Aljoscha, Teil II

Um sich abzustützen ließ der Angetrunkene, der dem Geruche nach in sein Beinkleid uriniert haben musste, seinen Kuchen fallen. Aljoscha half dem völlig Betrunkenen beim Aufstehen, stellte sich aber dabei so geschickt zwischen den Mann und das Stück Kuchen, dass es der Betrunkene trotz des Suchens, nicht finden konnte. Aljoscha wusste nur zu genau, dass Betrunkene, wenn sie ihr Ziel aus den Augen verloren, recht schnell etwas anderes unternahmen. Mit dieser Beobachtung hatte er schon mehr als einmal Schläge von seinem Vater abhalten können. Aljoscha stellte sich vor den Mann, stützte ihn übertrieben heftig unter dem Arm und sagte in seiner seit frühen Kindertagen anerzogenen ehrerbietigen Stimme: „Väterchen, verehrtes Väterchen, Sie müssen nach Hause, sonst erfrieren Sie hier auf der Straße. Gehen Sie, sehr verehrtes Väterchen, gehen Sie bitte hier entlang, Ich stütze Sie. Gehen Sie, es ist dunkel. Gehen Sie hier entlang, ich zeige Ihnen den Weg!“ Dabei verneigte er sich, wie es ihm seine geliebte Mutter beigebracht hatte, weil sie wusste, dass Leute wie sie im Leben nur weiterkommen würden, wenn sie sich tief genug vor anderen verneigten. In ihrer Erziehung bestand sie bei all ihren Kindern umso mehr auf der tiefen Verbeugung, da es ihrer Meinung außerdem die einzige Möglichkeit war, kostenlos Menschen für sich zu gewinnen oder, wenn sie Groll in sich trugen, diesen ohne Aufhebens aus der Welt zu schaffen. Aljoscha verneigte sich, wie er es gelernt hatte vor dem seiner Meinung nach nicht allzu hohen Herren und zeigte mit seiner Tschapka zur Straßenmitte, die der Betrunkene nun überqueren müsse. Der Mann machte sich ruckartig und mit einem verächtlichen Blick von dem frierenden Jungen los, sah von den Fußlumpen hinauf zu dem dürftigen Schal, der nicht wirklich den Hals und die dünne Brust des Jungen bedeckte, drehte sich noch einmal nach dem Kuchen um, schien aber nicht mehr so recht zu wissen, was er eigentlich suche, schüttelte den Kopf und fluchte unverständliche Worte und blieb mitten auf der Straße stehen. Eine vorbeifahrende Kutsche brachte Aljoscha endlich die rettende Idee. „Väterchen, verehrtes Väterchen“, sprach er ihn mit einer ungewohnt listigen Stimme an, „passen Sie auf, sonst werden Sie von der Kutsche überfahren. Sicherlich ist der Fahrer wieder betrunken. Kommen Sie, schnell, kommen Sie, Verehrtester, ich bringe sie rasch auf die andere Seite der Straße!“ Er griff dem Mann kräftig am Arm und zog ihn von der Straße herunter, drehte ihn in die Richtung, in die der Angetrunkene ursprünglich gehen wollte und gab ihm einen Schubs auf die Schulter, dass der Betrunkene fast wieder hinfiel. Der Mann gehorchte seinen mahnenden Worten, brabbelte etwas von der Jugend, die so gar nichts taugt, und das er als er so jung war, schneidig gewesen wäre, einem heldenhaften General gleich und die Weiber, allesamt, die gesamte Weibsbilderschaft, nur ihm gehorcht hätte. Dabei pfiff er, so gut er es in diesem Zustand noch konnte und nuschelte immerzu: „Jawohl, General, jawohl, Weibsvolk, General, alle Weiber.“ Danach verschwand er, eine Linie von Wassertropfen auf seinem Weg zurücklassend im Schneegewölk.
Aljoscha konnte mit dem Inhalt seiner Worte nichts anfangen, wusste aber, dass Betrunkene zuweilen in nassen Beinkleidern von schneidigen Generälen und willigen Frauen, die angeblich alles machen würden, sprachen. Er rannte auf die Mitte der Straße zurück und suchte das Stück Kuchen, das verschneit irgendwo in seiner Nähe liegen musste. Von dem Stück beseelt und von seinem Hunger getrieben, kniete er sich auf die Straße und tastete mit seinen erfrorenen Händen in das Schneegestöber. Der, so schien es ihm jetzt, nur ihm zum Schure in noch dickeren Flocken herabsank, um auf seiner schmalen Nase und seinen langen schwarzen Wimpern, den verklebten Haarlocken und dem viel zu dünnen Schal, niederzugehen und ihm den Blick auf das begehrte Stück Kuchen zu verwehren. Trotzig schüttelte er seinen Kopf, hob die Hände in den Himmel und sagte leise, fast flehentlich in seiner ehrerbietigen Stimme. “Ihr Heiligen, ihr Heiligen, ihr Lieben, bitte, bitte, lasst mich den schönen Kuchen finden. Ich bitte Euch sehr darum. Ich habe so lange keinen mehr gegessen! Ich schwöre, ich schwöre, ich werde ihn auch mit meinen Geschwistern teilen. “ Er ließ die Hände sinken und sah auf die weiße Straße mit den schwarzen Kutschspuren, die vom frisch fallenden Schnee zusehends aufgefüllt wurden. Er lief von einer Seite der Straße zur anderen und wieder zurück. Er lief vor, zur Seite, machte einen Kreis, dass man hätte in dem dichten Schneegestöber leicht glauben können, einen Betrunkenen, wie sie zu dieser Stunde oft unterwegs sind, sehen zu können. Verwirrt von dem Speichel der sich in immer größeren Mengen in seinem Munde ansammelte, benommen von dem Schmerz den die Säure in seinen Magen anrichtete und irre von dem Wunsch nach der ersehnten Süße des Kuchens, ließ er sich erschöpft vor den Rest der Wagenspur niedersinken. Er breitete die Hände aus und wünschte sich hier und jetzt endlich sterben zu können. Langsam ließ er seinen dürren Körper nach vorn in den Schnee fallen. Er wusste, wenn er jetzt nicht wieder aufstand, dass er starr und kalt werden würde, wie der Mann heute Nachmittag, zwischen dem Arzt und der Heilerin. Plötzlich und aus einem unerklärlichen Triebe heraus, sei es weil er sich um seine Geschwister sorgte, oder weil er immer noch zu viel Lebenswillen innehatte, stellte er sich auf die Knie, stützte sich in die aufgetürmten Schneewehen und spürte auf einmal das Stück Kuchen zwischen seinen eiskalten, starren Fingern. Er setzte sich wie ein Kleinkind breitbeinig auf die Straße und begann zu weinen. Er weinte dicke Tränen, wie man es dem schlanken, zähen Jungen, der durch Schläge nicht nur seines Vaters groß geworden war, niemals zugetraut hätte. Er weinte, dicke Tränen, dass die Flocken auf seinen Wimpern und den verfilzten Haarspitzen zu schmelzen begannen. Er weinte, dass die Tränen auf den Kuchen tropften und den Schnee darauf zum Schmelzen brachten und die verschiedenen Farben der Kuchenzutaten zum Vorschein traten. Er weinte, weil er lange nicht mehr geweint hatte. Er weinte, weil der Vater irgendwie anders geworden ist, seit er seine geliebte Mutter mit eigenen Händen eingegraben hatte. Und schließlich weinte er auch, weil sein Vater ihm an diesem Tage verboten hatte, am offenen Grabe vor den acht Geschwistern zu weinen. Aber am meisten weinte er, weil das schöne Stück Kuchen, nach dem er sich von ganzem Herzen gesehnt hatte, von der Kutsche zerfahren und nun zermatscht vor ihm in zwei Teilen im Schnee lag. Er hob die zwei Stücke auf und versuchte sie mit den steifen Fingern zu streicheln. So, als ob er seiner geliebten Mutter ins Gesicht sah, um sich für eine ihrer vielen Zärtlichkeiten zu bedanken, schaut er in den Himmel und sagte in seiner gewohnt ehrerbietigen aber immer noch verweinten Stimme: „Danke, ihr Heiligen, danke Euch allen!“ Er sah auf die Marmorierung des Kuchens und legte beide Stücke jeweils auf einen Oberschenkel. So als wollte er seine eben gedachten Gedanken des Freitodes im Schnee dennoch umsetzen, legte er sich an die Stelle der Kutschspur, pustete sie vorsichtig frei und begann mit beiden Daumen an dem Steinpflaster zu kratzen. Dabei pustete er immer und immer wieder Schneeflocken von den Kutschspuren weg. Behutsam sammelte er die Krümel des Kuchens, die er von dem schmutzigen Pflaster abkratzen konnte, auf und streute sie vorsichtig in seine Seitentasche. Danach nahm er seine zwei Kuchenhälften, stand auf, bekreuzigte sich noch einmal an der Stelle, wo der Kuchen gelegen hatte und ein zweites Mal mit Blick in den Himmel, wo er die Heiligen vermutete. Mit beiden Händen schützte er die zwei Hälften und trug sie, wie der Pfarrer den allsonntäglichen Kelch vor seiner Brust. Er hauchte über seine Finger, damit der Schmerz, der sich darin befand, endlich verschwand. Taumelnd setzte er sich an den Rand der Straße, sah sich die beiden Hälften an und schätzte deren Größe. Das kleinere der beiden wickelte er in sein Taschentuch und steckte es zu den Krümeln in die Tasche. Das Größere nahm er in beide Hände und versuchte es zu erwärmen. Wieder hauchte er über seine Hände und hoffte so endlich den darin befindlichen Kuchen essbar zu machen. Er stand auf und lief in einem Glückstaumel die dunkle Straße entlang. Er sah die großen Augen seiner Geschwister, ihr erstauntes Lächeln, ihre vielen Fragen und das tagelange Erzählen von dem herrlichen Fund. Voller Glück lief er schneller und schneller und hatte das wunderschöne Gefühl, zu fliegen. Er lief und rutschte an einer frischen Schneewehe aus. Die Kuchenhälfte fiel zurück auf die Straße. Aljoscha erwachte aus seinem Glückstaumel und tapste auf allen vieren der Kuchenhälfte, die im dichten Schneefall verschwand, hinterher. Die heranfahrende Kutsche, vor die er den nicht so feinen Herren eben noch gewarnt hatte, fuhr im Eiltempo über das Kopfsteinpflaster und die Peitsche surrte durch die Luft. Betäubt von dem kostbaren Verlust suchte Aljoscha weiter und bückte sich in die frische Schneewehe. Die Kutsche raste auf den Jungen zu. Aljoscha sah von der Stelle, an der er die Kuchenhälfte vermutete, auf. Er sah die herannahenden Pferde und warf seinen dünnen Leib in die Schneewehe und drehte sich von dieser an den Straßenrand. Er stand auf, betastete sich von den Fußlappen bis zum Schal und konnte kaum glauben, unversehrt geblieben zu sein. Erschöpft von dem Schreck und erschöpft vom Abtasten, kauerte er sich auf den Bordstein, hob die Hände nach oben und sagte in seiner ehrerbietigen Stimme: „Danke, danke, ihr Heiligen, habt vielen, vielen Dank“. Er verbeugte sich ins Dunkel und sackte zusammen. Im Liegen zog er das Stück Kuchen aus der Hosentasche und entfernte das Taschentuch. Er öffnete den Mund und schob die Zunge heraus, um endlich die ersehnte Süße zu schmecken, um die er sich seit über eine Stunde so verzweifelt bemühte. Als er die Stelle erkannte, an der er lag, stieß er sich vom Bordstein ab. Dabei umklammerte er ein im Schnee liegendes morsches Stück Holz und schubste seinen schlanken Körper in einem Zuge nach oben, dass auch die zweite Kuchenhälfte im hohen Bogen im Schnee verschwand. Mit letzter Kraft rannte er über die Straße zum Licht des Gasthauses und stellte sich vor das Fenster an dem er heute Nachmittag seine Buchstaben geschrieben hatte. Verwirrt vom Tage und verwirrt auch vom eben Erlebten, starrte er zum Licht und von diesem auf seine immer noch zitternden Hände. Zwischen den Fingern hielt Aljoscha statt des morschen Holzes, einen rotledernen Beutel mit einer aufwendig verzierten Messingschnalle.

In Wolken

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund. Aus dem Inneren weht ihr eine Fahne verbrannten Diesels entgegen. Die feuchtglänzende Straße lockt wie eine gierig herausgestreckte Zunge. Ein Wagen nach dem anderen ergibt sich bereitwillig.

Auf dem Zubringer hatten sie das Warnlämpchen auf dem Armaturenbrett bemerkt, kurz vor der Einfahrt hatte es nach verschmortem Gummi gerochen, in der letzten Nothaltebucht hatte er angehalten und war ausgestiegen um die Motorhaube zu öffnen. Sie war ein paar Minuten reglos im Wagen sitzen geblieben. Jetzt löste sie ihren Sicherheitsgurt, der mit einem leisen Surren bis zur Schnalle in der beigen Veloursverkleidung verschwand und stieg ebenfalls aus. Allerdings nicht, um ihre Hilfe anzubieten, wie sie selbst noch in diesem Augenblick dachte. Vielmehr war es ihr bestimmt, das Bild zu sehen, das sich ihr bot, als sie auf die Straße trat. Es ergriff Besitz von ihr, noch bevor sie die Tür des Wagens geschlossen hatte.

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund, ein Wagen nach dem anderen ergibt sich. Die graugrünen Gipfel, die wie stumme Zeugen dahinter thronen, sind geköpft von einem tief hängenden Himmel, der den Straßenlärm und das Tageslicht verschluckt. Alles unter diesem Himmel ist mit einem feinen, feuchten Film überzogen, der kalt nach innen kriecht.

Sie hatten geplant, ihren Urlaub auf der anderen Seite des Gebirges zu verbringen, falls man von Planung sprechen möchte und von Urlaub. Es war nicht die Zeit dafür, der Sommer war vorüber, der Winter hatte noch nicht begonnen. Manche Pensionen entlang der Straße waren in Gerüste gehüllt, an denen Planen flatterten, als hätte man sie zugedeckt, damit sie gut schliefen in der Zeit zwischen den Saisons.

Es war auch deshalb nicht die Zeit für Urlaub, weil er in Projekten stark eingebunden war. Nur unter großer Anstrengung war es ihm gelungen, sich die Freiräume für diese Reise zu schaffen. Sie aber hatte es für dringend geboten gehalten, dass sie sich Zeit für einander nähmen in einem Schutzraum außerhalb ihres Alltags. Zumindest waren das die Worte, die er gegenüber seinem Vater gewählt hatte, um die arbeitsfreie Woche zu erklären.

Aus der Motorhaube quillt eine Wolke, weiß und dicht wie Watte, die sich nur zögerlich mit der Umgebungsluft mischt. Innerhalb von Sekunden legt sie sich um und über Arnolds stämmigen Körper wie ein schweres Federbett. Lediglich seine nervös tänzelnden Budapester Schuhe und sein ersticktes Hüsteln zeugen noch von seiner Existenz.

An den Schuhen eines Menschen erkennt man seinen Charakter. Bei keiner einzigen Begegnung hatte sich Arnolds Vater diesen Hinweis verkneifen können. Arnold war schließlich eingeknickt und eigens nach Berlin gefahren, um im Stammhaus am Kurfürstendamm fünf Paar der einzigen Marke zu erstehen, die sein Vater akzeptierte. Den Heimweg über hatten sie gestritten, weil sie sich die Frage nicht hatte verkneifen können, wie es sich denn liefe, in den Schuhen seines Vaters. Man hätte in den Urlaub fahren können für das Geld. Jetzt fuhren sie in den Urlaub.

„Suboptimal, das Ganze.“, sagt Arnold aus der Wolke.
„Warum sagst du nie Scheiße wenn du Scheiße meinst?“, fragt sie in die Wolke zurück. Und dann: „Willst du nicht zuerst das Dreieck aufstellen?“
Noch während er die Taschen aus dem Kofferraum hebt um nach dem Warndreieck zu suchen, atmet sie tief ein, hält die Luft an und steigt in die Wolke. Um sicherzugehen, dass ihre Pumps auf dem Asphalt ihre Existenz nicht bezeugen, setzt sie sich auf die Kante der offenen Motorhaube und stellt ihre Füße auf die verchromte Stoßstange darunter.

Auch sie ist binnen weniger Sekunden völlig umfangen von dichtem Rauch. Ihre Sicht reicht gerade noch bis zu ihren angezogenen Knien, aber schon die Struktur ihrer Strumpfhosen ist kaum noch auszumachen. Sogar der feine Sprühregen kann die Wolke nicht durchdringen. In der Wolke ist es warm. Als sie sich zwei Finger in die Ohren steckt, ist sie glücklich.

„Tschüss, machen Sie’s gut.“ hört sie ihn sagen, als sie ihre Ohren kurz lüftet. Er sagt das immer zur Verabschiedung. Tschüss, mach’s gut. Und noch nie hatte sie verstanden, was er damit meinte. Hatte er Angst, sein Gegenüber würde es schlecht machen? Hielt er es für notwendig, seinem Gegenüber seine Erwartung zu kommunizieren? Versuchte nicht grundsätzlich immer jeder alles gut zu machen?

