eines morgens

den teddy im arm pulst du
die schlafkörner dir aus den augenwinkeln
und tappst ins badezimmer.
du zeigst zähne wie der biber
auf deiner zahnpastatube, die du verteilst,
als du fragst, warum gänse schnattern und nicht bellen.
du willst schließlich auf einen bauernhof leben
und müsstest das wissen.
eine katze, zwei hunde, schafe, ein ferkel müsstest du haben
und kühe, natürlich,
die brächten die milch, die trinkst du so gern,
schnurpselst du dir dein leben und die cornflakes zurecht.
in gummistiefel und matschepampe
hüpfst du noch schnell hinein,
bis der bus anrollt,
wischst dir den rotz am ärmel ab
und pustest mir zum abschied ein küsschen zu.

Albert packt´s an

Ich bin sieben Jahre alt. Ich habe drei Hamster, einen Fernseher und einen kleinen Bruder. Am liebsten liege ich auf meinem Bett und lese das Lustige Taschenbuch. Heute ist Sonntag. Es wird gerade hell und ich kann nicht mehr schlafen. Ich grübele. Ich hatte auf meinen Wunschzettel ein großes rotes Rennautobett gemalt und stattdessen ein Matchboxauto, Plüschtiere und viele Zuckerstangen bekommen. Hatte der Weihnachtsmann in seinem Jutesack keinen Platz mehr gehabt für ein Rennautobett oder hatte ich keines verdient? Am Silvestermorgen hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und ihm einen Brief geschrieben. Eingeworfen habe ich ihn auch. Eine Antwort blieb aus.
Schnee liegt immer noch, aber es ist schon Januar und nun habe ich keine Lust mehr zu warten. Also werde ich wohl selbst Hand anlegen. Auf Zehenspitzen schleiche ich ins Bad und putze Zähne. Oma hat mir so schaurige Geschichten vom bösen Zahnmännchen erzählt, das nachts zu allen schludrigen Kindern kommt und große Löcher bohrt, sodass ich meine Zähne immer gleich nach dem Aufstehen blitzeblank putze. Ich schleiche in mein Zimmer zurück und ziehe meine Schlumpersachen aus dem Schrank. Meine graue Jogginghose mit dem großen Mickey Mouse-Aufnäher auf dem Knie, den grünen Pullover meines Cousins, die dicken Socken, die Oma mir immer in meinen Lieblingsfarben strickt und Opas Schal, den ich nur heimlich trage.
Wenn das Rennautobett nicht zu mir kommt, komme ich eben zu ihm. Und das bedeutet was? Na klar, ich werde mir eines bauen. Leider habe ich noch kein Bett gebaut. Eine Kellertür habe ich schon mit Opa gezimmert, einen Zaun repariert und aus dem morschen Geäst hinterm Haus baue ich gerade ein Baumhaus, welches nicht auf dem Baum, sondern unter dem Baum, also auf dem Boden steht oder vielleicht eher wackelt. Mist, das würde mehrere Jahre dauern, bis mein Rennautobett fertig wäre und ob ich darin wirklich schlafen könnte, stünde in den Sternen. Ich nehme die Schuppenschlüssel und schnüre die Winterstiefel fest. Oma sagt immer, der Hunger kommt beim Essen. Also schnell die Treppe runter und rein in den Schuppen. Ich schaue mich erstmal um, vielleicht kommt mir dann eine Idee.
Nägel und Schrauben in unterschiedlichsten Größen, dicke und dünne Bretter, Hammer, Rohrzangen, grobes und feines Schleifpapier, die Drahtbürsten, Glühbirnen und Steckerleisten, Kabel, der blaue Schraubstock und die großen Farbkübel. Farbkübel! Deckweiß, ockergelb, kastanienbraun, rostrot. Rostrot! Ich erinnere mich. Opa hat damals seine Brille vergessen im Baumarkt und geflucht, als er die erste Zaunslatte rot gestrichen hatte. Seitdem steht der Kübel eingestaubt in der Ecke. Ich hab´s. Ich muss gar kein neues Bett bauen. Ich habe ja schon eines. Und in dem schlafe ich auch erstaunlich gut. Jedenfalls bis es dämmert. Ich kann einfach mein Bett rot übermalen. Genial. Ich brauche also einen Stab zum Umrühren der Farbe, ein altes Bettlaken zum Abdecken, einen großen Pinsel und Schleifpapier. Habe ich etwas vergessen? Schade, dass Opa noch schläft. Aber was wird das für eine Überraschung, wenn ich ihm stolz mein selbstlackiertes Rennautobett zeige. Der wird platzen vor Stolz.
