen!“
„Soll ich uns was kochen?“
„Kapierst du das nicht?“
„Natürlich tue ich das. Aber musstest du mich in Lebensgefahr bringen um sicherzugehen?“
„Du hast dich in Lebensgefahr gebracht.“
„Weil du versprochen hattest, dich dann endlich außer Lebensgefahr zu begeben. Wärst du dann so weit?“
„Weil ich dir was bedeute.“
„Ja! Du bedeutest mir was. Und? Bist du jetzt überrascht?“
„Gerührt. Ich bin ein bisschen gerührt.“
„Du bist gerührt? Mir zittern die verkrampften Hände vor Panik und du bist gerührt von meiner Zuneigung? Gott, ich bin so ein Idiot!“
„Nein, Wenzel. Ich bin betrunken.“
„Jedenfalls ist es im Augenblick nicht möglich, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen.“
„Ich will gar kein vernünftiges Gespräch führen.“
„Verstehe.“
„Es geht aber nicht darum, etwas zu verstehen. Es geht darum, etwas zu erleben.“
„Und was erlebe ich deiner Meinung nach?“
„Deine Macht.“
„Meine Macht? Ich erlebe deine Macht!“
„Aber nein. Wenn du jetzt aufstehst, die Augen zu machst und auf eine Windböe wartest, ist alles zu Ende. Zack. Deine Macht.“
„Ich will aber nicht, dass alles zu Ende ist.“
„Ich weiß. Aber wann hast du das jemals intensiver gespürt als jetzt?“
„Das stimmt. Noch nie.“
„Genau! Das ist es. Das Ende wollen wir nicht. Aber wir wollen alles andere!“
„Ja. Insbesondere du. Du willst alles.“
„Aber ich tue nichts, leider.“
Kai raucht. Wenzel sieht auf die Spitzen seiner Schuhe, schürzt die Lippen und atmet langsam aus.
„Kai? Willst du dich umbringen?“
„Ich weiß nicht.“
„Du musst doch wissen, ob du lebensmüde bist oder nicht!“
„Nein! Ich bin wach. Ich bin hellwach! Ich habe aufgehört, jeden Tag zu tun, was man eben tut und zu lassen, was man eben lässt. Und ich will meinen Geburtstag nicht jedes Jahr noch lauter und noch heftiger feiern müssen, damit niemand anspricht, wie wenig eigentlich passiert ist seit der letzten Party.“
„Aber du weißt nicht, was du stattdessen willst.“
„Alles andere!“
„Es kann nicht ewig so weitergehen, Kai. Das ist unvernünftig.“
„Diese scheiß Vernunft von der du immer redest: Ich hasse sie! Siehst du die S-Bahn auf der Brücke dort? Das ist, was die Vernunft aus uns macht.“
„Wie bitte?“
„Es ist, als kämen wir als robuste Geländewagen auf die Welt, Allradantrieb, voller Tank, fette Federung. Und dann begegnen wir der Vernunft und die baut uns über die Jahre zu S-Bahnen um, die nur noch in vorgefertigten Gleisen fahren können und selbst das nur, wenn alle Signale auf grün sind.“
„Ich mag S-Bahnen.“
„War ja nur ein Beispiel.“
„Ein alkoholisiertes Draufsichtsbeispiel. Du musst runter von deinem Turm, Kai.“
„Aber wohin?“
„In die Stadt? Mit dem Rad? Zum Beispiel.“
„Au ja! Kommst du mit?“
„Klar. Vorher will ich auch noch eine.“
„Was?“
„Zigarette.“
„Sicher.“

In Wolken

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund. Aus dem Inneren weht ihr eine Fahne verbrannten Diesels entgegen. Die feuchtglänzende Straße lockt wie eine gierig herausgestreckte Zunge. Ein Wagen nach dem anderen ergibt sich bereitwillig.

Auf dem Zubringer hatten sie das Warnlämpchen auf dem Armaturenbrett bemerkt, kurz vor der Einfahrt hatte es nach verschmortem Gummi gerochen, in der letzten Nothaltebucht hatte er angehalten und war ausgestiegen um die Motorhaube zu öffnen. Sie war ein paar Minuten reglos im Wagen sitzen geblieben. Jetzt löste sie ihren Sicherheitsgurt, der mit einem leisen Surren bis zur Schnalle in der beigen Veloursverkleidung verschwand und stieg ebenfalls aus. Allerdings nicht, um ihre Hilfe anzubieten, wie sie selbst noch in diesem Augenblick dachte. Vielmehr war es ihr bestimmt, das Bild zu sehen, das sich ihr bot, als sie auf die Straße trat. Es ergriff Besitz von ihr, noch bevor sie die Tür des Wagens geschlossen hatte.

