Aljoscha Teil IV

Er setzte sich auf die Schwelle des Gasthauses, das ihn und seine Geschwister all die Jahre zuverlässig ernährt hatte und das ihm deswegen jetzt der vertrauteste Ort auf dieser Welt war. Aljoscha wusste, würde er jemals zu Gelde kommen, würde er viele solche Gasthäuser über das Land verteilt bauen, den Kindern darin Zuflucht gewähren, sie jeden Tag mit süßem Brei und Kuchen ernähren und ihnen das Alphabet in schönen großen Buchstaben auf die Fensterscheiben schreiben lassen. Außerdem würde er darauf achten, dass keiner der anderen Gäste jemals die Hand gegen eines der Kinder erheben würde. In diese wunderbaren Gedanken versunken, lehnte er seinen Rücken an die Hauswand aus dicken übereinander gefügten Kiefernstämmen. Er drehte den Kragen hoch, drückte seinen schlanken Hals in den schmutzigen Stoff hinein und überkreuzte die Beine. Weil er dennoch zu frieren begann, schnürte er den aus Lederresten verflochtenen Gürtel, der seine Hose und die dünne Stoffjacke nur leidlich zusammenhielt, enger um die Taille und hauchte über die erkalteten Fingerkuppen. Dabei hörte er durch das geschlossene Fenster die vielen Stimmen, die wild durcheinandersprachen. Da er von je her nicht die Neigung der Anderen besaß, Dinge, die ihn bewegten seinen Mitmenschen mitzuteilen und deswegen auch von klein auf, keinerlei Veranlassung verspürte, mit irgendjemanden über das notwendige Maß hinaus ins Gespräch zu kommen und wegen dieser Eigenschaft in früheren Jahren manchmal in der Nachbarschaft sogar als geistig zurückgeblieben gegolten hatte, wunderte er sich nicht wirklich über das Gemurmel. Schon lange hatte er es aufgegeben herauszufinden, was Leute dazu antrieb, immerzu zu erzählen, anstatt sich still über den Tag, die Heiligen und die schöne Natur zu erfreuen. Eine Zeit lang hatte er es wie die Anderen versucht. Aber egal was er erzählte, sie machten sich entweder mit hämischen Sprüchen über seine Worte lustig oder fuhren ihm bei jedem zweiten Satz über den Mund, sodass er seine Gedanken oftmals nicht zu Ende bringen konnte. Und so nahm er es als eine Art Schicksal an, den Anderen still zuzuhören und dann und wann, wenn diese eine Pause einlegten, nachzufragen oder sie wortlos anzusehen, zuzustimmen oder auch gar nichts dergleichen zu tun und ihnen stattdessen zu versprechen für sie und ihre Sorgen zu beten. Die Erfahrung schien dem Jungen Recht zu geben. Bemühte er sich mit ihnen um eine Tagearbeit, bekam meist er den Auftrag und nicht die Gesprächigen. Zufrieden rieb Aljoscha den Kopf über die Rinde der Kiefernstämme und betrachtete den leckeren Kuchen, den der freundliche Mann ihm eben auf der Straße einfach so in die Hand gelegt hatte. Er rieb sich über die Stelle der Stirn, auf die ihn der Fremde eben geküsst hatte und überlegte, wann er das letzte Mal einen so unerwarteten Kuss erhalten hatte und ob er überhaupt schon einmal von einem Mann geküsst wurden war. Dass seine Mutter so etwas mit ihm früher vor dem Zubettgehen gemacht hatte und er mit solchen Aufmerksamkeiten häufiger bedacht wurden war, als die sieben Geschwister, begriff er immer dann, wenn sie ihn nach dem Kerzenlöschen in die Waden kniffen, einen Klaps auf die Schulter gaben oder die kleinen Geschwister beim Fortgehen der Mutter weinten und von ihm getröstet werden wollten. Er lächelte über den Gedanken, zwickte sich selbst in die Seite und beschloss, all seinen Geschwistern, wenn er nachher Hause käme, mindestens einen Kuss auf die Stirn und einen weiteren auf den Mund zu geben. Glücklich über seine Idee, schob er die Zunge über die Zuckerkruste und tupfte sanft über die unebenen Klümpchen, die der Bäcker wohl in der Schnelle seiner vielen Handbewegungen unachtsamer Weise darauf verteilt haben musste. Nach einer Weile machte er eine Pause, schob den runden Marmorkuchen vor die Augen und schaute ihn aus der Tiefe seines hochgeschobenen Kragens an, als wollte er sich noch einmal überzeugen, dass er tatsächlich im Besitze eines so schmackhaften Kuchens war. Er hielt ihn an die Nase und sog den Duft des Teiges in sich hinein. Aljoscha streckte die Zunge soweit er konnte heraus und begann mit der Zungenspitze kleine Kreisbewegungen über die Klümpchen zu ziehen, bis diese glatt geleckt waren. Unebenheit für Unebenheit leckte er so Stück für Stück herunter. Und Schicht für Schicht leckte er anschließend auch den dicken Zuckerguss ab. Als dieser abgeleckt war atmete er zufrieden ein und aus, schloss die Augen und begann in den Teig zu beißen. Endlich spürte er ein Mandelstück. Er pulte es aus dem Teig, schob es zwischen die Zähne, verharrte einen klitzekleinen Moment und zerknackte es schließlich. Das Geräusch gefiel ihm. Wieder begann er zu pulen und holte ein weites Mandelstück hervor. Auch bei diesem machte er eine Pause und biss darauf. Aljoscha pulte und pulte bis der Kuchen in zwei Hälften zerbrach. Dankbar gedachte er des fremden rothaarigen Mannes, mit den lustig klingenden Glöckchen an den Stiefeln und der schönen Pelzkappe, der ihn völlig unerwartet geküsst hatte und dessen Kuss er immer noch als angenehm empfand. Er freute sich über seine Heiligen und war sich sicher, dass sie ihn nie verlassen und auch weiterhin beschützen würden. Mit dieser Gewissheit, die er schon als kleiner Junge aus irgendeinem Grunde in sich trug und die ihm schon frühzeitig das Gefühl gab, eines Tages still für Gottes Ruhm und Ehre tätig werden zu dürfen, schlief der Junge auf der oberen Stufe kauernd und sich in einem Kloster mit weißen hohen Mauern sehend und allerlei Geschenke an die Armen verteilend, ein.

Frau Schnorrmann

Langsam legte sich die stickige Zimmerluft in den Raum. Eine nach der anderen atmete den gleichmäßigen Atem, der der noch wach Liegenden verriet, dass die beiden Patientinnen bereits eingeschlafen waren. Und so wurde es kurz nach Mitternacht bis auch Frau Schnorrmanns unschöne Gedanken von dem gleichgültig machendem Geräusch der beiden Frauen erfasst wurden und sich ins Nichts auflösten: die Ankunft vor zwei Tagen; dass die Neue die geordnete Ruhe störe; die heiße Stimme von Frau Bayer; die jungfräuliche Lehrerin Frau Schubert, die im Bett sitzt und alles und jeden schulmeisterlich kritisierte, dass es selbst dem Personal manchmal zu viel wird.

Frau Schnormann bewegte sich im Bett von der einen auf die andere Seite. Dabei fiel ihre Steppdecke herunter und sie erwachte aus einem beunruhigenden Schlaf. Sie setzte sich auf und starrte zur der mehrere Meter hohen Zimmerdecke mit dem verzerrten Fensterkreuz mit Dreipass, welches das Mondlicht auf die weißen Wände projizierte. Sie betrachtete jede der gleichmäßig Atmenden in dem Raum und kletterte, nachdem sie sicher war, dass alle schliefen, vorsichtig über das Bettgitter hinab, hob die Steppdecke auf und legte sie ins Bett zurück. Mit kleinen Schritten bewegte sie sich ans Fenster, dessen Sims breit ausladend in ihrer Augenhöhe begann. Sie nahm sich einen Stuhl, kletterte darauf, legte ihre dicken Knie auf den Tisch, um auf diesen zu steigen. Mit den Händen stützte sie sich auf den tiefen Sims, öffnete das Fenster, umgriff die dünnen Sandsteinsäulen des Dreipasses und starrte still in die Nacht. Zu viel Mond, zu viel Licht, dachte sie. Das kann sehr gefährlich werden. Sie fror und knöpfte die zwei Knöpfe ihres rüschenbesetzen Nachthemdes zu. Die Kälte erinnerte sie an den Winter, an die ständige Angst, und immer die Russen im Nacken. Sie atmete die kühle, beißende ostpreußische Winterluft, hörte das Pferdegetrappel, wildes Durcheinanderschreien, das Knirschen von schnellen Fußstapfen, und in der Ferne den seit Wochen herannahenden Kanonendonner. Leise schob sie das Fenster zu, kniete sich mühsam auf den Tisch, um von diesem rückwärts auf den Stuhl zu klettern, um von dem wieder mit ihren nackten, für ihre Größe viel zu großen Füßen auf den Boden zu gelangen. Sie wischte mit ihren faltigen Wäscherinnenhänden über die Sitzfläche des Stuhles und schob ihn vorsichtig unter den Tisch. Sie kletterte über das Bettgitter in ihr Bett und bewegte den Kopf mit den faltigen Wangen auf dem Kopfkissen unruhig von der einen zur anderen Seite und kniff die Augen zusammen. Ihre breiten Hände mit den dicken Fingernägeln schob sie ins Gesicht und murmelte ein Gesicht. Es gelang nicht. Zu sehr schwirrten die Gedanken um sie herum und zu sehr beunruhigte sie diese Nacht. Ich halt das nicht aus. Ich weiß nicht was passiert ist, dachte sie. Sie rieb über den Bauch, der in der Windel steckte. Ich muss hier weg! Nein, nein, es ist zu spät, wie damals als sie ihn erschossen. Sie selbst spürte in jener Nacht nichts, die Tochter in ihrem warmen Stoffbündel gehüllt, schrie im Versteck. Sie schrie und hätte die Dorfbewohner fast verraten. Sie solle der Kleinen den Kehlkopf zudrücken, hatten die anderen gefordert. Es müsse sein. Sie dachte damals, die Tochter würde wegen der wenigen Habseligkeiten, schreien, die sie ins Knäuel heimlich eingenäht hatte, weil es doch immer hieß, die Russen würden die Kinder verschonen. Nur die Kinder. Deswegen riss sie die Löffel, die Silberschnalle der Mutter, die vergoldete Uhr, das Zigarettenetui des Vaters und die kleine, bronzene Kaiserplastik des Großvaters, heraus und warf sie in den Fluss. Erschossen hatten sie ihren Franz. Ganz einfach, ohne zu fragen, erschossen, und die Tochter hatte geschrien in dieser kalten, mondklaren Nacht und ließ sich einfach nicht beruhigen. Wie konnte das armselige Ding das nur merken, flüsterte Frau Schnorrmann zur Zimmerdecke, zu den Schatten des Dreipasses und zu dessen blasenförmigen Umrissen und glaubte den Schatten Dickichts im Schnee zu erkennen. Sie kniff die Augen zu, duckte sich in die Bettkuhle und flüsterte: „nur Du weißt warum, nur Du, lieber Gott? Ein Stück Papier hast Du mir gelassen, auf dem steht, dass er tot ist, in schöner Sütterlinschrift, mit einem Stempel drauf. Da sie sehr genau wusste, dass es ihr in diesen Momenten beim Einschlafen half, summte sie „Drei weiße Birken“ und streichelte sich über ihre Nase. Sie lief den Birkenhain entlang, stellte sich hinter die Mauerreste und hörte ihm beim Singen eines seiner vielen Volkslieder zu, die er gern und laut sang. Sie schwang sich heimlich über das Seitenbrett auf das Fuhrwerk, kletterte auf den Holzstapel und fuhr mit ihm ins Dorf.

Weil sie der Schlaf aber nicht haben wollte, öffnete Frau Schnurrmann die Augen, legte die Hände auf den Schoß und grübelte. Das gleichmäßige Atmen der Mitpatientinnen beunruhigte sie auf einmal. Sie kletterte wieder über das Bettgitter, ging zum Schrank, in dem die Schwestern die Kleidung bei der Ankunft einer Jeden hineinsortierten, nahm ihre Kleidung heraus, entfernte den schief eingeklebten Pflasterstreifen, auf dem ihr Name in hastig geschriebenen Buchstaben stand und zog die Sachen an. Da sie ihre Schuhe nicht fand, ging sie barfuß in ihrem viel zu großen grauen Mantel und dem viel zu langen grünen Rock durch den Raum, nahm ein Bündel Zellstoff, den die Schwestern vorsorglich am Abend auf alle Nachttische gelegt hatten und stellte sich an das gegenüberliegende Bett. Den Rock hatte sie vorher noch mit dem Pflasterstreifen zusammengeklebt, auf dem ihr falsch geschriebener Name stand. Die Patientin lag auf dem Rücken, die Arme auf der Brust, das Gesicht weit nach oben gerichtet, der Mund geöffnet. Mit ihrer blassen Haut wirkte sie wie eine in weißen Stein geschlagene Friedhofsskulptur. Frau Schnorrmann stellte sich an das Kopfende, seufzte und betete mit ihrer tiefen, brummenden Stimme, leise ein Vater Unser. Sie griff den Stapel mit den dünnen Zellstoffbahnen, zerpflückte diese zwischen ihren dicken Fingern zu kleinen Blütenknäulen und verstreute die Knäuel feierlich auf das Gesicht und auf die Brust der Schlafenden. Liebevoll streichelte sie über deren Wangen, murmelte Kinderreime und küsste sie. Von alledem aufgewacht, begann die Patientin um Hilfe zu schreien. “Was machen sie denn da? Die ist verrückt“, rief sie! „Bringt sie hier weg!“ und griff nach der Klingel. Völlig irritiert stand Frau Schnorrmann mit dem Zellstoff in der Hand, vor ihr. Die Nachtschwester betrat das Zimmer und herrschte sie an:“ Was wollen sie hier? Wissen sie nicht wie spät es ist? Gehen Sie sofort wieder in ihr Bett. Sie müssen doch schlafen, wenn sie gesund werden wollen!“ – „ Schaffen Sie mal die Oma hier fort“, geiferte die Patientin weiter und warf die zerpflückten Zellstoffknäuel, der auf ihrer Brust lag, hinter ihr her.
Mit gesenktem Kopf ging Frau Schnorrmann artig an der Hand der herbeigerufen Schwester. Sie entfernte das Bettgitter und legte die Frau wieder ins Bett. Frau Schnorrmann murmelte:“ Aber ich dachte, ich darf noch mal, aber ich muss sie doch wenigstens…!“ und sah dabei die Schwester an – „Ich bring ihnen noch etwas zur Beruhigung und dann schlafen wir aber fein. Es ist doch schon spät“, beschwichtigte die Schwester liebevoll die Frau.
Am anderen Morgen saß Frau Schnorrmann wortlos in ihrem Bett, zerriss den restlichen Zellstoff und streute ihn über ihre Bettdecke. Die lindgrüne Windel, die bis unter die dünnhäutige Brust reichte, irritierte den Arzt bei der Visite, dass er ihr das Nachthemd eilig zuknöpfte und beiläufig fragte „Was haben Sie denn da gestern Abend gemacht?“. Frau Schorrmann, die ihren Unterkiefer unaufhörlich hin- und herbewegte und mit den Händen die Zipfel der Bettdecke gegeneinander rieb, blickte ihn freundlich an. Sie hob die Schultern und sprach mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme „Wissen Sie“, dann machte sie eine Pause, holte tief Luft, denn sie hatte vor jedem Studierten Respekt, „wissen Sie, ich wollte doch nur noch ein einziges Mal, ich musste sie doch…!“ Sie hob wieder die Schultern und sah hilflos in die Runde der Visite. Da müssen wir unbedingt etwas dagegen machen!“, unterbrach empört die Stationsschwester, sonst bekommt der Nachtdienst eine Meise.“ – „Na, dann geben Sie ihr 10 Tropfen Valocordin zum Abend und ein bisschen Haloperidol zur Nacht!“, beschwichtigte der Arzt, streichelte über den Kopf der Frau und ging zum nächsten Bett.

Nach der Visite klingelte das Telefon der Stationsleiterin und eine Schwester erkundigte sich, ob sich die 90´jährige Frau Schnormann noch auf ihrer Station befände und das ihre Tochter heute Nacht plötzlich auf ihrer Station verstorben sei. Die Stationsschwester überlegte, wie sie die Nachricht der verwirrten Frau übermitteln könne. Sie beauftragte mit der Nachricht eine neue Mitarbeiterin.

Die junge Schwester betrat das Zimmer, nahm eine Schüssel, füllte sie mit Wasser und wusch Frau Schnorrmann. Sie fragte sie nach ihrem Leben, nach besonderen Wünschen, massierte den Rücken, die Hände und die Füße. Die Schwester brachte es jedoch nicht fertig, der Frau den Tod der einzigen Tochter mitzuteilen und stellte ihr wortlos das Frühstück hin. Mittag trat sie wieder an ihr Bett, räumte das Frühstück weg, reichte ihr das Mittagessen und überlegte, wie sie ihr endlich den Tod mitteilen könne. Mit leiser Stimme fragte sie: „Haben Sie sich schon in diesem Zimmer eingewöhnt? Haben Sie noch einen Wunsch? Kann ich Ihnen das Kissen aufschütteln?“ Die alte Frau, die auf der Seite lag und von der nur ein Stück der grünen Windel zu sehen war, drehte sich zu ihr um, legte den Kopf auf die Hand, die auf dem Kopfkissen lag und schwieg. Die Schwester zwirbelte unaufhörlich den Haarlocken und sagte: „Frau Schnorrmann, Sie müssen jetzt sehr stark sein. Ihre Tochter ist letzte Nacht unerwartet gestorben. Frau Schnorrmann, haben sie verstanden, was ich eben gesagt habe?“ Die alte Frau setzte sich auf, griff die runden Hände der Schwester und streichelte sie. Sie runzelte die Stirn und wog ihren von Falten übersäten Kopf nach links und rechts, dass ihr Zopf wackelte. Mit tiefer, fast männlichen Stimme sagte sie müde: „Ich weiß, Kindchen. Da kann ich nun nichts mehr machen.“ Sie lächelte die Schwester an, dass ihre drei verbliebenen schiefen Zähne in der linken Mundhälfte, hervortraten. „Wenn ich Ihnen nur helfen könnte“, sagte die Schwester, weinend am Bettrand sitzend. Frau Schnorrmann schob ihre faltigen Hände um die Wangen der Schwester und flüsterte in ihrem ostpreußischen Dialekt: „Ich weiß Kindchen. Ich weiß es bereits!“ Danach schob sie ihre Hände um ihre flache Brust und murmelte. „Weißt Du, ich habe sie eigenhändig getragen, von Ostpreußen bis hierher, die Russen im Nacken und die Kanonen im Ohr. Es war Weihnacht 44`“. Sie streichelte nochmal die Schwester, legte sich zurück auf die Seite, dass nur die grüne Windel zum Vorschein kam und starrte das Bettgitter an.