Ein großes löchriges Handtuch zum Unterlegen ist in der Putzlappentüte. Das Schleifpapier liegt ganz oben auf dem Werkzeugschrank. Dann muss ich hochklettern. Also rauf auf die Kabeltrommel und schon bin ich auf der Werkbank. Das liegt aber auch weit oben, wie kommt da eigentlich Opa immer ran, der ist auch nur einen Kopf größer als ich, naja oder zwei. Ich brauche noch was zum draufstellen. Hier der Werkzeugkoffer und der Farbkübel. Ja, jetzt müsste es gehen. Oh, der Deckel sinkt schon ein bisschen ein, hoffentlich reißt der nicht. Zehen angespitzt und uff, wie es knackt, ich komme einfach nicht ran. Der Deckel reißt gleich, ich springe lieber schnell runter. Dann bleibt´s eben. Wird auch ohne Schleifen gehen. Warum Opa das immer macht, verstehe ich sowieso nicht. Jetzt brauche ich noch Pinsel. Wo sind die? In dieser Ablage? Nein, hier in dieser Schublade, ganz hinten, jetzt fällt´s mir wieder ein. Hier gibt es runde und flache Pinsel. Welcher ist nun besser geeignet? Opa wüsste Rat. Aber der ist nicht da. Also nehme ich einfach den Größten! Jetzt brauche ich noch diese Stange zum Umrühren. Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich nehme einfach den alten Besen. Das wird sicherlich keinen stören. Nun habe ich alles zusammen. Uff, ist der Kübel schwer. Wie ich die Treppe damit hinaufkommen soll, weiß ich auch noch nicht.
Dumm quatschen kann jeder. Aber wir Müllers sind Macher. Endlich habe ich meine Zimmertür geschlossen. Erstmal muss ich die Kissen wegräumen. Aber wohin damit? Auf den Hamsterkäfig! Ich baue euch eine Höhle Tick, Trick und Track! Ach, die pennen schon wieder. Und wenn ich heute Abend in meinem neuen roten Rennautobett schlafen will, drehen die wieder voll am Rad.
Das Handtuch muss auf den Boden und der Farbkübel darauf. Ich will ja keinen Ärger bekommen wegen des Teppichs. So nun kann´s losgehen. Der Deckel klemmt. Aber ich habe ja ein Taschenmesser. Das ist multifunktionstüchtig. Und ein Schraubenzieher ist auch dran. So öffnet Opa immer Deckel, wenn sie klemmen. Oma nimmt lieber Teelöffel. Oh ja, ist ganz schön verklebt. Jetzt ist er ab. Das spritzt aber. Wo ist der Besen? Lirum, larum, Löffelstiel, kleine Alberts essen viel. So nun ist alles schön vermengt. Ob ich noch ein bisschen Glitzer in die Farbe mischen soll? Ich habe noch so viele Glitzerstifte. Vielleicht lieber nicht, dann sieht es nachher aus wie ein Prinzessinnenbett. Hilfe, nein! Das darf nicht sein. Also rein mit den Pinselborsten ins Rostrot. Schwung vor und zurück. Wie schön das leuchtet. Und nun klebe ich noch Lampen und Räder auf. Vielleicht aus Pappe oder so. Ich höre Opas bunt karierte Pantoffeln schlappen. Er klopft an meine Tür. Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich, was er zu meinem Meisterwerk sagen wird.
„Guten Morgen Albert!“ Donnerwetter, jetzt bin ich sprachlos. Opa steht im Türrahmen. Er trägt einen roten Neoprenanzug, hat eine riesengroße schwarze Brille auf der Nase und links und rechts einen Helm in der Hand. „Copilot Opa Manfred möchte das Rennauto mit dem Kennzeichen XP-303 aus der Werkstatt abholen. Konnten alle Mängel von Ihnen behoben und repariert werden?“ Völlig verdutzt starre ich ihn an: „Woher wusstest du…?“ Er schüttelt nur den Kopf und lächelt. Dann kapiere ich endlich. „Ja, ja!“, stammele ich, „Die Neulackierung verlief ohne Probleme. Jedoch müssen noch die Räder aufgezogen werden und die Rücklichter montiert werden. Vielleicht können Sie mir dabei zur Hand gehen? Zu zweit schraubt es sicher besser.