Sie steckt ihre Finger wieder in ihre Ohren. Sie hört ihr Blut zirkulieren. Dieses dumpfe Wummern hatte sie schon als Kind beruhigt. Für sie klingt es wie das Betriebsgeräusch der Maschine, die im Hintergrund dafür sorgte, dass das Leben lief. Zu hören, dass die Maschine einwandfrei arbeitete bedeutet, dass was immer gerade ist, vergehen wird. Sie findet das tröstlich. Einmal hatte sie versucht, das Arnold zu erklären. Der hatte ein Gesicht gemacht als hätte er Zahnschmerzen und das Thema gewechselt. Als er zum letzten Mal von einer 1-a-laufenden Maschine gesprochen hatte, hatte er den Motor dieses von Hand polierten Wagens gemeint, der zwei Jahre älter war als er und sie nun im Stich ließ. So war das oft mit dem, was Arnold sagte.

Wenn sie mit ihm irgendwo hinkam – zur Jahresauftaktveranstaltung im Rotary Club, zum ersten Gesprächstermin in der Kinderwunschklinik, zum Abschlussball des Salsa-Kurses – und Arnold gefragt wurde, was er mache, antwortete er immer: Ich baue Häuser.

Damit enthüllte er dreierlei. Erstens, dass er Minderwertigkeitskomplexe hatte und auch, dass er findet, dass er eigentlich keine haben müsste. Zweitens, dass er ein Hochstapler ist, aber nicht ohne Gewissen, weshalb er niemals so hoch stapeln würde, dass man ihn des Lügens bezichtigen könnte. Und drittens, dass er gern ein Kreativer wäre, aber eingesehen hat, dass man entweder ein Kreativer ist oder eben keiner, wie er.

Jeder, dem er das antwortet denkt, Arnold sei Architekt, obwohl er das nicht sagt. Tatsächlich ist Arnold Bauingenieur. Und das sagt er auch nicht. Er entwirft keine Häuser. Er ist dafür zuständig, dass Häuser, die andere entworfen haben, von wieder anderen nach einem feststehenden Plan gebaut werden. Bauingenieur ist ein respektabler Beruf. Außer man schämt sich dafür, weil man gern Künstler geworden wäre oder Architekt.

Der Rauch verzieht sich, während sie das denkt. Was auch immer den Rauch verursacht hatte, kühlte sich ab, wie sich alles abkühlt, das niemand mehr befeuert. Als er scherenschnittartig wieder zum Vorschein kommt, ist er gerade dabei sein Telefon in die braune Lederhülle zu nesteln, die sie ihm genäht hatte. Sie nähte gern mit Leder. Jede Naht war eine Narbe, die einer Wunde beim heilen half.

„Was soll das, Ivy?“, fragt er lachend, als er sie wieder erkennen kann. Sie grinst und schnappt nach frischer Luft. Was will man einem Menschen antworten, der nicht versteht, was das Umfangensein von einer Rauchwolke sollen könnte? „Der Pannendienst müsste gleich hier sein.“, murmelt er, die Zigarette schon im Mundwinkel. „Was soll das?“, könnte sie jetzt zurückfragen, aber er würde anfangen sie in eine Diskussion über Genuss zu verwickeln und ihr nicht erlauben, mit ihm eine Diskussion über Sucht zu führen und zwar nicht über die Sucht nach Nikotin. „Was für eine Idiotie, über jemanden zu lachen, der von einer Rauchwolke eingehüllt sein möchte, kurz bevor man sich selbst in eine Rauchwolke einhüllt.“, sagt sie stattdessen. Er sagt nur: „Idiotie, ja?“

Arnold raucht Nil-Zigaretten, und wenn es keine Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Und auch wenn es Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Nicht richtig. Sie beobachtet ihn genau. Er zieht den Rauch in seine Mundhöhle in dem er die Wangen nach innen wölbt. Das macht sein Gesicht noch kantiger, er sieht dann noch besser aus und sie weiß, dass er das weiß. Bevor er den Rauch in seine Lungen zieht, öffnet er kurz die Lippen, so dass die kleine Rauchschwade, die er dadurch verliert einige Sekunden wie ein Schleier vor seinem Gesicht hängt, als sei sie noch ganz benommen von der Dunkelheit in seinem Mund. Die andere Hälfte des aufgenommenen Rauchs atmet er schließlich ein, aber nicht tief, nicht bis zum Bauchnabel, höchstens bis zur Brust. Manchmal lässt er den Rauch auch schon vorher wieder durch die Nasenlöcher entweichen. Arnold verlässt sich darauf, dass die Leute denken, der Rauch müsse in der Lunge gewesen sein, um durch die Nasenlöcher austreten zu können. Das aber stimmt nicht; sie hatte ihn längst widerlegt.

„Kann ich auch eine haben?“, fragt sie.
„Du sollst nicht rauchen, Ivy.“, antwortet er.
„Ich heiße Ivanka.“
„Ich weiß, wie du heißt.“
„Dann mach mich nicht niedlich.“
„Ich versuche, Nähe zu machen.“
„Du machst dich lächerlich.“
„Und du machst dich rar.“
„Und du machst mich wahnsinnig.“
„Ich würde dich wahnsinnig gern glücklich machen.“
„Ich bin glücklich, wenn ich mir die Finger in die Ohren stecke.“

Er raucht. Sie lauscht.

„Ich möchte, dass wir in die andere Richtung fahren, wenn das Auto wieder fährt.“, sagt sie nach einer Weile.
„Aber wir müssen durch diesen Tunnel.“, antwortet er.
„Das passt zu dir. Lieber den leichten Weg, durch den trockenen, ebenerdigen Tunnel nehmen, als den über den gefährlichen, schroffen Berg.“
„Wir müssen bis 19 Uhr angereist sein. Über den Pass werden wir uns um Stunden verspäten.“
„Wenn wir durch den Tunnel fahren, kommen wir nie an. Er wird uns verschlingen ohne zu kauen.“
„Ivy. Bitte. Wir werden durch den Tunnel fahren.“
„Ivanka! Danke. Wir werden umkehren.“
„Wir stehen auf einer 4-spurigen Schnellstraße. In der Mitte ist eine doppelte Leitplanke. Wir können hier nicht umkehren.“
„Dann fahr. Ohne mich.“
„Ivy, bitte.“
„Ivanka!“

Er reicht ihr eine Zigarette und nimmt sich noch eine.
Zwei Menschen vor einem alten Wagen mit aufgerissenem Maul am Rande einer Schnellstraße, eingehüllt in zwei schmale Wolken aus hellem Rauch. Er zertritt seine Zigarette, läuft zum Kofferraum, öffnet ihn und hebt zwei Taschen heraus, bevor er ihn wieder schließt. Er läuft zur Motorhaube und schließt auch sie, bevor er einsteigt. Der Wagen startet nicht, er startet nicht, er startet. Sie raucht. Einer nach dem anderen ergibt sich bereitwillig in den dunklen Schlund, denkt sie. Es riecht nach verbranntem Diesel.

Die Internette

Bevor die Internette mit dem Taxi zur Arbeit ins nahe gelegene Krankenhaus fährt, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Ladekabel zusammenzurollen und ihre beiden Smartphones wie Revolver links und rechts in die Gürteltaschen zu verstauen.

Sie wirft sich auf die Rückbank, streift die Pantoletten ab und stützt die Füße an die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Sie greift zu den beiden Smartphones und tippt den Inhalt ihres Traumes -, oder auch nur die Dauer des nächtlichen Gewitters mit der Anzahl der Blitze als erste Nachricht ein. Aufgeregt versendet sie diese Informationen an ihre noch schlafenden Abonnementen. Reichen für die Weitergabe ihrer News Daumen und Zeigefinger nicht aus oder bekommt sie die von ihr gefürchteten Muskelkrämpfe im Daumen, setzt sie sich auf und tippt und scrollt stattdessen mit der Nase Informationen ins Tablet.

Fährt die Internette an der Krankenhauspforte vor, steigt sie aus und schreibt die letzten Worte über grandiose Mitternachtsschwimmen, über einen Feuerwehreinsatz, den ihre Freunde durch ein drei-Meter hohes Lagerfeuer ausgelöst haben oder auch über ein Wettessen mit Todesfolge und verschickt die Nachrichten mit 33 Emojis. Erst danach schlüpft sie in ihre Pantoletten und versteckt das Tablet geschickt unter ihrer luftigen Kleidung. Schweißgebadet greift sie das mitgebrachte Handtuch aus der Tasche und trocknet sich Hals, Hände und die Stirn ab. Sie schleicht hinter die Pförtnerei und wringt das Handtuch über der in schnurgerader Reihe gepflanzten Köpfe des Pfücksalats aus, die der Pförtner jedes Frühjahr für sein Frühstück angelegt hat. Ist sie damit fertig, stopft sie das Handtuch wieder in die Tasche, geht zurück zum Auto und schickt dem Fahrer Infos über wichtige Kulturveranstaltungen auf sein Smartphone, die ihm jede Menge zusätzliche Fahrgäste versprechen. Hat sie hingegen wieder heikle Informationen über das abendliche Treiben seiner geschiedenen Frau oder böse Streiche seiner drei heranwachsenden Kinder parat, krakelt sie mühselig Buchstaben auf linierte Zettel, faltet diese zusammen und legt sie als Lohn für treue Fahrdienste auf den Beifahrersitz. Mit einem Nicken bedankt sich der Fahrer, fragt, wann er sie wieder abholen soll und braust mit Lichtsignal davon.

Betritt die Internette das Foyer des Krankenhausgebäudes, schnappt sie alle Meinungsfetzen auf, die sie bekommen kann. Mit diesen geht sie in die neonbeleuchteten Flure und fragt entgegenkommende Mitarbeiter nach den Launen ihrer Chefs oder Kollegen. Noch im Hören greift sie in den Beutel, winkt besorgt oder erfreut den Berichterstattern zu und gibt die Melange aus Meinungsfetzen und eben geäußerten Nachrichten blind in die Smartphones ein und drückt aufgeregt gleichzeitig die Entertasten. Bevor sie auf Station ankommt, hat sie so ein erstes Stimmungsbarometer der Belegschaft noch vor den Sechs-Uhr-Nachrichten abgesandt. Und es ist kein Wunder, dass, seit sie sich mit ihren beiden Smartphones in die letzte Personalratswahl mit zigtausend Rund-SMS eingemischt hat und der aussichtsreichste Kandidat von Platz eins auf den vorletzten Platz rutschte und andere Kandidaten, die seit Jahren aktiv für die Rechte der Mitarbeiter kämpfen, urplötzlich rausfielen, -die Geschäftsführung, die Personalabteilung sowie der Personalrat zu ihren treuesten Kunden zählen sollen. Einzig der Pförtner weigert sich beharrlich eines von den doofen Smartphonedingern zu kaufen und den unverständlichen Quatsch, den sie Tag und Nacht schreibt, zu lesen. Seit geraumer Zeit wird gemunkelt, dass die Pflegedienstleitung extra wegen ihr einen nicht näher benannten Mitarbeiter mit Diplomstudiengang der Neuen Medien beschäftigt, der tags und manchmal auch nachts mit der Weiterverarbeitung ihrer Nachrichten beschäftigt sei. Auch hält sich das Gerücht, die Personalakte der Internetten sei nur wegen ihrer eifrigen Smartphonetätigkeiten bei allen Entlassungsgesprächen immer wieder unauffindbar. Viele, die dieses Gerücht verbreiten, stellen ungefragt der Internetten ihr Wissen zur Verfügung. Auch scheint ihr, dass die Chefs ihr gegenüber irgendwie aufmerksamer geworden sind, ihr neuerdings jede Menge Komplimente machen und sie des Öfteren in der Kantine zum Essen einladen.

Gelangt die Internette endlich auf Station, geht sie voller Ungeduld in die Zimmer, öffnet die Fenster und lässt die ersten Sonnenstrahlen auf die Gesichter der noch schlafenden Patienten scheinen. Sie klopft sie wach, nimmt die Becher vom Nachttisch, reicht sie ihnen an die Münder und fragt ganz nebenbei, wie viele Besucher gestern das Radrennen des Enkels hatte, wie das Essen derzeit schmeckt, wie laut sie die Musik beim diesjährigen Sommerfest des Krankenhauses fanden oder auch nur wie sie die Kleiderordnung auf einer Skala von eins bis zehn einstufen würden. Haben die Patienten ihre Informationen im Halbschlaf genuschelt, klopft sie ihnen anerkennend auf die Schulter, stellt die leer getrunkenen Becher auf die Nachttische zurück, notiert die Flüssigkeitsmenge im Einfuhrprotokoll, zieht die Decken bis zur Nasenspitze hoch, schließt die Fenster und gibt noch im Raume stehend umgehend Votings zur Genießbarkeit des Patientenessens, des Lärmpegels im Krankenhaus und zum schrillsten Ärztekittel an alle Whatsapp-Gruppen ihres ellenlangen Verteilers weiter. Und nur wenn die Daten mehr als zwei, drei SMS überschreiten, schiebt sie sich seit Neuestem in einen der sehr schmalen Patientenschränke, zieht das Tablet unter dem Shirt hervor und schreibt ausführliche Rundmails mit Grafikanhang und Balkendiagramm. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie die eigens für diese schmalen Schränke begonnene Diät erfolgreich beendet hat. Anschließend kommt sie wie nach einem Toilettengang erleichtert aus dem Schrank, schiebt zufrieden die Tür zu und steckt das Tablet unters Shirt. Meist bemerkt sie erst jetzt, dass sie in der Zwischenzeit furchtbar müde geworden ist und sie dringend einen Frühstückskaffee braucht. Im Pausenraum angelangt, schiebt sich die Internette in ihre Lieblingsecke an die Stirnseite des Tisches, streift die Schuhe ab, legt die Beine hoch und lauscht gleichzeitig allen Gesprächen der Mitarbeiter. Da es sehr anstrengend ist, die Verwandten und Bekannten der Mitarbeiter auseinanderzuhalten, kann es schon mal vorkommen, dass der Internetten die Augen zufallen und sie in einen wohltuenden Sekundenschlaf hinabgleitet. Erwacht sie wieder, gibt sie die oft unvollständigen Sachverhalte in ihre beiden Smartphones ein. Nicht selten ist sie von der Brisanz ihrer neu gewonnenen Informationen so perplex, dass sie vor Schreck gleichzeitig in zwei, drei oder gar vier Brötchen beißt und den viel zu heißen Kaffee abwechselnd aus den umherstehenden Kaffeepötten runterschlüft. Ist die ihrer Meinung nach viel zu kurze Pause vorbei, zieht die Internette ihre Pantoletten an und fragt die Stationsleiterin, ob sie die Patienten in den OP fahren oder von dort abholen darf. Vorher schleicht sie in den Umkleideraum und wechselt ihre zwei schwächelnden Smartphones gegen zwei mit aufgeladenen Akkus. Die akkuschwachen Smartphones steckt sie an einer Verteilerdose an, die ihr ein Handwerker, aus der Schar der unendlichen Verehrer, in den Umkleideschrank heimlich eingebaut hat. Mit den zwei aufgeladenen Smartphones bewaffnet, schnappt sie sich ein im Gang geparktes Bett nebst Patient und beginnt ihre ausgedehnte Spazierfahrt durch alle Etagen und Winkel des Krankenhauses. Zuerst führt sie ihr Weg in die Wäscherei. Dort horcht sie was die Besungene an Zetteln, Eintrittskarten und anderen interessanten Fundstücken in den schmutzigen Wäschestücken gefunden hat und welche wichtigen Nachrichten sich daraus rekonstruieren lassen. Anschließend schiebt sie das Bett mitten in die Raucherinsel der Krankenpflegeschule, holt ihre Zigaretten heraus, steckt sich und dem halbschlummernden Patienten eine Zigarette zwischen die Lippen und gibt der qualmenden Schülerschaft Tipps, wo in den nächsten Nächten angesagte oder gar streng verbotene Tanzveranstaltungen mit anschließendem Nacktbaden stattfinden. Kommt die Internette von der kleinen Raucherpause an der Kantine vorbei, kann sie sich meist nicht beherrschen. Sie wirft ihre und des Patienten Zigarette in die Ecke, stellt das Bett mit dem magennüchternen Patienten neben den beleuchteten Lunchautomaten, zieht sich ihr saftiges Schinken-Käse-Sandwich mit Ei und Salat aus dem Automatenfach und stürmt an die Kasse zu Herrn Auskunft. Dort tauschen sie Speicherkarten mit verschiedenen Diagrammen und Grafiken aus und besprechen wichtige Kulturveranstaltungen, die im Umkreis von mindestens einhundertfünfzig Kilometern stattfinden. Und jedes Mal nimmt sich die Internette ganz fest vor beim nächsten Schwatz nicht wieder zwei, drei Stunden in der Kantine zu verweilen. Denn oft kommen die Patienten danach viel zu spät zu ihren OP-Terminen oder versterben, weil die Sauerstoffmaske zwischenzeitlich verloren gegangen oder der Infussiomat leer gelaufen ist. Sie übergibt ihre halbtoten Patienten am OP-Eingang und übernimmt die frisch operierten Patienten. Da das Handy im OP und ITS-Bereich keinen Empfang hat, hasst sie die Zeit der Übergabe und drängt das Personal zur Eile. Anschließend rast sie wie von der Tarantel gestochen mit dem Patienten in den Flur zurück und prüft mit zitternden Händen den Empfang ihrer beiden Smartphones. Mit der Fülle an Informationen beantwortet sie auf der Rückfahrt bereitwillig jedem Mitarbeiter, wann, wo, wie, welche wichtigen Veranstaltungen stattfinden, wie hoch die Eintrittsgelder sind, wie viele Karten sich überhaupt noch im Umlauf befinden und ob die Fragenden zu dieser oder jener außergewöhnlichen oder einmaligen Veranstaltung kommen müssen. Gern beendet sie ihre Tipps mit dem mahnenden Satz, dass ein Fernbleiben ein nicht wieder gut zumachender Frevel oder gar ein untrügerisches Zeichen von kultureller Einfältigkeit vor aller Welt darstelle und der Ferngebliebene sich nicht mehr bei Tage unter die Menschheit getrauen könne. Sind die Fragenden noch im Zweifel, schiebt sie den standardisierten Satz hinterher, dass auch sie todmüde sei, dass auch sie Wäsche in der Waschmaschine habe und auch ihre Fenster vor Dreck aus den Rahmen fielen, aber sie sich gar nicht mehr im Spiegel ansehen könne, wenn sie der Veranstaltung fernbliebe. So angeheizt beteuern die Informierten, dass sie in jedem Falle zur angemahnten Veranstaltung kämen. Oft trifft sie am Abend den Handwerker, der ihr fortwährend zulächelt, Teile ihres alten oder neuen Stationsteams oder gar ganze Abteilungen dort an. In diesen Momenten fühlt sie sich seltsam geborgen und glaubt sich ihrem großen Ziele näher, einmal alle Mitarbeiter des Krankenhauses als familiäres Ganzes zu erleben. Sie nimmt die Smartphones und macht Fotos, die sie als Panoramabilder in verschiedene Netzwerke stellt und mit den Namen aller Abgebildeten versieht. Die Gelungensten klebt sie später an einer der wenigen freien Plätze ihrer vier Meter hohen, weiß getünchten Wände der Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Außentoilette. In sehr guten Momenten gelingt ihr das Kunststück, die Anwesenden im Saale in tobende Begeisterung zu versetzen. Dann schunkelt sie so lange hin und her, bis die Anwesenden die von ihr vorgegebene Bewegung aufgreifen und in eine einzige Woge verwandeln. Nach solchen Veranstaltungen fährt sie nicht, wie sonst üblich, mit dem Taxi zum nächsten Ereignis, sondern schaltet ihre beiden Smartphones aus, nimmt ihre bunten Pantoletten in die Hand und planscht im Springbrunnen und träumt davon, endlich von einem schönen Mann entdeckt zu werden. Barfuß tanzt sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett und schaukelt sich mit dem Rhythmus der abendlichen Woge in den wohl verdienten Schlaf und stellt sich die Frage warum sich niemand getraut, sie endlich anzusprechen. Und nur wenn sie wieder einen ihrer furchtbaren Albträume hat, schreckt sie aus ihrem Schunkelschlafe auf und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf ihre beiden Handys, die sie stets fest umklammert in den Händen hält. Dabei überlegt sie, was sie eigentlich machen wird, wenn sie, wie im Traume geschehen, wirklich in ein Funkloch fallen sollte.

