sag nur ein wort

das land ist so seltsam still in den nebelschwaden,
tropft´s sachte von den ästen der kiefern hinunter
und doch kann man es riechen, das meer
nur zehn schritte weiter die wellen grüngrau,
wie sie schäumend, wie sie brausend und stobend
umstürzen auf den sandbänken,
und dazwischen die großen wildgänse,
die tausendstimmig aufstieben mit ihrem wehmütigem schrei
übers richtige außenmeer uns forttragen,
wer weiß wohin.

Fay

Ich liege in der Dunkelheit, den Kopf auf meinen verschränkten Armen. Unsere Kissen sind auf den Boden gerutscht oder hinter das Bett. Durch den Spalt in der Tür fällt ein schmaler Streifen Licht auf die Stelle zwischen Bauch und Brust. Sie glänzt feucht als sie sich hebt und senkt: Ich atme und schwitze. Ich höre dir zu.

Ich lausche den Tropfen, die weich dein Haar treffen, denen, die scharf auf deine Schultern prasseln, denen, die harsch von deinem Nacken abprallen, von deinem Rücken, deinen Hüften, deinem Po. Ich unterscheide einzelne Tropfen, die an deinem Körper vorbei ungehalten auf die Emaille trommeln. Ich höre, wie sie vermischt mit weißem Schaum, der dir vom Körper fließt, deine Füße umschmeicheln und in den Abfluss sickern. Ich vernehme die Kreise, die deine Fingernägel auf deiner Kopfhaut ziehen, tief in deinem Haar, so dass die Striemen ungesehen bleiben. Ich lauere auf das Geräusch deiner Hände, wenn sie Seife auf deiner Brust aufschäumen, das Geräusch, wenn sie Seife auf deine Schenkel reiben, wenn sie Seife zwischen deine Zehen massieren und unter deine Achseln.

Ich rieche die Seife bis zu meiner Matratze. Mit geschlossenen Augen fülle ich meine Lungen und beim Ausatmen ärgere ich mich. Darüber, dass sie mich gekriegt haben, weil sie genau wissen, wie sie Seife machen müssen, damit wir sie mögen. Ich bin auch nur ein Mensch, wie du, aber eigentlich rieche ich dich lieber. Und eigentlich weiß ich nicht, warum du dich abseifst, denn was wir getan haben, war nicht schmutzig. Ich weiß nicht, warum du mich von dir spülst, während du auf mir trocknest.

Ich höre, wie die Flacons auf der Konsole klirren, als du den Rasierer greifst. Ich höre das Seufzen der Rasierschaumdose. Und während des Nichts, das ich dann höre, stelle ich mir vor, wie du das Gel in deinen Händen in feinen Schaum verwandelst, mit dem du deine Schienbeine umhüllst und deine Waden. Das klatscht ein bisschen, das höre ich wieder. Und kurz darauf, wie deine Haare von den Klingen durchtrennt werden. Ein Geräusch, als würde sich eine Katze die Krallen schärfen, an einer Mauer, ein Stückchen entfernt. Ich höre, wie der Rasierer über deine Haut fährt und stelle mir vor, wie er jedes Härchen schneidet, so zart es auch sei. Ich höre den Rasierer seine Bahnen ziehen und stelle mir vor, wie er jeden Flaum mit sich nimmt, jeden Schimmer, jeden Hauch, und wie er nichts zurückzulässt, als blanke, glatte Haut, blassrosa. Frierst du nicht? Ich friere.

Vorhin als deine Waden auf meinem Schoß lagen und meine Hand in dein Hosenbein wanderte, habe ich gekichert über das zarte, seidene Kleid unter meinen Fingern. Mir gefiel, wie deine Härchen die Grenzen deines Körpers aufweichten. Wem gehört die Luft, die du unter den Härchen erwärmst? Dir oder mir? Als Antwort hast du mit deinen spitzen Nägeln drei Haare von meinem Handrücken gezupft und zurückgekichert, als ich „Hey!“ rief. An Männern findest du Haare schön, sagst du, besonders meine, besonders, wenn sie schimmern im Gegenlicht. Dann hast du mein Hemd aufgeknöpft.