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund, ein Wagen nach dem anderen ergibt sich. Die graugrünen Gipfel, die wie stumme Zeugen dahinter thronen, sind geköpft von einem tief hängenden Himmel, der den Straßenlärm und das Tageslicht verschluckt. Alles unter diesem Himmel ist mit einem feinen, feuchten Film überzogen, der kalt nach innen kriecht.

Sie hatten geplant, ihren Urlaub auf der anderen Seite des Gebirges zu verbringen, falls man von Planung sprechen möchte und von Urlaub. Es war nicht die Zeit dafür, der Sommer war vorüber, der Winter hatte noch nicht begonnen. Manche Pensionen entlang der Straße waren in Gerüste gehüllt, an denen Planen flatterten, als hätte man sie zugedeckt, damit sie gut schliefen in der Zeit zwischen den Saisons.

Es war auch deshalb nicht die Zeit für Urlaub, weil er in Projekten stark eingebunden war. Nur unter großer Anstrengung war es ihm gelungen, sich die Freiräume für diese Reise zu schaffen. Sie aber hatte es für dringend geboten gehalten, dass sie sich Zeit für einander nähmen in einem Schutzraum außerhalb ihres Alltags. Zumindest waren das die Worte, die er gegenüber seinem Vater gewählt hatte, um die arbeitsfreie Woche zu erklären.

Aus der Motorhaube quillt eine Wolke, weiß und dicht wie Watte, die sich nur zögerlich mit der Umgebungsluft mischt. Innerhalb von Sekunden legt sie sich um und über Arnolds stämmigen Körper wie ein schweres Federbett. Lediglich seine nervös tänzelnden Budapester Schuhe und sein ersticktes Hüsteln zeugen noch von seiner Existenz.

An den Schuhen eines Menschen erkennt man seinen Charakter. Bei keiner einzigen Begegnung hatte sich Arnolds Vater diesen Hinweis verkneifen können. Arnold war schließlich eingeknickt und eigens nach Berlin gefahren, um im Stammhaus am Kurfürstendamm fünf Paar der einzigen Marke zu erstehen, die sein Vater akzeptierte. Den Heimweg über hatten sie gestritten, weil sie sich die Frage nicht hatte verkneifen können, wie es sich denn liefe, in den Schuhen seines Vaters. Man hätte in den Urlaub fahren können für das Geld. Jetzt fuhren sie in den Urlaub.

„Suboptimal, das Ganze.“, sagt Arnold aus der Wolke.
„Warum sagst du nie Scheiße wenn du Scheiße meinst?“, fragt sie in die Wolke zurück. Und dann: „Willst du nicht zuerst das Dreieck aufstellen?“
Noch während er die Taschen aus dem Kofferraum hebt um nach dem Warndreieck zu suchen, atmet sie tief ein, hält die Luft an und steigt in die Wolke. Um sicherzugehen, dass ihre Pumps auf dem Asphalt ihre Existenz nicht bezeugen, setzt sie sich auf die Kante der offenen Motorhaube und stellt ihre Füße auf die verchromte Stoßstange darunter.

Auch sie ist binnen weniger Sekunden völlig umfangen von dichtem Rauch. Ihre Sicht reicht gerade noch bis zu ihren angezogenen Knien, aber schon die Struktur ihrer Strumpfhosen ist kaum noch auszumachen. Sogar der feine Sprühregen kann die Wolke nicht durchdringen. In der Wolke ist es warm. Als sie sich zwei Finger in die Ohren steckt, ist sie glücklich.

„Tschüss, machen Sie’s gut.“ hört sie ihn sagen, als sie ihre Ohren kurz lüftet. Er sagt das immer zur Verabschiedung. Tschüss, mach’s gut. Und noch nie hatte sie verstanden, was er damit meinte. Hatte er Angst, sein Gegenüber würde es schlecht machen? Hielt er es für notwendig, seinem Gegenüber seine Erwartung zu kommunizieren? Versuchte nicht grundsätzlich immer jeder alles gut zu machen?

