klabautern

augen zu und durch
die nacht der dämonen.

wir schippern gott weiß wohin
auf dem offenen meer.
rotbart und weißbart mit plautze und pickeln
auf der riesennase drei warzen dazu,
sie gröhlen, sie bechern, sie rülpsen,
sie lachen, sie lästern, sie lieben,
mich zu drangsalieren, mit schlägen,
mit stock, mit stein, mit stiefel.
alle glühbirnen an, so bunt
toben sie mit mir durchs hirn.

wir driften gott weiß wohin,
mitten hinein in den sturm,
bis das segel reißt, das steuer bricht,
wir kreischen, wir klammern uns an wimpeln fest.
gekentert übe ich kopfstand
mitten im meer, umspült von blut, unbeschuht.
niemand hier, mich zu retten,
mein rufen verschluckt vom zerwühlenden meer.
augen zu und auf.

die nacht der dämonen,
die wiederkehren in einer selbst-verständlichkeit,
als hätten sie anspruch darauf,
hausen sich ein & genügen sich selbst.

Unter dir (Teil III)

Im ersten Teil legt sich die Freundin (wie jede Nacht) unter sein Bett und wartet, dass die Nachtschwester ihren Rundgang durch die Zimmer unternimmt. Diese Zeit nutzt sie, um über diese und andere Krankenschwester und ihre Mühen, unter das Bett zu gelangen, nachzudenken.

Im zweiten Teil „beschäftigt“ sie sich mit ihrem Freund, der im Bett liegt und „bereitet“ ihn für das „Ereignis “ vor, wobei sie (wie auch im folgenden Teil) von der Nachtschwester gestört wird.

Ich lege mein Ohr auf deinen Körper, höre dein Herz schlagen und schließe zufrieden die Augen. Ich zähle laut deine Herzschläge und wiederhole jeden einzelnen mit meinen Fingerkuppen auf deiner Wange. Im Rhythmus deines Herzens puste ich auf deine Brustwarzen, bis ich spüre, dass sie hart werden. Weil mir das Gepuste zu anstrengend wird und weil ich auch weiß, dass es dir als Linkshänder wichtig war, schiebe ich vorsichtig meine Zungenspitze heraus und betupfe zuerst deine linke und danach deine rechte Brustwarze. Als ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich dir einen Schmatzer auf dein glatt rasiertes Babygesicht und sage, dass ich ganz genau weiß, dass du mich wahnsinnig liebst und ich auch heute wieder deine versteckte Morse-Botschaft aus deinem Herzschlag herausgehört habe. Ich streichle zwischen deinen Brustwarzen über den ovalen Leberfleck, sehe dich an und flüstere „Schokopudding mit Vanille“.
Plötzlich höre ich Schlüsselgeklapper auf dem Flur. Ich fluche, ob das jetzt unbedingt sein muss und bin der Schwester wieder dankbar, dass sie mit ihrem Geklapper meilenweit zu hören ist und mir somit ausreichend Zeit gibt, mich schnell unter dein Bett zu verkrümeln. Nur bei dieser Schwester kann ich mich auf die Uhrzeit verlassen und auf ihr pünktliches Schlüsselgeklapper. Meiner Meinung nach ist sie die lauteste, aber auch die zuverlässigste aller Schwestern. Ich ziehe dein Hemd zurecht, lege die Bettdecke glatt, gebe dir einen Klaps auf die Wange, rolle mich unter das Bett und überlege, ob ich ihr nicht ein Glöckchen für das Schlüsselbund wichteln sollte. Meinen Rücken schiebe ich so lange auf dem gebohnerten Boden zurecht, bis ich die passende Position unter deinem Körper gefunden habe. Denn nur so habe ich ein Gefühl dafür, ob das, was die Schwestern mit dir tun, auch wirklich gut für uns beide ist. Wenn ich hier unten liegend die leise Vermutung bekomme, dass mich die pflegerische Anordnung stört, mache ich sie, wenn die Schwester gegangen ist, sofort rückgängig. Bei ihr hatte ich jedoch noch nie Bedenken und weiß, dass sie alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft ausführt. Vor ein paar Wochen wollte ich sie sogar loben. Aber dann hatte ich Angst, sie könnten sie zur Stationsschwester ausbilden und dann hätte ich keine pünktlich klappernde Schwester mehr gehabt. Bei den anderen Schwestern habe ich manchmal meine Schwierigkeiten, rechtzeitig unter das verflixte Bett zu kommen. Und das geht dann meist nicht ohne blaue Flecken und Schrammen. Es gibt Nächte, die knapp an der Katastrophe vorbei gehen und am nächsten Tag sehe ich zerkratzt aus und meine Kleidung ist eingerissen oder an einem meiner hohen Schuhe fehlt der Absatz.

Ich lausche. Wie üblich erklärt sie dir alle Handgriffe bis ins Detail. Übertrieben laut erläutert sie dir, welche medizinische Verordnungen sie machen muss und warum, und fragt immerzu, ob du damit einverstanden bist. Du bist doch nicht schwerhörig. Ständig habe ich das Gefühl, dass die hier alle Selbstgespräche führen. Bei einigen Schwestern habe ich sogar Mühe, nicht lachen zu müssen. Im Allgemeinen finde ich ihre Erklärungen aber wichtig. Nur manchmal, wenn die Schwestern zu persönlich werden, wenn sie, irgendetwas von Schatz, Liebling, oder schöner Mann faseln, wenn sie beim Waschen meinen, dass sie dich nicht von der Bettkante stoßen würden, dann werde ich fuchsteufelswild und muss mir vor Wut in die Hand beißen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten hervorkriechen und alle ordentlich verdreschen. Diese Schwester hingegen hielt sich von Anfang an mit solcherlei Sprüchen zurück. Trotzdem oder vielleicht deswegen muss ich auch bei ihr höllisch aufpassen.

Sie geht zur Tür, dreht sich zu dir um, haucht dir einen ihrer Luftküsse entgegen und löscht das Licht. Langsam schiebe ich mich unter dem Bett hervor, krame im Dunkeln die Taschenlampe aus der Tasche, knipse sie an und kontrolliere, ob sie die von ihr aufgezählten Verordnungen richtig ausgeführt hat. Einige der Schwestern sind nämlich unzuverlässig, um nicht zu sagen schlampig. Auch diese Schwester arbeitet an manchen Tagen ungenau. Damit ich die Schwestern überprüfen kann, habe ich mir Fachbücher gekauft und lese, wenn meine meckernde Chefin nicht da ist, stundenlang im Internet und arbeite alle über Nacht angestauten medizinischen Problemfälle, die dich betreffen, in Foren nach und nach ab. Mit der Zeit kenne ich die Foren und kann sehr gut mitdiskutieren. Und werden neue Heilmethoden besprochen, flechte ich sie beharrlich in die Arztgespräche, die ich einmal pro Woche führe, ein. Einer der Assistenzärzte hat doch wirklich mal gedacht, ich sei Medizinstudentin. Und nur wenn ich früher überhaupt nicht weiter wusste, ging ich zu meinem Hausarzt und gab die Beschwerden an, die mich interessierten. Den Termin beim Psychologen nahm ich aber nur einmal war. Seitdem wechsle ich die Fachärzte nach deinen jeweiligen Beschwerdegruppen. Mein Lieber, es gibt Tage, da überlege ich, ob ich meine Arbeit für dich hinschmeiße und ein Medizinstudium beginnen sollte. Spätestens seitdem mein Chef gegen eine Chefin ausgetauscht wurde, denke ich fast täglich diesen wunderschönen Gedanken. Dann könnte ich nach dem Studium ganz offiziell bei dir arbeiten und den Schwestern jede Menge Anweisungen in einem wehenden weißen Kittel erteilen. Leider habe ich aber nicht die Superabiturnoten wie du dafür. Vielleicht sollte ich dein Zeugnis fälschen und meinen Namen eintragen. Dann bekäme ich auf jeden Fall den Studienplatz, den du partout nicht wolltest. Du weißt, für dich mache ich alles.

Damit du mich gut sehen kannst, hebe ich dein Kopfende nach oben. Ich lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, stelle mich in die Mitte des Lichtkegels, beuge mich zu dir und zu deinen beiden Mitpatienten und applaudiere. Ich strecke die Arme zur Zimmerecke, lasse sie langsam auf meinen Busen sinken und knöpfe die Bluse auf. Vorsichtig löse ich die Schnallen der Glitzerschuhe und sammle die Schuhe mit dem Mund auf. Da meine tollen Glitzerschuhe im Taschenlampenlicht blenden, kneife ich die Augen zu und versuche die schweren Dinger blind auf dein Bett zu zielen. Nachdem ich das geschafft habe, öffne ich meine Hose mit dem Ringelmuster, die ich bei unserem ersten Kennenlernen anhatte und die du von jeher so furchtbar gefunden hattest. Ich beuge mich nach vorn, ziehe sie herunter und schieße das Ringelding mit dem großen Zeh im hohen Bogen zu dir hinüber. Mit den Füßen ziehe ich abwechselnd meine Socken aus, sammele auch sie mit dem Mund auf, hänge sie mir über meine beiden Ohren und schüttle den Kopf, bis sie runterfallen. Ich hebe sie auf, knülle sie zusammen und werfe sie dir genau ins Gesicht. Weil ich dich getroffen habe, strecke ich meine Arme aus und schlage ein Rad. Ich gehe an dein Bett und ziehe endlich meine Bluse aus und lege alle Kleidungsstücke, die du noch nie an mir gemocht hattest, auf deiner Bettdecke aus, als hättest du sie allesamt an. Ich zupfe die Klamotten faltenfrei und flüstere dir ins Ohr, dass du ein tolles Mädchen in den klamotten abgeben würdest. Ich richte die Taschenlampe auf dein Bett, hole mein Handy mit dem neuen Kameratyp und der Videofunktion und mache Fotos von dir und den Klamotten. Ich schiebe die Lampe zurück, tipple auf meinen Zehenspitzen in den Lichtkegel, lächle euch drei stummen Zuschauern zu, drehe mich einmal um die eigene Achse, öffne mein hochgestecktes Haar und halte es für euch ins Licht. Wie wild schüttle ich es auseinander und sehe durch die Strähnen zu euch hindurch. Mit beiden Händen umfasse ich zwei Haarbüschel und winke dir zu. Ich verbeuge mich vor euch, schlage, weil es mir vorhin so gut gefallen hat und weil ich merke, dass ich davon endlich wach werde, noch einmal ein Rad und komme vor deinem Bettgiebel zum Stehen. Ich umwickele das glänzende Metall mit meinen langen Haaren und sage dir, dass ich die völlig durchgeknallte Rapunzel aus einem deiner unzähligen geliebten Märchenbücher bin, und dass ich dich jetzt mitnehmen will. Ich sage dir, dass ich vorher aber noch meinen Prinzen vernaschen muss. Plötzlich höre ich ein Alarmsignal aus einem deiner vielen Geräte. Ich schnappe die Bluse, die Hose, die Socken, die Schuhe von der Bettdecke, greife mir die Taschenlampe und rolle mich unter das Bett. Dabei stoße ich mich zuerst am Fuß und dann an der Schulter, dass die frisch verheilte Schürfwunde wieder aufplatzt. Die Tür geht auf und die Schwester kommt ohne zu klappern ins Zimmer gerannt. Sie macht Licht, hantiert an den Geräten, streichelt über dein Haar und fragt, was heute mit dir los ist. Sie sieht zum Katheterbeutel und sagt zu den anderen Patienten, dass dein Urin verdächtig trübe aussieht, sie einen Harnwegsinfekt vermutet und dass sie das nach dem Wochenende unbedingt dem Stationsarzt vorstellen wird. Muss der Infekt heute sein, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz im Fuß und in der Schulter. Zu gern würde ich ihr zurufen, dass ich verblute und auch mal dringend einen Arzt bräuchte. dabei spüre ich, dass ich mit meinem Rücken am Linoleum festklebe. Sie geht zurück zur Tür, zwinkert dir den üblichen Luftkram zu, macht das Licht aus und ruft beim Rausgehen, dass du heute besonders wilde Träume mit deiner Geliebten haben wirst, sie dir viel Spaß wünscht und sie deinen Katheter wechselt, wenn du dich ordentlich ausgetobt hast. Ich schüttle den Kopf über ihre Sprüche, äffe sie nach und weiß, dass ich gleich morgen früh alle Foren zum Thema Urin, Katheter, Infekt und Komplikation durchforsten werde. Zur Not lasse ich mich am Montag krankschreiben, gehe zu meinem Urologen und sage, dass mir die Blase höllisch wehtut und der Urin verdächtig aussieht. Und vielleicht sollte ich die Krankschreibung auch nutzen, um dein Einser-Abiturzeugnis zu kopieren und mit meinem Namen zu versehen.

Als ich blieb

Wir schreiben Listen mit Dingen, die wir besser machen wollen. Ab jetzt. Ab gestern. Ab als ich blieb.

Ich will ordentlicher werden und du weniger pingelig. Ich will ruhiger bleiben und du sachlicher. Du willst klare Ansagen und ich mehr Zärtlichkeit.

„Absurd ist das.“, sagst du und stützt den Kopf auf deine Faust. „Absolut.“, sage ich, nehme die Brille ab und reibe mir die Augen. „Hätte ich so eine Liste vor fünf Jahren geschrieben, es wäre die gleiche Liste gewesen.“ „Es sind immer wieder die gleichen Dinge, an denen wir zu scheitern drohen.“ Als ich ‚scheitern‘ sage, stocke ich und du unterbrichst mich. „Scheitern? Wobei?“. Ich klicke die Kulimiene rein, raus, rein raus.

