Die Internette

Bevor die Internette mit dem Taxi zur Arbeit ins nahe gelegene Krankenhaus fährt, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Ladekabel zusammenzurollen und ihre beiden Smartphones wie Revolver links und rechts in die Gürteltaschen zu verstauen.

Sie wirft sich auf die Rückbank, streift die Pantoletten ab und stützt die Füße an die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Sie greift zu den beiden Smartphones und tippt den Inhalt ihres Traumes -, oder auch nur die Dauer des nächtlichen Gewitters mit der Anzahl der Blitze als erste Nachricht ein. Aufgeregt versendet sie diese Informationen an ihre noch schlafenden Abonnementen. Reichen für die Weitergabe ihrer News Daumen und Zeigefinger nicht aus oder bekommt sie die von ihr gefürchteten Muskelkrämpfe im Daumen, setzt sie sich auf und tippt und scrollt stattdessen mit der Nase Informationen ins Tablet.

Fährt die Internette an der Krankenhauspforte vor, steigt sie aus und schreibt die letzten Worte über grandiose Mitternachtsschwimmen, über einen Feuerwehreinsatz, den ihre Freunde durch ein drei-Meter hohes Lagerfeuer ausgelöst haben oder auch über ein Wettessen mit Todesfolge und verschickt die Nachrichten mit 33 Emojis. Erst danach schlüpft sie in ihre Pantoletten und versteckt das Tablet geschickt unter ihrer luftigen Kleidung. Schweißgebadet greift sie das mitgebrachte Handtuch aus der Tasche und trocknet sich Hals, Hände und die Stirn ab. Sie schleicht hinter die Pförtnerei und wringt das Handtuch über der in schnurgerader Reihe gepflanzten Köpfe des Pfücksalats aus, die der Pförtner jedes Frühjahr für sein Frühstück angelegt hat. Ist sie damit fertig, stopft sie das Handtuch wieder in die Tasche, geht zurück zum Auto und schickt dem Fahrer Infos über wichtige Kulturveranstaltungen auf sein Smartphone, die ihm jede Menge zusätzliche Fahrgäste versprechen. Hat sie hingegen wieder heikle Informationen über das abendliche Treiben seiner geschiedenen Frau oder böse Streiche seiner drei heranwachsenden Kinder parat, krakelt sie mühselig Buchstaben auf linierte Zettel, faltet diese zusammen und legt sie als Lohn für treue Fahrdienste auf den Beifahrersitz. Mit einem Nicken bedankt sich der Fahrer, fragt, wann er sie wieder abholen soll und braust mit Lichtsignal davon.

Betritt die Internette das Foyer des Krankenhausgebäudes, schnappt sie alle Meinungsfetzen auf, die sie bekommen kann. Mit diesen geht sie in die neonbeleuchteten Flure und fragt entgegenkommende Mitarbeiter nach den Launen ihrer Chefs oder Kollegen. Noch im Hören greift sie in den Beutel, winkt besorgt oder erfreut den Berichterstattern zu und gibt die Melange aus Meinungsfetzen und eben geäußerten Nachrichten blind in die Smartphones ein und drückt aufgeregt gleichzeitig die Entertasten. Bevor sie auf Station ankommt, hat sie so ein erstes Stimmungsbarometer der Belegschaft noch vor den Sechs-Uhr-Nachrichten abgesandt. Und es ist kein Wunder, dass, seit sie sich mit ihren beiden Smartphones in die letzte Personalratswahl mit zigtausend Rund-SMS eingemischt hat und der aussichtsreichste Kandidat von Platz eins auf den vorletzten Platz rutschte und andere Kandidaten, die seit Jahren aktiv für die Rechte der Mitarbeiter kämpfen, urplötzlich rausfielen, -die Geschäftsführung, die Personalabteilung sowie der Personalrat zu ihren treuesten Kunden zählen sollen. Einzig der Pförtner weigert sich beharrlich eines von den doofen Smartphonedingern zu kaufen und den unverständlichen Quatsch, den sie Tag und Nacht schreibt, zu lesen. Seit geraumer Zeit wird gemunkelt, dass die Pflegedienstleitung extra wegen ihr einen nicht näher benannten Mitarbeiter mit Diplomstudiengang der Neuen Medien beschäftigt, der tags und manchmal auch nachts mit der Weiterverarbeitung ihrer Nachrichten beschäftigt sei. Auch hält sich das Gerücht, die Personalakte der Internetten sei nur wegen ihrer eifrigen Smartphonetätigkeiten bei allen Entlassungsgesprächen immer wieder unauffindbar. Viele, die dieses Gerücht verbreiten, stellen ungefragt der Internetten ihr Wissen zur Verfügung. Auch scheint ihr, dass die Chefs ihr gegenüber irgendwie aufmerksamer geworden sind, ihr neuerdings jede Menge Komplimente machen und sie des Öfteren in der Kantine zum Essen einladen.

Gelangt die Internette endlich auf Station, geht sie voller Ungeduld in die Zimmer, öffnet die Fenster und lässt die ersten Sonnenstrahlen auf die Gesichter der noch schlafenden Patienten scheinen. Sie klopft sie wach, nimmt die Becher vom Nachttisch, reicht sie ihnen an die Münder und fragt ganz nebenbei, wie viele Besucher gestern das Radrennen des Enkels hatte, wie das Essen derzeit schmeckt, wie laut sie die Musik beim diesjährigen Sommerfest des Krankenhauses fanden oder auch nur wie sie die Kleiderordnung auf einer Skala von eins bis zehn einstufen würden. Haben die Patienten ihre Informationen im Halbschlaf genuschelt, klopft sie ihnen anerkennend auf die Schulter, stellt die leer getrunkenen Becher auf die Nachttische zurück, notiert die Flüssigkeitsmenge im Einfuhrprotokoll, zieht die Decken bis zur Nasenspitze hoch, schließt die Fenster und gibt noch im Raume stehend umgehend Votings zur Genießbarkeit des Patientenessens, des Lärmpegels im Krankenhaus und zum schrillsten Ärztekittel an alle Whatsapp-Gruppen ihres ellenlangen Verteilers weiter. Und nur wenn die Daten mehr als zwei, drei SMS überschreiten, schiebt sie sich seit Neuestem in einen der sehr schmalen Patientenschränke, zieht das Tablet unter dem Shirt hervor und schreibt ausführliche Rundmails mit Grafikanhang und Balkendiagramm. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie die eigens für diese schmalen Schränke begonnene Diät erfolgreich beendet hat. Anschließend kommt sie wie nach einem Toilettengang erleichtert aus dem Schrank, schiebt zufrieden die Tür zu und steckt das Tablet unters Shirt. Meist bemerkt sie erst jetzt, dass sie in der Zwischenzeit furchtbar müde geworden ist und sie dringend einen Frühstückskaffee braucht. Im Pausenraum angelangt, schiebt sich die Internette in ihre Lieblingsecke an die Stirnseite des Tisches, streift die Schuhe ab, legt die Beine hoch und lauscht gleichzeitig allen Gesprächen der Mitarbeiter. Da es sehr anstrengend ist, die Verwandten und Bekannten der Mitarbeiter auseinanderzuhalten, kann es schon mal vorkommen, dass der Internetten die Augen zufallen und sie in einen wohltuenden Sekundenschlaf hinabgleitet. Erwacht sie wieder, gibt sie die oft unvollständigen Sachverhalte in ihre beiden Smartphones ein. Nicht selten ist sie von der Brisanz ihrer neu gewonnenen Informationen so perplex, dass sie vor Schreck gleichzeitig in zwei, drei oder gar vier Brötchen beißt und den viel zu heißen Kaffee abwechselnd aus den umherstehenden Kaffeepötten runterschlüft. Ist die ihrer Meinung nach viel zu kurze Pause vorbei, zieht die Internette ihre Pantoletten an und fragt die Stationsleiterin, ob sie die Patienten in den OP fahren oder von dort abholen darf. Vorher schleicht sie in den Umkleideraum und wechselt ihre zwei schwächelnden Smartphones gegen zwei mit aufgeladenen Akkus. Die akkuschwachen Smartphones steckt sie an einer Verteilerdose an, die ihr ein Handwerker, aus der Schar der unendlichen Verehrer, in den Umkleideschrank heimlich eingebaut hat. Mit den zwei aufgeladenen Smartphones bewaffnet, schnappt sie sich ein im Gang geparktes Bett nebst Patient und beginnt ihre ausgedehnte Spazierfahrt durch alle Etagen und Winkel des Krankenhauses. Zuerst führt sie ihr Weg in die Wäscherei. Dort horcht sie was die Besungene an Zetteln, Eintrittskarten und anderen interessanten Fundstücken in den schmutzigen Wäschestücken gefunden hat und welche wichtigen Nachrichten sich daraus rekonstruieren lassen. Anschließend schiebt sie das Bett mitten in die Raucherinsel der Krankenpflegeschule, holt ihre Zigaretten heraus, steckt sich und dem halbschlummernden Patienten eine Zigarette zwischen die Lippen und gibt der qualmenden Schülerschaft Tipps, wo in den nächsten Nächten angesagte oder gar streng verbotene Tanzveranstaltungen mit anschließendem Nacktbaden stattfinden. Kommt die Internette von der kleinen Raucherpause an der Kantine vorbei, kann sie sich meist nicht beherrschen. Sie wirft ihre und des Patienten Zigarette in die Ecke, stellt das Bett mit dem magennüchternen Patienten neben den beleuchteten Lunchautomaten, zieht sich ihr saftiges Schinken-Käse-Sandwich mit Ei und Salat aus dem Automatenfach und stürmt an die Kasse zu Herrn Auskunft. Dort tauschen sie Speicherkarten mit verschiedenen Diagrammen und Grafiken aus und besprechen wichtige Kulturveranstaltungen, die im Umkreis von mindestens einhundertfünfzig Kilometern stattfinden. Und jedes Mal nimmt sich die Internette ganz fest vor beim nächsten Schwatz nicht wieder zwei, drei Stunden in der Kantine zu verweilen. Denn oft kommen die Patienten danach viel zu spät zu ihren OP-Terminen oder versterben, weil die Sauerstoffmaske zwischenzeitlich verloren gegangen oder der Infussiomat leer gelaufen ist. Sie übergibt ihre halbtoten Patienten am OP-Eingang und übernimmt die frisch operierten Patienten. Da das Handy im OP und ITS-Bereich keinen Empfang hat, hasst sie die Zeit der Übergabe und drängt das Personal zur Eile. Anschließend rast sie wie von der Tarantel gestochen mit dem Patienten in den Flur zurück und prüft mit zitternden Händen den Empfang ihrer beiden Smartphones. Mit der Fülle an Informationen beantwortet sie auf der Rückfahrt bereitwillig jedem Mitarbeiter, wann, wo, wie, welche wichtigen Veranstaltungen stattfinden, wie hoch die Eintrittsgelder sind, wie viele Karten sich überhaupt noch im Umlauf befinden und ob die Fragenden zu dieser oder jener außergewöhnlichen oder einmaligen Veranstaltung kommen müssen. Gern beendet sie ihre Tipps mit dem mahnenden Satz, dass ein Fernbleiben ein nicht wieder gut zumachender Frevel oder gar ein untrügerisches Zeichen von kultureller Einfältigkeit vor aller Welt darstelle und der Ferngebliebene sich nicht mehr bei Tage unter die Menschheit getrauen könne. Sind die Fragenden noch im Zweifel, schiebt sie den standardisierten Satz hinterher, dass auch sie todmüde sei, dass auch sie Wäsche in der Waschmaschine habe und auch ihre Fenster vor Dreck aus den Rahmen fielen, aber sie sich gar nicht mehr im Spiegel ansehen könne, wenn sie der Veranstaltung fernbliebe. So angeheizt beteuern die Informierten, dass sie in jedem Falle zur angemahnten Veranstaltung kämen. Oft trifft sie am Abend den Handwerker, der ihr fortwährend zulächelt, Teile ihres alten oder neuen Stationsteams oder gar ganze Abteilungen dort an. In diesen Momenten fühlt sie sich seltsam geborgen und glaubt sich ihrem großen Ziele näher, einmal alle Mitarbeiter des Krankenhauses als familiäres Ganzes zu erleben. Sie nimmt die Smartphones und macht Fotos, die sie als Panoramabilder in verschiedene Netzwerke stellt und mit den Namen aller Abgebildeten versieht. Die Gelungensten klebt sie später an einer der wenigen freien Plätze ihrer vier Meter hohen, weiß getünchten Wände der Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Außentoilette. In sehr guten Momenten gelingt ihr das Kunststück, die Anwesenden im Saale in tobende Begeisterung zu versetzen. Dann schunkelt sie so lange hin und her, bis die Anwesenden die von ihr vorgegebene Bewegung aufgreifen und in eine einzige Woge verwandeln. Nach solchen Veranstaltungen fährt sie nicht, wie sonst üblich, mit dem Taxi zum nächsten Ereignis, sondern schaltet ihre beiden Smartphones aus, nimmt ihre bunten Pantoletten in die Hand und planscht im Springbrunnen und träumt davon, endlich von einem schönen Mann entdeckt zu werden. Barfuß tanzt sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett und schaukelt sich mit dem Rhythmus der abendlichen Woge in den wohl verdienten Schlaf und stellt sich die Frage warum sich niemand getraut, sie endlich anzusprechen. Und nur wenn sie wieder einen ihrer furchtbaren Albträume hat, schreckt sie aus ihrem Schunkelschlafe auf und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf ihre beiden Handys, die sie stets fest umklammert in den Händen hält. Dabei überlegt sie, was sie eigentlich machen wird, wenn sie, wie im Traume geschehen, wirklich in ein Funkloch fallen sollte.

Würde man den Pförtner nach ihr fragen, würde er sagen, dass sie eine ausgesprochene Handymacke hätte und er beim besten Willen nicht sagen könne, woher sie die viele Kohle nehme, um die täglichen Taxifahrten bezahlen zu können. Außerdem würde er behaupten, dass sie endlich einen Mann in ihr unstetes Leben lassen müsse. Dann würde sich das mit der Doppel-Handymacke und dem Taxirumgekutsche schnell legen. Außerdem könne er dann wieder seinen geliebten Pflücksalat abernten und zum Frühstück essen.

Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“ Die Gastnehmerin, Teil IV weiterlesen

klopfzeichen

da hockst du im gras, dem meterhohen
und schaust verstohlen hervor.
den mund ganz voll mit heidelbeeren,
die zähne blau, und auch der rock.
einen strauß frisch gepflücktes, in der hand,
margeriten vom feld,
für die mutter, da hockst du im gras, dem meterhohen
und wartest auf
klopfzeichen.
den mund ganz voll mit heidelbeeren,
gehst du zum grab, erzählst ihr von tintenklecksen
in deinem buch, tomaten, die reifen
und vom blau auf deinen zähnen, deinem rock und
dem himmel.
einen strauß frisch gepflücktes, legst du auf die noch
feuchte erde. margeriten. die magst du doch,
sagst du und wartest auf
klopfzeichen.

Die Gastnehmerin, Teil II

Im ersten Teil wartet der Erzähler auf seinen Gast und erzählt dabei (aufgeregt) wie aufgeregt er ist und er sich auch dieses Mal gegen dieses unangenehme Gefühl nicht wehren kann. Noch während des Wartens vollzieht sich für den Erzähler und den neugierigen Leser aus (noch) unerklärlichen Gründen eine Wandlung seines sonst üblichen Verhaltens. Diese Wandlung wird heute in Teil II fortgeführt und der Leser wird (un-gewollt) zum voyeuristischen Teilhaber des bizzaren Frühstücksgeschehens am Küchentisch.

Sie greift den Käse, schneidet wie erwartet dicke Scheiben herunter und stapelt ihn auf das Brötchen. Ich beobachte sie und bin verwundert, weil mich ihre Verfressenheit überhaupt nicht aufregt. Stattdessen sage ich, dass es mich sehr freut, dass sie heute ausnahmsweise viel Appetit mitgebracht hat und es ihr so wunderbar schmeckt. Ich nehme die Kaffeekanne, gieße ihr den tiefschwarzen Kaffee randvoll in die Tasse und sage: „Einen recht bekömmlichen und guten Hunger!“ Sie trinkt einen Schluck, antwortet, bei mir hast du das anders gelernt und beschwert sich, dass ich ihr zu viel Kaffee in die Tasse gegossen habe, sie ihn nun nicht mehr mit Milch verdünnen kann und der Kaffee außerdem viel zu stark sei. Sie erinnert mich daran, dass ich doch wüsste, dass sie starken Kaffee seit langem nicht mehr vertrüge und ob ich unbedingt wolle, dass sie wie ihr Großvater Magenkrebs bekomme. Ich entschuldige mich beiläufig und biete ihr mit einem Lächeln Milch an. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne mit der einen Hand die Tür, ziehe mit der anderen Hand den Neztstecker der Mikrowellenschnur aus der Dose und stelle ihr die eiskalte Milch, die ich vor ihrem Besuch ins Kühlfach gelegt habe, auf den Tisch. Sie fragt mich, ob ich wenigstens Milch in der Mikrowelle warm machen könne. Ich verneine, drücke stattdessen theatralisch an der unbeleuchtete Tastatur und bedaure, dass die Mikrowelle aus einem mir wirklich unerklärlichem Grunde just gestern den Geist aufgegeben habe und sie die Milch heute leider mal kalt nehmen müsse. Sie sagt nein und trinkt den schwarzen Kaffee in kleinen Schlucken und flüstert, dass sie, wenn sie ihre Diagnose bekäme, wenigstens wisse wer an alledem schuld sei. Ich versichere, dass das nie und nimmer passiert und sie wenigstens Hundert werde. Mit einem Knurren beißt sie in die Brötchenhälfte und zieht wie ein wildes Tier daran. Sie lässt den Teil der Brötchenhälfte wieder aus dem Mund gleiten, dreht den Kopf zur Seite und versucht es noch einmal. Als auch das nicht gelingt, schiebt sie die Lippen vor und lutscht an der Kruste. Sie schiebt ihre Zähne hin- und her, beißt vorsichtig hinein und würgt das abgesägte Stück herunter. Sie flucht und legt die Hälfte des Mohnbrötchens zurück und isst stattdessen den Käse vom Teller. Damit sie nicht mit dem Essen aufhört, gehe ich zum Kühlschrank und nehme den Büffelmozzarella heraus. Ich öffne die Verpackung, rieche daran, lecke mit der Zunge um den Mund, stelle den Mozzarella direkt vor ihre Nase und sage ihr in die Länge gezogen, dass ich den Käse extra nur für sie gekauft habe. Ich hoffe ihr so ein schlechtes Gewissen zu machen und ihre Fresssucht wieder anzuheizen. Wenn ich Glück habe, isst sie wieder alles, was ich auf den Tisch gestellt habe und ihr wird schlecht. Heute scheint mir das nichts auszumachen. Sonst regt mich ihr zu erwartendes Verhalten Tage vorher maßlos auf und ich beschwere mich lautstark vor dem Spiegel stehend über ihre Verfressenheit und mache ihren immer gleichen jammernden Monolog nach, bei dem sie sagt, dass sie wieder viel zu viel gegessen habe und ihr nun schlecht würde. Jedes Mal nehme ich mir vor dem gottverdammten Spiegel stehend vor, ihr endlich zu sagen, dass sie über ausreichend Geld verfügt und ich nicht mehr ihr Goldesel sein möchte. Aber nachdem ich die Vermutung habe, dass sie es ist, die im Hof hinter die Container kotzt, stört mich ihre Fresserei nur noch halb. Am Anfang dachte ich, es seien Jugendliche oder eines von den Hippie-Pärchen aus dem Nachbarhaus, die nach ihren Saufgelagen gern mal in die Ecken kotzen oder pinkeln. Aber nachdem ich festgestellt habe, dass die Kotze immer dann hinter dem Container liegt, wenn sie da war und die Hippies zu der Zeit ihren Rausch ausschliefen, bekam ich diese Ahnung. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn ich mich wieder über sie aufrege und wütend durch die Bude renne, das Kotzgeräusch nachmache und mich schlagartig dabei wohlfühle. Wenn ich Glück habe, kann ich es heute endlich live erleben. Ich summe ein Lied, schneide den Mozzarella in extra dicke Scheiben und lege ihn breitfächerig auf den Meißner Servierteller meiner verstorbenen Großmutter. Mit gespreizten Fingern nasche ich eine Scheibe vom Teller und summe trotz vollem Munde weiter. Jedes Mal wenn sie den Teller mit dem Streublumenmuster sieht, wird sie unruhig und äußert abwertende Bemerkungen, um auch das letzte bei mir verbliebene Stück meiner geliebten Großmutter, von mir geschenkt zu bekommen, um es anschließend zu verscherbeln. Über die Jahre habe ich es mir abgewöhnt, die Teile, die sie an den Antiquitätenhändler in meiner Straße verkaufte, zurückzukaufen. Anfangs hatte ich mich geärgert, dass sie die Stücke verkauft hat. Später war ich nur noch enttäuscht, dass sie sich nicht einmal die Mühe gab, die mir zuvor abgeschwatzten Teile, so zu verkaufen, dass ich es nicht bemerke. Und als sie mir eher zufällig ein Stück abschwatze, das ich ihr schon einmal geschenkt hatte, ließ ich es, weitere Teile vom Händler zurückzukaufen. Ich streichle über eine der abgebildeten Streublumen auf dem Teller, schmatze nachdenklich, sehe ihr in die Augen und sage, dass das ein wunderschönes Muster ist und ich gar nicht weiß, wer diesen prachtvollen Teller, wenn ich nicht mehr bin, bekommen soll und er sicherlich, wie mein anderer Kram in einer der vielen Haushaltauflösung oder gar im Sperrmüll landen wird. Ich staune, dass mir heute das bei Sammlern begehrte Motiv nicht abschwatzen will und stelle Pfeffer, Salz und Olivenöl wie eine Mauer um den Meißner Teller herum. Ich nehme das Kürbiskernöl, öffne es und sage ihr, dass das Öl vorzüglich zum Mozzarella passe. Ich garniere die Scheiben mit frischen Basilikumblättern und Cherrytomaten und bitte sie sich nicht zu zieren und doch endlich zuzugreifen. Ich gehe zur Spüle, wasche meine vom Käse verklebten Hände und sage ihr, dass der Büffelmozzarella erst neulich im Fernsehen von ihrem Lieblingskoch angepriesen wurde. Ich gehe zurück zum Tisch und erwische sie, wie sie mit ihren dicken Fingern an ihren beiden Gebissen rumruckelt. Erstmals erfreue ich mich bei dem Anblick, dass ihr die Beißer nicht mehr passen und sie seit Jahren deswegen Schmerzen hat. Hätte sie das viele Geld, das sie mir damals über Monate abgepresst hatte, auch wirklich für die Zahnarztrechnung verwendet, müsste sie jetzt nicht mit Schmerzen am Tisch sitzen und mit kaputten Zähnen und einem zu großen Gebiss essen. Ich drehe mich zurück zur Spüle und frage sie in einem Tonfall, bei dem ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall auf meine Frage antworten muss: „Schmeckt´s dir eigentlich? Du sagst gar nichts?“