“. „Kein Problem, da helfe ich gerne“, erwidert Opa. Er legt die Helme auf den Fußboden und flink malen wir auf und schneiden die Pappräder und Lichter zu. „Wie montieren wir sie?“, frage ich ihn. Unter einigen Verrenkungen zieht er grinsend eine kleine Tube Holzleim unter seinem Neoprenanzug hervor. „Damit!“, antwortet er. Ich staune. „Jetzt ist die Reparatur erfolgreich abgeschlossen und Copilot Opa Manfred und Pilot Albert können nun zur Rallye starten.“, sagt Opa und hebt die beiden Helme vom Fußboden auf, „aber vorher müssen wir noch deine Pilotenausrüstung suchen.“ Ich denke nach und öffne meinen Schrank. Ein bisschen peinlich ist das schon, wenn ich es so recht überlege, eigentlich habe ich vor Heiligabend den ganzen Schrank mit all meinen Spielsachen aufgeräumt. Denn hätte ich das nicht getan, so meinte Oma, hätten die Wichtel meine Unordentlichkeit dem Weihnachtsmann gepetzt. Nun ist Weihnachten erst ein paar Tage her und der Schrank sieht aus wie vorher. Ich stopfe eben einfach am liebsten alles hinein. Und wenn ich etwas Bestimmtes suche, werfe ich alles wild aus dem Schrank. Wenn man alles ordentlich sortiert hat, kann man schließlich auch nichts Verborgenes entdecken! Also fällt mir nun beim Öffnen des Schrankes auch gleich meine blaue Badehose, die Taucherbrille und mein Zauberstab entgegen. Opa hebt die Taucherbrille auf: „Hier, das ist eine sehr gute UV-Schutzgeprüfte Pilotenbrille aus Gorillaglas.“ Ich grinse und schiebe den Zauberstab zurück zu dem anderen Krempel. Da fällt mir ein, dass ich auch einen Zauberumhang besitze. Ich werfe meine Bälle, den Frisbee, die Theaterpuppen und das Steckerspiel auf den Fußboden und ziehe den Umhang hervor. Er glänzt dunkelrot und ist mit winzigen Sternen bestückt. „Wie findest du meinen neuen Pilotenanzug, Copilot Manfred?“, frage ich. Opa lacht. „Eine sehr schöne Maßanfertigung haben sie da. Dann kann´s ja jetzt losgehen.“, antwortet er. Ich binde mir den Umhang um, setze die Taucherbrille auf und Opa stülpt mir den Helm über den Kopf. Mit Taucherbrille auf der Nase gestaltet sich das allerdings schwieriger als gedacht. Da der Helm aber eh zu groß ist und das Scharnier fehlt, geht es dann doch irgendwie. „Dann wollen wir mal unserem ersten Sieg entgegenfahren, was? Die Innenausstattung ist auf jeden Fall luxuriös“, meint Opa und setzt sich in das Rennautobett. Ich klettere vor ihn und plumpse auf den Kopfkissensessel. Opa ruft: „Herzlich Willkommen zur neunten Rennwagenrallye auf dem Nürburgring! Ebenfalls an der Startlinie angekommen Rallyewagen XP-303. Wir bitten die Piloten ihre Brille aufzusetzen, sich anzuschnallen und sich startklar zu machen. Auf die Plätze fertig los!“ Der Startschuss ertönt. Wir pressen uns tief in die Sitze, ich lenke und schreie: „Festhalten Copilot, ich lege den Turbogang ein! Und da ziehen sie vorbei, immer schneller und schneller wird das rote Rallyeauto XP-303. Man sieht nur noch eine schwarze Rauchwolke. Mühelos nehmen die Piloten die Strecke mit all ihren Hindernissen und legen sich sauber in die Kurven. Die Verfolger liegen schon kilometerweit zurück. Wahnsinn! Sie steuern auf die Ziellinie zu und ja, ja, ja, sie haben gewonnen! Phänomenal! Rennwagen XP-303 ist Sieger! Was für ein Rennen! Und das Publikum tobt! Das ist Rekord! So schnell ist die Strecke noch niemand gefahren. Die Leute klatschen und klatschen.“
Ich hole Luft und es klatscht weiter. Da sehe ich Oma im Türrahmen stehen. In ihrem rosa geblümten Nachthemd steht sie da, die Haare noch unfrisiert und sie klatscht und klatscht und lacht. So habe ich sie noch nie lachen sehen.