„Es gibt solche Phasen“, sagst du, „die gibt es in jeder Beziehung.“ „Aber das hier ist unsere!“, sage ich. „Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut ist.“ „Was lief eigentlich schief?“ „Nicht viel.“

Du hast gelacht über die Schmiererei auf dem Plakat gegenüber der Haltestelle und ich konnte nicht mitlachen. „Ich kann das nicht lesen auf die Entfernung.“ „Deine Augen sind schlechter geworden.“ „Meine Augen werden andauernd schlechter.“ „Ich mache dir einen Termin beim Augenarzt.“ „Das mache ich selbst.“ „Aber wann?“ „Wenn ich soweit bin.“ „Wann?“, „Dann!“ Und so weiter, und so fort.

Du kennst mich. Du weißt, dass ich mich andauernd vor Arztterminen drücke. Du weißt, dass ich eine irrationale Angst davor habe, zu erblinden. Aber du kapierst einfach nicht, was Gängelei ist und wie sehr ich es hasse, gegängelt zu werden. Ich kenne dich. Ich weiß, dass du deinen Tonfall von der Armee mitgebracht hast und es nicht erträgst, wenn ich unentschlossen bin. Aber ich glaube dir nicht, dass immer alles nur zu meinem Besten sein soll. Wir kennen uns. Vielleicht zu gut. Oder zu lange. Manchmal sind wir keine Wunder mehr sondern Selbstverständlichkeiten. Alltäglichkeiten. Unannehmlichkeiten, sogar.

Du plapperst ständig und ich erzähle nichts. Du putzt zu viel und ich achte die Dinge zu wenig. Du flippst aus, wenn etwas nicht nach Plan läuft und ich habe keine Pläne. Oft haben wir gesagt, dass es nichts anderes als Liebe sein kann, das uns zusammenhält. Kann man Liebe aufbrauchen?

Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut war, als ich neulich mit dem Kopf auf deinem Schoß lag und du mir vorgelesen hast. Gut war, als wir uns eines Nachts auf den kühlen Balkon gelegt haben und Musik hörten, bis es wieder heiß wurde. Dann sind wir rein und haben geschlafen. Gut war, als wir uns letztens im Spreewald verliefen.

Jetzt sind wir ein trockener Wald, ausgezehrt vom erbarmungslosen Sommer und jeder Satz kann die herumliegende Scherbe sein und jede Laune das Licht, dass sich ungünstig darin bricht und andauernd drohen wir abzufackeln mit allem was wir hatten. Haben. Was weiß ich?

Ich hatte meine Tasche schon gepackt, gestern. Ich bin nur noch einmal in die Stube, um mich zu entschuldigen, dass ich nicht alles wegkriege. Da habe ich das zerknitterte Taschentuch in deiner Hand gesehen, und deine Haltung, gekrümmt wie ein Fragezeichen und wie dein Rücken gebebt hat. „Wir dürfen nicht streiten.“, hast du geschluchzt.

Doch, ich will streiten, manchmal. Ja, ich will, dass wir vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Ich will die alten Kamellen durchkauen, den Schnee von gestern aufwärmen, all das wieder rauskotzen, was wir geschluckt haben, denn irgendwo da drin muss einer von uns eine Erklärung finden.

Aber wenn du weinst, vergesse ich, was ich wollte, dann will ich nur eines noch: dich trösten. Ich kann das. Außer gestern, da bist du mir um den Hals gefallen und hast mich angesteckt. Und dass ich weine, kannst du nicht aushalten. Gestern habe ich deinen Hals vollgeweint, deine Haare und dein T-Shirt und konnte mich überhaupt nicht beruhigen. Erst heute kommt es mir grotesk vor, dass du gefragt hast: „Was ist denn nur los?“

Du musst alles sofort reparieren, wenn ich weine, deswegen schwörst du mir, dass alles Mögliche nicht mehr passieren wird. Du wirst mir nichts mehr vorschreiben, mich nie wieder anschreien und nie wieder stundenlang schweigen, schon gar nicht wegen so einem Mist. „Ich glaube nicht an ‚immer‘ und ‚nie‘, deswegen hat es zehn Jahre gedauert, ehe ich dich geheiratet habe.“, „Aber du hast mich geheiratet.“, „Und ich wusste, warum.“, „Weißt du das noch?“, „Ja, ich weiß es.“, „Sicher?“, „Ich weiß es!“

Ich werde nächste Woche 34 und ich habe in meinem Leben bisher drei Menschen geliebt. Alle drei liebe ich noch immer. Meiner Erfahrung nach, höre ich nicht mehr auf, jemanden zu lieben, wenn ich einmal damit angefangen habe. Auch nicht, wenn die Beziehung in die Brüche geht, oder ich die Person völlig aus den Augen verliere. Ob ich dich noch liebe ist leicht zu beantworten. Aber ob ich gehen soll oder bleiben, das weiß ich nicht.

Gut sind deine Bouletten ohne Fleisch, deine Idee, gezuckerte Erdbeeren mit Schlagsahne aufzugießen und wie der grüne Tee schmeckt, wenn du ihn brühst. Gut ist dein kleiner, runder Bauch und wie du die Grammatik verdrehst in deinem Vogtländer Dialekt. Gut sind deine stachligen Wangen.

Entweder habe ich das in einem Beziehungsratgeber gelesen, oder es ist mir selbst eingefallen, jedenfalls glaube ich, dass Liebe die Summe unzähliger Entscheidungen ist. Deshalb sind die kleinen Dinge so wichtig. Jede Entscheidung füreinander ist ein Investment in die Zukunft. (Manchmal platzen Investmentblasen; ich arbeite in einer Bank, das tut mir nicht gut.) Doch, es war ein Beziehungsratgeber. Da stand auch, gleich im Klappentext, dass man das Buch nicht kaufen soll, wenn man nur noch aus Gewohnheit zusammen ist. Dann solle man sich lieber gleich trennen. Ich habe das Buch gekauft.

„Kann es vorkommen, dass sich Zwei lieben und es trotzdem nicht aushalten miteinander?“ Ich nehme mir fest vor, dich zu verlassen, wenn du jetzt sagst: „Wege kreuzen sich, Wege trennen sich, vielleicht ist unser gemeinsamer Weg hier zu Ende.“ Stattdessen fragst du: „Wie sollen es Zwei, die sich lieben nur ohne einander aushalten?“

„Vielleicht müssen wir das versuchen.“, sage ich. „Ich würde gern mal eine Weile ohne dich sein, ich war noch nie ohne dich.“ Vielleicht fliege ich an den Wochenenden nach Helsinki, Amsterdam und Rom, ich hätte ja keinen Hund mehr, auf den zu achten wäre. Vielleicht tanze ich endlich wieder nächtelang durch, da wäre dann ja keiner, der mich um halb neun weckt. Vielleicht gehe ich endlich für ein Jahr nach England, hier würde mich ja niemand vermissen. Bestimmt hätte ich Sex mit Fremden. Bestimmt fehlst du mir.

Gut ist dein schelmisches Lachen, deine kleine Zahnlücke, deine bunten Augen, und wie du damit funkeln kannst. Gut ist, wie du zum Radio singst und tanzt, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Gut ist, dass du mich aushältst.

“Ein Glas wird nicht davon wieder heile, dass du ‚Entschuldigung‘ sagst, nachdem du es hingeworfen hast.“, flüsterst du und stierst zum Fenster hinaus. Ich sehe dich an.

Lieber Kai,

was passiert ist, siehst Du. Wenn es Dich überrascht, war es richtig. Wenn nicht, erst recht. Kai: Ich verlasse Dich.

Auf der Heimfahrt von Svenjas Taufe habe ich Dich gefragt. Ob mein Gefühl mich täuscht, dass Du mich nicht mehr willst. Ob es wahr ist, dass ich Dir auf die Nerven gehe, sobald ich spreche. Ob es stimmt, dass Du meine Nähe suchst, aber doch nur deine Ruhe willst. Alles Blödsinn, hast du geantwortet. Wie ich darauf komme und was das soll! Dann bist du eingeschlafen. Ich spüre es, Kai. Ich spüre, dass Du zuhause sein willst bei mir. Dass du zu mir gehören willst. Dass Du Dich führen lassen willst, wann immer Du meine Hand greifst. Ich will Dich aber nicht führen. Ich kenne Deinen Weg nicht. Und unser Weg ist lange zu Ende.

Du machst mich nicht mehr glücklich. Und Du bist es nicht mehr. Dein wacher Blick ist ganz schmal geworden, deine Haare kommen mir wie Stroh vor und deine Hände sind kalt. Wann hast Du das letzte Mal mit mir geschlafen? Zählen die fünf Minuten nach meiner Geburtstagsparty? Wann hast Du mich das letzte Mal geliebt? Auf dem Zimmer nach Martins Hochzeit? Du warst betrunken! Wann hast Du mich zum letzten Mal angesehen? Mir einen Kuss gegeben, kein Küsschen?

Wenn Du sprichst, wünsche ich mir, dass Du Dich räusperst, um das Fisteln von deinen Bändern zu wischen. Ich wünsche mir, dass Du etwas sagst. Du sprichst über bedingungsloses Grundeinkommen, über strukturellen Sexismus, über grüne Energie. Je weiter ein Thema von Dir weg ist, umso leidenschaftlicher sprichst Du. Über Dich sprichst Du nicht. Über mich immer nur gut. Wenn ich frage, streiten wir. Das heißt: Ich streite. Du schweigst.

Was hat Dich so grau gemacht? So schwach? So müde? Wir mieten kein Wohnmobil. Wir gehen nicht tanzen. Wir kochen nicht. Wir gehen nicht paddeln, weil dir übel wird. Du grölst nicht mehr mit, wenn sie im Radio einen Ärzte-Song spielen. Du magst Die Ärzte nicht mehr. Funktioniert Dein Lachen noch? Ich erinnere mich kaum.

Ich habe mich verliebt in das, was Du könntest. In Deine Träume, in Deine Ideale und in Deine Klarheit. Du willst einen Roman schreiben, aber du bist seit zwei Jahren auf Seite 34. Du hast eine flache Windenergie-Turbine erfunden, aber der Prototyp verstaubt halbfertig im Keller. Das alte Segelboot hat dein Vater inzwischen verschrotten lassen. Du bewachst dein Potential wie einen Schatz. Du überhöhst Dich mit Deiner Intelligenz. Du behauptest, jeden übertrumpfen zu können, aber du trumpfst nicht auf. Wenn andere scheitern, sagst Du, Dir wäre das nicht passiert. Dir kann nichts passieren, wenn du nichts tust. Du pokerst im Internet. Du guckst Filme. Du verplemperst Dich.

Du verachtest Deine Chefin, aber Du dienst ihr treu. Du verabscheust die Dunkelheit dieser Wohnung, aber wir ziehen nicht um. Nachts drehst Du Dich weg von mir aber Du bleibst in meinem Bett. Warum, Kai? Jede Spinne rettest Du aus dem Bad in die Freiheit. Aber Dich befreist du nicht. Ich auch nicht. Ich habe es lange versucht. Ich glaube, du willst, dass ich dich gefangen halte, weil du dich vorm Freisein fürchtest. Ich bin Deine Ausrede für alles, was Du nicht tust.

Du fürchtest Dich, Kai. Vor dem Kämpfen, vor dem Scheitern und vor dem Gewinnen auch. Mir aber graut vor dem Stillhalten. Erinnerst Du Dich an den furchtbaren Abend beim Italiener? Unser Jahrestag? Die Bilanz und die Diskussion über eine Paartherapie? Du leugnest. Du wiegelst ab. Du spielst Zufriedenheit. Du bittest um Geduld. Alles wird sich fügen. Nichts fügt sich! Warum sollte sich jemals etwas fügen? Du bist unglücklich, ich bin unglücklich!

Ich bin eine tolle Frau, hast Du mir an die Akademie geschrieben. Eine starke, wache, kluge! Ich sei makellos, sinnlich, warm. Warum schreibst Du das in E-Mails, Kai? Warum sagst Du, wir können alles schaffen? Wir schaffen nichts!

Wir sind jung! Wir sind schön! Das hier sind unsere besten Jahre. Wir dürfen die verschwenden, ja! Aber wir müssen glücklich dabei sein. Wir dürfen sie nicht an uns vorbeiziehen lassen, während wir auf richtige Momente warten. Wenn Du wirklich Kinder willst, dann ist jetzt die Zeit dafür. Ich will Kinder. Ich werde Kinder haben. Aber Du bist selbst ein Kind und ich werde keine Zeit mehr verlieren. Du wirst nicht ihr Vater sein.

Siehst Du nicht, wie uns alle überholen? Wie Sven und Caro eine Familie werden? Wie Toni und Anja das Haus ihrer Oma umbauen? Wie Luise Karriere macht? Und Katja? Liest Du die Karten, die uns Enzo aus Indien schreibt? Wie nennt man dieses Vakuum, das wir leben? Wir lügen uns an. Wir spielen diese Rollen, weil wir wissen, dass sie sicher sind. Weil nichts passieren kann. Es muss aber was passieren.
Wer bist Du, Kai? Was willst Du? Leben mit mir? Warum hast Du es dann nie fest gemacht? Mich nie geheiratet? Nie einen neuen Bus mit mir finanziert? Kein Haus mit mir gekauft? Das ist spießig, wir brauchen das nicht. Ich höre, wie Du das sagst! Kai: Warum haben wir kein Kind?