Die Gastnehmerin, Teil I

Ich warte. Meine Mutter hat sich angemeldet. Sie hatte gestern am späten Abend angerufen und gefragt, ob sie mit mir heute Morgen etwas überaus Wichtiges besprechen dürfe. Es sei dringend, sehr dringend.
Ich kenne ihre Art. Ich kenne ihre unaufschiebbaren Wünsche und auch ihre Hartnäckigkeit. Sie gibt nicht nach. Sie gab noch nie nach. Sie versucht es anfangs freundlich, später indem sie mir ein schlechtes Gewissen macht und zum Schluss mit Vorwürfen. Das alles ist mir vertraut. Nun sitze ich da und warte auf das, was ihr Besuch von mir fordern wird. Ich schalte den Fernseher an und springe von Sender zu Sender. Nachdem ich alle dreiunddreißig Programme durchgeblättert habe, fange ich wieder von vorne an, bis es zwei Mal kurz hintereinander klingelt. Sie klingelt immer zwei Mal. Das ist ihr Zeichen. Das hat sie vor Jahren für uns festlegt. Deswegen ermahne ich die Postträger und die Bewohner des Hauses, falls sie Irgendetwas von mir wollen, bitte, bitte nur einmal zu klingeln. Da sie schon mehrfach erlebt haben, wie mies es mir geht, wenn sie zweimal klingeln, halten sich die meisten an meine ungewöhnliche Bitte, wie sie sie verwundert ein jedes Mal nennen, wenn wir darauf zu sprechen kommen. Wieder klingelt es zwei Mal. Und dann noch zweimal kurz hintereinander. Auch das kenne ich von ihr. Heute stürze ich nicht zur Tür, sondern lasse mir Zeit. Eigentlich wäre jetzt eine weitere Chance, mich endlich still zu verhalten und nicht zu öffnen. Eigentlich. Noch nie habe ich diese Chance genutzt. Komischerweise bereite ich mich aber jedes Mal auf diesen Moment vor. Ich schalte alle Lampen aus, drehe das Radio leise und wenn es draußen dunkel ist, schalte ich sogar den Fernseher ab, damit mich das Geflacker nicht verrät. Noch nie habe ich mich still verhalten. Doch, ein einziges Mal. Mir war das damals so unangenehm, dass ich mich bei ihr entschuldigte, ihr versicherte, sehr, sehr fest geschlafen zu haben und ihr zum Abschied Geld geschenkt hatte.
Ich schalte den Fernseher ab, stehe vom Sofa auf, setze einen Fuß vor den anderen und schleiche so zum Türsummer. Es klingelt zwei Mal kurz. Ich warte einen Moment, bis es wieder und wieder zwei Mal kurz hintereinander klingelt und versuche in gelangweilter Stimme zu fragen, wer da ist. Ich höre ihr: „Hier is´ Mutti! Lass mich rein!“ Über meine gelangweilte Stimme bin ich erschrocken. Schnell drücke ich den Summer und öffne die Wohnungstür. Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ein Hemd aus dem Schrank, ziehe es aber nicht an. Stattdessen hänge ich es zurück, gehe ins Bad, nehme ein schmutziges Hemd aus der Wäsche und streife es über. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, werfe mich auf das Sofa, schalte den Fernseher wieder an und drücke wahllos durch die Sender. Das Klingeln hat meinen Puls hochgejagt. Ich reibe die Hände an den Hosenbeinen trocken. Ich fluche und drehe den Fernseher lauter.
Sie klopft an die Tür. Ich rufe vom Sofa aus herein und spüre jetzt das Pochen am Hals. Ich drehe die Lautstärke noch ein Stück auf, bevor ich den Fernseher ausschalte. Früher hätte sie sich zuallererst über die Lautstärke beschwert und verlangt den Ton leise zu stellen. Es wäre ihre erste Anweisung gewesen. Es war immer ihre erste Anweisung wenn sie in mein Zimmer eintrat. Sie hatte diese Begründung auch gern benutzt, um mein Zimmer zu betreten, selbst dann, wenn ich gar keine Musik gehört hatte. Ich wische meine kalten Hände nochmal an den Hosenbeinen trocken und schiebe mich vom Sofa auf.
Jetzt steht sie da, klopft leise an der Stubentür und tritt ein. Ich blicke flüchtig zu der kurzatmigen und unfrisierten Frau in ihrem zu großen violetten Hosenkostüm und nicke. Irgendwie freue ich mich über ihre Kurzatmigkeit. Ich hatte mir vor Jahren angewöhnt in obere Etagen zu ziehen. Irgendwie fühlte ich mich dort wohler. Mit jedem Umzug zog ich eine Etage höher, anfangs noch mit Fahrstuhl. Als ich bemerkte, dass ihr das Treppensteigen immer schwerer fiel, suchte ich speziell nach Wohnungen in Häusern ohne Fahrstuhl. Die Makler wollten mir mein Anliegen erst nicht glauben. Aber nachdem ich ihnen Fitnessgründe dargelegt hatte, suchten sie für mich und erklärten mir, dass das Gesetz jedoch Wohnungen nur bis zur Sechsten ohne Fahrstuhl zulässt. Sicherlich fällt mir das tägliche Treppensteigen schwer und ich verfluche sie manchmal auf einem der Treppenabsätze. Wegen den einhundertneun Stufen trinke ich nur noch Leitungswasser und esse eingeschweißtes Fertigzeug. Und seit ich hier oben in die Mansardenwohnung mit der steilen Wendeltreppe gezogen bin, habe ich sogar mein Bier weggelassen und trage meinen Wocheneinkauf in einem speziellen, rückenschonenden Bergsteigerrucksack.
Sie geht in die Küche, setzt sich auf den Stuhl und ringt um Luft. Ich stelle mich an die Spüle, putze am Wasserhahn und beobachte sie aus den Augenwinkeln. Ich freue mich wie sich ihre flache Brust schnell auf- und abbewegt. Wenn sie wieder Luft bekommt, wird sie mich fragen, ob´s denn hier nichts zu essen gibt. Da mir die Frage wieder unangenehm sein wird, hole ich ein hart gekochtes Ei, Margarine und den vorbereiteten Teller Käse aus dem Kühlschrank. Warum ich mich dieses Mal für hart gekochte Eier und Margarine im Kühlschrank entschieden habe, obwohl weder ich noch sie das Zeug essen, sage ich ihr vorerst noch nicht, stelle es ihr aber demonstrativ auf den Tisch. Ich gehe zur Kaffeemaschine und fülle mehr als die doppelte Menge Kaffeepulver, die ich benötige, in den Filter. Ich öffne den Schrank und hole das Gedeck mit der angeschlagenen Tasse heraus, das ich dachte längst weggeworfen zu haben und stelle auch dieses vor sie. Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Eigentlich. Da nichts passieren will, drehe ich ihr den Rücken zu und suche Brötchen im Fach. Das abgepackte Brot schiebe ich dabei unter die Servietten und das Backpapier, dass sie, wenn sie danach suchen würde, in keinem Fall fände. Ich weiß genau, dass sie keine Mohnbrötchen isst. Trotzdem staple ich sie neben die Margarine und erkläre, dass ich leider vergessen habe ihr Brot mitzubringen und ihr nur frische Mohnbrötchen anbieten kann. Sie sagt in ihrem vorwurfsvollen Tonfall, dass sie überhaupt nicht verstehen kann wie ich ihr Brot vergessen könne und wo ich meine Gedanken wieder hätte und ob ich überhaupt auch wenigstens einmal an sie denke. Sie verzieht die Mundwinkel, greift nach einem der frischen Brötchen, betastet es und legt es wieder hin. Damit sie sich es nicht anders überlegt, schneide ich das von ihr betastete Brötchen auf. Mit einem Lächeln, über das ich völlig erstaunt bin, lege ich die Hälften auf den Teller und gebe ihr ein abgenutztes Messer aus dem Schrank. Sie greift zur Margarine, fragt warum ich keine Butter hätte und ob ich sie jemals Margarine essen sah und beschmiert widerwillig die Brötchenhälften. Ich reiche ihr den vollgepackten Teller mit den verschiedenen Käsesorten und bin gespannt auf das, was jetzt passieren würde.

Walnachten

„Je suis une baleine.“, sagt sie versonnen. Wortlos betritt er das Zimmer. „I am a whale.“ murmelt sie, während sie tippt. Er stellt sich dicht hinter sie. „Du bist ein Wal?“, fragt er vorsichtig und legt seine Hände warm auf ihre Schultern. „Was?“ fragt sie zurück, als sie ihren Blick vom Bildschirm löst und aufsieht. Ihr Scheitel berührt seinen nackten Bauch. „Du bist ein Wal?“, fragt er wieder. „Genau!“, antwortet sie, „Soll ich es dir beweisen?“ Er nickt. Mit zwei Fingern berührt sie eine grüne Fläche auf dem Bildschirm, in der „Check“ steht. Der Rechner gibt einen ermunternden Gong von sich. „You are correct.“ erscheint in großen Lettern auf dem Bildschirm. Sie lächelt fröhlich, er lächelt irritiert.

„Ich bin ein Wal.“, beginnt sie zu erklären, nachdem sie ihre Hände auf seine gelegt hat. „Ich durchstreife die Ozeane. Am liebsten in hunderten Metern Tiefe, dort wo kaum jemals ein Fisch und nie, niemals Sonnenlicht hinkommt. Ich schwimme stundenlang, tagelang, mein Leben lang, abertausende Kilometer weit. Ich will jeden Quadratmeter Ozean bereisen, jede Senke, jede Bank. Mein riesiges Maul ist dabei nie geschlossen. Mit jedem Meter, den ich durch die Tiefen gleite, sauge ich hektoliterweise Meerwasser auf, um jedes Fitzelchen Plankton, das ich erwischen kann herauszufiltern, zu schmecken, zu verdauen, von ihm zu wachsen. Niemals bin ich satt, niemals bin ich zufrieden. Ich werde größer und schwerer und bald bin ich so groß und so schwer, dass mir mein eigenes Gewicht an Land die Lungen zerquetschen würde. Aber da gehe ich nie hin: An Land. Ich bleibe im Wasser, dort, wo keine Menschen sind. Ich will keinen Wegen folgen müssen sondern mich Strömungen hingeben. Ich will nicht höher klettern sondern lieber tiefer sinken. Ich will kein Haus und keinen Unterschlupf, das Meer soll mein Zuhause sein. Nur alle zwei Stunden kehre ich für einen Moment an die Oberfläche zurück um aus- und einzuatmen. Dann gibt es eine riesige Fontäne.“

Er legt die Stirn in Falten, sie lacht. Im bläulichen Licht des Bildschirms sehen ihre Zähne gefährlich aus. „Was machst du?“, will er wissen. „Ich erkläre mich dir, damit du mich verstehst! Darum hast du doch gebeten.“, antwortet sie.
„Hier am Rechner meine ich: Was ist das?“
„Ich lerne Französisch.“
„Aber warum?“
„Weil ich es noch nicht kann! Und Englisch lerne ich nebenbei auch noch mal.“

„Meine Mutter hat dich sprechen hören.“. Mit seinen Daumen streicht er fest links und rechts an ihrer Wirbelsäule, den Hals entlang. „Sie hat gedacht, du sprichst mit ihr, aber auf ihre Fragen hast du nicht reagiert. Sie hat einige Momente an der Schwelle gestanden und dich beobachtet, aber sie versteht nicht, was du hier tust. Sie hat sich nicht getraut, ins Zimmer zu kommen. Du hast in fremden Sprachen gesprochen. Damit ich mal nach dir sehe, hat sie mich aus der Wanne zitiert. Sie hat sich Sorgen gemacht. Wie kommst du darauf, ausgerechnet jetzt Französisch zu lernen?“
„Du hast ja keine Ahnung, wie lustig Französisch ist! Und wie schön. Abeille heißt Biene. Klingt das nicht toll? Abeille! Und weißt du, was Bär heißt? Ours. Ours! So werde ich dich ab sofort nennen: Mon petit ours!“

„Warum sitzt du nicht bei uns? Mutter hat Stolle aufgeschnitten und Kaffee gekocht. Sie wartet. Wenn du willst, mache ich ein Räucherkerzchen an. Und die Pyramide mit den Glöckchen. Die Erzgebirgsgesänge können wir ja weglassen, wenn sie dich stören.“
„Ja, die Gesänge! Das ist interessant!“, sagt sie, als sie ihre Hände von seinen löst und wieder zu tippen anfängt. „Die muss man doch hier irgendwo hören können. Auf YouTube? Bestimmt!“
„Was ist los mit dir?“
„Hör mal. Das ist ein Bartenwal. Psst!“

Auf ihrem Stuhl rollt sie hinüber zur Stereoanlage, schaltet sie an und dreht sie voll auf. Das dumpfe Dröhnen des Meeres kann er in seinen nackten Sohlen spüren. Das helle Seufzen der Wale verschluckt die Weihnachtslieder, die in Fetzen aus dem Wohnzimmer herüberdringen.
„Das ist irre, oder?“, staunt sie.
Er schließt die Augen. „Ja.“ Das auf seiner Haut verbliebene Badewasser sammelt sich in Tropfen an seinen Fingerspitzen. Das kitzelt.
„Du könntest auch ein Wal werden! Dann durchstreifen wir die Ozeane gemeinsam und singen Lieder wie dieses.“

„Nein.“, sagt er und öffnet die Augen. Er schüttelt die Tropfen ab, hockt sich vor den Rechner und klappt ihn zu. Die Gesänge verstummen. „Nicht jetzt. Kein Französisch. Keine Walgesänge. Jetzt: Weihnachten. Kaffeetrinken.“
Sie verschränkt die Arme vor der Brust und seufzt.
„Hast du keine Lust?“, fragt er.

„Natürlich habe ich Lust. Ich habe Lust mit dir zum Flughafen zu fahren, jetzt sofort, und einen Flug zu buchen, für heute Abend noch. Wir fliegen auf die Azoren. Last minute. Very last minute.“, kichert sie.
„Die Azoren?“
„Meine Kollegin war dort, letztes Frühjahr. Es muss herrlich sein!“
„Ich bitte dich!“
„Aber, die Azoren sind perfekt! Man spricht Französisch dort! Ich kann sofort anwenden, was ich gelernt habe. Wir werden eine Bootstour unternehmen, weit raus, aufs offene Meer. Meine Kollegin hat das auch gemacht. Wir werden Wale sehen, echte Wale! Wir werden sie singen hören! Das wird wunderbar!“
Er richtet sich auf und fährt sich durch die nassen Haare.
„Aber man muss aufpassen! Meine Kollegin hat sich eine Mittelohrentzündung eingefangen, weil sie den ganzen Tag im scharfen Wind an der Reeling gestanden hat. Ich werde klüger sein. Ich werde ein Kopftuch tragen.“ Flink rollt sie auf ihn zu und zieht das Handtuch von seinen Lenden. „So ungefähr. Ein perfekter Windschleier. Trägt man das so? Sieht das gut aus? Es riecht gut!“

Er legt die Hände in die Luft, atmet ein und öffnet den Mund, aber er weiß nichts zu sagen. Sie sieht ihn an, legt den Kopf schief und ruft: „Wow! Wo ist deine Kamera?“ Irritiert schiebt er die Brauen zusammen. „Was? Meine Kamera?“ „Nicht bewegen!“, sagt sie, während sie aufspringt und das Windschleierhandtuch von sich wirft. „Diese Pose! Dieser schmale Streifen Licht aus dem Wohnzimmer.“ Mit beiden Händen durchwühlt sie die Schubladen unter der Stereoanlage. „Deine Körperlichkeit! Dein Bauch! Dein Alter! Das ist alles so tragisch. Aber liebevoll tragisch. Weißt du? Schön tragisch. Das muss ich festhalten.“

Er stöhnt, setzt sich auf den Schreibtisch neben den zugeklappten Rechner, zieht die Beine an und legt die Arme um die Knie. „Was ist passiert?“
„Mann! Jetzt hast du dich bewegt!“
„Hat sie etwas gesagt?“
„Und die Kamera ist auch nicht an ihrem Platz!“
„Hat sie dich verärgert mit irgendetwas?“
„Kein Wunder, dass es kaum Fotos von uns gibt!“
Er schreit: „Setz dich hin und sprich mit mir!“ Sie fährt herum und sieht ihn an. Sie setzt sich.

„Thomas?“, ruft es aus dem Wohnzimmer. „Alles in Ordnung?“
„Jetzt nicht!“ Er springt auf und schlägt die Tür zu. Dann geht er zu ihr herüber und kniet sich vor ihren Stuhl. „Hat sie dich verletzt?“ Sie holt eine Strähne hinter dem Ohr hervor und wickelt sie konzentriert um ihren Zeigefinger.

„Unser Stollen schmeckt ihr nicht.“, flüstert sie.
„Das ist alles?“, fragt er und streicht ihr die Strähne wieder hinters Ohr.
„Die Kekse, die ich gebacken habe, schmecken ihr auch nicht. Da fehlt geriebene Zitronenschale.“
„Und deswegen bist du ihr böse?“
„Deine Suppe heute Mittag, hat ihr auch nicht geschmeckt. Sie muss Pupsen davon.“
„Wahrscheinlich verträgt sie Linsen nicht so gut.“
„Sie findet auch, dass du die Frühstückseier zu weich kochst. Hat sie alles ihrem Bruder erzählt. Vorhin, am Telefon.“
„Aber das ist doch nur das Essen!“ Er streicht ihr weitere Strähnen aus der Stirn.
„Aber an Weihnachten geht es doch ums Essen, oder?“
Er küsst ihre Wange. „An Weihnachten geht es ums beieinander sein.“
„Ich will nicht bei ihr sein. Ich will bei dir sein.“ Sie legt ihren Arm um ihn und zieht seinen Kopf auf ihre Brust, so dass sein Ohr auf ihrem Pullover liegt. Sie treibt ihre Nase in seine Haare.

„Sie hat noch etwas gesagt.“ Sie legt auch den zweiten Arm um ihn und klammert sich an ihm fest.
„Was? Was hat sie gesagt?“
Sie zieht ihn noch fester an sich. „Heb mich hoch.“
Er lacht. „Erst, wenn du mir sagst, was sie gesagt hat.“
Sie schlingt ihre Beine um seine Hüften. „Erst, wenn du mich trägst.“
Er fährt mit seinen Armen unter ihre Schenkel und umfasst seine Handgelenke unter ihrem Po. Als er sie anhebt, legt sie ihr Kinn auf seine Schulter. Ihr Haar versperrt ihm die Sicht. Er schnappt danach, bekommt ein paar Strähnen zu beißen und zieht daran. Sie kichert.

„Also, was hat sie gesagt?“
Sie bringt ihre Lippen ganz dicht an sein Ohr. Sie flüstert: „Sie hat gesagt, dass sie Weihnachten hier mit einer Verrückten verbringen muss.“ Für einige Sekunden klemmt sie sich sein Ohrläppchen zwischen die Lippen. „Sie hat gesagt, dass ich verrückt bin.“
Er lacht laut. Sie treibt ihm die Fingernägel in den Rücken, damit er aufhört. „Sie ist eine dumme, alte Frau.“, zischt sie.
„Nein, nein.“, murmelt er, als er sie auf dem Schreibtisch absetzt. Sie denkt gar nicht daran, ihre Umklammerung zu lösen. „Sie ist nicht dumm, Liebes. Sie versteht nur nichts von Walen.“
„So ist es, so ist es! Sie hat überhaupt keine Ahnung von Walen. Null!“, kichert sie.

Er lehnt sich zurück und sieht sie an. Mit beiden Zeigefingern zeichnet er ihre Augenbrauen nach. Dann fährt er entlang ihrer Wangenknochen hinunter zu ihren Lippen. „Wahrscheinlich ist sie Vogelkundlerin.“, sagen diese. „Oder Rassekaninchenzüchterin.“ „Psst!“, sagt er. „Was immer sie ist.“, sagt sie, aber es ist undeutlich, weil seine Zeigefinger noch immer auf ihren Lippen ruhen, „von den Ritualen der Meeresbiologie hat sie nicht den blassesten Schimmer.“ Er zieht seine Finger von ihren Lippen und legt seine Lippen genau dort hin. „Arme, alte Frau.“, flüstert sie, als er den Kuss löst. „Sie hat dich stranden lassen, tonnenschwere Walfrau. Das war brutal von ihr.“, flüstert er.

Während sie mit beiden Händen fest in die Polster an seinen Hüften greift, lacht sie: „Zieh mich zurück ins Meer, tonnenschwerer Walmann, lass uns ein paar Minuten der Strömung folgen.“ Er fährt mit seinen Händen wieder unter ihren Po und hebt sie an. Sie streckt die Arme von sich. „Dreh dich!“, ruft sie, „dreh dich. Und mach die Augen zu. Wir spielen Wale im Strudel.“
Die Dielen knarzen unter dem ungewohnten Gewicht.