Albert packt´s an

Ich bin sieben Jahre alt. Ich habe drei Hamster, einen Fernseher und einen kleinen Bruder. Am liebsten liege ich auf meinem Bett und lese das Lustige Taschenbuch. Heute ist Sonntag. Es wird gerade hell und ich kann nicht mehr schlafen. Ich grübele. Ich hatte auf meinen Wunschzettel ein großes rotes Rennautobett gemalt und stattdessen ein Matchboxauto, Plüschtiere und viele Zuckerstangen bekommen. Hatte der Weihnachtsmann in seinem Jutesack keinen Platz mehr gehabt für ein Rennautobett oder hatte ich keines verdient? Am Silvestermorgen hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und ihm einen Brief geschrieben. Eingeworfen habe ich ihn auch. Eine Antwort blieb aus.
Schnee liegt immer noch, aber es ist schon Januar und nun habe ich keine Lust mehr zu warten. Also werde ich wohl selbst Hand anlegen. Auf Zehenspitzen schleiche ich ins Bad und putze Zähne. Oma hat mir so schaurige Geschichten vom bösen Zahnmännchen erzählt, das nachts zu allen schludrigen Kindern kommt und große Löcher bohrt, sodass ich meine Zähne immer gleich nach dem Aufstehen blitzeblank putze. Ich schleiche in mein Zimmer zurück und ziehe meine Schlumpersachen aus dem Schrank. Meine graue Jogginghose mit dem großen Mickey Mouse-Aufnäher auf dem Knie, den grünen Pullover meines Cousins, die dicken Socken, die Oma mir immer in meinen Lieblingsfarben strickt und Opas Schal, den ich nur heimlich trage.
Wenn das Rennautobett nicht zu mir kommt, komme ich eben zu ihm. Und das bedeutet was? Na klar, ich werde mir eines bauen. Leider habe ich noch kein Bett gebaut. Eine Kellertür habe ich schon mit Opa gezimmert, einen Zaun repariert und aus dem morschen Geäst hinterm Haus baue ich gerade ein Baumhaus, welches nicht auf dem Baum, sondern unter dem Baum, also auf dem Boden steht oder vielleicht eher wackelt. Mist, das würde mehrere Jahre dauern, bis mein Rennautobett fertig wäre und ob ich darin wirklich schlafen könnte, stünde in den Sternen. Ich nehme die Schuppenschlüssel und schnüre die Winterstiefel fest. Oma sagt immer, der Hunger kommt beim Essen. Also schnell die Treppe runter und rein in den Schuppen. Ich schaue mich erstmal um, vielleicht kommt mir dann eine Idee.
Nägel und Schrauben in unterschiedlichsten Größen, dicke und dünne Bretter, Hammer, Rohrzangen, grobes und feines Schleifpapier, die Drahtbürsten, Glühbirnen und Steckerleisten, Kabel, der blaue Schraubstock und die großen Farbkübel. Farbkübel! Deckweiß, ockergelb, kastanienbraun, rostrot. Rostrot! Ich erinnere mich. Opa hat damals seine Brille vergessen im Baumarkt und geflucht, als er die erste Zaunslatte rot gestrichen hatte. Seitdem steht der Kübel eingestaubt in der Ecke. Ich hab´s. Ich muss gar kein neues Bett bauen. Ich habe ja schon eines. Und in dem schlafe ich auch erstaunlich gut. Jedenfalls bis es dämmert. Ich kann einfach mein Bett rot übermalen. Genial. Ich brauche also einen Stab zum Umrühren der Farbe, ein altes Bettlaken zum Abdecken, einen großen Pinsel und Schleifpapier. Habe ich etwas vergessen? Schade, dass Opa noch schläft. Aber was wird das für eine Überraschung, wenn ich ihm stolz mein selbstlackiertes Rennautobett zeige. Der wird platzen vor Stolz.
Ein großes löchriges Handtuch zum Unterlegen ist in der Putzlappentüte. Das Schleifpapier liegt ganz oben auf dem Werkzeugschrank. Dann muss ich hochklettern. Also rauf auf die Kabeltrommel und schon bin ich auf der Werkbank. Das liegt aber auch weit oben, wie kommt da eigentlich Opa immer ran, der ist auch nur einen Kopf größer als ich, naja oder zwei. Ich brauche noch was zum draufstellen. Hier der Werkzeugkoffer und der Farbkübel. Ja, jetzt müsste es gehen. Oh, der Deckel sinkt schon ein bisschen ein, hoffentlich reißt der nicht. Zehen angespitzt und uff, wie es knackt, ich komme einfach nicht ran. Der Deckel reißt gleich, ich springe lieber schnell runter. Dann bleibt´s eben. Wird auch ohne Schleifen gehen. Warum Opa das immer macht, verstehe ich sowieso nicht. Jetzt brauche ich noch Pinsel. Wo sind die? In dieser Ablage? Nein, hier in dieser Schublade, ganz hinten, jetzt fällt´s mir wieder ein. Hier gibt es runde und flache Pinsel. Welcher ist nun besser geeignet? Opa wüsste Rat. Aber der ist nicht da. Also nehme ich einfach den Größten! Jetzt brauche ich noch diese Stange zum Umrühren. Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich nehme einfach den alten Besen. Das wird sicherlich keinen stören. Nun habe ich alles zusammen. Uff, ist der Kübel schwer. Wie ich die Treppe damit hinaufkommen soll, weiß ich auch noch nicht.
Dumm quatschen kann jeder. Aber wir Müllers sind Macher. Endlich habe ich meine Zimmertür geschlossen. Erstmal muss ich die Kissen wegräumen. Aber wohin damit? Auf den Hamsterkäfig! Ich baue euch eine Höhle Tick, Trick und Track! Ach, die pennen schon wieder. Und wenn ich heute Abend in meinem neuen roten Rennautobett schlafen will, drehen die wieder voll am Rad.
Das Handtuch muss auf den Boden und der Farbkübel darauf. Ich will ja keinen Ärger bekommen wegen des Teppichs. So nun kann´s losgehen. Der Deckel klemmt. Aber ich habe ja ein Taschenmesser. Das ist multifunktionstüchtig. Und ein Schraubenzieher ist auch dran. So öffnet Opa immer Deckel, wenn sie klemmen. Oma nimmt lieber Teelöffel. Oh ja, ist ganz schön verklebt. Jetzt ist er ab. Das spritzt aber. Wo ist der Besen? Lirum, larum, Löffelstiel, kleine Alberts essen viel. So nun ist alles schön vermengt. Ob ich noch ein bisschen Glitzer in die Farbe mischen soll? Ich habe noch so viele Glitzerstifte. Vielleicht lieber nicht, dann sieht es nachher aus wie ein Prinzessinnenbett. Hilfe, nein! Das darf nicht sein. Also rein mit den Pinselborsten ins Rostrot. Schwung vor und zurück. Wie schön das leuchtet. Und nun klebe ich noch Lampen und Räder auf. Vielleicht aus Pappe oder so. Ich höre Opas bunt karierte Pantoffeln schlappen. Er klopft an meine Tür. Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich, was er zu meinem Meisterwerk sagen wird.
„Guten Morgen Albert!“ Donnerwetter, jetzt bin ich sprachlos. Opa steht im Türrahmen. Er trägt einen roten Neoprenanzug, hat eine riesengroße schwarze Brille auf der Nase und links und rechts einen Helm in der Hand. „Copilot Opa Manfred möchte das Rennauto mit dem Kennzeichen XP-303 aus der Werkstatt abholen. Konnten alle Mängel von Ihnen behoben und repariert werden?“ Völlig verdutzt starre ich ihn an: „Woher wusstest du…?“ Er schüttelt nur den Kopf und lächelt. Dann kapiere ich endlich. „Ja, ja!“, stammele ich, „Die Neulackierung verlief ohne Probleme. Jedoch müssen noch die Räder aufgezogen werden und die Rücklichter montiert werden. Vielleicht können Sie mir dabei zur Hand gehen? Zu zweit schraubt es sicher besser.“. „Kein Problem, da helfe ich gerne“, erwidert Opa. Er legt die Helme auf den Fußboden und flink malen wir auf und schneiden die Pappräder und Lichter zu. „Wie montieren wir sie?“, frage ich ihn. Unter einigen Verrenkungen zieht er grinsend eine kleine Tube Holzleim unter seinem Neoprenanzug hervor. „Damit!“, antwortet er. Ich staune. „Jetzt ist die Reparatur erfolgreich abgeschlossen und Copilot Opa Manfred und Pilot Albert können nun zur Rallye starten.“, sagt Opa und hebt die beiden Helme vom Fußboden auf, „aber vorher müssen wir noch deine Pilotenausrüstung suchen.“ Ich denke nach und öffne meinen Schrank. Ein bisschen peinlich ist das schon, wenn ich es so recht überlege, eigentlich habe ich vor Heiligabend den ganzen Schrank mit all meinen Spielsachen aufgeräumt. Denn hätte ich das nicht getan, so meinte Oma, hätten die Wichtel meine Unordentlichkeit dem Weihnachtsmann gepetzt. Nun ist Weihnachten erst ein paar Tage her und der Schrank sieht aus wie vorher. Ich stopfe eben einfach am liebsten alles hinein. Und wenn ich etwas Bestimmtes suche, werfe ich alles wild aus dem Schrank. Wenn man alles ordentlich sortiert hat, kann man schließlich auch nichts Verborgenes entdecken! Also fällt mir nun beim Öffnen des Schrankes auch gleich meine blaue Badehose, die Taucherbrille und mein Zauberstab entgegen. Opa hebt die Taucherbrille auf: „Hier, das ist eine sehr gute UV-Schutzgeprüfte Pilotenbrille aus Gorillaglas.“ Ich grinse und schiebe den Zauberstab zurück zu dem anderen Krempel. Da fällt mir ein, dass ich auch einen Zauberumhang besitze. Ich werfe meine Bälle, den Frisbee, die Theaterpuppen und das Steckerspiel auf den Fußboden und ziehe den Umhang hervor. Er glänzt dunkelrot und ist mit winzigen Sternen bestückt. „Wie findest du meinen neuen Pilotenanzug, Copilot Manfred?“, frage ich. Opa lacht. „Eine sehr schöne Maßanfertigung haben sie da. Dann kann´s ja jetzt losgehen.“, antwortet er. Ich binde mir den Umhang um, setze die Taucherbrille auf und Opa stülpt mir den Helm über den Kopf. Mit Taucherbrille auf der Nase gestaltet sich das allerdings schwieriger als gedacht. Da der Helm aber eh zu groß ist und das Scharnier fehlt, geht es dann doch irgendwie. „Dann wollen wir mal unserem ersten Sieg entgegenfahren, was? Die Innenausstattung ist auf jeden Fall luxuriös“, meint Opa und setzt sich in das Rennautobett. Ich klettere vor ihn und plumpse auf den Kopfkissensessel. Opa ruft: „Herzlich Willkommen zur neunten Rennwagenrallye auf dem Nürburgring! Ebenfalls an der Startlinie angekommen Rallyewagen XP-303. Wir bitten die Piloten ihre Brille aufzusetzen, sich anzuschnallen und sich startklar zu machen. Auf die Plätze fertig los!“ Der Startschuss ertönt. Wir pressen uns tief in die Sitze, ich lenke und schreie: „Festhalten Copilot, ich lege den Turbogang ein! Und da ziehen sie vorbei, immer schneller und schneller wird das rote Rallyeauto XP-303. Man sieht nur noch eine schwarze Rauchwolke. Mühelos nehmen die Piloten die Strecke mit all ihren Hindernissen und legen sich sauber in die Kurven. Die Verfolger liegen schon kilometerweit zurück. Wahnsinn! Sie steuern auf die Ziellinie zu und ja, ja, ja, sie haben gewonnen! Phänomenal! Rennwagen XP-303 ist Sieger! Was für ein Rennen! Und das Publikum tobt! Das ist Rekord! So schnell ist die Strecke noch niemand gefahren. Die Leute klatschen und klatschen.“
Ich hole Luft und es klatscht weiter. Da sehe ich Oma im Türrahmen stehen. In ihrem rosa geblümten Nachthemd steht sie da, die Haare noch unfrisiert und sie klatscht und klatscht und lacht. So habe ich sie noch nie lachen sehen.

Kreiseln

Ich starre zur Deckenleuchte, zum Fenster und von dort zum Nachttisch. Keine der Schwestern beachtet mich. Ich höre mich fragen, was ich hier soll und höre sie antworten, dass ich ganz ruhig im Bett liegen bleiben muss und nicht aufstehen darf. Das Zimmer ist voll alter Leute und mein Bett steht in der Mitte des lindgrün gestrichenen Raumes mit dem glänzenden Linoleum. Ein Notbett, denke ich. Die anderen Patienten sind still oder schlafen oder schauen teilnahmslos zur Zimmerdecke; das Personal wäscht, bettet oder spritzt ihnen Medikamente oder hantiert an Schläuchen und Infusionen. Die Schwestern kommen an mein Bett und beugen sich über mich. Eine stellt sich an mein Kopfteil und streichelt über meine Stirn; eine Zweite greift meinen Arm und prüft die Flexülen im Handrücken; die Dritte legt die Manschette an den Oberarm und misst Blutdruck; die Ältere setzt sich kumpelhaft auf mein Bett und schlägt die Beine übereinander. Ich sehe sie an, kann die Buchstaben auf dem Namensschild im blendenden Licht nicht erkennen, frage, wie sie heißt und was ich hier soll. Mit ihren Fingernägeln zeigt sie auf ihr Zwerchfell und reibt kleine Kreise. Immer und immer wieder reibt sie auf der Stelle ihres Kittels kleiner werdende Kreisbewegungen, dass das Rot zu einem Punkt verwirbelt. Ich habe das Gefühl, dass sie das absichtlich macht und mir irgendetwas andeuten will. Sie nimmt meine Hand, zieht sie sanft auf ihren Oberbauch, schiebt die Hand auf meinen Bauch zurück, reibt sie über meine Haut und ermuntert mich wortlos, den Unterschied zu erspüren. Als ich den Unterschied ahne, werde ich müde, schließe die Augen und schlafe sofort ein.

Ich stehe auf. Ich wandere ziellos umher. Ohne mir darüber bewusst zu werden, suche ich einen Arzt. Als mir meine Suche bewusst wird, lege ich mich zurück ins Bett. Ich ziehe die Decke über den Kopf. Ich winkle meine Beine an und umklammere sie, denn vor dem Frühstück will ich keinen Arzt sehen. Das Frühstück wird gebracht. Ich schiebe den Kopf unter der Decke hervor. Ich fahre mit den Fingern durch meine ungekämmten Haare. Ich beginne hastig zu essen und zu trinken. Dabei kann ich nicht sagen, was ich esse und trinke und wonach es schmeckt. Die Schwester, die eben noch auf meinem Bettrand gesessen hatte, läuft an mir vorbei. Sie schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Zeigefinger auf das Zwerchfell und kreiselt darüber. Sie nickt freundlich und ermuntert mich, ebenfalls zu nicken und das Essen endlich wegzuschieben.

Ich nicke ihr zu, werde wach, sehe den vollen Teller, mit dem Brötchen, dem Kaffee, dem Apfel, und dem Käse und der Marmelade. Ich schiebe alles beiseite, entferne die Schläuche, stehe auf und suche einen Arzt. Ich gehe hinaus in den Gang, von dort die Treppe herunter, nach draußen und vom Eingang hinüber in den Garten. Die Patienten, die eben noch geschlafen haben, drängeln sich vor mich jeder mit einem Zettel in der Hand an der Tür eines verschlossenen Zimmers. Unwillkürlich denke ich an Kinder vor einer Essenausgabe in der Schulküche. Ich sehe die nackten Rücken der Patienten und überlege, ob ich das träume und dass ich R. sofort anrufen muss. Er hat mir erst vor kurzem gesagt, dass er weiß, wie man kontrolliert, ob man schläft oder wach ist. Ich suche mein Handy, greife ins Leere und beginne zu frieren. Ich verlasse die Menge aufgeregter Patienten mit ihren entblößten Hintern und begegne wieder der Schwester, die mir auch dieses Mal freundlich zunickt und sich dabei über den Bauch streichelt. Ich renne vor der Schwester mit ihrem weinroten Fingernagel davon. Richtungslos irre ich durch Räume mit gedimmten Licht, ziehe einen leeren Stuhl hinter mir her und stelle ihn in eine freie Ecke, bleibe neben ihm stehen und betrachte Patienten, die aufgeregt Dinge tun, die ich nicht verstehe. Ich gehe in einen anderen Raum und stelle mich auch hier still in die Ecke und beobachte die Kleidung der Patienten, die weder Farbe noch Schnitt hat. Auch ihr Verhalten ist mir unverständlich: mal greifen sie nach etwas, dann lassen es los, geben das Gegriffene einem anderen Mitpatienten, um es sofort wieder von diesem im Empfang zu nehmen oder weiterzugeben. Schnell verlasse ich auch diesen Raum und ziehe den Stuhl hinter mir her, gehe ins Freie, zu den Lichtern, die über mir von allen Seiten leuchten. Ich freue mich, dass die Sonne heute so intensiv über mir strahlt und strecke meine Brust immer und immer wieder nach oben. Mir kommt der Gedanke, noch nicht genug Sonne gespürt zu haben. Ich lasse mich aufs Laken zurücksinken, werde traurig und sinke weiter ins Laken und wundere mich, dass ich jetzt an so etwas denken muss. Mir kommt die Erinnerung, dass ich mir ganz fest vorgenommen hatte, an diesen Gedanken nie und nimmer denken zu wollen, weil man nie genug Sonne spürt und es immer zu wenig Licht gibt und ich bei solch einem Gedanken nur traurig werden kann.

Ich öffne die Augen, sehe hinüber zum Fenster in den grauen Novembermorgen und von dort zum Wecker auf den Nachttisch. Ich bemerke, dass ich eine weitere Stunde geschlafen habe.
Benommen schiebe ich die Decke zurück, stehe auf und gehe barfuß ans Fenster. Ich ziehe die Gardinen auseinander, lehne die Stirn an die Scheibe und betrachte die Frau, die schnellen Schrittes durch den beginnenden Schneeregen quer über die Straße läuft und die große Ähnlichkeit mit der Krankenschwester aufweist, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf meinem Bettrand gesessen hat. Die Frau bleibt plötzlich stehen, dreht sich um, schaut durch den dichter werdenden Schneeregen zu mir nach oben und nickt mir zu. Ich schließe die Augen und weiß, dass es so oder so ähnlich geschehen wird. Ich hebe den Kopf von der Scheibe, hauche verschlafen über den Stirnfleck, male kleiner werdende Kreise darauf und reibe sie mit dem Ärmel des Nachthemdes vom Glas. Mit beiden Händen ziehe ich die Gardinen wieder zusammen und tapse zur Kommode. Ich greife das Handy, öffne das Akkufach, nehme den Akku heraus und lege mich wieder hin.

Die Internette

Bevor die Internette mit dem Taxi zur Arbeit ins nahe gelegene Krankenhaus fährt, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Ladekabel zusammenzurollen und ihre beiden Smartphones wie Revolver links und rechts in die Gürteltaschen zu verstauen.

Sie wirft sich auf die Rückbank, streift die Pantoletten ab und stützt die Füße an die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Sie greift zu den beiden Smartphones und tippt den Inhalt ihres Traumes -, oder auch nur die Dauer des nächtlichen Gewitters mit der Anzahl der Blitze als erste Nachricht ein. Aufgeregt versendet sie diese Informationen an ihre noch schlafenden Abonnementen. Reichen für die Weitergabe ihrer News Daumen und Zeigefinger nicht aus oder bekommt sie die von ihr gefürchteten Muskelkrämpfe im Daumen, setzt sie sich auf und tippt und scrollt stattdessen mit der Nase Informationen ins Tablet.

Fährt die Internette an der Krankenhauspforte vor, steigt sie aus und schreibt die letzten Worte über grandiose Mitternachtsschwimmen, über einen Feuerwehreinsatz, den ihre Freunde durch ein drei-Meter hohes Lagerfeuer ausgelöst haben oder auch über ein Wettessen mit Todesfolge und verschickt die Nachrichten mit 33 Emojis. Erst danach schlüpft sie in ihre Pantoletten und versteckt das Tablet geschickt unter ihrer luftigen Kleidung. Schweißgebadet greift sie das mitgebrachte Handtuch aus der Tasche und trocknet sich Hals, Hände und die Stirn ab. Sie schleicht hinter die Pförtnerei und wringt das Handtuch über der in schnurgerader Reihe gepflanzten Köpfe des Pfücksalats aus, die der Pförtner jedes Frühjahr für sein Frühstück angelegt hat. Ist sie damit fertig, stopft sie das Handtuch wieder in die Tasche, geht zurück zum Auto und schickt dem Fahrer Infos über wichtige Kulturveranstaltungen auf sein Smartphone, die ihm jede Menge zusätzliche Fahrgäste versprechen. Hat sie hingegen wieder heikle Informationen über das abendliche Treiben seiner geschiedenen Frau oder böse Streiche seiner drei heranwachsenden Kinder parat, krakelt sie mühselig Buchstaben auf linierte Zettel, faltet diese zusammen und legt sie als Lohn für treue Fahrdienste auf den Beifahrersitz. Mit einem Nicken bedankt sich der Fahrer, fragt, wann er sie wieder abholen soll und braust mit Lichtsignal davon.