Du bist dir nicht sicher. Du weißt nicht, ob Du das willst. Ich weiß, dass du es nicht willst. Du hast es mir gesagt. Deine Augenbrauen. Wie sie zusammengerutscht sind, als ich Dich auf dem Flohmarkt gefragt habe, ob wir diesen Stubenwagen kaufen wollen. Du warst so irritiert. So erschrocken. Der Gedanke war Dir so fremd. Ich weiß nicht, was du willst. Du weißt es auch nicht. Ein Kind jedenfalls nicht. Du bist feige. Ich auch.

Schon in diesem Moment, da ich diese Zeilen an Dich schreibe, weiß ich dass ich feige bin. Es wäre aufrichtiger gewesen, Dir das alles zu sagen, während Du mir an diesem Tisch gegenüber sitzt und die Nachbarn zum Fenster rein glotzen, weil wir immer noch keine Gardinen haben. Aber das ging nicht. Ich habe mir dieses Gespräch in den letzten Tagen oft vorgestellt. Ich bin Argument und Gegenargument, Rede und Widerrede durchgegangen und immer endete es in der gleichen Katastrophe. Einige Sätze, die ich Dir hier schreibe, habe ich vor dem Badspiegel einstudiert. Ich wollte sicher sein, dass an ihren Rändern nicht doch das eine Gefühl zu Dir herüberblitzt, das ich Dir so gern ersparen möchte. Mitleid.

Du hättest versucht mich zu halten, Kai. Das weiß ich. Warum, weiß ich nicht. Du hättest Zugeständnisse gemacht, Einsicht gezeigt und Besserung versprochen. Du hättest Pläne geschmiedet, Termine vereinbart und Farben zum Renovieren gekauft. Du hättest geweint und gefleht und gebettelt, dass ich bleibe. Du hättest vor mir auf den Fliesen gekniet und deine Würde verloren. Ich will Deine Würde nicht, Kai. Du brauchst sie, das Bisschen, das Du hast.

Es gibt nichts, das Du hättest tun können, um mich umzustimmen. Es gibt nichts, dass Du hättest sagen können, um mich zu überzeugen. Es gibt überhaupt nichts mehr zu sagen, Kai. Meine Entscheidung steht. Ich will sie Dir mitteilen, auch ihre Hintergründe. Aber ich will sie nicht diskutieren. Du findest das arrogant und egozentrisch. Du findest, ich sollte mir auch Deinen Teil der Geschichte anhören. Ich sollte wissen, was meine Worte in Dir auslösen. Womit ich vielleicht recht habe, vor allem aber, womit ich falsch liege. Aber ich bin fertig, Kai. Jede Diskussion wäre Schauspiel meinerseits.

Bitte suche mich nicht. Du würdest mich nicht wiederfinden auch wenn Du mich fändest. Ich möchte nicht länger die sein, die ich in deiner Gegenwart bin. Und ich will, dass Du frei bist. Wozu auch immer. Bitte rufe mich nicht an. Bitte hole mich nicht von der Arbeit ab. Ich will, dass Du kämpfst, ja. Aber nicht um mich.

Lebe wohl, Kai.
Und ich meine das: Lebe wohl!

Mira

Durch eine mit einer rot-weiß-gestreiften Plastikhülle überzogene Büroklammer ist ein weiterer Bogen Papier an dem Brief befestigt. Darauf:

Dinge, die ich Dir lasse, obwohl sie uns beiden gehören:
– Vorräte
– Polstergarnitur
– Messerblock und Induktionstöpfe

Dinge, die ich mitgenommen habe, obwohl sie uns beiden gehören:
– Stehlampe im Wohnzimmer
– iPad
– das gute Geschirr
Das Besteck habe ich geteilt.

Dinge, die ich die hier lasse, obwohl sie mir gehören
– Lavalampe
– Schaukelstuhl
– Orchideen

Dinge, die ich mitnehme, obwohl sie Dir gehören
– Nudelmaschine
– Schmale graue Kunstlederkrawatte
– Heizdecke

Dinge, die ich verkauft habe, obwohl sie Dir gehören:
– Mikrowelle
– Playstation
– Model-Lokomotvien
Das Geld ist im Umschlag. Kauf Dir was Schönes.

M.

17. Juni

 Tag: 18. Juni

Zeit: Neun Uhr

Ort1: halb geöffneter Türeingang eines Reihenhauses.

Ort 2: geschlossenes Wohnzimmer, darin: stark abgenutzte Sitzgarnitur der 30siger Jahre; schwarzer Tisch mit gehämmerter Messingplatte und passendem Raucherset und Siegel; schwarze Uhr mit gehämmertem Ziffernblatt; brauner Bücherschrank mit Kunstzeitschriften in verschiedenen Sprachen; hellblauer, rechteckiger Hifi-Glastisch mit Fernseher; achtarmiger Holzleuchter mit Messingbeschlag an dem eine Fliegenrolle hängt; eine passende Stehlampe aber mit modernem Lampenschirmbezug; verblasste halblange Gardinen und grau-gelbe Stores dazu grüne Auslegware; diverse Bilder, keine Fotos; auf Putz gelegte Stromleitungen; vergilbte Tapete mit Blütendekor, teilweise löchrig; Berliner Ofen mit weißer Sitzbank davor.

Gesprächs-Person 1: Frau Charlotte Martha Banner, eine 72jährige Frau, leicht ergraute und zu einem Dutt gebundene Haare, lebt seit der Verhaftung ihres Mannes (August 1945) und der späteren Flucht ihrer Tochter (27.6.1961) mit deren einzigen Sohn in dem stark reparaturbedürftigen Haus. Kleidung: cremefarbene Spitzenbluse/bunte Schürze/schwarze geputzte Schuhe/ leicht beschädigte Strumpfhose/kein sichtbarer Schmuck/ungeschminkt. Stimme: tief, wenn sie sich ärgert, fast männlich.

Sie wird anfangs die Arme in die Hüften stemmen. Später wird sie auf der Dielentreppe sitzen und die Hände vor die Augen pressen.

Gesprächs-Person 2: Herr Torsten Banner, ein 26 jähriger Mann, schlank, groß, lange, gelockte rote Haare, ungekämmter Mittelscheitel, Sommersprossen, Ausbildung im VEB Bauhandwerk, Abteilung Reko, tätig als Tischler, erfolglose Studienbewerbungen für Architektur in Berlin-Weißensee und Rostock, Malerei in Dresden, Formgestaltung in Halle. Kleidung: Feinrippunterhose/ kaputte Jesuslatschen/ ansonsten unbekleidet/ silberner Ohrring/ Halslederband mit silbernem Kreuz/ Holzring an linker Hand/ Stimme: kindlich, manchmal, wenn er sich aufregt, fast stimmbruchhaft.

Er wird anfangs die Arme über den Kopf kreuzen und breitbeinig auf seiner Lieblingsstelle auf dem Sofa sitzen. Später wird er unentwegt an Nase, Hals, Brust und die Knie kratzen.

Gesprächs-Person 3: Herr Rolf Lang (Name laut Ausweis), ein ca. 45jähriger Mann, klein, schlank, dennoch kräftig, nordischer Hauttyp, blond, akkurat gekämmte Haare, Seitenscheitel, Beruf unbekannt, Kleidung: helles gestreiftes Hemd/ offene cremefarbene Lederjacke/ beigefarbene Kordhose/ dunkelbraune glatte Lederschuhe/ dunkelbraune Handgelenktasche/ schmaler Ehering. Stimme: klar, manchmal, wenn er sich aufregt, dröhnend bis einschneidend.

Er wird anfangs die Arme über der Brust kreuzen. Später wird er aufstehen, im Zimmer umherlaufen, wahllos Bücher und Gegenstände in die Hand nehmen und wieder hinstellen.

Gesprächs-Person 4: Herr Ronny Kurz (Name laut Ausweis), ein ca. 22jähriger Mann, groß, schlaksig, südländische Hauttyp, schwarze, glatte, lange Haare, Beruf unbekannt, Kleidung: dunkelblaues T-Shirt/ halb geschlossene Jeansjacke/ sehr enge Schneejeans/weiße Mokassins/ Aktenmappe aus Kunstleder/ silberne Halskette mit Kreuz. Stimme: unbekannt, da er während des gesamten Besuches kein einziges Wort sprechen wird.

Er wird die gesamte Zeit wortlos auf das Papier starren und in krakeliger Handschrift das Protokoll schreiben.

 

Meine Herren, Sie wünschen…

Frau Banner, wir möchten uns mit ihren Enkel unterhalten!

Sie sind,… meine Herren?

Frau Banner, wir sind Freunde Ihres Enkels.

Freunde? Aha, soso!

Frau Banner, bitte zweifeln Sie nicht an unserer Freundschaft?

Wundert Sie das, meine Herren?

Frau Banner, warum misstrauen Sie uns?

Meine Herren, die Freunde meines Enkels haben nie geputzte Schuhe. Nur wenn ich sie putze, sehen so blitzblank aus, wie bei Ihnen. Und sind es geputzte Schuhe, dann sind es meist nicht seine Freunde. So einfach ist das! Reicht Ihnen das als Antwort, meine Herren?

Frau Banner, wir kommen sozusagen als gute Freunde!

Außerdem, meine Herren, sind seine Freunde nicht so akkurat gekleidet. Die haben weder gebügelten Hemden, noch gekämmte Haare. Und diese albernen Handgelenktaschen… die kenne ich auch von keinem seiner Freunde. Nur kaputte Rucksäcke, meine Herren! Nur kaputte Rucksäcke…

Frau Banner, können wir trotzdem mit ihren Enkel reden?

Meine Herren, das ist im Moment nicht möglich!

Warum?

Weil mein Enkel im Moment ein Standbad nimmt!

Ein Standbad, Frau Banner?

Mein Gott… er wäscht sich, meine Herren!

Ah, Standbad?

Meine Herren, falls es Ihnen entgangen sein sollte, wir haben heute Sonntag! Und da gehen ich und mein Enkel zum Gottesdienst. Ich dachte, das wäre Ihnen hinlänglich bekannt? Wenn die Herren sich einen Moment gedulden wollen, ich kann meinen Enkel fragen, ob er fertig angekleidet ist. Torsten, Torsten, kommst du mal? Hier stehen zwei Herren mit Armgelenktasche, die sagen, Sie seien Freunde von dir. Hast du neuerdings neue Freunde?

Schick die Schnurchelheinis weg! Meine Freunde wissen, dass ich sonntags zuerst in die Kirche und danach in die Jugend gehe! Nur rote Socken und Ladendiebe belästigen brave Leute zum Sonntagvormittag! – Warte, Oma, ich schau selber nach den Schnurchelnasen! – Wer seid ihr? Ihr könnt´ gleich wieder abdampfen!

Herr Banner, wir wären an einem freundschaftlichen Gespräch interessiert.

Um diese Zeit? Nur Schnurchelnasen und Ladendie…

… und Ladendiebe, Herr Banner, wir wissen, das haben Sie eben gesagt. Hier unsere Ausweise! Wir wollen Ihnen ein paar Fragen stellen. Je eher Sie mit uns kooperieren, umso schneller können Sie in ihre Kirche gehen. Falls Sie nicht mit uns kooperieren, müssten wir Sie bitten mitzukommen!

Na, das ist ja ein Ding! Kommen Sie… Kommen Sie rein! – Muss ich Sie überhaupt reinlassen?

Her Banner, Sie sollten! Wir danken Ihnen für Ihre Mithilfe!

Wollen Sie sich setzen? Was habe ich denn nun wieder Schlimmes gemacht? Habe ich etwa während des Schlafes eine Bank mit wertvollem DDR-Geld ausgeraubt? Ich kann Ihnen versichern, dass ich garantiert Besseres zu tun hatte…

Wir denken, dass Sie sehr genau wissen warum wir hier sind! Wir interessieren uns für Aussagen, die Sie uns zu dem Vorfall geben werden!

Hallo? Ich versteh´ nur Bahnhof! Welche Antworten? Welcher Vorfall?

Wir glauben einen konterrevolutionären Spruch von Ihnen gelesen zu haben!

Was? Von mir? Ne Konterrevolution! Na Super. Da wüsst´ ich aber ´was von! Wann soll denn die stattfinden? Ach, da wär´ ich doch gern dabei!

Herr Banner, bleiben Sie sachlich! Dafür ist ihre Situation zu ernst! Wir wissen sehr genau, wer im Einzelnen alles hinter der staatsfeindlichen Aktion steckt. Wir denken aber, dass Sie uns das sicherlich jetzt freiwillig erzählen werden. Nur so können Sie ihre missliche Lage verbessern! Herr Banner, wir geben Ihnen jetzt die Chance das wiedergutzumachen! Nutzen Sie diese! Wir bieten sie Ihnen nur ein einziges Mal!

Was wollen Sie mir wieder anhängen? Ich weiß von keinem Text! Ihre Konterevolution, die findet doch nur in Ihren Köpfen statt. Alles nur Erfindung, alles nur Schikane!

Wir sind zu einer anderen Meinung gekommen! Wir sind uns sicher, dass Sie mit der kriminellen Aktion, etwas zu tun haben. Geben Sie den Widerstand auf. Nur wir helfen Ihnen mit heiler Haut davonzukommen. Sicherlich sind Sie da einfach nur reingerutscht. Und in so einem besonderen Fall würden wir Ihnen gern aushelfen. Wir sind wie gesagt keine Unmenschen.

