In Wolken

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund. Aus dem Inneren weht ihr eine Fahne verbrannten Diesels entgegen. Die feuchtglänzende Straße lockt wie eine gierig herausgestreckte Zunge. Ein Wagen nach dem anderen ergibt sich bereitwillig.

Auf dem Zubringer hatten sie das Warnlämpchen auf dem Armaturenbrett bemerkt, kurz vor der Einfahrt hatte es nach verschmortem Gummi gerochen, in der letzten Nothaltebucht hatte er angehalten und war ausgestiegen um die Motorhaube zu öffnen. Sie war ein paar Minuten reglos im Wagen sitzen geblieben. Jetzt löste sie ihren Sicherheitsgurt, der mit einem leisen Surren bis zur Schnalle in der beigen Veloursverkleidung verschwand und stieg ebenfalls aus. Allerdings nicht, um ihre Hilfe anzubieten, wie sie selbst noch in diesem Augenblick dachte. Vielmehr war es ihr bestimmt, das Bild zu sehen, das sich ihr bot, als sie auf die Straße trat. Es ergriff Besitz von ihr, noch bevor sie die Tür des Wagens geschlossen hatte.

Der Tunnel liegt vor ihr wie ein dunkler Schlund, ein Wagen nach dem anderen ergibt sich. Die graugrünen Gipfel, die wie stumme Zeugen dahinter thronen, sind geköpft von einem tief hängenden Himmel, der den Straßenlärm und das Tageslicht verschluckt. Alles unter diesem Himmel ist mit einem feinen, feuchten Film überzogen, der kalt nach innen kriecht.

Sie hatten geplant, ihren Urlaub auf der anderen Seite des Gebirges zu verbringen, falls man von Planung sprechen möchte und von Urlaub. Es war nicht die Zeit dafür, der Sommer war vorüber, der Winter hatte noch nicht begonnen. Manche Pensionen entlang der Straße waren in Gerüste gehüllt, an denen Planen flatterten, als hätte man sie zugedeckt, damit sie gut schliefen in der Zeit zwischen den Saisons.

Es war auch deshalb nicht die Zeit für Urlaub, weil er in Projekten stark eingebunden war. Nur unter großer Anstrengung war es ihm gelungen, sich die Freiräume für diese Reise zu schaffen. Sie aber hatte es für dringend geboten gehalten, dass sie sich Zeit für einander nähmen in einem Schutzraum außerhalb ihres Alltags. Zumindest waren das die Worte, die er gegenüber seinem Vater gewählt hatte, um die arbeitsfreie Woche zu erklären.

Aus der Motorhaube quillt eine Wolke, weiß und dicht wie Watte, die sich nur zögerlich mit der Umgebungsluft mischt. Innerhalb von Sekunden legt sie sich um und über Arnolds stämmigen Körper wie ein schweres Federbett. Lediglich seine nervös tänzelnden Budapester Schuhe und sein ersticktes Hüsteln zeugen noch von seiner Existenz.

An den Schuhen eines Menschen erkennt man seinen Charakter. Bei keiner einzigen Begegnung hatte sich Arnolds Vater diesen Hinweis verkneifen können. Arnold war schließlich eingeknickt und eigens nach Berlin gefahren, um im Stammhaus am Kurfürstendamm fünf Paar der einzigen Marke zu erstehen, die sein Vater akzeptierte. Den Heimweg über hatten sie gestritten, weil sie sich die Frage nicht hatte verkneifen können, wie es sich denn liefe, in den Schuhen seines Vaters. Man hätte in den Urlaub fahren können für das Geld. Jetzt fuhren sie in den Urlaub.

„Suboptimal, das Ganze.“, sagt Arnold aus der Wolke.
„Warum sagst du nie Scheiße wenn du Scheiße meinst?“, fragt sie in die Wolke zurück. Und dann: „Willst du nicht zuerst das Dreieck aufstellen?“
Noch während er die Taschen aus dem Kofferraum hebt um nach dem Warndreieck zu suchen, atmet sie tief ein, hält die Luft an und steigt in die Wolke. Um sicherzugehen, dass ihre Pumps auf dem Asphalt ihre Existenz nicht bezeugen, setzt sie sich auf die Kante der offenen Motorhaube und stellt ihre Füße auf die verchromte Stoßstange darunter.

Auch sie ist binnen weniger Sekunden völlig umfangen von dichtem Rauch. Ihre Sicht reicht gerade noch bis zu ihren angezogenen Knien, aber schon die Struktur ihrer Strumpfhosen ist kaum noch auszumachen. Sogar der feine Sprühregen kann die Wolke nicht durchdringen. In der Wolke ist es warm. Als sie sich zwei Finger in die Ohren steckt, ist sie glücklich.

„Tschüss, machen Sie’s gut.“ hört sie ihn sagen, als sie ihre Ohren kurz lüftet. Er sagt das immer zur Verabschiedung. Tschüss, mach’s gut. Und noch nie hatte sie verstanden, was er damit meinte. Hatte er Angst, sein Gegenüber würde es schlecht machen? Hielt er es für notwendig, seinem Gegenüber seine Erwartung zu kommunizieren? Versuchte nicht grundsätzlich immer jeder alles gut zu machen?

Sie steckt ihre Finger wieder in ihre Ohren. Sie hört ihr Blut zirkulieren. Dieses dumpfe Wummern hatte sie schon als Kind beruhigt. Für sie klingt es wie das Betriebsgeräusch der Maschine, die im Hintergrund dafür sorgte, dass das Leben lief. Zu hören, dass die Maschine einwandfrei arbeitete bedeutet, dass was immer gerade ist, vergehen wird. Sie findet das tröstlich. Einmal hatte sie versucht, das Arnold zu erklären. Der hatte ein Gesicht gemacht als hätte er Zahnschmerzen und das Thema gewechselt. Als er zum letzten Mal von einer 1-a-laufenden Maschine gesprochen hatte, hatte er den Motor dieses von Hand polierten Wagens gemeint, der zwei Jahre älter war als er und sie nun im Stich ließ. So war das oft mit dem, was Arnold sagte.

Wenn sie mit ihm irgendwo hinkam – zur Jahresauftaktveranstaltung im Rotary Club, zum ersten Gesprächstermin in der Kinderwunschklinik, zum Abschlussball des Salsa-Kurses – und Arnold gefragt wurde, was er mache, antwortete er immer: Ich baue Häuser.

Damit enthüllte er dreierlei. Erstens, dass er Minderwertigkeitskomplexe hatte und auch, dass er findet, dass er eigentlich keine haben müsste. Zweitens, dass er ein Hochstapler ist, aber nicht ohne Gewissen, weshalb er niemals so hoch stapeln würde, dass man ihn des Lügens bezichtigen könnte. Und drittens, dass er gern ein Kreativer wäre, aber eingesehen hat, dass man entweder ein Kreativer ist oder eben keiner, wie er.

Jeder, dem er das antwortet denkt, Arnold sei Architekt, obwohl er das nicht sagt. Tatsächlich ist Arnold Bauingenieur. Und das sagt er auch nicht. Er entwirft keine Häuser. Er ist dafür zuständig, dass Häuser, die andere entworfen haben, von wieder anderen nach einem feststehenden Plan gebaut werden. Bauingenieur ist ein respektabler Beruf. Außer man schämt sich dafür, weil man gern Künstler geworden wäre oder Architekt.

Der Rauch verzieht sich, während sie das denkt. Was auch immer den Rauch verursacht hatte, kühlte sich ab, wie sich alles abkühlt, das niemand mehr befeuert. Als er scherenschnittartig wieder zum Vorschein kommt, ist er gerade dabei sein Telefon in die braune Lederhülle zu nesteln, die sie ihm genäht hatte. Sie nähte gern mit Leder. Jede Naht war eine Narbe, die einer Wunde beim heilen half.

„Was soll das, Ivy?“, fragt er lachend, als er sie wieder erkennen kann. Sie grinst und schnappt nach frischer Luft. Was will man einem Menschen antworten, der nicht versteht, was das Umfangensein von einer Rauchwolke sollen könnte? „Der Pannendienst müsste gleich hier sein.“, murmelt er, die Zigarette schon im Mundwinkel. „Was soll das?“, könnte sie jetzt zurückfragen, aber er würde anfangen sie in eine Diskussion über Genuss zu verwickeln und ihr nicht erlauben, mit ihm eine Diskussion über Sucht zu führen und zwar nicht über die Sucht nach Nikotin. „Was für eine Idiotie, über jemanden zu lachen, der von einer Rauchwolke eingehüllt sein möchte, kurz bevor man sich selbst in eine Rauchwolke einhüllt.“, sagt sie stattdessen. Er sagt nur: „Idiotie, ja?“

Arnold raucht Nil-Zigaretten, und wenn es keine Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Und auch wenn es Nil-Zigaretten gibt, raucht er nicht. Nicht richtig. Sie beobachtet ihn genau. Er zieht den Rauch in seine Mundhöhle in dem er die Wangen nach innen wölbt. Das macht sein Gesicht noch kantiger, er sieht dann noch besser aus und sie weiß, dass er das weiß. Bevor er den Rauch in seine Lungen zieht, öffnet er kurz die Lippen, so dass die kleine Rauchschwade, die er dadurch verliert einige Sekunden wie ein Schleier vor seinem Gesicht hängt, als sei sie noch ganz benommen von der Dunkelheit in seinem Mund. Die andere Hälfte des aufgenommenen Rauchs atmet er schließlich ein, aber nicht tief, nicht bis zum Bauchnabel, höchstens bis zur Brust. Manchmal lässt er den Rauch auch schon vorher wieder durch die Nasenlöcher entweichen. Arnold verlässt sich darauf, dass die Leute denken, der Rauch müsse in der Lunge gewesen sein, um durch die Nasenlöcher austreten zu können. Das aber stimmt nicht; sie hatte ihn längst widerlegt.

„Kann ich auch eine haben?“, fragt sie.
„Du sollst nicht rauchen, Ivy.“, antwortet er.
„Ich heiße Ivanka.“
„Ich weiß, wie du heißt.“
„Dann mach mich nicht niedlich.“
„Ich versuche, Nähe zu machen.“
„Du machst dich lächerlich.“
„Und du machst dich rar.“
„Und du machst mich wahnsinnig.“
„Ich würde dich wahnsinnig gern glücklich machen.“
„Ich bin glücklich, wenn ich mir die Finger in die Ohren stecke.“

Er raucht. Sie lauscht.

„Ich möchte, dass wir in die andere Richtung fahren, wenn das Auto wieder fährt.“, sagt sie nach einer Weile.
„Aber wir müssen durch diesen Tunnel.“, antwortet er.
„Das passt zu dir. Lieber den leichten Weg, durch den trockenen, ebenerdigen Tunnel nehmen, als den über den gefährlichen, schroffen Berg.“
„Wir müssen bis 19 Uhr angereist sein. Über den Pass werden wir uns um Stunden verspäten.“
„Wenn wir durch den Tunnel fahren, kommen wir nie an. Er wird uns verschlingen ohne zu kauen.“
„Ivy. Bitte. Wir werden durch den Tunnel fahren.“
„Ivanka! Danke. Wir werden umkehren.“
„Wir stehen auf einer 4-spurigen Schnellstraße. In der Mitte ist eine doppelte Leitplanke. Wir können hier nicht umkehren.“
„Dann fahr. Ohne mich.“
„Ivy, bitte.“
„Ivanka!“

Er reicht ihr eine Zigarette und nimmt sich noch eine.
Zwei Menschen vor einem alten Wagen mit aufgerissenem Maul am Rande einer Schnellstraße, eingehüllt in zwei schmale Wolken aus hellem Rauch. Er zertritt seine Zigarette, läuft zum Kofferraum, öffnet ihn und hebt zwei Taschen heraus, bevor er ihn wieder schließt. Er läuft zur Motorhaube und schließt auch sie, bevor er einsteigt. Der Wagen startet nicht, er startet nicht, er startet. Sie raucht. Einer nach dem anderen ergibt sich bereitwillig in den dunklen Schlund, denkt sie. Es riecht nach verbranntem Diesel.