verweilen

so geschieht es dir an einem septembermorgen im fenster
splitternackt, drüben die kronen der fichten,
die tauben auf dem dach, irgendwo hinter gardinen,
siehst du dich hüpfen auf asphalt, himmel und holla,
die knie blutig, ins gesicht steht dir der apache geschrieben.
kein strauch, den du nicht kennst, alle blätter getrocknet, alle stämme erklommen,
alle früchte gelesen, latzhosen mit großen flicken.
nachbars tiere umhalsend, auch die mütterchen im dorf,
denen du manchmal die beutel trugst für ein stück schokolade oder heißen kakao.
heuschrecken fangen, schnecken verekeln mit kalk auf dem kopf,
blümchen pflücken für mutti oder nur so
als dekor für den sandkuchen, nebst grasnudeln und schlammkloß.
noch ist sommer und das gewimmel der asseln unterm gestapelten holz,
du weißst, du kennst es.

Wolken

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Der Wind treibt sie voran und du wunderst dich, dass ich niemals schlafe. Doch im Kinderwagen lässt sich gemütlich die Welt betrachten. Und wenn sich in deiner Brille die Wolkentiere spiegeln, strahle ich wie das Honigkuchenpferd, das du mir auf dem Rummel gekauft hast. Großmutter greift sich an den Kopf und schimpft mit den Spatzen auf dem Rohr. Was du dir dabei wieder einmal gedacht hättest, ich hätte doch überhaupt noch keine Zähne in meinem Mund. Iwo, murmelst du, die kommen schon bald, und hängst mir den Lebkuchen ins Blickfeld.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Wir stapfen durch Morast und Gestrüpp. Du sagst, wir wandern heute den Berghain hinauf. Wir tappen im Dunkeln und ich suche Halt an deiner Hand. Doch du schüttelst mich ab, sagst mir, du musst lernen, dich allein zurechtzufinden, ich weise dir nur die Richtung. Kleinlaut befolge ich deinen Rat und vertreibe mir die Geister mit Kieselstein-Weitwurf. Du brummst zufrieden, als sich die Lichtung auftut. Wir liegen im Gras. Ich kitzele dich mit Halmen im Ohr. Du schnarchst und dein runder Bauch wirft der Sonne Schatten entgegen. Am Abend sagst du zu Großmutter, wir haben uns nicht verlaufen, wir sind nur vom Weg abgekommen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Warum bauen wir eine Gartenpforte, frage ich dich. Die Blumen haben kalte Füße, antwortest du und schlägst die Nägel in das Holz. Aber ich hätte viel lieber eine eigene Schaukel, flüstere ich. Du hebst deinen Kopf und zupfst dir den Bart. Anständige Menschen bleiben lieber auf dem Boden der Tatsachen, zeterst du.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Großmutter sagt, ich sei ein Wildfang und meine Locken wären keine Laune der Natur, sondern ein Ausdruck meines Charakters, erzähle ich dir. Wenn sie das sagt, dann wird´s schon stimmen, meinst du zu mir. Und warum hast du dann so einen langen Bart, frage ich dich. Je länger der Bart, umso weiser ist ein Mensch, erklärst du. Ich staune und du lachst Tränen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Gestern um neun, in deinem Ohrensessel hat es dir halbseitig die Sprache verschlagen. Du liegst im Bett und hältst die Augen geschlossen. Verstehst du mich?, frage ich dich. Du lächelst und nickst.