Mit welcher Sache? Womit? Ich bin… ich bin nirgendwo… ich weiß gar nicht… nichts! Lassen Sie mich in Ruhe!

Sie verstehen uns sehr gut! Sagen Sie uns etwas über den Text und die Anstifter… Leugnen bringt doch nichts, Herr Banner. Sie wissen sehr wohl, was wir meinen! Außerdem wollen Sie doch heute noch in Ihre Kirche. Da sollten Sie keine Zeit verlieren. Wir hören Ihnen aufmerksam zu! Beginnen Sie, Herr Banner! Beginnen Sie!

Verdammt nochmal, welcher Text? Ich, ich…ich besitze nicht einmal eine Schreibmaschine! Da müssen Sie sich irren. Ich habe überhaupt nichts gemacht, das müssen Sie mir glauben. Das können Sie alles nachprüfen, alles. Ich habe nichts gemacht!

Glauben ist wohl eher Ihre Sache, Herr Banner! Uns interessiert vielmehr: Besitzen Sie Wandfarben? Haben Sie Pinsel?

Was soll die Frage? – Ja !

Sie geben also zu, schon einmal Wandfarben und Pinsel gekauft zu haben?

Ja, natürlich… andere auch. –Sie wohl nicht?

Wir interessieren uns für Ihre Farben und Ihre Pinsel. Wo haben Sie die Farben gekauft? Wann? Allein oder mit anderen? Wieviel?

Das weiß ich doch nicht mehr. Manchmal brauche ich Farben für´s Haus.

Sehen sie, Somit sind Sie zu Recht unser Hauptverdächtiger. Und die Farben und Pinsel mit denen Sie die Schmiererei gemacht haben, die werden wir auch noch finden. Oder wollen Sie behaupten, dass Sie keine Farben und Pinsel hier im Haus deponiert haben?

Ja, aber… das, das ist doch gar nicht mein Haus!

Aber Sie wohnen hier! Oder irren wir uns? Sie sind doch Herr Torsten Banner! Weisen Sie sich aus!

Was? Sie wollen zum Sonntagmorgen… jetzt meinen Ausweis hier im Wohnzimmer sehen? Schikane, Ich habe aber doch gar nichts gemacht! Überhaupt nichts! Wirklich nichts! Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Bitte! Bitte!

Haben wir uns undeutlich ausgedrückt oder wollen Sie sich einer staatlichen Ausweiskontrolle widersetzen? Dann müssen wir Sie sofort mitnehmen.

Nein, natürlich nicht, aber ich bin doch in der Unterhose…

Aber was, Herr Torsten Banner? Was? Wir möchten sofort Ihren Ausweis sehen, Herr Banner! Jetzt holen Sie ihn! Sofort! Den haben Sie stets bei sich zu tragen!

Den muss ich holen. – Bitte, bitte, hier ist der Lappen!

Geht doch Herr Banner! Geht doch! Warum dieser zwecklose Widerstand, der führt doch zu nichts! Wir behalten ihren Ausweis. Reine Vorsichtsmaßnahme! Wir sind bemüht, Ihnen den Ausweis nach unserem Gespräch zurückzugeben. Das liegt ganz allein bei Ihnen! Sie helfen uns bei unseren Fragen und wir geben Ihnen danach den Ausweis zurück. Sie wissen, ohne den Ausweis dürfen Sie nicht weggehen. Also, lassen Sie uns jetzt rasch unsere Fragen abarbeiten. Und denken Sie daran, Sie wollen heute noch in Ihre Kirche gehen, wir nicht! Also, halten wir fest: wir wissen, Sie haben jede Menge Farben und Pinsel in dem Haus, in dem Sie amtlich gemeldet sind. Wir halten weiterhin fest: die Schmiererei wurde in Ihrer Straße unweit Ihres Hauses an einer Mauer gemalt. Und wir halten fest: die Schrift an der Wand ähnelt doch sehr Ihrer Schrift. Wir haben Fotos. Die Beweise zusammenzuführen ist für uns eine Kleinigkeit. Was haben Sie uns dazu zu sagen, Herr Torsten Banner?

Spinn´ ich! Was ist denn das für´n Scheiß´?

Antworten Sie einfach nur auf unsere Fragen. So schwer sind die doch gar nicht! Wir meinen die Schmierereien am Spezialhandel der sowjetischen Streitkräfte. Das ist kein Zufall, Herr Banner! Herr Banner, Sie haben sich das sehr genau überlegt!

Sie meinen den Spruch an der vergammelten, halb eingefallenen Wand?

Sehen Sie, Herr Banner, wir wussten, dass Sie ganz genau wissen, warum wir hier sind. Sie leugnen also nicht mehr. Prima, sehr gut, dass Sie sich für uns entschieden haben! Vertrauen sie uns weiterhin! Nur wir wissen wie Sie aus dem Schlamassel rauskommen!

Welchem Schlamassel? Den Spruch, den blöden Spruch, den, den hat doch jeder gesehen! Der ist doch harmlos, völlig harmlos, den, den, den, den kennt doch jeder!

Na, dann fragen wir mal anders: Was haben Sie denn gelesen? Was hat dort gestanden?

Das, was alle Anderen an dem Morgen auch gelesen haben!

Und was haben die anderen Leute gelesen?

„Nieder mit dem antiimperialistischen Schutzwall! – Brücken bauen statt Mauern“

Aha? Das haben Sie gelesen, Herr Banner? Und warum haben sie das geschrieben? Wollten Sie uns damit provozieren? Wer hat Ihnen geholfen? Wurden Sie vom Westen gesteuert? Was haben die Ihnen gezahlt? Wir wissen, dass ihre Mutter im Westen lebt.

Ich habe überhaupt nichts geschrieben… überhaupt nichts! Wirklich, ich… ich war das nicht! Das können Sie mir nicht so einfach an die Backe nageln!

Herr Banner, so einfach nageln wir Niemanden etwas an die Backe. Sie selbst haben uns doch eben gestanden, dass Sie das gelesen haben!

Ja, wie alle anderen auch!

Was die Anderen gelesen haben, können Sie doch gar nicht wissen. Wann haben Sie denn das gelesen?

Als ich auf Arbeit gehen wollte.

Uns interessiert: an welchen Tag und zu welcher Uhrzeit? So genau wie möglich, Herr Banner!

Am 17. Juni , so gegen halb fünf?

Halb fünf? Oder etwas früher? Oder doch etwas später?

Nein, nein halb fünf!

Halb fünf, das wollen wir mal so aufschreiben. Was uns weiterhin interessiert Torsten: Hast du jemanden gesehen?

Ich habe niemanden gesehen!

Ich denke, das haben alle anderen gelesen? Du willst jemanden decken? Wer waren die Anderen?

Weiß nicht, eine Frau und…

Wie sah die Frau aus? Wir interessieren uns sehr dafür. Beschreib´ sie so genau wie möglich!

Weiß nicht!

Erinnere dich! Du willst doch heute noch in deine Kirche!

… jung… blond… Locken… gelbe Strickjacke… weißer Rock, kurz, sehr kurz… mehr, mehr weiß ich nicht!

Gut, dein Geständnis wollen wir mal so notieren! Und der Mann, wie sah der aus?

Älterer Herr… schlank, kariertes Hemd… Aktentasche, ja eine Aktentasche!

Was für eine Aktentasche, Wie alt war der Mann? Wo wohnt er? Passen Farben zum Beschmieren der Wände in die Tasche?

Lederaktentasche… braun… eine dunkle…. ja, eine dunkle Hose. Ich habe da nicht darauf geachtet. Ich glaube, er wohnt in der Wilhelm–Pieck-Alle, in der eins. Manchmal sehe ich ihn auch mit seiner Frau im Konsum.

Gut, das Geständnis wollen wir mal so notieren. Was uns besonders interessiert: Waren noch andere Bürger zu dieser Zeit auf der Straße? Haben weitere Bürger diese Schmierereien gelesen? Das waren doch Schmierereien? Nicht wahr, Herr Banner? Torsten? Torsten?

Weiß ich nicht. Ja, ja natürlich waren das… ich weiß nicht, ich glaube, ich denke, das ist, das war doch nur ein harmloser Spruch von, von Wolf, Wolf Bier…mann…

Herr Banner, Sie und wir wollen diesen Asozialen Elementen, die nur die Zerstörung unserer sozialistischen Heimat wollen, keine handbreit Land geben. Der Meinung sind Sie doch auch! Oder?

Ich, ich… ich, wissen Sie, ich… ich…

Oder? Herr Banner!

Ja!

Na also! Dein spätes aber vernünftiges Geständnis wollen wir so notieren. Was uns aber noch dringend interessiert ist: Hat außer dir, der Frau und dem Mann noch jemand die antisozialistische Schmiererei am Spezialhandel der sowjetischen Streitkräfte gelesen? Torsten, du weißt, du bist zur Mithilfe bei der Aufklärung eines staatsfeindlichen Verbrechens verpflichtet. Sonst machst du dich strafbar. Und dann können wir dir nicht mehr helfen. Da endet unsere Freundschaft!

Ich… ich weiß. Ich habe niemanden außer die beiden gesehen. Wirklich. Ich habe Sie Ihnen doch so genau wie möglich beschrieben. Und wo der Mann wohnt, das habe ich Ihnen doch auch gesagt.

Gut. Sie haben also keine weiteren Bürger gesehen, Herr Banner? Sehr gut. Hier haben Sie Ihren Ausweis wieder. Und wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es noch in Ihre Kirche.

Danke, ich bringe, ich… ich bringe Sie, wenn Sie wollen… bringe ich Sie noch zur Tür!

Lieb von dir, Torsten. – Ach, zum Schluss unseres freundschaftlichen Besuches haben wir noch eine kleine Frage. Sagen Sie mal, wenn Sie die Schmiererei gelesen haben – und das haben Sie ja eben gestanden – warum haben Sie diese staatsfeindliche Hetze nicht umgehend angezeigt? Herr Banner, das ist Mithilfe zu konterrevolutionären Aktionen. Sie wissen, darauf steht mehrjährige Haftstrafe!

Ich hatte das nicht so als… verstanden… eher… verstanden… so wie Völker… verständigung unter Bruder… ländern. Ich weiß doch auch nicht… na so wie… wir das in der Schule gelernt haben, dass wir alle Gesellschaftsschranken… ab… also niederreißen. Tut mir leid. Das tut mir alles wirklich…

Da wir aber als deine neuen Freunde gekommen sind, bieten wir dir, lieber Torsten, eine Chance. Deswegen werden wir in den nächsten Tagen nochmal auf dich zukommen. Und was den kleinen Freundschaftsbesuch heute anbelangt: Das hat niemanden zu interessieren!

Frau Banner, bleiben Sie auf der Treppe sitzen, wir wollen Sie auf den Weg in ihre Kirche nicht länger aufhalten. Wir finden allein heraus. Vielen Dank.

Besuchszeit (Zweiter Teil)

Ich höre wie der Mann ein zweites und drittes Mal an der Tür rüttelt und durch den Briefkastenschlitz Hallo, Hallo, ist da wer, ruft und danach die Treppe runtertrampelt. Ich schiebe mich leise vom Stuhl, schleiche zum Küchenfenster, sehe durch den Vorhang auf das Blumenbeet des schicken Hinterhofes und bemerke, dass die Scheiben völlig verdreckt sind. Ich schüttele den Kopf, nehme den froschgrünen Eimer aus der Ecke, lasse Wasser über meine Hände auf den Boden des Eimers laufen damit kein Laut nach draußen klingen kann und bin mir sicher, dass die Frau mit den gepunkteten Küchenkram von einem sauberen Fenster auch noch nichts gehört hat. Ich ziehe den Vorhang zurück und putze eine Seite des schmutzigen Fensters bis es streifenfrei glänzt. Die andere Seite lasse ich dreckig, damit sie den Unterschied merkt. Als ich den Eimer wieder in die Ecke stelle, sehe ich, dass die Fliesen an der Kochzeile ebenfalls völlig verdreckt sind. Auch hier putze ich eine Seite der Fliesen. Nachdem ich den Eimer zurückgestellt habe, klopfe ich mir auf die Schulter. Ich spiele an der leuchtenden Anzeige und lasse einen Latte Macchiato in die Tasse laufen. Den habe ich aber jetzt wirklich verdient, denke ich stolz. Als ich über den Automaten putzte, kommt mir die Idee ihm endlich einen Namen zu verpassen. Dabei stelle ich wie im Film die Tasse nach jedem Schluck auf die Untertasse, da ich das Klirren des Porzellans wahnsinnig mag. Ich überlege, ob ich den Kaffeeautomaten nach meiner Mutter oder doch lieber nach meinem Papa benenne. Weil mein Papa äußerst akkurat ist und die Chromstangen der Autos immer blankhaucht und weil es grammatikalisch völlig richtig ist, entscheide ich mich seinen Namen zu benutzen. Den Namen meiner Mutter möchte ich für den schicken chromfarbenen Automaten nicht unbedingt benutzen, vielleicht doch eher für den grünen Eimer. Wie unsere alte Pfarrerin, hebe ich die Hand und sage: „Mein kleiner Täufling, ich taufe Dich auf den Namen Jens! Möge die Taufe Dich vor allem Unheil in der Welt bewahren!“ Feierlich küsse ich über das kalte Metall wie über eine Babystirn und murmle: „Im Namen des Allmächtigen!“. Zufrieden greife ich zum Latte Macchiato und tue so, als würde ich drei Tropfen von dem Kaffee über den Automaten kippen. Ich gehe in den Flur, schlürfe wie die feinen Damen in den Pariser Boutiquen den Kaffee mit der einen Hand, mit der anderen wühle ich in den Fächern und kontrolliere die bunten Schuhe. Schimpfend stelle ich die Tasse ab, nehme das Putzmittel und säubere den verkrusteten olivgrünen Schuh, der mit einer schrägen Schleife aus bunten Strasssteinen besetzt ist. Ich stellte mich vor den Spiegel, halte den glitzernden Schuh vors Gesicht, lächle wie ein Mannequin und versuche in das Ding hineinzuschlüpfen. Da ich nicht hineinkomme, ziehe ich die ausgetreten Turnschuhe an, die ihr Freund achtlos in die Ecke geschmissen hat und denke, von meiner Mutter hättest als erstes eine geschallert bekommen und als zweites hätte sie dir die Latschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf gehauen.