Welche Fahrt?

„In Ordnung. – Wo fahren wir hin?“
„Entschuldigung?“
„Was denn? Anschnallen? Ist das Ihr Ernst? So hätte ich Sie nicht eingeschätzt.“
„Wollen Sie mich verarschen?“
„Fahren Sie!“
„Was? Warum sollte ich?“
„Wäre ‚Weil grün ist!‘ ein überzeugendes Argument? Fahren Sie schon!“
„Nicht, so lange Sie neben mir sitzen!“
„Hören Sie das Geräusch? Damit bringen die Fahrer hinter Ihnen ihre Frustration zum Ausdruck. Fahren Sie!“
„Also schön. Aber nur bis zur nächsten Parklücke. Dort steigen Sie aus!“
„Parklücke? In diesem Viertel? Sie sind niedlich, ich hab’s mir gedacht. Außerdem geht die Fahrt doch gerade erst los!“
„Welche Fahrt?“
„Woher soll ich das wissen? Sie fahren. Hier wären übrigens 50 erlaubt.“

„Sind sie auf der Flucht?“
„Sehe ich aus als hätte ich eine Bank überfallen? Ich habe dazu mal recherchiert – aus rein beruflichem Interesse, versteht sich. Die Sicherheitsvorkehrungen der Banken heutzutage verderben einem den ganzen Spaß. Aber glauben Sie mir: Falls ich jemals eine Bank überfalle, würde meine Beute nicht in meine kleine Tasche hier passen. Geben Sie einen guten Komplizen ab?“
„Werden Sie verfolgt?“
„Wer soll mich verfolgen? Agenten? Auftragskiller? Wie aufregend! Aber nein.“
„Ihr eifersüchtiger Ehemann?“
„Sie täuschen sich. Dem bin ich nachgelaufen. Viel zu lange.“
„Ein Kaufhausdetektiv?“
„Halten Sie mich für eine Diebin? Wie langweilig. Oder eine Kleptomanin? Denken Sie, ich sei verrückt?“

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Die Gastnehmerin, Teil V

Sie steht auf, zupft ein verwelktes Blatt von der Grünpflanze, wirft es in den Mülleimer und geht auf die Toilette. Wie immer lehnt sie die Tür an und ich höre wie ihr Urin in die Schüssel läuft. Damit ich das Geräusch des Urinstrahls heute nicht hören muss, lege ich Jazzmusik in den Spieler und drehe die Musik laut. Sie kommt aus dem Bad und schimpft erwartungsgemäß, dass das furchtbare Affenmusik sei, dass die Nachbarn dieses Geheul auf keinen Fall dulden würden und auch sie bei der furchtbaren Musik sofort gehen werde. Ich schalte die Musik etwas leise, sage beiläufig, dass es mir leidtue und warte bis sie sich angezogen hat. Ich begleite sie zur Tür. Sie bleibt im Flur stehen und fragt, ob nicht doch etwas Geld in dem Geldbeutel sei und ob ich noch einmal gründlich nachsehen könne. Siegessicher gehe ich zum Küchenschrank zurück, nehme mit ausladender Handbewegung den Geldbeutel aus dem Fach, werfe ihn in die Luft und drücke ihn ihr in die Hand und ermuntere sie, doch selber noch einmal ganz gründlich hineinzusehen. Sie schaut hinein und dreht die Spitze ihres Schuhs, als wollte sie eine Zigarette austreten. Sie klopft mit der Hand auf die Oberfläche ihrer Tasche und flüstert, ob ich nicht wenigstens etwas Kleingeld im Portemonnaie sei. Die Gastnehmerin, Teil V weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“ Die Gastnehmerin, Teil IV weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil III

Sie knurrt. Ich drehe das Radio leise, den Wasserhahn ab und wiederhole in langsamen Worten meine Frage: „Schmeckt´s dir? Schmeckt´s? Oder bist du schon satt? Wenn Du satt bist, musst du´s mir nur sagen. Dann stelle ich den restlichen Käse auch gern wieder in den Kühlschrank! Der muss ja nicht unnütz auf dem Tisch stehen.“ Ich höre ein weiteres Mal ihr Knurren und ein „Nein, nein, es schmeckt! Stell´ den Käse bloß nicht wieder weg!“ Ich drehe den Kopf etwas zur Seite und sehe wie sie mit der einen Hand hastig zwei Scheiben in ihren Mund steckt, wobei die eine Scheibe für Sekunden wie eine weiße Zunge heraushängt und im Rhythmus ihrer Kaubewegung mitschwingt. Mit der anderen Hand schiebt sie schnell die verbliebenen Käseteile auf ihren Teller. Sie nimmt die mitgebrachte Tüte aus der Tasche und kippt den Käse hinein. Ich drehe den Kopf zurück zur Spüle, schließe die Augen und spüre das Gefühl, dass ich in solchen Momenten immer verspüre. Ich sage mir in Gedanken, dass ich diesem Gefühl des Mitleids ab heute nicht mehr nachgeben will. Außerdem sage ich mir, dass ich mir das seit Jahren jedes Mal vorgenommen habe. Zum Schluss sage ich mir, dass ich aus einem unerklärlichen Grund seit dem letzten Besuch weiß, dass ich von ihr nichts mehr erhoffen kann.
Ich öffne die Augen, schiele auf den Tisch und sehe wie sie das letzte Stück herunterschlingt. Ich bemerke, wie ich die Schnur der Mikrowelle umfasse und in die Steckdose schieben will. Ich schüttle den Kopf, schalte die Herdplatte an, lege meine flache Hand darauf, bis es warm wird und ich ein leichtes Brennen verspüre, starre in das immer deutlicher werdende Rot und spreche lautlos zu mir: „Ab heute, ab heute muss das anders werden! Du hast es dir versprochen!“ Ich lege die Schnur der Mikrowelle aus der einen Hand, nehme die andere Hand von der Platte, schalte den Herd aus und überlege, wann sie endlich mit dem eigentlichen Grund ihres Besuches herausrücken wird. Ich halte meine Hand unter das kalte Spülwasser und bin mir auf einmal sicher, dass ich ihr es ganz gewiss nicht leicht machen werde und sie ab heute mit mir einen wirklich echten Gegner haben wird. Als erstes kommt mir die Idee, ihr Gespräch, zu torpedieren. Da ich weiß, was sie in Wirklichkeit will, dürfte es mir nicht allzu schwer fallen, jedes Mal, wenn sie damit beginnen würde, sie mit einem anderen Thema zu überrumpeln. Ich gieße ihr Kaffee ein. Dieses Mal gieße ich ihn, wie den Tee in chinesischen Filmen, aus großer Höhe ein, damit er schnell kalt wird. Ich weiß, kalten Kaffee mag sie noch weniger als zu heißen. Sie sagt, dass es schön sei, dass es so schnell mit diesem Besuch geklappt habe und sie ein dringendes Anliegen auf dem Herzen habe. Ich frage sie, was eigentlich ihr Herz mache und wie der Befund des Langzeit-EKGs ausgefallen sei. Sie sagt, dass sie es noch nicht geschafft habe, aber gleich nächste Woche zum Arzt gehe. Sie sagt, dass es schön ist, dass es mit diesem Besuch so schnell geklappt habe und sie wieder einmal einen kleinen Wunsch hätte. Ich frage, ob sie denn die Weihnachtswünsche der Verwandtschaft für dieses Jahr schon wüsste und bin völlig erstaunt als sie ja, natürlich sagt und dass sie ja deswegen mich besuchen komme. Ich verdrehe die Augen und sage, dass ich mich über ihren Besuch sehr freue, mir aber dieses Jahr vorgenommen habe, keinerlei Wünsche zu erfüllen. Sie sagt, dass auch sie sich dieses Jahr vorgenommen habe keine allzu großen Wünsche zu erfüllen und es sich sowieso nur wieder um Kleinigkeiten handle. Sie greift in ihre Jackentasche und holt den Weihnachtswunschzettel, den sie auf die Rückseite eines langen Kassenbons geschrieben hat, heraus. Da ich weiß, dass sie mit ihrer Brille nicht allzu viel erkennen kann, gehe ich zum Fenster, sehe hinaus und drehe am Stellrad der Jalousie. Sie beugt sich über den Zettel mit der kindlich krakeligen Schrift und beginnt laut vorzulesen. Ich bin erstaunt, dass sie ihre Schrift immer noch erkennt. Ich schaue wieder scheinbar unbeteiligt durch die Fensterscheibe und drehe ein weiteres Mal am Stellrad der Jalousie. Sie hält den Zettel nah an ihre Brille und liest in ihrer unnachgiebigen Art, die ich bewundere und zugleich fürchte, ihren Wunschzettel vor. Ich sehe weiterhin aus dem Fenster und drehe ein weiteres Mal das Plasterädchen der Jalousie und bin erfreut, mit wie wenig Aufwand ich ihren Willen unterbrechen kann. Sie schiebt den Zettel vor die Brille, reibt ihre Augen und beginnt zu stottern. Ich flüstere in Gedanken, dass ihr das völlig zu Recht geschieht und es die Strafe dafür ist, das von mir erbetene Geld statt für die neue Brille für unsinnige Einkäufe auszugeben. Sie reibt sich erneut die Augen und beginnt zu zittern. Da mir dieser Anblick leidtut, drehe ich das Rädchen der Jalousie zurück. Sofort beginnt sie wieder, diesmal schneller, die Wünsche vom Zettel vorzulesen. Da mich das, aber auch mein gottverfluchtes Mitfühlen ärgert und ich mir nicht sicher bin, was mich mehr von beidem in hilflose Wut versetzt, drehe ich das Rädchen zurück. Sie reibt Kreise über die Karos ihres violetten Hosenkostüms. Ich drehe wieder an dem Rädchen. Sie beobachtet mich und ich überlege, was ihre Beobachtung bedeutet und ob sie gemerkt hat, dass ich das Rädchen gedreht habe. Das macht mich völlig unsicher. Ich schaue noch einmal aus dem Fenster, öffne es, winke und rufe auf die Straße herunter. Ich schließe das Fenster, reibe mit dem Ellenbogen über die Scheibe, gehe vom Fenster zur Spüle, die hinter ihr steht und überlege wie ich ihren Leseschwall unterbrechen kann. Ich hole mit dem schweineteuren Bergkäse, den ich extra für diese Situation beim Händler bestellt habe, meine allerletzte Waffe aus dem Kühlschrank, stelle ihn vor sie und bemerke erst jetzt, dass sie schweigt und ihre Brust sich schnell auf- und abbewegt. Ich glaube puterrot zu werden, drehe mich von ihr weg und sage trotzig, dass ich ihn extra nur für sie gekauft habe, vorhin glatt vergessen habe ihn auf den Tisch zu stellen und nun aber auch möchte, dass sie ihn unbedingt isst und ich ihn ansonsten nie mehr kaufen werde. Sie schaut auf ihren Wunschzettel, auf den Käse, auf den Wunschzettel und von dort langsam auf den Käse und danach mich fragend an. Ich nicke ihr zu und sage im überzeugt lässigen Tonfall, dass es da überhaupt nichts zu überlegen gibt. Sie schaut mich zögernd an und legt in Zeitlupe den Zettel neben den Teller. Ich hobele die Scheiben vom Käse herunter und garniere sie auf den Teller. Sie schaut mich an und beginnt die Scheiben in einem Tempo in den Mund zu schieben, dass ich mit dem Hobeln kaum nachkomme Sie greift zur Kanne und gießt sich mit Schwung Kaffee nach, dass der Kaffee über die Tasse, auf die Untertasse und von dort auf den Tisch schwappt. Sie trinkt ihn mit einem großen Schluck, dass er tröpfchenweise aus den losen Gebisshälften träufelt. Ich beobachte sie und möchte am liebsten zum Fenster stürzen und die Jalousie komplett zudrehen. Stattdessen drehe ich mich wieder zur Spüle, frage sie in einem eingeübt scheinheiligen Ton, was denn dieses Mal der Grund ihres Besuches ist und spüre plötzlich wie mir übel wird und ich mich über meine eben gestellte Frage zu ärgern beginne, da ich ihr nun eine wunderbare Steilvorlage biete, die sie garantiert nutzen wird. Mit vollem Mund, nimmt sie den Wunschzettel in die Hand und beginnt laut vorzulesen. Ich schüttle den Kopf, setze mich an den Küchentisch sehe die vielen Posten, die auf der Vorderseite des Kassenbons aufgetragen sind und spüre das jahrhundertealte Gefühl in mir hochsteigen aus der Wohnung zu laufen, getraue es mir aber nicht. Ich sehe auf die Herdplatte, schüttle den Kopf und bezweifle, ob ich jemals diesem Gast, der auch heute wieder mit einem Selbstverständnis an seinem sogenannten Stammsitz am Küchentisch Platz genommen hat, gewachsen bin. Ich stehe auf, gehe zum Küchenherd, schalte die Herdplatte an und drücke meine flache Hand darauf.