Würde man den Pförtner nach ihr fragen, würde er sagen, dass sie eine ausgesprochene Handymacke hätte und er beim besten Willen nicht sagen könne, woher sie die viele Kohle nehme, um die täglichen Taxifahrten bezahlen zu können. Außerdem würde er behaupten, dass sie endlich einen Mann in ihr unstetes Leben lassen müsse. Dann würde sich das mit der Doppel-Handymacke und dem Taxirumgekutsche schnell legen. Außerdem könne er dann wieder seinen geliebten Pflücksalat abernten und zum Frühstück essen.

Die Gastnehmerin, Teil V

Sie steht auf, zupft ein verwelktes Blatt von der Grünpflanze, wirft es in den Mülleimer und geht auf die Toilette. Wie immer lehnt sie die Tür an und ich höre wie ihr Urin in die Schüssel läuft. Damit ich das Geräusch des Urinstrahls heute nicht hören muss, lege ich Jazzmusik in den Spieler und drehe die Musik laut. Sie kommt aus dem Bad und schimpft erwartungsgemäß, dass das furchtbare Affenmusik sei, dass die Nachbarn dieses Geheul auf keinen Fall dulden würden und auch sie bei der furchtbaren Musik sofort gehen werde. Ich schalte die Musik etwas leise, sage beiläufig, dass es mir leidtue und warte bis sie sich angezogen hat. Ich begleite sie zur Tür. Sie bleibt im Flur stehen und fragt, ob nicht doch etwas Geld in dem Geldbeutel sei und ob ich noch einmal gründlich nachsehen könne. Siegessicher gehe ich zum Küchenschrank zurück, nehme mit ausladender Handbewegung den Geldbeutel aus dem Fach, werfe ihn in die Luft und drücke ihn ihr in die Hand und ermuntere sie, doch selber noch einmal ganz gründlich hineinzusehen. Sie schaut hinein und dreht die Spitze ihres Schuhs, als wollte sie eine Zigarette austreten. Sie klopft mit der Hand auf die Oberfläche ihrer Tasche und flüstert, ob ich nicht wenigstens etwas Kleingeld im Portemonnaie sei. Die Gastnehmerin, Teil V weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“ Die Gastnehmerin, Teil IV weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil III

Sie knurrt. Ich drehe das Radio leise, den Wasserhahn ab und wiederhole in langsamen Worten meine Frage: „Schmeckt´s dir? Schmeckt´s? Oder bist du schon satt? Wenn Du satt bist, musst du´s mir nur sagen. Dann stelle ich den restlichen Käse auch gern wieder in den Kühlschrank! Der muss ja nicht unnütz auf dem Tisch stehen.“ Ich höre ein weiteres Mal ihr Knurren und ein „Nein, nein, es schmeckt! Stell´ den Käse bloß nicht wieder weg!“ Ich drehe den Kopf etwas zur Seite und sehe wie sie mit der einen Hand hastig zwei Scheiben in ihren Mund steckt, wobei die eine Scheibe für Sekunden wie eine weiße Zunge heraushängt und im Rhythmus ihrer Kaubewegung mitschwingt. Mit der anderen Hand schiebt sie schnell die verbliebenen Käseteile auf ihren Teller. Sie nimmt die mitgebrachte Tüte aus der Tasche und kippt den Käse hinein. Ich drehe den Kopf zurück zur Spüle, schließe die Augen und spüre das Gefühl, dass ich in solchen Momenten immer verspüre. Ich sage mir in Gedanken, dass ich diesem Gefühl des Mitleids ab heute nicht mehr nachgeben will. Außerdem sage ich mir, dass ich mir das seit Jahren jedes Mal vorgenommen habe. Zum Schluss sage ich mir, dass ich aus einem unerklärlichen Grund seit dem letzten Besuch weiß, dass ich von ihr nichts mehr erhoffen kann.
Ich öffne die Augen, schiele auf den Tisch und sehe wie sie das letzte Stück herunterschlingt. Ich bemerke, wie ich die Schnur der Mikrowelle umfasse und in die Steckdose schieben will. Ich schüttle den Kopf, schalte die Herdplatte an, lege meine flache Hand darauf, bis es warm wird und ich ein leichtes Brennen verspüre, starre in das immer deutlicher werdende Rot und spreche lautlos zu mir: „Ab heute, ab heute muss das anders werden! Du hast es dir versprochen!“ Ich lege die Schnur der Mikrowelle aus der einen Hand, nehme die andere Hand von der Platte, schalte den Herd aus und überlege, wann sie endlich mit dem eigentlichen Grund ihres Besuches herausrücken wird. Ich halte meine Hand unter das kalte Spülwasser und bin mir auf einmal sicher, dass ich ihr es ganz gewiss nicht leicht machen werde und sie ab heute mit mir einen wirklich echten Gegner haben wird. Als erstes kommt mir die Idee, ihr Gespräch, zu torpedieren. Da ich weiß, was sie in Wirklichkeit will, dürfte es mir nicht allzu schwer fallen, jedes Mal, wenn sie damit beginnen würde, sie mit einem anderen Thema zu überrumpeln. Ich gieße ihr Kaffee ein. Dieses Mal gieße ich ihn, wie den Tee in chinesischen Filmen, aus großer Höhe ein, damit er schnell kalt wird. Ich weiß, kalten Kaffee mag sie noch weniger als zu heißen. Sie sagt, dass es schön sei, dass es so schnell mit diesem Besuch geklappt habe und sie ein dringendes Anliegen auf dem Herzen habe. Ich frage sie, was eigentlich ihr Herz mache und wie der Befund des Langzeit-EKGs ausgefallen sei. Sie sagt, dass sie es noch nicht geschafft habe, aber gleich nächste Woche zum Arzt gehe. Sie sagt, dass es schön ist, dass es mit diesem Besuch so schnell geklappt habe und sie wieder einmal einen kleinen Wunsch hätte. Ich frage, ob sie denn die Weihnachtswünsche der Verwandtschaft für dieses Jahr schon wüsste und bin völlig erstaunt als sie ja, natürlich sagt und dass sie ja deswegen mich besuchen komme. Ich verdrehe die Augen und sage, dass ich mich über ihren Besuch sehr freue, mir aber dieses Jahr vorgenommen habe, keinerlei Wünsche zu erfüllen. Sie sagt, dass auch sie sich dieses Jahr vorgenommen habe keine allzu großen Wünsche zu erfüllen und es sich sowieso nur wieder um Kleinigkeiten handle. Sie greift in ihre Jackentasche und holt den Weihnachtswunschzettel, den sie auf die Rückseite eines langen Kassenbons geschrieben hat, heraus. Da ich weiß, dass sie mit ihrer Brille nicht allzu viel erkennen kann, gehe ich zum Fenster, sehe hinaus und drehe am Stellrad der Jalousie. Sie beugt sich über den Zettel mit der kindlich krakeligen Schrift und beginnt laut vorzulesen. Ich bin erstaunt, dass sie ihre Schrift immer noch erkennt. Ich schaue wieder scheinbar unbeteiligt durch die Fensterscheibe und drehe ein weiteres Mal am Stellrad der Jalousie. Sie hält den Zettel nah an ihre Brille und liest in ihrer unnachgiebigen Art, die ich bewundere und zugleich fürchte, ihren Wunschzettel vor. Ich sehe weiterhin aus dem Fenster und drehe ein weiteres Mal das Plasterädchen der Jalousie und bin erfreut, mit wie wenig Aufwand ich ihren Willen unterbrechen kann. Sie schiebt den Zettel vor die Brille, reibt ihre Augen und beginnt zu stottern. Ich flüstere in Gedanken, dass ihr das völlig zu Recht geschieht und es die Strafe dafür ist, das von mir erbetene Geld statt für die neue Brille für unsinnige Einkäufe auszugeben. Sie reibt sich erneut die Augen und beginnt zu zittern. Da mir dieser Anblick leidtut, drehe ich das Rädchen der Jalousie zurück. Sofort beginnt sie wieder, diesmal schneller, die Wünsche vom Zettel vorzulesen. Da mich das, aber auch mein gottverfluchtes Mitfühlen ärgert und ich mir nicht sicher bin, was mich mehr von beidem in hilflose Wut versetzt, drehe ich das Rädchen zurück. Sie reibt Kreise über die Karos ihres violetten Hosenkostüms. Ich drehe wieder an dem Rädchen. Sie beobachtet mich und ich überlege, was ihre Beobachtung bedeutet und ob sie gemerkt hat, dass ich das Rädchen gedreht habe. Das macht mich völlig unsicher. Ich schaue noch einmal aus dem Fenster, öffne es, winke und rufe auf die Straße herunter. Ich schließe das Fenster, reibe mit dem Ellenbogen über die Scheibe, gehe vom Fenster zur Spüle, die hinter ihr steht und überlege wie ich ihren Leseschwall unterbrechen kann. Ich hole mit dem schweineteuren Bergkäse, den ich extra für diese Situation beim Händler bestellt habe, meine allerletzte Waffe aus dem Kühlschrank, stelle ihn vor sie und bemerke erst jetzt, dass sie schweigt und ihre Brust sich schnell auf- und abbewegt. Ich glaube puterrot zu werden, drehe mich von ihr weg und sage trotzig, dass ich ihn extra nur für sie gekauft habe, vorhin glatt vergessen habe ihn auf den Tisch zu stellen und nun aber auch möchte, dass sie ihn unbedingt isst und ich ihn ansonsten nie mehr kaufen werde. Sie schaut auf ihren Wunschzettel, auf den Käse, auf den Wunschzettel und von dort langsam auf den Käse und danach mich fragend an. Ich nicke ihr zu und sage im überzeugt lässigen Tonfall, dass es da überhaupt nichts zu überlegen gibt. Sie schaut mich zögernd an und legt in Zeitlupe den Zettel neben den Teller. Ich hobele die Scheiben vom Käse herunter und garniere sie auf den Teller. Sie schaut mich an und beginnt die Scheiben in einem Tempo in den Mund zu schieben, dass ich mit dem Hobeln kaum nachkomme Sie greift zur Kanne und gießt sich mit Schwung Kaffee nach, dass der Kaffee über die Tasse, auf die Untertasse und von dort auf den Tisch schwappt. Sie trinkt ihn mit einem großen Schluck, dass er tröpfchenweise aus den losen Gebisshälften träufelt. Ich beobachte sie und möchte am liebsten zum Fenster stürzen und die Jalousie komplett zudrehen. Stattdessen drehe ich mich wieder zur Spüle, frage sie in einem eingeübt scheinheiligen Ton, was denn dieses Mal der Grund ihres Besuches ist und spüre plötzlich wie mir übel wird und ich mich über meine eben gestellte Frage zu ärgern beginne, da ich ihr nun eine wunderbare Steilvorlage biete, die sie garantiert nutzen wird. Mit vollem Mund, nimmt sie den Wunschzettel in die Hand und beginnt laut vorzulesen. Ich schüttle den Kopf, setze mich an den Küchentisch sehe die vielen Posten, die auf der Vorderseite des Kassenbons aufgetragen sind und spüre das jahrhundertealte Gefühl in mir hochsteigen aus der Wohnung zu laufen, getraue es mir aber nicht. Ich sehe auf die Herdplatte, schüttle den Kopf und bezweifle, ob ich jemals diesem Gast, der auch heute wieder mit einem Selbstverständnis an seinem sogenannten Stammsitz am Küchentisch Platz genommen hat, gewachsen bin. Ich stehe auf, gehe zum Küchenherd, schalte die Herdplatte an und drücke meine flache Hand darauf.

Die Gastnehmerin, Teil II

Im ersten Teil wartet der Erzähler auf seinen Gast und erzählt dabei (aufgeregt) wie aufgeregt er ist und er sich auch dieses Mal gegen dieses unangenehme Gefühl nicht wehren kann. Noch während des Wartens vollzieht sich für den Erzähler und den neugierigen Leser aus (noch) unerklärlichen Gründen eine Wandlung seines sonst üblichen Verhaltens. Diese Wandlung wird heute in Teil II fortgeführt und der Leser wird (un-gewollt) zum voyeuristischen Teilhaber des bizzaren Frühstücksgeschehens am Küchentisch.