„Was ist denn hier los?“
Er öffnet die Augen. Ihm dreht. Er bleibt nicht stehen.
„Was macht ihr?“
In der halboffenen Tür steht seine Mutter. Ungelenk tastet sie nach dem Lichtschalter.
„Willst du dich nicht anziehen, Thomas?“
Wieder und wieder sieht er das entgeisterte Gesicht an sich vorbeiziehen. Das Brillengestell seiner Mutter zeigt hübsche Lichtreflexe.
„Raus mit dir!“, ruft sie, immer noch fest um seinen Hals geschlungen. „Du wirst ertrinken hier draußen!“
„Ich werde was?“
Er stoppt die Drehung und sieht seine Mutter an.
„Wir spielen Ozean, Mutter.“
„Seid ihr jetzt beide völlig übergeschnappt?“

Sie löst die Umarmung und klettert von ihm herunter. „Wir sind Wale, siehst du das nicht? Wir werden ja wohl mal ein paar Minuten abtauchen dürfen.“
„Wir kommen gleich, Mutter.“, sagt er, noch bevor diese etwas antworten kann. Schwankenden Schrittes geht er zur Tür. Seine Mutter nickt wortlos, wendet sich ab und geht zurück ins Wohnzimmer. Er schließt die Tür, dreht sich um und grinst.
Sie schiebt den Laptop beiseite und klettert auf den Schreibtisch.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragt er lächelnd.
„Ich habe eine lauschige Sandbank gefunden! Leg dich zu mir.“

Kollegen sind tabu, aber Alkohol ist schlecht für die Deckung

Kollegen sind natürlich tabu. Privates und Dienstliches ist voneinander zu trennen, das hat schon mein Vater gewusst und er konnte das auch erklären: Wenn das Dienstliche privat wird, wird es meistens kompliziert. Meine Mutter und die Sekretärin meines Vaters bestätigen das. Aber diesen einen Kollegen ein klitzekleines bisschen anzuhimmeln, macht mir Spaß und hat mich schon in einigen Sitzungen davor bewahrt, alberne Blümchen in mein Notizbuch zu kritzeln, so wie es meine Chefin macht, der ihrem Notizbuch nach zu urteilen sehr offensichtlich jemand zum Anhimmeln fehlt. So ein bisschen Schwärmerei kann niemandem schaden finde ich, insbesondere dann nicht, wenn schwärmen bedeutet, dem Schwarm gegenüber dermaßen lässig aufzutreten, dass dieser zurecht daran zweifeln darf, ob man seine Existenz überhaupt bemerkt. Aber Alkohol ist schlecht für die Deckung.

Er ist betrunken und ich bin betrunken und schon während er zur Bar torkelt, an der ich auf meinen Mojito warte, denke ich: Meine Fresse, eine Betriebsfeier, wie in den „So bewahren Sie auf einer Betriebsfeier ihr Gesicht“- Ratgeber-Artikeln auf Welt Online. Jetzt reiß dich also zusammen, denke ich, und verliere nicht dein Gesicht, nur weil seines so niedlich ist. Und als er die Bar erreicht sage ich: „Hey Mattis!“ und verkneife mir gerade so das „Wie geht’s altes Haus?“, worauf ich sehr stolz bin, weil es beweist, dass ich noch nüchtern genug bin um zu merken, dass ich nicht lässig klinge, sondern wie ein erkälteter Azubi im Team von Cobra 11. Mattis bestellt das Gleiche wie ich, ohne zu wissen, was ich bestellt habe. Er mag mich vielleicht doch, denke ich, und im nächsten Moment denke ich, ach was, der ist einfach betrunken. Ihm ist egal, was ihn gleich noch betrunkener macht und mir kann egal sein, ob er mich mag oder nicht.

Er klettert auf den Barhocker neben mich und brummt: „Weißt du, Korbi, eins muss ich dir mal sagen.“, und ich denke, reiß dich ja zusammen verliere bloß nicht dein Gesicht und vor allem: nenne mich nie wieder Korbi. Er zündet sich eine an und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen und ich muss lachen, weil niemand so schön gender performt wie Mattis Hansen. Aber als der Rauch des ersten Zuges langsam aus seiner Mundhöhle entlang seiner vollen Oberlippe an seinen Bartstoppeln nach oben steigen will und er ihn plötzlich wieder einzieht, wobei er ein rückwärts gesprochenes S macht, fällt mir das Lachen aus dem Gesicht und mir wird ein bisschen heiß. Klischee hin oder her.

„Ich habe ja schon ein Jahr bei euch gearbeitet, bevor ich kapiert habe, dass du schwul bist.“, sagt er und lässt denn Rauch durch leicht geschürzte Lippen entweichen und ich sage „Oh.“ und ziehe die Augenbrauen hoch. „Also eigentlich habe ich es gar nicht kapiert“, sagt er, bevor er den nächsten Zug nimmt, „Jenny hat’s mir erzählt und ich dachte erst, die verarscht mich. Aber dann hast du gesagt, dass du Marco Schreyl heiß findest und da war es dann klar.“ Das einzige, was mir klar wird ist, dass ich mein Gesicht längst verloren habe und zwar irgendwann in einem neonröhrenbeleuchteten Großraumbüro, stocknüchtern aber viel zu redselig. Glücklicherweise muss ich nicht mehr als „Naja.“ antworten, weil Mattis schon weitererzählt.

„Weißt du, ich kenne ja keine Schwulen. Der einzige Schwule, den ich jemals kannte, war beim Bund mit mir auf der Stube und das war voll die Tucke. Der war total anstrengend und hatte es nicht leicht.“ Ich sage „Aha.“, und bete dafür, dass mir dieser Zeitlupenkünstler von einem Barkeeper endlich meinen Mojito serviert, damit ich mir einen Eiswürfel in den Mund stecken kann, und gar nicht mehr antworten muss. Es dauert bis zu Mattis‘ „Aber du bist ja nicht so.“, bis meine Gebete endlich erhört werden und ich mir den Strohhalm zwischen die Zähne klemmen kann, damit meine Zunge ja kein dummes Zeug mit meinen Zähnen formuliert. „Du bist ein gestandener attraktiver Mann.“, sagt Mattis als nächstes und es ist sein Glück, dass ich ihn ein bisschen anhimmle, andernfalls hätte ich ihn jetzt in eine Diskussion darüber verwickeln müssen, was er ungewöhnlich daran findet, dass homosexuelle Männer gestanden und attraktiv sein können, und diese Diskussion verliert man gegen mich. So aber fasse ich das als Kompliment auf und spüre, wie ich puterrot werde.

Als mich Mattis dann fragt, ob ich schon immer schwul war, zerstäube ich mit dem feinen Alkoholnebel, den ich unkontrolliert in die Luft pruste, auch jegliche Hoffnung auf die Existenz Gottes. Mattis guckt mich ernst an, obwohl, ernst ist das falsche Wort. Er guckt so, wie jemand guckt, der mit ehrlichem Interesse das Verhalten eines ihm unbekannten Tieres studiert. Und weil ich ihn nicht bloßstellen will, verschleiere ich meinen Lachanfall zu einem Hustenfanfall. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er mir erst fest auf den Rücken klopfen und als nächstes sanft über die Schulter streichen würde. Als ich mich wieder gefangen habe, einige Sekunden nachdem er seine Hand wieder bei sich hat, sage ich: „Ich bin ungefähr so lange schwul, wie du hetero bist.“ und finde, dass ich jetzt gelassener klinge, als ich mich fühle. Mattis zeigt mir sein schönes Lächeln und ich zeige Mattis mein verlegenes Grinsen und wie gut mein Herz mein Gesicht durchblutet, und weil das ja nicht für immer so weiter gehen kann, sage ich: „Aber ich habe schon mal mit einer Frau geknutscht, falls du das meinst.“

Der Barkeeper serviert Mattis seinen Mojito und ich begreife, dass das Gleiche wie ich zu bestellen kein Ausdruck besonderer Sympathie, sondern Zeugnis besonderer Rationalität war. Mattis musste auf seinen Mojito viel kürzer warten, als ich auf meinen und das lag daran, dass der Barkeeper nur einmal zu mixen anfangen musste. „Prost!“, sage ich und Mattis sagt: „Nur einmal?“, und ich denke, wieso soll ich „Prost! Prost!“ sagen, wenn du nicht wenigstens „Prost!“ sagst, aber ich schweige lieber, weil ich befürchte, dass es peinlich werden könnte und das ist klug. Ein paar Sekunden später begreife ich nämlich, dass er das Knutschen meint und nicht das Trinken. „Ja, nur einmal“, antworte ich schließlich, „und das war interessant, weil sich die Frau viel weicher und viel weniger stachlig anfühlte als alle Männer, die ich jemals küsste.“ Mattis nickt langsam und fängt an, mit seinem Strohhalm den Saft aus den Limettenachteln am Boden seines Glases zu drücken, und ich würde einen Zehner dafür geben, zu erfahren, was er denkt. Dann presst er die Lippen zusammen und ich schmunzele darüber, dass er sich für das bisschen Saft so konzentrieren muss. Der denkt gar nichts mehr, denke ich.

„Na klar“, sagt Mathis dann unvermittelt und ohne seinen Blick vom Glas abzuwenden, „man muss alles mal ausprobieren, eigentlich.“, woraufhin mir unwillkürlich der Mund aufgeht. Aber anstatt etwas zu sagen, zum Beispiel „Falls du mal Knutschen mit einem Mann ausprobieren willst, ich schmecke gerade nach Minze, Zucker und Limetten.“, trinke ich lieber einen großen Schluck und starre auch ein bisschen in mein Glas.

Als ich das betretene Schweigen nicht mehr aushalte sage ich: „Lass uns wieder rüber zu den anderen gehen.“ und Mattis sagt:
„Jo.“, aber er sieht mich nicht an. Während ich vom Barhocker klettere, lege ich meine Hand zur Stütze auf seine Schulter und als ich merke, wie hart und warm die ist, ärgere ich mich schon. Hätte ich nur mal mein Gesicht riskiert, um sein niedliches zu küssen. Bis zur nächsten Betriebsfeier muss es erst Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer werden.

Unter dir (Teil III)

Im ersten Teil legt sich die Freundin (wie jede Nacht) unter sein Bett und wartet, dass die Nachtschwester ihren Rundgang durch die Zimmer unternimmt. Diese Zeit nutzt sie, um über diese und andere Krankenschwester und ihre Mühen, unter das Bett zu gelangen, nachzudenken.

Im zweiten Teil „beschäftigt“ sie sich mit ihrem Freund, der im Bett liegt und „bereitet“ ihn für das „Ereignis “ vor, wobei sie (wie auch im folgenden Teil) von der Nachtschwester gestört wird.

Ich lege mein Ohr auf deinen Körper, höre dein Herz schlagen und schließe zufrieden die Augen. Ich zähle laut deine Herzschläge und wiederhole jeden einzelnen mit meinen Fingerkuppen auf deiner Wange. Im Rhythmus deines Herzens puste ich auf deine Brustwarzen, bis ich spüre, dass sie hart werden. Weil mir das Gepuste zu anstrengend wird und weil ich auch weiß, dass es dir als Linkshänder wichtig war, schiebe ich vorsichtig meine Zungenspitze heraus und betupfe zuerst deine linke und danach deine rechte Brustwarze. Als ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich dir einen Schmatzer auf dein glatt rasiertes Babygesicht und sage, dass ich ganz genau weiß, dass du mich wahnsinnig liebst und ich auch heute wieder deine versteckte Morse-Botschaft aus deinem Herzschlag herausgehört habe. Ich streichle zwischen deinen Brustwarzen über den ovalen Leberfleck, sehe dich an und flüstere „Schokopudding mit Vanille“.
Plötzlich höre ich Schlüsselgeklapper auf dem Flur. Ich fluche, ob das jetzt unbedingt sein muss und bin der Schwester wieder dankbar, dass sie mit ihrem Geklapper meilenweit zu hören ist und mir somit ausreichend Zeit gibt, mich schnell unter dein Bett zu verkrümeln. Nur bei dieser Schwester kann ich mich auf die Uhrzeit verlassen und auf ihr pünktliches Schlüsselgeklapper. Meiner Meinung nach ist sie die lauteste, aber auch die zuverlässigste aller Schwestern. Ich ziehe dein Hemd zurecht, lege die Bettdecke glatt, gebe dir einen Klaps auf die Wange, rolle mich unter das Bett und überlege, ob ich ihr nicht ein Glöckchen für das Schlüsselbund wichteln sollte. Meinen Rücken schiebe ich so lange auf dem gebohnerten Boden zurecht, bis ich die passende Position unter deinem Körper gefunden habe. Denn nur so habe ich ein Gefühl dafür, ob das, was die Schwestern mit dir tun, auch wirklich gut für uns beide ist. Wenn ich hier unten liegend die leise Vermutung bekomme, dass mich die pflegerische Anordnung stört, mache ich sie, wenn die Schwester gegangen ist, sofort rückgängig. Bei ihr hatte ich jedoch noch nie Bedenken und weiß, dass sie alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft ausführt. Vor ein paar Wochen wollte ich sie sogar loben. Aber dann hatte ich Angst, sie könnten sie zur Stationsschwester ausbilden und dann hätte ich keine pünktlich klappernde Schwester mehr gehabt. Bei den anderen Schwestern habe ich manchmal meine Schwierigkeiten, rechtzeitig unter das verflixte Bett zu kommen. Und das geht dann meist nicht ohne blaue Flecken und Schrammen. Es gibt Nächte, die knapp an der Katastrophe vorbei gehen und am nächsten Tag sehe ich zerkratzt aus und meine Kleidung ist eingerissen oder an einem meiner hohen Schuhe fehlt der Absatz.

Ich lausche. Wie üblich erklärt sie dir alle Handgriffe bis ins Detail. Übertrieben laut erläutert sie dir, welche medizinische Verordnungen sie machen muss und warum, und fragt immerzu, ob du damit einverstanden bist. Du bist doch nicht schwerhörig. Ständig habe ich das Gefühl, dass die hier alle Selbstgespräche führen. Bei einigen Schwestern habe ich sogar Mühe, nicht lachen zu müssen. Im Allgemeinen finde ich ihre Erklärungen aber wichtig. Nur manchmal, wenn die Schwestern zu persönlich werden, wenn sie, irgendetwas von Schatz, Liebling, oder schöner Mann faseln, wenn sie beim Waschen meinen, dass sie dich nicht von der Bettkante stoßen würden, dann werde ich fuchsteufelswild und muss mir vor Wut in die Hand beißen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten hervorkriechen und alle ordentlich verdreschen. Diese Schwester hingegen hielt sich von Anfang an mit solcherlei Sprüchen zurück. Trotzdem oder vielleicht deswegen muss ich auch bei ihr höllisch aufpassen.

Sie geht zur Tür, dreht sich zu dir um, haucht dir einen ihrer Luftküsse entgegen und löscht das Licht. Langsam schiebe ich mich unter dem Bett hervor, krame im Dunkeln die Taschenlampe aus der Tasche, knipse sie an und kontrolliere, ob sie die von ihr aufgezählten Verordnungen richtig ausgeführt hat. Einige der Schwestern sind nämlich unzuverlässig, um nicht zu sagen schlampig. Auch diese Schwester arbeitet an manchen Tagen ungenau. Damit ich die Schwestern überprüfen kann, habe ich mir Fachbücher gekauft und lese, wenn meine meckernde Chefin nicht da ist, stundenlang im Internet und arbeite alle über Nacht angestauten medizinischen Problemfälle, die dich betreffen, in Foren nach und nach ab. Mit der Zeit kenne ich die Foren und kann sehr gut mitdiskutieren. Und werden neue Heilmethoden besprochen, flechte ich sie beharrlich in die Arztgespräche, die ich einmal pro Woche führe, ein. Einer der Assistenzärzte hat doch wirklich mal gedacht, ich sei Medizinstudentin. Und nur wenn ich früher überhaupt nicht weiter wusste, ging ich zu meinem Hausarzt und gab die Beschwerden an, die mich interessierten. Den Termin beim Psychologen nahm ich aber nur einmal war. Seitdem wechsle ich die Fachärzte nach deinen jeweiligen Beschwerdegruppen. Mein Lieber, es gibt Tage, da überlege ich, ob ich meine Arbeit für dich hinschmeiße und ein Medizinstudium beginnen sollte. Spätestens seitdem mein Chef gegen eine Chefin ausgetauscht wurde, denke ich fast täglich diesen wunderschönen Gedanken. Dann könnte ich nach dem Studium ganz offiziell bei dir arbeiten und den Schwestern jede Menge Anweisungen in einem wehenden weißen Kittel erteilen. Leider habe ich aber nicht die Superabiturnoten wie du dafür. Vielleicht sollte ich dein Zeugnis fälschen und meinen Namen eintragen. Dann bekäme ich auf jeden Fall den Studienplatz, den du partout nicht wolltest. Du weißt, für dich mache ich alles.

Damit du mich gut sehen kannst, hebe ich dein Kopfende nach oben. Ich lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, stelle mich in die Mitte des Lichtkegels, beuge mich zu dir und zu deinen beiden Mitpatienten und applaudiere. Ich strecke die Arme zur Zimmerecke, lasse sie langsam auf meinen Busen sinken und knöpfe die Bluse auf. Vorsichtig löse ich die Schnallen der Glitzerschuhe und sammle die Schuhe mit dem Mund auf. Da meine tollen Glitzerschuhe im Taschenlampenlicht blenden, kneife ich die Augen zu und versuche die schweren Dinger blind auf dein Bett zu zielen. Nachdem ich das geschafft habe, öffne ich meine Hose mit dem Ringelmuster, die ich bei unserem ersten Kennenlernen anhatte und die du von jeher so furchtbar gefunden hattest. Ich beuge mich nach vorn, ziehe sie herunter und schieße das Ringelding mit dem großen Zeh im hohen Bogen zu dir hinüber. Mit den Füßen ziehe ich abwechselnd meine Socken aus, sammele auch sie mit dem Mund auf, hänge sie mir über meine beiden Ohren und schüttle den Kopf, bis sie runterfallen. Ich hebe sie auf, knülle sie zusammen und werfe sie dir genau ins Gesicht. Weil ich dich getroffen habe, strecke ich meine Arme aus und schlage ein Rad. Ich gehe an dein Bett und ziehe endlich meine Bluse aus und lege alle Kleidungsstücke, die du noch nie an mir gemocht hattest, auf deiner Bettdecke aus, als hättest du sie allesamt an. Ich zupfe die Klamotten faltenfrei und flüstere dir ins Ohr, dass du ein tolles Mädchen in den klamotten abgeben würdest. Ich richte die Taschenlampe auf dein Bett, hole mein Handy mit dem neuen Kameratyp und der Videofunktion und mache Fotos von dir und den Klamotten. Ich schiebe die Lampe zurück, tipple auf meinen Zehenspitzen in den Lichtkegel, lächle euch drei stummen Zuschauern zu, drehe mich einmal um die eigene Achse, öffne mein hochgestecktes Haar und halte es für euch ins Licht. Wie wild schüttle ich es auseinander und sehe durch die Strähnen zu euch hindurch. Mit beiden Händen umfasse ich zwei Haarbüschel und winke dir zu. Ich verbeuge mich vor euch, schlage, weil es mir vorhin so gut gefallen hat und weil ich merke, dass ich davon endlich wach werde, noch einmal ein Rad und komme vor deinem Bettgiebel zum Stehen. Ich umwickele das glänzende Metall mit meinen langen Haaren und sage dir, dass ich die völlig durchgeknallte Rapunzel aus einem deiner unzähligen geliebten Märchenbücher bin, und dass ich dich jetzt mitnehmen will. Ich sage dir, dass ich vorher aber noch meinen Prinzen vernaschen muss. Plötzlich höre ich ein Alarmsignal aus einem deiner vielen Geräte. Ich schnappe die Bluse, die Hose, die Socken, die Schuhe von der Bettdecke, greife mir die Taschenlampe und rolle mich unter das Bett. Dabei stoße ich mich zuerst am Fuß und dann an der Schulter, dass die frisch verheilte Schürfwunde wieder aufplatzt. Die Tür geht auf und die Schwester kommt ohne zu klappern ins Zimmer gerannt. Sie macht Licht, hantiert an den Geräten, streichelt über dein Haar und fragt, was heute mit dir los ist. Sie sieht zum Katheterbeutel und sagt zu den anderen Patienten, dass dein Urin verdächtig trübe aussieht, sie einen Harnwegsinfekt vermutet und dass sie das nach dem Wochenende unbedingt dem Stationsarzt vorstellen wird. Muss der Infekt heute sein, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz im Fuß und in der Schulter. Zu gern würde ich ihr zurufen, dass ich verblute und auch mal dringend einen Arzt bräuchte. dabei spüre ich, dass ich mit meinem Rücken am Linoleum festklebe. Sie geht zurück zur Tür, zwinkert dir den üblichen Luftkram zu, macht das Licht aus und ruft beim Rausgehen, dass du heute besonders wilde Träume mit deiner Geliebten haben wirst, sie dir viel Spaß wünscht und sie deinen Katheter wechselt, wenn du dich ordentlich ausgetobt hast. Ich schüttle den Kopf über ihre Sprüche, äffe sie nach und weiß, dass ich gleich morgen früh alle Foren zum Thema Urin, Katheter, Infekt und Komplikation durchforsten werde. Zur Not lasse ich mich am Montag krankschreiben, gehe zu meinem Urologen und sage, dass mir die Blase höllisch wehtut und der Urin verdächtig aussieht. Und vielleicht sollte ich die Krankschreibung auch nutzen, um dein Einser-Abiturzeugnis zu kopieren und mit meinem Namen zu versehen.

Unter dir (Teil 1)

Mit einem Schwung, den ich mir mühsam über die letzten Jahre antrainiert habe, rutsche ich unter das Bett. Ich schiebe meinen Hintern auf dem glänzenden Linoleum hin und her, bis ich das Gefühl habe, genau unter deinem Körper zu liegen. Ich schließe die Augen, achte auf das surrende Geräusch deiner Atemanlage und höre einen ungewohnten Ton heraus. Sofort versuche ich anhand deines Atems herauszufinden, was dir in den letzten 24 Stunden passiert sein könnte. Damit ich deine passende Frequenz schneller finde, halte ich meine Atmung an. Meist gelingt es mir so, schnell in deinen Rhythmus einzudringen. Nur manchmal bockst du. Aber gegen meine Yogaübungen, die ich nur für unseren gemeinsamen Rhythmus zu Hause übe, bist du völlig machtlos. Warum es mir diesmal nicht gelingt, kann ich nicht sagen, bringe es aber zum einen mit meiner Chefin in Zusammenhang. Zum anderen damit, dass wir beide heute unseren besonderen Tag haben und ich seit dem Morgen aufgeregt bin. Bei dem Gedanken an unsere besondere Nacht, schiebe ich meinen Körper unruhig auf dem gebohnerten Fußboden hin und her und stoße mich mit dem Knie an einer der Querstreben des Bettes. Ich fluche. Um mich von dem Schmerz abzulenken, klopfe ich mit den Fingern abwechselnd Morsezeichen an das blöde Metallgestell. Dabei fällt mir ein, dass du es warst, der mich damals auf die Idee mit dem Morsen gebracht hatte. Immer wenn ich dich fragte, mit wem du bei den Pfadfindern morst und ob auch Mädchen mitmachen, fühltest du dich genervt. Und das brachte mich auf die Idee, mich ebenfalls dort anzumelden, um dich bei deinem Schweinskram mit den anderen Mädels auf frischer Tat zu ertappen.
Ich werde müde und klopfe lauter und schneller an das Metallgestell. Manchmal fange ich unter dem Bett liegend, zu Schnarchen an. Vor deinem Unfall hattest du mir in unseren Nächten oft vorgeworfen, zu schnarchen. Alte Schnarchguste, hattest du zu mir gesagt. Du schnarchst wie meine Oma. Beleidigt gab ich dir jedes Mal einen Klaps auf deinen muskulösen Hintern und sagte, dass deine Oma tot ist und ich lebe. In manchen Nächten werde ich von der eintönigen Büroarbeit schlagartig müde und muss hier unten aufpassen, nicht doch einzuschlafen. Dann frage ich mich jedes Mal, wie das alles enden soll, wenn wir beiden irgendwann ein altes Ehepaar sind.
Ich gähne und baue dir meine heutigen Tageserlebnisse vorsichtig in den Rhythmus des Atems hinein, den ich vorgebe. Ich sage dir, dass ich glaube, dass meine Chefin ahnt, dass ich jede Nacht zu dir gehe. Glücklicherweise kann sie es aber nicht beweisen. Deswegen, glaube ich, gibt sie mir in der letzten Zeit zum Feierabend neue Aufgaben. Ich hoffe sehr, dass sie schwanger wird. Wenn es geht Zwillinge oder gleich Drillinge. Dann hat sie massig Scherereien und lässt mich in endlich Ruhe.