Die Gastnehmerin, Teil II

Im ersten Teil wartet der Erzähler auf seinen Gast und erzählt dabei (aufgeregt) wie aufgeregt er ist und er sich auch dieses Mal gegen dieses unangenehme Gefühl nicht wehren kann. Noch während des Wartens vollzieht sich für den Erzähler und den neugierigen Leser aus (noch) unerklärlichen Gründen eine Wandlung seines sonst üblichen Verhaltens. Diese Wandlung wird heute in Teil II fortgeführt und der Leser wird (un-gewollt) zum voyeuristischen Teilhaber des bizzaren Frühstücksgeschehens am Küchentisch.

Sie greift den Käse, schneidet wie erwartet dicke Scheiben herunter und stapelt ihn auf das Brötchen. Ich beobachte sie und bin verwundert, weil mich ihre Verfressenheit überhaupt nicht aufregt. Stattdessen sage ich, dass es mich sehr freut, dass sie heute ausnahmsweise viel Appetit mitgebracht hat und es ihr so wunderbar schmeckt. Ich nehme die Kaffeekanne, gieße ihr den tiefschwarzen Kaffee randvoll in die Tasse und sage: „Einen recht bekömmlichen und guten Hunger!“ Sie trinkt einen Schluck, antwortet, bei mir hast du das anders gelernt und beschwert sich, dass ich ihr zu viel Kaffee in die Tasse gegossen habe, sie ihn nun nicht mehr mit Milch verdünnen kann und der Kaffee außerdem viel zu stark sei. Sie erinnert mich daran, dass ich doch wüsste, dass sie starken Kaffee seit langem nicht mehr vertrüge und ob ich unbedingt wolle, dass sie wie ihr Großvater Magenkrebs bekomme. Ich entschuldige mich beiläufig und biete ihr mit einem Lächeln Milch an. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne mit der einen Hand die Tür, ziehe mit der anderen Hand den Neztstecker der Mikrowellenschnur aus der Dose und stelle ihr die eiskalte Milch, die ich vor ihrem Besuch ins Kühlfach gelegt habe, auf den Tisch. Sie fragt mich, ob ich wenigstens Milch in der Mikrowelle warm machen könne. Ich verneine, drücke stattdessen theatralisch an der unbeleuchtete Tastatur und bedaure, dass die Mikrowelle aus einem mir wirklich unerklärlichem Grunde just gestern den Geist aufgegeben habe und sie die Milch heute leider mal kalt nehmen müsse. Sie sagt nein und trinkt den schwarzen Kaffee in kleinen Schlucken und flüstert, dass sie, wenn sie ihre Diagnose bekäme, wenigstens wisse wer an alledem schuld sei. Ich versichere, dass das nie und nimmer passiert und sie wenigstens Hundert werde. Mit einem Knurren beißt sie in die Brötchenhälfte und zieht wie ein wildes Tier daran. Sie lässt den Teil der Brötchenhälfte wieder aus dem Mund gleiten, dreht den Kopf zur Seite und versucht es noch einmal. Als auch das nicht gelingt, schiebt sie die Lippen vor und lutscht an der Kruste. Sie schiebt ihre Zähne hin- und her, beißt vorsichtig hinein und würgt das abgesägte Stück herunter. Sie flucht und legt die Hälfte des Mohnbrötchens zurück und isst stattdessen den Käse vom Teller. Damit sie nicht mit dem Essen aufhört, gehe ich zum Kühlschrank und nehme den Büffelmozzarella heraus. Ich öffne die Verpackung, rieche daran, lecke mit der Zunge um den Mund, stelle den Mozzarella direkt vor ihre Nase und sage ihr in die Länge gezogen, dass ich den Käse extra nur für sie gekauft habe. Ich hoffe ihr so ein schlechtes Gewissen zu machen und ihre Fresssucht wieder anzuheizen. Wenn ich Glück habe, isst sie wieder alles, was ich auf den Tisch gestellt habe und ihr wird schlecht. Heute scheint mir das nichts auszumachen. Sonst regt mich ihr zu erwartendes Verhalten Tage vorher maßlos auf und ich beschwere mich lautstark vor dem Spiegel stehend über ihre Verfressenheit und mache ihren immer gleichen jammernden Monolog nach, bei dem sie sagt, dass sie wieder viel zu viel gegessen habe und ihr nun schlecht würde. Jedes Mal nehme ich mir vor dem gottverdammten Spiegel stehend vor, ihr endlich zu sagen, dass sie über ausreichend Geld verfügt und ich nicht mehr ihr Goldesel sein möchte. Aber nachdem ich die Vermutung habe, dass sie es ist, die im Hof hinter die Container kotzt, stört mich ihre Fresserei nur noch halb. Am Anfang dachte ich, es seien Jugendliche oder eines von den Hippie-Pärchen aus dem Nachbarhaus, die nach ihren Saufgelagen gern mal in die Ecken kotzen oder pinkeln. Aber nachdem ich festgestellt habe, dass die Kotze immer dann hinter dem Container liegt, wenn sie da war und die Hippies zu der Zeit ihren Rausch ausschliefen, bekam ich diese Ahnung. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn ich mich wieder über sie aufrege und wütend durch die Bude renne, das Kotzgeräusch nachmache und mich schlagartig dabei wohlfühle. Wenn ich Glück habe, kann ich es heute endlich live erleben. Ich summe ein Lied, schneide den Mozzarella in extra dicke Scheiben und lege ihn breitfächerig auf den Meißner Servierteller meiner verstorbenen Großmutter. Mit gespreizten Fingern nasche ich eine Scheibe vom Teller und summe trotz vollem Munde weiter. Jedes Mal wenn sie den Teller mit dem Streublumenmuster sieht, wird sie unruhig und äußert abwertende Bemerkungen, um auch das letzte bei mir verbliebene Stück meiner geliebten Großmutter, von mir geschenkt zu bekommen, um es anschließend zu verscherbeln. Über die Jahre habe ich es mir abgewöhnt, die Teile, die sie an den Antiquitätenhändler in meiner Straße verkaufte, zurückzukaufen. Anfangs hatte ich mich geärgert, dass sie die Stücke verkauft hat. Später war ich nur noch enttäuscht, dass sie sich nicht einmal die Mühe gab, die mir zuvor abgeschwatzten Teile, so zu verkaufen, dass ich es nicht bemerke. Und als sie mir eher zufällig ein Stück abschwatze, das ich ihr schon einmal geschenkt hatte, ließ ich es, weitere Teile vom Händler zurückzukaufen. Ich streichle über eine der abgebildeten Streublumen auf dem Teller, schmatze nachdenklich, sehe ihr in die Augen und sage, dass das ein wunderschönes Muster ist und ich gar nicht weiß, wer diesen prachtvollen Teller, wenn ich nicht mehr bin, bekommen soll und er sicherlich, wie mein anderer Kram in einer der vielen Haushaltauflösung oder gar im Sperrmüll landen wird. Ich staune, dass mir heute das bei Sammlern begehrte Motiv nicht abschwatzen will und stelle Pfeffer, Salz und Olivenöl wie eine Mauer um den Meißner Teller herum. Ich nehme das Kürbiskernöl, öffne es und sage ihr, dass das Öl vorzüglich zum Mozzarella passe. Ich garniere die Scheiben mit frischen Basilikumblättern und Cherrytomaten und bitte sie sich nicht zu zieren und doch endlich zuzugreifen. Ich gehe zur Spüle, wasche meine vom Käse verklebten Hände und sage ihr, dass der Büffelmozzarella erst neulich im Fernsehen von ihrem Lieblingskoch angepriesen wurde. Ich gehe zurück zum Tisch und erwische sie, wie sie mit ihren dicken Fingern an ihren beiden Gebissen rumruckelt. Erstmals erfreue ich mich bei dem Anblick, dass ihr die Beißer nicht mehr passen und sie seit Jahren deswegen Schmerzen hat. Hätte sie das viele Geld, das sie mir damals über Monate abgepresst hatte, auch wirklich für die Zahnarztrechnung verwendet, müsste sie jetzt nicht mit Schmerzen am Tisch sitzen und mit kaputten Zähnen und einem zu großen Gebiss essen. Ich drehe mich zurück zur Spüle und frage sie in einem Tonfall, bei dem ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall auf meine Frage antworten muss: „Schmeckt´s dir eigentlich? Du sagst gar nichts?“

Alle Tage

Als ich mich nach der Zitronenlimonade bücke, spüre ich eine Hand auf der Schulter. Die Berührung ist sanft und mehr durch ihre Wärme als durch ihren Druck zu spüren. Ich drehe meinen Kopf und sehe fein manikürte, klar lackierte Nägel in deren Mitte jeweils ein winziges Steinchen funkelt. Ich sehe einen schmalen goldenen Ring am zierlichen Mittelfinger und einen breiteren silbernen mit schwarzen Ornamenten am Daumen. Die Hand gleitet von meiner Schulter als ich mich aufrichte und verschränkt sich Finger für Finger in der anderen. Ich blicke ins Gesicht einer schmal lächelnden Frau. Der Farbe ihres Pullovers nach zu urteilen, arbeitet sie hier. „Entschuldigen Sie, wir würden den Markt dann gern schließen.“ Ich sehe durch die Eingangstür nach draußen, wo es noch hell ist. „Sie haben ja sicher bemerkt, dass es ein Unglück gegeben hat.“ Die Finger der einen Hand spielen mit den Ringen an der anderen. „Wenn Sie sich dann also bitte zur Kasse bewegen würden, das wäre nett.“ Sie nickt zweimal – langsam, schwach – dreht sich um und geht auf eine kleine, ältere Dame zu, die die Preise zweier Konserven vergleicht. Ich sehe, wie die Angestellte neuerlich die Hände vor dem Bauch verschränkt.