Sie greift den Käse, schneidet wie erwartet dicke Scheiben herunter und stapelt ihn auf das Brötchen. Ich beobachte sie und bin verwundert, weil mich ihre Verfressenheit überhaupt nicht aufregt. Stattdessen sage ich, dass es mich sehr freut, dass sie heute ausnahmsweise viel Appetit mitgebracht hat und es ihr so wunderbar schmeckt. Ich nehme die Kaffeekanne, gieße ihr den tiefschwarzen Kaffee randvoll in die Tasse und sage: „Einen recht bekömmlichen und guten Hunger!“ Sie trinkt einen Schluck, antwortet, bei mir hast du das anders gelernt und beschwert sich, dass ich ihr zu viel Kaffee in die Tasse gegossen habe, sie ihn nun nicht mehr mit Milch verdünnen kann und der Kaffee außerdem viel zu stark sei. Sie erinnert mich daran, dass ich doch wüsste, dass sie starken Kaffee seit langem nicht mehr vertrüge und ob ich unbedingt wolle, dass sie wie ihr Großvater Magenkrebs bekomme. Ich entschuldige mich beiläufig und biete ihr mit einem Lächeln Milch an. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne mit der einen Hand die Tür, ziehe mit der anderen Hand den Neztstecker der Mikrowellenschnur aus der Dose und stelle ihr die eiskalte Milch, die ich vor ihrem Besuch ins Kühlfach gelegt habe, auf den Tisch. Sie fragt mich, ob ich wenigstens Milch in der Mikrowelle warm machen könne. Ich verneine, drücke stattdessen theatralisch an der unbeleuchtete Tastatur und bedaure, dass die Mikrowelle aus einem mir wirklich unerklärlichem Grunde just gestern den Geist aufgegeben habe und sie die Milch heute leider mal kalt nehmen müsse. Sie sagt nein und trinkt den schwarzen Kaffee in kleinen Schlucken und flüstert, dass sie, wenn sie ihre Diagnose bekäme, wenigstens wisse wer an alledem schuld sei. Ich versichere, dass das nie und nimmer passiert und sie wenigstens Hundert werde. Mit einem Knurren beißt sie in die Brötchenhälfte und zieht wie ein wildes Tier daran. Sie lässt den Teil der Brötchenhälfte wieder aus dem Mund gleiten, dreht den Kopf zur Seite und versucht es noch einmal. Als auch das nicht gelingt, schiebt sie die Lippen vor und lutscht an der Kruste. Sie schiebt ihre Zähne hin- und her, beißt vorsichtig hinein und würgt das abgesägte Stück herunter. Sie flucht und legt die Hälfte des Mohnbrötchens zurück und isst stattdessen den Käse vom Teller. Damit sie nicht mit dem Essen aufhört, gehe ich zum Kühlschrank und nehme den Büffelmozzarella heraus. Ich öffne die Verpackung, rieche daran, lecke mit der Zunge um den Mund, stelle den Mozzarella direkt vor ihre Nase und sage ihr in die Länge gezogen, dass ich den Käse extra nur für sie gekauft habe. Ich hoffe ihr so ein schlechtes Gewissen zu machen und ihre Fresssucht wieder anzuheizen. Wenn ich Glück habe, isst sie wieder alles, was ich auf den Tisch gestellt habe und ihr wird schlecht. Heute scheint mir das nichts auszumachen. Sonst regt mich ihr zu erwartendes Verhalten Tage vorher maßlos auf und ich beschwere mich lautstark vor dem Spiegel stehend über ihre Verfressenheit und mache ihren immer gleichen jammernden Monolog nach, bei dem sie sagt, dass sie wieder viel zu viel gegessen habe und ihr nun schlecht würde. Jedes Mal nehme ich mir vor dem gottverdammten Spiegel stehend vor, ihr endlich zu sagen, dass sie über ausreichend Geld verfügt und ich nicht mehr ihr Goldesel sein möchte. Aber nachdem ich die Vermutung habe, dass sie es ist, die im Hof hinter die Container kotzt, stört mich ihre Fresserei nur noch halb. Am Anfang dachte ich, es seien Jugendliche oder eines von den Hippie-Pärchen aus dem Nachbarhaus, die nach ihren Saufgelagen gern mal in die Ecken kotzen oder pinkeln. Aber nachdem ich festgestellt habe, dass die Kotze immer dann hinter dem Container liegt, wenn sie da war und die Hippies zu der Zeit ihren Rausch ausschliefen, bekam ich diese Ahnung. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn ich mich wieder über sie aufrege und wütend durch die Bude renne, das Kotzgeräusch nachmache und mich schlagartig dabei wohlfühle. Wenn ich Glück habe, kann ich es heute endlich live erleben. Ich summe ein Lied, schneide den Mozzarella in extra dicke Scheiben und lege ihn breitfächerig auf den Meißner Servierteller meiner verstorbenen Großmutter. Mit gespreizten Fingern nasche ich eine Scheibe vom Teller und summe trotz vollem Munde weiter. Jedes Mal wenn sie den Teller mit dem Streublumenmuster sieht, wird sie unruhig und äußert abwertende Bemerkungen, um auch das letzte bei mir verbliebene Stück meiner geliebten Großmutter, von mir geschenkt zu bekommen, um es anschließend zu verscherbeln. Über die Jahre habe ich es mir abgewöhnt, die Teile, die sie an den Antiquitätenhändler in meiner Straße verkaufte, zurückzukaufen. Anfangs hatte ich mich geärgert, dass sie die Stücke verkauft hat. Später war ich nur noch enttäuscht, dass sie sich nicht einmal die Mühe gab, die mir zuvor abgeschwatzten Teile, so zu verkaufen, dass ich es nicht bemerke. Und als sie mir eher zufällig ein Stück abschwatze, das ich ihr schon einmal geschenkt hatte, ließ ich es, weitere Teile vom Händler zurückzukaufen. Ich streichle über eine der abgebildeten Streublumen auf dem Teller, schmatze nachdenklich, sehe ihr in die Augen und sage, dass das ein wunderschönes Muster ist und ich gar nicht weiß, wer diesen prachtvollen Teller, wenn ich nicht mehr bin, bekommen soll und er sicherlich, wie mein anderer Kram in einer der vielen Haushaltauflösung oder gar im Sperrmüll landen wird. Ich staune, dass mir heute das bei Sammlern begehrte Motiv nicht abschwatzen will und stelle Pfeffer, Salz und Olivenöl wie eine Mauer um den Meißner Teller herum. Ich nehme das Kürbiskernöl, öffne es und sage ihr, dass das Öl vorzüglich zum Mozzarella passe. Ich garniere die Scheiben mit frischen Basilikumblättern und Cherrytomaten und bitte sie sich nicht zu zieren und doch endlich zuzugreifen. Ich gehe zur Spüle, wasche meine vom Käse verklebten Hände und sage ihr, dass der Büffelmozzarella erst neulich im Fernsehen von ihrem Lieblingskoch angepriesen wurde. Ich gehe zurück zum Tisch und erwische sie, wie sie mit ihren dicken Fingern an ihren beiden Gebissen rumruckelt. Erstmals erfreue ich mich bei dem Anblick, dass ihr die Beißer nicht mehr passen und sie seit Jahren deswegen Schmerzen hat. Hätte sie das viele Geld, das sie mir damals über Monate abgepresst hatte, auch wirklich für die Zahnarztrechnung verwendet, müsste sie jetzt nicht mit Schmerzen am Tisch sitzen und mit kaputten Zähnen und einem zu großen Gebiss essen. Ich drehe mich zurück zur Spüle und frage sie in einem Tonfall, bei dem ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall auf meine Frage antworten muss: „Schmeckt´s dir eigentlich? Du sagst gar nichts?“

Die Gastnehmerin, Teil I

Ich warte. Meine Mutter hat sich angemeldet. Sie hatte gestern am späten Abend angerufen und gefragt, ob sie mit mir heute Morgen etwas überaus Wichtiges besprechen dürfe. Es sei dringend, sehr dringend.
Ich kenne ihre Art. Ich kenne ihre unaufschiebbaren Wünsche und auch ihre Hartnäckigkeit. Sie gibt nicht nach. Sie gab noch nie nach. Sie versucht es anfangs freundlich, später indem sie mir ein schlechtes Gewissen macht und zum Schluss mit Vorwürfen. Das alles ist mir vertraut. Nun sitze ich da und warte auf das, was ihr Besuch von mir fordern wird. Ich schalte den Fernseher an und springe von Sender zu Sender. Nachdem ich alle dreiunddreißig Programme durchgeblättert habe, fange ich wieder von vorne an, bis es zwei Mal kurz hintereinander klingelt. Sie klingelt immer zwei Mal. Das ist ihr Zeichen. Das hat sie vor Jahren für uns festlegt. Deswegen ermahne ich die Postträger und die Bewohner des Hauses, falls sie Irgendetwas von mir wollen, bitte, bitte nur einmal zu klingeln. Da sie schon mehrfach erlebt haben, wie mies es mir geht, wenn sie zweimal klingeln, halten sich die meisten an meine ungewöhnliche Bitte, wie sie sie verwundert ein jedes Mal nennen, wenn wir darauf zu sprechen kommen. Wieder klingelt es zwei Mal. Und dann noch zweimal kurz hintereinander. Auch das kenne ich von ihr. Heute stürze ich nicht zur Tür, sondern lasse mir Zeit. Eigentlich wäre jetzt eine weitere Chance, mich endlich still zu verhalten und nicht zu öffnen. Eigentlich. Noch nie habe ich diese Chance genutzt. Komischerweise bereite ich mich aber jedes Mal auf diesen Moment vor. Ich schalte alle Lampen aus, drehe das Radio leise und wenn es draußen dunkel ist, schalte ich sogar den Fernseher ab, damit mich das Geflacker nicht verrät. Noch nie habe ich mich still verhalten. Doch, ein einziges Mal. Mir war das damals so unangenehm, dass ich mich bei ihr entschuldigte, ihr versicherte, sehr, sehr fest geschlafen zu haben und ihr zum Abschied Geld geschenkt hatte.
Ich schalte den Fernseher ab, stehe vom Sofa auf, setze einen Fuß vor den anderen und schleiche so zum Türsummer. Es klingelt zwei Mal kurz. Ich warte einen Moment, bis es wieder und wieder zwei Mal kurz hintereinander klingelt und versuche in gelangweilter Stimme zu fragen, wer da ist. Ich höre ihr: „Hier is´ Mutti! Lass mich rein!“ Über meine gelangweilte Stimme bin ich erschrocken. Schnell drücke ich den Summer und öffne die Wohnungstür. Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ein Hemd aus dem Schrank, ziehe es aber nicht an. Stattdessen hänge ich es zurück, gehe ins Bad, nehme ein schmutziges Hemd aus der Wäsche und streife es über. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, werfe mich auf das Sofa, schalte den Fernseher wieder an und drücke wahllos durch die Sender. Das Klingeln hat meinen Puls hochgejagt. Ich reibe die Hände an den Hosenbeinen trocken. Ich fluche und drehe den Fernseher lauter.
Sie klopft an die Tür. Ich rufe vom Sofa aus herein und spüre jetzt das Pochen am Hals. Ich drehe die Lautstärke noch ein Stück auf, bevor ich den Fernseher ausschalte. Früher hätte sie sich zuallererst über die Lautstärke beschwert und verlangt den Ton leise zu stellen. Es wäre ihre erste Anweisung gewesen. Es war immer ihre erste Anweisung wenn sie in mein Zimmer eintrat. Sie hatte diese Begründung auch gern benutzt, um mein Zimmer zu betreten, selbst dann, wenn ich gar keine Musik gehört hatte. Ich wische meine kalten Hände nochmal an den Hosenbeinen trocken und schiebe mich vom Sofa auf.
Jetzt steht sie da, klopft leise an der Stubentür und tritt ein. Ich blicke flüchtig zu der kurzatmigen und unfrisierten Frau in ihrem zu großen violetten Hosenkostüm und nicke. Irgendwie freue ich mich über ihre Kurzatmigkeit. Ich hatte mir vor Jahren angewöhnt in obere Etagen zu ziehen. Irgendwie fühlte ich mich dort wohler. Mit jedem Umzug zog ich eine Etage höher, anfangs noch mit Fahrstuhl. Als ich bemerkte, dass ihr das Treppensteigen immer schwerer fiel, suchte ich speziell nach Wohnungen in Häusern ohne Fahrstuhl. Die Makler wollten mir mein Anliegen erst nicht glauben. Aber nachdem ich ihnen Fitnessgründe dargelegt hatte, suchten sie für mich und erklärten mir, dass das Gesetz jedoch Wohnungen nur bis zur Sechsten ohne Fahrstuhl zulässt. Sicherlich fällt mir das tägliche Treppensteigen schwer und ich verfluche sie manchmal auf einem der Treppenabsätze. Wegen den einhundertneun Stufen trinke ich nur noch Leitungswasser und esse eingeschweißtes Fertigzeug. Und seit ich hier oben in die Mansardenwohnung mit der steilen Wendeltreppe gezogen bin, habe ich sogar mein Bier weggelassen und trage meinen Wocheneinkauf in einem speziellen, rückenschonenden Bergsteigerrucksack.
Sie geht in die Küche, setzt sich auf den Stuhl und ringt um Luft. Ich stelle mich an die Spüle, putze am Wasserhahn und beobachte sie aus den Augenwinkeln. Ich freue mich wie sich ihre flache Brust schnell auf- und abbewegt. Wenn sie wieder Luft bekommt, wird sie mich fragen, ob´s denn hier nichts zu essen gibt. Da mir die Frage wieder unangenehm sein wird, hole ich ein hart gekochtes Ei, Margarine und den vorbereiteten Teller Käse aus dem Kühlschrank. Warum ich mich dieses Mal für hart gekochte Eier und Margarine im Kühlschrank entschieden habe, obwohl weder ich noch sie das Zeug essen, sage ich ihr vorerst noch nicht, stelle es ihr aber demonstrativ auf den Tisch. Ich gehe zur Kaffeemaschine und fülle mehr als die doppelte Menge Kaffeepulver, die ich benötige, in den Filter. Ich öffne den Schrank und hole das Gedeck mit der angeschlagenen Tasse heraus, das ich dachte längst weggeworfen zu haben und stelle auch dieses vor sie. Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Eigentlich. Da nichts passieren will, drehe ich ihr den Rücken zu und suche Brötchen im Fach. Das abgepackte Brot schiebe ich dabei unter die Servietten und das Backpapier, dass sie, wenn sie danach suchen würde, in keinem Fall fände. Ich weiß genau, dass sie keine Mohnbrötchen isst. Trotzdem staple ich sie neben die Margarine und erkläre, dass ich leider vergessen habe ihr Brot mitzubringen und ihr nur frische Mohnbrötchen anbieten kann. Sie sagt in ihrem vorwurfsvollen Tonfall, dass sie überhaupt nicht verstehen kann wie ich ihr Brot vergessen könne und wo ich meine Gedanken wieder hätte und ob ich überhaupt auch wenigstens einmal an sie denke. Sie verzieht die Mundwinkel, greift nach einem der frischen Brötchen, betastet es und legt es wieder hin. Damit sie sich es nicht anders überlegt, schneide ich das von ihr betastete Brötchen auf. Mit einem Lächeln, über das ich völlig erstaunt bin, lege ich die Hälften auf den Teller und gebe ihr ein abgenutztes Messer aus dem Schrank. Sie greift zur Margarine, fragt warum ich keine Butter hätte und ob ich sie jemals Margarine essen sah und beschmiert widerwillig die Brötchenhälften. Ich reiche ihr den vollgepackten Teller mit den verschiedenen Käsesorten und bin gespannt auf das, was jetzt passieren würde.

Die Traumfängerin

Die Traumfängerin erscheint hier und da. Oft kommt sie nicht, aber man kennt sie seit Jahren. Sie ist viel auf Reisen. Doch sie ist immer wieder auf dieselbe Weise da. Die Traumfängerin verkehrt nicht mit Nachbarn. Sie bekommt keine Post und redet nicht viel. Die Traumfängerin weiß seit ihrer Geburt, dass niemand besser ist als sie. Die Männer kennen ihre Gabe nicht, die Frauen ahnen sie nur. Die Traumfängerin ist auf alles Schöne aus, was es gibt in der Welt der Träume. Denn sie selbst ist traumlos. Um die elfte Stunde wirft sie sich ihren Mantel über die Schulter und verschwindet im Nebel. Sie trägt ein Netz aus feinmaschigem, weichem Tüll bei sich, angebracht an einem Stock. Geduldig wartet sie ab und hascht zu, wenn ihr etwas, das schon lange als schön gilt und noch nicht in ihrem Besitz ist, in einem Traum zu finden ist. Die Traumfängerin hat keine Schwierigkeiten die Schönheiten aufzufinden, sie erkennt sie sofort. Und so erhascht sie sich einen Sieben-Punkt-Marienkäfer, feinste englische Rosen, Pfefferminz-Schokoladenpralinés, ein Schaumbad so hoch wie die Pyramiden von Gizeh, Schneewittchens Haar, einen Sommermorgen auf einer Lichtung im Wald und einen Ritt durchs Lavendelfeld. So leise sie kommt, so leise verschwindet sie auch wieder. Man sieht sie nie unterwegs. Nur die Kinder wissen um sie. Sie tun es ihr nach und haschen nach Schmetterlingen.

Fehlersuche

„Ey, Jungs!“ Wir sehen uns an und sind uns einig, dass wir nicht gemeint sein können. Wir sind lange keine Jungs mehr und kennen niemanden, der uns so laut auf der Straße hinterherrufen würde. „Hey, ihr da!“ Wir bleiben stehen und drehen uns um. Aus einem Fenster im zweiten Stock des blassgelb getünchten Wohnblocks winkt uns eine blondgelockte, schmuckbehangene Frau, Mitte 50. „Könnt ihr mir mal meinen Fernseher einschalten?“ Ich rufe: „Wir müssen weiter.“ Du rufst: „Ist das so schwer?“ „Eigentlich ist es ganz leicht, nur heute geht’s nicht!“, ruft die Frau. „Wir sind keine Elektriker.“, stelle ich klar. „Ihr müsst bei Balzereit klingeln. In der 52. Ich lasse euch rein.“

„Ist das eine Falle?“, flüstere ich im Hausflur. „Du meinst, sie schlägt uns mit bloßen Fäusten K.O., raubt uns aus und kullert uns dann die Treppe runter?“, fragst du. „Blödsinn.“, zische ich. „Siehste.“, kicherst du.