Wie die Mechatroniker in der Autowerkstatt meines Papas, schlendere ich mit den ausgetretenen Turnschuhen im Gammelschritt durch den Flur und bleibe vor der geschlossenen Wohnzimmertür stehen. Ich ziehe das dicke Schlüsselbund vom Hals, räuspere mich laut und frage in verstellter Kinderstimme, ob ich eintreten darf, weil ich einen Wohnungsschlüssel im Treppenhaus gefunden habe. Da sich niemand meldet, drücke ich die Klinke herunter, trete in Zeitlupenschritten ins Wohnzimmer, schleiche zum Fenster und sehe auf die Mittagsstraße. Lust auch diese verschmutzten Scheiben zu putzen, habe ich nicht. Viel lieber will ich den neumodischen Fernseher und die Musikanlage probieren, die ihr reicher Freund von seinem vielen Geld hier aufgestellt hat. Ich muss unbedingt sein Foto suchen. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sieht er gut aus, denn nur gut aussehende Männer haben auch einen guten Technik-Geschmack. Ich schnalze wie mein Papa und suche die Fernbedienung. Bei Frauen kannst du die gesamte Bude auf den Kopf stellen bis du die Fernbedienung findest und dann liegt sie in der Küche im Brotkorb oder im Bad zwischen den Schminksachen. Ich gehe in den Flur und sehe die Fernbedienung neben dem rosa Telefon. Aha, da hat sie während eines Liebesfilms ein Telefonat gehabt. Ich nehme die Fernbedienung, gehe ins Wohnzimmer zurück und mache den glänzenden Flachbildschirm an. Typisch, als erstes die ARD, dann das ZDF und dann das Dritte. Wie meine Mutter ändere ich die langweiligen Sender in ordentliche Sender und zappe bis ich meinen Musiksender finde. Jetzt fehlt nur etwas zu Knabbern und ich könnte hier vor dem Superteil übernachten. Ich greife unter die Fernsehzeitung und finde die fast leere Schale mit den Erdnüssen. Die hat garantiert er ausgefressen. Das zum Beispiel hasse ich an Männerwohnungen. Immer sind die Chips und Erdnüsse weg und nur süßer Kram liegen bergeweise da. Eigentlich kann ich froh sein, dass kaum noch Nüsse in der Schale sind, denn bei meiner Diät ist das wirklich nicht sonderlich gut. Und wie ich mich kenne, würde ich doch früher oder später fast alle Nüsse wegnaschen. Ich höre schon wieder die blöde Richterin labern, dass ich doch von der Gesellschaft versorgt werde und sie meine ständige Verletzung der grundgesetzlich garantierten Privatsphäre keinesfalls weiterhin dulden wird, sie mich aber für überwiegend zurechnungsfähig hält und ich endlich lernen muss die Privatsphäre anderer Mitmenschen zu respektieren. Blablabla, ja, was hat die Kuh in Schwarz denn gedacht, dass ich irgendwie Plemplem bin und anderen unnötig auf den Geist gehe? Aber woher, verehrte Frau Richterin, soll ich denn sonst die leckeren Chips herbekommen? Bei uns zuhause, allerverehrteste Frau Richterkuh, sind die Dinger strikt verboten und es gibt für mich und Papa permanent nur die widerlichen Gummibärchen und die ekelhaft süßen Törtchen. Bei dem Gedanken strecke ich der Richterin die Zunge raus, stibitze mit den Fingerkuppen eine und noch eine und noch eine klitzekleine Erdnuss und entschuldige mich in den Fernseher. Ich schalte einen anderen Musiksender ein, sehe Britney Spears und bekomme Lust bei der Mucke die Jacke auszuziehen. Ich ziehe die gepunktete Strickjacke aus, drehe mich wie meine Britney um die eigene Achse, rufe jä, jä, jä und werfe das gepunktete Teil auf die bronzene Männerstatue. Ich beuge mich zu dem Bronzeboy vor, drehe mich zur Seite, wieder zu ihm vor, nach hinten und zur anderen Seite. Ich ziehe das Hemd aus, trommle rhythmisch auf seinen Sixpack, wackle mit dem Hintern, lege dem Bronzemann die Jacke um den Hals, kreise mit meinen Hüften, umrunde den Kerl und greife ihm rein zufällig unten hin. Ich knöpfe meine Hose auf, beuge mich wieder vor, ziehe die Hosen ein Stück herunter, lasse mich wie der Papst auf die Knie fallen, wirble die Arme durch die Luft und zufällig auch etwas um seine Hüften. Außer Puste setze ich mich hin, ziehe den linken Turnschuh aus und werfe ihn auf die Kaninchenbox zu dem blöde glotzenden Tier. Ich ziehe den rechten Turnschuh aus, rieche darin und denke, bei dem Gestank muss er ja ein wahrer Wohltäter sein. Im hohen Bogen werfe ich den zweiten Schuh auf einen der vielen Stahlarme der Deckenlampe. Ich ziehe die Hose aus, springe hoch, rufe wie meine Britney jä, jä, jä und tanze in der Unterwäsche nach dem Musikvideo. Ich kullere auf dem weißen Teppichboden hin und her und hebe die Schultern bis sie mir der Nacken wieder wehtut und mich daran erinnert, dass ich dringend zu einem meiner vielen Fachärzte gehen muss. Da mir die Luft ausgeht, kullere ich mich ein letztes Mal auf dem Teppich, wackele mit dem fast freien Hintern und hebe schwungvoll den Kopf nach oben, dass mein gewelltes Haar über die Schultern fällt. Dabei stoße ich den Kopf am eckigen Glastisch. Ich greife an die Stelle am Kopf und meckere warum die Frau auch den blöden Glaskasten unbedingt da hinstellen muss. Ich beschließe, dass der Tisch dort sowieso nicht hingehört und schiebe ihn unter das Fenster. Da ich beim Umräumen bin, schiebe ich den Schwingsessel in die andere Ecke, stelle die Stahlvase an die Wand und den roten Blumenkasten neben die Tür. Ich ziehe mein Unterhemd aus, setze mich vor den Bildschirm, lege den Kopf auf die Knie und schaue den fast unbekleideten und gut aussehenden Tänzern von Britney zu. Warum ich dabei plötzlich traurig werde, weiß ich nicht, spüre aber, dass ich unbedingt nackt sein muss. Ich winke in den Fernseher, ziehe langsam die Unterhose aus und tupfe sie auf die linke und rechte Brust. Mit beiden Händen knülle ich sie zusammen, werfe sie wie einen Ball nach oben und fange sie mit dem Kopf auf. Damit ich sie nicht wieder irgendwo liegen lasse und sie urplötzlich bei Gericht als Beweismittel, Nummer soundso landet, ziehe ich sie vorsichtshalber über beide Ohren Ich nasche eine klitzekleine Erdnuss, schiebe die verbliebenen Nüsse in der viel zu großen Schale auseinander, damit keiner merkt, das einige der Dinger fehlen. Ich lasse mich rückwärts auf den flauschigen Teppich knallen und kullere mich noch einmal um die eigene Achse. Auf allen Vieren robbe ich zur Wand und bekomme Lust völlig unbekleidet durch die ganze Bude zu toben. Wie die Jungs im Fernseher springe ich hoch und runter, beuge mich nach vorn, winke den hübschen Tänzern von Britney zu und drehe schließlich die Mucke auf. Ich flitze in die Küche, klemme den Griff des Kühlschrankes zwischen die Hinterbacken, drücke beide Hände darauf und öffne mit zusammengekniffen Backen die Tür. Gierig greife ich den Balugacaviar. Ich nehme die große Dose heraus und halte das kühle Teil zuerst über meine Schläfe, reibe sie danach über die Brustwarzen und zum Schluss über meinen schweißnassen Bauch. Ungeduldig reiße ich die metallene Lasche auf, stecke Zeige- und Mittelfinger hinein und hole das schwarze salzhaltige Gelumpe heraus. Wie die Reichen in meinen Lieblingsfilmen lecke ich die Finger ab und stöhne zur lila Küchendecke, dass die verkackte Gänsestopfleber heute auch noch daran glauben muss. Ich renne zurück in den Flur und stelle mich an den mannshohen Spiegel. Völlig aufgeregt wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter, verstelle meine Stimme und sage mit vollem Mund, dass sie endlich der Teufel holen soll, dass sie nicht mehr so viel mit meinem Papa rummeckern soll, dass sie mich nach all den Jahren endlich auch einen Beruf erlernen lassen soll, dass sie ab jetzt mein Zimmer nicht mehr unerlaubt betreten darf und dass sie sowieso alle Menschen aus unserem Viertel hassen. Ich höre wie meine Mutter mir wie immer ins Wort fällt und sagt, dass ich sofort nach Hause kommen soll und sie mich einschließen wird und dass das heute das allerletzte Mal war, das ich allein außer Haus gehen durfte. Vor Wut, dass sie mich wieder nicht ausreden lässt und wieder einsperren will, trage ich das rosa Telefon ins Wohnzimmer und lege es vor die Box zur Musik von Britney. Trotzig gehe ich zurück in den Flur und tanze vor dem Spiegel, strecke meiner Mutter die Zunge heraus und zeige ihr meinen nackten Hintern. Ich nehme den neongrünen Mantel und lege ihn um die Schultern. Mit dem grünen Teil und dem Kaviar, renne ich zurück ins Wohnzimmer und lasse den Mantel wie ein Modell langsam an meiner Haut herabgleiten. Ich greife den Balugakaviar, stecke Zeige-und Mittelfinger wieder hinein und hole einen ordentlichen Batzen heraus. Johlend schiebe ich den schwarzen Kram in den Mund. Dabei äffe ich die bescheuerte Richterin nach, dass ich eigentlich eine Zumutung für die Gesellschaft sei und im Wiederholungsfall für immer weggeschlossen gehöre. Was heißt hier eigentlich und was heißt für immer, du dusslige schwarz eingefärbte fette Kuh, denke ich, wackle mit den Hintern und drehe den Fernseher auf volle Pulle. Ich nehme das neongrüne Teil, lege es auf den Glastisch, stelle mich auf die grüne Fläche und hebe wie ein Sieger die Arme in die Luft. Mit beiden Händen schmiere ich den restlichen Kaviar auf meinen Körper. Ich reibe das schwarze Zeug zuerst auf das Gesicht, danach über die Schultern, über die Brustwarzen, dann den Bauch, den Hintern, reibe die Beine entlang und zum Schluss über die Füße. Lautstark beginne ich mich abzuschlecken und finde, dass der nackte Typ mit der Zigarette im Mund hammermäßig einen auf James Dean macht. Außerdem finde ich, dass er einen durchtrainierten Body hat und verdammt gut aussieht. Mit einem angedeuteten Arschbombensprung, springe ich vom Tisch und komme vor ihm zum Stehen. Ich strecke ihm die fast leere Dose Kaviar hin, ziehe die Augenbrauen hoch und sage im Ton meiner Mutter in sein verdutztes Gesicht, wenn er sich die ölverklebten Finger ordentlich gewaschen hat und mir verspricht für immer und ewig brav zu sein und alles machen wird, was ich von ihm verlange, darf er, wenn er will, die Rester rauskratzen. Dafür erwarte aber im Austausch als erstes eine Zigarette und will, dass er mich bei meiner nervigen Mutter nicht verpetzt. Ich gehe eine Schrittlänge auf ihn zu, umgreife seine Hände schiebe die Dose zwischen seine Finger und ziehe die Zigarette aus dem Mundwinkel. Weil er nicht reagiert und mich anguckt, als ob ich nicht da wäre, gehe ich einen Schritt näher an ihn heran. Da er immer noch nicht reagiert, schiebe ich meinen Körper die restlichen Zentimeter an ihn heran, bis sich zuerst unsere Fußspitzen und danach unsere Pimmel berühren. Ich sehe in sein Gesicht, lächle und habe Mühe, ihm nicht die ungekämmten Haare zu streicheln. Stattdessen reibe ich mit den kaviarverschmierten Fingern über seine muskulösen Oberarme. Wie die Orang-Utans in unseren wöchentlichen Gruppen-Therapie-Besuchen im Zoo, schiebe ich die Lippen weit nach vorn und stecke mir die halb abgebrannte Zigarette in den Mund. Ich sauge Luft in meine Lungen und beuge meinen Kopf nach vorn, bis meine Haare an seine Brust fallen. Ich öffne den Mund, atme den eingesaugten Atem aus und puste den Qualm an unseren nackten Körpern hinab. Dabei beobachte ich, wie unsere Pimmel den herabsinkenden Qualm in zwei Hälften teilen. Weil mir das irre gut gefällt, ziehe ich noch einmal Luft in mich hinein und puste den Qualm bis zu unseren Pimmelspitzen hinunter. Dabei überlege ich, was ich machen soll, wenn unsere Pimmel hart werden.