Betritt die Internette das Foyer des Krankenhausgebäudes, schnappt sie alle Meinungsfetzen auf, die sie bekommen kann. Mit diesen geht sie in die neonbeleuchteten Flure und fragt entgegenkommende Mitarbeiter nach den Launen ihrer Chefs oder Kollegen. Noch im Hören greift sie in den Beutel, winkt besorgt oder erfreut den Berichterstattern zu und gibt die Melange aus Meinungsfetzen und eben geäußerten Nachrichten blind in die Smartphones ein und drückt aufgeregt gleichzeitig die Entertasten. Bevor sie auf Station ankommt, hat sie so ein erstes Stimmungsbarometer der Belegschaft noch vor den Sechs-Uhr-Nachrichten abgesandt. Und es ist kein Wunder, dass, seit sie sich mit ihren beiden Smartphones in die letzte Personalratswahl mit zigtausend Rund-SMS eingemischt hat und der aussichtsreichste Kandidat von Platz eins auf den vorletzten Platz rutschte und andere Kandidaten, die seit Jahren aktiv für die Rechte der Mitarbeiter kämpfen, urplötzlich rausfielen, -die Geschäftsführung, die Personalabteilung sowie der Personalrat zu ihren treuesten Kunden zählen sollen. Einzig der Pförtner weigert sich beharrlich eines von den doofen Smartphonedingern zu kaufen und den unverständlichen Quatsch, den sie Tag und Nacht schreibt, zu lesen. Seit geraumer Zeit wird gemunkelt, dass die Pflegedienstleitung extra wegen ihr einen nicht näher benannten Mitarbeiter mit Diplomstudiengang der Neuen Medien beschäftigt, der tags und manchmal auch nachts mit der Weiterverarbeitung ihrer Nachrichten beschäftigt sei. Auch hält sich das Gerücht, die Personalakte der Internetten sei nur wegen ihrer eifrigen Smartphonetätigkeiten bei allen Entlassungsgesprächen immer wieder unauffindbar. Viele, die dieses Gerücht verbreiten, stellen ungefragt der Internetten ihr Wissen zur Verfügung. Auch scheint ihr, dass die Chefs ihr gegenüber irgendwie aufmerksamer geworden sind, ihr neuerdings jede Menge Komplimente machen und sie des Öfteren in der Kantine zum Essen einladen.

Gelangt die Internette endlich auf Station, geht sie voller Ungeduld in die Zimmer, öffnet die Fenster und lässt die ersten Sonnenstrahlen auf die Gesichter der noch schlafenden Patienten scheinen. Sie klopft sie wach, nimmt die Becher vom Nachttisch, reicht sie ihnen an die Münder und fragt ganz nebenbei, wie viele Besucher gestern das Radrennen des Enkels hatte, wie das Essen derzeit schmeckt, wie laut sie die Musik beim diesjährigen Sommerfest des Krankenhauses fanden oder auch nur wie sie die Kleiderordnung auf einer Skala von eins bis zehn einstufen würden. Haben die Patienten ihre Informationen im Halbschlaf genuschelt, klopft sie ihnen anerkennend auf die Schulter, stellt die leer getrunkenen Becher auf die Nachttische zurück, notiert die Flüssigkeitsmenge im Einfuhrprotokoll, zieht die Decken bis zur Nasenspitze hoch, schließt die Fenster und gibt noch im Raume stehend umgehend Votings zur Genießbarkeit des Patientenessens, des Lärmpegels im Krankenhaus und zum schrillsten Ärztekittel an alle Whatsapp-Gruppen ihres ellenlangen Verteilers weiter. Und nur wenn die Daten mehr als zwei, drei SMS überschreiten, schiebt sie sich seit Neuestem in einen der sehr schmalen Patientenschränke, zieht das Tablet unter dem Shirt hervor und schreibt ausführliche Rundmails mit Grafikanhang und Balkendiagramm. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie die eigens für diese schmalen Schränke begonnene Diät erfolgreich beendet hat. Anschließend kommt sie wie nach einem Toilettengang erleichtert aus dem Schrank, schiebt zufrieden die Tür zu und steckt das Tablet unters Shirt. Meist bemerkt sie erst jetzt, dass sie in der Zwischenzeit furchtbar müde geworden ist und sie dringend einen Frühstückskaffee braucht. Im Pausenraum angelangt, schiebt sich die Internette in ihre Lieblingsecke an die Stirnseite des Tisches, streift die Schuhe ab, legt die Beine hoch und lauscht gleichzeitig allen Gesprächen der Mitarbeiter. Da es sehr anstrengend ist, die Verwandten und Bekannten der Mitarbeiter auseinanderzuhalten, kann es schon mal vorkommen, dass der Internetten die Augen zufallen und sie in einen wohltuenden Sekundenschlaf hinabgleitet. Erwacht sie wieder, gibt sie die oft unvollständigen Sachverhalte in ihre beiden Smartphones ein. Nicht selten ist sie von der Brisanz ihrer neu gewonnenen Informationen so perplex, dass sie vor Schreck gleichzeitig in zwei, drei oder gar vier Brötchen beißt und den viel zu heißen Kaffee abwechselnd aus den umherstehenden Kaffeepötten runterschlüft. Ist die ihrer Meinung nach viel zu kurze Pause vorbei, zieht die Internette ihre Pantoletten an und fragt die Stationsleiterin, ob sie die Patienten in den OP fahren oder von dort abholen darf. Vorher schleicht sie in den Umkleideraum und wechselt ihre zwei schwächelnden Smartphones gegen zwei mit aufgeladenen Akkus. Die akkuschwachen Smartphones steckt sie an einer Verteilerdose an, die ihr ein Handwerker, aus der Schar der unendlichen Verehrer, in den Umkleideschrank heimlich eingebaut hat. Mit den zwei aufgeladenen Smartphones bewaffnet, schnappt sie sich ein im Gang geparktes Bett nebst Patient und beginnt ihre ausgedehnte Spazierfahrt durch alle Etagen und Winkel des Krankenhauses. Zuerst führt sie ihr Weg in die Wäscherei. Dort horcht sie was die Besungene an Zetteln, Eintrittskarten und anderen interessanten Fundstücken in den schmutzigen Wäschestücken gefunden hat und welche wichtigen Nachrichten sich daraus rekonstruieren lassen. Anschließend schiebt sie das Bett mitten in die Raucherinsel der Krankenpflegeschule, holt ihre Zigaretten heraus, steckt sich und dem halbschlummernden Patienten eine Zigarette zwischen die Lippen und gibt der qualmenden Schülerschaft Tipps, wo in den nächsten Nächten angesagte oder gar streng verbotene Tanzveranstaltungen mit anschließendem Nacktbaden stattfinden. Kommt die Internette von der kleinen Raucherpause an der Kantine vorbei, kann sie sich meist nicht beherrschen. Sie wirft ihre und des Patienten Zigarette in die Ecke, stellt das Bett mit dem magennüchternen Patienten neben den beleuchteten Lunchautomaten, zieht sich ihr saftiges Schinken-Käse-Sandwich mit Ei und Salat aus dem Automatenfach und stürmt an die Kasse zu Herrn Auskunft. Dort tauschen sie Speicherkarten mit verschiedenen Diagrammen und Grafiken aus und besprechen wichtige Kulturveranstaltungen, die im Umkreis von mindestens einhundertfünfzig Kilometern stattfinden. Und jedes Mal nimmt sich die Internette ganz fest vor beim nächsten Schwatz nicht wieder zwei, drei Stunden in der Kantine zu verweilen. Denn oft kommen die Patienten danach viel zu spät zu ihren OP-Terminen oder versterben, weil die Sauerstoffmaske zwischenzeitlich verloren gegangen oder der Infussiomat leer gelaufen ist. Sie übergibt ihre halbtoten Patienten am OP-Eingang und übernimmt die frisch operierten Patienten. Da das Handy im OP und ITS-Bereich keinen Empfang hat, hasst sie die Zeit der Übergabe und drängt das Personal zur Eile. Anschließend rast sie wie von der Tarantel gestochen mit dem Patienten in den Flur zurück und prüft mit zitternden Händen den Empfang ihrer beiden Smartphones. Mit der Fülle an Informationen beantwortet sie auf der Rückfahrt bereitwillig jedem Mitarbeiter, wann, wo, wie, welche wichtigen Veranstaltungen stattfinden, wie hoch die Eintrittsgelder sind, wie viele Karten sich überhaupt noch im Umlauf befinden und ob die Fragenden zu dieser oder jener außergewöhnlichen oder einmaligen Veranstaltung kommen müssen. Gern beendet sie ihre Tipps mit dem mahnenden Satz, dass ein Fernbleiben ein nicht wieder gut zumachender Frevel oder gar ein untrügerisches Zeichen von kultureller Einfältigkeit vor aller Welt darstelle und der Ferngebliebene sich nicht mehr bei Tage unter die Menschheit getrauen könne. Sind die Fragenden noch im Zweifel, schiebt sie den standardisierten Satz hinterher, dass auch sie todmüde sei, dass auch sie Wäsche in der Waschmaschine habe und auch ihre Fenster vor Dreck aus den Rahmen fielen, aber sie sich gar nicht mehr im Spiegel ansehen könne, wenn sie der Veranstaltung fernbliebe. So angeheizt beteuern die Informierten, dass sie in jedem Falle zur angemahnten Veranstaltung kämen. Oft trifft sie am Abend den Handwerker, der ihr fortwährend zulächelt, Teile ihres alten oder neuen Stationsteams oder gar ganze Abteilungen dort an. In diesen Momenten fühlt sie sich seltsam geborgen und glaubt sich ihrem großen Ziele näher, einmal alle Mitarbeiter des Krankenhauses als familiäres Ganzes zu erleben. Sie nimmt die Smartphones und macht Fotos, die sie als Panoramabilder in verschiedene Netzwerke stellt und mit den Namen aller Abgebildeten versieht. Die Gelungensten klebt sie später an einer der wenigen freien Plätze ihrer vier Meter hohen, weiß getünchten Wände der Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Außentoilette. In sehr guten Momenten gelingt ihr das Kunststück, die Anwesenden im Saale in tobende Begeisterung zu versetzen. Dann schunkelt sie so lange hin und her, bis die Anwesenden die von ihr vorgegebene Bewegung aufgreifen und in eine einzige Woge verwandeln. Nach solchen Veranstaltungen fährt sie nicht, wie sonst üblich, mit dem Taxi zum nächsten Ereignis, sondern schaltet ihre beiden Smartphones aus, nimmt ihre bunten Pantoletten in die Hand und planscht im Springbrunnen und träumt davon, endlich von einem schönen Mann entdeckt zu werden. Barfuß tanzt sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett und schaukelt sich mit dem Rhythmus der abendlichen Woge in den wohl verdienten Schlaf und stellt sich die Frage warum sich niemand getraut, sie endlich anzusprechen. Und nur wenn sie wieder einen ihrer furchtbaren Albträume hat, schreckt sie aus ihrem Schunkelschlafe auf und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf ihre beiden Handys, die sie stets fest umklammert in den Händen hält. Dabei überlegt sie, was sie eigentlich machen wird, wenn sie, wie im Traume geschehen, wirklich in ein Funkloch fallen sollte.

Würde man den Pförtner nach ihr fragen, würde er sagen, dass sie eine ausgesprochene Handymacke hätte und er beim besten Willen nicht sagen könne, woher sie die viele Kohle nehme, um die täglichen Taxifahrten bezahlen zu können. Außerdem würde er behaupten, dass sie endlich einen Mann in ihr unstetes Leben lassen müsse. Dann würde sich das mit der Doppel-Handymacke und dem Taxirumgekutsche schnell legen. Außerdem könne er dann wieder seinen geliebten Pflücksalat abernten und zum Frühstück essen.

Die Traumfängerin

Die Traumfängerin erscheint hier und da. Oft kommt sie nicht, aber man kennt sie seit Jahren. Sie ist viel auf Reisen. Doch sie ist immer wieder auf dieselbe Weise da. Die Traumfängerin verkehrt nicht mit Nachbarn. Sie bekommt keine Post und redet nicht viel. Die Traumfängerin weiß seit ihrer Geburt, dass niemand besser ist als sie. Die Männer kennen ihre Gabe nicht, die Frauen ahnen sie nur. Die Traumfängerin ist auf alles Schöne aus, was es gibt in der Welt der Träume. Denn sie selbst ist traumlos. Um die elfte Stunde wirft sie sich ihren Mantel über die Schulter und verschwindet im Nebel. Sie trägt ein Netz aus feinmaschigem, weichem Tüll bei sich, angebracht an einem Stock. Geduldig wartet sie ab und hascht zu, wenn ihr etwas, das schon lange als schön gilt und noch nicht in ihrem Besitz ist, in einem Traum zu finden ist. Die Traumfängerin hat keine Schwierigkeiten die Schönheiten aufzufinden, sie erkennt sie sofort. Und so erhascht sie sich einen Sieben-Punkt-Marienkäfer, feinste englische Rosen, Pfefferminz-Schokoladenpralinés, ein Schaumbad so hoch wie die Pyramiden von Gizeh, Schneewittchens Haar, einen Sommermorgen auf einer Lichtung im Wald und einen Ritt durchs Lavendelfeld. So leise sie kommt, so leise verschwindet sie auch wieder. Man sieht sie nie unterwegs. Nur die Kinder wissen um sie. Sie tun es ihr nach und haschen nach Schmetterlingen.

Die Geldeintreiberin

Die Geldeintreiberin kennt keinen Tag und keine Nacht. Sie übt keinen Beruf aus, nein, sie ist berufen. Sie wittert die Geldstücke schon um achtzig Meter im Voraus und bohrt sich vor Aufregung mit dem linken Zeigefinger in der Nase. Herzlich begrüßt sie die gut bestückten Gäste hinter dem Tresen und nestelt nervös an ihrem Rock. Schon vor Jahren hat sie sich eine Tasche darunter genäht und im Laufe des Tages wird sie mit Rock älter und fülliger. Sobald die Geldeintreiberin die Scheine und Geldstücke in Empfang genommen hat, denn bei ihr darf man nur in bar bezahlen, rennt sie sofort in ihre Stube nebenan. Hastig schüttelt sie all ihre neu gewonnenen Besitztümer aus der Rocktasche. Sie breitet sie sorgfältig aus und sortiert die Scheine und Münzen nach Wert. Die Scheine verstaut sie akkurat in der Schrankwand und wischt bei der Gelegenheit mit dem Staubwedel sorgfältig über ihren gesamten Bestand. Sie ist stolz. Beständig stapelt sie höher. Beständig wächst sie über sich hinaus. Glückselig nimmt sie sich nun der Münzen an. An jeder einzelnen riecht sie und leckt die Kopfseite genüsslich ab. Das macht sie immer so, es ist ihr Begrüßungsritual. Die Geldeintreiberin weiß sehr wohl um den geringeren Wert der Münzen, aber dennoch bevorzugt sie jene. Sie liebt es, die Geldstücke zu polieren und als Dank ihr Spiegelbild darin erblicken zu dürfen. Zudem ermöglicht es ihr das Kopfkissen anstelle von Daunen damit aufzufüllen. Darauf könnte sie sicherlich gut schlafen, würde sie nicht schon wieder die nächsten, gut bestückten Gäste wittern.

Unter dir (Teil VI)

Ich lege das rote Samtbündel auf dein Kopfkissen, streichle mit meinen Fingernägeln über deine Handrücken, klopfe auf die Bettdecke und schiebe meine Zunge zwischen den Mundwinkeln hin und her. Lass uns anfangen, sage ich, lass uns endlich anfangen, sonst ist die Nacht vorbei und wir haben es immer noch nicht hinter uns gebracht. Ich sehe auf die Uhr und sage Mist, die kommt jetzt zur Jahresendrunde bevor sie sich auf die Nachbarstation verkrümelt, um literweise Kaffee und Sekt in sich reinzuschütten. Mit einem Schwung rutsche ich vorsichtig unter das Bett und wundere mich nicht, dass ich wieder an dem blöden Metallgestell anecke. Wie vorhergesagt, höre ich das Klappern ihres Schlüsselbundes im Rhythmus ihrer schnellen Schritte. Die Schwester hustet mehrmals, klopft an die Tür, fragt, ob du fertig bist und steckt den Kopf mit dem blonden Pferdeschwanz hindurch. Sie dimmt das Licht an und fragt in die Länge gezogen, ob du deinen heißen Traum schon beendet hast. Sie hustet noch einmal gekünstelt, kommt herein, schaut zum Monitor, geht zurück, haucht dir einen ihrer komischen Luftküsse entgegen und meint beim Lichtausmachen, dass sie nun erst im neuen Jahr wiederkommen wird. Ich schüttle über so viel Übermut den Kopf, sage dir, dass ich ihr Verhalten merkwürdig finde und ich sie selten so aufgekratzt erlebt habe wie heute und denke, dass sie jetzt schleunigst ihren Sekt trinken gehen sollte, ehe sie noch Schaden anrichtet.

Ich räkle mich unter deinem Bett, schlage mit den Fersen abwechselnd auf das gebohnerte Linoleum und merke, dass ich Lust auf dich bekomme. Ich greife zwischen meine Schenkel und beginne an mir rumzuspielen. Am liebsten würde ich meine Finger reinstecken, so wie du es früher immer bei mir gemacht hast und so wie ich es auch oft unter diesem Krankenhausbett extra für dich mache, um dir zu zeigen, wie wild ich immer noch auf dich bin. Da mir das Rumspielen heute nicht gelingen will, morse ich dir an dein blödes Bettgestell, wie einfach ihr Kerle es im Leben habt, dass quietschvergnügt Tag und Nacht an euch rumfummeln könnt und dass ihr euch zur Not auch auf dem Marktplatz neben einer Imbissbude an den Glocken rumspielen würdet. Ich rolle mich unter dem Bett hervor, ziehe mich am Bettgitter hoch, klatsche mir auf den Hintern und zwinkere deinen beiden Bettnachbarn zu. Ich greife dir an deinen Schwanz und flüstere dir ins Ohr, dass ihr Kerle es guthabt, und dass mich das schon früher interessierte und ich dich deswegen auf dem Schulhof gefragt hatte, ob du es dir schon mal gemacht hast. Ich ziehe an deinem Schwanz, hauche dir über die Stirn und erinnere dich, wie du bei meiner Frage früher so wunderbar rot geworden warst. Ich sehe dich an, streichle dir über die blassen Wangen und wünsche mir, dass du zur Abwechslung auch mal wieder rot werden könntest. Mir gefiel das damals so gut, dass ich dich auf unserem Hofpausenrundgang nochmal gefragt hatte, ob du dir´s in der Zwischenzeit wieder gemacht hast. Und wie beim ersten Mal, wurdest du rot, stottertest und verrietest mir ungewollt, was ich wissen wollte. Seit diesem wunderbaren Ereignis lauerte ich dir jeden Tag auf den Schulweg auf, um von dir zu erfahren, was du tags zuvor gemacht hattest, rempelte dich beim Mittagessen ausversehen an und setzte mich an deinen Tisch oder passte dich auf dem Nachhauseweg ab und verwickelte dich in Gespräche über deine und auch meine Zukunft. Ich brachte dich nach unserem dritten oder vierten zufälligem Treffen dazu, dass du mich zu mir nach Hause begleitet hast. Dabei bemerkte ich, wie simpel es war, dich zu führen und die Oberhand zu haben. Und das faszinierte mich. Ich hörte dir neugierig zu, dass du in deiner Freizeit, Orgel, Klavier und Gitarre spielst, zum Modellieren und Zeichen gehst, soeben einen Goldschmiedekurs bei deiner Tante gemacht hattest und an den Wochenenden mit deinem Cousin Bergsteigen oder Kanu fahren gehst. Von der Art, wie du mir das alles erzähltest, war ich völlig perplex. Keine Angebernummer wie bei den anderen Jungs der Schule, kein Gelaber oder blöde Kinderei über Titten und Schneckenkram. Nichts. Du erzähltest mir von deinen Schwierigkeiten beim Zeichnen und Musizieren, was du alles noch nicht beherrschst, du noch alles ändern musst und was ich denn zu alledem sage und welche wertvollen Tipps ich dir dazu geben könne. Du sahst mich mit deinen braunen Augen an, wühltest in deiner schwarzen Lockenmähne, zuppeltest an deinem Bärtchen und bohrtest fortwährend in deinem linken Ohr. Weil ich dir überhaupt nichts antworten konnte und ehrlich gesagt auch völlig neidisch neben dir stand, dachtest du, ich fände dich genauso bescheuert wie die anderen Jungs aus der Schule. Du entschuldigtest dich beim nächsten Treffen mit einem selbst geschriebenen Lied. An diesem Tag hatte ich mich in dich verknallt. Ich war verknallt in deine ungekämmte Lockenmähne und die Haare, die über deine Schultern und über deine Brust hingen. Ich war verknallt in deine braunen Augen mit den fast zusammengewachsenen Augenbrauen, in dein Lächeln mit den zwei schiefen Zähnen im Oberkiefer. Und ich war verknallt in deine langen Finger, die du immerzu in Bewegung hieltest und in die Hosentaschen stecktest, wenn du bemerktest, dass ich auf sie sah. An diesem Tag wusste ich, dass ich dich will, koste es was es wolle. Und ich wusste sofort, dass ich dich, wenn ich dich erst einmal habe, nie und nimmer an irgendeine andere hergeben werde.