Die Gastnehmerin, Teil I

Ich warte. Meine Mutter hat sich angemeldet. Sie hatte gestern am späten Abend angerufen und gefragt, ob sie mit mir heute Morgen etwas überaus Wichtiges besprechen dürfe. Es sei dringend, sehr dringend.
Ich kenne ihre Art. Ich kenne ihre unaufschiebbaren Wünsche und auch ihre Hartnäckigkeit. Sie gibt nicht nach. Sie gab noch nie nach. Sie versucht es anfangs freundlich, später indem sie mir ein schlechtes Gewissen macht und zum Schluss mit Vorwürfen. Das alles ist mir vertraut. Nun sitze ich da und warte auf das, was ihr Besuch von mir fordern wird. Ich schalte den Fernseher an und springe von Sender zu Sender. Nachdem ich alle dreiunddreißig Programme durchgeblättert habe, fange ich wieder von vorne an, bis es zwei Mal kurz hintereinander klingelt. Sie klingelt immer zwei Mal. Das ist ihr Zeichen. Das hat sie vor Jahren für uns festlegt. Deswegen ermahne ich die Postträger und die Bewohner des Hauses, falls sie Irgendetwas von mir wollen, bitte, bitte nur einmal zu klingeln. Da sie schon mehrfach erlebt haben, wie mies es mir geht, wenn sie zweimal klingeln, halten sich die meisten an meine ungewöhnliche Bitte, wie sie sie verwundert ein jedes Mal nennen, wenn wir darauf zu sprechen kommen. Wieder klingelt es zwei Mal. Und dann noch zweimal kurz hintereinander. Auch das kenne ich von ihr. Heute stürze ich nicht zur Tür, sondern lasse mir Zeit. Eigentlich wäre jetzt eine weitere Chance, mich endlich still zu verhalten und nicht zu öffnen. Eigentlich. Noch nie habe ich diese Chance genutzt. Komischerweise bereite ich mich aber jedes Mal auf diesen Moment vor. Ich schalte alle Lampen aus, drehe das Radio leise und wenn es draußen dunkel ist, schalte ich sogar den Fernseher ab, damit mich das Geflacker nicht verrät. Noch nie habe ich mich still verhalten. Doch, ein einziges Mal. Mir war das damals so unangenehm, dass ich mich bei ihr entschuldigte, ihr versicherte, sehr, sehr fest geschlafen zu haben und ihr zum Abschied Geld geschenkt hatte.
Ich schalte den Fernseher ab, stehe vom Sofa auf, setze einen Fuß vor den anderen und schleiche so zum Türsummer. Es klingelt zwei Mal kurz. Ich warte einen Moment, bis es wieder und wieder zwei Mal kurz hintereinander klingelt und versuche in gelangweilter Stimme zu fragen, wer da ist. Ich höre ihr: „Hier is´ Mutti! Lass mich rein!“ Über meine gelangweilte Stimme bin ich erschrocken. Schnell drücke ich den Summer und öffne die Wohnungstür. Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ein Hemd aus dem Schrank, ziehe es aber nicht an. Stattdessen hänge ich es zurück, gehe ins Bad, nehme ein schmutziges Hemd aus der Wäsche und streife es über. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, werfe mich auf das Sofa, schalte den Fernseher wieder an und drücke wahllos durch die Sender. Das Klingeln hat meinen Puls hochgejagt. Ich reibe die Hände an den Hosenbeinen trocken. Ich fluche und drehe den Fernseher lauter.
Sie klopft an die Tür. Ich rufe vom Sofa aus herein und spüre jetzt das Pochen am Hals. Ich drehe die Lautstärke noch ein Stück auf, bevor ich den Fernseher ausschalte. Früher hätte sie sich zuallererst über die Lautstärke beschwert und verlangt den Ton leise zu stellen. Es wäre ihre erste Anweisung gewesen. Es war immer ihre erste Anweisung wenn sie in mein Zimmer eintrat. Sie hatte diese Begründung auch gern benutzt, um mein Zimmer zu betreten, selbst dann, wenn ich gar keine Musik gehört hatte. Ich wische meine kalten Hände nochmal an den Hosenbeinen trocken und schiebe mich vom Sofa auf.
Jetzt steht sie da, klopft leise an der Stubentür und tritt ein. Ich blicke flüchtig zu der kurzatmigen und unfrisierten Frau in ihrem zu großen violetten Hosenkostüm und nicke. Irgendwie freue ich mich über ihre Kurzatmigkeit. Ich hatte mir vor Jahren angewöhnt in obere Etagen zu ziehen. Irgendwie fühlte ich mich dort wohler. Mit jedem Umzug zog ich eine Etage höher, anfangs noch mit Fahrstuhl. Als ich bemerkte, dass ihr das Treppensteigen immer schwerer fiel, suchte ich speziell nach Wohnungen in Häusern ohne Fahrstuhl. Die Makler wollten mir mein Anliegen erst nicht glauben. Aber nachdem ich ihnen Fitnessgründe dargelegt hatte, suchten sie für mich und erklärten mir, dass das Gesetz jedoch Wohnungen nur bis zur Sechsten ohne Fahrstuhl zulässt. Sicherlich fällt mir das tägliche Treppensteigen schwer und ich verfluche sie manchmal auf einem der Treppenabsätze. Wegen den einhundertneun Stufen trinke ich nur noch Leitungswasser und esse eingeschweißtes Fertigzeug. Und seit ich hier oben in die Mansardenwohnung mit der steilen Wendeltreppe gezogen bin, habe ich sogar mein Bier weggelassen und trage meinen Wocheneinkauf in einem speziellen, rückenschonenden Bergsteigerrucksack.
Sie geht in die Küche, setzt sich auf den Stuhl und ringt um Luft. Ich stelle mich an die Spüle, putze am Wasserhahn und beobachte sie aus den Augenwinkeln. Ich freue mich wie sich ihre flache Brust schnell auf- und abbewegt. Wenn sie wieder Luft bekommt, wird sie mich fragen, ob´s denn hier nichts zu essen gibt. Da mir die Frage wieder unangenehm sein wird, hole ich ein hart gekochtes Ei, Margarine und den vorbereiteten Teller Käse aus dem Kühlschrank. Warum ich mich dieses Mal für hart gekochte Eier und Margarine im Kühlschrank entschieden habe, obwohl weder ich noch sie das Zeug essen, sage ich ihr vorerst noch nicht, stelle es ihr aber demonstrativ auf den Tisch. Ich gehe zur Kaffeemaschine und fülle mehr als die doppelte Menge Kaffeepulver, die ich benötige, in den Filter. Ich öffne den Schrank und hole das Gedeck mit der angeschlagenen Tasse heraus, das ich dachte längst weggeworfen zu haben und stelle auch dieses vor sie. Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Eigentlich. Da nichts passieren will, drehe ich ihr den Rücken zu und suche Brötchen im Fach. Das abgepackte Brot schiebe ich dabei unter die Servietten und das Backpapier, dass sie, wenn sie danach suchen würde, in keinem Fall fände. Ich weiß genau, dass sie keine Mohnbrötchen isst. Trotzdem staple ich sie neben die Margarine und erkläre, dass ich leider vergessen habe ihr Brot mitzubringen und ihr nur frische Mohnbrötchen anbieten kann. Sie sagt in ihrem vorwurfsvollen Tonfall, dass sie überhaupt nicht verstehen kann wie ich ihr Brot vergessen könne und wo ich meine Gedanken wieder hätte und ob ich überhaupt auch wenigstens einmal an sie denke. Sie verzieht die Mundwinkel, greift nach einem der frischen Brötchen, betastet es und legt es wieder hin. Damit sie sich es nicht anders überlegt, schneide ich das von ihr betastete Brötchen auf. Mit einem Lächeln, über das ich völlig erstaunt bin, lege ich die Hälften auf den Teller und gebe ihr ein abgenutztes Messer aus dem Schrank. Sie greift zur Margarine, fragt warum ich keine Butter hätte und ob ich sie jemals Margarine essen sah und beschmiert widerwillig die Brötchenhälften. Ich reiche ihr den vollgepackten Teller mit den verschiedenen Käsesorten und bin gespannt auf das, was jetzt passieren würde.