Was soll denn daran unnormal sein, frage ich sie? Mal ehrlich, wenn ich hier rauskomme, kann die Richterin etwas erleben. Und auf meine Wohnungsbesichtigung werde ich mein Lebtag nicht mehr verzichten. Darauf kann sie ewig warten. Lieber möchte ich sterben/tot sein.

Besuchszeit (Erster Teil)

Es ist ganz bestimmt nicht meine Art, an Türen zu lauschen oder in ein Zimmer ohne Erlaubnis einzutreten. Seit ich Kind war und die Eltern das unerlaubte Betreten ihres Schlafzimmers hart bestraften, unterlasse ich solche Dinge. Warum ich mir dennoch über die Jahre angewöhnt habe, an Wohnungstüren zu rütteln, um zu prüfen, ob sie unverschlossen und ihre Bewohner außer Haus gegangen sind, weiß ich ehrlich gesagt bis heute nicht.

In meiner frisch gereinigten Uniform, die ich noch vom Fasching habe, betrete ich das unsanierte Mietshaus und putze im Erdgeschoss meine verschmutzen Schuhsohlen ab. Ich drücke die beiden Türklinken herunter und prüfe, ob eine der beiden Wohnungstüren offen ist. Da sie verschlossen sind, gehe ich ins nächste Stockwerk und kontrolliere auch hier, ob einer der Mieter zufällig vergessen hat, seine Tür abzuschließen. Leider sind auch diese beiden Türen zu. Wenn ich Pech habe, sind in diesem Haus alle Türen fest verrammelt oder mit den neumodischen Schnappschlössern ausgestattet und ich kann zusehen, wie ich zu einen meiner Wohnungsbesichtigungen komme. Da ich seit über zwei Wochen keine Wohnung mehr angesehen habe, schleiche ich mit einem Stapel leerer Briefe in der Hand in die nächste Etage und prüfe die linke und rechte Tür. Wie zu Kinderzeiten rüttle ich an den beiden breiten Flügeltüren, bis ich einsehe, dass ich sie so nicht aufbekomme. Schlecht gelaunt setze ich mich auf die gebohnerte Holztreppe und möchte am liebsten auf den Stapel unbeschriebener Briefe heulen. Mit unruhigen Händen krakle ich meinen Namen mit dem abgenagten Daumennagel in den Glanz der gebohnerten Treppe. Da unten im Haus eine Tür geöffnet wird, springe ich auf und schleiche auf den Boden, stelle mich in den Holzrahmen und warte bis es wieder still wird. Auf dem Weg nach unten sehe ich den vertrockneten Blumentopf und greife unwillkürlich hinein. Als ob ich es geahnt hätte, ziehe ich einen Schlüssel heraus und denke erleichtert, immer noch die gleichen Verstecke und küsse den Schlüssel. Mit noch unruhigen Händen mache ich ihn sauber, halte ihn in die Sonne und küsse noch einmal das nun glänzende Metall. Ich überlege in welche der alten Türen er passen könnte und entscheide mich für die linke Tür. Ich schiebe ihn ins Schloss, halte die Luft an und drehe den Schlüssel langsam in Uhrzeigerrichtung, sodass das Schloss fast lautlos aufgeht. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür eine Handbreit, horche und rufe mehrmals den Nachnamen, der in schnörkelloser Schrift auf dem Schild steht und wiederhole, dass ich einen Schlüssel gefunden habe und die Tür rein zufällig offen stand. Ich warte einen Moment, rufe nochmal den Namen, trete in Zeitlupe über die Schwelle auf den silberglänzenden und voll gefusselten Abtreter und seufze erleichtert. Ich mache einen weiteren Schritt, bleibe auf einem Bein stehen, fummle mit dem anderen Bein den kaputten Abtreter an die Türschwelle und klappere mit meinem dicken Schlüsselbund, den ich bei meinen Wohnungsbesichtigungen stets bei mir trage. Ich drehe den Kopf schnell nach links und rechts, rufe noch einmal den Namen, den ich auf dem Messingschild las, dieses Mal aber im Ton einer Sprechstundenhilfe einer meiner vielen Ärzte und klappere noch einmal heftig mit dem Schlüssel. Endlich lasse ich das Bein herunter, schüttle den Krampf heraus und verschließe die Tür. Ich drücke mein Auge fest an den Späher und sehe prüfend auf den Flur. Als sich niemand rührt, lehne ich mich mit dem Rücken an die Tür, werfe das Schlüsselbund wie meine morgendliche Apfelsine in die Luft und hänge es schließlich wieder um den Hals. Ich reiße die Arme in Siegerpose zur Stuckdecke, schnipse mit den Fingern der linken und rechten Hand und jauchze fröhlich. Warum ich annehme, dass ich wieder in der Wohnung einer Frau gelandet bin, kann ich nicht begründen, bin mir aber auch dieses Mal absolut sicher, dass ich Recht habe. Außerdem, denke ich, habe ich über die Jahre einen Riecher dafür bekommen, wo Frauen wohnen und welche Wohnungen sich somit besonders lohnen, besucht zu werden. Frauenwohnungen finde ich von jeher interessanter, da die Wände farbenfroher gestrichen sind, die Räume liebevoller dekoriert werden, flauschige Teppiche daliegen, Bilder an den Wänden hängen und wunderbarer Schnickschnack überall zu entdecken ist. Zudem kann ich unproblematisch während der Besuchszeit aufs Klo gehen oder gar mal fix in die Badewanne hauen und muss nicht ewig das Papier oder den Badezusatz suchen. Und wenn ich zwischendurch Hunger bekomme, kann ich mit einer Schaumkrone in die Küche schlendern und finde jederzeit etwas Leckeres. Bei den Männern sehen die Wände einfach nur stino-weiß aus, es fehlt der Kleinkram in den Regalen, die Poster hängen einfallslos über den oft schlecht gemachten Betten und sind außerdem meist nicht der Renner. Von den fehlenden Blumen und Essen ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt, hat mich das ständige Wäsche waschen, Heizung abdrehen, Kippen wegwerfen über die Jahre auch ganz schön gestört. Naja, neuerdings werden die Jungs auch etwas reinlicher, achten auf ihre Kleidung und ich muss mich nicht mehr so sehr ekeln, wenn ich die Unterhosen prüfe und die Größe des Dinges anhand der Beulen abschätze. Das einzige was mich überhaupt an Männerwohnungen reizt, ist der ultramoderne Technikkram, den die überall stehen haben. Wenn ich die Wohnung von so einem Technikfreak erwische, kann ich stundenlang an den teuren Geräten rumspielen und habe echt Mühe die Zeit nicht zu verpassen. Und mal ehrlich, so eine ordentliche Musikanlage, oder ein Riesenfernseher, oder so ein Superrechner, da werde ich manchmal neidisch auf den Typen und bettle danach meine Mutter, ob ich vielleicht etwas mit Elektronik lernen darf, wenn sie mich irgendwann endlich mal arbeiten lässt. Und wenn ich dann noch ein Foto von dem Typen finde, das mir gefällt, möchte ich in seiner Wohnung bleiben, mich in seinem Bett rumsielen, sein Rasierzeug und Parfüm benutzen, seine Unterwäsche anziehen und einfach Hallo in sein wunderschönes verdutztes Gesicht sagen, wenn er mit einer Zigarette im Mund nackt aus dem Bad geschlendert käme. Meist frisiere und gele ich meine Haare in seinem Look, setzte mich vor die Technik und fluche so, wie er sicher fluchen wird, wenn die Technik wieder einmal nicht funktioniert.

Bei der Freude endlich wieder eine interessante Frauenwohnung zu besichtigen, öffne ich den breiten Garderobenschrank im Korridor. Wie die aufgetakelte Verkäuferin im Laden meiner Mutter, schiebe ich mit Kennerblick die Mäntel und Jacken auf der Chromstange wählerisch hin und her. Da ich das metallklingende Scharren wahnsinnig liebe, widerhole ich die Bewegung, bis mir die Lust dazu vergeht, und mein Wunsch, möglichst alles anzuprobieren, was auf der Garderobenstange fein säuberlich aufgebaumelt hängt, überhandnimmt. Die Farben der Klamotten gefallen mir allesamt gut: leuchtendes helles Blau, knalliges Rot, blasses Rosa und schrilles Neongrün. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich aus lauter Blödsinn wirklich einen dieser wunderschönen Mäntel anprobieren soll. Ich ziehe meinen Bauch ein, halte die Luft an und strecke die Brust heraus. Nachdem ich im Kragen die Kleidergröße sehe, gebe ich den Gedanken schnell wieder auf, puste die Luft wieder heraus und lasse den Bauch wieder hängen. Neugierig öffne ich die Schubladen und betrachte die Schuhe. Auch diese Farben finde ich wunderbar schräg. Am liebsten möchte ich die Schuhe alle hintereinander anprobieren Aber weil auch das nicht meine Größe ist, stoße ich die Schubladen zu und wundere mich, was für kleine Füße sie haben muss. Ich nehme das Rosa Telefon von der Spiegelkonsole, stelle mich vor den Spiegel, wähle eine Festnetznummer, hebe das Telefon an mein Ohr und setze mich mit gespreizten Beinen auf den weißen kunstfellbezogenen Hocker, auf dem die Frau sicherlich bei ihren stundenlangen Telefonaten vor diesem mannshohen Spiegel sitzt. Dabei überlege ich, was für eine Stimme sie haben könnte, und vor allen Dingen, welche Worte sie am liebsten durch das Telefon ihrem Freund in den unzähligen Telefonaten zuhaucht und welche Worte sie ihm gegenüber lieber vermeidet. Die Stimme des Anrufbeantworters unterbricht meine schönen Gedanken. Ruckartig schiebe ich meinen Kopf in den Nacken, kämme mit gespreizten Fingern durch mein blondes Haar und presse die Lippen zusammen. Ich überlege, was sie mir sagen würde, wenn wir uns kennenlernen würden. Da ich keine Antwort parat habe, und auch nicht sagen kann, ob wir überhaupt miteinander auskommen, oder sie nicht vielmehr eine arrogante und zutiefst dominante Kuh ist, spreche ich meine zwei üblichen Standardsätze auf das Band, die ich jedes Mal spreche, wenn ich von einem unbekannten Telefon aus telefoniere. Ich drücke die Aus-Taste, rieche an dem Plastik des Telefons und küsse die Zahlen, da ich sicher bin, dass auch ihr Freund die Tasten schon verwendet haben muss. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich auf dem Plastik Fingerabdrücke von ungewaschenen Fingern. Na solche Typen sind mir die Liebsten, die kommen gleich zu Sache, fackeln nicht lange, denke ich bei den Fingerabdrücken und hauche „Mechatroniker im ölverschmierten Overall“ in den halbdunklen Korridor.