Das Schlüsselgeklapper beendet meine Unterhaltung an dich und schiebe mich näher an die Wand. Dabei stoße ich mich an der Schulter. Die Tür geht auf und eine Stimme erzählt überlaut, dass sie jetzt hier wäre und du dich jederzeit melden könntest, wenn du etwas benötigt. Sie sagt das Wort jederzeit in einem vertraulichen Ton, der mir einfach nicht gefällt. Trotzdem bin ich froh, dass die Schwester mit der überlauten Stimme und dem Schlüsselgeklapper heute Nachtdienst hat. Sie steht über das Bett gebeugt und scheint dich zu streicheln, zumindest kommt es mir hier unten an meiner linken Wange und auf der Stirn so vor. Es krabbelt. Mit einem lobenden Satz über den sauberen Nachttisch geht sie zur Tür zurück und dimmt das Licht. Lobende Worte spricht nur diese Schwester. Das gefällt mir an ihr. Auf einmal habe ich den Wunsch, sie näher kennen lernen zu wollen. Früher, als ich begann, mich unter das Bett zu dir zu legen, um nicht mehr in den Nächten allein zu Hause zu sein, hatte ich sie wie alle anderen Schwestern gründlich beobachtet und viele Notizen in meine Karteikarten eingetragen. Tagsüber war ich ihr müde hinterhergelaufen und wusste recht schnell wie sie heißt, wo sie wohnte, was sie alles einkaufte, mit wem sie rumlungerte und wohin sie in den Urlaub fuhr. Bei keiner anderen Schwester habe ich jemals soviel Mühe aufgewandt. Ich weiß auch, dass sie, wie ich, keine Geschwister hat und allein bei ihrer Mutter lebt und manchmal deren teures Auto fährt. Und ich weiß, dass sie immer noch keinen Freund hat. Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ob ich ihr einen Freund suchen sollte. Ich hatte für sie Annoncen aufgegeben und ihr über Wochen hinweg die Briefe unter den Scheibenwischer geschoben, in der Manteltasche oder einem ihrer fremdsprachigen Reiseführer versteckt. Genützt hatte es aber nichts. Soweit ich weiß, hat sie nie einem der vielen Bewerber zurück geschrieben. Da hatte ich ihr dann die Liebesbriefe, die ich dir in der Schule geschrieben und in deiner Schultasche versteckt hatte, einfach abgeschrieben. Zum einen um sie endlich mit einem netten Mann zusammenzubringen, denn unbemannte Schwestern sind so ziemlich das Gefährlichste was es gibt. Und zum anderen, weil sie doch immer so lieb zu dir ist. Aber nachdem sie in der Kantine allen erzählt hatte, dass ihr eine unnachgiebige Lesbe Liebesbriefe schriebe, lies ich die Schreiberei bleiben. Ich vermute, meine Handschrift hatte mich damals verraten. Im Verstellen war ich leider noch nie gut. Von jeher mag ich keinen Fasching, kein Ostereiersuchen und auch kein `Ich-sehe-was, -was-du-nicht-siehst`.
Was macht sie da bloß? Sie hantiert immer noch am Bett. Das dauert heute länger als sonst. Ich sehe auf ihre Schuhe, sie hat immer noch ihre alten Birkenstockdinger an. Seit ich ihre Füße hier unten sehe, trägt sie diese alten ausgelatschten Dinger. Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten ein paar neue Wichteln. Das gäbe eine schöne Verwirrung. So etwas kann ich gut. Verwirrungen stiften, ja das mag ich sehr. Welche Größe sie hat, habe ich in meinem Merkbuch eingetragen. Es ist ca. die 40. Beim Gedanken ans Wichteln, sehe ich, dass sie die Fußnägel knallrot lackiert hat. Ich schüttle den Kopf und bin mir sicher, dass ich ihr doch noch einen Mann besorgen muss. Dich bekommt sie jedenfalls nicht!
Endlich öffnet sie die Krankenzimmertür. Sie dreht sich nochmal um, hält dir die ausgestreckte Hand entgegen und macht einen ihren üblichen Luftküsse. Früher machten mich ihre Luftküsse rasend und ich wollte in die Verwaltung gehen und protestieren oder ihr zumindest in die Waden treten. Aber dann hatte ich mir gedacht, dass sie es sowieso abstreiten würde und ich es ja auch nicht beweisen könnte ohne mich dabei zu verraten. Schließlich hatte mich die Angst abgehalten, sie könnte dir etwas antun, oder zumindest nicht mehr so freundlich zu dir sein. Und das wollte ich dir auf keinen Fall zumuten. Manchmal empfand ich ihre Luftküsse auch als eine Art Liebenswürdigkeit und ich war mir nicht sicher, ob sie diese Luftknutscherei auch mit anderen Patienten machte, denn dann wäre sie ein Miststück, oder ob sie diese Liebelei nur mit dir machte, dann war es ihre Art von liebenswürdiger Aufmerksamkeit für dich. Durch meine jahrelange Beobachtung war ich eher der Meinung, dass es Aufmerksamkeit ist. Egal. Ich wusste vom allerersten Tag unserer Beziehung, dass ich höllisch auf dich aufpassen muss. In der Schule, wenn du halb angezogen vom Sport kamst, drängelten sich unsere Klassenkameradinnen um dich, trugen dir die Sporttasche und den Rest deiner Kleidung hinterher oder wollten mit dir ins Schwimmbad gehen. Am Schlimmsten war es, wenn du aus dem Musikunterricht kamst und verträumt vor dich hinschautest. Die Mädchen wollten dann von dir wissen, was du im Unterricht gespielt hattest, was für ein Instrument sich im Beutel befand und ob sie mit dir mal am Abend ein paar Stücke üben durften. Seit ich das mitbekam, wartete ich vor der Schule und begrüßte dich vor allen Mädchen der oberen Klassen, in dem ich dich umarmte. Anschließend ging ich mit dir Hand in Hand Eis essen oder nach Hause.

Mit einem Schwung kullere ich mich unter dem Bett hervor. Ich ziehe mich langsam am Gitter hoch und begrüße dich mit einem überlauten Kuss. Ich mag dieses schmatzende Geräusch, das die Stille in dem wenig beleuchteten Raum beendet und mich unmissverständlich bei euch drei Patienten ankündigt. Manchmal küsse ich dich so oft und so laut und verlängere dabei die Geräusche, bis ich keine Luft mehr bekomme oder Angst habe, du könntest davon aufwachen oder die Schwestern könnten ins Zimmer kommen.
Ich öffne den Nachttisch und krame den großen Silberkamm, den ich mir von dir von unserer ersten gemeinsam besuchten Haushaltauflösung erbettelt hatte und mit dem ich stundenlang alle Haare deines Körpers kämmen konnte, aus dem unteren Fach. Weil du es wahnsinnig geliebt hast, stelle ich mich vor dir auf und kämme mit dem Silberkamm in Zeitlupe durch meine Haare. Dabei drehe ich dir den Rücken zu, schaue über die Schulter und binde die durchgekämmten Haare zu einem Dutt zusammen. Ich strecke meinen Po zu einem Entenhintern heraus, wackle im Watschelschritt eine Runde um den Nachttisch herum und mache dabei das Geräusch einer Ente. Ich stelle mich wieder vor dir auf, schüttle den Kopf und wühle mit einer wischenden Handbewegung deine brave Frisur durcheinander. Ich mag sie nicht. Ich mag die langweiligen Frisuren, die sie dir hier kämmen, überhaupt nicht. Stundenlang habe ich den Schwestern erklärt, dass ich keinen Mittelscheitel, Seitenscheitel oder sonst so einen Opakram haben will; aber keine hat jemals auf mich gehört. Vor Wut frisiere ich dein schwarzes, lockiges Haar wild durcheinander, kämme dir sexy Haarsträhnen über die Augen bis zur Nase und kitzle dich mit deinen eigenen Haarspitzen. Irgendwie bekomme ich jetzt, wo du wieder die tolle, wilde Frisur aus unserer Campingzeit hast, den Wunsch, dir einen megafetten Knutschfleck zu verpassen. Ich beginne exakt an der Stelle unter deiner sichelförmigen Narbe meine Lippen aufzulegen und zu saugen, an der ich mich früher gern zu schaffen gemacht habe. Ich finde deine Haut riecht heute wieder nach Krankenhaus. Sicherlich hat dich am Morgen die ältere Schwester gewaschen. Sie nimmt ständig die Krankenhauskosmetik, obwohl ich es ihr hundertmal verboten habe. Ich rieche noch einmal über deine Krankenhaushaut und öffne mein kleines Fläschchen, das ich mir eigens für diese Momente zugelegt habe und am Hals in einer deiner vielen handgefertigten Lederhüllen unter dem T-Shirt trage. Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke und dein Hemd um die Schläuche herum. Ich tropfe einzelne Tropfen aus dem Fläschchen zuerst auf deine Stirn, auf deine Augenlider, auf deine beiden Brustwarzen, in deinen Bauchnabel, auf die beiden Hoden, die Armbeugen, auf jeden Finger, auf deine Oberschenkel, die beiden Knie und zum Schluss auf jede deiner Zehen. Ich tropfe, bis das kleine Fläschchen völlig leer ist. Mit den Fingerspitzen verreibe ich die Flüssigkeit auf deinem immer noch schönen Körper. Ich schließe die Augen, lege mein Ohr auf deine linke Brustwarze und lausche dem Rhythmus deines Herzschlages. Zufrieden atme ich tief ein und rieche an deiner weißen und nun gut duftenden Haut. Da ich mich auch heute nicht benehmen kann, strecke ich die Zunge heraus, lecke an deiner Haut und habe Lust dir endlich den überfälligen Knutschfleck zu verpassen. Knutschflecke konnte ich schon immer schöne machen. Die wurden bei mir besonders bunt und blieben lange bestehen. Dafür war ich in der Schule berühmt. Ich glaube, mein erster Freund hatte sich deswegen geschämt und ist auch deswegen weggerannt. Ich hole noch einmal tief Luft und sauge an der Stelle, an der ich für gewöhnlich früher meine Knutschflecke hinknutschte. Ich weiß, dass du Küsse magst und dass du auch das Machen der Knutschflecke liebt. Und ich weiß, dass du früher dabei eine Erektion hattest und vorschnell kamst. Manchmal schob ich meine Hand vor dein Glied und wartete bis es bei dir losging und alles auf meiner Hand landete. Ich wusste vom ersten Tag an, dass wir uns lieben und für immer zusammengehören. Und vom allerersten Tag an, wusste ich auch, dass ich es niemals zulassen würde, dass uns irgendwer ungestraft auseinanderbringt.
Ende Teil I

Als ich blieb

Wir schreiben Listen mit Dingen, die wir besser machen wollen. Ab jetzt. Ab gestern. Ab als ich blieb.

Ich will ordentlicher werden und du weniger pingelig. Ich will ruhiger bleiben und du sachlicher. Du willst klare Ansagen und ich mehr Zärtlichkeit.

„Absurd ist das.“, sagst du und stützt den Kopf auf deine Faust. „Absolut.“, sage ich, nehme die Brille ab und reibe mir die Augen. „Hätte ich so eine Liste vor fünf Jahren geschrieben, es wäre die gleiche Liste gewesen.“ „Es sind immer wieder die gleichen Dinge, an denen wir zu scheitern drohen.“ Als ich ‚scheitern‘ sage, stocke ich und du unterbrichst mich. „Scheitern? Wobei?“. Ich klicke die Kulimiene rein, raus, rein raus.

„Es gibt solche Phasen“, sagst du, „die gibt es in jeder Beziehung.“ „Aber das hier ist unsere!“, sage ich. „Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut ist.“ „Was lief eigentlich schief?“ „Nicht viel.“

Du hast gelacht über die Schmiererei auf dem Plakat gegenüber der Haltestelle und ich konnte nicht mitlachen. „Ich kann das nicht lesen auf die Entfernung.“ „Deine Augen sind schlechter geworden.“ „Meine Augen werden andauernd schlechter.“ „Ich mache dir einen Termin beim Augenarzt.“ „Das mache ich selbst.“ „Aber wann?“ „Wenn ich soweit bin.“ „Wann?“, „Dann!“ Und so weiter, und so fort.

Du kennst mich. Du weißt, dass ich mich andauernd vor Arztterminen drücke. Du weißt, dass ich eine irrationale Angst davor habe, zu erblinden. Aber du kapierst einfach nicht, was Gängelei ist und wie sehr ich es hasse, gegängelt zu werden. Ich kenne dich. Ich weiß, dass du deinen Tonfall von der Armee mitgebracht hast und es nicht erträgst, wenn ich unentschlossen bin. Aber ich glaube dir nicht, dass immer alles nur zu meinem Besten sein soll. Wir kennen uns. Vielleicht zu gut. Oder zu lange. Manchmal sind wir keine Wunder mehr sondern Selbstverständlichkeiten. Alltäglichkeiten. Unannehmlichkeiten, sogar.

Du plapperst ständig und ich erzähle nichts. Du putzt zu viel und ich achte die Dinge zu wenig. Du flippst aus, wenn etwas nicht nach Plan läuft und ich habe keine Pläne. Oft haben wir gesagt, dass es nichts anderes als Liebe sein kann, das uns zusammenhält. Kann man Liebe aufbrauchen?

Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut war, als ich neulich mit dem Kopf auf deinem Schoß lag und du mir vorgelesen hast. Gut war, als wir uns eines Nachts auf den kühlen Balkon gelegt haben und Musik hörten, bis es wieder heiß wurde. Dann sind wir rein und haben geschlafen. Gut war, als wir uns letztens im Spreewald verliefen.

Jetzt sind wir ein trockener Wald, ausgezehrt vom erbarmungslosen Sommer und jeder Satz kann die herumliegende Scherbe sein und jede Laune das Licht, dass sich ungünstig darin bricht und andauernd drohen wir abzufackeln mit allem was wir hatten. Haben. Was weiß ich?

Ich hatte meine Tasche schon gepackt, gestern. Ich bin nur noch einmal in die Stube, um mich zu entschuldigen, dass ich nicht alles wegkriege. Da habe ich das zerknitterte Taschentuch in deiner Hand gesehen, und deine Haltung, gekrümmt wie ein Fragezeichen und wie dein Rücken gebebt hat. „Wir dürfen nicht streiten.“, hast du geschluchzt.

Doch, ich will streiten, manchmal. Ja, ich will, dass wir vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Ich will die alten Kamellen durchkauen, den Schnee von gestern aufwärmen, all das wieder rauskotzen, was wir geschluckt haben, denn irgendwo da drin muss einer von uns eine Erklärung finden.

Aber wenn du weinst, vergesse ich, was ich wollte, dann will ich nur eines noch: dich trösten. Ich kann das. Außer gestern, da bist du mir um den Hals gefallen und hast mich angesteckt. Und dass ich weine, kannst du nicht aushalten. Gestern habe ich deinen Hals vollgeweint, deine Haare und dein T-Shirt und konnte mich überhaupt nicht beruhigen. Erst heute kommt es mir grotesk vor, dass du gefragt hast: „Was ist denn nur los?“

Du musst alles sofort reparieren, wenn ich weine, deswegen schwörst du mir, dass alles Mögliche nicht mehr passieren wird. Du wirst mir nichts mehr vorschreiben, mich nie wieder anschreien und nie wieder stundenlang schweigen, schon gar nicht wegen so einem Mist. „Ich glaube nicht an ‚immer‘ und ‚nie‘, deswegen hat es zehn Jahre gedauert, ehe ich dich geheiratet habe.“, „Aber du hast mich geheiratet.“, „Und ich wusste, warum.“, „Weißt du das noch?“, „Ja, ich weiß es.“, „Sicher?“, „Ich weiß es!“

Ich werde nächste Woche 34 und ich habe in meinem Leben bisher drei Menschen geliebt. Alle drei liebe ich noch immer. Meiner Erfahrung nach, höre ich nicht mehr auf, jemanden zu lieben, wenn ich einmal damit angefangen habe. Auch nicht, wenn die Beziehung in die Brüche geht, oder ich die Person völlig aus den Augen verliere. Ob ich dich noch liebe ist leicht zu beantworten. Aber ob ich gehen soll oder bleiben, das weiß ich nicht.

Gut sind deine Bouletten ohne Fleisch, deine Idee, gezuckerte Erdbeeren mit Schlagsahne aufzugießen und wie der grüne Tee schmeckt, wenn du ihn brühst. Gut ist dein kleiner, runder Bauch und wie du die Grammatik verdrehst in deinem Vogtländer Dialekt. Gut sind deine stachligen Wangen.

Entweder habe ich das in einem Beziehungsratgeber gelesen, oder es ist mir selbst eingefallen, jedenfalls glaube ich, dass Liebe die Summe unzähliger Entscheidungen ist. Deshalb sind die kleinen Dinge so wichtig. Jede Entscheidung füreinander ist ein Investment in die Zukunft. (Manchmal platzen Investmentblasen; ich arbeite in einer Bank, das tut mir nicht gut.) Doch, es war ein Beziehungsratgeber. Da stand auch, gleich im Klappentext, dass man das Buch nicht kaufen soll, wenn man nur noch aus Gewohnheit zusammen ist. Dann solle man sich lieber gleich trennen. Ich habe das Buch gekauft.

„Kann es vorkommen, dass sich Zwei lieben und es trotzdem nicht aushalten miteinander?“ Ich nehme mir fest vor, dich zu verlassen, wenn du jetzt sagst: „Wege kreuzen sich, Wege trennen sich, vielleicht ist unser gemeinsamer Weg hier zu Ende.“ Stattdessen fragst du: „Wie sollen es Zwei, die sich lieben nur ohne einander aushalten?“

„Vielleicht müssen wir das versuchen.“, sage ich. „Ich würde gern mal eine Weile ohne dich sein, ich war noch nie ohne dich.“ Vielleicht fliege ich an den Wochenenden nach Helsinki, Amsterdam und Rom, ich hätte ja keinen Hund mehr, auf den zu achten wäre. Vielleicht tanze ich endlich wieder nächtelang durch, da wäre dann ja keiner, der mich um halb neun weckt. Vielleicht gehe ich endlich für ein Jahr nach England, hier würde mich ja niemand vermissen. Bestimmt hätte ich Sex mit Fremden. Bestimmt fehlst du mir.

Gut ist dein schelmisches Lachen, deine kleine Zahnlücke, deine bunten Augen, und wie du damit funkeln kannst. Gut ist, wie du zum Radio singst und tanzt, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Gut ist, dass du mich aushältst.

“Ein Glas wird nicht davon wieder heile, dass du ‚Entschuldigung‘ sagst, nachdem du es hingeworfen hast.“, flüsterst du und stierst zum Fenster hinaus. Ich sehe dich an.

Regenlied

Es hat geregnet in diesen Nächten. In jeder. Und ich habe geträumt. Vom Regen. Auf der Haut. Wie er in jede Pore dringt. Und nichts mehr übrig lässt, außer den Träumen.

Ich habe zugelassen, dass ich überspült wurde vom Regen, der die Tränen verbirgt. Und nasse Strähnen hingen mir ins Gesicht. Und kalte Spuren liefen darüber. Ich sage dir nicht, dass es Tränen waren. Ich hebe die Finger in das fahle Licht der Straßenlaterne. Es ist schon sehr dunkel in dieser Gegend. Und du fährst vorbei, als hättest du mich nie gesehen. Du lügst, ich weiß das. Du kennst mich, bestimmt. Träume ich. Wenn du mich siehst, was siehst du? Was willst du sehen? Ich will dich sehen. In meinen Träumen. Und im Licht der Straßenlampen. Und dein nass strähniges Haar spüren, auf deinem Gesicht klebend. Und die kalten Spuren fühlen. Weil es bei dir nur Regen sein wird.

Du sollst meine Schultern halten. Fester, auch wenn sie nass sind vom Regen. Denn der Regen wird uns verbinden. Das grau und schwarz der Nächte auswischen. Ich möchte, dass es genau so wird. Ich will dich ganz fest halten. Und es wird mir nichts ausmachen, dass du nass sein wirst. Denn der Regen ist unser Zeichen. Für uns beide.

Wir werden uns erinnern. An Tropfen, die auf der Haut zu mehr werden als bloß Wasser. Tropfen, in denen deine Fingerspitzen vorsichtig gezeichnet haben. Auf meiner Haut. Zuerst nur Linien, dann Muster und später auch Buchstaben. Mir war das immer fremd. Ich habe gleich mit ganzen Wörtern angefangen. Und du hast es nie gemerkt. Die Zeit, in der du beginnen wirst mich zu verstehen, wird erst viel später sein. Wir haben diese Zeit. Genug für uns beide. Und Regen. Wir haben auch Regen. Genug für eine lange Zeit. Und beim Frühstück wirst du mich jedes Mal anlächeln und fragen, ob der Regen heute reicht, für uns beide. Und ich werde zurück lächeln. Irgendwann auch nicht mehr so vorsichtig, weil ich dann weiß, dass du auch auf Regen warten kannst, wenn der Himmel blau ist. Aber bis dahin wird es noch dauern.

Ich wende mich in die Richtung, in die du verschwunden bist. Ich erwarte nicht wirklich, dass du dich noch einmal umdrehst. Bei diesem Regen solltest du deinen Blick fest auf der Straße lassen. Nicht, dass dir etwas passiert und meinen Träumen auch nicht.
Es ist gut, dass du vorsichtig fährst. So wirst du gut auf mich achten können. Bald. Ich weiß das. Ich werde in Sicherheit sein, bei dir.
Wenn du nur endlich begreifst. Dass der Regen unser Zeichen ist. Dass deine Regenlinien auf meiner Haut schon längst verwischt sind zu ganzen Sätzen.