Weil du immer noch nicht rot wirst, schlage ich dir links und rechts auf die Wangen und freue mich, dass endlich deine langweilige Blässe verschwindet. Ich frage dich, ob du dich noch erinnern kannst, dass ich dich, als wir zusammen waren, so lange über das Onanieren genervt hatte, bis du aufgabst und mir brav erzähltest, dass du an die wackelnden Brüste der ach so sportlichen Volleyballspielerinnen gedacht hattest, an die ach so supernette Musiklehrerin oder an die ach so durchtrainierten Kanumädels mit denen du Morsekurse übtest. Ich war sauer. Stinksauer. Um mich von dem Gedanken abzulenken, schnipse ich mit den Fingern auf deine Wangen und frage dich, ob du dich auch noch daran erinnern kannst, dass du mir damals gesagt hast, dass du ab und zu an mich gedacht hast und gemacht hattest. Ich hatte dich gefragt, wie oft du an die Volleyballspielerinnen und wie oft du an mich denken musst. Du bliebst mir die Antwort schuldig, an wen du mehr dabei denken musstest und ob du es lieber auf dem Bauch oder auf dem Rücken machst. Was ist das für eine Frage, hast du gesagt, natürlich im Stehen, natürlich vorm Fenster und natürlich in die Vollmondsilhouette. Weil ich mich über die Antwort auch heute noch ärgere, halte dir die Nase zu, schnipse nochmal mit meinen frisch lackierten Fingern kräftig auf deine roten Wangen und flüstere dir ins Ohr, dass du mir schon damals in entscheidenden Fragen ausgewichen bist und ich das in Zukunft nicht mehr dulden werde. Dabei wollte ich doch damals eigentlich nur wissen, mit welchen Mädchen du es vorher getrieben hattest. Du hast mir zwar gesagt, dass wir beide uns entjungfert hätten, aber ich glaube dir das bis heute nicht. Zu viele Mädels schwirrten um dich herum. Außerdem gab es da ein Gerücht, du hättest die hässliche Gruftiliese mit den ungewaschenen schwarzen Haaren und dem Metallzeug im Gesicht aus der Parallelklasse während der Klassenfahrt gevögelt, zumindest hatte sie dieses widerliche Gerücht in der Hofpause unter die Mädels gestreut. Ich war damals so wütend, dass ich erst dich und danach mich vergiften wollte. Und du kannst von Glück reden, dass ich in dem Moment nicht wusste, wie das geht und was man dazu alles braucht. Chemie ist nun mal nicht meine Stärke. Zur Strafe habe dich danach solange mit dem Runterholen genervt, bis du es endlich vor mir gemacht hast. Ich hatte mich mit verschränkten Armen vor dir aufgestellt, dich aufgefordert, mit den Händen geschnipst und gewartet bis es endlich kam. Dann habe ich mich etwas von dir weggestellt, dir zugerufen, ist das alles und dich ein weiteres Mal aufgefordert, dass du es nochmal machen sollst, dieses Mal aber noch weiter als vorher. Als das dann nicht genau vor mir runterkam, fragte ich dich, warum du nicht ordentlich gekommen bist. Bin ich ein Zuchtbulle, bin ich ein Elefant, hattest du geschrien. Ja, hatte ich gesagt, ja, du hast doch gesagt, dass du einen Dinoschwanz hast und immerzu an die Volleyballmädels, die Musiklehrerin und die Kanuliesen in ihren kurzen Hosen denkst. Das war Spaß, einfach nur Spaß, hattest du wütend gesagt. Ich fand das damals gar nicht witzig, überhaupt nicht. Na dann kommst du eben noch einmal, hatte ich geantwortet. Wie oft soll ich denn noch kommen, ich bin doch keine Maschine. Ich glaube, so wütend warst du sonst nur, wenn ich nach den Mitschülerinnen fragte. Da konntest du unendlich genervt sein.
Ich streichle über die Stelle der Bettdecke, unter der dein Ding ist und überlege, wie das ist, einen steifen Penis zu bekommen und wie es wäre wenn mir jetzt so ein riesiges Ding wachsen würde. Dann würde ich jetzt zum Silvesterabend mit so einem harten Teil hier durch das Zimmer wandern.

Unter dir (Teil V)

Der Schmerz am Hinterkopf lässt nach und ich versuche zu der Stelle zu schauen, in der das Samtbeutelchen steckt. Ich sehe zur Stuhllehne und zu der pinkfarbenen Jacke, die ich vorhin ausversehen achtlos darauf abgelegt habe und in deren linker Tasche sich der rote Samtbeutel befindet. Langsam sehe ich wieder alle Umrisse des Zimmers, höre die Tür aufgehen und das Schlüsselgeklapper, sehe verschwommen das Licht vom Korridor ins Zimmer blenden und den schnellen Schatten im Türrahmen, der die Deckenbeleuchtung anschaltet. Damit mich die Schwester nicht sieht, drücke ich mich an die Wand heran und versuche auf der Seite liegend, etwaige Blutflecken auf dem Fußboden, meiner Kleidung oder meiner Haut zu entdecken. Auf keinen Fall will ich den Vorfall vom letzten Mal nochmal erleben, als die Schwestern Blut auf deinem Bettzeug entdeckten, rumschrien und dich in die Notaufnahme schieben wollten. In diesem Moment hatte ich gedacht, dass es mit uns beiden aus und vorbei ist. Denn meinen Körper an das Unterteil deines Bettes zu heften, habe ich zwar schon mehrfach geübt, jedoch nur an stehenden und niemals an einem fahrenden Bett. Vielmehr befürchte ich, dass es mich an dem Untergestell deines Bettes, das allernaselang an irgendwelchen Kanten und Wänden aneckt, derart durchschüttelt, dass ich früher oder später abgeworfen und entdeckt worden wäre. Glücklicherweise waren es Schwestern, die lieber über Männergeschichten quatschten als dich in die Notaufnahme zu karren. Die eine hatte ständig neue Männerstorys auf Lager, die sie jeder Schwester anders erzählte und die von Woche zu Woche versauter wurden. Ich bin mir sicher, dass sie die untreueste Frau war, deren Stimme ich jemals hier unten mit anhören musste. Untreue kann ich auf keinen Fall leiden. Sie hätte es wirklich verdient, von einem ihrer vielen Liebhaber erschlagen und zerstückelt zu werden. Bei so etwas, kenn ich wirklich kein Pardon.

Ich reibe mir den Hinterkopf und weiß, dass ich eine mordsmäßige Beule bekommen werde, sehe auf die Schrammen an Arm und Schulter und sage, dass das Mist ist und ich ab morgen wieder bei knapp 40° eine geschlossene Bluse tragen darf und ich schon jetzt wieder die Kollegen lästern höre, dass ich zu den verstaubten Gouvernanten übergewechselt bin. Mein ehemaliger Chef hatte mich einmal besorgt gefragt, ob ich überfallen worden sei, oder ob mein Freund mich geschlagen hätte. In diesen Fällen, hatte er gemeint, könnte ich mich vertrauensvoll an ihn wenden. Dann hat er mir die Nummer eines nahe gelegenen Frauenhauses in die Hand gedrückt und gesagt: „Sehr verehrtes Fräulein Büttner, Sie können mich jederzeit, zur Not auch in der Nacht, anrufen!“ Ich hatte mit hochrotem Kopf vor Herrn Doktor Kalbe gestanden und ihm versucht zu erklären, dass ich mich nur beim Putzen unter dem Bett gestoßen hatte. Eigentlich war er ein toller Mann und trotz seiner knapp 60 Jahre noch attraktiv. Warum er sich so brennend für mich interessierte und wie er mein Geheimnis herausgefunden hatte, weiß ich nicht und werde ich wohl auch nie herausfinden. Du kannst dir denken, dass ich das auf keinen Fall gut fand. Nun bin ich auch nicht viel besser dran und habe dafür die meckernde Chefin am Hals. Wenn ich das nur vorher gewusst hätte. Ich glaube, bei ihr kann ich total zerkratzt und blutig ins Büro torkeln, das stört die nicht im Geringsten.

Die Schwester geht an dein Bett, kniet sich auf die Stuhlsitzfläche, um die Infusion abzustellen. Sie nimmt die alte Flasche und stellt sie auf den Stuhl. Dabei fällt ihr die Flasche herunter. Mit aller Kraft presse ich mich an die Wand und sehe wie sie blind nach der Flasche schnappt und zu dir sagt, dass sie heute sehr, sehr ungeschickt ist. Sie stellt die leere Flasche auf den Stuhl und schließt die neue an und sagt, dass ihr heute die Beine wehtun und sie sich in den nächsten Tagen ein paar neue Schuhe zulegen muss, da die alten völlig ausgetreten sind. Sie nimmt die leere Flasche von der Sitzfläche, schiebt den Stuhl vor, lässt sich darauf fallen und schiebt die Füße unter das Bett. Abwechselnd wippt sie mit den Füßen und sagt, dass ihr das jetzt wirklich guttut. Mit der letzten Kraft versuche ich das Unglück zu verhindern, drücke meinen Körper an die Wand und halte die Luft an. Sie wippt mit dem rechten Fuß in mein Gesicht hinein und mit dem linken gegen meiner Hand, mit der ich mich mit aller Kraft gegen die Wand presse. Sie sagt, dass du es auf keinen Fall mit deiner Traumfrau aus gesundheitlichen Gründen übertreiben darfst und sie dich ansonsten melden muss. Sie zieht die Beine zurück und steht mit einem „Na dann will ich mal wieder die anderen Patienten stören!“ auf. Sie hebt den Stuhl an und stellt ihn an den Tisch. Mit einem ungläubigen Blick greift sie die Jacke von der Lehne, sieht sich im Zimmer um, wirbelt die Jacke durch die Luft, riecht an dem pinken Stoff und lobt das kräftige Parfüm. Ich merke wie mir unter deinem Bett der Magen beginnt zu brennen. Sie gleitet mit ihren Armen in die Jackenärmel, sagt, dass sie an ihr auch sehr aussehen würde, dreht sich um die eigene Achse und greift in die Jackentaschen und tastet hinein. Sie nimmt den Samtbeutel heraus. Ich sehe ihr zu, will sie anschreien, dass sie das nicht machen soll, kann aber nicht schreien und spüre stattdessen auf einmal das gleiche Herzrasen, das ich immer verspürte, wenn ich dich wegen einer Frauensache zu Rede stellen wollte. Sie macht das Samtbeutelchen auf und ich trete mit den Fersen gegen die Wand. Sie sieht hinein, schüttelt den Kopf und schnürt es wieder zu. Um nicht in Ohnmacht zu fallen, beiße ich in meinen Daumennagel. Lachend stellt sie sich vor den Spiegel, gibt sich einen Luftkuss und dreht sich noch einmal um die eigene Achse. Sie zieht die Jacke wieder aus, wirbelt sie durch die Luft, legt sie über die Stuhllehne und streichelt über den Stoff. Sie geht zur Tür macht das Licht aus, dreht sich zu euch drei, macht einen ihrer üblichen Luftküsse und wirft vergnügt die Zimmertür zu.

Ich stoße meine angestaute Luft heraus, lege meinen Kopf auf das Linoleum und ringe nach Atem. Zum ersten Mal, seit ich hier unten liege, verspüre ich keine Kraft mehr und fühle mich völlig leer und unfähig unter dir hervor zu krabbeln. Mit dem Gesicht auf dem Linoleum bleibe ich liegen und rieche wie ekelhaft das Reinigungsmittel ist und dass ihr drei das Zeug für den Rest eures Lebens riechen müsst. Ich versuche mich auf den Rücken zu drehen, spüre aber, dass mir die dazu notwendige Kraft fehlt. Ich bleibe liegen und versuche Arme und Beine zu strecken, um wieder ein Gefühl für meinen Körper zu bekommen. Wäre ich wie meine Freundin christlich, würde ich jetzt zu Gott beten und ihn bitten, mir die Kraft zu geben von hier weg zu laufen. Außer der Ehelosigkeit und dem Kloster würde ich ihm so ziemlich alles versprechen, aus dieser Gefangenschaft zu entkommen. Zum allerersten Mal empfinde ich dein Bett als Enge, um nicht zu sagen als Gefängnis.

Wieder versuche ich unter dem Bett hervor zu kommen, merke aber, dass mir die Kraft dazu immer noch fehlt. Deswegen umgreife ich die Räder des Bettes und ziehe mich mit den Armen hervor und stoße mich mit den Beinen an der Wand ab. Auf allen Vieren sortierte ich meine Kleidung und die Tasche unter dem Bett hervor, stützte mich auf meine Knie, mache die Taschenlampe an und kontrolliere deinen Katheterbeutel. Damit sie dich in dieser Nacht nicht doch noch einem Arzt vorstellt, robbe ich zum Waschbecken, hole in einem Becher Wasser, robbe zurück und drücke dir mit der Spritze, die die Schwester auf dem Nachtisch liegen gelassen hat, Wasser über die Abflussöffnung in den Katheterbeutel. Ich ziehe mich am Bettgestell hoch, schüttle den Krampf aus den Waden und merke wie mir schwindlig wird. Mit beiden Händen halte mich am Nachttisch fest, falle aber auf das Bett deines Nachbarn und entschuldige mich bei ihm. Ich richte von ihm auf, gehe zum Stuhl und hole das Samtbeutelchen hervor. Ich knülle die Jacke zusammen, packe sie in die vorgeholte Tasche und bin froh, dass ich mir über die Zeit angewöhnt habe, dünne, knitterfeste Jacken zu kaufen, damit sie problemlos in die Tasche passen ohne viel Platz wegzunehmen. Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl, hole Luft und sage, dass das heute sehr, sehr knapp war, ich den verflixten Tag habe kommen sehen, ich überhaupt nicht verstehe, dass sie mich nicht erwischt hat und ich erleichtert bin, dass sie meine Jacke nicht ins Schwesternzimmer geschleppt hat, so wie im letzten Winter, wo ich bei Minus 17 Grad in einer Bluse aus der Klinik verschwinden musste und mich die Leute auf der Straße blöd angegafft haben. Ich frage dich, was wir beide gemacht hätten, wenn sie die Jacke mitgenommen hätte und bekomme von dir wieder einmal keine Antwort. Mit einem Seufzen umgreife ich das Samtbeutelchen, küsse es und merke wie ich auf den Stoff weine. Ich strecke dir den roten Beutel entgegen und sage dir, dass sich unsere gemeinsame Erlösung darin befindet und du wie ich schon lange auf diesen Moment gewartet hast. Taumelnd stehe ich vom Stuhl auf, halte das Beutelchen in die Luft und sage dir, dass wir unbedingt jetzt anfangen müssen, damit wir rechtzeitig fertig sind, bevor die Nacht zu Ende geht. Denn nach dieser Nacht kann uns keiner mehr trennen.

Unter dir (Teil III)

Im ersten Teil legt sich die Freundin (wie jede Nacht) unter sein Bett und wartet, dass die Nachtschwester ihren Rundgang durch die Zimmer unternimmt. Diese Zeit nutzt sie, um über diese und andere Krankenschwester und ihre Mühen, unter das Bett zu gelangen, nachzudenken.

Im zweiten Teil „beschäftigt“ sie sich mit ihrem Freund, der im Bett liegt und „bereitet“ ihn für das „Ereignis “ vor, wobei sie (wie auch im folgenden Teil) von der Nachtschwester gestört wird.

Ich lege mein Ohr auf deinen Körper, höre dein Herz schlagen und schließe zufrieden die Augen. Ich zähle laut deine Herzschläge und wiederhole jeden einzelnen mit meinen Fingerkuppen auf deiner Wange. Im Rhythmus deines Herzens puste ich auf deine Brustwarzen, bis ich spüre, dass sie hart werden. Weil mir das Gepuste zu anstrengend wird und weil ich auch weiß, dass es dir als Linkshänder wichtig war, schiebe ich vorsichtig meine Zungenspitze heraus und betupfe zuerst deine linke und danach deine rechte Brustwarze. Als ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich dir einen Schmatzer auf dein glatt rasiertes Babygesicht und sage, dass ich ganz genau weiß, dass du mich wahnsinnig liebst und ich auch heute wieder deine versteckte Morse-Botschaft aus deinem Herzschlag herausgehört habe. Ich streichle zwischen deinen Brustwarzen über den ovalen Leberfleck, sehe dich an und flüstere „Schokopudding mit Vanille“.
Plötzlich höre ich Schlüsselgeklapper auf dem Flur. Ich fluche, ob das jetzt unbedingt sein muss und bin der Schwester wieder dankbar, dass sie mit ihrem Geklapper meilenweit zu hören ist und mir somit ausreichend Zeit gibt, mich schnell unter dein Bett zu verkrümeln. Nur bei dieser Schwester kann ich mich auf die Uhrzeit verlassen und auf ihr pünktliches Schlüsselgeklapper. Meiner Meinung nach ist sie die lauteste, aber auch die zuverlässigste aller Schwestern. Ich ziehe dein Hemd zurecht, lege die Bettdecke glatt, gebe dir einen Klaps auf die Wange, rolle mich unter das Bett und überlege, ob ich ihr nicht ein Glöckchen für das Schlüsselbund wichteln sollte. Meinen Rücken schiebe ich so lange auf dem gebohnerten Boden zurecht, bis ich die passende Position unter deinem Körper gefunden habe. Denn nur so habe ich ein Gefühl dafür, ob das, was die Schwestern mit dir tun, auch wirklich gut für uns beide ist. Wenn ich hier unten liegend die leise Vermutung bekomme, dass mich die pflegerische Anordnung stört, mache ich sie, wenn die Schwester gegangen ist, sofort rückgängig. Bei ihr hatte ich jedoch noch nie Bedenken und weiß, dass sie alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft ausführt. Vor ein paar Wochen wollte ich sie sogar loben. Aber dann hatte ich Angst, sie könnten sie zur Stationsschwester ausbilden und dann hätte ich keine pünktlich klappernde Schwester mehr gehabt. Bei den anderen Schwestern habe ich manchmal meine Schwierigkeiten, rechtzeitig unter das verflixte Bett zu kommen. Und das geht dann meist nicht ohne blaue Flecken und Schrammen. Es gibt Nächte, die knapp an der Katastrophe vorbei gehen und am nächsten Tag sehe ich zerkratzt aus und meine Kleidung ist eingerissen oder an einem meiner hohen Schuhe fehlt der Absatz.

Ich lausche. Wie üblich erklärt sie dir alle Handgriffe bis ins Detail. Übertrieben laut erläutert sie dir, welche medizinische Verordnungen sie machen muss und warum, und fragt immerzu, ob du damit einverstanden bist. Du bist doch nicht schwerhörig. Ständig habe ich das Gefühl, dass die hier alle Selbstgespräche führen. Bei einigen Schwestern habe ich sogar Mühe, nicht lachen zu müssen. Im Allgemeinen finde ich ihre Erklärungen aber wichtig. Nur manchmal, wenn die Schwestern zu persönlich werden, wenn sie, irgendetwas von Schatz, Liebling, oder schöner Mann faseln, wenn sie beim Waschen meinen, dass sie dich nicht von der Bettkante stoßen würden, dann werde ich fuchsteufelswild und muss mir vor Wut in die Hand beißen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten hervorkriechen und alle ordentlich verdreschen. Diese Schwester hingegen hielt sich von Anfang an mit solcherlei Sprüchen zurück. Trotzdem oder vielleicht deswegen muss ich auch bei ihr höllisch aufpassen.

Sie geht zur Tür, dreht sich zu dir um, haucht dir einen ihrer Luftküsse entgegen und löscht das Licht. Langsam schiebe ich mich unter dem Bett hervor, krame im Dunkeln die Taschenlampe aus der Tasche, knipse sie an und kontrolliere, ob sie die von ihr aufgezählten Verordnungen richtig ausgeführt hat. Einige der Schwestern sind nämlich unzuverlässig, um nicht zu sagen schlampig. Auch diese Schwester arbeitet an manchen Tagen ungenau. Damit ich die Schwestern überprüfen kann, habe ich mir Fachbücher gekauft und lese, wenn meine meckernde Chefin nicht da ist, stundenlang im Internet und arbeite alle über Nacht angestauten medizinischen Problemfälle, die dich betreffen, in Foren nach und nach ab. Mit der Zeit kenne ich die Foren und kann sehr gut mitdiskutieren. Und werden neue Heilmethoden besprochen, flechte ich sie beharrlich in die Arztgespräche, die ich einmal pro Woche führe, ein. Einer der Assistenzärzte hat doch wirklich mal gedacht, ich sei Medizinstudentin. Und nur wenn ich früher überhaupt nicht weiter wusste, ging ich zu meinem Hausarzt und gab die Beschwerden an, die mich interessierten. Den Termin beim Psychologen nahm ich aber nur einmal war. Seitdem wechsle ich die Fachärzte nach deinen jeweiligen Beschwerdegruppen. Mein Lieber, es gibt Tage, da überlege ich, ob ich meine Arbeit für dich hinschmeiße und ein Medizinstudium beginnen sollte. Spätestens seitdem mein Chef gegen eine Chefin ausgetauscht wurde, denke ich fast täglich diesen wunderschönen Gedanken. Dann könnte ich nach dem Studium ganz offiziell bei dir arbeiten und den Schwestern jede Menge Anweisungen in einem wehenden weißen Kittel erteilen. Leider habe ich aber nicht die Superabiturnoten wie du dafür. Vielleicht sollte ich dein Zeugnis fälschen und meinen Namen eintragen. Dann bekäme ich auf jeden Fall den Studienplatz, den du partout nicht wolltest. Du weißt, für dich mache ich alles.