Niemandsland

Zehn vor Zwei. Er faltet die Zeitung zusammen. Gleich wird sie von der Schule kommen. Sie wird einen roten Kopf haben und ganz außer Atem den Lockenschopf durch die Tür stecken. Er schiebt die Gardine ein wenig zur Seite und blickt auf die Straße.

Behutsam betritt sie die Diele und klopft an die Küchentür. Großvater, ich bin wieder da, ruft sie. Großvater sitzt auf dem Canapé. Sorgsam nimmt er sich die Brille von der Nase, steckt sie in das abgenutzte Lederetui und legt die Zeitung ganz oben auf den Stapel voller Reiseberichte und -kataloge. Sie schmunzelt. Längst hat sie bemerkt, dass er Tag für Tag, hinter der Gardine versteckt, auf die Straße blickt und auf ihr Nachhausekommen wartet. Und spätestens wenn sie über den Hof läuft, setzt er sich wieder auf sein Canapé, die Brille auf die Nase und tut so, als wäre er gerade ganz zufällig fertig mit Zeitunglesen. Sie setzt ihren Ranzen ab und wäscht sich die Hände mit Kernseife.

Er fragt sie, wie es in der Schule war. Sie erzählt vom Musikunterricht und dass es über das Wochenende keine Hausaufgaben aufgäbe. Sie fragt, ob sie noch ein wenig raus dürfe. Er streichelt ihr über den Kopf und nickt. Aber zum Tee bist du wieder da!

Die Bagger sind auf den Ladeflächen der LKW´s verstaut. Die Baustellenfahrzeuge räumen das Gelände. Sie klettert durch die undichte Stelle des Stacheldrahtes und blickt der immer kleiner werdenden Staubwolke nach. Heute ist Freitag. Drei Tage hat sie nun Ruhe vor dem Lärm und der Angst entdeckt zu werden. Vorgestern erst hatte sie nach einer Stunde Fußmarsch ein Schild am Ende des Geländes gesehen − Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Sie war erschrocken, hatte aber gleich versucht, sich wieder zu beruhigen. Ihr Eingang war ein anderer und das Verbot damit für sie nicht gültig. Die Angst blieb. Schneller als an den anderen Tagen hatte sie sich auf den Heimweg gemacht. Bei jedem Geräusch war sie zusammengezuckt. Ihr Herz hatte gepocht − laut. Sie hatte gedacht, man könnte es hören − sie entdecken. Als sie durch das Loch im Zaun gekrabbelt war und sich damit außerhalb der Gefahrenstelle befunden hatte, schwor sie sich, niemals zurückzukehren. Zwei Tage nur hatte sie es ausgehalten. Heute steht sie erneut hier, umhüllt von einer dichten Staubwolke, mitten auf dem Gelände einer stillgelegten Kaserne.