Du bist vorbeigefahren. Warum? Ich habe doch auf dich gewartet. Und der Regen hat „sieh mich“ geschrien. Für dich. Und auf dem durchnässten Plakat der Bushaltestelle habe ich dann Regenlinien zu Mustern gemacht. Buchstaben habe ich mich noch nicht getraut, weil die Straßenlampe so direkt darauf geschienen hat. Aber vielleicht nächste Woche. Ich habe Zeit. Ich werde warten. Denke ich. Noch eine Weile. Und der Regen hört auch nicht auf.

 

AnnA-Katharina Kürschner – Vita

Auf die „Warum-schreibst-du?“-Frage antwortet sie:

Buchstaben setzen Zeichen.
Wörter geben den Dingen einen Namen.
Was will ich mehr, als Zeichen setzen und die Dinge beim Namen nennen?
Und sonst kann man vielleicht noch sagen…
Ich bin zum Glück nur noch ein Jahr Schülerin.
Dann geht es in die wilde Welt hinein.
Das Schreiben ist dabei – schon seit den ersten Versuchen – Hut, Stock und Zuhause zugleich.

Lieber Kai,

was passiert ist, siehst Du. Wenn es Dich überrascht, war es richtig. Wenn nicht, erst recht. Kai: Ich verlasse Dich.

Auf der Heimfahrt von Svenjas Taufe habe ich Dich gefragt. Ob mein Gefühl mich täuscht, dass Du mich nicht mehr willst. Ob es wahr ist, dass ich Dir auf die Nerven gehe, sobald ich spreche. Ob es stimmt, dass Du meine Nähe suchst, aber doch nur deine Ruhe willst. Alles Blödsinn, hast du geantwortet. Wie ich darauf komme und was das soll! Dann bist du eingeschlafen. Ich spüre es, Kai. Ich spüre, dass Du zuhause sein willst bei mir. Dass du zu mir gehören willst. Dass Du Dich führen lassen willst, wann immer Du meine Hand greifst. Ich will Dich aber nicht führen. Ich kenne Deinen Weg nicht. Und unser Weg ist lange zu Ende.

Du machst mich nicht mehr glücklich. Und Du bist es nicht mehr. Dein wacher Blick ist ganz schmal geworden, deine Haare kommen mir wie Stroh vor und deine Hände sind kalt. Wann hast Du das letzte Mal mit mir geschlafen? Zählen die fünf Minuten nach meiner Geburtstagsparty? Wann hast Du mich das letzte Mal geliebt? Auf dem Zimmer nach Martins Hochzeit? Du warst betrunken! Wann hast Du mich zum letzten Mal angesehen? Mir einen Kuss gegeben, kein Küsschen?

Wenn Du sprichst, wünsche ich mir, dass Du Dich räusperst, um das Fisteln von deinen Bändern zu wischen. Ich wünsche mir, dass Du etwas sagst. Du sprichst über bedingungsloses Grundeinkommen, über strukturellen Sexismus, über grüne Energie. Je weiter ein Thema von Dir weg ist, umso leidenschaftlicher sprichst Du. Über Dich sprichst Du nicht. Über mich immer nur gut. Wenn ich frage, streiten wir. Das heißt: Ich streite. Du schweigst.

Was hat Dich so grau gemacht? So schwach? So müde? Wir mieten kein Wohnmobil. Wir gehen nicht tanzen. Wir kochen nicht. Wir gehen nicht paddeln, weil dir übel wird. Du grölst nicht mehr mit, wenn sie im Radio einen Ärzte-Song spielen. Du magst Die Ärzte nicht mehr. Funktioniert Dein Lachen noch? Ich erinnere mich kaum.

Ich habe mich verliebt in das, was Du könntest. In Deine Träume, in Deine Ideale und in Deine Klarheit. Du willst einen Roman schreiben, aber du bist seit zwei Jahren auf Seite 34. Du hast eine flache Windenergie-Turbine erfunden, aber der Prototyp verstaubt halbfertig im Keller. Das alte Segelboot hat dein Vater inzwischen verschrotten lassen. Du bewachst dein Potential wie einen Schatz. Du überhöhst Dich mit Deiner Intelligenz. Du behauptest, jeden übertrumpfen zu können, aber du trumpfst nicht auf. Wenn andere scheitern, sagst Du, Dir wäre das nicht passiert. Dir kann nichts passieren, wenn du nichts tust. Du pokerst im Internet. Du guckst Filme. Du verplemperst Dich.

Du verachtest Deine Chefin, aber Du dienst ihr treu. Du verabscheust die Dunkelheit dieser Wohnung, aber wir ziehen nicht um. Nachts drehst Du Dich weg von mir aber Du bleibst in meinem Bett. Warum, Kai? Jede Spinne rettest Du aus dem Bad in die Freiheit. Aber Dich befreist du nicht. Ich auch nicht. Ich habe es lange versucht. Ich glaube, du willst, dass ich dich gefangen halte, weil du dich vorm Freisein fürchtest. Ich bin Deine Ausrede für alles, was Du nicht tust.

Du fürchtest Dich, Kai. Vor dem Kämpfen, vor dem Scheitern und vor dem Gewinnen auch. Mir aber graut vor dem Stillhalten. Erinnerst Du Dich an den furchtbaren Abend beim Italiener? Unser Jahrestag? Die Bilanz und die Diskussion über eine Paartherapie? Du leugnest. Du wiegelst ab. Du spielst Zufriedenheit. Du bittest um Geduld. Alles wird sich fügen. Nichts fügt sich! Warum sollte sich jemals etwas fügen? Du bist unglücklich, ich bin unglücklich!

Ich bin eine tolle Frau, hast Du mir an die Akademie geschrieben. Eine starke, wache, kluge! Ich sei makellos, sinnlich, warm. Warum schreibst Du das in E-Mails, Kai? Warum sagst Du, wir können alles schaffen? Wir schaffen nichts!

Wir sind jung! Wir sind schön! Das hier sind unsere besten Jahre. Wir dürfen die verschwenden, ja! Aber wir müssen glücklich dabei sein. Wir dürfen sie nicht an uns vorbeiziehen lassen, während wir auf richtige Momente warten. Wenn Du wirklich Kinder willst, dann ist jetzt die Zeit dafür. Ich will Kinder. Ich werde Kinder haben. Aber Du bist selbst ein Kind und ich werde keine Zeit mehr verlieren. Du wirst nicht ihr Vater sein.

Siehst Du nicht, wie uns alle überholen? Wie Sven und Caro eine Familie werden? Wie Toni und Anja das Haus ihrer Oma umbauen? Wie Luise Karriere macht? Und Katja? Liest Du die Karten, die uns Enzo aus Indien schreibt? Wie nennt man dieses Vakuum, das wir leben? Wir lügen uns an. Wir spielen diese Rollen, weil wir wissen, dass sie sicher sind. Weil nichts passieren kann. Es muss aber was passieren.
Wer bist Du, Kai? Was willst Du? Leben mit mir? Warum hast Du es dann nie fest gemacht? Mich nie geheiratet? Nie einen neuen Bus mit mir finanziert? Kein Haus mit mir gekauft? Das ist spießig, wir brauchen das nicht. Ich höre, wie Du das sagst! Kai: Warum haben wir kein Kind?

Du bist dir nicht sicher. Du weißt nicht, ob Du das willst. Ich weiß, dass du es nicht willst. Du hast es mir gesagt. Deine Augenbrauen. Wie sie zusammengerutscht sind, als ich Dich auf dem Flohmarkt gefragt habe, ob wir diesen Stubenwagen kaufen wollen. Du warst so irritiert. So erschrocken. Der Gedanke war Dir so fremd. Ich weiß nicht, was du willst. Du weißt es auch nicht. Ein Kind jedenfalls nicht. Du bist feige. Ich auch.

Schon in diesem Moment, da ich diese Zeilen an Dich schreibe, weiß ich dass ich feige bin. Es wäre aufrichtiger gewesen, Dir das alles zu sagen, während Du mir an diesem Tisch gegenüber sitzt und die Nachbarn zum Fenster rein glotzen, weil wir immer noch keine Gardinen haben. Aber das ging nicht. Ich habe mir dieses Gespräch in den letzten Tagen oft vorgestellt. Ich bin Argument und Gegenargument, Rede und Widerrede durchgegangen und immer endete es in der gleichen Katastrophe. Einige Sätze, die ich Dir hier schreibe, habe ich vor dem Badspiegel einstudiert. Ich wollte sicher sein, dass an ihren Rändern nicht doch das eine Gefühl zu Dir herüberblitzt, das ich Dir so gern ersparen möchte. Mitleid.

Du hättest versucht mich zu halten, Kai. Das weiß ich. Warum, weiß ich nicht. Du hättest Zugeständnisse gemacht, Einsicht gezeigt und Besserung versprochen. Du hättest Pläne geschmiedet, Termine vereinbart und Farben zum Renovieren gekauft. Du hättest geweint und gefleht und gebettelt, dass ich bleibe. Du hättest vor mir auf den Fliesen gekniet und deine Würde verloren. Ich will Deine Würde nicht, Kai. Du brauchst sie, das Bisschen, das Du hast.

Es gibt nichts, das Du hättest tun können, um mich umzustimmen. Es gibt nichts, dass Du hättest sagen können, um mich zu überzeugen. Es gibt überhaupt nichts mehr zu sagen, Kai. Meine Entscheidung steht. Ich will sie Dir mitteilen, auch ihre Hintergründe. Aber ich will sie nicht diskutieren. Du findest das arrogant und egozentrisch. Du findest, ich sollte mir auch Deinen Teil der Geschichte anhören. Ich sollte wissen, was meine Worte in Dir auslösen. Womit ich vielleicht recht habe, vor allem aber, womit ich falsch liege. Aber ich bin fertig, Kai. Jede Diskussion wäre Schauspiel meinerseits.

Bitte suche mich nicht. Du würdest mich nicht wiederfinden auch wenn Du mich fändest. Ich möchte nicht länger die sein, die ich in deiner Gegenwart bin. Und ich will, dass Du frei bist. Wozu auch immer. Bitte rufe mich nicht an. Bitte hole mich nicht von der Arbeit ab. Ich will, dass Du kämpfst, ja. Aber nicht um mich.

Lebe wohl, Kai.
Und ich meine das: Lebe wohl!

Mira

Durch eine mit einer rot-weiß-gestreiften Plastikhülle überzogene Büroklammer ist ein weiterer Bogen Papier an dem Brief befestigt. Darauf:

Dinge, die ich Dir lasse, obwohl sie uns beiden gehören:
– Vorräte
– Polstergarnitur
– Messerblock und Induktionstöpfe

Dinge, die ich mitgenommen habe, obwohl sie uns beiden gehören:
– Stehlampe im Wohnzimmer
– iPad
– das gute Geschirr
Das Besteck habe ich geteilt.

Dinge, die ich die hier lasse, obwohl sie mir gehören
– Lavalampe
– Schaukelstuhl
– Orchideen

Dinge, die ich mitnehme, obwohl sie Dir gehören
– Nudelmaschine
– Schmale graue Kunstlederkrawatte
– Heizdecke

Dinge, die ich verkauft habe, obwohl sie Dir gehören:
– Mikrowelle
– Playstation
– Model-Lokomotvien
Das Geld ist im Umschlag. Kauf Dir was Schönes.

M.

Waltraud

+ Barbarusia möchte jetzt mit Ihnen reden +

Wer ist in der Leitung?

+ Auf alle Fragen eine klare Antwort +

Ich bin´s wieder, die Waltraud!

Hallo Waltraud, wie kann ich mit meinen universellen Tiefenkräften behilflich sein?

Ich wollte nach meinem Ältesten fragen… er ist seit über acht Monaten spurlos verschwunden und die Polizei kann ihn immer noch nicht finden. Und da dachte ich… da wollte ich… da möchte ich Sie nochmal bitten, Frau Barbarusia, ob Sie in der Zwischenzeit erfahren haben, ob er lebt, was er macht, ob es ihm gutgeht? Ich meine… ich weiß nicht weiter?

Ja, und was ist jetzt deine Frage, Waltraud? Wohin soll ich meinen engelsenergetischen Strahl schicken?

+ Sie können der Nächste sein. Rufen Sie sofort an +

Frau Barbarusia, richten Sie ihren Strahl zu meinem guten Jungen, ich… ich. Wissen Sie nicht mehr? Frau Barbarusia? Ich bin´s, die Waltraud! Ich habe Sie doch in den letzten Monaten immer wieder angerufen. Ich habe gespart, ich habe alle Sachen, die Sie mir empfohlen haben, gekauft. Alle! Ich habe wieder etwas Geld. Ich mache alles so, wie Sie es gesagt haben.

Ach, du bist´s, meine liebe Waltraud. Ich habe deinen Anruf vorhergesehen, ich wusste, dass du mich heute wieder anrufen würdest. Und deswegen habe ich einen Teil meiner kostbaren Energien für dich zurückgehalten, um sie dir jetzt zu schenken…

+ Barbarusia hilft Ihnen aus ihrer Lebenskrise. Rufen Sie an +

Meine liebe Waltraud, ich habe in den letzten Tagen mehrfach versucht mit deinem Jungen Kontakt aufzunehmen, aber die uritanischen Wolken verschleiern durch einen monofensorischen Einfluss meine Sicht… ich habe wirklich alles versucht, aber die uritanischen Wolken von links, die trisurdischen Gegenschwingungen von rechts, von oben die intergalaktische Fehlwolkenbildung und dazu noch der sehr, sehr kräftige monofensorische Einfluss… naja, Waltraud, da weißt du ja selber…Waltraud, gell, ich schaue jetzt trotzdem nochmal in die hochenergetische Kugel…

+ Rufen Sie an und Barbarusia gewährt Ihnen ein Telefonat ins Jenseits +

Lebt er noch, Frau Barbarusia? Wo ist er? Hat er genug zu Essen? Mir ist ganz schlecht… ich habe wieder die Nacht nicht geschlafen!

Also, Waltraud, soweit ich´s sehe, im Jenseits, im Jenseits ist er jedenfalls n-o-c-h nicht gelandet.

Das können Sie erkennen, Frau Barbarusia? Können Sie mir das versprechen? Stimmt das wirklich?

Ja, Waltraud, seit meinem fünften Lebensjahr sehe ich Verstorbene. Ich bin mit ihnen in reger Verbindung, unterhalte mich mit ihnen, so wie ich mich mit Dir unterhalte. Du hörst mich doch auch Waltraud, oder e-t-w-a nicht…?

Ja, ja, ich höre Sie sehr gut, Frau Barbarusia, sehr gut…

Das ist für mich mit meinen angeborenen transnistischen Engelsenergieströmen ü-berhaupt kein Problem, da mach´ dir mal keine Sorgen, gell´, den Transnismus, den habe ich schon während meiner Geburt in mich eingesogen. Meine Mutter war eine Engelsfrau, also bin ich eine Engelsgeborene, da kann ich auch nix für…also, deswegen kenne ich mich mit dem Jenseits aller-bestens aus, da bin ich sozusagen zu Hause. Im Jenseits, meine liebe Waltraud, ist dein Junge jedenfalls nicht eingegangen, das sagen mir soeben meine befreundeten Engel vom goldenen Tor.

+ Wählen Sie sich in eine der noch wenigen freien Leitungen ein, Barbarusia ist gleich für Sie da +

Wissen Sie, mein Frank ist ein guter Junge, der hat mir in all den Jahren nie Kummer gemacht… über 50 Jahren wohnt er nun schon bei mir. Und seit mein geliebter Mann einfach nicht mehr wieder gekommen ist… und die beiden anderen Jungs…auch sozusagen raus sind… den einen, den darf ich jeden Monat einmal von Amtswegen besuchen und der andere, naja, die Frau hat ihn gegen mich aufgehetzt… seit, seit die beiden anderen Jungs also auch raus sind, da hat doch mein Frank das Zimmer für sich ganz allein und kann sich Nacht für Nacht alle Sendungen von Ihnen angesehen und anrufen. Erst habe ich geschimpft, wissen Sie, ich… wir sind ja eigentlich katholisch… da habe ich geschimpft, weil er sein ganzes, sein sauer verdientes Geld… also das schöne Geld dafür ausgegeben hat. Wissen Sie und jetzt bin ich heilfroh, dass ich Sie über die Lieblingssendung von meinem Frank kennen gelernt habe. Ich wüsste gar nicht… was ich ohne Sie, Frau Barbarusia…

… Waltraud, als deine treue Helferin aus dem Jenseits werde ich jetzt nur für dich nochmal die Erdoberfläche mit meinen hochenergetischen Kristallschwingungen absuchen, vielleicht finde ich ihn dieses Mal. Wenn nicht, musst du wohl noch ein Weilchen Geduld haben und noch eins… zwei… vielleicht auch ein drittes Mal bei mir anrufen. Wie war das den nun am letzten Tag mit euch beiden, Waltraud, erzähl mir mal schnell? Erzähl´ es mir, lass es raus, ich sauge es in mich auf, ich neutralisiere es für dich, meine liebe Waltraud, ich neutralisiere alles was du mir jetzt sagst, al-les!

+ Sichern Sie sich heute die Reichtumsenergie +

Ich habe ihm gesagt, er soll das Radio nicht so laut machen und die Klospülung nicht bei jedem Bisschen benutzen und er soll pünktlich nach Hause kommen. Jedes Mal warte ich an der Tür… Er hat wie immer geschimpft und ist ohne sich zu verabschieden auf Arbeit gegangen, …aber dort ist er nicht angekommen. Und wiedergekommen ist er auch nicht. Frau Barbarusia, ich brate seit acht Monaten jeden Tag sein Lieblingsessen, Bratkartoffeln mit Kümmel und Buletten mit viel Estragon, um mich… wenn er wieder nach Hause kommt, zu entschuldigen. Ich… ich stelle jeden Tag das Essen in den Kühlschrank, und wenn das Kühlfach voll ist, räume ich es…. Ich weiß doch auch nicht, was ich sonst noch machen soll? Frau Barbarusia, er ist doch ein so guter Junge. Wissen Sie, ich bin so froh, dass ich ihn durch die Schulzeit bekommen habe… er hat mir nie, nie Kummer gemacht. Ich bin so froh, dass ich ihn damals aus der Mopedclique bekommen habe, er ist ein guter, ein guter Junge, das mit dem blauen Moped hatte er auch wieder schnell vergessen, Sie wissen doch, die Jungs und ihre Flausen …

Lass die schlechten Energien raus, Waltraud, immer raus damit, ich atme das alles in mich hinein! Lass sie raus, ich neutralisiere das alles für dich, ich neutralisiere die schwarzen Energien aus deinem Körper, ich sauge sie in mich auf, ich mache sie weiß, mache sie schneeweiß, hochweiß, ultraweiß, Waltraud…

Auch die Kleidung lege ich jeden Tag für ihn hin, Frau Barbarusia… und seine fünf Euro spare ich für ihn in seinem Sparschwein. Das Geld kann er nachzählen, das ist alles da. Die zwei Glücksschweine stehen auf seinem Nachttisch, 880 Euro sind zusammengekommen, 880 in Ein-Euro-Münzen. Ich gestatte ihm auch ein Moped, wenn er will… ein Moped wollte er immer… wenn er doch nur wiederkäme, ein Moped, ich habe schon nachgefragt, ein blaues… blau mochte er…

Genau, das meine ich, Waltraud! Da musst du wohl unbedingt g-a-n-z tief in dir nachsehen, da musst du in dich w-e-i-t reingucken, da musst du in dir kom-plett aufräumen, da ist etwas mit euch beiden in eurem schönen Glückshaus passiert, mit eurem Karma, etwas, das so nie-mals mit euch hätte passieren dürfen, verstehst du Waltraud! Da sind Strahlen gebrochen worden. Strahlen… das geht nicht ohne Bruch von Lebenskarma. Kein Wunder, dass es dir schlecht geht. Kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst. Das ist alles ü-berhaupt kein Wunder. Wundert mich ü-berhaupt nicht. Aber wir beiden, du, meine liebe Waltraud und ich, wir beiden bekommen das schon wieder in den Griff. I-c-h bringe den Frank zurück und d-u erneuerst in der Zwischenzeit dein zerbrochenes Karma, gell´, meine liebe Waltraud!

Frau Barbarusia, dann bin ich wohl doch an allem Schuld?

Waltraud? Wenn du g-a-n-z tief in dich hineinschaust, dann kennst du die Antwort genau! Das muss ich dir doch nicht sagen, Waltraud. D-u und nur D-u kennst die Antwort! Stimmt´s, Waltraud! Ich empfehle dir dringend eine spirituelle Selbstreinigung mit Kristallquarzpaste, dann siehst du alles unverstellter, klarer, mit gereinigtem Blick. Mit der wertvollen Paste kann ich dir auch zwischendurch aushelfen, wenn du… ich meine… wenn sie dir im Moment fehlt. Ich weiß, du brauchst sie drin-gend. Waltraud, alles kein Problem, wenn du willst, Waltraud, kannst du sie gleich bei mir bestellen, kostet für dich… ich meine wegen der Sache mit dem Frank, fast nichts, für dich so gut wie gar nix. Waltraud, ich bin doch kein Unmensch! Als Engelsgleiche hat Geld für mich sowieso keinerlei Bedeutung, kei-ner-lei Bedeutung!

+ Ihr Schicksal in Barbarusias Händen +

Frau Barbarusia, ich habe mich immer um ihn gekümmert. Ich habe ihm das Essen gemacht, ich habe seine Wäsche gewaschen, sein Zimmer aufgeräumt, jeden Tag ein frisch gebügeltes Hemd über den Stuhl gehängt, täglich eine Schachtel Zigaretten und Kaugummi in die Tasche gesteckt, jeden Tag fünf Euro Taschengeld in geputzten Ein-Euro-Stücken auf seinen Platz gelegt und habe die Brote dick mit Wurst beschmiert und meinen Jungen danach geweckt. Nicht einen einzigen Tag ist er zu spät auf Arbeit gegangen, egal wie lang er sich ihre Sendungen ansah. Dafür habe ich gesorgt. Frau Barbarusia, was habe ich denn verkehrt gemacht? Was? Ich verstehe das alles nicht? Nacht für Nacht stelle ich mir die Fragen, die Sie mir in den letzten acht Monaten gestellt haben. Irgendwann hätte er ein tüchtiges Mädchen mit heimgebracht und wir hätten viele Kinder gehabt. Irgendwann. Manchmal habe ich ihn auch gefragt, warum er keine mitbringt… da hat er dann immer laut reagiert. Ich hätte gewiss gegen ein ordentliches Mädchen überhaupt nichts gehabt, Frau Barbarusia.