Sie steckt ihre Finger wieder in ihre Ohren. Sie hört ihr Blut zirkulieren. Dieses dumpfe Wummern hatte sie schon als Kind beruhigt. Für sie klingt es wie das Betriebsgeräusch der Maschine, die im Hintergrund dafür sorgte, dass das Leben lief. Zu hören, dass die Maschine einwandfrei arbeitete bedeutet, dass was immer gerade ist, vergehen wird. Sie findet das tröstlich. Einmal hatte sie versucht, das Arnold zu erklären. Der hatte ein Gesicht gemacht als hätte er Zahnschmerzen und das Thema gewechselt. Als er zum letzten Mal von einer 1-a-laufenden Maschine gesprochen hatte, hatte er den Motor dieses von Hand polierten Wagens gemeint, der zwei Jahre älter war als er und sie nun im Stich ließ. So war das oft mit dem, was Arnold sagte.

Wenn sie mit ihm irgendwo hinkam – zur Jahresauftaktveranstaltung im Rotary Club, zum ersten Gesprächstermin in der Kinderwunschklinik, zum Abschlussball des Salsa-Kurses – und Arnold gefragt wurde, was er mache, antwortete er immer: Ich baue Häuser.

Damit enthüllte er dreierlei. Erstens, dass er Minderwertigkeitskomplexe hatte und auch, dass er findet, dass er eigentlich keine haben müsste. Zweitens, dass er ein Hochstapler ist, aber nicht ohne Gewissen, weshalb er niemals so hoch stapeln würde, dass man ihn des Lügens bezichtigen könnte. Und drittens, dass er gern ein Kreativer wäre, aber eingesehen hat, dass man entweder ein Kreativer ist oder eben keiner, wie er.

Jeder, dem er das antwortet denkt, Arnold sei Architekt, obwohl er das nicht sagt. Tatsächlich ist Arnold Bauingenieur. Und das sagt er auch nicht. Er entwirft keine Häuser. Er ist dafür zuständig, dass Häuser, die andere entworfen haben, von wieder anderen nach einem feststehenden Plan gebaut werden. Bauingenieur ist ein respektabler Beruf. Außer man schämt sich dafür, weil man gern Künstler geworden wäre oder Architekt.

Der Rauch verzieht sich, während sie das denkt. Was auch immer den Rauch verursacht hatte, kühlte sich ab, wie sich alles abkühlt, das niemand mehr befeuert. Als er scherenschnittartig wieder zum Vorschein kommt, ist er gerade dabei sein Telefon in die braune Lederhülle zu nesteln, die sie ihm genäht hatte. Sie nähte gern mit Leder. Jede Naht war eine Narbe, die einer Wunde beim heilen half.

„Was soll das, Ivy?“, fragt er lachend, als er sie wieder erkennen kann. Sie grinst und schnappt nach frischer Luft. Was will man einem Menschen antworten, der nicht versteht, was das Umfangensein von einer Rauchwolke sollen könnte? „Der Pannendienst müsste gleich hier sein.“, murmelt er, die Zigarette schon im Mundwinkel. „Was soll das?“, könnte sie jetzt zurückfragen, aber er würde anfangen sie in eine Diskussion über Genuss zu verwickeln und ihr nicht erlauben, mit ihm eine Diskussion über Sucht zu führen und zwar nicht über die Sucht nach Nikotin. „Was für eine Idiotie, über jemanden zu lachen, der von einer Rauchwolke eingehüllt sein möchte, kurz bevor man sich selbst in eine Rauchwolke einhüllt.“, sagt sie stattdessen. Er sagt nur: „Idiotie, ja?“

Arnold raucht Nil-Zigaretten, und wenn es keine Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Und auch wenn es Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Nicht richtig. Sie beobachtet ihn genau. Er zieht den Rauch in seine Mundhöhle in dem er die Wangen nach innen wölbt. Das macht sein Gesicht noch kantiger, er sieht dann noch besser aus und sie weiß, dass er das weiß. Bevor er den Rauch in seine Lungen zieht, öffnet er kurz die Lippen, so dass die kleine Rauchschwade, die er dadurch verliert einige Sekunden wie ein Schleier vor seinem Gesicht hängt, als sei sie noch ganz benommen von der Dunkelheit in seinem Mund. Die andere Hälfte des aufgenommenen Rauchs atmet er schließlich ein, aber nicht tief, nicht bis zum Bauchnabel, höchstens bis zur Brust. Manchmal lässt er den Rauch auch schon vorher wieder durch die Nasenlöcher entweichen. Arnold verlässt sich darauf, dass die Leute denken, der Rauch müsse in der Lunge gewesen sein, um durch die Nasenlöcher austreten zu können. Das aber stimmt nicht; sie hatte ihn längst widerlegt.