Damit du mich gut sehen kannst, hebe ich dein Kopfende nach oben. Ich lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, stelle mich in die Mitte des Lichtkegels, beuge mich zu dir und zu deinen beiden Mitpatienten und applaudiere. Ich strecke die Arme zur Zimmerecke, lasse sie langsam auf meinen Busen sinken und knöpfe die Bluse auf. Vorsichtig löse ich die Schnallen der Glitzerschuhe und sammle die Schuhe mit dem Mund auf. Da meine tollen Glitzerschuhe im Taschenlampenlicht blenden, kneife ich die Augen zu und versuche die schweren Dinger blind auf dein Bett zu zielen. Nachdem ich das geschafft habe, öffne ich meine Hose mit dem Ringelmuster, die ich bei unserem ersten Kennenlernen anhatte und die du von jeher so furchtbar gefunden hattest. Ich beuge mich nach vorn, ziehe sie herunter und schieße das Ringelding mit dem großen Zeh im hohen Bogen zu dir hinüber. Mit den Füßen ziehe ich abwechselnd meine Socken aus, sammele auch sie mit dem Mund auf, hänge sie mir über meine beiden Ohren und schüttle den Kopf, bis sie runterfallen. Ich hebe sie auf, knülle sie zusammen und werfe sie dir genau ins Gesicht. Weil ich dich getroffen habe, strecke ich meine Arme aus und schlage ein Rad. Ich gehe an dein Bett und ziehe endlich meine Bluse aus und lege alle Kleidungsstücke, die du noch nie an mir gemocht hattest, auf deiner Bettdecke aus, als hättest du sie allesamt an. Ich zupfe die Klamotten faltenfrei und flüstere dir ins Ohr, dass du ein tolles Mädchen in den klamotten abgeben würdest. Ich richte die Taschenlampe auf dein Bett, hole mein Handy mit dem neuen Kameratyp und der Videofunktion und mache Fotos von dir und den Klamotten. Ich schiebe die Lampe zurück, tipple auf meinen Zehenspitzen in den Lichtkegel, lächle euch drei stummen Zuschauern zu, drehe mich einmal um die eigene Achse, öffne mein hochgestecktes Haar und halte es für euch ins Licht. Wie wild schüttle ich es auseinander und sehe durch die Strähnen zu euch hindurch. Mit beiden Händen umfasse ich zwei Haarbüschel und winke dir zu. Ich verbeuge mich vor euch, schlage, weil es mir vorhin so gut gefallen hat und weil ich merke, dass ich davon endlich wach werde, noch einmal ein Rad und komme vor deinem Bettgiebel zum Stehen. Ich umwickele das glänzende Metall mit meinen langen Haaren und sage dir, dass ich die völlig durchgeknallte Rapunzel aus einem deiner unzähligen geliebten Märchenbücher bin, und dass ich dich jetzt mitnehmen will. Ich sage dir, dass ich vorher aber noch meinen Prinzen vernaschen muss. Plötzlich höre ich ein Alarmsignal aus einem deiner vielen Geräte. Ich schnappe die Bluse, die Hose, die Socken, die Schuhe von der Bettdecke, greife mir die Taschenlampe und rolle mich unter das Bett. Dabei stoße ich mich zuerst am Fuß und dann an der Schulter, dass die frisch verheilte Schürfwunde wieder aufplatzt. Die Tür geht auf und die Schwester kommt ohne zu klappern ins Zimmer gerannt. Sie macht Licht, hantiert an den Geräten, streichelt über dein Haar und fragt, was heute mit dir los ist. Sie sieht zum Katheterbeutel und sagt zu den anderen Patienten, dass dein Urin verdächtig trübe aussieht, sie einen Harnwegsinfekt vermutet und dass sie das nach dem Wochenende unbedingt dem Stationsarzt vorstellen wird. Muss der Infekt heute sein, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz im Fuß und in der Schulter. Zu gern würde ich ihr zurufen, dass ich verblute und auch mal dringend einen Arzt bräuchte. dabei spüre ich, dass ich mit meinem Rücken am Linoleum festklebe. Sie geht zurück zur Tür, zwinkert dir den üblichen Luftkram zu, macht das Licht aus und ruft beim Rausgehen, dass du heute besonders wilde Träume mit deiner Geliebten haben wirst, sie dir viel Spaß wünscht und sie deinen Katheter wechselt, wenn du dich ordentlich ausgetobt hast. Ich schüttle den Kopf über ihre Sprüche, äffe sie nach und weiß, dass ich gleich morgen früh alle Foren zum Thema Urin, Katheter, Infekt und Komplikation durchforsten werde. Zur Not lasse ich mich am Montag krankschreiben, gehe zu meinem Urologen und sage, dass mir die Blase höllisch wehtut und der Urin verdächtig aussieht. Und vielleicht sollte ich die Krankschreibung auch nutzen, um dein Einser-Abiturzeugnis zu kopieren und mit meinem Namen zu versehen.

Unter dir (Teil 1)

Mit einem Schwung, den ich mir mühsam über die letzten Jahre antrainiert habe, rutsche ich unter das Bett. Ich schiebe meinen Hintern auf dem glänzenden Linoleum hin und her, bis ich das Gefühl habe, genau unter deinem Körper zu liegen. Ich schließe die Augen, achte auf das surrende Geräusch deiner Atemanlage und höre einen ungewohnten Ton heraus. Sofort versuche ich anhand deines Atems herauszufinden, was dir in den letzten 24 Stunden passiert sein könnte. Damit ich deine passende Frequenz schneller finde, halte ich meine Atmung an. Meist gelingt es mir so, schnell in deinen Rhythmus einzudringen. Nur manchmal bockst du. Aber gegen meine Yogaübungen, die ich nur für unseren gemeinsamen Rhythmus zu Hause übe, bist du völlig machtlos. Warum es mir diesmal nicht gelingt, kann ich nicht sagen, bringe es aber zum einen mit meiner Chefin in Zusammenhang. Zum anderen damit, dass wir beide heute unseren besonderen Tag haben und ich seit dem Morgen aufgeregt bin. Bei dem Gedanken an unsere besondere Nacht, schiebe ich meinen Körper unruhig auf dem gebohnerten Fußboden hin und her und stoße mich mit dem Knie an einer der Querstreben des Bettes. Ich fluche. Um mich von dem Schmerz abzulenken, klopfe ich mit den Fingern abwechselnd Morsezeichen an das blöde Metallgestell. Dabei fällt mir ein, dass du es warst, der mich damals auf die Idee mit dem Morsen gebracht hatte. Immer wenn ich dich fragte, mit wem du bei den Pfadfindern morst und ob auch Mädchen mitmachen, fühltest du dich genervt. Und das brachte mich auf die Idee, mich ebenfalls dort anzumelden, um dich bei deinem Schweinskram mit den anderen Mädels auf frischer Tat zu ertappen.
Ich werde müde und klopfe lauter und schneller an das Metallgestell. Manchmal fange ich unter dem Bett liegend, zu Schnarchen an. Vor deinem Unfall hattest du mir in unseren Nächten oft vorgeworfen, zu schnarchen. Alte Schnarchguste, hattest du zu mir gesagt. Du schnarchst wie meine Oma. Beleidigt gab ich dir jedes Mal einen Klaps auf deinen muskulösen Hintern und sagte, dass deine Oma tot ist und ich lebe. In manchen Nächten werde ich von der eintönigen Büroarbeit schlagartig müde und muss hier unten aufpassen, nicht doch einzuschlafen. Dann frage ich mich jedes Mal, wie das alles enden soll, wenn wir beiden irgendwann ein altes Ehepaar sind.
Ich gähne und baue dir meine heutigen Tageserlebnisse vorsichtig in den Rhythmus des Atems hinein, den ich vorgebe. Ich sage dir, dass ich glaube, dass meine Chefin ahnt, dass ich jede Nacht zu dir gehe. Glücklicherweise kann sie es aber nicht beweisen. Deswegen, glaube ich, gibt sie mir in der letzten Zeit zum Feierabend neue Aufgaben. Ich hoffe sehr, dass sie schwanger wird. Wenn es geht Zwillinge oder gleich Drillinge. Dann hat sie massig Scherereien und lässt mich in endlich Ruhe.

Das Schlüsselgeklapper beendet meine Unterhaltung an dich und schiebe mich näher an die Wand. Dabei stoße ich mich an der Schulter. Die Tür geht auf und eine Stimme erzählt überlaut, dass sie jetzt hier wäre und du dich jederzeit melden könntest, wenn du etwas benötigt. Sie sagt das Wort jederzeit in einem vertraulichen Ton, der mir einfach nicht gefällt. Trotzdem bin ich froh, dass die Schwester mit der überlauten Stimme und dem Schlüsselgeklapper heute Nachtdienst hat. Sie steht über das Bett gebeugt und scheint dich zu streicheln, zumindest kommt es mir hier unten an meiner linken Wange und auf der Stirn so vor. Es krabbelt. Mit einem lobenden Satz über den sauberen Nachttisch geht sie zur Tür zurück und dimmt das Licht. Lobende Worte spricht nur diese Schwester. Das gefällt mir an ihr. Auf einmal habe ich den Wunsch, sie näher kennen lernen zu wollen. Früher, als ich begann, mich unter das Bett zu dir zu legen, um nicht mehr in den Nächten allein zu Hause zu sein, hatte ich sie wie alle anderen Schwestern gründlich beobachtet und viele Notizen in meine Karteikarten eingetragen. Tagsüber war ich ihr müde hinterhergelaufen und wusste recht schnell wie sie heißt, wo sie wohnte, was sie alles einkaufte, mit wem sie rumlungerte und wohin sie in den Urlaub fuhr. Bei keiner anderen Schwester habe ich jemals soviel Mühe aufgewandt. Ich weiß auch, dass sie, wie ich, keine Geschwister hat und allein bei ihrer Mutter lebt und manchmal deren teures Auto fährt. Und ich weiß, dass sie immer noch keinen Freund hat. Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ob ich ihr einen Freund suchen sollte. Ich hatte für sie Annoncen aufgegeben und ihr über Wochen hinweg die Briefe unter den Scheibenwischer geschoben, in der Manteltasche oder einem ihrer fremdsprachigen Reiseführer versteckt. Genützt hatte es aber nichts. Soweit ich weiß, hat sie nie einem der vielen Bewerber zurück geschrieben. Da hatte ich ihr dann die Liebesbriefe, die ich dir in der Schule geschrieben und in deiner Schultasche versteckt hatte, einfach abgeschrieben. Zum einen um sie endlich mit einem netten Mann zusammenzubringen, denn unbemannte Schwestern sind so ziemlich das Gefährlichste was es gibt. Und zum anderen, weil sie doch immer so lieb zu dir ist. Aber nachdem sie in der Kantine allen erzählt hatte, dass ihr eine unnachgiebige Lesbe Liebesbriefe schriebe, lies ich die Schreiberei bleiben. Ich vermute, meine Handschrift hatte mich damals verraten. Im Verstellen war ich leider noch nie gut. Von jeher mag ich keinen Fasching, kein Ostereiersuchen und auch kein `Ich-sehe-was, -was-du-nicht-siehst`.
Was macht sie da bloß? Sie hantiert immer noch am Bett. Das dauert heute länger als sonst. Ich sehe auf ihre Schuhe, sie hat immer noch ihre alten Birkenstockdinger an. Seit ich ihre Füße hier unten sehe, trägt sie diese alten ausgelatschten Dinger. Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten ein paar neue Wichteln. Das gäbe eine schöne Verwirrung. So etwas kann ich gut. Verwirrungen stiften, ja das mag ich sehr. Welche Größe sie hat, habe ich in meinem Merkbuch eingetragen. Es ist ca. die 40. Beim Gedanken ans Wichteln, sehe ich, dass sie die Fußnägel knallrot lackiert hat. Ich schüttle den Kopf und bin mir sicher, dass ich ihr doch noch einen Mann besorgen muss. Dich bekommt sie jedenfalls nicht!
Endlich öffnet sie die Krankenzimmertür. Sie dreht sich nochmal um, hält dir die ausgestreckte Hand entgegen und macht einen ihren üblichen Luftküsse. Früher machten mich ihre Luftküsse rasend und ich wollte in die Verwaltung gehen und protestieren oder ihr zumindest in die Waden treten. Aber dann hatte ich mir gedacht, dass sie es sowieso abstreiten würde und ich es ja auch nicht beweisen könnte ohne mich dabei zu verraten. Schließlich hatte mich die Angst abgehalten, sie könnte dir etwas antun, oder zumindest nicht mehr so freundlich zu dir sein. Und das wollte ich dir auf keinen Fall zumuten. Manchmal empfand ich ihre Luftküsse auch als eine Art Liebenswürdigkeit und ich war mir nicht sicher, ob sie diese Luftknutscherei auch mit anderen Patienten machte, denn dann wäre sie ein Miststück, oder ob sie diese Liebelei nur mit dir machte, dann war es ihre Art von liebenswürdiger Aufmerksamkeit für dich. Durch meine jahrelange Beobachtung war ich eher der Meinung, dass es Aufmerksamkeit ist. Egal. Ich wusste vom allerersten Tag unserer Beziehung, dass ich höllisch auf dich aufpassen muss. In der Schule, wenn du halb angezogen vom Sport kamst, drängelten sich unsere Klassenkameradinnen um dich, trugen dir die Sporttasche und den Rest deiner Kleidung hinterher oder wollten mit dir ins Schwimmbad gehen. Am Schlimmsten war es, wenn du aus dem Musikunterricht kamst und verträumt vor dich hinschautest. Die Mädchen wollten dann von dir wissen, was du im Unterricht gespielt hattest, was für ein Instrument sich im Beutel befand und ob sie mit dir mal am Abend ein paar Stücke üben durften. Seit ich das mitbekam, wartete ich vor der Schule und begrüßte dich vor allen Mädchen der oberen Klassen, in dem ich dich umarmte. Anschließend ging ich mit dir Hand in Hand Eis essen oder nach Hause.

Mit einem Schwung kullere ich mich unter dem Bett hervor. Ich ziehe mich langsam am Gitter hoch und begrüße dich mit einem überlauten Kuss. Ich mag dieses schmatzende Geräusch, das die Stille in dem wenig beleuchteten Raum beendet und mich unmissverständlich bei euch drei Patienten ankündigt. Manchmal küsse ich dich so oft und so laut und verlängere dabei die Geräusche, bis ich keine Luft mehr bekomme oder Angst habe, du könntest davon aufwachen oder die Schwestern könnten ins Zimmer kommen.
Ich öffne den Nachttisch und krame den großen Silberkamm, den ich mir von dir von unserer ersten gemeinsam besuchten Haushaltauflösung erbettelt hatte und mit dem ich stundenlang alle Haare deines Körpers kämmen konnte, aus dem unteren Fach. Weil du es wahnsinnig geliebt hast, stelle ich mich vor dir auf und kämme mit dem Silberkamm in Zeitlupe durch meine Haare. Dabei drehe ich dir den Rücken zu, schaue über die Schulter und binde die durchgekämmten Haare zu einem Dutt zusammen. Ich strecke meinen Po zu einem Entenhintern heraus, wackle im Watschelschritt eine Runde um den Nachttisch herum und mache dabei das Geräusch einer Ente. Ich stelle mich wieder vor dir auf, schüttle den Kopf und wühle mit einer wischenden Handbewegung deine brave Frisur durcheinander. Ich mag sie nicht. Ich mag die langweiligen Frisuren, die sie dir hier kämmen, überhaupt nicht. Stundenlang habe ich den Schwestern erklärt, dass ich keinen Mittelscheitel, Seitenscheitel oder sonst so einen Opakram haben will; aber keine hat jemals auf mich gehört. Vor Wut frisiere ich dein schwarzes, lockiges Haar wild durcheinander, kämme dir sexy Haarsträhnen über die Augen bis zur Nase und kitzle dich mit deinen eigenen Haarspitzen. Irgendwie bekomme ich jetzt, wo du wieder die tolle, wilde Frisur aus unserer Campingzeit hast, den Wunsch, dir einen megafetten Knutschfleck zu verpassen. Ich beginne exakt an der Stelle unter deiner sichelförmigen Narbe meine Lippen aufzulegen und zu saugen, an der ich mich früher gern zu schaffen gemacht habe. Ich finde deine Haut riecht heute wieder nach Krankenhaus. Sicherlich hat dich am Morgen die ältere Schwester gewaschen. Sie nimmt ständig die Krankenhauskosmetik, obwohl ich es ihr hundertmal verboten habe. Ich rieche noch einmal über deine Krankenhaushaut und öffne mein kleines Fläschchen, das ich mir eigens für diese Momente zugelegt habe und am Hals in einer deiner vielen handgefertigten Lederhüllen unter dem T-Shirt trage. Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke und dein Hemd um die Schläuche herum. Ich tropfe einzelne Tropfen aus dem Fläschchen zuerst auf deine Stirn, auf deine Augenlider, auf deine beiden Brustwarzen, in deinen Bauchnabel, auf die beiden Hoden, die Armbeugen, auf jeden Finger, auf deine Oberschenkel, die beiden Knie und zum Schluss auf jede deiner Zehen. Ich tropfe, bis das kleine Fläschchen völlig leer ist. Mit den Fingerspitzen verreibe ich die Flüssigkeit auf deinem immer noch schönen Körper. Ich schließe die Augen, lege mein Ohr auf deine linke Brustwarze und lausche dem Rhythmus deines Herzschlages. Zufrieden atme ich tief ein und rieche an deiner weißen und nun gut duftenden Haut. Da ich mich auch heute nicht benehmen kann, strecke ich die Zunge heraus, lecke an deiner Haut und habe Lust dir endlich den überfälligen Knutschfleck zu verpassen. Knutschflecke konnte ich schon immer schöne machen. Die wurden bei mir besonders bunt und blieben lange bestehen. Dafür war ich in der Schule berühmt. Ich glaube, mein erster Freund hatte sich deswegen geschämt und ist auch deswegen weggerannt. Ich hole noch einmal tief Luft und sauge an der Stelle, an der ich für gewöhnlich früher meine Knutschflecke hinknutschte. Ich weiß, dass du Küsse magst und dass du auch das Machen der Knutschflecke liebt. Und ich weiß, dass du früher dabei eine Erektion hattest und vorschnell kamst. Manchmal schob ich meine Hand vor dein Glied und wartete bis es bei dir losging und alles auf meiner Hand landete. Ich wusste vom ersten Tag an, dass wir uns lieben und für immer zusammengehören. Und vom allerersten Tag an, wusste ich auch, dass ich es niemals zulassen würde, dass uns irgendwer ungestraft auseinanderbringt.
Ende Teil I

Besuchszeit (Zweiter Teil)

Ich höre wie der Mann ein zweites und drittes Mal an der Tür rüttelt und durch den Briefkastenschlitz Hallo, Hallo, ist da wer, ruft und danach die Treppe runtertrampelt. Ich schiebe mich leise vom Stuhl, schleiche zum Küchenfenster, sehe durch den Vorhang auf das Blumenbeet des schicken Hinterhofes und bemerke, dass die Scheiben völlig verdreckt sind. Ich schüttele den Kopf, nehme den froschgrünen Eimer aus der Ecke, lasse Wasser über meine Hände auf den Boden des Eimers laufen damit kein Laut nach draußen klingen kann und bin mir sicher, dass die Frau mit den gepunkteten Küchenkram von einem sauberen Fenster auch noch nichts gehört hat. Ich ziehe den Vorhang zurück und putze eine Seite des schmutzigen Fensters bis es streifenfrei glänzt. Die andere Seite lasse ich dreckig, damit sie den Unterschied merkt. Als ich den Eimer wieder in die Ecke stelle, sehe ich, dass die Fliesen an der Kochzeile ebenfalls völlig verdreckt sind. Auch hier putze ich eine Seite der Fliesen. Nachdem ich den Eimer zurückgestellt habe, klopfe ich mir auf die Schulter. Ich spiele an der leuchtenden Anzeige und lasse einen Latte Macchiato in die Tasse laufen. Den habe ich aber jetzt wirklich verdient, denke ich stolz. Als ich über den Automaten putzte, kommt mir die Idee ihm endlich einen Namen zu verpassen. Dabei stelle ich wie im Film die Tasse nach jedem Schluck auf die Untertasse, da ich das Klirren des Porzellans wahnsinnig mag. Ich überlege, ob ich den Kaffeeautomaten nach meiner Mutter oder doch lieber nach meinem Papa benenne. Weil mein Papa äußerst akkurat ist und die Chromstangen der Autos immer blankhaucht und weil es grammatikalisch völlig richtig ist, entscheide ich mich seinen Namen zu benutzen. Den Namen meiner Mutter möchte ich für den schicken chromfarbenen Automaten nicht unbedingt benutzen, vielleicht doch eher für den grünen Eimer. Wie unsere alte Pfarrerin, hebe ich die Hand und sage: „Mein kleiner Täufling, ich taufe Dich auf den Namen Jens! Möge die Taufe Dich vor allem Unheil in der Welt bewahren!“ Feierlich küsse ich über das kalte Metall wie über eine Babystirn und murmle: „Im Namen des Allmächtigen!“. Zufrieden greife ich zum Latte Macchiato und tue so, als würde ich drei Tropfen von dem Kaffee über den Automaten kippen. Ich gehe in den Flur, schlürfe wie die feinen Damen in den Pariser Boutiquen den Kaffee mit der einen Hand, mit der anderen wühle ich in den Fächern und kontrolliere die bunten Schuhe. Schimpfend stelle ich die Tasse ab, nehme das Putzmittel und säubere den verkrusteten olivgrünen Schuh, der mit einer schrägen Schleife aus bunten Strasssteinen besetzt ist. Ich stellte mich vor den Spiegel, halte den glitzernden Schuh vors Gesicht, lächle wie ein Mannequin und versuche in das Ding hineinzuschlüpfen. Da ich nicht hineinkomme, ziehe ich die ausgetreten Turnschuhe an, die ihr Freund achtlos in die Ecke geschmissen hat und denke, von meiner Mutter hättest als erstes eine geschallert bekommen und als zweites hätte sie dir die Latschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf gehauen.