„Tammi?“, rufe ich. Ein Mann mit zwei Flaschen Bier in der einen und einer Tüte Erdnussflips in der anderen Hand dreht sich nach mir um. „Wo bist du?“ Tamara kichert hinter mir und wirft zwei Tüten Mikrowellenpopcorn in den Wagen. Der Mann zieht die Augenbrauen hoch und deutet mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Was wollte die Frau von dir? Kennst du die?“

Mit dem Einkaufswagen hatten wir die schmale Gasse zwischen zwei Krankenwagen passieren müssen, die vor dem Eingang des Supermarktes geparkt waren. „Ist das jetzt ein Krankenhaus?“, hatte meine Nichte gefragt und ich hatte „Nein, nein.“ geantwortet. Bestimmt sei nur jemandem schlecht geworden, so wie es Oma manchmal schlecht werde. Oder schwindlig. Vielleicht sei auch jemandem eine Palette saure Gurken auf den Fuß gefallen, versuchte ich zu scherzen. „Oder eine Mama kriegt ein Baby. Da kommt auch der Krankenwagen.“, hatte Tamara gemutmaßt. „Das kann auch sein.“ „Ein Supermarkt“, überlegte sie, „ist aber ein komischer Ort zum Babys kriegen.“

Ich nehme meine Nichte an die Hand und schiebe den Wagen zur Kasse. Tamara starrt auf die Verbindung unserer beiden Hände als handele es sich dabei um ein wissenschaftlich zu untersuchendes Phänomen. Die Gänge sind schmal, besonders im Kassenbereich, wo sich die Osterhasen und Krokanteier türmen. „Hilfst du mir, die Sachen aufs Band zu legen?“ Während Tamara die Teigmischung, die passierten Tomaten und den Spinat aus dem Wagen angelt, recke ich den Kopf.

Als wir den Markt betreten hatten, sah ich schon von weitem die beiden Sanitäter in neongelben Jacken. Sie knieten über einer Person, die zwischen dem Eierregal und den Stiegen für roten, gelben und grünen Paprika am Boden gelegen hatte. Am Kühlregal weiter hinten war ein Mann mit runder Brille in das Studium der Zutatenliste eines Joghurts vertieft. Eine Münze, die einer Frau an der Kasse aus der Hand gefallen war, rollte einige Meter durch den Markt.

„Bisschen Kupfer haben Sie wohl nicht für mich?“, scherzt die rothaarige Kassiererin. „Ich bin ganz verrückt auf Kupfer heute.“ „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist die Mark nicht wert.“, murmelt die dünne Kundin vor mir, während sie mit spitzen Fingern die Münzen aus ihrem Portmonee fischt. „Cent!“, sagt die Kassiererin. „Cent.“, stimmt die Kundin zu. „Tschüss, machen Sie’s gut!“

„Zuerst brauchen wir Tomaten.“, hatte ich vorgeschlagen, damit meine Nichte nicht in den Gang mit dem Eierregal abbog. „Bio oder billig?“, hatte das Kind gefragt, aber ich war abgelenkt gewesen, weil ich mir nicht sicher war, ob der Sanitäter kaum sichtbar mit dem Kopf geschüttelt hatte, als ich an ihm vorbeilief.

„Und jetzt?“, hatte Tamara gefragt, als die Tomaten schon im Wagen lagen. „Kannst du Pizzakäse holen gehen? Aus dem Kühlregal, dort um die Ecke?“ Sie hatte sich mit grazil ausgebreiteten Armen zweimal um die eigene Achse gedreht und mich angelacht. „Das habe ich beim Ballett gelernt!“ „Toll!“, hatte ich sie gelobt. „Zeigst du mir nachher noch mehr? Und holst du jetzt bitte den Käse?“ „Na gut.“, hatte Tamara geantwortet und war Richtung Kühlregal geschlurft.

Von der anderen Seite hatte ich in die Paprikastiege gegriffen und mir zwei große, tiefrote Früchte herausgesucht. Mein Blick war auf den beige gefliesten Boden des Supermarktes gefallen; dann auf einen Schuh, einen schlichten Herrenschuh, schwarzes Leder; dann einen Strumpf, eine einfache Herrensocke, dunkelgrau; dann auf ein Schienbein, breit, blass, schwach behaart und kurz unter dem Knie schließlich auf den Saum einer Jeans, dunkelblau mit gelben Nähten. Dann erst war es mir gelungen, meinen Blick loszureißen.

„Guck mal! Kuhfleckenpudding!“, hatte Tamara gerufen. „Schoko und Vanille! In einem Becher! Darf ich? Bitte!“ Ich hatte genickt und gewartet, bis sie mit ihren Füßen auf den Getränkekistenboden des Einkaufswagens gestiegen war, bevor ich die Gemüseabteilung verließ. „Jetzt Spinat, oder?“ rief das Mädchen, bereits auf halbem Weg zu den Kühltruhen. „Wenn du das magst.“, gab ich zur Antwort „Aber nur den aus Blättern, Onkel Korbi. Nicht den aus Brei. Mutti mag den auch nicht. Entengrütze!“

Aus dem Augenwinkel hatte ich gesehen, dass die Sanitäter oberhalb der Knie eine Decke über den Mann gelegt hatten. Eine braune Wolldecke, die mich an die Kuscheldecke mit Pferdemotiv erinnerte, die mir meine Schwester in unserer Kindheit immer vorenthalten hatte. Ich hatte mich kurz gefragt, wie sie zu dieser Decke gekommen waren, denn zur Ausstattung des Krankenwagens gehörte sie sicher nicht. Den Reißverschluss meiner Jacke zog ich daraufhin bis ganz nach oben; tatsächlich war es etwas kühl.

Erst jetzt, von der Kasse aus, sehe ich, dass die Decke auch den Kopf des am Boden liegenden Mannes umhüllt. Ich fasse Tamara an der Schulter, um zu verhindern, dass sie nach ihrer nächsten Pirouette mit dem Blick in Richtung Eierregal zum Stehen kommt. Eine Sanitäterin passiert den Kassenbereich schnellen Schrittes. An ihrer Hand baumelt eine durchsichtige Mülltüte. Darin aufgerissene Verpackungen von Kompressen, ein dicker Kunststoffbeutel wie von einer leeren Infusion, ein Stückchen Schlauch, kleine Plastikteile, mintgrün. Tamara steckt den Nagel ihres Daumens in die kleine Lücke zwischen ihren vorderen Schneidezähnen als sie ihr nachsieht. „Haben wir denn alles?“, frage ich sie schnell.

„Der Käse!“, ruft Tamara. „Wir haben den Käse vergessen!“ „Aber du wolltest doch welchen holen?“, sage ich. „Ja, aber da habe ich doch den Kuhfleckenpudding entdeckt. Ich hole ihn schnell, ja?“ „Nein, Tammi. Bleib bitte hier, jetzt.“ „Aber wir brauchen den Käse!“ „Nicht unbedingt.“ „Was soll das denn für eine Pizza werden! Ohne Käse!“ „Vielleicht habt ihr noch Käse zuhause.“ „Haben wir nicht!“ „Dann fragen wir Onkel Wolfgang, ob er Käse übrig hat.“ „Und wenn nicht? Ich kann noch Käse holen. Ganz schnell! Ich muss dafür doch gar nicht –“ „Nein, Tamara. Das geht jetzt nicht.“ „Aber wieso?“ „Das erkläre ich dir gleich.“ Ich beiße mir auf die Unterlippe und streiche dem Mädchen über den Kopf.

Zwei Polizisten betreten den Markt. Einer zückt einen Fotoapparat, der andere kramt einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus seiner Jacke hervor. Zwei Sanitäter nehmen die Decke von dem Mann und spannen Sie als Sichtschutz auf. Dahinter blitzt es. Meine Hand wandert wieder auf Tamaras Schulter. „Junger Mann?“ Ich drehe meinen Kopf. „13,89, bitte.“ „Du hast geträumt, Onkel Korbi!“, lacht Tamara. „Sie brauchen Kleingeld, oder? Kupfer, richtig?“, frage ich und klaube 89 Cent aus meinem Kleingeldfach zusammen. „Ein Träumchen!“ „Sagen Sie, am Backstand kann man aber noch einkaufen, oder?“ „Du willst wohl noch Kuchen essen mit deinem Onkel?“, fragt die Kassiererin Tamara. Die kichert und nickt.

„Warum machst du das?“, fragt das Mädchen, als ich sie neuerlich an die Hand nehme. „Das machst du nie!“ „Was für Kuchen willst du denn, Tammy?“ Das Mädchen reißt sich los und rennt zur Kuchentheke. Vor uns steht ein dicker Mann in schwarzer Lederjacke und schüttelt entnervt mit dem Kopf. „Umgefallen, umgefallen. Das ist doch Mist!“, zetert er. „Wie lange soll ich denn jetzt hier rumgammeln?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“, gibt die Verkäuferin mit rauer Stimme zur Antwort. „So etwas passiert ja nicht alle Tage.“ „Aber der Mann wird doch versorgt.“, mische ich mich ein. „So lange wird es schon nicht dauern.“ Da sieht mich die Verkäuferin an und zieht den Hals ein. Für einen Augenblick tritt ihre Zunge zwischen den Lippen hervor um sie zu befeuchten. „Der Mann wird nicht mehr versorgt.“, sagt sie schließlich. „Der Mann ist tot.“

Unwillkürlich greife ich wieder nach der Hand meiner Nichte und antworte: „Wir nehmen zwei Plunderteilchen mit Obst. Und ein Mürbchen. Und den Windbeutel hier vorn.“ „Kann alles auf eine Pappe?“ „Natürlich.“

Tamara angelt das Kuchenpaket von der Theke und riecht am gelb bedruckten Papier. Ich greife die Plastiktüte. Auf dem Weg nach draußen sehe ich einen Leichenwagen auf den Parkplatz einbiegen. „Onkel Korbi?“, fragt das Mädchen und weil ich mein Portmonee im Mund habe um mit der freien Hand nach meinem Autoschlüssel zu suchen, kann ich nur „Hmm.“ antworten. „Zum Sterben ist ein Supermarkt aber auch ein komischer Ort, oder?“ Ich schlucke. „Hmm, hmm.“, mache ich dann und lasse das Portmonee noch ein paar Sekunden zwischen meinen Zähnen. Erst als endlich das Autoradio angesprungen ist, lege ich es ins Handschuhfach.

Fehlersuche

„Ey, Jungs!“ Wir sehen uns an und sind uns einig, dass wir nicht gemeint sein können. Wir sind lange keine Jungs mehr und kennen niemanden, der uns so laut auf der Straße hinterherrufen würde. „Hey, ihr da!“ Wir bleiben stehen und drehen uns um. Aus einem Fenster im zweiten Stock des blassgelb getünchten Wohnblocks winkt uns eine blondgelockte, schmuckbehangene Frau, Mitte 50. „Könnt ihr mir mal meinen Fernseher einschalten?“ Ich rufe: „Wir müssen weiter.“ Du rufst: „Ist das so schwer?“ „Eigentlich ist es ganz leicht, nur heute geht’s nicht!“, ruft die Frau. „Wir sind keine Elektriker.“, stelle ich klar. „Ihr müsst bei Balzereit klingeln. In der 52. Ich lasse euch rein.“

„Ist das eine Falle?“, flüstere ich im Hausflur. „Du meinst, sie schlägt uns mit bloßen Fäusten K.O., raubt uns aus und kullert uns dann die Treppe runter?“, fragst du. „Blödsinn.“, zische ich. „Siehste.“, kicherst du.