„Kann ich auch eine haben?“, fragt sie.
„Du sollst nicht rauchen, Ivy.“, antwortet er.
„Ich heiße Ivanka.“
„Ich weiß, wie du heißt.“
„Dann mach mich nicht niedlich.“
„Ich versuche, Nähe zu machen.“
„Du machst dich lächerlich.“
„Und du machst dich rar.“
„Und du machst mich wahnsinnig.“
„Ich würde dich wahnsinnig gern glücklich machen.“
„Ich bin glücklich, wenn ich mir die Finger in die Ohren stecke.“

Er raucht. Sie lauscht.

„Ich möchte, dass wir in die andere Richtung fahren, wenn das Auto wieder fährt.“, sagt sie nach einer Weile.
„Aber wir müssen durch diesen Tunnel.“, antwortet er.
„Das passt zu dir. Lieber den leichten Weg, durch den trockenen, ebenerdigen Tunnel nehmen, als den über den gefährlichen, schroffen Berg.“
„Wir müssen bis 19 Uhr angereist sein. Über den Pass werden wir uns um Stunden verspäten.“
„Wenn wir durch den Tunnel fahren, kommen wir nie an. Er wird uns verschlingen ohne zu kauen.“
„Ivy. Bitte. Wir werden durch den Tunnel fahren.“
„Ivanka! Danke. Wir werden umkehren.“
„Wir stehen auf einer 4-spurigen Schnellstraße. In der Mitte ist eine doppelte Leitplanke. Wir können hier nicht umkehren.“
„Dann fahr. Ohne mich.“
„Ivy, bitte.“
„Ivanka!“

Er reicht ihr eine Zigarette und nimmt sich noch eine.
Zwei Menschen vor einem alten Wagen mit aufgerissenem Maul am Rande einer Schnellstraße, eingehüllt in zwei schmale Wolken aus hellem Rauch. Er zertritt seine Zigarette, läuft zum Kofferraum, öffnet ihn und hebt zwei Taschen heraus, bevor er ihn wieder schließt. Er läuft zur Motorhaube und schließt auch sie, bevor er einsteigt. Der Wagen startet nicht, er startet nicht, er startet. Sie raucht. Einer nach dem anderen ergibt sich bereitwillig in den dunklen Schlund, denkt sie. Es riecht nach verbranntem Diesel.

Wann haben Sie zum letzten Mal eine Erfahrung gemacht?

“Wann haben Sie zum letzten Mal eine Erfahrung gemacht?”

Berger zieht die Augenbrauen zusammen. Ein Schweißtropfen schafft den Weg und rinnt Richtung Auge. Der rote Rahmen seiner Brille spaltet Zuckowski optisch den Schädel. Trotzdem schiebt er das breite Gestell langsam wieder Richtung Nasenwurzel. Er verwendet dafür den Mittelfinger der linken Hand. Er hofft, dass ihr Unterbewusstes diese Geste richtig deutet.

“Herr Berger?”

“Am 22. Juni.” Er pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht. “Ein Freitag.”

Zuckowski versucht ein gütiges Lächeln und legt den Kopf schief. Ihre blonden glatten Haare biegen sich auf den Schulterpolstern ihres hellblauen Blazers. “Die Frage zielte mehr auf die Art der Erfahrung ab.”

Der von seinen Wimpern gefilterte Schweißtropfen geht im Tränenfilm seines linken Auges auf. Obwohl es brennt, erlaubt er sich nicht zu blinzeln. “Sie haben nach dem Zeitpunkt gefragt.”

Bis auf die große Perle, die an einer silbernen Kette unter ihrem Ohrläppchen wackelt, verharrt sie völlig regungslos. Er findet Perlen pervers. Perlen sind Zysten, hat er gelesen. Muscheln bilden Sie unter größten Anstrengungen, um Fremdkörper unschädlich zu machen. Frau Zuckowski schmückt sich mit Zysten, denkt er.

Das Brennen in seinen Augen wird so stark, dass er sie fest zusammenkneifen muss. Jetzt erlaubt auch sie sich zu zwinkern. “Ist Ihnen warm, Herr Berger?”, ruft sie in betonter Überraschung.

“Am 22. Juni habe ich meinen engsten Geschäftspartner und besten Freund verloren.”

Ihre Lippen formen ein kindliches “Oh!”. Sie hält es, bis sie sicher ist, dass er die Fülle ihrer Lippen gebührend bewundert hat. „Soll ich die Klimaanlage einschalten?”, fragt sie dann.

“Das wird ihn mir nicht zurückbringen.” entgegnet er ohne Zögern.