„Na, wer bist du denn?“, ruft die adrett gekleidete Dame, die Ihre Armreifen klappern, als sie den Kragen unserer Hündin grault. „Das ist echt in Ordnung von euch!“, sagt sie, als sie sich wieder aufrichtet und unsere Hündin durch ihre Beine hindurch in der Wohnung verschwindet. „Vor zehn Minuten ist meine Serie losgegangen! Ich verpasse alles! Zum verrücktwerden!“ Aus der Wohnung schlägt uns ein Geruch entgegen, den ich kenne, aber nicht einzuordnen weiß. „Kommt rein!“ „Es ist leichtsinnig von Ihnen, fremde Männer in ihre Wohnung zu lassen.“, sage ich, bevor ich einen Fuß über die Schwelle setze. „Ihr seid doch keine Ganoven, oder? Außerdem habe ich Pfefferspray. Bitte zieht die Schuhe aus.“

Mein Blick fällt auf einen Strauß Trockenblumen auf einem gehäkelten Deckchen. Dein Blick fällt auf einen Glaswürfel auf dem gepolsterten Telefonbänkchen, in welchen die Portraits zweier Kinder gelasert sind. Unsere Hündin steht schwanzwedelnd auf der Türschwelle zum Schlafzimmer. Darin ein hohes blassrosa bezogenes Ehebett, auf dessen rechter Seite sich Decken und Kissen für jede Jahreszeit stapeln.

„Hier entlang, hier lang!“, ruft die Frau und weist uns den Weg ins Wohnzimmer. Wir müssen ein bisschen rangieren, damit wir alle vier Platz darin finden. Die Frau stellt sich vor ihre rotbraune Schrankwand, faltet die Hände vor dem Bauch und richtet ihren Blick erwartungsvoll auf den dunklen Bildschirm. „Der Leonhard wacht doch heute aus dem Koma auf! Und hier ist alles schwarz!“ Ich versuche mich zu erinnern, woher ich diesen Geruch kenne, hier ist er stärker, nicht penetrant, aber unüberriechbar.

„Wie machen Sie ihren Fernseher normalerweise an?“, fragst du. Angesichts der vier abgegriffenen Fernbedienungen auf dem beige gefliesten Couchtisch, halte ich das für eine gute Idee. „Na so!“, ruft die Frau, tritt einen Schritt zurück, schnappt sich eine der Fernbedienungen, richtet sie wie eine Waffe auf den Fernseher und feuert. „Da! Nichts! Schwarz!“ „Hm.“ Du bist ratlos. Ich knie mich vor den Fernseher, um das Fabrikat zu entziffern. Ich vergleiche es mit denen der Fernbedienungen auf dem Tisch. „Wollen Sie jetzt dafür beten, dass es wieder funktioniert?“, lacht die Frau. „Ich versuche es zuerst mit Logik.“, murmele ich. „Oh, ein Studierter!“, lacht die Frau lauter.

Eine Fernbedienung gehört zum Radio, eine zum Receiver der Kabelgesellschaft, eine scheint für Steckdosen zu sein und die vierte kann ich nicht zuordnen. „Wo ist denn die Fernbedienung, die zum Fernseher mitgeliefert wurde?“
„Der wurde nicht geliefert. Mein Mann hat den in den Arcaden gekauft und mit dem Auto her gefahren.“
„Aber es muss doch eine Fernbedienung dabei gewesen sein.“, hake ich nach.
„Müsste eigentlich, oder?“, stimmt die Frau zu und sieht dich hilfesuchend an.
„Ist die Ihnen vielleicht hinter das Sofa gerutscht?“, vermutest du.
„Das Sofa? Nein. Ich sitze im Sessel. Setzen Sie sich doch.“, antwortet die Frau. „Möchten Sie einen Keks?“

Die Beschriftung der Tasten ist nicht mehr zu erkennen. Ich probiere die beiden großen Knöpfe in den oberen Ecken von Fernbedienung Numero vier. Nichts tut sich. Meine Finger fahren den Rahmen des Fernsehers ab. An der Rückseite ertaste ich Knöpfe. Ich drehe den Fernseher etwas aus der Schrankwand und beuge mich in das Fach.

„Also, so habe ich das nie gemacht.“, höre ich die Frau hinter mir. „Ich bin nie in die Schränke gekrabbelt.“ Ich drücke den Einschalter – ohne Ergebnis. Ich verfolge das Kabel des Fernsehers, bis es durch eine Bohrung im Rücken der Schrankwand verschwindet. Mir fällt ein, dass es in der Wohnung unserer Nachbarn genauso roch, am Schluss.
„Sind Sie sicher, dass das Gerät Strom hat?“, frage ich.
„Ich habe alles bezahlt!“
„Vielleicht ist die Sicherung durchgebrannt?“, schlägst du vor.
„Das weiß ich nicht.“
„Wo ist denn ihr Sicherungskasten? Im Flur vielleicht?“

Während du mit der Frau nach verborgenen Klappen in der Holzvertäfelung des Flurs suchst, schalte ich das Radio ein. Die Hündin springt auf und stößt sich an einem Zeitungsständer, als Udo Jürgens grölt: „…und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich träume von daheim …“ Ich schalte das Radio wieder aus. Die Hündin dreht sich einmal und legt sich wieder ab.

„Ach lassen Sie doch! Der ist doch tot. Ihr würgt den einfach ab! Pietätlos! Furchtbar!“, ruft die Frau vom Flur.
„Hier ist der Sicherungskasten, Frau Balzereit. Alles scheint in Ordnung zu sein.“, erklärst du.
„Ach Leute, darf ich euch was anbieten? Einen Kaffee vielleicht? Oder ein Bier?“

Erst jetzt entdecke ich die kleine Betriebsleuchte oben in der Mitte der Fernbedienung. Die müsste blinken, wenn man eine Taste drückt. Ich öffne das Batteriefach und nehme die Batterien raus. Sie fühlen sich leer an.
„Haben Sie das jetzt aufgeschraubt?“, fragt die Frau zurück im Wohnzimmer. „Machen Sie das mit Ihren Fingernägeln? Meine splittern wie Glas.“
„Haben Sie Ersatzbatterien im Haus?“, frage ich zurück.
„Ich weiß nicht. Sind die denn leer?“
„Wahrscheinlich.“
„Dann muss ich das meinem Mann sagen. Dann muss der neue Batterien kaufen. Das muss der morgen machen.“
„Bei Reichelt gibt es auch Batterien.“, sage ich. „Ist doch gleich die Straße rüber.“
„Ich weiß doch gar nicht, welche ich kaufen soll.“, wendet die Frau ein.
„Dann nehmen Sie die Alten mit, zum Vergleich.“, schlage ich vor.
„Nein, das macht mein Mann. Der ist fürs Handwerkliche.“, erklärt sie. „Ach, darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Saft vielleicht? Ein Bierchen?“
Wir sehen uns an.

„Wir können Ihnen Batterien mitbringen.“, sage ich. „Wir sind sowieso auf dem Weg in die Stadt.“
„Das würdet ihr machen?“, fragt die Frau.
„Kein Problem.“, sagst du. „Wir nehmen eine alte Batterie mit und heute Abend bringen wir Ihnen neue.“
Die Hündin steht auf und schüttelt sich. Wir verabschieden uns.
„Aber lasst mich nicht so lange warten! Ich muss wissen, was mit Leonhard ist“, ruft sie uns aus dem offenen Fenster hinterher. Wir drehen uns noch einmal um und winken. Die Hündin bellt.

„Warum lässt du Ihren Mann nicht die Batterien besorgen?“, fragst du an der Ampel.
„Sie hat keinen Mann.“, sage ich fest. „Hast du das Bett gesehen? Nur eine Hälfte wird benutzt. Das Schuhregal im Flur? Keine Herrenschuhe. Nicht einmal Pantoffeln. Und am Essplatz am Küchentisch: nur ein Platzdeckchen. Sie ist allein.“
„Aber warum hat sie dann ständig von ihrem Mann gesprochen?“
„Vielleicht hatte Sie mal einen. Vielleicht war ihr das doch nicht geheuer mit zwei fremden Männern in ihrer Wohnung.“
„Vielleicht war sie auch verwirrt.“
„Natürlich war sie verwirrt. Sie trinkt.“
„Was?“
„Zweimal hat sie uns Bier angeboten.“
„Und Kaffee. Und Saft. Und Kekse.“
„Ich rieche das. Dieser süße, leicht scharfe, leicht säuerliche Geruch. Du nicht?“
„Kein bisschen. War doch alles ordentlich. Sie hat auch ganz normal gesprochen.“
„Denkst du etwa, Alkoholiker lallen?“
„Also mir kam sie normal vor.“
„Wenn sie normal wäre, hätte sie ihre Nachbarin gebeten, mal nach dem Fernseher zu sehen. So ganz normal ist es ja nicht, wildfremde Menschen von der Straße in die Wohnung zu rufen, damit sie Elektrogeräte in Betrieb nehmen. Oder?“
Endlich wird grün.

Wir vergessen die Batterien in der Stadt. Auf dem Rückweg kaufe ich vier Stück für 1,79 € bei Reichelt die Straße rüber. Du gehst mit der Hündin nach Hause und willst das Essen vorbereiten. Ich suche Balzereit am Klingelbrett, aber als ich klingele, macht mir lange niemand auf. Ich trete zurück vom Klingelbrett, um zu sehen, ob im Wohnzimmer Licht brennt. Durch das geschlossene Fenster richtet die Frau ihren Finger auf mich. Wenige Sekunden später ertönt der Summer.

Auf dem Treppenabsatz öffnet mir ein Mann. Braune Cordhose, grauer Pullover über dem Bauch, Kinnbart, goldene Brille, Halbglatze.
„Ich bringe die Batterien.“, stottere ich.
„Welche Batterien?“, fragt er.
„Für Ihre Frau.“
„Für meine Frau?“ Der Mann kommt aus der Tür und verschränkt die Arme. „Ihre Frau hatte uns heute Nachmittag gebeten, ihr den Fernseher einzuschalten. Der hat nicht funktioniert, wahrscheinlich, weil die Batterien der Fernbedienung leer sind. Ich habe jetzt neue gekauft.“
„Sie? Wer sind Sie überhaupt?“ Er mustert mich von oben bis unten. „Was soll das für ein Trick sein?
„Kein Trick!“, sage ich genervt. „Wir liefen hier zufällig vorbei; ihre Frau hat uns aus dem Fenster nach oben gerufen. Ist ihre Frau da?“
„Meine Frau schläft. Sie waren also heute Nachmittag in meiner Wohnung?“
„Ja. Aber nur wegen des Fernsehers.“
„Wer ist denn da?“, ruft die Frau von drinnen.
„Ich komme gleich.“, ruft der Mann zurück.
Es riecht nach scharf angebratenem Fleisch und Zwiebeln.

Der Mann streicht sich mit einer Hand durch den Bart, als er sich mir wieder zuwendet. „Wir brauchen keine Batterien, danke.“, sagt er und geht zurück in seine Wohnung.
„Aber ich habe sie extra für Sie gekauft.“, sage ich.
„Gut. Was macht das?“ Der Mann wendet sich ab und sucht in den Taschen seiner Jacke an der Garderobe nach seinem Portmonee. Durch die Glaseinsätze in der Stubentür sehe ich das bläuliche Flackern des Fernsehers.
„Nein, so meine ich das nicht.“, sage ich. „Ich will nur, dass sie die Batterien nehmen; ich kann sie wirklich nicht gebrauchen.“
Der Mann stockt kurz, dann nimmt er seine Hände aus den Jackentaschen und fährt sich rechts und links der Nase unter seine Brille. Mehr zur Garderobe als zu mir sagt er: „Meine Frau – aber das können Sie nicht wissen. Meine Frau hat Probleme.“ Schließlich tritt er doch wieder vor die Tür und zieht sie so weit hinter sich zu, dass sie gerade noch nicht ins Schloss schnappt. Noch immer sieht er mich nicht an. „Meine Frau, wie soll ich sagen, ist ein bisschen-“ Er wedelt mit der flachen Hand vor seiner Stirn. „Verstehen Sie?“
„Trinkt sie?“, frage ich und beiße mir sofort auf die Lippen.
„Sind sie bescheuert?“, fährt er mich an. Erst als er mir in die Augen sieht, bemerke ich, dass er den Tränen nahe ist. Er macht einen Schritt auf mich zu und ist mir plötzlich so nah, dass ich mein erschrockenes Spiegelbild in seinen Brillengläsern entdecke. „Meine Frau ist krank! Psychisch. Man weiß noch nicht, was es ist; die Ärzte sind noch auf Fehlersuche. Sie jedenfalls, Sie haben keine Ahnung!“
Nach einer Pause sage ich leise: „Entschuldigung.“

„Was ist denn hier los?“, fragt die Frau auf der Türschwelle stehend mit einem Bissen Boulette auf der Gabel in ihrer Hand.
„Nichts, Täubchen.“, sagt der Mann.
„Ich bringe Ihnen die Batterien.“, sage ich.
„Und wo ist euer Hund?“, will die Frau wissen. „Euer niedlicher Hund! Ich habe hier Boulette für ihn!“

„Es war sehr nett von Ihnen, dass Sie meiner Frau helfen wollten.“, sagt der Mann freundlich und legt den Arm um seine Frau.
„Gern geschehen.“, sage ich und reiche ihm die Batterien.
„Einen schönen Abend Ihnen.“
„Ihnen auch.“
„Die Boulette!“, ruft die Frau und läuft mir in Socken vier Stufen hinterher, um mir den Bissen von ihrer Gabel in die nackte Hand zu reichen.

Der Miesepeter

Der Miesepeter heißt gar nicht Peter. Er heißt Klaus. Jeden Morgen in der Frühe, gegen sechse, kriecht er aus den Federn. Übellaunig ist er ins Bett gestiegen und übellaunig erwacht er auch. Er schlüpft in seine blauen Eislatschen, grummelt leise in seinen rauschenden Bart. Dieser wächst seit einer Ewigkeit proportional zur schlechten Laune. Besser: sein Bart ist sein Schlechte-Laune-Barometer. Mit dem heutigen Tage reicht er ihm schon bis zum kleinen linken Zeh. Tagtäglich kämmt er ihn mit einem grobzinkigen Kamm. Er ölt ihn ein und an besonders üblen Tagen, flicht er ihn zum Zopf. Ungehalten meckert er: über das Wetter, die Frauen, die Liebe und die Lust; über Rosinen im Kuchen, Löcher in Pantoffeln und Filz im Bart. Vor Jahren schon hat er seine Frau verlassen. Sie hatte ihm einen Rasierer geschenkt.

Reginas Reisen

Ja, Sie müssen entschuldigen. Das dauert ein bisschen. Die Rechner sind langsam. Obwohl, vielleicht sind sie gar nicht langsam. Vielleicht stehen sie einfach nur zu weit auseinander. Stellen Sie sich das mal vor! Die Anfrage muss durch tausende Kilometer Kabel zum anderen Ende der Welt! Vielleicht fliegt sie auch durchs All über Satellit, wer weiß. Kann sich kein Mensch vorstellen, diese Technik.

Aber die Menschen haben keine Geduld! Als wären die Tage heute kürzer als vor 20 Jahren. Was meinen Sie, wie oft Leute regelrecht ausflippen, da drüben an den Kassen, wenn die Kassiererin mal ein Storno hat. Oder wenn die Bonrolle alle ist. Ist doch verrückt, oder? Die Leute schieben stundenlang einen riesigen Einkaufswagen durch einen zwei-etagigen Supermarkt, aber wenn es dann an der Kasse eine Minute länger dauert, drehen sie durch. Und die Mädels müssen immer freundlich bleiben. Immer nett.

Das wäre kein Job für mich. Den ganzen Tag Waren übers Band ziehen, geht auf die Schultern. Ich hab‘s so schon mit dem Kreuz. Obwohl ich jeden Tag mit Romeo rausgehe. Und dann eben diese schlechtgelaunten Kunden an den Kassen. Nancy – Sehen Sie sie, die Dunkelhaarige in der 4? – die kommt manchmal zu mir rüber in ihrer Pause, dann essen wir eine Bockwurst zusammen. Oder Nudeln, drüben beim Fidschi. Ich weiß, darf man nicht mehr sagen. Beim Asiaten. Obwohl, ich meine das gar nicht – ich habe gar nichts gegen die. Jedenfalls, die Nancy hat Geschichten auf Lager, da geht Ihnen das Messer in der Tasche auf.

Da habe ich es ganz gut in meinem Kabuff. Also, es ist nicht mein Kabuff, lassen Sie das ja nicht den Chef hören. Na gut, wenn die Leute hier rein kommen, hängen denen die Mundwinkel auch sonst wo. Aber wenn sie rausgehen sind sie zufrieden. Alle. Das ist meine Arbeit. Leuten dabei helfen, ihre Träume zu erfüllen.