„Na, wer bist du denn?“, ruft die adrett gekleidete Dame, die Ihre Armreifen klappern, als sie den Kragen unserer Hündin grault. „Das ist echt in Ordnung von euch!“, sagt sie, als sie sich wieder aufrichtet und unsere Hündin durch ihre Beine hindurch in der Wohnung verschwindet. „Vor zehn Minuten ist meine Serie losgegangen! Ich verpasse alles! Zum verrücktwerden!“ Aus der Wohnung schlägt uns ein Geruch entgegen, den ich kenne, aber nicht einzuordnen weiß. „Kommt rein!“ „Es ist leichtsinnig von Ihnen, fremde Männer in ihre Wohnung zu lassen.“, sage ich, bevor ich einen Fuß über die Schwelle setze. „Ihr seid doch keine Ganoven, oder? Außerdem habe ich Pfefferspray. Bitte zieht die Schuhe aus.“

Mein Blick fällt auf einen Strauß Trockenblumen auf einem gehäkelten Deckchen. Dein Blick fällt auf einen Glaswürfel auf dem gepolsterten Telefonbänkchen, in welchen die Portraits zweier Kinder gelasert sind. Unsere Hündin steht schwanzwedelnd auf der Türschwelle zum Schlafzimmer. Darin ein hohes blassrosa bezogenes Ehebett, auf dessen rechter Seite sich Decken und Kissen für jede Jahreszeit stapeln.

„Hier entlang, hier lang!“, ruft die Frau und weist uns den Weg ins Wohnzimmer. Wir müssen ein bisschen rangieren, damit wir alle vier Platz darin finden. Die Frau stellt sich vor ihre rotbraune Schrankwand, faltet die Hände vor dem Bauch und richtet ihren Blick erwartungsvoll auf den dunklen Bildschirm. „Der Leonhard wacht doch heute aus dem Koma auf! Und hier ist alles schwarz!“ Ich versuche mich zu erinnern, woher ich diesen Geruch kenne, hier ist er stärker, nicht penetrant, aber unüberriechbar.

„Wie machen Sie ihren Fernseher normalerweise an?“, fragst du. Angesichts der vier abgegriffenen Fernbedienungen auf dem beige gefliesten Couchtisch, halte ich das für eine gute Idee. „Na so!“, ruft die Frau, tritt einen Schritt zurück, schnappt sich eine der Fernbedienungen, richtet sie wie eine Waffe auf den Fernseher und feuert. „Da! Nichts! Schwarz!“ „Hm.“ Du bist ratlos. Ich knie mich vor den Fernseher, um das Fabrikat zu entziffern. Ich vergleiche es mit denen der Fernbedienungen auf dem Tisch. „Wollen Sie jetzt dafür beten, dass es wieder funktioniert?“, lacht die Frau. „Ich versuche es zuerst mit Logik.“, murmele ich. „Oh, ein Studierter!“, lacht die Frau lauter.

Eine Fernbedienung gehört zum Radio, eine zum Receiver der Kabelgesellschaft, eine scheint für Steckdosen zu sein und die vierte kann ich nicht zuordnen. „Wo ist denn die Fernbedienung, die zum Fernseher mitgeliefert wurde?“
„Der wurde nicht geliefert. Mein Mann hat den in den Arcaden gekauft und mit dem Auto her gefahren.“
„Aber es muss doch eine Fernbedienung dabei gewesen sein.“, hake ich nach.
„Müsste eigentlich, oder?“, stimmt die Frau zu und sieht dich hilfesuchend an.
„Ist die Ihnen vielleicht hinter das Sofa gerutscht?“, vermutest du.
„Das Sofa? Nein. Ich sitze im Sessel. Setzen Sie sich doch.“, antwortet die Frau. „Möchten Sie einen Keks?“

Die Beschriftung der Tasten ist nicht mehr zu erkennen. Ich probiere die beiden großen Knöpfe in den oberen Ecken von Fernbedienung Numero vier. Nichts tut sich. Meine Finger fahren den Rahmen des Fernsehers ab. An der Rückseite ertaste ich Knöpfe. Ich drehe den Fernseher etwas aus der Schrankwand und beuge mich in das Fach.

„Also, so habe ich das nie gemacht.“, höre ich die Frau hinter mir. „Ich bin nie in die Schränke gekrabbelt.“ Ich drücke den Einschalter – ohne Ergebnis. Ich verfolge das Kabel des Fernsehers, bis es durch eine Bohrung im Rücken der Schrankwand verschwindet. Mir fällt ein, dass es in der Wohnung unserer Nachbarn genauso roch, am Schluss.
„Sind Sie sicher, dass das Gerät Strom hat?“, frage ich.
„Ich habe alles bezahlt!“
„Vielleicht ist die Sicherung durchgebrannt?“, schlägst du vor.
„Das weiß ich nicht.“
„Wo ist denn ihr Sicherungskasten? Im Flur vielleicht?“

Während du mit der Frau nach verborgenen Klappen in der Holzvertäfelung des Flurs suchst, schalte ich das Radio ein. Die Hündin springt auf und stößt sich an einem Zeitungsständer, als Udo Jürgens grölt: „…und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich träume von daheim …“ Ich schalte das Radio wieder aus. Die Hündin dreht sich einmal und legt sich wieder ab.

„Ach lassen Sie doch! Der ist doch tot. Ihr würgt den einfach ab! Pietätlos! Furchtbar!“, ruft die Frau vom Flur.
„Hier ist der Sicherungskasten, Frau Balzereit. Alles scheint in Ordnung zu sein.“, erklärst du.
„Ach Leute, darf ich euch was anbieten? Einen Kaffee vielleicht? Oder ein Bier?“

Erst jetzt entdecke ich die kleine Betriebsleuchte oben in der Mitte der Fernbedienung. Die müsste blinken, wenn man eine Taste drückt. Ich öffne das Batteriefach und nehme die Batterien raus. Sie fühlen sich leer an.
„Haben Sie das jetzt aufgeschraubt?“, fragt die Frau zurück im Wohnzimmer. „Machen Sie das mit Ihren Fingernägeln? Meine splittern wie Glas.“
„Haben Sie Ersatzbatterien im Haus?“, frage ich zurück.
„Ich weiß nicht. Sind die denn leer?“
„Wahrscheinlich.“
„Dann muss ich das meinem Mann sagen. Dann muss der neue Batterien kaufen. Das muss der morgen machen.“
„Bei Reichelt gibt es auch Batterien.“, sage ich. „Ist doch gleich die Straße rüber.“
„Ich weiß doch gar nicht, welche ich kaufen soll.“, wendet die Frau ein.
„Dann nehmen Sie die Alten mit, zum Vergleich.“, schlage ich vor.
„Nein, das macht mein Mann. Der ist fürs Handwerkliche.“, erklärt sie. „Ach, darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Saft vielleicht? Ein Bierchen?“
Wir sehen uns an.

„Wir können Ihnen Batterien mitbringen.“, sage ich. „Wir sind sowieso auf dem Weg in die Stadt.“
„Das würdet ihr machen?“, fragt die Frau.
„Kein Problem.“, sagst du. „Wir nehmen eine alte Batterie mit und heute Abend bringen wir Ihnen neue.“
Die Hündin steht auf und schüttelt sich. Wir verabschieden uns.
„Aber lasst mich nicht so lange warten! Ich muss wissen, was mit Leonhard ist“, ruft sie uns aus dem offenen Fenster hinterher. Wir drehen uns noch einmal um und winken. Die Hündin bellt.

„Warum lässt du Ihren Mann nicht die Batterien besorgen?“, fragst du an der Ampel.
„Sie hat keinen Mann.“, sage ich fest. „Hast du das Bett gesehen? Nur eine Hälfte wird benutzt. Das Schuhregal im Flur? Keine Herrenschuhe. Nicht einmal Pantoffeln. Und am Essplatz am Küchentisch: nur ein Platzdeckchen. Sie ist allein.“
„Aber warum hat sie dann ständig von ihrem Mann gesprochen?“
„Vielleicht hatte Sie mal einen. Vielleicht war ihr das doch nicht geheuer mit zwei fremden Männern in ihrer Wohnung.“
„Vielleicht war sie auch verwirrt.“
„Natürlich war sie verwirrt. Sie trinkt.“
„Was?“
„Zweimal hat sie uns Bier angeboten.“
„Und Kaffee. Und Saft. Und Kekse.“
„Ich rieche das. Dieser süße, leicht scharfe, leicht säuerliche Geruch. Du nicht?“
„Kein bisschen. War doch alles ordentlich. Sie hat auch ganz normal gesprochen.“
„Denkst du etwa, Alkoholiker lallen?“
„Also mir kam sie normal vor.“
„Wenn sie normal wäre, hätte sie ihre Nachbarin gebeten, mal nach dem Fernseher zu sehen. So ganz normal ist es ja nicht, wildfremde Menschen von der Straße in die Wohnung zu rufen, damit sie Elektrogeräte in Betrieb nehmen. Oder?“
Endlich wird grün.

Wir vergessen die Batterien in der Stadt. Auf dem Rückweg kaufe ich vier Stück für 1,79 € bei Reichelt die Straße rüber. Du gehst mit der Hündin nach Hause und willst das Essen vorbereiten. Ich suche Balzereit am Klingelbrett, aber als ich klingele, macht mir lange niemand auf. Ich trete zurück vom Klingelbrett, um zu sehen, ob im Wohnzimmer Licht brennt. Durch das geschlossene Fenster richtet die Frau ihren Finger auf mich. Wenige Sekunden später ertönt der Summer.

Auf dem Treppenabsatz öffnet mir ein Mann. Braune Cordhose, grauer Pullover über dem Bauch, Kinnbart, goldene Brille, Halbglatze.
„Ich bringe die Batterien.“, stottere ich.
„Welche Batterien?“, fragt er.
„Für Ihre Frau.“
„Für meine Frau?“ Der Mann kommt aus der Tür und verschränkt die Arme. „Ihre Frau hatte uns heute Nachmittag gebeten, ihr den Fernseher einzuschalten. Der hat nicht funktioniert, wahrscheinlich, weil die Batterien der Fernbedienung leer sind. Ich habe jetzt neue gekauft.“
„Sie? Wer sind Sie überhaupt?“ Er mustert mich von oben bis unten. „Was soll das für ein Trick sein?
„Kein Trick!“, sage ich genervt. „Wir liefen hier zufällig vorbei; ihre Frau hat uns aus dem Fenster nach oben gerufen. Ist ihre Frau da?“
„Meine Frau schläft. Sie waren also heute Nachmittag in meiner Wohnung?“
„Ja. Aber nur wegen des Fernsehers.“
„Wer ist denn da?“, ruft die Frau von drinnen.
„Ich komme gleich.“, ruft der Mann zurück.
Es riecht nach scharf angebratenem Fleisch und Zwiebeln.