Sie löst ihre übereinander geschlagenen Beine, erhebt sich, umrundet ihren gewaltigen Schreibtisch und geht an ihm vorüber zum Bedienelement für die Klimaanlage neben der Tür. Er findet es obszön, wie ihre nylonüberzogenen großen Zehen durch die Löcher an den Spitzen ihrer Schuhe luken. Ihrer Aufmerksamkeit für einen Augenblick entkommen, trocknet er sich das Gesicht mit dem Ärmel seines Jacketts.

“Viel besser!” lobt sie sich. Ihr schwarzer Ledersessel seufzt, als sie wieder in ihm Platz nimmt. „Wo waren wir?“

„Er fehlt mir.“ sagt Berger ernst. „Nicht wegen des Geschäfts. Der Laden ist zu. Er fehlt mir als Freund.“

„Das tut mir leid.“ Die Worte sind längst verhallt, aber ihr Kopf nickt noch verständnisvoll. Als sie begreift, dass Berger sie für immer wortlos weiternicken lassen würde, fragt sie: “Gibt es etwas, das Sie aus diesem Verlust mitnehmen können?”

Im Rahmen einer Geste, die sie für ein Lächeln hält, zeigt sie ihm ihre großen weißen Zähne.
Er versteht ihre Drohung und braucht einige Sekunden, sich seiner Furchtlosigkeit zu erinnern.

„Ja.” sagt er dann als hätte er einen spontanen Einfall. „Ich kann daraus lernen, mit künftigen besten Freunden nicht zu vögeln.“ Langsam beugt er sich über den Tisch zu ihr herüber. „Das macht viel kaputt, glauben Sie mir.”

Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. “Ich verstehe nicht recht, glaube ich.” Erst als sie zu ihrem metallenen Kugelschreiber greift, den sie vorhin wie einen Strich unter eine Rechnung auf ihre Gesprächsnotizen gelegt hatte, findet sie wieder Halt.

“Nein, sicher nicht.” bestätigt er. „Nur die wenigsten wissen, wie es ist für zwei Männer, von morgens bis abends an einem Projekt zu arbeiten und gemeinsam ein Geschäft aufzubauen. Das schweißt extrem zusammen. Da entwickelt sich aus einer Freundschaft eine Bruderschaft. Wenn man zusammen ist, ist einfach alles gut. Merkt man aber erst, wenn einer fehlt. Man kann sich nicht vorstellen, dass sich das alles in einer einzigen Nacht kaputtvögeln lässt.“ Er lehnt sich zurück und faltet die Hände hinter seinem Kopf. „Ist aber so.”

Sie starrt ihn an, als würde sie ein fremdartiges Insekt untersuchen.

“Es fing einfach an. Eines Tages ist mir aufgefallen, wie gut Matze riecht. Es war heiß in meiner Dachwohnung. Im Sommer ist es immer unerträglich heiß. Wir hatten den ganzen Tag nach einem Fehler im Code gesucht. Als ich ihn irgendwann fand, sprang er auf, kam zu mir herüber und drückte mich. Ich wusste ja, wie er riecht. Aber in diesem Moment war ich wie vom Blitz getroffen. Wie benommen.“

Sie ist wieder zu sich gekommen und schafft es, seinen Vortrag zu durchschneiden, obwohl er schneller spricht, als er denkt. „Herr Berger, was wollen Sie mir damit sagen?“

„Dass Sie ja nicht ahnen, wie sehr man die Macht der eigenen Gedanken unterschätzt!“ ruft er staunend. „Ich habe Matze seitdem als Freund oder Kollegen überhaupt nicht mehr ernst genommen. Ich habe ihn permanent sexualisiert. Plötzlich bemerkte ich die Haare auf seinen Unterarmen. Ich fing an, die Adern auf seinen Handrücken zu mögen. Seine runden, flachen Fingernägel. Heimlich studierte ich die Kontur seiner Brust in seinem offenen Hemd. Die Form seiner Lippen, wenn er darauf herum kaute, um sich besser konzentrieren zu können. Die Muskulatur seiner Schenkel, wenn er sich bückte, um uns Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Seinen Arsch. Ich dachte, kucken ist in Ordnung. Er merkt es doch nicht. Kucken tut niemandem weh. Kucken tut gar nichts.“

Mit erhobenem Zeigefinger schiebt er ihre Replik zurück in ihren offenen Mund. Als wären es vier separate Sätze spricht er: „Das stimmt aber nicht.“ Und dann weiter: „Kucken kann total gewaltvoll sein.” Für einige Sekunden zieht er theatralisch die Mundwinkel nach unten, als hinge das Gewicht des letzten Satzes wie Blei an ihnen.