Ich schleiche zur angelehnten Küchentür, schiebe meinen Kopf hindurch und rufe noch einmal in nicht wirklich ernst gemeint fragender Stimme halblaut den Namen. Dabei halte ich den Schlüssel in der Hand. Als sich auch diese Mal niemand meldet, drücke ich die Schiebetür auf und sehe mich in der großen Küche um. Da ich Hunger bekomme, haste ich als erstes auf den geblümten zweitürigen Kühlschrank zu. Ich reiße die beiden Metalltüren auf, stelle mich in den kühlen Lichtkegel, sehe nach oben, strecke die Hände hoch, falte die Hände zum Gebet und denke, Halleluja, der Frau geht’s aber richtig gut. Seit ich mir vor langer Weile auch tagsüber die amerikanischen Serien ansehe, träume ich davon, wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben einen so großen Kühlschrank aufzumachen und in dem hohen Lichtkegel stehen zu können. Vor Freude endlich vor so einem Riesenkasten zu stehen, nehme ich die Hände wieder runter, öffne die Augen und greife in den Stapel Dosen. Ich ziehe eine heraus und wirble sie wie eine der verhassten Apfelsinen, die mir meine Mutter täglich gegen meinen Willen auf den Frühstückstisch knallt, durch die Luft. Neugierig lese ich die Aufschrift. Französische Gänsestopfleber. Entrüstet werfe ich die Dose in das Kühlfach zurück und frage mich was für eine gewissenlose Pute hier wohnt. Gänsestopfleber geht gar nicht. Ich schüttle den Kopf, greife in den zweiten Stapel Dosen und lese vorsichtshalber gleich den Aufdruck: 1000 Gramm Russischer Balugakaviar. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihn öffnen und ihn wie die bösen Filmhelden genüsslich mit dem ausgestreckten Zeigefinger essen sollte. Da ich nicht weiß, ob wie beim letzten Mal übertriebene Schadenersatzforderungen auf mich zukommen und die nörgelnde Richterin mir meinen kleinen Hunger wieder als Habgier auslegt und ständig darauf verweist, dass ich doch Sozialleistungen erhalte, packe ich die Dose widerwillig ins Fach zurück, lecke schmatzend an meinem unbenutzt gebliebenen Finger und hauche wehmütig in die Kühle des Kühlfaches und denke mir, ein anderes Mal bist du fällig. Dabei bemerke ich, dass ich nicht die leckere Dose Baluga meine, sondern die vollkommen bekloppte Richterin vom letzten Mal. Immer der Ärger mit den Richterinnen. Das nächste Mal muss es unbedingt wieder ein Mann sein, die verstehen meine Besuche und können sogar herzhaft darüber lachen. Und einer dieser netten Herren hat sogar meine Mutter angemeckert, dass sie doch eigentlich an allem Schuld sei. Da habe ich laut, ja, da haben sie aber wirklich recht gerufen und gesagt, dass ich überhaupt nicht begreifen kann, warum alle nur auf mir rumhacken und nur mich für distanzlos und bisschen krank halten. Mit Männern komme ich eben besser klar, und die auch mit mir. Ich winke in der verspiegelten Rückwand des Kühlschranks dem netten Richter zu und krame in den verschiedenen Käsepackungen. Neugierig rieche ich daran und entscheide mich, einen angefangenen Ziegenkäse, den ich überhaupt noch nicht kenne, zu probieren. Dabei schaue ich zu meinem Spiegelbild und versuche wie eine interessierte Käseverkäuferin zu wirken. Mit einem Lächeln frage ich, was es den heute sein darf, tippe einen Betrag in die Kasse, machen ein Kassengeräusch und kassiere ab. Anschließend sortiere ich die Packungen nach den jeweiligen Arten in die verschiedenen Ecken der Kühlfächer, die Frischkäse nach unten, die Schnittkäse in die mittlere Ebene und die Camemberts ins obere Fach. Da mir die Einteilung plötzlich unsinnig erscheint, sortiere ich die Käse nach ihrem Fettgehalt, die mageren nach unten, die mittelfetten in die Mitte und die fetteren nach oben. Dabei grinse ich scheinheilig ins Spiegelbild und denke, dafür, mein liebes Mäuschen, musst du dich schon ein bisschen strecken, denn umsonst ist nur der Tod. Die Käse über 60% Fettgehalt werfe ich weg. Da ich zu frieren beginne, reibe ich über meine Oberarme, verstelle die Temperaturskala von fünf auf acht Grad und überlege was für eine merkwürdige Art von Energiesparen sie hat und ob ihr überhaupt klar ist, dass sie die Menschheit mit ihrem Verhalten geradewegs in den Atomtod treibt. Ich schüttle über so viel Blödheit den Kopf, nehme die hellblaue Strickjacke mit den großen rosa Punkten von der Stuhllehne, ziehe sie an, streife die Ärmel nach oben und kontrolliere die restlichen Verfallsdaten. Ganz nebenbei kratze ich die verkrusteten und jahrhundertealten Schmutzflecken ab und wundere mich wie achtlos doch die Leute mit ihren Nahrungsmitteln umgehen und dass sie bei meiner Mutter ein ebenso schweres Leben hätten, wie mein Papa. Über die Jahre habe ich bei meinen Besuchen tonnenweise an abgelaufenen Speisen weggeworfen. Bei dem Gedanken, kontrolliere ich die restlichen Verpackungen, die irgendeinen beschädigten Eindruck machen und werfe die übel riechenden in den Abfalleimer. Ich knalle den Deckel wütend darauf und wasche mir gründlich mit viel Spülmittel die Hände. Als ob die Frau da wäre, frage ich „Wo hast du das Brot?“ Ich öffne einige Schranktüren, nehme Körnerbrot heraus, prüfe auch hier das Verfallsdatum und schneide eine Scheibe ab und belege sie mit dem unbekannten und lecker riechenden Ziegenkäse. Margarine oder Butter schmiere ich nicht darauf, da ich solcherlei Fettschleudern seit Langem nicht mehr verwende. Glücklicherweise finde ich auch nichts dergleichen in ihrem Kühlschrank und kann somit von meinem Vorsatz, wenigsten in diesem Jahr 10 Kilo abzunehmen, nicht abgelenkt werden. Ich freue mich über ihre Vernunft und hole einen Teller  mit einem schönen Mohnblumendekor aus dem Schrank, lege die Scheibe Brot darauf, kneife die Augen zu, führe das Messer aufs Brot und zerschneide schließlich im Blindflug die Scheibe in zwei exakt gleiche Teile. Ich gehe zum modernen Kaffeeautomaten und stelle an der elektronischen Anzeige eine Tasse Kaffee ein. Mit einem Werbelächeln puste ich über den Schaum des Kaffees, halte meine Nase hinein, versuche mit der Zungenspitze das Zeug abzulecken und puste stattdessen den Schaum auf die Marmorplatte. Dabei fällt mir ein, dass ich seit meiner heimlichen Flucht heute Morgen aus meinem abgeschlossenen Kinderzimmer noch gar nicht gegessen und getrunken habe, da ich ja ursprünglich nur mal kurz einen Abstecher zum Bäcker machen wollte. Ich schüttele über meine Bummelei den Kopf und sage im ermahnenden Ton meiner Mutter zu mir selbst, dass ich gleich nach Hause gehen muss, wenn ich hier fertig bin. Ich greife zum grün gepunkteten Schwamm und säubere die totschicke Kaffeemaschine von den Kaffeeresten der letzten Wochen und Monate und begreife nicht wie das Ferkel so eine tolle Maschine so versiffen lassen kann. Wie in der Autowerbung hauche ich über das Chrom und versuche mein Gesicht darin zu erkennen. Ich nehme die Tasse mit dem blauen Allianzwerbeaufdruck und freue mich, dass ich heute einen wirklich gute Wohnungsbesichtigung habe und nicht wie beim letzte Mal in eine fast ausgeräumten Wohnung gelandet bin. Wie immer, schlürfe ich viel zu hastig den ersten Schluck und verbrenne mir dabei den Gaumen. Ich schimpfe über meine eigene Dummheit, setze mich an den unaufgeräumten Stahltisch mit der fetten Marmorplatte, hebe den Teller an meine Nase, rieche nochmal an dem Käsebrot und denke, dass das Luder sehr genau weiß, was schmeckt. Mit geschlossenen Augen beiße ich hinein. Ich öffne die Augen, trinke dieses Mal etwas vorsichtiger aber immer noch zu hastig aus dem Allianzbecher und überlege wie einfallslos sie sein muss, wenn sie tagein und tagaus aus dem billigen Werbebecher ihren köstlichen Kaffee von der megaschicken und nun von mir blitzblank geputzten Maschine schlürft. Auf einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mit ihr jemals befreundet sein könnte. Ich klopfe auf die Schenkel, puzzle zuerst die Brotkrumen vom Teller und erst danach die Käserester auf. Ich strecke die Zunge heraus und lecke genüsslich den Teller sauber. Dabei grinse ich, weil ich weiß, dass ich von meiner Mutter dafür eine gescheuert bekommen hätte. Ich bekreuzige mich flüchtig, bewege meine Schultern zu einem Sorry und stelle den Teller in den Aufwasch. Um mich von meiner Mutter abzulenken, beginne ich neugierig den Stapel Zettel im Fensterbrett durchzublättern. Dabei fallen mir die unzähligen standardisierten Internetrechnungen- und Mahnungen auf. Wenn du mit mir zusammen wärst, würde dir so etwas niemals passieren, denke ich. Ich wische mit dem grün gepunkteten Schwamm über den Tisch und ziehe den Rechner von der anderen Seite des Küchentisches zu mir herüber, klappe ihn auf und fahre ihn hoch. Ich staune nicht schlecht über die Schweinerei des Liebespaares, die sie als Hintergrundbild gewählt hat. Mehrere Minuten betrachtete ich den gut aussehenden nackten Mann und überlege, ob er in dieser komischen Haltung keine Rückenschmerzen bekommt. Damit ich nicht in eine meiner ausschweifenden Tagträume abrutsche und womöglich von der Bewohnerin ertappt und wieder eingeliefert werde und zahllose Untersuchungen über mich ergehen lassen muss bis mich meine detternde Mutter herausholt, ändere ich vorsorglich das versaute Bild mit dem gut aussehenden Mann in eine melancholische Vollmondlandschaft und denke, siehst du Mädel, jetzt hast du etwas Anständiges auf dem neuen Rechner. Ich seufze, reibe mit dem Taschentuch über den Vollmond, öffne das E-Mail-Programm, lese ihre Mails und schreibe Antwortschreiben. Darin drohe ich den Empfängern mit den Anwälten, die bei uns um die Ecke arbeiten und deren Namen ich von jeher so wunderbar furchteinflößend finde. Weiterhin drohe ich mit verschiedenen Gesetzen und fordere sie auf, ihre Gemeinheiten gegenüber der Frau und dem Mann endlich aufzugeben. Mit Freude schicke ich eine Mail nach der anderen an die frechen Absender und schreie bei jedem einzelnen Klick in die Küche: „Da hast du, du elender Kapitalist! Da hast du! Friss doch, du elender Geldhai! Ersticke daran!“ Ich höre wie jemand an der Wohnungstür klopft und in die Länge gezogen „Hallo, Hallo, da ist doch wer“, ruft. Vor Schreck halte ich die Hände vor den Mund, springe auf, werfe versehentlich den Stuhl um, schleiche zur Küchentür und sehe wie der Briefkastenschlitz aufgeschoben wird und jemand hindurchlukt. Ich schließe die Augen und denke, das ist jetzt wie beim letzten Mal, wo ich zu laut war und fröhlich gesungen habe. Ich schleiche auf Zehenspitzen zurück in die Küche, hebe den Stuhl auf, setze mich darauf, lege die Hände auf die Schenkel und weiß, wenn der jetzt die Wohnung aufschließt, das Haus zusammenbrüllt oder die Bullen holt, bin ich geliefert und kann den Sommer wieder woanders zubringen.

Einsvierzig mal zwei Meter

Deine Fingerspitzen zucken, deine Nägel kratzen über meine Haut. Du machst eine Faust: ich bin wach. Deine Faust liegt auf meiner Brust, sie ist schwerer als deine Hand war. Ich spüre meinen Puls und höre deinen Atem. Ich drehe meinen Kopf, aber um den Wecker zu sehen, müsste ich meinen Körper drehen. Das wage ich nicht: du schläfst. Erfahrungsgemäß ist es kurz nach drei und es wird kurz vor vier sein, bevor ich wieder einschlafe. Dem Beben deines Körpers zufolge dauern deine Träume sieben bis neun Minuten. Einmal hat ein Traum vierzig Minuten gedauert; darin ging es um einen Einbrecher, der alles in deiner Wohnung fotografierte, während du dich im Schrank versteckt hieltest. Genau konntest du dich nicht erinnern; woran hättest du dich erinnern sollen, im Schrank war es dunkel. Trotzdem darf ich dich nicht mehr fotografieren, seitdem.

Ich drehe den Kopf in die andere Richtung, ich wende mich dir zu. Ich beobachte das Zucken deiner Mundwinkel und wie sich deine Kiefer gegeneinander verschieben. Ich hoffe, dass sich deine Lippen öffnen, damit ich von ihnen lesen kann. Ein einziges Mal hast du im Schlaf gesprochen; du hast „Nein. Mein.“, gesagt. Ich bin mir sicher, denn damals lag meine Hand auf deiner Brust und ich spüre noch, wie sie bei den N´s vibrierte. Ich habe dich zugedeckt, weil ich dachte, du frierst. Du bist aufgewacht, hast „Weg, weg!“ gerufen, dir die Decke über den Kopf gezogen und mir den Rücken zugewandt. Am nächsten Morgen konntest du dich nicht erinnern; ich glaube, du wolltest nicht. Sich nicht erinnern können ist deine Art, ohne eine Diskussion Nein zu sagen.

Ich studiere das Zucken deiner Wimpern. Ich verfolge deinen Blick, dessen Richtung sich unter deinen Lidern erahnen lässt. Deine Lider sind nur dünne Häutchen, aber sie trennen uns. Ich will wissen, was du siehst; ich will von dir wissen. Ein einziges Mal ist mir das bisher gelungen, da habe ich Furcht in deinem Gesicht gelesen; Furcht, vor etwas, das sich langsam nähert und dann Verzweiflung, weil du nicht wusstest, wohin. Ich wollte ein Ausweg sein und habe dir meine Hand auf die Wange gelegt; da hast du nach mir gebissen, schließlich hättest du mir angedroht, mich zu beißen, nächstes Mal. Als ich dich fragte, wann du das gesagt haben willst, hast du die Brauen zusammen geschoben, dir die Decke über den Kopf gezogen und mir den Rücken zugewandt. Am nächsten Morgen zeigte ich dir die Bissmale; du warst erschrocken, dann hast du mit den Schultern gezuckt und mich daran erinnert, dass man schlafende Hunde besser nicht weckt. Ich habe dir nicht widersprochen, denn du hast keine Ahnung von Hunden. Wenn es aber einen Hund gibt in unserer Beziehung, dann bin das ich.

Im Winter haben wir deine Mutter im Gebirge besucht. Sie sagte, sie mag keinen Besuch über Nacht, dabei hat sie drei leer stehende Schlafzimmer, die sie als Gästezimmer bezeichnet. Ich glaube, sie mag nur mich nicht über Nacht; ich glaube, sie mag mich nicht, und dass es damit zu tun hat, dass du jetzt bei mir wohnst. Manchmal schüttelte sie sich kaum merklich, bevor sie mir antwortete; als ich wissen will, wer ihr Gesellschaft leistet, antwortete sie mir gar nicht; niemals fragt sie mich zurück.