Wie die Mechatroniker in der Autowerkstatt meines Papas, schlendere ich mit den ausgetretenen Turnschuhen im Gammelschritt durch den Flur und bleibe vor der geschlossenen Wohnzimmertür stehen. Ich ziehe das dicke Schlüsselbund vom Hals, räuspere mich laut und frage in verstellter Kinderstimme, ob ich eintreten darf, weil ich einen Wohnungsschlüssel im Treppenhaus gefunden habe. Da sich niemand meldet, drücke ich die Klinke herunter, trete in Zeitlupenschritten ins Wohnzimmer, schleiche zum Fenster und sehe auf die Mittagsstraße. Lust auch diese verschmutzten Scheiben zu putzen, habe ich nicht. Viel lieber will ich den neumodischen Fernseher und die Musikanlage probieren, die ihr reicher Freund von seinem vielen Geld hier aufgestellt hat. Ich muss unbedingt sein Foto suchen. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sieht er gut aus, denn nur gut aussehende Männer haben auch einen guten Technik-Geschmack. Ich schnalze wie mein Papa und suche die Fernbedienung. Bei Frauen kannst du die gesamte Bude auf den Kopf stellen bis du die Fernbedienung findest und dann liegt sie in der Küche im Brotkorb oder im Bad zwischen den Schminksachen. Ich gehe in den Flur und sehe die Fernbedienung neben dem rosa Telefon. Aha, da hat sie während eines Liebesfilms ein Telefonat gehabt. Ich nehme die Fernbedienung, gehe ins Wohnzimmer zurück und mache den glänzenden Flachbildschirm an. Typisch, als erstes die ARD, dann das ZDF und dann das Dritte. Wie meine Mutter ändere ich die langweiligen Sender in ordentliche Sender und zappe bis ich meinen Musiksender finde. Jetzt fehlt nur etwas zu Knabbern und ich könnte hier vor dem Superteil übernachten. Ich greife unter die Fernsehzeitung und finde die fast leere Schale mit den Erdnüssen. Die hat garantiert er ausgefressen. Das zum Beispiel hasse ich an Männerwohnungen. Immer sind die Chips und Erdnüsse weg und nur süßer Kram liegen bergeweise da. Eigentlich kann ich froh sein, dass kaum noch Nüsse in der Schale sind, denn bei meiner Diät ist das wirklich nicht sonderlich gut. Und wie ich mich kenne, würde ich doch früher oder später fast alle Nüsse wegnaschen. Ich höre schon wieder die blöde Richterin labern, dass ich doch von der Gesellschaft versorgt werde und sie meine ständige Verletzung der grundgesetzlich garantierten Privatsphäre keinesfalls weiterhin dulden wird, sie mich aber für überwiegend zurechnungsfähig hält und ich endlich lernen muss die Privatsphäre anderer Mitmenschen zu respektieren. Blablabla, ja, was hat die Kuh in Schwarz denn gedacht, dass ich irgendwie Plemplem bin und anderen unnötig auf den Geist gehe? Aber woher, verehrte Frau Richterin, soll ich denn sonst die leckeren Chips herbekommen? Bei uns zuhause, allerverehrteste Frau Richterkuh, sind die Dinger strikt verboten und es gibt für mich und Papa permanent nur die widerlichen Gummibärchen und die ekelhaft süßen Törtchen. Bei dem Gedanken strecke ich der Richterin die Zunge raus, stibitze mit den Fingerkuppen eine und noch eine und noch eine klitzekleine Erdnuss und entschuldige mich in den Fernseher. Ich schalte einen anderen Musiksender ein, sehe Britney Spears und bekomme Lust bei der Mucke die Jacke auszuziehen. Ich ziehe die gepunktete Strickjacke aus, drehe mich wie meine Britney um die eigene Achse, rufe jä, jä, jä und werfe das gepunktete Teil auf die bronzene Männerstatue. Ich beuge mich zu dem Bronzeboy vor, drehe mich zur Seite, wieder zu ihm vor, nach hinten und zur anderen Seite. Ich ziehe das Hemd aus, trommle rhythmisch auf seinen Sixpack, wackle mit dem Hintern, lege dem Bronzemann die Jacke um den Hals, kreise mit meinen Hüften, umrunde den Kerl und greife ihm rein zufällig unten hin. Ich knöpfe meine Hose auf, beuge mich wieder vor, ziehe die Hosen ein Stück herunter, lasse mich wie der Papst auf die Knie fallen, wirble die Arme durch die Luft und zufällig auch etwas um seine Hüften. Außer Puste setze ich mich hin, ziehe den linken Turnschuh aus und werfe ihn auf die Kaninchenbox zu dem blöde glotzenden Tier. Ich ziehe den rechten Turnschuh aus, rieche darin und denke, bei dem Gestank muss er ja ein wahrer Wohltäter sein. Im hohen Bogen werfe ich den zweiten Schuh auf einen der vielen Stahlarme der Deckenlampe. Ich ziehe die Hose aus, springe hoch, rufe wie meine Britney jä, jä, jä und tanze in der Unterwäsche nach dem Musikvideo. Ich kullere auf dem weißen Teppichboden hin und her und hebe die Schultern bis sie mir der Nacken wieder wehtut und mich daran erinnert, dass ich dringend zu einem meiner vielen Fachärzte gehen muss. Da mir die Luft ausgeht, kullere ich mich ein letztes Mal auf dem Teppich, wackele mit dem fast freien Hintern und hebe schwungvoll den Kopf nach oben, dass mein gewelltes Haar über die Schultern fällt. Dabei stoße ich den Kopf am eckigen Glastisch. Ich greife an die Stelle am Kopf und meckere warum die Frau auch den blöden Glaskasten unbedingt da hinstellen muss. Ich beschließe, dass der Tisch dort sowieso nicht hingehört und schiebe ihn unter das Fenster. Da ich beim Umräumen bin, schiebe ich den Schwingsessel in die andere Ecke, stelle die Stahlvase an die Wand und den roten Blumenkasten neben die Tür. Ich ziehe mein Unterhemd aus, setze mich vor den Bildschirm, lege den Kopf auf die Knie und schaue den fast unbekleideten und gut aussehenden Tänzern von Britney zu. Warum ich dabei plötzlich traurig werde, weiß ich nicht, spüre aber, dass ich unbedingt nackt sein muss. Ich winke in den Fernseher, ziehe langsam die Unterhose aus und tupfe sie auf die linke und rechte Brust. Mit beiden Händen knülle ich sie zusammen, werfe sie wie einen Ball nach oben und fange sie mit dem Kopf auf. Damit ich sie nicht wieder irgendwo liegen lasse und sie urplötzlich bei Gericht als Beweismittel, Nummer soundso landet, ziehe ich sie vorsichtshalber über beide Ohren Ich nasche eine klitzekleine Erdnuss, schiebe die verbliebenen Nüsse in der viel zu großen Schale auseinander, damit keiner merkt, das einige der Dinger fehlen. Ich lasse mich rückwärts auf den flauschigen Teppich knallen und kullere mich noch einmal um die eigene Achse. Auf allen Vieren robbe ich zur Wand und bekomme Lust völlig unbekleidet durch die ganze Bude zu toben. Wie die Jungs im Fernseher springe ich hoch und runter, beuge mich nach vorn, winke den hübschen Tänzern von Britney zu und drehe schließlich die Mucke auf. Ich flitze in die Küche, klemme den Griff des Kühlschrankes zwischen die Hinterbacken, drücke beide Hände darauf und öffne mit zusammengekniffen Backen die Tür. Gierig greife ich den Balugacaviar. Ich nehme die große Dose heraus und halte das kühle Teil zuerst über meine Schläfe, reibe sie danach über die Brustwarzen und zum Schluss über meinen schweißnassen Bauch. Ungeduldig reiße ich die metallene Lasche auf, stecke Zeige- und Mittelfinger hinein und hole das schwarze salzhaltige Gelumpe heraus. Wie die Reichen in meinen Lieblingsfilmen lecke ich die Finger ab und stöhne zur lila Küchendecke, dass die verkackte Gänsestopfleber heute auch noch daran glauben muss. Ich renne zurück in den Flur und stelle mich an den mannshohen Spiegel. Völlig aufgeregt wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter, verstelle meine Stimme und sage mit vollem Mund, dass sie endlich der Teufel holen soll, dass sie nicht mehr so viel mit meinem Papa rummeckern soll, dass sie mich nach all den Jahren endlich auch einen Beruf erlernen lassen soll, dass sie ab jetzt mein Zimmer nicht mehr unerlaubt betreten darf und dass sie sowieso alle Menschen aus unserem Viertel hassen. Ich höre wie meine Mutter mir wie immer ins Wort fällt und sagt, dass ich sofort nach Hause kommen soll und sie mich einschließen wird und dass das heute das allerletzte Mal war, das ich allein außer Haus gehen durfte. Vor Wut, dass sie mich wieder nicht ausreden lässt und wieder einsperren will, trage ich das rosa Telefon ins Wohnzimmer und lege es vor die Box zur Musik von Britney. Trotzig gehe ich zurück in den Flur und tanze vor dem Spiegel, strecke meiner Mutter die Zunge heraus und zeige ihr meinen nackten Hintern. Ich nehme den neongrünen Mantel und lege ihn um die Schultern. Mit dem grünen Teil und dem Kaviar, renne ich zurück ins Wohnzimmer und lasse den Mantel wie ein Modell langsam an meiner Haut herabgleiten. Ich greife den Balugakaviar, stecke Zeige-und Mittelfinger wieder hinein und hole einen ordentlichen Batzen heraus. Johlend schiebe ich den schwarzen Kram in den Mund. Dabei äffe ich die bescheuerte Richterin nach, dass ich eigentlich eine Zumutung für die Gesellschaft sei und im Wiederholungsfall für immer weggeschlossen gehöre. Was heißt hier eigentlich und was heißt für immer, du dusslige schwarz eingefärbte fette Kuh, denke ich, wackle mit den Hintern und drehe den Fernseher auf volle Pulle. Ich nehme das neongrüne Teil, lege es auf den Glastisch, stelle mich auf die grüne Fläche und hebe wie ein Sieger die Arme in die Luft. Mit beiden Händen schmiere ich den restlichen Kaviar auf meinen Körper. Ich reibe das schwarze Zeug zuerst auf das Gesicht, danach über die Schultern, über die Brustwarzen, dann den Bauch, den Hintern, reibe die Beine entlang und zum Schluss über die Füße. Lautstark beginne ich mich abzuschlecken und finde, dass der nackte Typ mit der Zigarette im Mund hammermäßig einen auf James Dean macht. Außerdem finde ich, dass er einen durchtrainierten Body hat und verdammt gut aussieht. Mit einem angedeuteten Arschbombensprung, springe ich vom Tisch und komme vor ihm zum Stehen. Ich strecke ihm die fast leere Dose Kaviar hin, ziehe die Augenbrauen hoch und sage im Ton meiner Mutter in sein verdutztes Gesicht, wenn er sich die ölverklebten Finger ordentlich gewaschen hat und mir verspricht für immer und ewig brav zu sein und alles machen wird, was ich von ihm verlange, darf er, wenn er will, die Rester rauskratzen. Dafür erwarte aber im Austausch als erstes eine Zigarette und will, dass er mich bei meiner nervigen Mutter nicht verpetzt. Ich gehe eine Schrittlänge auf ihn zu, umgreife seine Hände schiebe die Dose zwischen seine Finger und ziehe die Zigarette aus dem Mundwinkel. Weil er nicht reagiert und mich anguckt, als ob ich nicht da wäre, gehe ich einen Schritt näher an ihn heran. Da er immer noch nicht reagiert, schiebe ich meinen Körper die restlichen Zentimeter an ihn heran, bis sich zuerst unsere Fußspitzen und danach unsere Pimmel berühren. Ich sehe in sein Gesicht, lächle und habe Mühe, ihm nicht die ungekämmten Haare zu streicheln. Stattdessen reibe ich mit den kaviarverschmierten Fingern über seine muskulösen Oberarme. Wie die Orang-Utans in unseren wöchentlichen Gruppen-Therapie-Besuchen im Zoo, schiebe ich die Lippen weit nach vorn und stecke mir die halb abgebrannte Zigarette in den Mund. Ich sauge Luft in meine Lungen und beuge meinen Kopf nach vorn, bis meine Haare an seine Brust fallen. Ich öffne den Mund, atme den eingesaugten Atem aus und puste den Qualm an unseren nackten Körpern hinab. Dabei beobachte ich, wie unsere Pimmel den herabsinkenden Qualm in zwei Hälften teilen. Weil mir das irre gut gefällt, ziehe ich noch einmal Luft in mich hinein und puste den Qualm bis zu unseren Pimmelspitzen hinunter. Dabei überlege ich, was ich machen soll, wenn unsere Pimmel hart werden.

Was soll denn daran unnormal sein, frage ich sie? Mal ehrlich, wenn ich hier rauskomme, kann die Richterin etwas erleben. Und auf meine Wohnungsbesichtigung werde ich mein Lebtag nicht mehr verzichten. Darauf kann sie ewig warten. Lieber möchte ich sterben/tot sein.

Besuchszeit (Erster Teil)

Es ist ganz bestimmt nicht meine Art, an Türen zu lauschen oder in ein Zimmer ohne Erlaubnis einzutreten. Seit ich Kind war und die Eltern das unerlaubte Betreten ihres Schlafzimmers hart bestraften, unterlasse ich solche Dinge. Warum ich mir dennoch über die Jahre angewöhnt habe, an Wohnungstüren zu rütteln, um zu prüfen, ob sie unverschlossen und ihre Bewohner außer Haus gegangen sind, weiß ich ehrlich gesagt bis heute nicht.

In meiner frisch gereinigten Uniform, die ich noch vom Fasching habe, betrete ich das unsanierte Mietshaus und putze im Erdgeschoss meine verschmutzen Schuhsohlen ab. Ich drücke die beiden Türklinken herunter und prüfe, ob eine der beiden Wohnungstüren offen ist. Da sie verschlossen sind, gehe ich ins nächste Stockwerk und kontrolliere auch hier, ob einer der Mieter zufällig vergessen hat, seine Tür abzuschließen. Leider sind auch diese beiden Türen zu. Wenn ich Pech habe, sind in diesem Haus alle Türen fest verrammelt oder mit den neumodischen Schnappschlössern ausgestattet und ich kann zusehen, wie ich zu einen meiner Wohnungsbesichtigungen komme. Da ich seit über zwei Wochen keine Wohnung mehr angesehen habe, schleiche ich mit einem Stapel leerer Briefe in der Hand in die nächste Etage und prüfe die linke und rechte Tür. Wie zu Kinderzeiten rüttle ich an den beiden breiten Flügeltüren, bis ich einsehe, dass ich sie so nicht aufbekomme. Schlecht gelaunt setze ich mich auf die gebohnerte Holztreppe und möchte am liebsten auf den Stapel unbeschriebener Briefe heulen. Mit unruhigen Händen krakle ich meinen Namen mit dem abgenagten Daumennagel in den Glanz der gebohnerten Treppe. Da unten im Haus eine Tür geöffnet wird, springe ich auf und schleiche auf den Boden, stelle mich in den Holzrahmen und warte bis es wieder still wird. Auf dem Weg nach unten sehe ich den vertrockneten Blumentopf und greife unwillkürlich hinein. Als ob ich es geahnt hätte, ziehe ich einen Schlüssel heraus und denke erleichtert, immer noch die gleichen Verstecke und küsse den Schlüssel. Mit noch unruhigen Händen mache ich ihn sauber, halte ihn in die Sonne und küsse noch einmal das nun glänzende Metall. Ich überlege in welche der alten Türen er passen könnte und entscheide mich für die linke Tür. Ich schiebe ihn ins Schloss, halte die Luft an und drehe den Schlüssel langsam in Uhrzeigerrichtung, sodass das Schloss fast lautlos aufgeht. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür eine Handbreit, horche und rufe mehrmals den Nachnamen, der in schnörkelloser Schrift auf dem Schild steht und wiederhole, dass ich einen Schlüssel gefunden habe und die Tür rein zufällig offen stand. Ich warte einen Moment, rufe nochmal den Namen, trete in Zeitlupe über die Schwelle auf den silberglänzenden und voll gefusselten Abtreter und seufze erleichtert. Ich mache einen weiteren Schritt, bleibe auf einem Bein stehen, fummle mit dem anderen Bein den kaputten Abtreter an die Türschwelle und klappere mit meinem dicken Schlüsselbund, den ich bei meinen Wohnungsbesichtigungen stets bei mir trage. Ich drehe den Kopf schnell nach links und rechts, rufe noch einmal den Namen, den ich auf dem Messingschild las, dieses Mal aber im Ton einer Sprechstundenhilfe einer meiner vielen Ärzte und klappere noch einmal heftig mit dem Schlüssel. Endlich lasse ich das Bein herunter, schüttle den Krampf heraus und verschließe die Tür. Ich drücke mein Auge fest an den Späher und sehe prüfend auf den Flur. Als sich niemand rührt, lehne ich mich mit dem Rücken an die Tür, werfe das Schlüsselbund wie meine morgendliche Apfelsine in die Luft und hänge es schließlich wieder um den Hals. Ich reiße die Arme in Siegerpose zur Stuckdecke, schnipse mit den Fingern der linken und rechten Hand und jauchze fröhlich. Warum ich annehme, dass ich wieder in der Wohnung einer Frau gelandet bin, kann ich nicht begründen, bin mir aber auch dieses Mal absolut sicher, dass ich Recht habe. Außerdem, denke ich, habe ich über die Jahre einen Riecher dafür bekommen, wo Frauen wohnen und welche Wohnungen sich somit besonders lohnen, besucht zu werden. Frauenwohnungen finde ich von jeher interessanter, da die Wände farbenfroher gestrichen sind, die Räume liebevoller dekoriert werden, flauschige Teppiche daliegen, Bilder an den Wänden hängen und wunderbarer Schnickschnack überall zu entdecken ist. Zudem kann ich unproblematisch während der Besuchszeit aufs Klo gehen oder gar mal fix in die Badewanne hauen und muss nicht ewig das Papier oder den Badezusatz suchen. Und wenn ich zwischendurch Hunger bekomme, kann ich mit einer Schaumkrone in die Küche schlendern und finde jederzeit etwas Leckeres. Bei den Männern sehen die Wände einfach nur stino-weiß aus, es fehlt der Kleinkram in den Regalen, die Poster hängen einfallslos über den oft schlecht gemachten Betten und sind außerdem meist nicht der Renner. Von den fehlenden Blumen und Essen ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt, hat mich das ständige Wäsche waschen, Heizung abdrehen, Kippen wegwerfen über die Jahre auch ganz schön gestört. Naja, neuerdings werden die Jungs auch etwas reinlicher, achten auf ihre Kleidung und ich muss mich nicht mehr so sehr ekeln, wenn ich die Unterhosen prüfe und die Größe des Dinges anhand der Beulen abschätze. Das einzige was mich überhaupt an Männerwohnungen reizt, ist der ultramoderne Technikkram, den die überall stehen haben. Wenn ich die Wohnung von so einem Technikfreak erwische, kann ich stundenlang an den teuren Geräten rumspielen und habe echt Mühe die Zeit nicht zu verpassen. Und mal ehrlich, so eine ordentliche Musikanlage, oder ein Riesenfernseher, oder so ein Superrechner, da werde ich manchmal neidisch auf den Typen und bettle danach meine Mutter, ob ich vielleicht etwas mit Elektronik lernen darf, wenn sie mich irgendwann endlich mal arbeiten lässt. Und wenn ich dann noch ein Foto von dem Typen finde, das mir gefällt, möchte ich in seiner Wohnung bleiben, mich in seinem Bett rumsielen, sein Rasierzeug und Parfüm benutzen, seine Unterwäsche anziehen und einfach Hallo in sein wunderschönes verdutztes Gesicht sagen, wenn er mit einer Zigarette im Mund nackt aus dem Bad geschlendert käme. Meist frisiere und gele ich meine Haare in seinem Look, setzte mich vor die Technik und fluche so, wie er sicher fluchen wird, wenn die Technik wieder einmal nicht funktioniert.