„Herr Berger!“, ruft sie entrüstet aber zu langsam. „Warum erzählen Sie das?“

“Weil Sie gefragt haben.” antwortet er verblüfft. “Sie wollten wissen, was meine letzte Erfahrung war. Bitte sehr, das ist sie.”

“Herr Berger.“ Erneut sucht sie auf ihrem Stuhl nach Haltung. Sie findet die einer Insektenforscherin, die einem 10jährigen erklären muss, warum sie für ihre Arbeit Hummeln tötet. „Mit dieser Frage wollte ich herausfinden, was Ihnen wirklich wichtig ist und wie stabil sie sind.”

“Weiß ich doch.“ antwortet er, als hätte sie versucht, ihm einen misslungenen Witz zu erklären. „Und mit meiner Antwort wollte ich Ihnen vermitteln, dass mir Matze wirklich wichtig war, dass es aber meine Libido war, die mich noch stärker“ er unterbricht, um für den Bruchteil einer Sekunde die Lippen zu schürzen „umtrieb.“

„Das“, sagt sie fest, während sie mit dem Kugelschreiber auf ihn zeigt, „ist Ihnen gelungen, Herr Berger.” „Eindrucksvoll.“ schiebt sie nach, um sich noch ein paar Sekunden Stille zu verschaffen.

„Wollen Sie wissen, wie’s weiterging?”, fragt er vorsichtig, nachdem sie ihre Waffe ratlos hat sinken lassen.

„Ich finde Ihr Verhalten sehr unpassend.” ruft sie, während sie die silberne Oberfläche ihres Kugelschreibers auf Fingerabdrücke zu untersuchen scheint.

„Also ja?”, hakt er freundlich nach.

„Herr Berger, Sie sind eigentlich nicht in der Position hier Fragen zu stellen.” Sie beginnt, den Stift am Saum ihres knielangen Rockes sorgfältig zu polieren.

„Oh!“, er verzieht das Gesicht, als hätte er auf etwas Saures gebissen.“ Das Wort eigentlich sollten Sie eigentlich nicht verwenden.“ Dann flüstert er: „Es untergräbt ihre Position.”

„Es geht hier nicht um meine Position. Es geht um Ihre.”, versucht sie mit fester Stimme.

„Und die würde ich Ihnen gern darlegen.”

Ein Wink mit der flachen Hand, erteilt ihm das Wort. „Bitte.”

Er schnalzt, als er seinen roten Faden wiederfindet. „Ich habe dann angefangen von Matze zu träumen. Also nachts. Also von Sex mit ihm.”

„Herr Berger!” Sie seufzt, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme unter ihren großen Brüsten.

„Ich habe angefangen an ihn zu denken, wenn ich wichse.”

„Hören Sie sofort auf damit!” Sie schlägt mit beiden Handflächen auf die Glasplatte ihres Schreibtisches. Er erschrickt und erhöht sein Sprechtempo, als bliebe ihm nicht viel Zeit, alles zu erklären.

„Ich habe gedacht, das ist in Ordnung. Also, weil er davon ja nichts erfährt. Es ist aber nicht in Ordnung! Weil es mein Verhalten ihm gegenüber verändert hat. Es hat mein Verhältnis zu ihm verändert. Er war ein Freund, ein Bruder. Aber durch meine Gedanken wurde er zur Beute für mich. Ich habe ihn angelogen.“

Er schluckt. Sie untersucht mit gleichgültigem Blick die Deckenpaneele.

„Ich wollte ihm gefallen. Bevor er morgens kam, habe ich gebadet und mich rasiert. Manchmal habe ich eine Stunde lang vor meinem Kleiderschrank gestanden. Nebenbei habe ich mir überlegt, welche Geschichten ich ihm in den Arbeitspausen erzählen könnte, ganz beiläufig, um ihn zu beeindrucken. Mir ist überhaupt nicht aufgefallen, wie schäbig das war.” Langsam schüttelt er den Kopf.

„Wieso schäbig?” Die Insektenforscherin ist zurück in ihrem Gesicht.

Über ihr Unverständnis erschrocken sieht er sie ernst an. „Er war doch völlig arglos! Ich war sein Kollege, sein Kumpel! Er hielt mich für locker und aufrichtig. Für ihn war es ein Arbeitstag, für mich war es ein Date. Er kam unbewaffnet. Ich habe alle Register gezogen. Verstehen Sie denn nicht, wie hinterlistig das war?“

„Sie waren verliebt.”, sagte Sie schulterzuckend und mit einem verständigen Grinsen, das ihn ekelt.