Bei Ihnen eben Accapulco. Ach, ich habe mich vertippt. Deswegen findet der auch nichts. Acapulco, heißt es richtig, mit nur einem C. Jetzt sucht der hier noch mal. Acapulco. Klingt schön, oder? Wie ein Cocktail – mit viel Rum. Oder ein Tanz – der heiße Acapulco! Wie der Lambada, früher, den habe ich im Bikini getanzt! Aber was wollen Sie in Acapulco?
Wissen Sie, die Leute stolpern ja immer hier rein, mit den abenteuerlichsten Vorstellungen. Wenn ich die frage, wohin es gehen soll, dann gucken die ganz verträumt an mir vorbei, auf die Prospekte oder auf die Kassen und dann sagen sie in als würden sie einen Schokodrops lutschen: Namibia. Oder: Hawaii. Oder: Menorca. Unter uns: Manchen kann ich da nicht ins Gesicht gucken, ich müsste feixen. Verstehen Sie das? Als wäre Namibia das Paradies! Fragen Sie mal die Namibianer! Für die ist das hier das Paradies. Obwohl die bestimmt besseres Wetter haben.

Können Sie sich erklären, warum immer alle denken, anderswo wäre es schöner als hier? Schön ist es doch überall! Anderswo ist es nur anders. Ich sag’s Ihnen im Vertrauen: Mein Paradies ist meine Terrasse. Nicht weit zum Kühlschrank, Blick ins Grüne und in den Geschäften reden sie meine Sprache. Ich glaube, das ist eine Berufskrankheit. Wie bei Carola von der Frischetheke. Seitdem die den ganzen Tag Fleisch und Wurst verkauft, kriegt sie das Zeug nicht mehr runter.
Nee, also hier finde ich nichts. Wir müssen das direkt bei der Fluglinie versuchen. Ist aber auch ein außergewöhnliches Ziel. Was wollen Sie nur in Acapulco? Das ist in Mexiko, oder? Einen Moment. Ich wähle uns mal ein. Ich meine, mir ist das natürlich recht, wenn die Leute viel verreisen. Je weiter, desto lieber. Sagt mein Chef auch, wenn er ultimo die Abrechnung macht. Obwohl, soviel Abrechnung ist hier gar nicht. Ist ja auch kein Wunder. Wer soll denn hier reinkommen? Leipzig Arcaden – klingt erstmal exquisit. Aber gucken Sie sich die Leute doch mal an, die da drüben einkaufen. Diese versteinerten Gesichter. Und wie die rumlaufen. Die können sich keinen Urlaub leisten. Oder die buchen den im Internet. Ist ja billiger, denken immer alle. Stimmt gar nicht. Naja, wenn mein Chef mal ein bisschen Pepp in den Laden bringen würde und ein paar Plakate raushängen würde, könnte das hier auch besser laufen. Aber mich fragt ja keiner.

Ach Mensch, sehen Sie den? In dem hellbraunen Mantel? Mit dem langen weißen Schal? Oder heißt das creme? Wir haben früher Eierschale dazu gesagt. Jedenfalls: den kenn ich. Das ist, also das war mal, naja – verrückt, den kenne ich. Dass der hier einkaufen geht! Oje, guckt der? Der guckt doch hier rüber! Wie sehe ich aus? Geht das so mit meinen Haaren? Wenn der jetzt – Was habe ich denn hier für einen Fleck? – wenn der jetzt hier rüber kommt um Hallo zu sagen, falle ich um. Der sieht aber gut aus! Klar hat er sich verändert, die grauen Schläfen und so. Aber für sein Alter? Reif, sieht er aus. Männlich. Toll! Ein gutaussehender Mann, das müssen Sie zugeben. War der aber schon in seiner Jugend!

Nein, nein, machen Sie sich keine Gedanken. Die Warteschleife von diesem Airline-Service ist immer gut gefüllt. Das wird schon noch ein paar Minuten dauern. Aber die Musik ist doch ganz schön, oder? Ist das aus Dirty Dancing?

Jetzt muss er gleich hier lang. So elegant! Früher war der mehr sportlich, wissen Sie? Sehen Sie die Schuhe? Und diese Uhr! Der hat bestimmt einen tollen Job. Der macht das große Geld. Schon in der Ausbildung hatte der echt was drauf. Aber der hatte immer Freundinnen, ich kam nie an den ran. Da habe ich dann eben jemand anderen geheiratet. Er bestimmt genauso. Trägt er einen Ring? Erkennen Sie das? Ich habe meinen ja für meinen Zahn einschmelzen lassen, als mein Mann dann – ach schade, der guckt nicht. Obwohl, wäre mir auch peinlich. Wer weiß, ob der mich überhaupt erkennen würde. Ich hier in meinem Pulli und der mit seinem Kaschmirschal. Wir haben ja auch wer weiß wie lange nicht mehr gesprochen. Nee, der ist auf dem Sprung. Sehen Sie nur, wie schnell der läuft! Der hat keine Zeit. Der hat bestimmt nie Zeit.

Jetzt sagen Sie gleich: Kein Wunder, Zeit ist Geld. Sagen alle. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube, Zeit ist Zeit und Geld ist Geld! Denken Sie da mal drüber nach. Machen Sie das mal. Muss nämlich jeder selber entscheiden, was ihm wichtiger ist.

Also, tut mir Leid, aber hier kommen wir heute nicht weiter. Die Vermittlung von der Airline macht gleich Feierabend und ich auch. Nein, bis um Acht haben wir nicht mehr auf. Das lohnt sich nicht. Können Sie vielleicht morgen nochmal kommen? Oder ich probiere es gleich früh und rufe Sie dann an? Normalerweise bin ich nicht so, aber heute muss ich echt pünktlich weg. Ich muss meinen Schein noch abgeben. Lotto, Sie etwa nicht? Mittwoch und Samstag. Nur noch sieben Minuten bis Annahmeschluss.

Nö, also ich gewinne öfter mal was. Neulich erst den zweiten Preis bei so einem Kreuzworträtsel. Drei Tage Allgäu. Habe ich mal Mädelswochenende mit meiner Tochter gemacht. Wellness-Hotel, super.
Ach, es gibt so viele Preisausschreiben! Reich werden Sie in so einem Reisebüro nämlich nicht, das sage ich Ihnen. Also ich könnte nicht nach Acapulco fliegen, von meinen paar Quieksern. Wieso eigentlich ausgerechnet Acapulco?
Doch, doch man kann gewinnen, man muss aber eben auch mitspielen. Und eines Tages – wer weiß? Wenn man dem Glück keine Chance gibt, kann es einen ja nicht finden.

Die Geldeintreiberin

Die Geldeintreiberin kennt keinen Tag und keine Nacht. Sie übt keinen Beruf aus, nein, sie ist berufen. Sie wittert die Geldstücke schon um achtzig Meter im Voraus und bohrt sich vor Aufregung mit dem linken Zeigefinger in der Nase. Herzlich begrüßt sie die gut bestückten Gäste hinter dem Tresen und nestelt nervös an ihrem Rock. Schon vor Jahren hat sie sich eine Tasche darunter genäht und im Laufe des Tages wird sie mit Rock älter und fülliger. Sobald die Geldeintreiberin die Scheine und Geldstücke in Empfang genommen hat, denn bei ihr darf man nur in bar bezahlen, rennt sie sofort in ihre Stube nebenan. Hastig schüttelt sie all ihre neu gewonnenen Besitztümer aus der Rocktasche. Sie breitet sie sorgfältig aus und sortiert die Scheine und Münzen nach Wert. Die Scheine verstaut sie akkurat in der Schrankwand und wischt bei der Gelegenheit mit dem Staubwedel sorgfältig über ihren gesamten Bestand. Sie ist stolz. Beständig stapelt sie höher. Beständig wächst sie über sich hinaus. Glückselig nimmt sie sich nun der Münzen an. An jeder einzelnen riecht sie und leckt die Kopfseite genüsslich ab. Das macht sie immer so, es ist ihr Begrüßungsritual. Die Geldeintreiberin weiß sehr wohl um den geringeren Wert der Münzen, aber dennoch bevorzugt sie jene. Sie liebt es, die Geldstücke zu polieren und als Dank ihr Spiegelbild darin erblicken zu dürfen. Zudem ermöglicht es ihr das Kopfkissen anstelle von Daunen damit aufzufüllen. Darauf könnte sie sicherlich gut schlafen, würde sie nicht schon wieder die nächsten, gut bestückten Gäste wittern.

Unter dir (Teil VI)

Ich lege das rote Samtbündel auf dein Kopfkissen, streichle mit meinen Fingernägeln über deine Handrücken, klopfe auf die Bettdecke und schiebe meine Zunge zwischen den Mundwinkeln hin und her. Lass uns anfangen, sage ich, lass uns endlich anfangen, sonst ist die Nacht vorbei und wir haben es immer noch nicht hinter uns gebracht. Ich sehe auf die Uhr und sage Mist, die kommt jetzt zur Jahresendrunde bevor sie sich auf die Nachbarstation verkrümelt, um literweise Kaffee und Sekt in sich reinzuschütten. Mit einem Schwung rutsche ich vorsichtig unter das Bett und wundere mich nicht, dass ich wieder an dem blöden Metallgestell anecke. Wie vorhergesagt, höre ich das Klappern ihres Schlüsselbundes im Rhythmus ihrer schnellen Schritte. Die Schwester hustet mehrmals, klopft an die Tür, fragt, ob du fertig bist und steckt den Kopf mit dem blonden Pferdeschwanz hindurch. Sie dimmt das Licht an und fragt in die Länge gezogen, ob du deinen heißen Traum schon beendet hast. Sie hustet noch einmal gekünstelt, kommt herein, schaut zum Monitor, geht zurück, haucht dir einen ihrer komischen Luftküsse entgegen und meint beim Lichtausmachen, dass sie nun erst im neuen Jahr wiederkommen wird. Ich schüttle über so viel Übermut den Kopf, sage dir, dass ich ihr Verhalten merkwürdig finde und ich sie selten so aufgekratzt erlebt habe wie heute und denke, dass sie jetzt schleunigst ihren Sekt trinken gehen sollte, ehe sie noch Schaden anrichtet.

Ich räkle mich unter deinem Bett, schlage mit den Fersen abwechselnd auf das gebohnerte Linoleum und merke, dass ich Lust auf dich bekomme. Ich greife zwischen meine Schenkel und beginne an mir rumzuspielen. Am liebsten würde ich meine Finger reinstecken, so wie du es früher immer bei mir gemacht hast und so wie ich es auch oft unter diesem Krankenhausbett extra für dich mache, um dir zu zeigen, wie wild ich immer noch auf dich bin. Da mir das Rumspielen heute nicht gelingen will, morse ich dir an dein blödes Bettgestell, wie einfach ihr Kerle es im Leben habt, dass quietschvergnügt Tag und Nacht an euch rumfummeln könnt und dass ihr euch zur Not auch auf dem Marktplatz neben einer Imbissbude an den Glocken rumspielen würdet. Ich rolle mich unter dem Bett hervor, ziehe mich am Bettgitter hoch, klatsche mir auf den Hintern und zwinkere deinen beiden Bettnachbarn zu. Ich greife dir an deinen Schwanz und flüstere dir ins Ohr, dass ihr Kerle es guthabt, und dass mich das schon früher interessierte und ich dich deswegen auf dem Schulhof gefragt hatte, ob du es dir schon mal gemacht hast. Ich ziehe an deinem Schwanz, hauche dir über die Stirn und erinnere dich, wie du bei meiner Frage früher so wunderbar rot geworden warst. Ich sehe dich an, streichle dir über die blassen Wangen und wünsche mir, dass du zur Abwechslung auch mal wieder rot werden könntest. Mir gefiel das damals so gut, dass ich dich auf unserem Hofpausenrundgang nochmal gefragt hatte, ob du dir´s in der Zwischenzeit wieder gemacht hast. Und wie beim ersten Mal, wurdest du rot, stottertest und verrietest mir ungewollt, was ich wissen wollte. Seit diesem wunderbaren Ereignis lauerte ich dir jeden Tag auf den Schulweg auf, um von dir zu erfahren, was du tags zuvor gemacht hattest, rempelte dich beim Mittagessen ausversehen an und setzte mich an deinen Tisch oder passte dich auf dem Nachhauseweg ab und verwickelte dich in Gespräche über deine und auch meine Zukunft. Ich brachte dich nach unserem dritten oder vierten zufälligem Treffen dazu, dass du mich zu mir nach Hause begleitet hast. Dabei bemerkte ich, wie simpel es war, dich zu führen und die Oberhand zu haben. Und das faszinierte mich. Ich hörte dir neugierig zu, dass du in deiner Freizeit, Orgel, Klavier und Gitarre spielst, zum Modellieren und Zeichen gehst, soeben einen Goldschmiedekurs bei deiner Tante gemacht hattest und an den Wochenenden mit deinem Cousin Bergsteigen oder Kanu fahren gehst. Von der Art, wie du mir das alles erzähltest, war ich völlig perplex. Keine Angebernummer wie bei den anderen Jungs der Schule, kein Gelaber oder blöde Kinderei über Titten und Schneckenkram. Nichts. Du erzähltest mir von deinen Schwierigkeiten beim Zeichnen und Musizieren, was du alles noch nicht beherrschst, du noch alles ändern musst und was ich denn zu alledem sage und welche wertvollen Tipps ich dir dazu geben könne. Du sahst mich mit deinen braunen Augen an, wühltest in deiner schwarzen Lockenmähne, zuppeltest an deinem Bärtchen und bohrtest fortwährend in deinem linken Ohr. Weil ich dir überhaupt nichts antworten konnte und ehrlich gesagt auch völlig neidisch neben dir stand, dachtest du, ich fände dich genauso bescheuert wie die anderen Jungs aus der Schule. Du entschuldigtest dich beim nächsten Treffen mit einem selbst geschriebenen Lied. An diesem Tag hatte ich mich in dich verknallt. Ich war verknallt in deine ungekämmte Lockenmähne und die Haare, die über deine Schultern und über deine Brust hingen. Ich war verknallt in deine braunen Augen mit den fast zusammengewachsenen Augenbrauen, in dein Lächeln mit den zwei schiefen Zähnen im Oberkiefer. Und ich war verknallt in deine langen Finger, die du immerzu in Bewegung hieltest und in die Hosentaschen stecktest, wenn du bemerktest, dass ich auf sie sah. An diesem Tag wusste ich, dass ich dich will, koste es was es wolle. Und ich wusste sofort, dass ich dich, wenn ich dich erst einmal habe, nie und nimmer an irgendeine andere hergeben werde.

Weil du immer noch nicht rot wirst, schlage ich dir links und rechts auf die Wangen und freue mich, dass endlich deine langweilige Blässe verschwindet. Ich frage dich, ob du dich noch erinnern kannst, dass ich dich, als wir zusammen waren, so lange über das Onanieren genervt hatte, bis du aufgabst und mir brav erzähltest, dass du an die wackelnden Brüste der ach so sportlichen Volleyballspielerinnen gedacht hattest, an die ach so supernette Musiklehrerin oder an die ach so durchtrainierten Kanumädels mit denen du Morsekurse übtest. Ich war sauer. Stinksauer. Um mich von dem Gedanken abzulenken, schnipse ich mit den Fingern auf deine Wangen und frage dich, ob du dich auch noch daran erinnern kannst, dass du mir damals gesagt hast, dass du ab und zu an mich gedacht hast und gemacht hattest. Ich hatte dich gefragt, wie oft du an die Volleyballspielerinnen und wie oft du an mich denken musst. Du bliebst mir die Antwort schuldig, an wen du mehr dabei denken musstest und ob du es lieber auf dem Bauch oder auf dem Rücken machst. Was ist das für eine Frage, hast du gesagt, natürlich im Stehen, natürlich vorm Fenster und natürlich in die Vollmondsilhouette. Weil ich mich über die Antwort auch heute noch ärgere, halte dir die Nase zu, schnipse nochmal mit meinen frisch lackierten Fingern kräftig auf deine roten Wangen und flüstere dir ins Ohr, dass du mir schon damals in entscheidenden Fragen ausgewichen bist und ich das in Zukunft nicht mehr dulden werde. Dabei wollte ich doch damals eigentlich nur wissen, mit welchen Mädchen du es vorher getrieben hattest. Du hast mir zwar gesagt, dass wir beide uns entjungfert hätten, aber ich glaube dir das bis heute nicht. Zu viele Mädels schwirrten um dich herum. Außerdem gab es da ein Gerücht, du hättest die hässliche Gruftiliese mit den ungewaschenen schwarzen Haaren und dem Metallzeug im Gesicht aus der Parallelklasse während der Klassenfahrt gevögelt, zumindest hatte sie dieses widerliche Gerücht in der Hofpause unter die Mädels gestreut. Ich war damals so wütend, dass ich erst dich und danach mich vergiften wollte. Und du kannst von Glück reden, dass ich in dem Moment nicht wusste, wie das geht und was man dazu alles braucht. Chemie ist nun mal nicht meine Stärke. Zur Strafe habe dich danach solange mit dem Runterholen genervt, bis du es endlich vor mir gemacht hast. Ich hatte mich mit verschränkten Armen vor dir aufgestellt, dich aufgefordert, mit den Händen geschnipst und gewartet bis es endlich kam. Dann habe ich mich etwas von dir weggestellt, dir zugerufen, ist das alles und dich ein weiteres Mal aufgefordert, dass du es nochmal machen sollst, dieses Mal aber noch weiter als vorher. Als das dann nicht genau vor mir runterkam, fragte ich dich, warum du nicht ordentlich gekommen bist. Bin ich ein Zuchtbulle, bin ich ein Elefant, hattest du geschrien. Ja, hatte ich gesagt, ja, du hast doch gesagt, dass du einen Dinoschwanz hast und immerzu an die Volleyballmädels, die Musiklehrerin und die Kanuliesen in ihren kurzen Hosen denkst. Das war Spaß, einfach nur Spaß, hattest du wütend gesagt. Ich fand das damals gar nicht witzig, überhaupt nicht. Na dann kommst du eben noch einmal, hatte ich geantwortet. Wie oft soll ich denn noch kommen, ich bin doch keine Maschine. Ich glaube, so wütend warst du sonst nur, wenn ich nach den Mitschülerinnen fragte. Da konntest du unendlich genervt sein.
Ich streichle über die Stelle der Bettdecke, unter der dein Ding ist und überlege, wie das ist, einen steifen Penis zu bekommen und wie es wäre wenn mir jetzt so ein riesiges Ding wachsen würde. Dann würde ich jetzt zum Silvesterabend mit so einem harten Teil hier durch das Zimmer wandern.