Waltraud, du musst g-a-n-z dringend ein spirituelles Sitzbad nehmen, nur dann, und nur dann wird´s besser mit dir und deinem… Wenn ich mich nicht täusche, empfange ich jetzt ganz schwache Signale von deinem, vom…

…von meinem Frank?

Ja, von deinem gu-ten Frank, Waltraud!

+ Hier erfahren Sie die ganze Wahrheit über ihre Sterne +

Was sagt er, Frau Barbarusia? Geht´s ihm gut? Was macht er? Hat er genug zu essen?

Das kann ich nicht sagen, dafür ist das Signal auch dieses Mal zu schwach, Waltraud, was du aber auf jeden Fall drin-gend machen musst, ist eine energetische Vollwaschung, am besten mit Amethrincreme, Bergkristallwasser und doppeltem Alttitansalz. Und nimm dazu meine spezielle Sondermischung Gravitationsstaub! Dann kann nix mehr schiefgehen, überhaupt nix! Meine Mischung wird dir auf dem Weg ins Licht die notwendigen Kräfte bringen. Ich kann dir die kostbaren Sachen besorgen, ü-berhaupt kein Problem. Musst du nur bei mir bestellen. Ich würde dir einfach die doppelte Menge reinpacken, die doppelte, weil ich weiß, dass du im Moment die doppelte Menge brauchst, gell´, Waltraud, einfach das Doppelte reinpacken, das Doppelte, für dich, meine liebe Waltraud, natürlich wie immer für dich zum halben Preis…

+ Keine ungeklärten Fragen – auf alles eine klare Antwort +

….und nachdem, was ich in der Kugel außerdem se-he… meine liebe Waltraud…

Ja, Frau Barbarusia?

… besitzt du bis zum Jahresende den Selbstheilungsmodus. Danach ist der Modus für den Rest des Lebens restlos aufgebraucht. Da brauchst du g-a-n-z dringend das neue Selbstheilungsstarterset, Waltraud, ohne das geht bei dir gar nichts mehr, ü-berhaupt nichts mehr, hörst du ü-berhaupt nichts! Gell´, meine liebe Waltraud. Dann schläfst du auch wieder besser. Das ist alles, alles kein Problem, da würde ich dir etwas abgeben von meinen privaten Reserven, einfach abgeben. Natürlich, nur wenn d-u willst… d-u wirst auch heute wieder bestellen. Ich weiß, d-u machst das! Etwas von meinem Privaten abgeben, Waltraud, gell´, von meinem wenigen Engelskontingent! Gebe ich gern, Waltraud… für dich… wegen Frank!

Frau Barbarusia, wann kommt mein guter Junge den nun zurück?

Die hochfrequenten supraleitenden Schwingungen aus der Kristallkugel lassen nach, aber Frank will, sagt er, dass du weiter für ihn sein Lieblingsessen machen sollst und dass du auf ihn warten sollst. Er sagt, er wird sich bei dir melden, das hat er mir soeben noch gesagt… nicht heute. Wann? Das weiß er noch nicht, aber an eurem Lieblingsplatz wird er sein, an dem ihr so gern gesessen habt, du weißt schon, du sollst in der Zwischenzeit in dich gehen… du weißt warum, sagt er… die Signale werden schwach… er sagt, er ist schon im Licht, er badet im Licht, seine Seele glänzt, er ist in einer glücklichen Situation, er erneuert sich ganzkörperlich… die transnistrischen Schwingungen in meiner Kugel lassen nach, Waltraud, ich kann unseren Energiestrom nicht mehr, nicht mehr aufrechterhalten, tut mir leid… tut mir, tut mir leid… die Verbindung ist abgebrochen… ich hö-re, blau, irgendetwas von einem blauen Fahrzeug…

Ein Moped? Bestimmt ein Moped, Frau Barbarusia, ein Moped, das wollte er schon immer, aber wegen der Prophezeiung, die Sie ihm gegeben haben… da habe ich´s versucht, zu verhindern. Können Sie das verstehen, Frau Barbarusia?

 

… blau, ein blau-es mit viel Chrom, Waltraud, das hat er eben gesagt!

Was sagt er noch! Was sagt mein Frank… an unserem Lieblingsplatz, der Gartenbank? Wann soll ich nochmal bei Ihnen anrufen, Frau Barbarusia? Was brauche ich alles für meine Selbstreinigung?

+ Bitten Sie Barbarusia um ihre kostbare Engelsenergie +

Waltraud, das Selbstreinigungsstarterset schicke ich Dir natürlich so schnell wie möglich zu, ich merke doch, dass du es dringend, g-a-n-z dringend brauchst. Eine kluge Entscheidung! Du spürst genau was du brauchst. Bleib´, bleib´ in der Leitung, wir nehmen nur schnell deine Daten auf. Setz Dich auf die Gartenbank, hat er mir eben noch gesagt, denke an ihn, hat er gesagt, brate Buletten mit ganz viel Estragon, hat er eben gesagt, denke über euch beide nach, du weißt warum. Warte auf der schönen, gemütlichen Gartenbank und kaufe das blaue Moped, kaufe es von seinem Geld, hat er noch zu mir gesagt. Stell´ das Moped neben die Gartenbank und warte, warte auf ihn, warte…dann wird alles gut!

+ Mit Barbarusia zur Reichtumsenergie +

Frau Barbarusia, wann können Sie wieder eine Verbindung herstellen? Geht es gleich jetzt nochmal? Bitte noch einmal!

Die Zeit ist schon wieder vorbei, Waltraud. Tschüssi, meine liebe. Dir alles Gute. Ich hoffe, ich konnte Dir auch heute wieder helfen. Tschüssi. Dir alles, alles Liebe, Waltraud!

+Barbarusia bringt auch Ihnen die Stimmen aus dem Jenseits direkt nach Hause+

Frau Barbarusia… ich bin´s… die Waltraud… Hallo…Hallo, ihre Waltraud, ihre Wal… Wal…?

Einsvierzig mal zwei Meter

Deine Fingerspitzen zucken, deine Nägel kratzen über meine Haut. Du machst eine Faust: ich bin wach. Deine Faust liegt auf meiner Brust, sie ist schwerer als deine Hand war. Ich spüre meinen Puls und höre deinen Atem. Ich drehe meinen Kopf, aber um den Wecker zu sehen, müsste ich meinen Körper drehen. Das wage ich nicht: du schläfst. Erfahrungsgemäß ist es kurz nach drei und es wird kurz vor vier sein, bevor ich wieder einschlafe. Dem Beben deines Körpers zufolge dauern deine Träume sieben bis neun Minuten. Einmal hat ein Traum vierzig Minuten gedauert; darin ging es um einen Einbrecher, der alles in deiner Wohnung fotografierte, während du dich im Schrank versteckt hieltest. Genau konntest du dich nicht erinnern; woran hättest du dich erinnern sollen, im Schrank war es dunkel. Trotzdem darf ich dich nicht mehr fotografieren, seitdem.

Ich drehe den Kopf in die andere Richtung, ich wende mich dir zu. Ich beobachte das Zucken deiner Mundwinkel und wie sich deine Kiefer gegeneinander verschieben. Ich hoffe, dass sich deine Lippen öffnen, damit ich von ihnen lesen kann. Ein einziges Mal hast du im Schlaf gesprochen; du hast „Nein. Mein.“, gesagt. Ich bin mir sicher, denn damals lag meine Hand auf deiner Brust und ich spüre noch, wie sie bei den N´s vibrierte. Ich habe dich zugedeckt, weil ich dachte, du frierst. Du bist aufgewacht, hast „Weg, weg!“ gerufen, dir die Decke über den Kopf gezogen und mir den Rücken zugewandt. Am nächsten Morgen konntest du dich nicht erinnern; ich glaube, du wolltest nicht. Sich nicht erinnern können ist deine Art, ohne eine Diskussion Nein zu sagen.

Ich studiere das Zucken deiner Wimpern. Ich verfolge deinen Blick, dessen Richtung sich unter deinen Lidern erahnen lässt. Deine Lider sind nur dünne Häutchen, aber sie trennen uns. Ich will wissen, was du siehst; ich will von dir wissen. Ein einziges Mal ist mir das bisher gelungen, da habe ich Furcht in deinem Gesicht gelesen; Furcht, vor etwas, das sich langsam nähert und dann Verzweiflung, weil du nicht wusstest, wohin. Ich wollte ein Ausweg sein und habe dir meine Hand auf die Wange gelegt; da hast du nach mir gebissen, schließlich hättest du mir angedroht, mich zu beißen, nächstes Mal. Als ich dich fragte, wann du das gesagt haben willst, hast du die Brauen zusammen geschoben, dir die Decke über den Kopf gezogen und mir den Rücken zugewandt. Am nächsten Morgen zeigte ich dir die Bissmale; du warst erschrocken, dann hast du mit den Schultern gezuckt und mich daran erinnert, dass man schlafende Hunde besser nicht weckt. Ich habe dir nicht widersprochen, denn du hast keine Ahnung von Hunden. Wenn es aber einen Hund gibt in unserer Beziehung, dann bin das ich.

Im Winter haben wir deine Mutter im Gebirge besucht. Sie sagte, sie mag keinen Besuch über Nacht, dabei hat sie drei leer stehende Schlafzimmer, die sie als Gästezimmer bezeichnet. Ich glaube, sie mag nur mich nicht über Nacht; ich glaube, sie mag mich nicht, und dass es damit zu tun hat, dass du jetzt bei mir wohnst. Manchmal schüttelte sie sich kaum merklich, bevor sie mir antwortete; als ich wissen will, wer ihr Gesellschaft leistet, antwortete sie mir gar nicht; niemals fragt sie mich zurück.

Wir schliefen also nicht in einem der Gästezimmer, sondern in einer kleinen Hütte, die dir dein Vater zum 13. Geburtstag gezimmert hatte, auf der äußersten Ecke des Grundstückes, fast schon im Wald. In jener Nacht hast du zum ersten Mal geträumt und als du aufwachtest, war die Nacht zu Ende, obwohl es lange noch nicht dämmerte. Du warst dir sicher, es sei jemand in deiner Hütte gewesen; ich war mir sicher, dass du nur geträumt hattest. Das sei unmöglich, du erinnertest dich sehr klar an jemanden und an deine Träume würdest du dich nie erinnern. Diesmal erinnerst du dich eben, hielt ich dagegen, denn ich war vor dir wach und außer uns beiden war niemand hier. Die Fußspuren im Schnee fielen dir erst auf, nachdem ich zu deiner Beruhigung eine Runde um die Hütte gedreht hatte; es waren meine Spuren, aber das entspannte dich nicht. Die kleine Pfütze auf der Türschwelle entdecktest du erst, nachdem ich meinen Mantel zurück in den Schrank gehängt hatte; es war meine Pfütze, vom Schnee, der aus meinen Sohlen geschmolzen war; aber das war keine Erleichterung für dich. Du hast dich unter unseren Decken verkrochen und ich habe auf dein Geheiß die Hütte durchsucht, auch, wenn du mir nicht verraten wolltest, nach wem. In der Schublade fand ich einen Handspiegel, der weder dir, noch mir, noch deiner Mutter gehörte. Er hatte blinde Flecken, wahrscheinlich wollte ihn deshalb niemand mehr; mein Gesicht war voller dunkler Male, als ich hineinsah. Der Spiegel war kein Indiz für mich, für dich aber war er ein Beweis, auch, wenn du nicht sagen konntest, wofür.

Seit dieser Nacht träumst du und ich schlafe nicht mehr neben dir; ich döse nur, wie ein Hund, dessen Augen nie ganz geschlossen sind, dessen Augen sich unwillkürlich öffnen, sobald sich etwas tut in seinem Revier. Mein Revier bist du, auch wenn du das bestreitest; du bist eine Katze und willst niemandes Revier sein, dabei brauchst du es warm und sicher und dabei brauchst du seit dieser Nacht jemanden, der die Wohnungstür zwei Mal abschließt vor dem Schlafengehen. Du brauchst jemanden, der neben dir wacht, wenn du träumst, auch wenn du das nicht zugeben würdest.

Du wirfst den Kopf hin und her, auf deiner Stirn hat sich ein glänzender Schweißfilm gebildet. Du ächzt, aber du sagst nichts. Ich darf dich nicht wecken, dabei wäre dich zu wecken das Einzige, was ich für dich tun könnte. Dann aber wärest du den ganzen Tag wütend auf mich. Du würdest mich darüber belehren, dass du deinen Schlaf bräuchtest und dass dein Schlaf dir gehöre und einem geheimen Rhythmus folge, den ich nicht zu stören habe. Du würdest so weit gehen, zu erklären, dass es ein Privileg für mich sei, meinen Schlaf an deiner Seite verbringen zu dürfen, dass ich die Grenzen dieses Privilegs jedoch überschritt, wenn ich deinen Schlaf mit meinem Wachen störte. Das alles hast du schon einmal gesagt, und ich glaube, du hast es gesagt, um dich zu rächen für die Sekunde deines Erwachens; die Sekunde, in der ich deine Irritation und deinen Unmut gesehen habe, in der ich dein Wesen frei von Höflichkeit gesehen habe; in der ich gesehen habe, dass dein Wesen, dem eines Tieres gleicht, dem einer Katze, die sich den Rest des Tages auf dem Schrank verkriecht, nachdem man mit Blitzlicht ein Foto von ihr aufgenommen hat.

Ich möchte geweckt werden, wenn ich schlecht träume; ich träume immer das Gleiche und das quält mich. Ich habe dich gebeten, auf mich zu achten, wenn ich schlafe – es würde mich nicht stören, wenn du mich dabei in meinem Wesen erkennen würdest – aber du hast das Kinn nach vorn geschoben. gefragt, wie du auf mich achten sollst: du schläfst. Das Kinn nach vorn schieben und eine Frage stellen, ist deine Art ohne eine Diskussion Nein zu sagen. Damit war bewiesen, dass du die Katze bist und ich der Hund, denn ich kann auf dich achten, selbst wenn ich schlafe.

Wenn ich schlecht träume, träume ich, dass mein Telefon klingelt. Ich befinde mich in wechselnden alltäglichen Situationen, plötzlich klingelt mein Telefon. Ich nehme es aus der Tasche; auf dem Bildschirm wird eine Nummer angezeigt, die ich nicht kenne. Das ist alles. Ich wache schweißgebadet auf; manchmal wache ich schreiend auf, dann bist du auch wach. Du fragst nicht, was ich geträumt habe, sondern wer dran war; du kennst meinen Traum. Du küsst mich auf die Stirn, wenn ich zugeben muss, wieder nicht rangegangen zu sein. Routiniert analysierst du, dass ich zu sehr an dir hinge, und dass das nicht gut für mich wäre. Noch nie war etwas so gut für mich wie du, an was soll ich mich sonst hängen? Du willst mich lieben, weil du mich lieben willst, und nicht, weil dich zu verlieren die größte Katastrophe wäre, die mir zustoßen könnte. Ich nicke, du wendest mir den Rücken zu. Während du schon wieder eingeschlafen bist, liege ich noch wach und grüble, wie ich die Katastrophe verhindern kann: Eines Tages wird dir etwas zustoßen und dann wird man mich anrufen, um mir zu sagen, was. Sobald ich meine Augen schließe, sehe ich den Handybildschirm vor mir. Aus der Erinnerung versuche ich, die Nummer zu rekonstruieren; ich möchte die Nummer anrufen und fragen, was passieren wird, damit ich es verhindern kann. So kann ich nur vermuten: ich habe dich gebeten, nicht mehr mit dem Rad ins Büro zu fahren, sondern mit dem Bus, das ist sicherer. Du hast mir übers Haar gestrichen und gelacht. Mir übers Haar streichen und lachen, ist deine Art, ohne eine Diskussion Nein zu sagen.

Deine Lippen öffnen sich trocken und langsam, jetzt atmest du durch den Mund. Wenn deine Lippen so klebrig aufspringen, dauert es meistens nicht mehr lange, bis du ruckartig einatmest und dann nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Höhepunkt deines Albtraumes ist. Ich weiß nicht, ob du gleich anfangen würdest zu schreien, ob du in einer Minute selbst wachwerden würdest oder in zwei Minuten zurück in einen tiefen Schlaf fielest. Ich weiß es nicht, weil ich es weiter noch nie geschafft habe. Wenn du so ruckartig einatmest, dass deine Stimmbänder schwingen und wenn du danach ganz und gar verstummst, muss ich dich wecken, weil ich überzeugt bin, dass du in Gefahr bist; im Traum vielleicht, bestimmt aber in Wirklichkeit: Du musst atmen, ich will es so.

Ich hoffe, dass du vorher aufwachst, dass du von selbst aufwachst, aufschreckst, dich aufsetzt, vielleicht aufschreist. Ich will dann da sein. Ich stelle mir vor, dass du brüllst und um dich schlägst, damit ich einen Grund habe, dich an den Handgelenken zu packen und sanft zurück in die Kissen zu drücken. Ich stelle mir vor, wie ich dir in die Augen sehe, fest und ruhig, und „Alles ist gut.“ sage. Tonlos forme ich die Worte, sie fühlen sich gut an auf meinen Lippen, ich will sie zu dir sagen dürfen; ich will sie sagen dürfen, in einer Situation wie dieser, in der „Alles ist gut“ so sehr stimmt, wie niemals sonst. Ich will, dass du keinen Grund hast, mir zu widersprechen.

Und dann will ich mit meinen Händen fühlen, wie die Spannung aus deinen Händen weicht und ich will mit meinen Augen sehen, wie die Furcht aus deinen Augen verschwindet. Ich werde nicht blinzeln, ich werde nicht riskieren, die Sekunde zu verpassen, in der du mich erkennst; du erkennst mich manchmal und das sind die schönsten Sekunden. Ich werde meinen Griff lockern, damit du deine Arme um mein Genick legen und deinen Körper an meinen ziehen kannst. Und wenn meine Lippen deinem Ohr am nächsten sind, werde ich dich fragen, wer in der Hütte war und was passiert ist und „Ach, du!“ werde ich nicht als Antwort akzeptieren. Ich glaube dir nicht, dass du dich nie an deine Träume erinnern kannst; aber so kurz nachdem du aus einem Albtraum aufgewacht bist, könnte ich es dir so wenig glauben, dass ich mit dir streiten müsste.

Deine Lippen schließen sich wieder und du machst „Mm“. Dein Kopf fällt zur Seite und deine Lippen schürzen sich kurz. Ich atme ruckartig ein und halte die Luft an. Das ist der Moment, an dem ich in deinem Traum vorkomme. Mein Name beginnt mit M und du hast deine Lippen geschürzt. Ich stelle mir vor, wie ich dich im Traum küsse und dann küsse ich dich. Ich muss es ganz sanft machen, um dich nicht zu wecken, diesmal.

Du streckst dich und lässt alle Luft aus deinen Lungen entweichen. Dann öffnest du kurz deine Augen und steckst deinen Kopf unter mein Kinn.
Wir schlafen.

Hoch zwei

Wir setzen auf Eile am Montagmorgen. Wir schlafen so lange, dass wir beim ersten Piepen des Weckers sofort aufstehen müssen, sonst verpasse ich meinen Zug und du deinen Bus. Während ich im Bad bin, schmierst du mir Brote; während du im Bad bist, packe ich. Wir brauchen 43 Minuten für unsere Routine, deswegen steht der Wecker auf 6:17 Uhr. Früher sind wir 6:15 Uhr aufgestanden, aber dann hatten wir nach dem Rasieren, Deodorieren und dem Tee noch zwei Minuten übrig. Du hast dich dann noch zwei Minuten zu mir gesetzt, wir haben zwei Minuten gesprochen oder ich habe zwei Minuten mit der Hündin gespielt. Dann ging es uns schlechter. Es hat sich bewährt, stattdessen zwei Minuten länger bewusstlos zu bleiben.

Ich ziehe den Reißverschluss bis unter die Nase, damit mir der Regen nicht in den Nacken tropft. Geradeaus gibt es nichts zu sehen; Dunkelheit ist schwarz und Kälte hat keine Farbe. Der Weg ist matschig und schmal, also fällt mein Blick auf den Boden.

Ich befürchte, spät dran zu sein, aber ich bin zu faul, die tief vergrabene Hand aus der Jackentasche zu ziehen um das zu prüfen; zumal ich dadurch nicht pünktlicher würde. Ich versuche mir einzureden, mich auf mein Talent zur Pünktlichkeit zu verlassen. „Sich auf ein Talent verlassen“ klingt besser als „ein Talent missbrauchen“. In Wirklichkeit will ich diesen Zug nicht erreichen; er fährt mich weg von dir. Er fährt mich an einen Schreibtisch, an dem ich der kleinen Uhr rechts unten fünf Tage lang beim Hochzählen zu sehen werde, bevor mich ein anderer Zug zurückbringt. „Wir brauchen das Geld“ klingt besser als „ich brauche meine Freiheiten.“

Mein Telefon vibriert in der Tasche. Du schreibst, dass du mich vermisst, obwohl ich deinen Bart noch auf meiner Wange spüre. Du schreibst, dass ich auf mich aufpassen soll, wenn du es nicht kannst. Das Handy nicht aus der Tasche zu nehmen, um deine Nachricht zu lesen, hat nichts mit Faulheit zu tun. Ich muss mich vorsehen, nicht auszurutschen; außerdem kenne ich deine Nachricht, denn ich kenne dich. Deshalb habe ich meine Pantoffeln nicht neben die Flurkommode gestellt, wo sie deiner Meinung nach hin gehören, sondern tief in den Schuhschrank gestopft. Deshalb habe ich meine Teetasse gespült, sobald sie leer war und selbst zurück in den Schrank gestellt. Und deshalb sieht mein Schreibtisch bei dir montagmorgens wie eine Blumenbank aus.

Etwas ist bunt im Schlamm und ich korrigiere meinen Schritt, um nicht darauf zu treten. Auf den ersten Blick ein Amulett, auf den zweiten ein eingeschweißtes ovales Stück Papier. Es wurde nicht weggeworfen sondern verloren, das ist eindeutig. Dementsprechend habe ich es nicht nur gesehen, sondern gefunden. Ich bücke mich und hebe es auf. Während andere Passanten an mir vorbei zur U-Bahn drängen, krame ich nach einem Papiertaschentuch, um meinen Fund zu reinigen.