„Ach Quatsch.“ Mit einer beiläufigen Handbewegung wischt er ihre Küchenpsychologie beiseite. „Ich war nicht verliebt! Ich habe diesen man vor 10 Jahren im Studium kennengelernt. In allen Beziehungen, die er seither führte, war ich der beste Freund an seiner Seite. Ich weiß, was für ein Kind er ist. Was für ein Ja-Sager. Nach drei Monaten in einer Beziehung mit ihm wäre ich gestorben vor Langeweile. Aber dazu hätte es sowieso erst kommen können, nachdem mir große Brüste und blonde Haare gewachsen wären. Gott, wie hörig Matze gegenüber großen Brüsten ist!“ Er macht einen breiten Mund, als wäre ihm die Herleitung einer komplizierten mathematischen Formel gelungen.

„Ich wollte mit Matze vögeln, das war alles. Einmal mit ihm vögeln. Einmal wissen, wie es ist. Ob es stimmt, was seine Ex-Freundinnen so erzählen. Mir war nicht klar, wie viel das zerstören würde.”

Sie ist auf ihrem Grinsen hängengeblieben. Er befeuchtet ausgiebig seine Lippen. Dann sagt er langsam: „Sie hören ja zu.”, obwohl er „Geht es Ihnen gut?“ meint.

„Ich glaube, dass wir unser Gespräch hier beenden sollten.“ Sie schnaubt ein bisschen, als sie lacht. „Ja, ich denke, ich habe genug gehört.”

„Gut.” sagt er. Seine Anstalten aufzustehen beschränken sich jedoch darauf, die Hände klatschend auf seine Oberschenkel fallen zu lassen.

„Gut.” Sie sammelt seine auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen zusammen und bildet einen sauberen Stapel, den sie so behutsam wieder vor sich auf die Glasplatte legt, als dürfe dabei kein Geräusch entstehen.

„Herr Berger, warum haben Sie das getan?” Ihr Blick klebt weiter am Titelblatt seiner Bewerbungsmappe.

„Gute Frage!“ lobt er. Mit Daumen und Zeigefinger glättet er seinen Kinnbart. „Die Gelegenheit war günstig und ich packte sie beim Schopfe. Ich bin so. Matze trank immer zu viel, wenn wir mal zusammen aus waren. Aber wir waren nicht oft zusammen aus. Kurz, nachdem Matze diese Frau hier in Dresden kennengelernt hatte, ist er zu ihr gezogen. Programmiert haben wir immer in Leipzig, bei mir. Und wenn wir nach der Arbeit mal noch was trinken wollten, hieß das automatisch, dass Matze bei mir schlafen musste. Das gefiel seiner Freundin nicht. Die hatte sowieso beschlossen, mich nicht zu mögen. Obwohl wir uns nie getroffen haben. Sie hielt unser ganzes Projekt für Zeitverschwendung. Mich eingeschlossen.“

Sie will ihn unterbrechen, kommt aber nicht über lautes Einatmen hinaus.

„Ich weiß, ich verstehe das auch.“, wiegelt Berger ab. „Eine Beziehung zu pflegen braucht eben Zeit! Die gemeinsamen Abende müssen toll sein. Aber unsere gemeinsamen Abende waren auch toll! Wir haben niemanden gebraucht. Wir sind immer in unsere Stammkneipe zwei Straßen weiter und haben Gott und die Welt gerettet. An diesem speziellen Abend hat er mir sein Herz ausgeschüttet, weil er bezweifelte, dass seine Freundin an ihn glaubt. Keine Ahnung. Ich habe ihm einen Doppelten nach dem anderen bestellt. Und als sie um zwei die Musik ausgemacht haben, konnte er nur noch lallen. Da wusste ich: Jetzt oder nie. Torkelnd und grölend sind wir zu mir. Als sei es ein Witz unter Besoffenen, bin ich einfach zu ihm in die Dusche gestiegen.“ Er grinst wie ein schmieriger Gebrauchtwagenverkäufer, bevor er ruft: „Bingo!“

Sie starrt ihn ausdruckslos an. Wegen ihrer großen braunen Augen muss er daran denken, dass Kühe in Indien heilige Tiere sind. Bedrohlich leise sagt sie: „Ich meine nicht–“, sie presst die Lippen aufeinander, „die Sache mit ihrem Freund. Ich meine unser Gespräch. Warum haben Sie es so ruiniert?”

„Ich habe Ihnen nur geantwortet.“ sagte er aus dem niedlichsten seiner Dummerchen-Gesichter.