Der Lauscher

Der Lauscher will von sich nicht viel erzählen, er hört gern andere reden. Überall wo es etwas zu hören gibt, ist er zu Haus´. Um die ganze Welt ist er schon gekommen. Keine Hitze und keine Kälte machen ihm zu schaffen, wenn er nur die Möglichkeit hat, ein paar Wörter zu erhaschen. Auf dem Rücken trägt er dafür stets einen Rucksack, der ihm den Lauschangriff leichter macht. Ein Klapphocker für die optimale Lauschsitzhaltung findet darin ebenso Platz wie ein großes schwarzes Fernglas. Letzteres lässt das Lippenlesen auch vom Hotelzimmer aus zu und vermittelt ihm neben dem gesprochenen Wort zusätzlich ein mimisches Ausdrucksspiel. Am Wichtigsten aber sind dem Lauscher die Ohren. Er ist ein Ohrenspitzer. Unter höchster Konzentration zieht er dafür die Stirn nach oben, rümpft kurz die Nase, klappt die Ohrmuscheln einmal um, öffnet sie wieder und lauscht. Es gibt niemanden, der die Ohren besser spitzen könnte als er.

Die Hauselfe

Die Hauselfe fliegt nicht, sie schwirrt umher. Jeden Tag ab fünf treibt sie sich emsig im Haus herum und flitzt die Treppen hinauf und hinab, den Wischmopp in der einen und den Staubwedel in der anderen Hand. Sie saust wie der Wind in die Zimmer, wirbelt die Staubkörner eifrig in die Luft, zieht Betten ab und auf, schrubbt Badewannen und poliert die Klinken. Die Hauselfe ist tüchtig. Kein Gast konnte sich bisher über sie beschweren, denn keine Hauselfe ist so gründlich wie sie. Sie kennt jeden Winkel des Hauses, ihr bleibt nichts verborgen, nein, denn sie kennt jeden Gast persönlich. Sie weiß von seinem Leiden, wenn sie die Haare büschelweise im Waschbecken findet. Sie weiß von seinen Vorlieben, wenn sie die sieben Flakons anhebt, um die Fliesen darunter gründlich zu reinigen und ihr jedes Mal ein anderer Duft entgegenschlägt. Und sie weiß sogar von seinen unzähligen Krawatten, die sie farblich sortiert im Schrank vorfindet. Aber all das behält die Hauselfe für sich, sie verrät niemanden, so ist sie nicht. So schnell wie sie gekommen ist, saust sie auch schon wieder aus dem Zimmer und schwirrt ins nächste, jeden Tag, treppauf, treppab, den Wischmopp in der einen und den Staubwedel in der anderen Hand.

Das ist Politik

Sie entschuldigen, Sie haben da eine witzige Tätowierung am Arm. Eine Mickey Mouse habe ich ja noch nie als Tätowierungen gesehen.

Ach, das, das ist gar nichts. Schau mal, hier hab´ ich Popeye und hier ist Donald Duck. Und guck mal, hier über dem Rücken, da hab ich ´ne Frau drauf, ganz groß, mit hammermäßigen, naja, du weißt schon. Tja, ich war schon immer einer, der mit Frauen gut kann. Weißt du, ich weiß wie man die richtig flach legt.

Waren Tätowierungen zu DDR-Zeiten überhaupt erlaubt? Ich kannte einen, dessen Tätowierungen wurden fotografiert und katalogisiert und der hatte deswegen Scherereien.

Ja, ja, das war aber erst wenn du in den Knast reinkamst. Da haben die bei mir dann auch mit dem Kram angefangen. Die drei haben sie am Anfang nicht fotografiert, denn die habe ich mir schon mit elf machen lassen, da hatten die Bullen noch nichts zu sagen. Popeye war meine erste Tätowierung, denn den fand ich saukomisch. Und Mickey war ´ne Idee von meinem Kumpel.

Mit elf? Da macht man doch andere Sachen, ich meine…

…Och nö, nö, da habe ich mit `nem Kumpel lieber sowas gemacht. Wir zwei waren schon immer kreativ. Und mit ein bissel Tinte und ner angefeilten Feder von ´nem geklauten Füller kriegste alles hin. Uns konnten sie ja nicht belangen. Ich war elf und mein Kumpel war zehn.

Zehn?

Tja, warum nicht. Alles andere war mir zu langweilig. Meine Mutter hat zwar gebrüllt, aber was wollte sie machen. Wieder eine in die Fresse hauen? Irgendwann ist das auch durch und dann wirkt´s nicht mehr, weißt du.

Also, der den ich kenne, der hat mir gesagt, dass sie ihn bestraft haben, wenn er sich wieder eine neue Tätowierung hat stechen lassen. Wie war das bei Ihnen?

Ja, weißt du, das hat mich irgendwann nicht mehr gestört. Die haben mir sowieso immer eine in die Fresse gehauen, die Bullen. Ich hab die mal gefragt, warum sie mir immer eine reinkloppen, wenn ich die Wahrheit sage und warum sie mir ´ne Zigarette geben, wenn ich lüge. Da haben die mir gleich noch eine reingedroschen. Die waren schon komisch die Bullen. Ich hab die nie verstanden.

Der, den ich kenne, der meinte, dass die Gefangenen untereinander oftmals brutaler waren.

Ach, bei mir nicht, die kannten mich ja irgendwann alle. Ich hab am Fenster geschlafen und meine Ruhe gehabt.

Aber, der den ich kenne, meint, am Fenster durfte nicht jeder schlafen. Das waren die begehrtesten Plätze. Wie sind Sie denn an das Fensterbett gekommen?

Weißt du, wenn ich kam verscheuchte der Stubenälteste den Typen aus dem Nest, der grad drin lag. Und dann war das wieder mein Platz. Nö, nö, Probleme hatte ich nicht. Weißt du, und meinen Arsch haben ´se auch in Ruhe gelassen. Am Anfang war´s schwer, da konntest du keine Nacht ruhig schlafen. Weißt du, da habe ich jede Nacht höllisch aufpassen müssen. Aber dann, dann war´s geklärt. Und so einer, der im Knast erst mit den Kerlen rummacht und dann draußen wieder mit den Weibern anbändelt, nö, nö, so einer war ich nicht. Der Stecher von meiner Mutter, der war so einer. Den hatte ich im Knast kennen gelernt und irgendwann mit nach Hause geschleppt. Warum meine Mutter sich mit dem eingelassen hat, das hab´ ich nie verstanden. Meine Mutter war schon irgendwie krass. Die schickte mich vor der Schule immer Klauen. Weißt du, ich war der Älteste von uns fünfen. Und Hunger, Hunger hatten wir fünf immer. Wenn ich nicht genug mitgebrachte hatte, kriegte ich eine. Wollte mich aber einer ihrer Männer verdreschen, stellte sie sich vor mich hin und ließ nichts auf mich kommen. Das fand ich dann Spitze. Meine Mutter war schon krass. Seit ein paar Jahren telefoniere ich sogar einmal die Woche mit ihr. Weißt du, ihr geht’s nicht mehr so gut. Und außer mir hat sie niemanden. Die anderen Geschwister wollen mit ihr nichts mehr zu tun haben. Ich bin doch der Große, weißt du, ihr Großer.

Also, der, den ich kenne, der meinte, die wären im Bautzenknast untereinander besonders brutal gewesen. Erst im Stasiknast hatte er etwas Ruhe.

Nö, nö, bei mir war´s andersrum. Die haben gleich Stunk gemacht. Deswegen hab´ ich´s ja auch mit die Nerven, bin wegen die Psyche in die Rente geschrieben. Die haben mich geärgert und ich hab´s wieder mal nicht verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Die Bullen waren schon immer komisch. Irgendwann war mir das dann alles zu viel, weißt du. Das habe ich dann nicht mehr geschafft und versucht mich zu vernichten. Da haben die von der Stasi dann Schiss bekommen, mich entlassen und mir sogar ´ne Bude besorgt. Aber das hat mir dann auch nichts mehr genützt. Das erste, was ich gemacht habe, als ich in der Bude saß, ich hab wieder versucht mich zu vernichten. Naja, seit der Wende leb ich mit ´nem Hooligan und Nazi zusammen. Da bin ich wenigstens nicht mehr ganz allein. Die gucken ab und zu nach mir ins Zimmer und erledigen ein paar Wege, die ich nicht mehr kann, weiß du. Hat schon was, wenn einer mal nach dir guckt.

Sie haben eine WG? Sind die beiden Mitbewohner nicht… anstrengend?

Nö, nö, weißt du, die habe ich im Griff. Bei mir wird nicht gekloppt. Ich mach das nicht mehr. Und deswegen will ich es auch nicht mehr bei die Demos haben. Ich bin jetzt politisch geworden, weißt du, so richtig politisch. Mir kann keiner mehr was.

Politisch? Sie engagieren sich… politisch? Das, das find ich… vom Prinzip her gut.

Weißt, du, die haben gerade heute im Fernseher gebracht, dass immer mehr Leute politisch mitmachen, weil sie die Schnauze vollhaben von allem. Mehr als 10 Prozent machen jetzt mit, und es werden immer mehr.

Wie meinen Sie das? Es gibt doch mehr Menschen die sich politisch engagieren und…

…sag ich doch. Es werden immer mehr. Ich bin jetzt auch dabei seit der Politische bei mir wohnt.

Ähm, Sie sagten doch, Sie wohnen mit einem Hooligan und einem… einem Nazi…

…einem Politischen zusammen. Der wird verfolgt weil er in der NPD ist. Versteh´ ich nicht. Der kloppt sich nicht mehr rum, ist friedlich, geht arbeiten, macht jetzt in Politik mit. Und seit ich den kenne und wir uns angefreundet haben, kloppe ich nicht mehr und bin jetzt auch politisch. Der hat mich überzeugt. Deswegen wohnt er auch bei mir. Weißt du, bei mir sind die friedlich obwohl die beiden sich nicht ausstehen können. Hoolis wollen kloppen und Nazis wollen das alles politisch klären. Die Nazis sind zu Unrecht verschrien. Die haben mit Hitler auch nichts am Hut. Ich auch nicht. Das war ein Riesenarschloch. Der hat unserer Sache nur geschadet.

Aber wenn Sie mir jetzt hier während unseres Armbades erzählen, dass Sie eine Rente beziehen, wo liegt ihr Ziel bei den Demos, ich meine, was machen Sie auf den Demos?

Du meinst meinen Rollstuhl?

Ach so, Sie fahren, ähm, Sie haben einen, einen Rollstuhl. Ich dachte, Sie sind wegen einer Herzerkrankung hier…

…und wegen der Bandscheiben und wegen meiner Wirbelsäule und wegen dem Knie und wegen dem anderem Knie auch. Alles vom Kloppen. Das geht nun nicht mehr. Deswegen bin jetzt politisch, weißt du.

Sagten Sie nicht soeben, dass Sie im Stasiknast waren?

Ja, weißt du, ich hab das nie begriffen, ich war immer ein Politischer, schon früher, ob ich wollte oder nicht. Und jedes Mal habe ich Ärger bekommen, wenn ich erzählt habe, dass wir zu Hause nichts zu Fressen haben, dass wir arm sind und ich Futter klauen muss. Ich versteh´ nicht, warum die Bullen was dagegen hatten, dass ich das überall rumerzählt habe. Ich hab doch nicht gelogen. Ich kapier´s selbst heute noch nicht. Jetzt wollen die Bullen wieder was von mir, jetzt wollen die mir ´ne Volksverhetzung dranhängen. Versteh ich auch nicht. Ich will doch nur, dass die Ausländer genauso ihre Steuern zahlen wie wir Deutschen. Ich muss doch auch meine Steuern zahlen. Weißt du, wenn die arbeiten gehen, sich benehmen, unsere Kultur achten und nicht ständig ein Haufen Kinder machen und überall ihren Scheiß hinschmeißen, dann sind sie mir völlig egal. Ich kauf auch bei meinem Türken um die Ecke. Der weiß, dass ich ihn so nenne und lacht nur. Ich ess´ gern auch mal ´nen Döner oder so. Also Steuern zahle ich dabei immer, das hat mir der Politische erklärt. Der Türke muss meine Steuern nur an den Staat ordentlich abgeben wie sich´s gehört und nicht ins letzte Kaff nach Anatolien schmuggeln, sagt der Politische. Weißt du, mehr will ich doch nicht.

Aber was hat das mit Politik zu tun?

Weißt du, der Nazi bei mir in der Wohnung, der sich um mich kümmert, der hat mir das mit der Politik mal so richtig erklärt. Und seitdem er mir das ganz genau erklärt hat, versteh ich, wie Politik geht. Weißt du, wenn ein Bulle einem Ausländer eine ordentlich auf´s Maul haut, dann ist das politisch. Und Bullen dürfen nicht politsch sein, die müssen unpolitsch bleiben. Deswegen kloppen die auch keinen Ausländer mehr eine auf´s Maul. Wenn der hingegen einem Deutschen eine auf die Fresse kloppt, dann zählt das nicht als Politik, dann bleibt er unpolitisch. Und weil der Bulle nur den Deutschen eine aufs Maul haut, haut der Hool dem Bullen eine auf´s Maul. Und dann kommen die Bullen zu uns, stören unsere Demo und hauen uns wiederum eine rein. Weißt du, ich kann doch nicht mehr richtig wegen meinem Rollstuhl, deswegen will ich meine Ruhe haben. Wenn die aber Stunk machen, dann schnapp ich mir zur Strafe so ´nen kleinen verkackten Hool und hau ihm eine rein, weißt du, so richtig eine rein und frag ihn dabei, was der Scheiß eigentlich soll. Wir sind jetzt politisch. Wir machen ab jetzt nichts Verbotenes mehr. Uns kann keiner was. Weißt du, das ist Politik. Ich find Politik gut, richtig gut. Aber jetzt muss ich erst mal hier meine zwei Infarkte kurieren. Weißt du, ich bin das erste Mal zur Kur. Warst du schon mal in Kur?

Ja.

Und waren da auch so viele Ausländerärzte wie hier?

Meinen Sie die Ärztin von der Inneren? Bei der Aufnahmeuntersuchung erzählte sie mir, dass sie in den nächsten zehn Jahren keine Stelle in Serbien bekommen wird und sich eher zufällig hier beworben hatte. Wissen Sie, Kureinrichtungen scheinen nicht unbedingt das zu sein, was deutsche Ärzte suchen.

Sag ich doch. Die verdrängen unsere deutschen Ärzte. Und dann musst du dir von so einer, die kaum Deutsch reden kann, helfen lassen. Weißt, du, ich hab nix gegen die. Aber wenn ich krank werde, dann will ich auch unbedingt deutsch behandelt werden. Im Moment komme ich hier nicht weg. Du siehst doch, ich kann nicht mehr richtig laufen und komme früh kaum aus dem Bett. Und die verfluchte Pumpe, die macht nun schon das zweite Mal schlapp. Deswegen muss ich mir die Ausländerärztin auch gefallen lassen. So, ich muss jetzt zur nächsten Anwendung. Aber vorher, vorher da will ich schnell noch eine Durchziehen. Wir sehen uns beim Essen im Speisesall. Und dann können wir uns weiter über Politik unterhalten.

Hat man Ihnen nicht erklärt, dass nach frischen Infarkten eine einzige Zigarette reicht, um einen neuen Infarkt auszulösen.

Weißt du, den Quatsch wollte mir die Ausländertussi heut´ Morgen auch einreden.