Ich höre die Dose wieder zischen und wieder klatscht es und es kratzt. Ich kneife die Augen zusammen, weil ich weiß, dass du gleich fluchen wirst: du fluchst. Du bist ungeschickt mit der linken Hand, aber du kannst dir die rechte Achsel nicht mit der rechten rasieren. Also zerschneidest du sie mit der linken? Bei den Beinen passiert dir das nicht, du verstehst nicht, wieso. Ich verstehe das auch nicht, nichts davon.

Vorhin hat dich mein Lächeln veranlasst – spöttisch, resigniert – mich vor die Wahl zu stellen. Will ich lieber mit einer schönen Frau sein oder mit einem Äffchen? „Lieber mit dir.“, habe ich geantwortet und beim Ausatmen habe ich mich geärgert, weil der Mann im Film das auch geantwortet hätte und ich weder klingen will, noch sein, wie Männer in Filmen. Also habe ich hinzugefügt, wie sehr ich das Äffchen liebe, das heute Morgen zu mir ins Schlafshirt gekrochen kam um mir in den Bauch zu beißen. Und dass du hoffentlich auch einen Affen lieben würdest, den King Kong nämlich, der dich gestern nach dem Zähneputzen huckepack genommen und ins Bett getragen hat. Da hast du mich geküsst.

Ich höre, wie du dich auf den Wannenrand setzt und die Dose ein drittes Mal seufzt. Ich höre, wie du deine Füße auf den Wannenrand stellst und mit dem linken versehentlich die Schampooflasche in die Wanne stößt. Ich höre, wie sich Tropfen von den Spitzen deiner Haare lösen und auf deine Knie platschen. Ich weiß, dass du das nicht hören kannst, weil du dich sehr konzentrierst. Ich weiß, dass du jetzt nicht zuckst, auch, wenn die Tropfen kalt und kitzelnd über deine Schenkel fließen. Ich mag deine Scham, wenn sie weich ist. Und wieso eigentlich Scham? Da ist nichts, wofür du dich schämen könntest.

Vorhin habe ich dich gefragt, für wen du das machst, für mich nämlich nicht, höchstens gegen mich. „Ich mach das für mich!“ hast du gesagt und ich habe mich geärgert, weil das die Frau im Magazin auch gesagt hätte und ich nicht will, dass du wie die Frauen in den Magazinen klingst oder bist. Du hast von Hygiene gesprochen und von Pflege, aber nur gelacht, als ich dich fragte, ob ich mich neben dir nun unhygienisch und ungepflegt fühlen soll. Du bist du, hast du dann gesagt, und ich war froh, weil das ja genau das ist, was ich will: Dich wie du bist. Aber nicht dich, wie sie dich wollen. Deine Freundinnen, die Jury, die Frauen aus der Werbung. Dann bist du ins Bad gegangen.

Als ich höre, wie der Zerstäuber einen Duft auf deine Haut keucht, richte ich mich auf und angle die Kissen vom Boden. Meines lege ich aufgeschüttelt auf deine Seite, deines stopfe ich zerknittert unter meinen Kopf. Du löschst das Licht. Auf Zehenspitzen schleichst du zum Bett, vorsichtig legst dich zu mir. Ich akzeptiere dein Angebot und stelle mich schlafend. Und obwohl du mir glaubst, streckst du und räkelst dich, bevor du dich zudeckst, ich höre das genau. Du gefällst dir in deiner Makellosigkeit und ich verstehe das. Aber ich verstehe nicht, was sie mit Rasieren und Parfümieren zu tun hat. Du magst dich in deiner Reinheit, aber ich vergrabe meine Nase in deinem Kissen, weil ich dich riechen will und nicht den Zeitgeist.

Endlich legst du die Decke über mich und noch bevor du dich zu mir herüberbeugst um meinen Hals zu küssen, schlinge ich sie fest um mich, damit du ja nicht die Liebe riechst, die noch an mir klebt und dort bleiben soll, wenn es nach mir geht.