Bei der Freude endlich wieder eine interessante Frauenwohnung zu besichtigen, öffne ich den breiten Garderobenschrank im Korridor. Wie die aufgetakelte Verkäuferin im Laden meiner Mutter, schiebe ich mit Kennerblick die Mäntel und Jacken auf der Chromstange wählerisch hin und her. Da ich das metallklingende Scharren wahnsinnig liebe, widerhole ich die Bewegung, bis mir die Lust dazu vergeht, und mein Wunsch, möglichst alles anzuprobieren, was auf der Garderobenstange fein säuberlich aufgebaumelt hängt, überhandnimmt. Die Farben der Klamotten gefallen mir allesamt gut: leuchtendes helles Blau, knalliges Rot, blasses Rosa und schrilles Neongrün. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich aus lauter Blödsinn wirklich einen dieser wunderschönen Mäntel anprobieren soll. Ich ziehe meinen Bauch ein, halte die Luft an und strecke die Brust heraus. Nachdem ich im Kragen die Kleidergröße sehe, gebe ich den Gedanken schnell wieder auf, puste die Luft wieder heraus und lasse den Bauch wieder hängen. Neugierig öffne ich die Schubladen und betrachte die Schuhe. Auch diese Farben finde ich wunderbar schräg. Am liebsten möchte ich die Schuhe alle hintereinander anprobieren Aber weil auch das nicht meine Größe ist, stoße ich die Schubladen zu und wundere mich, was für kleine Füße sie haben muss. Ich nehme das Rosa Telefon von der Spiegelkonsole, stelle mich vor den Spiegel, wähle eine Festnetznummer, hebe das Telefon an mein Ohr und setze mich mit gespreizten Beinen auf den weißen kunstfellbezogenen Hocker, auf dem die Frau sicherlich bei ihren stundenlangen Telefonaten vor diesem mannshohen Spiegel sitzt. Dabei überlege ich, was für eine Stimme sie haben könnte, und vor allen Dingen, welche Worte sie am liebsten durch das Telefon ihrem Freund in den unzähligen Telefonaten zuhaucht und welche Worte sie ihm gegenüber lieber vermeidet. Die Stimme des Anrufbeantworters unterbricht meine schönen Gedanken. Ruckartig schiebe ich meinen Kopf in den Nacken, kämme mit gespreizten Fingern durch mein blondes Haar und presse die Lippen zusammen. Ich überlege, was sie mir sagen würde, wenn wir uns kennenlernen würden. Da ich keine Antwort parat habe, und auch nicht sagen kann, ob wir überhaupt miteinander auskommen, oder sie nicht vielmehr eine arrogante und zutiefst dominante Kuh ist, spreche ich meine zwei üblichen Standardsätze auf das Band, die ich jedes Mal spreche, wenn ich von einem unbekannten Telefon aus telefoniere. Ich drücke die Aus-Taste, rieche an dem Plastik des Telefons und küsse die Zahlen, da ich sicher bin, dass auch ihr Freund die Tasten schon verwendet haben muss. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich auf dem Plastik Fingerabdrücke von ungewaschenen Fingern. Na solche Typen sind mir die Liebsten, die kommen gleich zu Sache, fackeln nicht lange, denke ich bei den Fingerabdrücken und hauche „Mechatroniker im ölverschmierten Overall“ in den halbdunklen Korridor.

Ich schleiche zur angelehnten Küchentür, schiebe meinen Kopf hindurch und rufe noch einmal in nicht wirklich ernst gemeint fragender Stimme halblaut den Namen. Dabei halte ich den Schlüssel in der Hand. Als sich auch diese Mal niemand meldet, drücke ich die Schiebetür auf und sehe mich in der großen Küche um. Da ich Hunger bekomme, haste ich als erstes auf den geblümten zweitürigen Kühlschrank zu. Ich reiße die beiden Metalltüren auf, stelle mich in den kühlen Lichtkegel, sehe nach oben, strecke die Hände hoch, falte die Hände zum Gebet und denke, Halleluja, der Frau geht’s aber richtig gut. Seit ich mir vor langer Weile auch tagsüber die amerikanischen Serien ansehe, träume ich davon, wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben einen so großen Kühlschrank aufzumachen und in dem hohen Lichtkegel stehen zu können. Vor Freude endlich vor so einem Riesenkasten zu stehen, nehme ich die Hände wieder runter, öffne die Augen und greife in den Stapel Dosen. Ich ziehe eine heraus und wirble sie wie eine der verhassten Apfelsinen, die mir meine Mutter täglich gegen meinen Willen auf den Frühstückstisch knallt, durch die Luft. Neugierig lese ich die Aufschrift. Französische Gänsestopfleber. Entrüstet werfe ich die Dose in das Kühlfach zurück und frage mich was für eine gewissenlose Pute hier wohnt. Gänsestopfleber geht gar nicht. Ich schüttle den Kopf, greife in den zweiten Stapel Dosen und lese vorsichtshalber gleich den Aufdruck: 1000 Gramm Russischer Balugakaviar. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihn öffnen und ihn wie die bösen Filmhelden genüsslich mit dem ausgestreckten Zeigefinger essen sollte. Da ich nicht weiß, ob wie beim letzten Mal übertriebene Schadenersatzforderungen auf mich zukommen und die nörgelnde Richterin mir meinen kleinen Hunger wieder als Habgier auslegt und ständig darauf verweist, dass ich doch Sozialleistungen erhalte, packe ich die Dose widerwillig ins Fach zurück, lecke schmatzend an meinem unbenutzt gebliebenen Finger und hauche wehmütig in die Kühle des Kühlfaches und denke mir, ein anderes Mal bist du fällig. Dabei bemerke ich, dass ich nicht die leckere Dose Baluga meine, sondern die vollkommen bekloppte Richterin vom letzten Mal. Immer der Ärger mit den Richterinnen. Das nächste Mal muss es unbedingt wieder ein Mann sein, die verstehen meine Besuche und können sogar herzhaft darüber lachen. Und einer dieser netten Herren hat sogar meine Mutter angemeckert, dass sie doch eigentlich an allem Schuld sei. Da habe ich laut, ja, da haben sie aber wirklich recht gerufen und gesagt, dass ich überhaupt nicht begreifen kann, warum alle nur auf mir rumhacken und nur mich für distanzlos und bisschen krank halten. Mit Männern komme ich eben besser klar, und die auch mit mir. Ich winke in der verspiegelten Rückwand des Kühlschranks dem netten Richter zu und krame in den verschiedenen Käsepackungen. Neugierig rieche ich daran und entscheide mich, einen angefangenen Ziegenkäse, den ich überhaupt noch nicht kenne, zu probieren. Dabei schaue ich zu meinem Spiegelbild und versuche wie eine interessierte Käseverkäuferin zu wirken. Mit einem Lächeln frage ich, was es den heute sein darf, tippe einen Betrag in die Kasse, machen ein Kassengeräusch und kassiere ab. Anschließend sortiere ich die Packungen nach den jeweiligen Arten in die verschiedenen Ecken der Kühlfächer, die Frischkäse nach unten, die Schnittkäse in die mittlere Ebene und die Camemberts ins obere Fach. Da mir die Einteilung plötzlich unsinnig erscheint, sortiere ich die Käse nach ihrem Fettgehalt, die mageren nach unten, die mittelfetten in die Mitte und die fetteren nach oben. Dabei grinse ich scheinheilig ins Spiegelbild und denke, dafür, mein liebes Mäuschen, musst du dich schon ein bisschen strecken, denn umsonst ist nur der Tod. Die Käse über 60% Fettgehalt werfe ich weg. Da ich zu frieren beginne, reibe ich über meine Oberarme, verstelle die Temperaturskala von fünf auf acht Grad und überlege was für eine merkwürdige Art von Energiesparen sie hat und ob ihr überhaupt klar ist, dass sie die Menschheit mit ihrem Verhalten geradewegs in den Atomtod treibt. Ich schüttle über so viel Blödheit den Kopf, nehme die hellblaue Strickjacke mit den großen rosa Punkten von der Stuhllehne, ziehe sie an, streife die Ärmel nach oben und kontrolliere die restlichen Verfallsdaten. Ganz nebenbei kratze ich die verkrusteten und jahrhundertealten Schmutzflecken ab und wundere mich wie achtlos doch die Leute mit ihren Nahrungsmitteln umgehen und dass sie bei meiner Mutter ein ebenso schweres Leben hätten, wie mein Papa. Über die Jahre habe ich bei meinen Besuchen tonnenweise an abgelaufenen Speisen weggeworfen. Bei dem Gedanken, kontrolliere ich die restlichen Verpackungen, die irgendeinen beschädigten Eindruck machen und werfe die übel riechenden in den Abfalleimer. Ich knalle den Deckel wütend darauf und wasche mir gründlich mit viel Spülmittel die Hände. Als ob die Frau da wäre, frage ich „Wo hast du das Brot?“ Ich öffne einige Schranktüren, nehme Körnerbrot heraus, prüfe auch hier das Verfallsdatum und schneide eine Scheibe ab und belege sie mit dem unbekannten und lecker riechenden Ziegenkäse. Margarine oder Butter schmiere ich nicht darauf, da ich solcherlei Fettschleudern seit Langem nicht mehr verwende. Glücklicherweise finde ich auch nichts dergleichen in ihrem Kühlschrank und kann somit von meinem Vorsatz, wenigsten in diesem Jahr 10 Kilo abzunehmen, nicht abgelenkt werden. Ich freue mich über ihre Vernunft und hole einen Teller  mit einem schönen Mohnblumendekor aus dem Schrank, lege die Scheibe Brot darauf, kneife die Augen zu, führe das Messer aufs Brot und zerschneide schließlich im Blindflug die Scheibe in zwei exakt gleiche Teile. Ich gehe zum modernen Kaffeeautomaten und stelle an der elektronischen Anzeige eine Tasse Kaffee ein. Mit einem Werbelächeln puste ich über den Schaum des Kaffees, halte meine Nase hinein, versuche mit der Zungenspitze das Zeug abzulecken und puste stattdessen den Schaum auf die Marmorplatte. Dabei fällt mir ein, dass ich seit meiner heimlichen Flucht heute Morgen aus meinem abgeschlossenen Kinderzimmer noch gar nicht gegessen und getrunken habe, da ich ja ursprünglich nur mal kurz einen Abstecher zum Bäcker machen wollte. Ich schüttele über meine Bummelei den Kopf und sage im ermahnenden Ton meiner Mutter zu mir selbst, dass ich gleich nach Hause gehen muss, wenn ich hier fertig bin. Ich greife zum grün gepunkteten Schwamm und säubere die totschicke Kaffeemaschine von den Kaffeeresten der letzten Wochen und Monate und begreife nicht wie das Ferkel so eine tolle Maschine so versiffen lassen kann. Wie in der Autowerbung hauche ich über das Chrom und versuche mein Gesicht darin zu erkennen. Ich nehme die Tasse mit dem blauen Allianzwerbeaufdruck und freue mich, dass ich heute einen wirklich gute Wohnungsbesichtigung habe und nicht wie beim letzte Mal in eine fast ausgeräumten Wohnung gelandet bin. Wie immer, schlürfe ich viel zu hastig den ersten Schluck und verbrenne mir dabei den Gaumen. Ich schimpfe über meine eigene Dummheit, setze mich an den unaufgeräumten Stahltisch mit der fetten Marmorplatte, hebe den Teller an meine Nase, rieche nochmal an dem Käsebrot und denke, dass das Luder sehr genau weiß, was schmeckt. Mit geschlossenen Augen beiße ich hinein. Ich öffne die Augen, trinke dieses Mal etwas vorsichtiger aber immer noch zu hastig aus dem Allianzbecher und überlege wie einfallslos sie sein muss, wenn sie tagein und tagaus aus dem billigen Werbebecher ihren köstlichen Kaffee von der megaschicken und nun von mir blitzblank geputzten Maschine schlürft. Auf einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mit ihr jemals befreundet sein könnte. Ich klopfe auf die Schenkel, puzzle zuerst die Brotkrumen vom Teller und erst danach die Käserester auf. Ich strecke die Zunge heraus und lecke genüsslich den Teller sauber. Dabei grinse ich, weil ich weiß, dass ich von meiner Mutter dafür eine gescheuert bekommen hätte. Ich bekreuzige mich flüchtig, bewege meine Schultern zu einem Sorry und stelle den Teller in den Aufwasch. Um mich von meiner Mutter abzulenken, beginne ich neugierig den Stapel Zettel im Fensterbrett durchzublättern. Dabei fallen mir die unzähligen standardisierten Internetrechnungen- und Mahnungen auf. Wenn du mit mir zusammen wärst, würde dir so etwas niemals passieren, denke ich. Ich wische mit dem grün gepunkteten Schwamm über den Tisch und ziehe den Rechner von der anderen Seite des Küchentisches zu mir herüber, klappe ihn auf und fahre ihn hoch. Ich staune nicht schlecht über die Schweinerei des Liebespaares, die sie als Hintergrundbild gewählt hat. Mehrere Minuten betrachtete ich den gut aussehenden nackten Mann und überlege, ob er in dieser komischen Haltung keine Rückenschmerzen bekommt. Damit ich nicht in eine meiner ausschweifenden Tagträume abrutsche und womöglich von der Bewohnerin ertappt und wieder eingeliefert werde und zahllose Untersuchungen über mich ergehen lassen muss bis mich meine detternde Mutter herausholt, ändere ich vorsorglich das versaute Bild mit dem gut aussehenden Mann in eine melancholische Vollmondlandschaft und denke, siehst du Mädel, jetzt hast du etwas Anständiges auf dem neuen Rechner. Ich seufze, reibe mit dem Taschentuch über den Vollmond, öffne das E-Mail-Programm, lese ihre Mails und schreibe Antwortschreiben. Darin drohe ich den Empfängern mit den Anwälten, die bei uns um die Ecke arbeiten und deren Namen ich von jeher so wunderbar furchteinflößend finde. Weiterhin drohe ich mit verschiedenen Gesetzen und fordere sie auf, ihre Gemeinheiten gegenüber der Frau und dem Mann endlich aufzugeben. Mit Freude schicke ich eine Mail nach der anderen an die frechen Absender und schreie bei jedem einzelnen Klick in die Küche: „Da hast du, du elender Kapitalist! Da hast du! Friss doch, du elender Geldhai! Ersticke daran!“ Ich höre wie jemand an der Wohnungstür klopft und in die Länge gezogen „Hallo, Hallo, da ist doch wer“, ruft. Vor Schreck halte ich die Hände vor den Mund, springe auf, werfe versehentlich den Stuhl um, schleiche zur Küchentür und sehe wie der Briefkastenschlitz aufgeschoben wird und jemand hindurchlukt. Ich schließe die Augen und denke, das ist jetzt wie beim letzten Mal, wo ich zu laut war und fröhlich gesungen habe. Ich schleiche auf Zehenspitzen zurück in die Küche, hebe den Stuhl auf, setze mich darauf, lege die Hände auf die Schenkel und weiß, wenn der jetzt die Wohnung aufschließt, das Haus zusammenbrüllt oder die Bullen holt, bin ich geliefert und kann den Sommer wieder woanders zubringen.

Die Sprachspielerin

Noch in der Hängematte sitzend, überlegt die Sprachspielerin, welche ferne Kultur sie sich für den Sonntag ausdenken möchte. Wahllos plappert sie Lautgebilde in verschiedenen Tonlagen ineinander und übt die dazugehörige Gestik und Mimik. Ist sie damit fertig, klettert die Sprachspielerin aus der selbst geflochtenen Schlafschaukel zwischen den deckenhohen Papppalmen herab und denkt sich die dazu gehörige Speise aus. In ihren großen Töpfen rührt sie die Zutaten zusammen und übt nebenbei ihre frisch erfundene Wochenendsprache.

Wird es Abend, holt sie die passende Verkleidung aus dem Schrank, schminkt sich ausgiebig, zieht eine ihrer unzähligen Perücken über den Kopf und steckt farbige Ringe und Armbänder an. Als fremdländische Besucherin stolziert sie für alle geschwätzigen Nachbarn gut sichtbar langsam auf der Treppenanlage des ererbten Elternhauses auf und ab. Wie in ihren Kindertagen stolpert sie scheinbar hilflos die dunkel werdenden Straßen entlang. Kommt sie außer Puste an die Haltestelle, greift sie sich ans gepuderte Doppelkinn oder kratzt ihr grau meliertes kurzes Haar unter der Perücke. Geräuschvoll reibt sie mit den vielberingten Fingern an der Glasfläche des Fahrplanes. Spricht sie einer der Wartenden an, verneigt sie sich verlegen und beginnt im gekünstelten Tone hastig zu stottern. Im grammatikalisch falschem Deutsch fragt sie nach dem Weg zum Krankenhaus in dem sie arbeitet, erkundigt sich nach der Stadt in der sie seit ihrer Geburt wohnt oder nach dem Flugplatz, den sie noch nie benutzt hat und auch niemals zu betreten beabsichtigt. Generös öffnet sie ihre große Handtasche und holt selbst gestaltete Geldscheine heraus, die stets bei sich trägt. Für jede Antwort verschenkt sie einen bunten Schein. Wortlos steigt sie in die Bahn, winkt den Wartenden mit einem Lächeln zu und fährt davon.

Gelangt die Sprachspielerin am Sonntagabend zur Tatortzeit ins Krankenhausgelände, klopft sie ans Fensterchen des Pförtners und begrüßt ihn mit ihrer eigens entwickelten Wochenendsprache. Sie übergibt ihm Zettel mit Vokabeln oder Grammatikübungen und erklärt ihm geduldig die von ihr neu entwickelten orthografischen Finessen. Es gibt Mitarbeiter die immer wieder behaupten, dass die fremdländische Besucherin nur dann nachts in Erscheinung treten soll, wenn der Pförtner einen seiner seltenen Wochenenddienste leistet. Hat die Sprachspielerin dem Pförtner ihr frisch erfundenes Land und ihre Verkleidung für den Abend ausführlich erklärt, wartet sie bei einem Pott schwarzem Tee und liebevoll verziertem Gebäck der Pförtnersfrau bis es im Turm des Mutterhauses endlich Zehn schlägt. Verlässt der Spätdienst die Stationen und klettert der Belieber am herabgelassenen Betttuch einer ungeduldig wartenden Schülerin ins Schwesternwohnheim hinauf, nimmt die Sprachspielerin den Schlüssel von der Wand und schließt die nach Reinigungsmittel riechende Wäscherei auf. Unbemerkt schleicht sie an der Besungenen vorbei, die Liebeslieder vor sich hinträllert und unentwegt in den meterhohen Haufen der verschmutzten Patientenwäsche nach Nachrichten wühlt, die an sie gerichtet sein könnten. Mitleidig schüttelt die Sprachspielerin den Kopf, stellt sich in den Fahrstuhl und fährt ins Dachgeschoss. Dort beginnt sie ihre Route, die sie immer nur zur Sonntagnacht absolviert. Sie schlüpft in dunkle Zimmer und unterhält sich mit Patienten über ihr fernes Land. Meist reicht sie ihnen eine angeblich landestypische Speise oder Wunder wirkende Essenzen seltener Kräuter in alkoholischen Auszügen. Dabei führt sie ihnen die mitunter sehr merkwürdigen Sitten und Gebräuche ihrer unbekannten Kultur vor oder massiert sie nach jahrtausendealten und absolut bewährten Heilmethoden. Immer wieder wird auch von unglaublichen Begebenheiten in den dunklen Patientenzimmern berichtet. Regelmäßig kommt es am darauf folgenden Morgen vor, dass sich Patienten für die schmackhafte Speise wortreich beim ungläubigen Koch bedanken. Einige der Patienten humpeln noch vor dem Frühstück in die Krankenhausbibliothek um in dicken Bildbänden nach dem unbekannten Land zu blättern. Und berichten Patienten zur Visite voller Freude von wilden Nächten und betteln sie im Anschluss nur noch von der unbekannten Nachtschwester gepflegt zu werden, verordnet der Stationsarzt umgehend Psychopharmaka und weist sie in die geschlossene Abteilung ein.