Sie schließt die Augen und spuckt „Ihr Privatleben interessiert mich nicht.” in die Luft.

„Naja.“, er lächelt versöhnlich. „Sie haben aber andauernd danach gefragt.”

„Mitnichten.”, zischt sie.

Als gäbe es Doppel-Ü ruft er: „Natürlich haben Sie das.“ Dann schaltet er eine Oktave höher. „Andauernd! Wie würden Sie sich als Mensch beschreiben? Was würden Ihre Freunde über Sie sagen? Was sind Ihre drei größten Stärken? Was ihre Schwächen? Sind das wirklich alle Schwächen? Wovor fürchten Sie sich? Was haben Sie in der Zeit getan, in der Sie nicht gearbeitet haben? Was tun Sie zum Ausgleich?”

„Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe, bevor ich Sie einstelle!” Ihre Hände sind flach nebeneinanderliegend an der Tischplatte festgefroren, was ihn beruhigt, weil sie so keinen Schaden anrichten können.

„Eben.“, schnarrt er, als sei sie schwer von Begriff. „Deshalb muss ich Ihnen ehrlich antworten.“

Als müsse das Adjektiv ganz ohne Vokale auskommen entgegnet sie: „Aber professionell.“

„Professionell ehrlich?“ rätselt er, während sie wieder auftaut.

„Wissen Sie, das Gespräch lief gut.“ Sie überfliegt ihre Notizen, bevor sie „Wirklich gut.“ nachschiebt. „Warum haben Sie dann alles kaputt gemacht?“

„Ich konnte doch nicht wissen, dass es so furchtbar werden würde.“, bat er um Entschuldigung.

„Aber was haben Sie denn erwartet?“, ruft sie, nicht einmal bemüht, ihre Erschöpfung zu verbergen.

„Völlig Unrealistisches, da haben Sie recht.“ gibt er kleinlaut zu. Dann setzt er zur Verteidigung an: „Aber so ist das ja immer mit glühenden Fantasien: Wenn sie Wirklichkeit werden, enden Sie in einer Katastrophe.“

Sie faltet geräuschlos ihre Hände und klemmt Sie sich vors Kinn.

„Naja, oder zumindest in einer Enttäuschung. Ich wusste, was ihn scharf macht. Ich habe mir ja Tausend Mal anhören müssen, was seine Freundin alles eklig findet. Als ich ihn soweit hatte, sind wir rüber ins Bett. Aber mir war überhaupt nicht klar, wie schwer er ist. Ich habe kaum Luft bekommen unter ihm, auch, weil er so fies nach Knoblauch und Alkohol stank. Als ich dann oben war, hat der angefangen zu schniefen, wie ein Walross. Ich dachte, der ist erkältet, oder so, dabei ist der einfach nur tierisch abgegangen. Und als ich gerade richtig in Fahrt war, brüllte der plötzlich wie ein Gorilla. Ich hatte echt Angst, die Nachbarn rufen die Polizei. Dann machte er ein Gesicht als hätte er ‘ne Herzattacke und dann war er fertig. Fertig! Das hat keine zehn Minuten gedauert. Natürlich hatte er sofort keine Lust mehr. Und ich musste mir selbst helfen. Vielleicht kennen sie das.“

„Das reicht, Berger!“ Sie legt ihren Kopf in ihre Hände, als wollte sie sich die Spitzen ihrer Zeigefinger diskret in die Gehörgänge stopfen.

„Das reichte nicht nur, das war einfach zu viel.“, korrigiert er. „Am nächsten Morgen wurde ich von der Wohnungstür geweckt, die krachend ins Schloss fiel. Ich habe Matze nie wieder gesehen. Auch nicht gesprochen. Ich habe hundertmal versucht, ihn zu erreichen. Keine Chance. Er hat nur noch per E-Mail mit mir kommuniziert. Und seitdem das Geschäft abgewickelt ist, antwortet er gar nicht mehr. Der ist einfach zu feige. Das war’s.“

„Korrekt, Herr Berger: Das war’s. Sie gehen jetzt. Den Job haben sie nicht. Sie wollten ihn doch gar nicht wirklich, oder?“ Dann erschrickt sie. „Den Job!“

Berger erhebt sich und zupfte sein Jackett zu Recht. Dann sagt er lächelnd: „Tja also, ich fand’s interessant, dass wir uns kennengelernt haben.“

„Hier sind ihre Unterlagen, Herr Berger. Guten Tag und gute Reise.“

„Vielen Dank, und – sagen Sie schöne Grüße.“