Ich glaube, dass man durch Dinge, die man findet etwas über sich selbst erfahren kann. Wenn einem ein Ding nichts sagt, übersieht man es. Das ist wie, wenn man plötzlich nur noch Paare sieht, weil man gerade Single ist oder auf einmal nur noch Singles, weil man jemanden hat. Ich habe das ungelenk ausgeschnittene Porträt eines Mannes gefunden.

Ich trage das Taschentuch zum Papierkorb und betrachte das Bildnis im gelben Gaslaternenlicht. Ein väterlicher Mann. Mit vollem schwarzen Haar und einem stattlichen Bart, der an den Ansätzen weiß wird. Mit festem Blick, fast adlerhaft, wegen der schwungvoll gezogenen Augenbrauen. Mit einem hellen Schein um seinen Kopf, der kitschig in einen hellblauen Hintergrund ausläuft. Auf der Rückseite ein Name: Pater Pio. Darunter ein winziges schwarzes Quadrat. Ich streiche mit dem Daumen darüber und fühle die Erhebung unter der Folie. Es ist ein Stück Stoff, halb so groß nur, wie der Nagel meines kleinen Fingers. Es hat die gleiche Farbe wie das Gewand des Mannes auf der Vorderseite. Es ist ein Teil davon. Es war.

Ich komme zu spät zur U-Bahn, denke ich kurz, aber dann schwindet meine Hoffnung. Die U-Bahnen fahren zu häufig und ich bin zu früh los, als das mir dieses Stück Stoff dabei helfen könnte, meinen Zug zu verpassen. Zumal es ja jetzt, da ich diesen Gedanken gedacht habe, ohnehin kein Verpassen mehr wäre, sondern eine Entscheidung. Im Entscheiden bin ich nicht gut.

In der U-Bahn hole ich mein Telefon aus der Tasche. Pater Pio war Kapuzinerpriester. Er wurde heiliggesprochen weil er die Stigmata trug. Und weil er der Bilokation fähig war. Ich tippe auf das Wort „Bilokation“.

Wenn ich an zwei Orten gleichzeitig sein könnte, bliebe ich hier bei dir und würde nebenbei in die andere Stadt zur Arbeit fahren. Nachmittags würden wir gemeinsam mit der Hündin gehen, während ich meine Freunde treffe. Am Abend würde ich meinen Kopf auf deinem Schoß legen und mit dir fernsehen und anderswo mit den Jungs ausgehen. Nachts wäre ich ganz bei dir. Zusammen würden wir auf Reisen gehen und gleichzeitig das Geld dafür in unseren Büros verdienen.

Die Frau, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt, schneidet mit einer Nagelschere das untere Ende eines schmalen Stapels Papier in Streifen. Später, wenn die Plakate an den Laternen hängen, kann man sich so leicht Schnipsel abreißen, auf denen ihre Telefonnummer steht. Die Plakate zeigen das Foto einer Katze und fragen „Wo ist Schrödinger?“. Ich frage mich, ob die Frau Quantenphysikerin ist. Ich habe gelesen von Schrödingers Katze. Das ist ein quantenphysikalisches Gleichnis, benannt nach dem Mann, der es sich ausgedacht hat:

Eine Katze wird in einen Karton gesperrt. Darin befindet sich außer ihr ein Fläschchen Blausäure, ein Hämmerchen, ein Geigerzähler und ein radioaktives Atom. Zerfällt das Atom, springt der Geigerzähler an und das Hämmerchen schlägt auf das Fläschchen: Die Katze stirbt. Ob das Atom aber zerfällt oder wann, kann niemand wissen. Den Gesetzen der Quantenphysik zufolge ist die Katze deshalb zugleich tot und lebendig. Bis sich einer entscheidet, nachzusehen.

Ich bin der Fähigkeit zur Bilokation so nahe, wie ihr jemand ohne Heiligenschein kommen kann. Ich habe zwei Adressen, zwei Kleiderschränke und zwei Paar Hausschuhe. Ich führe ein Junggesellen- und ein Eheleben und habe sowohl einen Hund als auch keinen. Ich begreife, dass keine Entscheidung und zwei Entscheidungen das Gleiche sein können. Ich bin verwirrt.

Wenn ich der Quantenphysikerin meine Hilfe beim Aufhängen der Plakate anbiete, würde sie vielleicht anschließend einen Kaffee mit mir trinken. Sie sieht nett aus und sie hat Humor: ihre Katze heißt Schrödinger. Außerdem sind wir Leidensgenossen: Sie vermisst ihre Katze, ich vermisse dich. Allerdings muss sie Plakate kleben, hoffen und bangen, während ich nur eine Entscheidung treffen müsste. Vielleicht könnten wir über Bilokation sprechen, damit habe ich ein Problem, fürchte ich.

Ich drehe die Reliquie zwischen meinen Händen und versuche es nicht albern zu finden: Man schneidet die Kutte eines Mannes in winzige Quadrate und verkauft sie an Pilger und Touristen. Ich stelle mir vor: Die Kleidungsstücke eines Heiliggesprochenen haben eine schützende Aura; beim Zerschneiden wird die nicht geteilt, sondern vervielfältigt. Mit dem Daumen streiche ich über die Erhebung und denke: Gewebe ist Gewebe, nichts sonst. Eine Aura kann man, wenn überhaupt, nur mit der Nase wahrnehmen. Sie verfliegt.

Als ich aufsehe ist die Frau ausgestiegen, jedenfalls ist sie nicht mehr da. Mein Telefon vibriert in meiner Hand. Nach einem augenzwinkernden Smiley schreibst du: „Du hast wieder meine Jacke genommen, oder?“ Ich vergrabe meine Nase im Kragen. Auf meinem Stammplatz im Zug angekommen antworte ich: „Dafür kannst du meine nehmen.“

Fay

Ich liege in der Dunkelheit, den Kopf auf meinen verschränkten Armen. Unsere Kissen sind auf den Boden gerutscht oder hinter das Bett. Durch den Spalt in der Tür fällt ein schmaler Streifen Licht auf die Stelle zwischen Bauch und Brust. Sie glänzt feucht als sie sich hebt und senkt: Ich atme und schwitze. Ich höre dir zu.

Ich lausche den Tropfen, die weich dein Haar treffen, denen, die scharf auf deine Schultern prasseln, denen, die harsch von deinem Nacken abprallen, von deinem Rücken, deinen Hüften, deinem Po. Ich unterscheide einzelne Tropfen, die an deinem Körper vorbei ungehalten auf die Emaille trommeln. Ich höre, wie sie vermischt mit weißem Schaum, der dir vom Körper fließt, deine Füße umschmeicheln und in den Abfluss sickern. Ich vernehme die Kreise, die deine Fingernägel auf deiner Kopfhaut ziehen, tief in deinem Haar, so dass die Striemen ungesehen bleiben. Ich lauere auf das Geräusch deiner Hände, wenn sie Seife auf deiner Brust aufschäumen, das Geräusch, wenn sie Seife auf deine Schenkel reiben, wenn sie Seife zwischen deine Zehen massieren und unter deine Achseln.

Ich rieche die Seife bis zu meiner Matratze. Mit geschlossenen Augen fülle ich meine Lungen und beim Ausatmen ärgere ich mich. Darüber, dass sie mich gekriegt haben, weil sie genau wissen, wie sie Seife machen müssen, damit wir sie mögen. Ich bin auch nur ein Mensch, wie du, aber eigentlich rieche ich dich lieber. Und eigentlich weiß ich nicht, warum du dich abseifst, denn was wir getan haben, war nicht schmutzig. Ich weiß nicht, warum du mich von dir spülst, während du auf mir trocknest.

Ich höre, wie die Flacons auf der Konsole klirren, als du den Rasierer greifst. Ich höre das Seufzen der Rasierschaumdose. Und während des Nichts, das ich dann höre, stelle ich mir vor, wie du das Gel in deinen Händen in feinen Schaum verwandelst, mit dem du deine Schienbeine umhüllst und deine Waden. Das klatscht ein bisschen, das höre ich wieder. Und kurz darauf, wie deine Haare von den Klingen durchtrennt werden. Ein Geräusch, als würde sich eine Katze die Krallen schärfen, an einer Mauer, ein Stückchen entfernt. Ich höre, wie der Rasierer über deine Haut fährt und stelle mir vor, wie er jedes Härchen schneidet, so zart es auch sei. Ich höre den Rasierer seine Bahnen ziehen und stelle mir vor, wie er jeden Flaum mit sich nimmt, jeden Schimmer, jeden Hauch, und wie er nichts zurückzulässt, als blanke, glatte Haut, blassrosa. Frierst du nicht? Ich friere.

Vorhin als deine Waden auf meinem Schoß lagen und meine Hand in dein Hosenbein wanderte, habe ich gekichert über das zarte, seidene Kleid unter meinen Fingern. Mir gefiel, wie deine Härchen die Grenzen deines Körpers aufweichten. Wem gehört die Luft, die du unter den Härchen erwärmst? Dir oder mir? Als Antwort hast du mit deinen spitzen Nägeln drei Haare von meinem Handrücken gezupft und zurückgekichert, als ich „Hey!“ rief. An Männern findest du Haare schön, sagst du, besonders meine, besonders, wenn sie schimmern im Gegenlicht. Dann hast du mein Hemd aufgeknöpft.

Ich höre die Dose wieder zischen und wieder klatscht es und es kratzt. Ich kneife die Augen zusammen, weil ich weiß, dass du gleich fluchen wirst: du fluchst. Du bist ungeschickt mit der linken Hand, aber du kannst dir die rechte Achsel nicht mit der rechten rasieren. Also zerschneidest du sie mit der linken? Bei den Beinen passiert dir das nicht, du verstehst nicht, wieso. Ich verstehe das auch nicht, nichts davon.

Vorhin hat dich mein Lächeln veranlasst – spöttisch, resigniert – mich vor die Wahl zu stellen. Will ich lieber mit einer schönen Frau sein oder mit einem Äffchen? „Lieber mit dir.“, habe ich geantwortet und beim Ausatmen habe ich mich geärgert, weil der Mann im Film das auch geantwortet hätte und ich weder klingen will, noch sein, wie Männer in Filmen. Also habe ich hinzugefügt, wie sehr ich das Äffchen liebe, das heute Morgen zu mir ins Schlafshirt gekrochen kam um mir in den Bauch zu beißen. Und dass du hoffentlich auch einen Affen lieben würdest, den King Kong nämlich, der dich gestern nach dem Zähneputzen huckepack genommen und ins Bett getragen hat. Da hast du mich geküsst.

Ich höre, wie du dich auf den Wannenrand setzt und die Dose ein drittes Mal seufzt. Ich höre, wie du deine Füße auf den Wannenrand stellst und mit dem linken versehentlich die Schampooflasche in die Wanne stößt. Ich höre, wie sich Tropfen von den Spitzen deiner Haare lösen und auf deine Knie platschen. Ich weiß, dass du das nicht hören kannst, weil du dich sehr konzentrierst. Ich weiß, dass du jetzt nicht zuckst, auch, wenn die Tropfen kalt und kitzelnd über deine Schenkel fließen. Ich mag deine Scham, wenn sie weich ist. Und wieso eigentlich Scham? Da ist nichts, wofür du dich schämen könntest.

Vorhin habe ich dich gefragt, für wen du das machst, für mich nämlich nicht, höchstens gegen mich. „Ich mach das für mich!“ hast du gesagt und ich habe mich geärgert, weil das die Frau im Magazin auch gesagt hätte und ich nicht will, dass du wie die Frauen in den Magazinen klingst oder bist. Du hast von Hygiene gesprochen und von Pflege, aber nur gelacht, als ich dich fragte, ob ich mich neben dir nun unhygienisch und ungepflegt fühlen soll. Du bist du, hast du dann gesagt, und ich war froh, weil das ja genau das ist, was ich will: Dich wie du bist. Aber nicht dich, wie sie dich wollen. Deine Freundinnen, die Jury, die Frauen aus der Werbung. Dann bist du ins Bad gegangen.

Als ich höre, wie der Zerstäuber einen Duft auf deine Haut keucht, richte ich mich auf und angle die Kissen vom Boden. Meines lege ich aufgeschüttelt auf deine Seite, deines stopfe ich zerknittert unter meinen Kopf. Du löschst das Licht. Auf Zehenspitzen schleichst du zum Bett, vorsichtig legst dich zu mir. Ich akzeptiere dein Angebot und stelle mich schlafend. Und obwohl du mir glaubst, streckst du und räkelst dich, bevor du dich zudeckst, ich höre das genau. Du gefällst dir in deiner Makellosigkeit und ich verstehe das. Aber ich verstehe nicht, was sie mit Rasieren und Parfümieren zu tun hat. Du magst dich in deiner Reinheit, aber ich vergrabe meine Nase in deinem Kissen, weil ich dich riechen will und nicht den Zeitgeist.

Endlich legst du die Decke über mich und noch bevor du dich zu mir herüberbeugst um meinen Hals zu küssen, schlinge ich sie fest um mich, damit du ja nicht die Liebe riechst, die noch an mir klebt und dort bleiben soll, wenn es nach mir geht.

In Gedanken

Bist du da?

Ja. Hey!

Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich unsere Freundschaft jetzt beende.

Was?

Oder was immer das ist. War.

Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Es war viel los.

Es ist immer viel los.

Ja. Aber es war wirklich viel los.

Ich will keine Entschuldigungen.

Aber du sollst wissen, warum du so lange nichts gehört hast von mir.

Es ist okay. Ich will es nicht wissen.

Ich hatte einen riesigen Auftrag für ein GPS-basiertes Fahrradverleih-System auf Mallorca. Ich habe nur programmiert.

Drei Monate? Warst du dort?

Nein, das war nicht nötig. Und ich hatte die Gürtelrose. Dieses Jucken und Brennen! Ich bin fast durchgedreht.

Das tut mir leid.

Ja. Und ein befreundetes Pärchen hat sich getrennt. Die Frau war völlig aufgelöst. Ich kenne sie noch aus Schulzeiten. Für sie war ich viel da, jetzt.

Wart ihr zusammen aus?

Wir haben geschrieben.

Natürlich.

Ich habe oft an dich gedacht.

Lass das.

Aber es stimmt.

Mein Telefon hat nicht geklingelt. Und meine Türklingel erst recht nicht. Seit einem Jahr willst du mich besuchen. Sagst du.

Ich hatte dir eine Nachricht geschrieben. Ist die nicht angekommen?

Nein.

Komisch.

Kein bisschen. Auch nicht originell. Eine Frechheit.

Was?

Deine Ausreden. Ich will keine Ausreden. Ich sage, dass ich keine Ausreden will. Ich bekomme: Ausreden.

Das sind keine Ausreden. Es sind Erklärungsversuche! Bitten um Entschuldigung.

Ich entschuldige aber nicht. Ich habe im letzten Jahr alle möglichen Entschuldigungen gehört von dir. Und akzeptiert. Sie langweilen mich. Außerdem geht es nicht um Schuld. Es geht um Enttäuschung.

Ich bin nicht gut im Kontakthalten.

Sag bloß.

Ich konnte das noch nie. Aber ich arbeite daran.

Du arbeitest daran? Wie arbeitet man an so etwas? Übst du Telefonate vor dem Spiegel? Belegst du einen VHS-Kurs zur Eingabe von Telefonnummern? Bei welcher Lektion bist du?

Hab bitte noch ein bisschen Geduld mit mir.

Nein. Ich habe lange genug auf dich gewartet. Ich hasse warten. Ich rufe dich an und warte auf deinen Rückruf. Ich weiß inzwischen, an welchen Stellen deiner Mailbox-Ansage du Luft holst. Ich schreibe eine Nachricht und warte auf deine Antwort. Mittlerweile lasse ich mir Sendeprotokolle schicken. Ich schreibe eine Mail und warte. Sogar eine Postkarte habe ich dir geschrieben.

Ich habe keine Mail bekommen.

Hör auf damit. Ich habe Jahreszeiten vergehen sehen, während ich auf dich wartete. Du wusstest, dass ich warte. Wenn du an mich gedacht hast.

Es tut mir leid.

Das glaube ich dir sogar. Mit einem schlechten Gewissen kann ich dich wecken. Das hat beim letzten Mal schon funktioniert.

Ich war so beschäftigt mit anderen Dingen. Ich habe das gar nicht gemerkt.

Ich weiß. Irgendwas ist immer. Alles um dich herum ist wahnsinnig dicht. Hundertfünfzig Kilometer sind zu weit weg um dich zu erreichen. Neunzig Minuten Zugfahrt sind dir zu lang.

Ich will mir mehr Mühe geben in Zukunft.

Bitte nicht. Du hast dir schon mehr Mühe gegeben nach dem letzten Gespräch zum Thema. Ich weiß ja nicht, ob du dich erinnerst.

Du lässt mir keine Chance.

Was denn für eine Chance?

Ein zweiter Versuch.

Es wäre der dritte. Aber das ist keine Talentshow, bei der du dich vor Aufregung versungen hast. Das sollte eine Freundschaft werden.

Stichwort Talent: Dir liegt der dramatische Abgang.

Ich wollte mich nur verabschieden.

Was soll das? Du hättest mich einfach von deiner Freundesliste werfen können. Fertig.

Stimmt. Das wäre weniger unangenehm für dich gewesen. Keine Diskussion – kein schlechtes Gefühl. Wahrscheinlich hättest du das erst in zwei Monaten gemerkt. Oder nie.

Hätte dir ja egal sein können. Jetzt habe ich eine Diskussion und ein schlechtes Gefühl und keine Lösung.
Jetzt hast du einen Abschied. Ich kann offene Enden nicht ausstehen.

Ich gratuliere: Das von dir inszenierte Gegenteil eines Happy Ends ist hinreißend. Kleine dramaturgische Schwäche: Meine Figur darf die ganze Zeit nur „Nein, bitte nicht!“ und „So, entschuldige doch!“ rufen. Aber es ist deine Show. Ich lasse mich geduldig weiter runterputzen, bis du das Gefühl hast, dass wir quitt sind. So sieht das dein Drehbuch vor, oder?

Wie schwer du es hast, weil ich so gemein zu dir bin! Weißt du, mein Drehbuch – um in deinem ausgefeilten Bild zu bleiben – hat deinen Einsatz vorgesehen. Ungefähr hundertmal in den letzten Monaten. Ungefähr tausend Zeilen Text. Die du nie gesprochen hast. Auf die ich gewartet habe.

Ich bin keine Figur in deiner Geschichte.

Aber der beste Schauspieler, den ich kenne.

Obwohl ich immer meinen Einsatz verpasse? Metaphern sind nicht deins.

Deine Leistung besteht darin, dass du überhaupt für die Rolle besetzt wurdest.

Für welche Rolle?

Du hast gesagt, dass wir im Herbst durch die Laubhaufen hüpfen würden. Dass wir rodeln gehen würden im Winter. Dass du mich besuchen würdest, wenn das Wetter wieder besser ist, damit wir auf meinem Motorrad zum Wannsee fahren. Ich wollte dir die besten Falafel der Stadt grillen. Wir wollten auf dem Balkon schlafen. Jetzt wird wieder Frühling. Du warst nicht hier.

Tut mir leid.

Du hast es versprochen.

Ich habe nichts versprochen.

Ich habe dir von meinem Unfall erzählt, so ausführlich wie noch niemandem. Wie komme ich dazu? Ich habe dir erzählt, wie ich allein im Straßengraben lag und meinen Körper nicht spürte und nichts hörte und nur den Himmel sah. Und wie sich diese vier Minuten wie für immer anfühlten. Ich habe dir erzählt, von meiner Befürchtung, dass da nichts kommt, wenn man stirbt, kein Tunnel und kein Licht und kein gütig grinsendes Empfangskomitee und niemand. Und wie ich mich fürchte vor diesem Nichts und vor diesem Niemand. Warum habe ich dir das erzählt?

Ich weiß nicht.

Weil es Dir gelingt, mir in einem Dating-Netzwerk ein Gefühl von Wärme zu vermitteln. Deshalb. Aber dann bist du verschwunden.

Ich wurde fortgetragen.

Wie ein Blatt im Wind. Stimmt’s?

Ich mag dich. Aber ich habe ein Leben neben dir.

Sicher, dass du mich magst? Woran machst du das fest?

An dem Gefühl, das ich habe, wenn ich an dich denke.

Brauchst du mich für dieses Gefühl?

Wie meinst du das?

Ist es notwendig, dass ich existiere? Für dich bin ich der lustige, dicke Kaninchenpapa mit den Motorrad-Klamotten und dem Nahtoderlebnis. Der sich für dich interessiert und deine Profilfotos mag. Der ein bisschen anstrengend ist und ein bisschen mysteriös. Den du anrufen könntest. Oder besuchen. Mit dem du mal knutschen könntest. Theoretisch. Du magst mich als Idee. Das reicht dir. Dir reichen die Dinge in Gedanken. Dir reichen Fotos.

Ja, es reicht mir. Kannst du bitte mal in deinem Drehbuch nachschauen? Was sage ich jetzt? Lebwohl, oder so?

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, auszusprechen, was ich denke.

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, erst fertig zu denken und dann zu sprechen. Mir ist immer noch nicht klar, warum wir dieses Gespräch führen.

Damit klare Verhältnisse herrschen. Damit du aufhörst an mich zu denken, falls du das tatsächlich tust. Und damit du aufhörst, dich zu fürchten.

Ich fürchte mich?

So sehr. Du unterwirfst dich deiner Furcht und verpasst dein Leben.

Huch, ein Psychogramm! Wovor fürchte ich mich denn?

Vor allem was dir passieren könnte.

Konkreter hast du es wohl gerade nicht?

Du fürchtest dich davor, berührt zu werden. Und vor der Liebe.

Schöner Schluss. Bisschen pathetisch, vielleicht. Aber schön.

Und dein Zynismus ist auch nur eine Rüstung.

Du hättest mich wohl gern nackt gesehen?

Ich hätte dich gern berührt.

wrocław.

kaum über den fluss hinüber
tauschen wir das wort gegen hand & fuß wie euro gegen zloty.
der wind bläst uns die köpfe frei,
zwischen den schiebetüren läuft der schaffner auf & ab,
locht uns ein in schneelandschaft und ruhige tage.

kilometerweit die spaziergänge am ufer des flusses,
hinweg über stege und zurück auf den asphalt,
stets im ohr das gemurmel der passanten,
das uns fremdsprachig nicht bekümmert und unbeirrt sorglos sein lässt.

sherry (selbstgebrannt), der gelbbraune kachelofen
und so manche hitzige gedanken wärmen unsere durchfrorenen körper.
wir kichern bei polnischenglischen unterredungen mit den einheimischen
& den ansässigen bronzegnomen der stadt.

tag um tag mit piroggen gefüllt unsere bäuche,
die glucksen, wenn wir erschöpft beieinanderliegen & überlegungen anstellen einfach zu bleiben,
hier in wrocław.