Der Büchernarr

Der Büchernarr ist ein Besessener. Kein Tag vergeht, an dem er nicht ein Buch herbeischleppt. Er kauft sie sich, er leiht sie sich, er stiehlt sie sich. Der Büchernarr liest seine Bücher aber nicht, nein, so viele Jahre würden ihm gar nicht bleiben, ihnen auf diese Weise gerecht zu werden. Der Büchernarr häuft die Bücher lediglich an und sorgt sich um sie. Sobald er ein neues Exemplar ausfindig machen konnte, ergreift er es freudig mit seinen schwitzenden Händen. Er umstreicht es zärtlich einmal von vorn und einmal von hinten. Er schlägt es auf und atmet den Geruch des Buches tief ein. Das liebt er, ein jedes Buch hätte seinen ganz eigenen Duft, behauptet er. Es riecht nach Druckerschwärze, Papier und vor allem nach seinen Vorbesitzern. Hocherfreut ist der Büchernarr, wenn das Buch nach vielen Besitzern riecht. Denn dann glaubt er, seinem Buch einen besonderen Gefallen getan zu haben, er hätte es dann errettet, und es dürfe nun bei ihm, dem Büchernarr unbehelligt seinen Lebensabend verbringen. Einmal im Jahr unternimmt er eine große Reise. Er begibt sich weltweit auf die Suche nach vielgelesenen Büchern und sichert sich alle Bestände der Stadtbibliotheken und Schulen.
Entzückt über seinen Fund packt der Büchernarr die Koffer und lässt die empörten Wirtsleute zurück. Schon wieder wäre aus jedem Zimmer das Gottesbuch entfernt worden. Eine Unverschämtheit wäre das. Aber der Büchernarr ist besessen und deshalb eilt er seinem Nachruf auch schon voraus.

Die Schläfrige

Die Schläfrige kann den Tag nur schwer ertragen. Kaum ist sie erwacht, ist sie auch schon von Müdigkeit geplagt. Mühsam öffnet sie ihre verklebten Augen und schließt sie beunruhigt wieder, als sie die Lichtstrahlen blenden. Es ist noch viel zu früh, sagt sie und dreht sich auf die andere Seite. Doch die Sonnenstrahlen kitzeln sie in der Nase und mit einem lauten Hatschi sitzt sie plötzlich aufrecht in ihrem Bett. Nun, dann wird sie aufstehen. Langsam hebt sie ihre müden Beine aus dem Bett, streckt sich gemächlich und gähnt. Aber erneut nickt sie auf der Bettkante sitzend ein. Kurz bevor sie herunterzufallen droht, öffnet sie ihre Lider. Sie schüttelt das Kissen auf und begibt sich schlurfenden Schrittes in den nebenan liegenden Frühstücksraum. Noch im Nachthemd gekleidet, sitzt sie nun zwischen all den anderen Gästen und schmiert sich ein Marmeladenbrot. Doch bereits als sie den ersten Bissen hinunterschluckt, überkommt sie der Schlaf. Erst als ihr Tischnachbar sie unsanft am Ärmel zupft und nach der Butter fragt, erhebt sie sich träge. Das Marmeladenbrot noch in der Hand, sucht sie mit schon geschlossenen Augen ihr Zimmer auf. Gerade noch rechtzeitig erreicht sie ihr Bett und sinkt erschöpft nieder.

Überposis

Halt, Stopp! Ey, Schaffnerin! Gut, dass ich sie gleich erwische! Ich muss erstmal durchatmen. Ich bin den ganzen Weg vom Flughafen-Shuttle – puh! Ich komme gerade aus New York! Ich war die ganze Nacht im Flieger. Bin total drüber. Ich weiß nicht, ob das das Jetlag ist oder die Medikamente. Ich hatte gestern eine Zahn-OP. Mit Zahn ziehen, Eiter ausspülen und nähen und so. Fies. Jedenfalls musste ich bar bezahlen. Ich hab‘s vorm Start nicht mehr zum Automaten geschafft. Und nach der Landung auch nicht. Kann ich trotzdem mitfahren? Geht das? Ich meine, ohne Geld?

Wir machen das so: Ich fahre mit bis Leipzig. Dort steige ich aus und flitze zur Western Union. Da hebe ich das Geld aus New York ab. Dann komm ich zurück und bezahle das Ticket. Okay? Ich lasse ihnen bis dahin meinen Pass da. Als Pfand. Sie geben ihn mir zurück, wenn wir quitt sind. Keine Tricks. Und keine Sorge: Ich brauche meinen Pass. Ohne Pass bin ich erledigt.

Machen Sie doch mal eine Ausnahme! Kommen Sie schon! Bitte! Das wäre super, wenn wir das so machen könnten. Echt? Sie sind richtig cool. Ich setze mich da vorn hin, dann habe ich es nachher nicht so weit zur Tür. Ist doch frei bei dir, oder? Super! Kann ich die Tasche unter deinen Sitz stopfen? Hilfst du mir? Dann packe ich die andere hier hoch! Wehe du illerst mir unters Shirt! Jetzt guck nicht so erschrocken. Spaß!

Du, ich hoffe, ich stinke nicht. Ich bin total durchgeschwitzt. Eigentlich müsste ich mein T-Shirt wechseln. Guck mal, das sind Schweißflecken und das hier sind Schampusränder. Sehen genauso aus. Einen Fächer könnte ich jetzt gut gebrauchen. Wie der Lagerfeld. Naja, der OP-Bericht hier wird es auch tun. Ist der auch mal zu was gut. Alter Schwede: 2.500 Dollar für das bisschen Zahn ziehen. Hat das jetzt wieder zu bluten angefangen? Es schmeckt so süßlich, irgendwie. Die haben das zwar genäht, aber das ist ja nicht blutdicht. Blutdicht – gibt es das Wort? Kannst du mal gucken, ob du da was siehst? Hinten rechts unten. Da wo der Zahn fehlt. Siehst du die Naht? Blutet das? Jetzt guck mich mal an. Nee, frontal. Ist das noch geschwollen? Fass mal an, das ist total heiß! Alter, mit so einer Beule im Gesicht kriege ich nie wieder einen Job! Keine Ahnung, was passiert ist. Gestern früh bin ich mit Zahnschmerzen aufgewacht und gestern Abend sah ich aus, als hätte ich eine aufs Maul gekriegt. In der Klinik haben die den Zahn sofort rausgemacht. Das hat übelst geknirscht! Die haben gesagt: No sports! I mean it: No sports! Aber wenn ich jetzt nicht geflitzt wäre, hätte ich den Zug verpasst. Klar, ich hätte auch den ICE nehmen können, aber im ICE kommt man mit so einer Nummer nicht durch.

Ist dir auch so heiß? Boah, guck mal, in meinem Bauchnabel kocht das Wasser! Hier! Ein Schweißtropfen-Rennen! Schluss jetzt, ich zieh mir was Frisches an. Halt das mal. Fuchsia oder Pistazie? Fuchsia, oder? Weißt du, alle denken immer, ich trainiere wahnsinnig hart. Aber das stimmt null. Ich habe fünf Jahre Fußball gespielt. Ewig her. Mein Körper hat sich das irgendwie gemerkt. Also, dass ich Sportler bin. Der sieht einfach weiterhin so aus. Du hast da bisschen Pech, aber mach dir nichts draus. Dafür ist dein Gesicht gut. Das sind die Gene. Ich mache überhaupt keinen Sport. Ich darf nicht trainieren, die haben mir das regelrecht verboten. Ich habe mal ein paar Wochen gepumpt, aber ich kann ja zugucken, wie bei mir die Muckis wachsen. Die von der Agentur haben dann gesagt, ich soll aufhören, sonst passe ich nicht mehr in die Slim-Fit-Hemden. Ist ja alles Slim Fit. Wenn du zu fett bist, bist du zu fett. 65 Kilo ist das Limit. Ich könnte höchstens Joggen gehen. Aber da habe ich gar keine Zeit für. Ich würde mich ja auch nur verlaufen.

Na gut, ich esse nicht so viel. Aber das ist auch nur wegen dem Stress. Denn wenn ich was esse, Alter, esse ich echt nur Fastfood. Am Liebsten die Schinken-Ananas mit der Mozarellakruste von Pizza Hut. Ey, Pizza Hut gibt es überall: in Mailand, London, Kopenhagen, New York, Moskau, überall. Die Pizza heißt natürlich immer anders. Ananas prosciutto in Mailand, zum Beispiel. Aber das hast du schnell raus. Schmecken tut sie überall gleich. Ich fühl mich immer zuhause, wenn ich die esse.

Dabei war ich jetzt wochenlang nicht zuhause. Voll fies, dass die Modewochen so kurz hintereinander sind. Manchmal weiß ich gar nicht, in welcher Stadt ich bin. Ist auch egal. Von den Städten kriege ich sowieso nichts mit. Früher haben meine Freunde gefragt Wo ist es denn am Schönsten? Keine Ahnung, Mann. Ich bin da nicht zum Sightseeing! Jetzt komme ich aus NYC. Fashion Week. Bin drei Shows gelaufen. Donna Karan, Issey Miyake und Hermès, das wird wie Hermes geschrieben, ist aber Französisch, deswegen spricht man das H nicht. Hermès.

Drei Shows in einer Woche. Klingt nicht viel, ne? Ich weiß nicht, was du arbeitest, aber nur an drei Tagen die Woche ins Büro, klingt bestimmt wie Urlaub für dich. Stimmt ja auch. Also ich habe abends jedenfalls keinen Muskelkater von der Schufterei, oder so. In Wirklichkeit ist das Business ja nur Warten, ne? Manchmal sitzt du vier Stunden rum und es passiert gar nichts. Dann kommt jemand und schminkt dich drei Stunden. Dann guckst du in den Spiegel und denkst: Krass, wer ist das? Oder vier Design-Studentinnen ziehen dich den ganzen Tag an und aus und zuppeln an dir rum. Manchmal musst du sechs Stunden vor so einer Show da sein. Und wenn du dann raus gehst und läufst, dauert das 30 Sekunden. Echt ey, sechs Stunden wegen 30 Sekunden. Hammer. Aber Arbeit ist das eigentlich nicht. Obwohl, letztes Jahr in Mailand hatte ich mal vier Shows an einem Tag. Da geisterst du bei 40 Grad 12 Stunden durch Mailand, das schlaucht wie Sau. Und trotzdem ist das Gewarte natürlich langweilig. Deswegen wird auch viel gekokst. Ey, wenn du nichts von der Stadt weißt, ne, wo die Dealer stehen, weißt du. Dann geht einer los, kauft bisschen Puder und dann wird Party gemacht. Die Partys sind geil, aber du musst immer aufpassen, dass kein Typ anfängt, dich zu befummeln oder sich mit dir rumzubeißen. Gibt halt viele Homos in dem Business, weißt du ja.

Klar kannst du auch ohne Puder Party machen, aber du kennst ja niemanden, dort. Das sind nicht deine Freunde. Ich dachte immer: Models, Fotografen, Designer, das ist doch eine Familie. Aber Models sind für die der letzte Dreck, wie Putzfrauen für dich. Jeder will modeln, und wer rumzickt, fliegt eben raus, draußen warten schon drei Neue. Du kannst dich nicht darauf verlassen, jemals jemanden wiederzutreffen. Also feierst du einmal schön mit denen und dann verschwindest du.

Krass ist, wenn die Party vorbei ist. Dann sitzt du in einem Raum mit zwei Dutzend Leuten und bist trotzdem allein. Du kannst dich ja auch nicht unterhalten mit denen, weil die alle kein Deutsch können. Und mein Englisch ist echt panne, besonders, wenn ich drauf bin. Hat mich nie interessiert, Englisch. Naja, ewig kannst du das nicht machen. Aber ich bin froh, dass ich es überhaupt machen kann.

Ich habe ja keine Ausbildung oder so. Bin mit der 8. Klasse von der Schule, weil ich keinen Bock mehr hatte. Gab nur Beef mit den Lehrern. Und war halt öde. Naja, mein Elternhaus war nicht das Beste, da gab es nicht so viel Support. Ich habe dann bisschen Fight Club gemacht, um Kohle zu verdienen und gedealt. Eigentlich war ich immer blank.

Und dann war ich eines Tages bei einem Kumpel in Berlin. Wir waren fett feiern und am nächsten Morgen, also eigentlich schon Nachmittag, gehe ich zum Bäcker und da werde ich von so einem Typen angesprochen. Das war ein Scout. Der hat krudes Zeug gefragt. Was ich so mache und ob ich Bock hätte, dass er mal eine Sedcard mit mir fotografiert. Ich hatte keinen Plan, was das ist, aber es klang nach Kohle und ich brauchte Kohle. War goldrichtig, ey.

Kennst du Heidi Klum? Ich bin jetzt bei der gleichen Agentur. Mal kucken, wie lange. Ich bin schon 25. Aber ich sage immer, ich bin 21. Kann ich doch machen, oder? Ich sehe halt jünger aus. Naja, ein paar Jahre wird das schon noch laufen. Die Opis in der Branche sind so 35. Danach kommt nur noch der Otto-Katalog oder die Apotheken-Umschau. Da musst du vorher den Absprung schaffen. Ich will zum Film. Wie Mark Wahlberg. Schaffen nicht viele. Die meisten stürzen total ab. Deswegen: Jetzt schön Kohle scheffeln. Noch geht‘s.

Sagt meine Freundin auch immer. Die macht irgendetwas mit Marketing für eine Pharmabude, aber kriegt nur Dreizehnhundert im Monat. Raus. Das mache ich in einer Show! Da hab ich zu ihr gesagt, zieh‘ doch bei mir ein und spar die die 500 Tacken Miete. Kauf dir lieber was Schönes. Keine Ahnung, schickes Auto oder so. Hat sie gemacht. Jetzt wohnt sie bei mir in Delitzsch. Ja, ich weiß, Delitzsch, krass. Aber ich bin dort geboren und ich will nicht weg. Da sind ja auch meine ganzen Leute. Theoretisch.

Boah, ich freu mich so, die heute Abend zu sehen. Ich habe ihr bisschen Bling-Bling gekauft. Die wird sich freuen. Wobei ich aufpassen muss, dass ich die nicht so verwöhne. Ich will keine verwöhnte Zicke. Ich brauche eine echte Frau. Weißt du, wenn ich meiner Süßen auf den Arsch haue, dann wackelt der noch in drei Monaten. Darauf stehe ich. Und das weiß die auch. Deswegen ist die auch nicht eifersüchtig. Die verhungerten Kokshühner interessieren mich nicht. Ich brauche was zum Anfassen, weißt du. Aber die Hühner dürfen ja nichts essen und trösten sich dann mit Nasen voller Puder. Was willst du mit so einer? Aber klar, es ist hart eine Beziehung zu führen, wenn deine Süße dich nie sieht. Das letzte Mal war ich vor neun Wochen zuhause. Deswegen bringe ich ihr immer was Schönes mit, wenn ich komme. Dann hat sie was an mich zu denken hat, wenn ich weg bin. Kohle ist ja da.

Wenn ich zwanzig Shows mache in einer Woche, sind das 25 Scheine. Im Moment muss ich die Hälfte an die Agentur abgeben. Aber das ist okay. Der Trick ist ja, eine Kampagne zu bekommen. Also Plakate, Anzeigen, Spots und so. Dafür kriegt man 180.000 Tacken im ersten Jahr und für jedes weitere Jahr der Kampagne nochmal 70 Scheine. Also 70 Tausend. Das wäre natürlich der Knaller. Aber ich bin schon zufrieden, wie es jetzt läuft.

Am Anfang war es heftig. Ständig musste ich zu Castings oder Previews und hab dafür keinen Cent gesehen. Jedes Mal habe ich mir fast in die Hosen geschissen. Ich wusste ja nicht, was die von mir wollen. Aber die wollen immer das gleiche: Den Rowdy. Bisschen böse gucken, bisschen Fresse ziehen, bloß nicht lachen. Das war’s. Hatte ich schnell drauf. Andauernd haben die Tussis von der Agentur angerufen, damit ich irgendwo hin fahre. Oder fliege. Ich so zu denen: Ey Leute, ich buttere hier nur rein. Und die so: Ey, chill mal, die große Kohle kommt schon noch! War dann auch so. Läuft.

Ich bin halt der Exotentyp für die. So viele Tattoos wie ich habe. Guck mal hier, sogar meine Geheimratsecken sind tätowiert, da gehen die total drauf ab. Und hier, meine Arme. Das ist meine Mama, hier ein Piratenschiff, da kommen aber noch Wellen hin und so. Der Knaller ist natürlich das Kreuz mit den Engelsflügeln auf meiner Brust. Soll ich das Shirt nochmal ausziehen? Hast du den Drachen auf meinem Rücken gesehen? Ist voll der Kontrast zu den feinen Klamotten. Das zieht den Fotografen total den Stecker.

Manche Klamotten darf ich behalten, wenn sie mir gefallen. Besonders, wenn die voller Schminke sind. Aber dann wäscht man die, und dann sind die wieder cool. Die Hose hier zum Beispiel. Sag mal, findest du auch, dass die am Arsch zu locker sitzt? Meine Agentin in New York sagt das. Und du?

Die meisten Kollegen sind total glatt. Manchmal machen die sich dann so Abziehbildchen-Tattoos drauf. Voll arm. Aber die sind eben derbe jung und haben null Lebenserfahrung. Die finanzieren sich ihr Studium mit dem Modeln, mehr ist das für die nicht. Für mich ist es mein Job. Mein einziger.

Echt, du steigst hier aus? Schade. Tja, dann: Hat mich echt gefreut, dich kennenzulernen. Weißt du, ich texte ja nicht jeden so zu. Aber bei Leuten, bei denen ich Interesse spüre, erzähle ich halt gern mal. Achso, ich heiße übrigens Norman.