Wir schliefen also nicht in einem der Gästezimmer, sondern in einer kleinen Hütte, die dir dein Vater zum 13. Geburtstag gezimmert hatte, auf der äußersten Ecke des Grundstückes, fast schon im Wald. In jener Nacht hast du zum ersten Mal geträumt und als du aufwachtest, war die Nacht zu Ende, obwohl es lange noch nicht dämmerte. Du warst dir sicher, es sei jemand in deiner Hütte gewesen; ich war mir sicher, dass du nur geträumt hattest. Das sei unmöglich, du erinnertest dich sehr klar an jemanden und an deine Träume würdest du dich nie erinnern. Diesmal erinnerst du dich eben, hielt ich dagegen, denn ich war vor dir wach und außer uns beiden war niemand hier. Die Fußspuren im Schnee fielen dir erst auf, nachdem ich zu deiner Beruhigung eine Runde um die Hütte gedreht hatte; es waren meine Spuren, aber das entspannte dich nicht. Die kleine Pfütze auf der Türschwelle entdecktest du erst, nachdem ich meinen Mantel zurück in den Schrank gehängt hatte; es war meine Pfütze, vom Schnee, der aus meinen Sohlen geschmolzen war; aber das war keine Erleichterung für dich. Du hast dich unter unseren Decken verkrochen und ich habe auf dein Geheiß die Hütte durchsucht, auch, wenn du mir nicht verraten wolltest, nach wem. In der Schublade fand ich einen Handspiegel, der weder dir, noch mir, noch deiner Mutter gehörte. Er hatte blinde Flecken, wahrscheinlich wollte ihn deshalb niemand mehr; mein Gesicht war voller dunkler Male, als ich hineinsah. Der Spiegel war kein Indiz für mich, für dich aber war er ein Beweis, auch, wenn du nicht sagen konntest, wofür.

Seit dieser Nacht träumst du und ich schlafe nicht mehr neben dir; ich döse nur, wie ein Hund, dessen Augen nie ganz geschlossen sind, dessen Augen sich unwillkürlich öffnen, sobald sich etwas tut in seinem Revier. Mein Revier bist du, auch wenn du das bestreitest; du bist eine Katze und willst niemandes Revier sein, dabei brauchst du es warm und sicher und dabei brauchst du seit dieser Nacht jemanden, der die Wohnungstür zwei Mal abschließt vor dem Schlafengehen. Du brauchst jemanden, der neben dir wacht, wenn du träumst, auch wenn du das nicht zugeben würdest.

Du wirfst den Kopf hin und her, auf deiner Stirn hat sich ein glänzender Schweißfilm gebildet. Du ächzt, aber du sagst nichts. Ich darf dich nicht wecken, dabei wäre dich zu wecken das Einzige, was ich für dich tun könnte. Dann aber wärest du den ganzen Tag wütend auf mich. Du würdest mich darüber belehren, dass du deinen Schlaf bräuchtest und dass dein Schlaf dir gehöre und einem geheimen Rhythmus folge, den ich nicht zu stören habe. Du würdest so weit gehen, zu erklären, dass es ein Privileg für mich sei, meinen Schlaf an deiner Seite verbringen zu dürfen, dass ich die Grenzen dieses Privilegs jedoch überschritt, wenn ich deinen Schlaf mit meinem Wachen störte. Das alles hast du schon einmal gesagt, und ich glaube, du hast es gesagt, um dich zu rächen für die Sekunde deines Erwachens; die Sekunde, in der ich deine Irritation und deinen Unmut gesehen habe, in der ich dein Wesen frei von Höflichkeit gesehen habe; in der ich gesehen habe, dass dein Wesen, dem eines Tieres gleicht, dem einer Katze, die sich den Rest des Tages auf dem Schrank verkriecht, nachdem man mit Blitzlicht ein Foto von ihr aufgenommen hat.

Ich möchte geweckt werden, wenn ich schlecht träume; ich träume immer das Gleiche und das quält mich. Ich habe dich gebeten, auf mich zu achten, wenn ich schlafe – es würde mich nicht stören, wenn du mich dabei in meinem Wesen erkennen würdest – aber du hast das Kinn nach vorn geschoben. gefragt, wie du auf mich achten sollst: du schläfst. Das Kinn nach vorn schieben und eine Frage stellen, ist deine Art ohne eine Diskussion Nein zu sagen. Damit war bewiesen, dass du die Katze bist und ich der Hund, denn ich kann auf dich achten, selbst wenn ich schlafe.

Wenn ich schlecht träume, träume ich, dass mein Telefon klingelt. Ich befinde mich in wechselnden alltäglichen Situationen, plötzlich klingelt mein Telefon. Ich nehme es aus der Tasche; auf dem Bildschirm wird eine Nummer angezeigt, die ich nicht kenne. Das ist alles. Ich wache schweißgebadet auf; manchmal wache ich schreiend auf, dann bist du auch wach. Du fragst nicht, was ich geträumt habe, sondern wer dran war; du kennst meinen Traum. Du küsst mich auf die Stirn, wenn ich zugeben muss, wieder nicht rangegangen zu sein. Routiniert analysierst du, dass ich zu sehr an dir hinge, und dass das nicht gut für mich wäre. Noch nie war etwas so gut für mich wie du, an was soll ich mich sonst hängen? Du willst mich lieben, weil du mich lieben willst, und nicht, weil dich zu verlieren die größte Katastrophe wäre, die mir zustoßen könnte. Ich nicke, du wendest mir den Rücken zu. Während du schon wieder eingeschlafen bist, liege ich noch wach und grüble, wie ich die Katastrophe verhindern kann: Eines Tages wird dir etwas zustoßen und dann wird man mich anrufen, um mir zu sagen, was. Sobald ich meine Augen schließe, sehe ich den Handybildschirm vor mir. Aus der Erinnerung versuche ich, die Nummer zu rekonstruieren; ich möchte die Nummer anrufen und fragen, was passieren wird, damit ich es verhindern kann. So kann ich nur vermuten: ich habe dich gebeten, nicht mehr mit dem Rad ins Büro zu fahren, sondern mit dem Bus, das ist sicherer. Du hast mir übers Haar gestrichen und gelacht. Mir übers Haar streichen und lachen, ist deine Art, ohne eine Diskussion Nein zu sagen.

Deine Lippen öffnen sich trocken und langsam, jetzt atmest du durch den Mund. Wenn deine Lippen so klebrig aufspringen, dauert es meistens nicht mehr lange, bis du ruckartig einatmest und dann nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Höhepunkt deines Albtraumes ist. Ich weiß nicht, ob du gleich anfangen würdest zu schreien, ob du in einer Minute selbst wachwerden würdest oder in zwei Minuten zurück in einen tiefen Schlaf fielest. Ich weiß es nicht, weil ich es weiter noch nie geschafft habe. Wenn du so ruckartig einatmest, dass deine Stimmbänder schwingen und wenn du danach ganz und gar verstummst, muss ich dich wecken, weil ich überzeugt bin, dass du in Gefahr bist; im Traum vielleicht, bestimmt aber in Wirklichkeit: Du musst atmen, ich will es so.

Ich hoffe, dass du vorher aufwachst, dass du von selbst aufwachst, aufschreckst, dich aufsetzt, vielleicht aufschreist. Ich will dann da sein. Ich stelle mir vor, dass du brüllst und um dich schlägst, damit ich einen Grund habe, dich an den Handgelenken zu packen und sanft zurück in die Kissen zu drücken. Ich stelle mir vor, wie ich dir in die Augen sehe, fest und ruhig, und „Alles ist gut.“ sage. Tonlos forme ich die Worte, sie fühlen sich gut an auf meinen Lippen, ich will sie zu dir sagen dürfen; ich will sie sagen dürfen, in einer Situation wie dieser, in der „Alles ist gut“ so sehr stimmt, wie niemals sonst. Ich will, dass du keinen Grund hast, mir zu widersprechen.

Und dann will ich mit meinen Händen fühlen, wie die Spannung aus deinen Händen weicht und ich will mit meinen Augen sehen, wie die Furcht aus deinen Augen verschwindet. Ich werde nicht blinzeln, ich werde nicht riskieren, die Sekunde zu verpassen, in der du mich erkennst; du erkennst mich manchmal und das sind die schönsten Sekunden. Ich werde meinen Griff lockern, damit du deine Arme um mein Genick legen und deinen Körper an meinen ziehen kannst. Und wenn meine Lippen deinem Ohr am nächsten sind, werde ich dich fragen, wer in der Hütte war und was passiert ist und „Ach, du!“ werde ich nicht als Antwort akzeptieren. Ich glaube dir nicht, dass du dich nie an deine Träume erinnern kannst; aber so kurz nachdem du aus einem Albtraum aufgewacht bist, könnte ich es dir so wenig glauben, dass ich mit dir streiten müsste.

Deine Lippen schließen sich wieder und du machst „Mm“. Dein Kopf fällt zur Seite und deine Lippen schürzen sich kurz. Ich atme ruckartig ein und halte die Luft an. Das ist der Moment, an dem ich in deinem Traum vorkomme. Mein Name beginnt mit M und du hast deine Lippen geschürzt. Ich stelle mir vor, wie ich dich im Traum küsse und dann küsse ich dich. Ich muss es ganz sanft machen, um dich nicht zu wecken, diesmal.

Du streckst dich und lässt alle Luft aus deinen Lungen entweichen. Dann öffnest du kurz deine Augen und steckst deinen Kopf unter mein Kinn.
Wir schlafen.

Quad Blanche

Ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich habe mein Auto verkauft, weil ich es als Luxus empfand und mich mit sehr offensichtlichem Luxus immer ein bisschen unwohl fühle. Ich lebe in Städten und zwar in solchen, in denen Busse, Bahnen und sogar U-Bahnen fahren. Außerdem verbindet mich eine innige Liebesbeziehung mit meinem Fahrrad. Und seit dem Sommer auch mit meinen Füßen.

Eine Kollegin erzählte mir neulich mit leuchtenden Augen, dass ihr Mann vorhabe, sich ein Quad zu kaufen. Eine tolle Zeit würde das: sie und er auf dem Quad und den Wind im offenen Haar. Während ich überlegte, was genau das eigentlich sei, ein Quad, sprudelten Sätze aus ihr heraus, die Verben wie „heizen“, „brettern“ oder „düsen“ enthielten und auf „herrlich“ endeten.

“Aber warum?”, fragte ich. “Warum was?”, fragte sie. “Warum ein Quad?”, entgegnete ich. “Warum nicht?”, entgegnete sie. “Ich denke, ihr wollt Kinder?”, sagte ich. “Ja, und?”, sagte sie. “Wäre ein Combi da nicht sinnvoller?”, schlug ich vor. “Doch”, gab sie zu, “aber es geht nicht um Sinn bei einem Quad. Es geht um Spaß.“ Als ich die Stirn runzelte, ergänzte sie: „Weißt du, Spaß ist, was man hat, wenn man nicht nachdenkt.” Daraufhin ging sie und ich schwieg.

Wenige Tage später entdeckte ich ein Quad auf meiner abendlichen Hunderunde. Das Gefährt stand im Hinterhof einer benachbarten Wohnanlage. Es sah traurig aus. Es wollte gefahren werden. Weil es dunkel war und ich mich unbeobachtet fühlte, stieg ich kurz auf. Mir gefiel, was die Sitzhaltung mit meiner Laune machte: Ich wollte heizen, brettern und düsen. Herrlich. Auf dem Heimweg stellte ich mir vor, wie Heiko hinter mir sitzend die Arme um meinen Bauch schlingt und kichert.

Heute morgen kam ich wieder an dem Gefährt vorbei.

Quad Blanche
Quad Blanche

Zum Festland, jeden Tag.

„Nur ein Traum.”
„Und was?”
„Nichts.“
„Nichts! Du hast geschrien!“

„Wir leben auf einer Insel. Du und ich.
Ich muss hinüber zum Festland, jeden Tag. Ich habe ein kleines Motorboot.
Es ist Winter. Das Boot liegt fest.
Der Eisbrecher zwischen der Küste des Festlandes und unserer:
Ich darf ihn nicht verpassen, er fährt nur einmal.
Ich warte am Steg, lange, vergebens.
Du kommst hinzu und legst mir die Hand auf die Schulter:
Das Eis ist zu dick geworden, es zu brechen.

Du läufst los, hinaus, weit, um mir zu zeigen, wie fest es trägt.
Ich folge dir, aber du bist schneller.
Du entdeckst zwei Löcher im Eis, zwei Eingänge, dicht an dicht.
Du tanzt um sie, wie ein Kobold.
Du lachst, dass ich ja darin oder darin Boot fahren könnte.

Dann rutschst du aus, strauchelst, schlitterst, stürzt.
Eines der Löcher verschluckt dich.
Wasser schwappt aufs Eis, gefriert, bevor ich blinzle.
Du wirst dir den Tod holen bei der Kälte, denke ich, nass, wie du bist.
Du wirst ersticken unterm Eis, denke ich, du kannst den Atem nicht halten.
Ich muss dich finden, denke ich, schnell, schnell.
Ich knie auf dem Eis, poliere es mit bloßen Händen, dich zu entdecken, irgendwo.
Ich trommle und trample, wo ich dich vermute.
Ich rufe und weine.
Eis bleibt:
Zwischen uns.

Ich taumele hinüber zum zweiten Loch und stürze mich hinab.
Kälte fährt in mich wie spitzes Metall.
Ich wage es, die Augen zu öffnen.
Sonnenlicht fällt blassgelb durch die Decke über mir.
Ich wage es, tiefer zu tauchen.
Wasser, hellblau, stürzt nach unten ins Schwarz.
Ich wage es, auszuatmen.
Luftblasen umgeben mich. Wie Perlen.
Schön, denke ich.“

„Aber du hast geschrien!“
„Weil du nicht da warst. Auch dort nicht.“
„Freilich war ich das.
Deck dich zu, ich mach uns einen Tee.“