Der Mann streicht sich mit einer Hand durch den Bart, als er sich mir wieder zuwendet. „Wir brauchen keine Batterien, danke.“, sagt er und geht zurück in seine Wohnung.
„Aber ich habe sie extra für Sie gekauft.“, sage ich.
„Gut. Was macht das?“ Der Mann wendet sich ab und sucht in den Taschen seiner Jacke an der Garderobe nach seinem Portmonee. Durch die Glaseinsätze in der Stubentür sehe ich das bläuliche Flackern des Fernsehers.
„Nein, so meine ich das nicht.“, sage ich. „Ich will nur, dass sie die Batterien nehmen; ich kann sie wirklich nicht gebrauchen.“
Der Mann stockt kurz, dann nimmt er seine Hände aus den Jackentaschen und fährt sich rechts und links der Nase unter seine Brille. Mehr zur Garderobe als zu mir sagt er: „Meine Frau – aber das können Sie nicht wissen. Meine Frau hat Probleme.“ Schließlich tritt er doch wieder vor die Tür und zieht sie so weit hinter sich zu, dass sie gerade noch nicht ins Schloss schnappt. Noch immer sieht er mich nicht an. „Meine Frau, wie soll ich sagen, ist ein bisschen-“ Er wedelt mit der flachen Hand vor seiner Stirn. „Verstehen Sie?“
„Trinkt sie?“, frage ich und beiße mir sofort auf die Lippen.
„Sind sie bescheuert?“, fährt er mich an. Erst als er mir in die Augen sieht, bemerke ich, dass er den Tränen nahe ist. Er macht einen Schritt auf mich zu und ist mir plötzlich so nah, dass ich mein erschrockenes Spiegelbild in seinen Brillengläsern entdecke. „Meine Frau ist krank! Psychisch. Man weiß noch nicht, was es ist; die Ärzte sind noch auf Fehlersuche. Sie jedenfalls, Sie haben keine Ahnung!“
Nach einer Pause sage ich leise: „Entschuldigung.“

„Was ist denn hier los?“, fragt die Frau auf der Türschwelle stehend mit einem Bissen Boulette auf der Gabel in ihrer Hand.
„Nichts, Täubchen.“, sagt der Mann.
„Ich bringe Ihnen die Batterien.“, sage ich.
„Und wo ist euer Hund?“, will die Frau wissen. „Euer niedlicher Hund! Ich habe hier Boulette für ihn!“

„Es war sehr nett von Ihnen, dass Sie meiner Frau helfen wollten.“, sagt der Mann freundlich und legt den Arm um seine Frau.
„Gern geschehen.“, sage ich und reiche ihm die Batterien.
„Einen schönen Abend Ihnen.“
„Ihnen auch.“
„Die Boulette!“, ruft die Frau und läuft mir in Socken vier Stufen hinterher, um mir den Bissen von ihrer Gabel in die nackte Hand zu reichen.

Unter dir (Teil VI)

Ich lege das rote Samtbündel auf dein Kopfkissen, streichle mit meinen Fingernägeln über deine Handrücken, klopfe auf die Bettdecke und schiebe meine Zunge zwischen den Mundwinkeln hin und her. Lass uns anfangen, sage ich, lass uns endlich anfangen, sonst ist die Nacht vorbei und wir haben es immer noch nicht hinter uns gebracht. Ich sehe auf die Uhr und sage Mist, die kommt jetzt zur Jahresendrunde bevor sie sich auf die Nachbarstation verkrümelt, um literweise Kaffee und Sekt in sich reinzuschütten. Mit einem Schwung rutsche ich vorsichtig unter das Bett und wundere mich nicht, dass ich wieder an dem blöden Metallgestell anecke. Wie vorhergesagt, höre ich das Klappern ihres Schlüsselbundes im Rhythmus ihrer schnellen Schritte. Die Schwester hustet mehrmals, klopft an die Tür, fragt, ob du fertig bist und steckt den Kopf mit dem blonden Pferdeschwanz hindurch. Sie dimmt das Licht an und fragt in die Länge gezogen, ob du deinen heißen Traum schon beendet hast. Sie hustet noch einmal gekünstelt, kommt herein, schaut zum Monitor, geht zurück, haucht dir einen ihrer komischen Luftküsse entgegen und meint beim Lichtausmachen, dass sie nun erst im neuen Jahr wiederkommen wird. Ich schüttle über so viel Übermut den Kopf, sage dir, dass ich ihr Verhalten merkwürdig finde und ich sie selten so aufgekratzt erlebt habe wie heute und denke, dass sie jetzt schleunigst ihren Sekt trinken gehen sollte, ehe sie noch Schaden anrichtet.

Ich räkle mich unter deinem Bett, schlage mit den Fersen abwechselnd auf das gebohnerte Linoleum und merke, dass ich Lust auf dich bekomme. Ich greife zwischen meine Schenkel und beginne an mir rumzuspielen. Am liebsten würde ich meine Finger reinstecken, so wie du es früher immer bei mir gemacht hast und so wie ich es auch oft unter diesem Krankenhausbett extra für dich mache, um dir zu zeigen, wie wild ich immer noch auf dich bin. Da mir das Rumspielen heute nicht gelingen will, morse ich dir an dein blödes Bettgestell, wie einfach ihr Kerle es im Leben habt, dass quietschvergnügt Tag und Nacht an euch rumfummeln könnt und dass ihr euch zur Not auch auf dem Marktplatz neben einer Imbissbude an den Glocken rumspielen würdet. Ich rolle mich unter dem Bett hervor, ziehe mich am Bettgitter hoch, klatsche mir auf den Hintern und zwinkere deinen beiden Bettnachbarn zu. Ich greife dir an deinen Schwanz und flüstere dir ins Ohr, dass ihr Kerle es guthabt, und dass mich das schon früher interessierte und ich dich deswegen auf dem Schulhof gefragt hatte, ob du es dir schon mal gemacht hast. Ich ziehe an deinem Schwanz, hauche dir über die Stirn und erinnere dich, wie du bei meiner Frage früher so wunderbar rot geworden warst. Ich sehe dich an, streichle dir über die blassen Wangen und wünsche mir, dass du zur Abwechslung auch mal wieder rot werden könntest. Mir gefiel das damals so gut, dass ich dich auf unserem Hofpausenrundgang nochmal gefragt hatte, ob du dir´s in der Zwischenzeit wieder gemacht hast. Und wie beim ersten Mal, wurdest du rot, stottertest und verrietest mir ungewollt, was ich wissen wollte. Seit diesem wunderbaren Ereignis lauerte ich dir jeden Tag auf den Schulweg auf, um von dir zu erfahren, was du tags zuvor gemacht hattest, rempelte dich beim Mittagessen ausversehen an und setzte mich an deinen Tisch oder passte dich auf dem Nachhauseweg ab und verwickelte dich in Gespräche über deine und auch meine Zukunft. Ich brachte dich nach unserem dritten oder vierten zufälligem Treffen dazu, dass du mich zu mir nach Hause begleitet hast. Dabei bemerkte ich, wie simpel es war, dich zu führen und die Oberhand zu haben. Und das faszinierte mich. Ich hörte dir neugierig zu, dass du in deiner Freizeit, Orgel, Klavier und Gitarre spielst, zum Modellieren und Zeichen gehst, soeben einen Goldschmiedekurs bei deiner Tante gemacht hattest und an den Wochenenden mit deinem Cousin Bergsteigen oder Kanu fahren gehst. Von der Art, wie du mir das alles erzähltest, war ich völlig perplex. Keine Angebernummer wie bei den anderen Jungs der Schule, kein Gelaber oder blöde Kinderei über Titten und Schneckenkram. Nichts. Du erzähltest mir von deinen Schwierigkeiten beim Zeichnen und Musizieren, was du alles noch nicht beherrschst, du noch alles ändern musst und was ich denn zu alledem sage und welche wertvollen Tipps ich dir dazu geben könne. Du sahst mich mit deinen braunen Augen an, wühltest in deiner schwarzen Lockenmähne, zuppeltest an deinem Bärtchen und bohrtest fortwährend in deinem linken Ohr. Weil ich dir überhaupt nichts antworten konnte und ehrlich gesagt auch völlig neidisch neben dir stand, dachtest du, ich fände dich genauso bescheuert wie die anderen Jungs aus der Schule. Du entschuldigtest dich beim nächsten Treffen mit einem selbst geschriebenen Lied. An diesem Tag hatte ich mich in dich verknallt. Ich war verknallt in deine ungekämmte Lockenmähne und die Haare, die über deine Schultern und über deine Brust hingen. Ich war verknallt in deine braunen Augen mit den fast zusammengewachsenen Augenbrauen, in dein Lächeln mit den zwei schiefen Zähnen im Oberkiefer. Und ich war verknallt in deine langen Finger, die du immerzu in Bewegung hieltest und in die Hosentaschen stecktest, wenn du bemerktest, dass ich auf sie sah. An diesem Tag wusste ich, dass ich dich will, koste es was es wolle. Und ich wusste sofort, dass ich dich, wenn ich dich erst einmal habe, nie und nimmer an irgendeine andere hergeben werde.

Weil du immer noch nicht rot wirst, schlage ich dir links und rechts auf die Wangen und freue mich, dass endlich deine langweilige Blässe verschwindet. Ich frage dich, ob du dich noch erinnern kannst, dass ich dich, als wir zusammen waren, so lange über das Onanieren genervt hatte, bis du aufgabst und mir brav erzähltest, dass du an die wackelnden Brüste der ach so sportlichen Volleyballspielerinnen gedacht hattest, an die ach so supernette Musiklehrerin oder an die ach so durchtrainierten Kanumädels mit denen du Morsekurse übtest. Ich war sauer. Stinksauer. Um mich von dem Gedanken abzulenken, schnipse ich mit den Fingern auf deine Wangen und frage dich, ob du dich auch noch daran erinnern kannst, dass du mir damals gesagt hast, dass du ab und zu an mich gedacht hast und gemacht hattest. Ich hatte dich gefragt, wie oft du an die Volleyballspielerinnen und wie oft du an mich denken musst. Du bliebst mir die Antwort schuldig, an wen du mehr dabei denken musstest und ob du es lieber auf dem Bauch oder auf dem Rücken machst. Was ist das für eine Frage, hast du gesagt, natürlich im Stehen, natürlich vorm Fenster und natürlich in die Vollmondsilhouette. Weil ich mich über die Antwort auch heute noch ärgere, halte dir die Nase zu, schnipse nochmal mit meinen frisch lackierten Fingern kräftig auf deine roten Wangen und flüstere dir ins Ohr, dass du mir schon damals in entscheidenden Fragen ausgewichen bist und ich das in Zukunft nicht mehr dulden werde. Dabei wollte ich doch damals eigentlich nur wissen, mit welchen Mädchen du es vorher getrieben hattest. Du hast mir zwar gesagt, dass wir beide uns entjungfert hätten, aber ich glaube dir das bis heute nicht. Zu viele Mädels schwirrten um dich herum. Außerdem gab es da ein Gerücht, du hättest die hässliche Gruftiliese mit den ungewaschenen schwarzen Haaren und dem Metallzeug im Gesicht aus der Parallelklasse während der Klassenfahrt gevögelt, zumindest hatte sie dieses widerliche Gerücht in der Hofpause unter die Mädels gestreut. Ich war damals so wütend, dass ich erst dich und danach mich vergiften wollte. Und du kannst von Glück reden, dass ich in dem Moment nicht wusste, wie das geht und was man dazu alles braucht. Chemie ist nun mal nicht meine Stärke. Zur Strafe habe dich danach solange mit dem Runterholen genervt, bis du es endlich vor mir gemacht hast. Ich hatte mich mit verschränkten Armen vor dir aufgestellt, dich aufgefordert, mit den Händen geschnipst und gewartet bis es endlich kam. Dann habe ich mich etwas von dir weggestellt, dir zugerufen, ist das alles und dich ein weiteres Mal aufgefordert, dass du es nochmal machen sollst, dieses Mal aber noch weiter als vorher. Als das dann nicht genau vor mir runterkam, fragte ich dich, warum du nicht ordentlich gekommen bist. Bin ich ein Zuchtbulle, bin ich ein Elefant, hattest du geschrien. Ja, hatte ich gesagt, ja, du hast doch gesagt, dass du einen Dinoschwanz hast und immerzu an die Volleyballmädels, die Musiklehrerin und die Kanuliesen in ihren kurzen Hosen denkst. Das war Spaß, einfach nur Spaß, hattest du wütend gesagt. Ich fand das damals gar nicht witzig, überhaupt nicht. Na dann kommst du eben noch einmal, hatte ich geantwortet. Wie oft soll ich denn noch kommen, ich bin doch keine Maschine. Ich glaube, so wütend warst du sonst nur, wenn ich nach den Mitschülerinnen fragte. Da konntest du unendlich genervt sein.
Ich streichle über die Stelle der Bettdecke, unter der dein Ding ist und überlege, wie das ist, einen steifen Penis zu bekommen und wie es wäre wenn mir jetzt so ein riesiges Ding wachsen würde. Dann würde ich jetzt zum Silvesterabend mit so einem harten Teil hier durch das Zimmer wandern.