Seilt sich bei Sonnenaufgang der Belieber am Betttuch einer frisch abgeliebten Schülerin hinab und zieht die von ihm Beliebte seufzend das zerknitterte Laken wieder herein, beendet die Sprachspielerin abrupt ihren Rundgang. Sie schleicht durch den dunklen Keller zurück zur Wäscherei an der nun eingeschlafenen Besungen vorbei. Wieder erinnert sie sich, dass sie eine eigens verfasste Nachricht für die Besungene mitbringen und in den schmutzigen Wäschehaufen verstecken wollte. Mit dem ehrlichen Wunsche, diesen Vorsatz am kommenden Sonntag auf keinen Fall zu vergessen, schließt sie leise die Tür ab und eilt zum Pförtner. Sie hängt den Schlüssel an das Wandbrett und gibt ihm einen dicken Kuss für seine treue Verschwiegenheit. Sie nimmt die von ihm frisch ausgefüllten Übungsblätter entgegen und rennt zur Straßenbahnhaltestelle. Findet sie auf der Heimfahrt einen der Fahrgäste unsympathisch oder will sie dessen Platz in der überfüllen Bahn ergattern, rempelt sie ihn an und beschwert sich in ihrer Wochenendsprache laut über ihn. Aufgeregt verlangt sie den Ausländerbeauftragten oder gar die Polizei. Und nur wenn der Betreffende sich entschuldigt, setzt sie sich an dessen nun leeren Platz und knabbert geräuschvoll die von der Pförtnersfrau aufwendig verzierten Plätzchen. Danach schläft sie erschöpft ein. Kommt der schüchterne Kontrolleur vorbei und fleht er sie an, ihm doch endlich einen gültigen Fahrschein vorzuzeigen, plappert sie wieder so lange auf ihn ein, bis er auch an diesem Morgen heulend von ihr Abstand nimmt und beschämt die Bahn verlässt. Gähnend schaut sie dem Flüchtenden aus dem werbebeklebten Fenster hinterher.

Kommt sie zuhause an, setzt sie sich an den Frühstückstisch und isst die Reste der zubereiteten Patientenspeise. Mit fettigen Fingern blättert sie neugierig in den dicken Reisekatalogen, ohne jedoch den Wunsch zu verspüren jemals selbst eine der dort angebotenen Reisen antreten zu wollen.
Pünktlich zum Montagmittag fährt sie mit ihrem kaputten Fahrrad und in studentisch wirkender Verkleidung in die nahe gelegene Universität. Mit einem gut gefälschten Semesterausweis geht sie zu verschiedenen Vorlesungen. In der Mensa erklärt sie ausschweifend und unter Tränen dumm fragenden Studenten ihre frisch erfundene Heimat, die leider vom Rest der Welt immer noch nicht diplomatisch anerkannt wurde. Bei Seminaren, in denen sie eifrig mitdiskutiert, ist es mehr als einmal vorgekommen, dass Professoren resigniert die Kreide nach ihr warfen. Das hält sie aber überhaupt nicht davon ab, weiterhin zu ihren Sprachspielen ausführliche Hausarbeiten zu verfassen und namenlos in die überfüllten Postfächer der Professoren zu legen. Und sie ist mehr als zufrieden, wenn es eine ihrer unzähligen Arbeiten schafft, Gegenstand von Diskussionsrunden zu werden.

Kommt die Sprachspielerin am Abend ins leere Elternhaus zurück, holt sie eine Flasche Wein aus dem gut sortierten Weinkeller. Sie bürstet die unscheinbare Robe für den langweiligen Rezeptionsdienst aus, den sie seit Jahren in der Aufnahme des Krankenhauses unauffällig absolviert. Lustlos bügelt sie über das weiße Hemd, putzt die schwarzen Schuhe und steckt das messingfarbene Namensschild verkehrt herum an das Revers.
Angetrunken erklimmt sie mühsam die Papppalme und lässt ihren kräftigen Körper mit einem Tarzanschrei in die Hängematte fallen. Sie rollt sich zusammen und denkt an die schönen Stunden die sie mit dem Belieber in ihrem selbst gebauten Urwald erlebt hat. Sie schließt die Augen und bastelt weiter an der betörenden Liebessprache, die es dem Angesprochenen unmöglich machen soll, der Erzählenden zu widersprechen. Und sie weiß sehr genau, wem sie mit diese Sprache zuerst wehrlos machen wird. Damit es auch weiterhin ihr Geheimnis bleibt, tastet die Sprachspielerin in einen der vielen Beutel, holt ein breites Pflaster heraus und drückt es auf die plappernden Lippen.

Würde man den Pförtner nach ihr befragen, würde er die Hände ineinanderschlagen und antworten, dass es ihm bei aller Mühe immer noch nicht gelungen sei, herauszufinden, warum sie zu DDR-Zeiten keine Abiturprüfungen ablegen durfte. Nachdenklich würde er sich am Hals kratzen und flüstern, dass ihr Spiel spätestens nach seiner Pensionierung auffliegen wird.

Der Geheimniskrämer

Der Geheimniskrämer lässt sich nicht täuschen. Er fasst einen jeden ins Auge und wartet geduldig ab. Noch ehe der Betroffene selbst es ahnt, weiß er schon um sein Geheimnis. Scheinbar betreten weicht der Geheimniskrämer dem misstrauischen Blick aus, umgarnt den Entlarvten mit einem freundlichen Wort und wiegt ihn in Sicherheit. Ein höflicher, zurückhaltender Mann, sagen die Frauen und buhlen um seine Zuneigung. Doch der Geheimniskrämer pflegt sich gerne freien Standes zu bewegen, eine Gefährtin würde ihn entlarven, so denkt er und lässt sich geschmeichelt weiterhin den Hof machen. Er ist nie ernsthaft interessiert, weiß er doch, dass sich beim Knüpfen erster zarter Bande, eine Dame nicht lange bitten lässt und beflissen aus dem Nähkästchen plaudert. Der Geheimniskrämer ist nicht erpicht auf eine Bestätigung der Heimlichkeiten. Im Gegenteil, ist das Geheimnis nicht nur ihm und dem Betroffenen selbst bekannt, sondern weiß auch ein Dritter von ihm, verliert es an Wert. Es ist dann kein Geheimnis mehr, sagt der Geheimniskrämer und begibt sich auf die Suche nach anderen. Aber der Geheimniskrämer findet schnell, er ist erprobt in seinem Handwerk. Jedes Geheimnis, was seinen Ansprüchen zur Genüge entspricht, fängt er ein und verwahrt es gut in seinem Krambeutel. Und so zieht er von Tür zu Tür, macht Halt, wenn es ein Geheimnis zu erspüren gilt und feilscht. Er feilscht solange bis der Ahnungslose ihm sein Geheimnis unbemerkt preisgibt, denn den Geheimniskrämer kann niemand täuschen.

Die Lichtberufene

Die Lichtberufene hat es sich zur Aufgabe gemacht Helligkeit in ihre Mitmenschen zu bringen. Dabei ist sie sich durchaus bewusst, dass  die Aufgabe sie eines Tages überfordern könnte und sie diese mit ihrem Leben bezahlen würde. Dennoch ist sie weiterhin zum schweren Amt der Lichtbeschaffung bereit. Notfalls wird sie in einem glorreichen Akt der Selbstauflösung, ihren Körper in strahlend weißes Licht umwandeln, um auch dem letzten Zweifler mit ihrem überreinen Leibeslicht zu säubern.

Wacht die Lichtberufene am Morgen auf, beträufelt sie ihren Körper mit Nymphenquellwasser und tupft die blasse Haut mit einem tibetischen Bergseeschwamm ab. Sie legt sich auf ihre handgeknüpfte Matte und nimmt die kühle Morgenluft mit einer speziellen Technik der geliebten Amazonas-Ureinwohner in sich ein. Ist sie damit fertig, absolviert sie diverse Yogaübungen, die sie einst im indischen Goa eifrig studierte. Schließlich beendet sie ihr Morgenritual mit Meditationen eines mehrhundertjährigen Meisters aus der inneren Mongolei. Von den vielen Übungen energetisch aufgepummpt, hüpft sie wild durch ihre selbst gefertigte Gartenlaube, die an einer alten, sagenumwobenen Ruine steht. In einem geweihten Hemd schlendert sie in die kleine Küche und trinkt dünnen Dinkelbrei, schlürft ein Schälchen grünen Tee und ein großes Glas saure Stutenmilch. Zum Schluss dreht sie sich um die eigene Achse und nimmt einen winzigen Schluck konzentriertes Edelsteinwasser vorsichtig zu sich. Anschließend holt sie ihre beiden Lederkoffer und befüllt sie mit unzählingen Tinkturen, Salben, Pasten und Globuli. Bevor sie jedoch ihren Laube im Wildgarten verlässt, setzt sie sich auf den alten Altarblock, den sie einst aus der Ruine herübergewuchtet hat, spreizt die Beine und stützt ihre Arme gegeneinander auf die Schenkel. Dabei schließt sie fest die Augen und kreist mit dem Kopf langsam im Urzeigersinn. Die Nasenspitze schiebt sie im Sekundentakt in jede Richtung ihres Körpers und prüft gewissenhaft ob ihre Organe,  Muskeln und unzähligen Gefäße gesund sind und das Blut gleichmäßig zirkuliert. Erst danach fühlt sie sich mit neuen, lichtreichen und übernatürlichen Kräften aufgeladen, die sie im Tagesverlauf gern an alle Bedürftigen dieser Welt abgeben möchte.

Schon auf dem weiten Weg zur Arbeit, legt die Lichtberufene in der Straßenbahn weinenden Wickelkindern ihre Hand auf die Stirn, streut funkelndes Edelsteinpuder in ihre verschlafenen Gesichter oder streicht schimpfenden Eltern Elfenpaste auf ausgefranzte Lippen. Ist sie damit  fertig, überreicht sie beim Aussteigen der staunenden Straßenbahnfahrerin wie immer kostenfrei ihre Liblingstinktur.

Kommt die Lichtberufene nach den ersten Guttaten im Krankenhaus an, befragt sie allmorgendlich den ungläubigen Pförtner nach seinen vielen Alterswehwehchen. Abwehrend wiederholt er stets seine Meinung, dass die Lichtberufene von allen Teufeln besessen sei und endlich im Patientenpark öffentlich und mit anschließendem Umzug verbrannt werden müsse. Erfolglos fällt sie ihm ins Wort und bietet ihm wieder und wieder ihren reichhaltigen Kofferinhalt an. Und stets verlangt er zur Strafe Dienstkarte und Personalausweis, vergleicht beides umständlich, tätigt diesen und jenen Rückruf, bevor er sie schimpfend ins Krankenhausgelände passieren lässt.

Die Lichtberufene kommt schon lange nicht mehr mit gebeugtem Rücken auf Station. Seit sie nach einer nicht näher bekannten Fernreise über Monate krank in ihrem Bett Fieberträumend zugebracht hatte, geht sie nur noch lächelnd und rückengerade durch die endlos wirkenden Krankenhausflure. Sie grüßt freundlich jeden den sie sieht, bleibt kurz vor ihm stehen und gibt dem Gegrüßten die Möglichkeit mit ihr ins Gespräch zu kommen. Verpasst der Begrüßte seine morgendliche Chance, verbeugt sie sich demütig und mit einem leicht angedeuteten Lächeln, nickt kurz mt dem Kopf und begrüßt ohne jedwedes Ärgernis den Nächsten. Auch bei ihm bleibt sie für einen Moment stehen. Mit den Jahren hat sich die Lichtberufene ein recht gutes Gefühl antrainiert, welcher der Mitarbeiter lichtarm ist und ihre Beleuchtung dringend benötigt. Bedankt sich der Lichtsuchende, legt sie ihre Hände fast berührungsfrei um seine, atmet tief in sich hinein und gibt mit einem einzigen Atemzug einen Teil ihrer angespeicherten Nachtwärme  stoßartig ab. Danach löst sie ihre Hände von seinen und geht freudig  in die Apotheke. Unbemerkt schiebt sie ihre prall gefüllten Koffer unter ihre Arbeitsfläche, schnappt sich die Bestelllisten der Stationen und sortiert mit missmutigen Bemerkungen die Medikamente in die jeweiligen Stationskisten. Ist sie damit fertig, schaut sie sich vorsichtig im Apothekenraum um und vertauscht diese und jene Flasche gegen eine aus ihren beiden Kofferinhalten. Mit Freude verändert sie danach die Etiketten oder die Dosierungsanweisung. Fühlt sie sich bei ihren Änderungen beobachtet, geht sie auf die Herrentoilette und bereichert die Medikamentenbestellungen  mit ihren jeweiligen Zutaten. Dabei wird die Lichtberufene nicht selten von der Reinigungsfrau gestört, die junge Ärzte bei ihren Selbsterzählungen belauscht. In solchen Momenten, setzt sich die Lichtberufene auf den Toilettendeckel, nimmt ihre beiden Koffer auf den Schoß, umgreift sie panisch, zieht die Beine an und wartet bis die schwatzhaften Ärzte und die neugierige Reinigungsfrau wieder verschwunden sind. Kommt sie in die Apotheke zurück und gehen die Kollegen in die Frühstückspause, befüllt die Lichtberufene deren Medikamentenbestellungen mit ihren speziell zubereiteten Edelsteinsalben, Blutgruppenpasten und Krötentinkturen, die sie voller Hingabe nachts zuvor für alle Patienten gefertigt hat. Sie schnappt die schweren Medikamentenkisten, wuchtet sie auf den Wagen und fährt sie höchstpersönlich auf jede Station. Dabei versucht sie mit den Patienten ins Gespräch zu kommen. Geschickt fragt sie, ob sie dieses oder jenes Medikament vertragen und ob die Beschwerden zurückgegangen seien. Auch Ärzten empfiehlt sie beiläufig ihre wundersamen Heilerfolge. Bevor sie jedoch die Stationen wieder verlässt, schleicht sie von Zimmer zu Zimmer und schiebt frisch operierten Patienten Kräuter in die Wunden, träufelt Tinkturen in ihre offen stehenden Münder, gibt diverse Edelsteinwässer in die Infussionsflaschen oder reibt Blütensud auf deren Haut. Wenn nötig führt sie auch Beschwörungsrituale ihrer lateinamerikanischen Kollegen an den Sterbenden aus. Und die Lichtberufene ist sich sicher, dass nur ihre heilsamen Worte dem geheilten Patienten neues Leben eingehaucht haben.

Ist die Lichtberufene mit ihrer umfangreichen Medikamentenlieferung auf den Stationen fertig, geht sie unter argwöhnischen Blicken des Pförtners in den Patientenpark und spricht Heilsuchende für ihre nächtlichen Sitzungen an. Hat sie eine ergiebige Anzahl von Lichtarmen erreicht, stellt sie sich zufrieden in die Parkmitte, breitet die Arme aus, hebt den Kopf in den Himmel und prüft mit einem selbst gebauten Energieanzeiger ihre verbliebene Restenergie. Ist sie der Meinung,  dass sie zu wenig Licht für den Tag in sich trägt, wiederholt sie ihre morgendlichen Rituale und befüllt sich mit neuer Energie. Von diesen neuen Kräften beseelt, geht sie geradewegs in die Leichenhalle des Krankenhauses. Auch dort versucht sie bei den frisch Verstorbenen therapeutisch tätig zu werden. Dabei streitet sie allzu oft  mit dem Seelsorger um die Toten. Und nicht selten ziehen beide so heftig an den steifen Leibern, dass diese mit einem Knall zu Boden fallen und Lichtberufene beleidigt die Leichenhalle verlässt und die Tür hinter sich zuwirft.

An solchen Tagen rennt die Lichtberufene wütend in den Kopierraum des Krankenhauses  und vervielfältigt besonders viele Exemplare ihrer  Zeitschrift. Hundertfach legt sie diese um die Krankenhauskapelle oder um das Büro des Seelsorgers aus.

Kommt die Lichtberufene nach Hause, bewirft sie sich mit Erde um die ganze Kraft der Natur zu spüren. Danach schüttelt sie die Erdklumpen ab, spült ihren Körper in klarem Bergkristallwasser und badet anschließend stundenlang in einem warmen Karfunkelbad. Dabei blättert sie, genüsslich die Beine über den Badewannenrand hängend, in Reisebüchern von entfernten Kulturen. Anschließend gießt die Lichtberufene das kostbare Badewasser in die vielen Vogeltränken, die sie sorgsam um ihre Gartenlaube als Schutzmauern gegen unliebsame Geister aufgestellt hat. Somit gibt sie auch den Vögeln die Möglichkeit etwas von ihrem Lichtwesen abzubekommen.

Legt sich die Lichtberufene am Abend erschöpft ins Bett, betet sie für alle Lichtlosen dieser Welt. Mit der Gewissheit ihren Apothekerberuf für etwas Sinnvolles zu verwenden, atmet sie noch einmal tief in ihre großen Lungen ein. Sie küsst innig ihren Glücksstein und schiebt ihn behutsam zu den anderen unter das breite Kopfkissen. Kraftvoll kaut sie danach an ihrer speziellen Schlafkrautmischung. Ist die Lichtberufene eingeschlafen, träumt sie unruhig und wirft ihren schlanken Körper im Bett umher. Lebhaft träumt sie, dass sie alle  Verstorbenen vom verärgerten Seelsorger aus der Leichenhalle mit einem Lächeln überreicht bekommt, oder den schimpfenden Pförtner endlich von ihren vielen Tinkturen überzeugen kann. Träumt sie hingegen von den beiden Autoritätspersonen gleichzeitig, atmet sie besonders heftig ein und aus. In solchen Momenten füllt die Lichtberufene luftschreibend einen mehrseitigen Gewerbeantrag aus, um ihre Lichtapotheke im Krankenhauspark eröffnen zu dürfen.

Der Gartentroll

Der Gartentroll gräbt sich gedanklich gern ein. Er ist dann mehr Pflanze als Mensch. Jeden Ersten des Monats schaufelt er sich ein Loch und legt sich in die kühle Erde, er rollt sich ein, wirft den Erdhügel über sich und wartet auf Regen. Im Sommer verweilt er oft Tage in dieser Position, sodass schon die Regenwürmer an ihm nagen. Aber ihm macht das nichts, solange er nur Pflanze sein darf.

Nur so spürt er, was seinen Schützlingen wohl bekommt. Er weiß um den wärmenden Sonnenstand, den Wohlgenuss von sanft fallendem Regen, bei dem sich die Erde lockert und im Anschluss wie ein Kokon um die Knolle legt. Er weiß um den kargen Boden und die stürmischen Winde. Und er weiß, um das Glück einer jeden Pflanze, ein Gespräch zu verfolgen oder sogar einer Geschichte lauschen zu dürfen. Denn Pflanzen sind stumm, dennoch wollen auch sie gern redlich unterhalten werden. All das weiß der Gartentroll und sobald er sich nach dem erfrischenden Regenguss empor gebuddelt hat, macht er sich an die Arbeit. Dann sät er und steckt er. Dann harkt er und düngt er. Dann gießt er und jätet er. Und wenn sein Bestand rücksichtslos niedergetreten wird, dann schimpft er.

Der Gartentroll kennt jede seiner Pflanzen persönlich. Eine jede hat er eigenhändig getauft und mit Namen gesegnet. Eine jede umsorgt er und eine jede liebt er mehr als sich selbst. Und natürlich kann er keinem seiner Sprösslinge einen Wunsch abschlagen und bereitet ihnen Tag für Tag die größte Freude: er spricht mit ihnen. Unermüdlich erzählt er ihnen von neuen Gästen, der Tagesschau und seinem Mittagsbrot. Und wenn er selbst nichts zu berichten hat, dann liest er ihnen aus der Zeitung vor oder wälzt das dicke Märchenbuch. Der Gartentroll ist schließlich ein Pflanzenkenner.