Sie erzählt ihm nichts von ihren Entdeckungsgängen durch die Kaserne. Aber er kann sich denken, dass sie sich dort herumtreibt. Immer wieder will sie die alten Geschichten hören, vom Dorf und seinen Bewohnern und von der Kaserne. Er hatte ihr erzählt, dass es ein Kartoffel- und Rübenfeld gewesen war. Seine Eltern hatten ein Stückchen bestellt. Sie hatten gesät, gejätet, geerntet. 1933 waren sie das letzte Mal mit der Egge hindurch gefahren. Eine Autobahn sollte gebaut werden. Es war abgesteckt, betoniert und der Stacheldraht aufgezogen worden. Erst als die Ziegelsteine bis zum Dach gereicht und die Mauer vor dem Schlafzimmerfenster die Sicht versperrt hatte, war ihnen bewusst geworden, dass ein Autobahnbau solche Maßnahmen nicht erfordert hätte. Als die Wachposten ihre Straße zur Sackgasse deklariert hatten, verstand sie, was die Kommandorufe, die der Wind zu ihnen trug, bedeuteten. Sie waren nun das letzte Haus im Dorf, hinter ihnen − Niemandsland.

Sie klettert auf den frisch aufgeworfenen Erdhügel. Von hier hat sie einen guten Überblick. Die Schweineställe sind zur Hälfte und die Mauer vor ihrem Haus fast vollständig abgerissen. Wenn Großvater am Schlafzimmerfenster stehen würde, könnte sie ihm jetzt winken, denkt sie. Er hatte ihr erzählt, dass sie Glück gehabt hätten. Die Flieger hätten ihr Ziel knapp verfehlt und stattdessen die Teppichfabrik zerstört. Doch mit dem Einzug der Russen, wären harte Zeiten auf sie zugekommen. Sie waren aus dem Haus geflüchtet und hatten notdürftig Unterschlupf gefunden − in der benachbarten Porzelline, der Porzellanfabrik in der das halbe Dorf eine sichere und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit gefunden hatte. Ein Bürozimmer hatte als Wohn- und Schlafstätte gedient. Die Russen waren abgezogen. Nach nebenan gezogen. Und vom Haus hatten nur noch die Grundmauern gestanden. Die Dielen, die Fensterrahmen und Möbel waren verfeuert, das Besteck und die Bettwäsche verhökert, die Tiere geschlachtet worden.

Er schlurft in die Wohnstube. Ihn friert es. Spätestens morgen wird er einheizen müssen. Der Winter soll hart werden, sagen sie. Er kann sich noch gut erinnern, an den Winter ´86. Es hatten Unmengen an Schnee gelegen, noch bis in den März hinein als der Kohlenkeller längst leer war. Er war auf dem Weg in den Schuppen gewesen, um nachzusehen, wie viel Holz er noch in der eisernen Reserve hatte. Das Schloss war aufgebrochen und sein Vorrat bis auf den letzten Scheit ausgeräumt worden. Ein Wunder, dass sie nicht noch den Schuppen zerlegen, hatte er damals gedacht. Er war wütend gewesen, und als ihm war, als würde ein Augenpaar durch die Sträucher blicken, hatte er so laut er konnte geschrien: Lasst uns in Ruhe, nun habt ihr uns auch noch das letzte Holz genommen, ihr Schweine!

Sie wohnen im letzten Haus im Dorf. Und es scheint, als wäre allein diese Tatsache etwas Besonderes. Wenn sie früher mit Großvater im Konsum war, war es ihr vorgekommen als hätten alle anderen Dorfbewohner Respekt vor ihnen. Sie hatte gewusst, dass sie Großvater achten, aber das alleine war es nicht. Nach dem üblichen Guten Tag. Wie geht’s heute? folgten immer Fragen wie: Was gibt’s Neues von den Russen? Haben Sie heute wieder geschossen? Gestern sind die Panzer durchs Dorf gefahren, habt ihr das gesehen? Haben Sie bei euch auch um Brot gebettelt? Und so sehr getratscht wurde in diesem Laden, so sehr sie sich bemüht hatten, diese Fragen achtlos in den Raum zu werfen, so sehr waren sie mit einer Anspannung verbunden und mit einem Zittern in der Stimme der Fragenden. Es war, als gebühre Großvater Respekt, weil sein Grundstück unmittelbar an die Kaserne grenzt. Großvater aber hatte dazu nichts gesagt, er hielt es für nichts Besonderes, an der Grenze zum Niemandsland zu wohnen. Sie hatte es schießen gehört und die Panzer die Dorfstraße hinauffahren gesehen und einen Soldaten, als er ihre Johannisbeeren vom Strauch gepflückt hatte, aber gefürchtet hatte sie sich nicht. Auch jetzt nicht auf dem leeren, unheimlichen Gelände. Großvater achtet ja auf sie.