Unter dir (Teil V)

Der Schmerz am Hinterkopf lässt nach und ich versuche zu der Stelle zu schauen, in der das Samtbeutelchen steckt. Ich sehe zur Stuhllehne und zu der pinkfarbenen Jacke, die ich vorhin ausversehen achtlos darauf abgelegt habe und in deren linker Tasche sich der rote Samtbeutel befindet. Langsam sehe ich wieder alle Umrisse des Zimmers, höre die Tür aufgehen und das Schlüsselgeklapper, sehe verschwommen das Licht vom Korridor ins Zimmer blenden und den schnellen Schatten im Türrahmen, der die Deckenbeleuchtung anschaltet. Damit mich die Schwester nicht sieht, drücke ich mich an die Wand heran und versuche auf der Seite liegend, etwaige Blutflecken auf dem Fußboden, meiner Kleidung oder meiner Haut zu entdecken. Auf keinen Fall will ich den Vorfall vom letzten Mal nochmal erleben, als die Schwestern Blut auf deinem Bettzeug entdeckten, rumschrien und dich in die Notaufnahme schieben wollten. In diesem Moment hatte ich gedacht, dass es mit uns beiden aus und vorbei ist. Denn meinen Körper an das Unterteil deines Bettes zu heften, habe ich zwar schon mehrfach geübt, jedoch nur an stehenden und niemals an einem fahrenden Bett. Vielmehr befürchte ich, dass es mich an dem Untergestell deines Bettes, das allernaselang an irgendwelchen Kanten und Wänden aneckt, derart durchschüttelt, dass ich früher oder später abgeworfen und entdeckt worden wäre. Glücklicherweise waren es Schwestern, die lieber über Männergeschichten quatschten als dich in die Notaufnahme zu karren. Die eine hatte ständig neue Männerstorys auf Lager, die sie jeder Schwester anders erzählte und die von Woche zu Woche versauter wurden. Ich bin mir sicher, dass sie die untreueste Frau war, deren Stimme ich jemals hier unten mit anhören musste. Untreue kann ich auf keinen Fall leiden. Sie hätte es wirklich verdient, von einem ihrer vielen Liebhaber erschlagen und zerstückelt zu werden. Bei so etwas, kenn ich wirklich kein Pardon.

Ich reibe mir den Hinterkopf und weiß, dass ich eine mordsmäßige Beule bekommen werde, sehe auf die Schrammen an Arm und Schulter und sage, dass das Mist ist und ich ab morgen wieder bei knapp 40° eine geschlossene Bluse tragen darf und ich schon jetzt wieder die Kollegen lästern höre, dass ich zu den verstaubten Gouvernanten übergewechselt bin. Mein ehemaliger Chef hatte mich einmal besorgt gefragt, ob ich überfallen worden sei, oder ob mein Freund mich geschlagen hätte. In diesen Fällen, hatte er gemeint, könnte ich mich vertrauensvoll an ihn wenden. Dann hat er mir die Nummer eines nahe gelegenen Frauenhauses in die Hand gedrückt und gesagt: „Sehr verehrtes Fräulein Büttner, Sie können mich jederzeit, zur Not auch in der Nacht, anrufen!“ Ich hatte mit hochrotem Kopf vor Herrn Doktor Kalbe gestanden und ihm versucht zu erklären, dass ich mich nur beim Putzen unter dem Bett gestoßen hatte. Eigentlich war er ein toller Mann und trotz seiner knapp 60 Jahre noch attraktiv. Warum er sich so brennend für mich interessierte und wie er mein Geheimnis herausgefunden hatte, weiß ich nicht und werde ich wohl auch nie herausfinden. Du kannst dir denken, dass ich das auf keinen Fall gut fand. Nun bin ich auch nicht viel besser dran und habe dafür die meckernde Chefin am Hals. Wenn ich das nur vorher gewusst hätte. Ich glaube, bei ihr kann ich total zerkratzt und blutig ins Büro torkeln, das stört die nicht im Geringsten.

Die Schwester geht an dein Bett, kniet sich auf die Stuhlsitzfläche, um die Infusion abzustellen. Sie nimmt die alte Flasche und stellt sie auf den Stuhl. Dabei fällt ihr die Flasche herunter. Mit aller Kraft presse ich mich an die Wand und sehe wie sie blind nach der Flasche schnappt und zu dir sagt, dass sie heute sehr, sehr ungeschickt ist. Sie stellt die leere Flasche auf den Stuhl und schließt die neue an und sagt, dass ihr heute die Beine wehtun und sie sich in den nächsten Tagen ein paar neue Schuhe zulegen muss, da die alten völlig ausgetreten sind. Sie nimmt die leere Flasche von der Sitzfläche, schiebt den Stuhl vor, lässt sich darauf fallen und schiebt die Füße unter das Bett. Abwechselnd wippt sie mit den Füßen und sagt, dass ihr das jetzt wirklich guttut. Mit der letzten Kraft versuche ich das Unglück zu verhindern, drücke meinen Körper an die Wand und halte die Luft an. Sie wippt mit dem rechten Fuß in mein Gesicht hinein und mit dem linken gegen meiner Hand, mit der ich mich mit aller Kraft gegen die Wand presse. Sie sagt, dass du es auf keinen Fall mit deiner Traumfrau aus gesundheitlichen Gründen übertreiben darfst und sie dich ansonsten melden muss. Sie zieht die Beine zurück und steht mit einem „Na dann will ich mal wieder die anderen Patienten stören!“ auf. Sie hebt den Stuhl an und stellt ihn an den Tisch. Mit einem ungläubigen Blick greift sie die Jacke von der Lehne, sieht sich im Zimmer um, wirbelt die Jacke durch die Luft, riecht an dem pinken Stoff und lobt das kräftige Parfüm. Ich merke wie mir unter deinem Bett der Magen beginnt zu brennen. Sie gleitet mit ihren Armen in die Jackenärmel, sagt, dass sie an ihr auch sehr aussehen würde, dreht sich um die eigene Achse und greift in die Jackentaschen und tastet hinein. Sie nimmt den Samtbeutel heraus. Ich sehe ihr zu, will sie anschreien, dass sie das nicht machen soll, kann aber nicht schreien und spüre stattdessen auf einmal das gleiche Herzrasen, das ich immer verspürte, wenn ich dich wegen einer Frauensache zu Rede stellen wollte. Sie macht das Samtbeutelchen auf und ich trete mit den Fersen gegen die Wand. Sie sieht hinein, schüttelt den Kopf und schnürt es wieder zu. Um nicht in Ohnmacht zu fallen, beiße ich in meinen Daumennagel. Lachend stellt sie sich vor den Spiegel, gibt sich einen Luftkuss und dreht sich noch einmal um die eigene Achse. Sie zieht die Jacke wieder aus, wirbelt sie durch die Luft, legt sie über die Stuhllehne und streichelt über den Stoff. Sie geht zur Tür macht das Licht aus, dreht sich zu euch drei, macht einen ihrer üblichen Luftküsse und wirft vergnügt die Zimmertür zu.

Ich stoße meine angestaute Luft heraus, lege meinen Kopf auf das Linoleum und ringe nach Atem. Zum ersten Mal, seit ich hier unten liege, verspüre ich keine Kraft mehr und fühle mich völlig leer und unfähig unter dir hervor zu krabbeln. Mit dem Gesicht auf dem Linoleum bleibe ich liegen und rieche wie ekelhaft das Reinigungsmittel ist und dass ihr drei das Zeug für den Rest eures Lebens riechen müsst. Ich versuche mich auf den Rücken zu drehen, spüre aber, dass mir die dazu notwendige Kraft fehlt. Ich bleibe liegen und versuche Arme und Beine zu strecken, um wieder ein Gefühl für meinen Körper zu bekommen. Wäre ich wie meine Freundin christlich, würde ich jetzt zu Gott beten und ihn bitten, mir die Kraft zu geben von hier weg zu laufen. Außer der Ehelosigkeit und dem Kloster würde ich ihm so ziemlich alles versprechen, aus dieser Gefangenschaft zu entkommen. Zum allerersten Mal empfinde ich dein Bett als Enge, um nicht zu sagen als Gefängnis.

Wieder versuche ich unter dem Bett hervor zu kommen, merke aber, dass mir die Kraft dazu immer noch fehlt. Deswegen umgreife ich die Räder des Bettes und ziehe mich mit den Armen hervor und stoße mich mit den Beinen an der Wand ab. Auf allen Vieren sortierte ich meine Kleidung und die Tasche unter dem Bett hervor, stützte mich auf meine Knie, mache die Taschenlampe an und kontrolliere deinen Katheterbeutel. Damit sie dich in dieser Nacht nicht doch noch einem Arzt vorstellt, robbe ich zum Waschbecken, hole in einem Becher Wasser, robbe zurück und drücke dir mit der Spritze, die die Schwester auf dem Nachtisch liegen gelassen hat, Wasser über die Abflussöffnung in den Katheterbeutel. Ich ziehe mich am Bettgestell hoch, schüttle den Krampf aus den Waden und merke wie mir schwindlig wird. Mit beiden Händen halte mich am Nachttisch fest, falle aber auf das Bett deines Nachbarn und entschuldige mich bei ihm. Ich richte von ihm auf, gehe zum Stuhl und hole das Samtbeutelchen hervor. Ich knülle die Jacke zusammen, packe sie in die vorgeholte Tasche und bin froh, dass ich mir über die Zeit angewöhnt habe, dünne, knitterfeste Jacken zu kaufen, damit sie problemlos in die Tasche passen ohne viel Platz wegzunehmen. Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl, hole Luft und sage, dass das heute sehr, sehr knapp war, ich den verflixten Tag habe kommen sehen, ich überhaupt nicht verstehe, dass sie mich nicht erwischt hat und ich erleichtert bin, dass sie meine Jacke nicht ins Schwesternzimmer geschleppt hat, so wie im letzten Winter, wo ich bei Minus 17 Grad in einer Bluse aus der Klinik verschwinden musste und mich die Leute auf der Straße blöd angegafft haben. Ich frage dich, was wir beide gemacht hätten, wenn sie die Jacke mitgenommen hätte und bekomme von dir wieder einmal keine Antwort. Mit einem Seufzen umgreife ich das Samtbeutelchen, küsse es und merke wie ich auf den Stoff weine. Ich strecke dir den roten Beutel entgegen und sage dir, dass sich unsere gemeinsame Erlösung darin befindet und du wie ich schon lange auf diesen Moment gewartet hast. Taumelnd stehe ich vom Stuhl auf, halte das Beutelchen in die Luft und sage dir, dass wir unbedingt jetzt anfangen müssen, damit wir rechtzeitig fertig sind, bevor die Nacht zu Ende geht. Denn nach dieser Nacht kann uns keiner mehr trennen.