Letzte Nacht

„Willst du auch einen?“ Simon kramt in der Nachttischschublade.
„Was?“ Mitri deckt sich zu.
„Kaugummi. Wir können noch einen zusammen kauen, bevor wir auseinandergehen.“
„Keine Zigaretten, wie im Film?“
„Ich rauche nicht mehr.“
„Steht aber noch in deinem Profil.“
„Echt? Ich habe hier noch irgendwo Zigaretten, wenn du magst.“
Simon will aufstehen. Mitri erwischt seine Schulter in der Dunkelheit und hält ihn zurück.
„Ich rauche nicht.“
„Steht aber in deinem Profil.“
„Ich weiß.“
„Und da steht auch, du würdest 90 Kilo wiegen.“
„Du magst kräftige Männer.“
„Aber du bist spindeldürr!“
„Liegen wir deshalb im Stockdunklen? Bin ich hässlich?“
„Nein! Aber warum machst du dich dicker als du bist?“
„If it makes you happy, it can’t be that bad.”
Simon schmatzt. Es riecht nach Pfefferminz.

„Auch das steht anders in deinem Profil, aber:“, Simons Stimme brummt etwas in Mitris Ohren, „Du machst das nicht so oft, oder?“ Simon tastet nach Mitris Kopf und legt ihn auf seine Schulter. „Du warst total aufgeregt. Deine Finger waren eiskalt, dein Mund ganz fest und deine Hüften völlig verkrampft.“
„War ich schlecht?“
„Du warst süß.“ Simon streichelt Mitris Schulter. „Später hat es dir gefallen, oder?“
„Ich war unkonzentriert, anfangs.“
Simon kichert. Mitri legt seine Hand auf Simons Bauch.

„Ich musste an die Meteoriten denken.“
„An was?“
„Heute Nacht wird ein unikaler Meteoritenschauer über Deutschland niedergehen.“
„Unikal? Und das macht dich an?“
Simon legt ein Bein zwischen Mitris Schenkel.

„In Tschebarkul sind im Februar drei Menschen bei Meteoriteneinschlägen drauf gegangen.“
„Drei.“
„Eintausendundvier wurden verletzt.“
„Beulen am Kopf? Blaue Flecken?“
„Den Meisten wurden durch herumschießende Glasscherben die Körper zerschnitten.“

„Und du wolltest es noch einmal krachen lassen, bevor du zerfetzt wirst?“
„Ich wollte meinen Körper benutzen.“
„Fremdbild als Gummipuppe. Wie schmeichelhaft.“
Simon zieht sein Bein zurück und legt seine Hände auf die Decke. Mitri hebt seinen Kopf und schaut dorthin, wo er Simons Gesicht vermutet.

„Ich habe das noch nie gemacht.“
„Noch nie? Wieso jetzt?“
„Ein einziger Meteorit reicht, um diese Stadt dem Erdboden gleich zu machen.“
„Wie in diesen amerikanischen Katastrophenfilmen? Hoffentlich ist mein Kameraakku geladen.“
„Das ist nicht witzig.“

Simon stützt sich auf seine Ellenbogen und wendet Mitri den Kopf zu.
„Die Meteoriten verglühen doch in der Atmosphäre!“ Er singt. „Voila: Sternschnuppen!“
„Eben nicht. Sternschnuppen sind Meteore. Meteore verglühen. Meteoriten sind viel größer. Sie schaffen den Weg durch die Atmosphäre. Heute Nacht kommen Meteoriten. Riesige.“
„Und schlagen ausgerechnet hier ein?“
Mitri zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“
„Du tust aber so, als wüsstest du es.“
„Je nach Temperatur und Dichte verändert sich beim Eintritt in die Atmosphäre der Winkel ihrer Flugbahn. Niemand kann berechnen, wo sie einschlagen.“
„Haben Sie dich in der Schule oft gehänselt?“
„Wieso?“
Simon lässt sich wieder auf den Rücken fallen. Mitri räuspert sich.

„Die hätten doch Bescheid gesagt, wenn die gefährlich wären.“
„Damit sich die Leute im Keller einschließen?“
„Ja. Zum Beispiel.“
„Das sind keine Hagelkörner. Das sind Meteoriten. Die reißen Krater von mehreren Kilometern. Druckwelle, Staubwolke, tagelange Dunkelheit. Sowas.“
„Aber dann hätten die uns evakuieren müssen!“
„Wohin denn?“
Simon macht eine Kaugummiblase, die ihm klatschend aufs Kinn fällt.

„Die hätten uns trotzdem gewarnt.“ Er kaut wieder.
„Die haben uns gewarnt.“
„Wer?“
„Die ESA. Du liest keine Nachrichten, oder?“
Simon schlägt die Decke zurück und stolpert in die Dunkelheit. Einige Sekunden später erscheint sein Gesicht auf dem Sofa in einem bläulichen Licht.

„Krass.“
„Du vertraust mir nicht.“
„Noch drei Stunden Zeit.“
Ein Metallarmband klappert. „Drei Stunden und sieben Minuten.“
„Deswegen hast du deine Uhr nicht abgelegt.“
„Hat sie dich gestört?“
„Uhren stören immer.“
Simon klappt den Rechner zu. Einige Schritte später zeichnen sich am Fenster über der Stadt die tiefschwarzen Umrisse seines Körpers vor der fastschwarzen Nacht ab.

„Müsste man die nicht schon sehen?“
„Wenn sie in drei Stunden hier sind und mit vierzig Kilometer pro Sekunde auf uns zu rasen, dann sind sie –“, Mitri zählt seine Finger, „Dann sind sie noch circa vierhunderttausend Kilometer entfernt. Soweit reicht dein Auge nicht.“
Simon lacht. „Hast du das jetzt ausgerechnet?“
Mitri setzt sich auf. „Ja. Stimmt es nicht?“
„Keine Ahnung.“

Mitri faltet die Beine zum Schneidersitz und lehnt seinen Kopf an die Wand.
Simon dreht sich um und starrt ins dunkle Zimmer.
„Was machen wir jetzt?“
Mitri zögert. „Noch einmal miteinander schlafen?“
„Spinnst du?“
„Hat es dir nicht gefallen?“
„Nein! Doch!“ Simon zögert. „Ich will nicht, dass du deinen Körper an meinem benutzt.“
„Das war schlecht formuliert, entschuldige.“
„Ich habe auch schlecht formuliert: Ich möchte nicht mit einem Fremden Sex haben, wenn die Apokalypse hereinbricht.“
Simon setzt sich aufs Fensterbrett und zieht die Beine an.

Mitri spricht vom Bett her leise. „Ich bin kein Fremder.“
„Wir sehen uns zum ersten Mal.“
„Aber wir chatten seit mehr als zwei Wochen.“
„Trotzdem.“
„Ich habe deine Handynummer seit neun Tagen!“
„Trotzdem.“
„Du hast mir von deiner Trennung erzählt.“
„Na und?“
„Und dass du viel getrunken hast, danach.“
„Ja, es ging mir schlecht! Ich trinke nicht mehr!“
„Dafür chattest du.“
„Was hat das damit zu tun?“
„Du hast mir Fotos geschickt, von früher. Mit Ex-Mann und Ex-Hund.“
„Ja! Und du hast mir viel von dir erzählt! Deine Jugend in Tscheljabinsk oder –blinsk oder wie auch immer, die Reise hierher, der Typ, der dich dann doch hat Sitzenlassen. Man erzählt sich voneinander, wenn man chattet.“ Simon springt vom Fensterbrett. „Aber das macht uns noch lange nicht zu“, eine Gürtelschnalle klimpert, „Das macht uns noch lange nicht zu Gefährten.“

Simon stürzt im Zimmer umher.
„Was tust du?“
„Ich ziehe mich an.“
„Warum?“
„Ich werde nicht hier sein, wenn ein riesiger Felsbrocken ins Haus kracht. Du übrigens auch nicht.“
„Wo gehst du hin?“
„Ich werde nicht allein auf die Katastrophe warten.“
„Ich bin doch da.“
„Du gehst jetzt.“
Statt aufzustehen greift Mitri nach der Decke und legt sie sich um.

„Wo willst du denn hin?“
„Keine Ahnung.“
„Du musst doch wissen, wo du hin willst!“
„Ich weiß es aber nicht! Raus.“
„Zu deinen Eltern ins Kinderzimmer? Zu deinen Pärchenfreunden in die Besucherritze?“
„Nein.“
„Zu deinen traurigen Singlefreunden auf die Couch? Zur perfekten Familie deiner Schwester?“
„Mann, nein!“
„In die Arme deines Ex‘? Zwischen ihn und den Neuen? In eine Bar?“
Simon schreit: „Ist ja gut!“

Simon tritt dicht ans Bett. Mitri spürt die Wärme seines Bauchs auf den Wangen.
„Und du? Wo willst du sein?“
Mitri flüstert. „Hier.“
„Warum ausgerechnet hier?“
„Ich will nicht alleine sein.“
„Warum ausgerechnet bei mir?“
„Zufall.“
„Lüg mich nicht an.“
„Du warst der einzige, der Zeit hatte.“
„Lüg mich nicht an!“
„Du erinnerst mich an Kostya.“
„Wer ist Kostya?“
„Kostya.“ Mitri schnieft. „Kostya war gut zu mir.“
„Ich bin nicht Kostya!“
„Ich liebe dich.“
Simon stürzt zur Tür und machte Licht. Beide sind geblendet.

„Du kennst mich überhaupt nicht!“
„Das ist egal.“
„Das ist nicht egal. Ich will jetzt bei meinen Leuten sein.“
„Wer sind deine Leute?“
„Menschen, die ich liebe. Menschen, die mich lieben.“
„Ich bin hier.“
Simon setzt sich auch aufs Bett, Mitri gegenüber.
„Aber uns verbindet keine Liebe, kapierst du das?“
„Wo sind deine Leute? Deine Leute sind sonstwo. Ich bin hier.“
„Du bist so schräg!“

„Es ist ganz einfach: Du hast dich gezeigt, ich habe mich gezeigt. Wir haben uns verbunden. Wir sind jetzt, hier, beieinander. Wir wissen nicht, wie viel Zeit bleibt. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir raus gehen. Oder was morgen ist. Aber wir wissen, dass es gut ist, wenn du dich zu mir legst und ich mich an dich schmiege. Bis es wieder hell wird. Falls es wieder hell wird.“
Simon springt wieder auf.

„Ich weiß nicht, was das für dich ist, Stardust – verdammt, ich kenne nicht einmal deinen Namen!“
„Mitri.“
„Dimitri?“
„Mitri.“
„Wie?“
„Egal.“
„Ja es ist egal. Für mich war das ein Sexdate. Kein Wir-werden-eng-umschlungen-von-der-Sonne wachgeküsst, kein Wir-geben-uns-knutschend-dem-Tod-hin, nicht der Anfang einer mehrjährigen Beziehung.“ Simon läuft unruhig im Zimmer auf und ab. Mitri schließt die Augen.
„Trotzdem Liebe.“
Simon schreit. „Du kennst mich nicht. Du liebst mich nicht!“
Mitris Augen bleiben geschlossen. „Wie soll ich dich kennen? Dein Profil ist voller Lügen.“
Simon tritt zum Bett. „Ja! Eben! Und?“
„Deine Nachrichten waren es auch. Von wegen, du schwärmst für Sheryl Crow, wie ich.“
„Tu ich.“
„Du hast vorhin nicht einmal die Top-Zeile aus ihrem Top-Hit erkannt.“
„Wann?“
„Sogar deine Wohnung ist drappiert.“
„Meine Wohnung?“
„In deinem Bücherregal im Flur sind Lücken, in denen kein Staub liegt. Und die Bücher, die du hast stehen lassen, hast du nicht gelesen.“
„Natürlich habe ich das.“
„Niemand hat Ulysses gelesen. Du trägst eine Maske. Und darunter noch eine. Und noch eine.“
Simon packt Mitri an den Schultern „Wie du!“
Mitris Decke rutscht herunter. „Natürlich.“
Simon tritt zurück und kratzt sich am Kopf. „Also?“
„Du bist wie ich.“ Mitri öffnet die Augen. „Darunter.“
„Du bist verrückt!“
„Und du?“
„Ich?“

Mitri legt sich hin und atmet aus.
„Du bist verloren, ich bin verloren.“
Simon steht und schweigt.
„Mach das Licht aus und leg dich zu mir.“
Es donnert in der Ferne.
„Muss ja nicht für immer sein.“

Der Belieber

Nach dem Aufwachen dreht sich der Belieber auf die Seite seines großen Wasserbettes und betrachtet den Körper, an dem er die Liebesleistung der letzten Nacht vollzogen hat. Vorsichtig streichelt er das schlafende Gesicht, dass sich ein leichtes Lächeln entspinnt. Dabei denkt er mit Genuss an die verschiedenen Gesten, die das Gesicht in der zurückliegenden Nacht hervorgebracht hat. Und es ist ihm eine allmorgendliche Befriedigung, die gesamten Liebeleien noch einmal detailliert in Gedanken zu wiederholen. Ist er mit dem Gedankenspiel fertig, hebt er mit Schwung das seidene Bettzeug über den schlafenden Körper, dreht sich zurück auf den Rücken und betrachtet sich im Deckenspiegel. Er beugt sich über den schlafenden Körper und haucht ihm einen Kuss auf den Nacken. Vergnügt steht er auf und schlendert ins Bad. Vor dem Spiegel streckt er die fast haarlose Brust heraus und versucht, die Verspannung, die er sich regelmäßig in den Nächten zuzieht, mit einer eigens entworfenen Gymnastik zu lösen. Hat er in der zurückliegenden Nacht außerordentlich gewagte oder gar gefährliche Liebestaten vollbracht, stellt er sich am anderen Morgen auf den Kopf und schüttelt seinen Unterleib bis ihm das dicke Gemächt an die Stirn stößt. Anschließend lässt er sich wieder auf den Boden sinken. Zusammengekauert rollt er auf dem Badvorleger auf und ab. Fühlt er sich wieder entspannt, springt er in den blasengebenden Whirlpool, in dem er die Liebesspiele der Nacht für gewöhnlich beginnt. Danach stellt er sich wieder vor den Spiegel und rasiert die Haare von Gesicht und Brust. Zum Schluss massiert er sich die Schläfen.

Ist er mit seiner morgendlichen Toilette fertig, föhnt er seinen Körper trocken und kleidet sich vor dem großen Bücherregal im Flur an. Dabei greift er in die Buchreihen und sucht eine kleine Erzählung, einen bunten Bildband oder einen klugen Ratgeber, der zum Wesen der jeweiligen seiner Liebschaften passt. Hat er das Buch gefunden, zieht er es heraus, greift zu einem der vielen Stapel Seidenpapier und umhüllt es kunstvoll. Er geht zum alten Holzkästchen, holt eines seiner vielen samtbestickten Haarbänder und umbindet das Papier. Anschließend schleicht er ins Schlafzimmer. Behutsam legt er das Büchlein mit einem Kuss und dem ehrlichen Wunsche, dass es seiner Nachtbekanntschaft im weiteren Leben helfen möge, auf das aufgeschüttelte Kopfkissen. Er öffnet die dicke Silberkette, die er Tag und Nacht um seinen Hals trägt und zieht die Schere und den Schlüssel, die ihm beide im allnächtlichen Liebestaumel als Metronom dienen, heraus. Er schneidet den Schlafenden eine Strähne oder Locke vom Kopfe, steckt sie in einen farbigen Briefumschlag und beschriftet diesen. Dabei geht er jedes Mal gleichermaßen vor. Er vermerkt zuerst den Tag, danach die Stunden, die angewandten Liebestechniken, die Sehnsüchte der Beliebten und zum Schluss seinen Zufriedenheitsgrad. Ausgiebig beleckt er danach den Brief, verklebt ihn sorgfältig und legt ihn in sein Archiv in den Wandtresor. Stolz addiert er die Zahlenkombination des Tresors um einen weiteren Nenner, denn nur so bleibt er auf dem aktuellen Stand. Nachdem er den Tresor wieder verschlossen hat, hängt er den Schlüssel und die Schere um den Hals und geht in die Küche zum Kühlschrank. Er greift zu einer der wohltemperierten Flaschen Champagner, öffnet sie leise und füllt deren Inhalt in zwei Gläser. Genüsslich trinkt er das erste Glas auf das Wohlergehen der Bekanntschaft aus. Mit geschickter Hand pflückt er drei Blumen aus den breiten Pflanzkästen, die er eigens für diese Stunden angelegt hat. Die erste Blüte arrangiert er liebevoll in das eingefüllte Champagnerglas, welches für seine Nachtbekanntschaft bestimmt ist. Die zweite platziert er gut sichtbar vor dem Badspiegel. Die dritte steckt er sich in den Mund. Mit der Blüte im Mund kocht er Kaffee, füllt ihn in die Thermoskanne, stellt Butter, Käse, viel frisches Obst auf den Frühstückstisch und das Champagnerglas dazu. Erfreut an dem beginnenden Tag, steckt er die Blüte ins Revers, schließt leise die Wohnungstür und rutscht vergnügt das Treppengeländer hinunter.

Der Belieber erscheint stets gepflegt. Schon auf den Fluren des Krankenhauses grüßt er mit übergroßem Lächeln den verschlafenen Pförtner oder die unsichere Reinigungsfrau.
Der Belieber ist höflich und zuvorkommend. Trotz, dass er seit Monaten auf Station seinen Dienst absolviert, klopft er mehrmals leise an die Tür und wartet, bis die jeweilige Stationsschwester ihr schnoddriges Herein ruft. Er öffnet die Tür einen Spalt weit, schiebt zuerst seinen Kopf, danach den schlanken Hals mit der dicken Silberkette und der Schere und dem Schlüssel hindurch und lächelt in den Raum. Erst danach gibt er der Tür einen kräftigen Schwung und betritt das Aufenthaltszimmer. Mit einer angedeuteten Verbeugung grüßt er zuerst die Stationsschwester und nach ihr dem Range folgend alle weiteren Schwestern. Hat er die Begrüßung artig abgeleistet, begibt er sich an das Ende des Tisches und küsst die ungeduldig wartenden Schwestern oder Pfleger. Zum Schluss gibt er ausgewählten von ihnen einen kräftigen Händedruck, einen kleinen Klaps auf die Schulter oder einen unerwarteten Puffer. Aber auch hier hält er eine unsichtbare Reihenfolge ein, deren Wertfolge nur für Eingeweihte erkennbar ist und erarbeiten werden muss. Hat er die allmorgendliche Prozedur vollzogen, hält er einen klitzekleinen Moment inne und setzt sich auf einen der angeboten Plätze zwischen eine der unglücklichen Schülerinnen oder Schüler. Er öffnet eine Flasche Möhrensaft und trinkt diesen in einem einzigen Zuge aus.

Der Belieber arbeitet korrekt. Ohne zu zaudern führt er die ihm übertragenen Aufgaben aus. Und keine noch so ekelerregende Tätigkeit weist er zurück. Vielmehr kämmt er vorab nochmal sein rotblondes, glattes Haar. Er zieht einen seiner samtbestickten Haarschnüre aus der Hosentasche, die wie zum Zeichen seiner Anwesenheit im gesamten Krankenhaus verstreut liegen und bindet den Zopf zusammen. Allzu gern sammeln arglose Schülerinnen die scheinbar verlorenen samtenen Schnüre als heimliche Souvenirs. Und nicht selten streiten Büroangestellte mit den Reinigungsfrauen teilweise heftig um deren Besitz. Neuerdings hat man auch Schüler die albernen Schnüre aufheben sehen.

Kommt der Belieber am Nachmittag nach Hause, schläft er sich erstmal gründlich aus. Am Abend, wenn die Mitarbeiter in die Stadt gehen, steht er auf, macht Fünfzig Liegestütze, Hundert Seilsprünge und mehrere Serien Hantelheben. Anschließend duscht er seinen Körper mehrmals gründlich ab. Er gönnt seinem Haar eine Heil-und Pflegekur und seinem Gesicht eine Honig-Gurken-Maske. Ist er damit fertig, feilt, lackiert, bürstet und cremt er sich für die Nacht zurecht. Zum Schluss rasiert er sich mit einer Schablone in den Intimbereich ein chinesisches Glückszeichen oder eine indianische Liebesformel, die die Beliebten in der kommenden Nacht beeindrucken sollen. Danach kleidet er sich modisch an und wartet ungeduldig auf seinen allabendlichen Besuch. Unruhig schreitet er auf dem ausgetretenen Parkettboden auf und ab, kneift sich in die zusammen geballten Hände, zieht sich an den Ohren oder kämmt sich wieder und wieder das schulterlange Haar. Erst das kurze Leuten der Klingel lässt ihn von seinen Handbewegungen innehalten und zur Tür hasten. Mit einem entspannenden Lächeln öffnet er sie und genießt die kommenden Stunden.

Der Belieber ist für seine gründliche Körperarbeit weltbekannt. Hat er Liebeshungrige erst einmal in seinem Wasserbett, begreift und beliebt er sie ausgiebig und von allen Seiten kunstvoll und ohne Unterlass. Und keine noch so kleine oder verborgene Stelle bleibt von ihm unbetastet.
Ist der Belieber nach vielen Stunden mit seiner Körperarbeit fertig, massiert und küsst er die erschöpften, säuselt ihnen erotische Formeln in verschiedenen Sprachen in die Ohren und schwingt die seidene Bettwäsche über sie. Sind sie eingeschlafen, steht er unbemerkt auf und reinigt ihre Schuhe oder bürstet ihre Sachen aus. Dabei greift er in die verstreuten Kleidungsstücke und bringt die Geldtasche an sich. Vorsichtig öffnet er die diese und prüft gewissenhaft deren Inhalt. Hat er sich von der Geldmenge überzeugt, steckt er kleine Münzen oder Scheine hinein, damit die Beliebten am anderen Morgen wohlbehalten nach Hause fahren können. Stets achtet er darauf, dass die eingelegten Münzen oder Scheine an genau den Positionen platziert werden, an denen sich gleichwertige befinden. Ist er damit fertig, schiebt er die Geldtasche zurück, legt sich ins Bett, lächelt erschöpft in den großen Deckenspiegel und schläft von der ausgiebigen Arbeit zufrieden ein.