Angst hatte er nicht vor ihnen gehabt, nur um die Kleine war er immer in Sorge gewesen. Sie war naiv. Gleichzeitig hatte ihn das beruhigt, denn Kindern würden sie nichts tun, da war er sich sicher gewesen. Er hatte zu niemandem von seiner Sorge gesprochen, wie er die Stube in der nächsten Zeit beheizen sollte. Er hatte die alten Handwagen auseinander gebaut und ein paar Stühle. Als sie Fragen gestellt hatte, hatte er gegrummelt, die hätten alle den Holzwurm und würden im Sommer sowieso auseinanderfallen. Zum Glück war zwei Wochen später der Frühling gekommen und geblieben. Im Sommer hatten sie ihm noch die gesamte Apfelernte gestohlen und die Beeren. Aber daran hatte er sich nicht so sehr gestört, er wusste selbst, wie es war, Hunger zu leiden. Wenn sie schon nichts mehr zu essen hatten, musste es schlimm um sie stehen, hatte er gedacht und war ein um das andere Mal froh gewesen, dass die Mauer ihnen diesen Anblick verwehrte. Vor zwei Monaten war es dann soweit gewesen − die Truppen zogen ab. Er setzt das Teewasser auf.

Sie läuft am Schießstand vorbei, hinab auf den breiten Pfad. Es war der Versorgungsweg gewesen, der direkt ins Dorf führte. Sie erinnert sich, wie sie die Soldaten durchs Dorf marschieren gesehen hatte. Sie hatte das Feuer gerochen. Sie hatte die Tiere gehört, die quiekten und brüllten, wie sie es aus der Vorweihnachtszeit kannte, wenn sie den Festtagsbraten abholte, beim Bauern Müller. Sie hatte Großvater gesehen, wie er eine Woche lang torkelnd durch Haus und Hof irrte. Sie hatte sich gewundert, über die eingekehrte Stille. Seit zwei Monaten steht die Kaserne nun leer.

Dass Veränderungen anstanden, hatte er täglich in den Nachrichten sehen können, aber vielmehr hatte er es gehört. Die Rufe der Soldaten, das Brüllen der Tiere, die Gewehre − die Geräusche hatten sich überschlagen und mit ihnen die Ereignisse im gesamten Land. Immer hatte er seinen eigenen Standpunkt vertreten, auch wenn er nach außen neutral erschienen war. Er hatte sich und seine Familie nie politisch verkauft, aber immer gewusst, wohin er gehörte. Er hatte gedacht, mit dem Abzug der Truppen würde, wenn auch mit Verspätung, eine Wende ins Dorf kommen und davor hatte er sich gefürchtet. Das Teewasser kocht. Er nimmt das Tee-Ei aus der Schublade.

Die Sonne geht unter und sie macht sich auf den Heimweg. Ihr Blick schweift über das Gelände. Die niedergerissenen Holzbaracken und der asphaltierte Auffahrtsweg, umgeben von Wänden aus Beton und Stacheldraht. Rechter Hand der Schießstand und die alten Schweineställe. Im Abendlicht ist alles friedlich anzusehen, denkt sie. Aber sie liebt diesen Ort, auch an Tagen, an denen er ihr Angst einflößt. Hier entdeckt sie die vergangene Welt neu. Einen Schweineknochen, Essbesteck aus Aluminium, grüne Knöpfe, Patronen aus dem Schießgewehr, einen Helm und ein Taschenmesser mit den Initialien „A.“ und „M.“ hält sie vor Großvater versteckt in einem Karton unter ihrem Bett. Je weiter die Abrissbagger vordringen, umso mehr schmückt sie ihre Geschichten aus − von den Soldaten und deren Leben auf dem Kasernengelände. Es ist, als fände die Vergangenheit zunehmend Platz in ihrer Fantasie, als lebe sie fort in ihrer Traumwelt und als würde erst dadurch Platz geschaffen, für einen Neuanfang. Sie muss sich beeilen, Großvater würde schon mit dem Tee auf sie warten!