Kollegen sind tabu, aber Alkohol ist schlecht für die Deckung

Kollegen sind natürlich tabu. Privates und Dienstliches ist voneinander zu trennen, das hat schon mein Vater gewusst und er konnte das auch erklären: Wenn das Dienstliche privat wird, wird es meistens kompliziert. Meine Mutter und die Sekretärin meines Vaters bestätigen das. Aber diesen einen Kollegen ein klitzekleines bisschen anzuhimmeln, macht mir Spaß und hat mich schon in einigen Sitzungen davor bewahrt, alberne Blümchen in mein Notizbuch zu kritzeln, so wie es meine Chefin macht, der ihrem Notizbuch nach zu urteilen sehr offensichtlich jemand zum Anhimmeln fehlt. So ein bisschen Schwärmerei kann niemandem schaden finde ich, insbesondere dann nicht, wenn schwärmen bedeutet, dem Schwarm gegenüber dermaßen lässig aufzutreten, dass dieser zurecht daran zweifeln darf, ob man seine Existenz überhaupt bemerkt. Aber Alkohol ist schlecht für die Deckung.

Er ist betrunken und ich bin betrunken und schon während er zur Bar torkelt, an der ich auf meinen Mojito warte, denke ich: Meine Fresse, eine Betriebsfeier, wie in den „So bewahren Sie auf einer Betriebsfeier ihr Gesicht“- Ratgeber-Artikeln auf Welt Online. Jetzt reiß dich also zusammen, denke ich, und verliere nicht dein Gesicht, nur weil seines so niedlich ist. Und als er die Bar erreicht sage ich: „Hey Mattis!“ und verkneife mir gerade so das „Wie geht’s altes Haus?“, worauf ich sehr stolz bin, weil es beweist, dass ich noch nüchtern genug bin um zu merken, dass ich nicht lässig klinge, sondern wie ein erkälteter Azubi im Team von Cobra 11. Mattis bestellt das Gleiche wie ich, ohne zu wissen, was ich bestellt habe. Er mag mich vielleicht doch, denke ich, und im nächsten Moment denke ich, ach was, der ist einfach betrunken. Ihm ist egal, was ihn gleich noch betrunkener macht und mir kann egal sein, ob er mich mag oder nicht.

Er klettert auf den Barhocker neben mich und brummt: „Weißt du, Korbi, eins muss ich dir mal sagen.“, und ich denke, reiß dich ja zusammen verliere bloß nicht dein Gesicht und vor allem: nenne mich nie wieder Korbi. Er zündet sich eine an und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen und ich muss lachen, weil niemand so schön gender performt wie Mattis Hansen. Aber als der Rauch des ersten Zuges langsam aus seiner Mundhöhle entlang seiner vollen Oberlippe an seinen Bartstoppeln nach oben steigen will und er ihn plötzlich wieder einzieht, wobei er ein rückwärts gesprochenes S macht, fällt mir das Lachen aus dem Gesicht und mir wird ein bisschen heiß. Klischee hin oder her.

„Ich habe ja schon ein Jahr bei euch gearbeitet, bevor ich kapiert habe, dass du schwul bist.“, sagt er und lässt denn Rauch durch leicht geschürzte Lippen entweichen und ich sage „Oh.“ und ziehe die Augenbrauen hoch. „Also eigentlich habe ich es gar nicht kapiert“, sagt er, bevor er den nächsten Zug nimmt, „Jenny hat’s mir erzählt und ich dachte erst, die verarscht mich. Aber dann hast du gesagt, dass du Marco Schreyl heiß findest und da war es dann klar.“ Das einzige, was mir klar wird ist, dass ich mein Gesicht längst verloren habe und zwar irgendwann in einem neonröhrenbeleuchteten Großraumbüro, stocknüchtern aber viel zu redselig. Glücklicherweise muss ich nicht mehr als „Naja.“ antworten, weil Mattis schon weitererzählt.

„Weißt du, ich kenne ja keine Schwulen. Der einzige Schwule, den ich jemals kannte, war beim Bund mit mir auf der Stube und das war voll die Tucke. Der war total anstrengend und hatte es nicht leicht.“ Ich sage „Aha.“, und bete dafür, dass mir dieser Zeitlupenkünstler von einem Barkeeper endlich meinen Mojito serviert, damit ich mir einen Eiswürfel in den Mund stecken kann, und gar nicht mehr antworten muss. Es dauert bis zu Mattis‘ „Aber du bist ja nicht so.“, bis meine Gebete endlich erhört werden und ich mir den Strohhalm zwischen die Zähne klemmen kann, damit meine Zunge ja kein dummes Zeug mit meinen Zähnen formuliert. „Du bist ein gestandener attraktiver Mann.“, sagt Mattis als nächstes und es ist sein Glück, dass ich ihn ein bisschen anhimmle, andernfalls hätte ich ihn jetzt in eine Diskussion darüber verwickeln müssen, was er ungewöhnlich daran findet, dass homosexuelle Männer gestanden und attraktiv sein können, und diese Diskussion verliert man gegen mich. So aber fasse ich das als Kompliment auf und spüre, wie ich puterrot werde.

Als mich Mattis dann fragt, ob ich schon immer schwul war, zerstäube ich mit dem feinen Alkoholnebel, den ich unkontrolliert in die Luft pruste, auch jegliche Hoffnung auf die Existenz Gottes. Mattis guckt mich ernst an, obwohl, ernst ist das falsche Wort. Er guckt so, wie jemand guckt, der mit ehrlichem Interesse das Verhalten eines ihm unbekannten Tieres studiert. Und weil ich ihn nicht bloßstellen will, verschleiere ich meinen Lachanfall zu einem Hustenfanfall. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er mir erst fest auf den Rücken klopfen und als nächstes sanft über die Schulter streichen würde. Als ich mich wieder gefangen habe, einige Sekunden nachdem er seine Hand wieder bei sich hat, sage ich: „Ich bin ungefähr so lange schwul, wie du hetero bist.“ und finde, dass ich jetzt gelassener klinge, als ich mich fühle. Mattis zeigt mir sein schönes Lächeln und ich zeige Mattis mein verlegenes Grinsen und wie gut mein Herz mein Gesicht durchblutet, und weil das ja nicht für immer so weiter gehen kann, sage ich: „Aber ich habe schon mal mit einer Frau geknutscht, falls du das meinst.“

Der Barkeeper serviert Mattis seinen Mojito und ich begreife, dass das Gleiche wie ich zu bestellen kein Ausdruck besonderer Sympathie, sondern Zeugnis besonderer Rationalität war. Mattis musste auf seinen Mojito viel kürzer warten, als ich auf meinen und das lag daran, dass der Barkeeper nur einmal zu mixen anfangen musste. „Prost!“, sage ich und Mattis sagt: „Nur einmal?“, und ich denke, wieso soll ich „Prost! Prost!“ sagen, wenn du nicht wenigstens „Prost!“ sagst, aber ich schweige lieber, weil ich befürchte, dass es peinlich werden könnte und das ist klug. Ein paar Sekunden später begreife ich nämlich, dass er das Knutschen meint und nicht das Trinken. „Ja, nur einmal“, antworte ich schließlich, „und das war interessant, weil sich die Frau viel weicher und viel weniger stachlig anfühlte als alle Männer, die ich jemals küsste.“ Mattis nickt langsam und fängt an, mit seinem Strohhalm den Saft aus den Limettenachteln am Boden seines Glases zu drücken, und ich würde einen Zehner dafür geben, zu erfahren, was er denkt. Dann presst er die Lippen zusammen und ich schmunzele darüber, dass er sich für das bisschen Saft so konzentrieren muss. Der denkt gar nichts mehr, denke ich.

„Na klar“, sagt Mathis dann unvermittelt und ohne seinen Blick vom Glas abzuwenden, „man muss alles mal ausprobieren, eigentlich.“, woraufhin mir unwillkürlich der Mund aufgeht. Aber anstatt etwas zu sagen, zum Beispiel „Falls du mal Knutschen mit einem Mann ausprobieren willst, ich schmecke gerade nach Minze, Zucker und Limetten.“, trinke ich lieber einen großen Schluck und starre auch ein bisschen in mein Glas.

Als ich das betretene Schweigen nicht mehr aushalte sage ich: „Lass uns wieder rüber zu den anderen gehen.“ und Mattis sagt:
„Jo.“, aber er sieht mich nicht an. Während ich vom Barhocker klettere, lege ich meine Hand zur Stütze auf seine Schulter und als ich merke, wie hart und warm die ist, ärgere ich mich schon. Hätte ich nur mal mein Gesicht riskiert, um sein niedliches zu küssen. Bis zur nächsten Betriebsfeier muss es erst Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer werden.

Unter dir (Teil III)

Im ersten Teil legt sich die Freundin (wie jede Nacht) unter sein Bett und wartet, dass die Nachtschwester ihren Rundgang durch die Zimmer unternimmt. Diese Zeit nutzt sie, um über diese und andere Krankenschwester und ihre Mühen, unter das Bett zu gelangen, nachzudenken.

Im zweiten Teil „beschäftigt“ sie sich mit ihrem Freund, der im Bett liegt und „bereitet“ ihn für das „Ereignis “ vor, wobei sie (wie auch im folgenden Teil) von der Nachtschwester gestört wird.

Ich lege mein Ohr auf deinen Körper, höre dein Herz schlagen und schließe zufrieden die Augen. Ich zähle laut deine Herzschläge und wiederhole jeden einzelnen mit meinen Fingerkuppen auf deiner Wange. Im Rhythmus deines Herzens puste ich auf deine Brustwarzen, bis ich spüre, dass sie hart werden. Weil mir das Gepuste zu anstrengend wird und weil ich auch weiß, dass es dir als Linkshänder wichtig war, schiebe ich vorsichtig meine Zungenspitze heraus und betupfe zuerst deine linke und danach deine rechte Brustwarze. Als ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich dir einen Schmatzer auf dein glatt rasiertes Babygesicht und sage, dass ich ganz genau weiß, dass du mich wahnsinnig liebst und ich auch heute wieder deine versteckte Morse-Botschaft aus deinem Herzschlag herausgehört habe. Ich streichle zwischen deinen Brustwarzen über den ovalen Leberfleck, sehe dich an und flüstere „Schokopudding mit Vanille“.
Plötzlich höre ich Schlüsselgeklapper auf dem Flur. Ich fluche, ob das jetzt unbedingt sein muss und bin der Schwester wieder dankbar, dass sie mit ihrem Geklapper meilenweit zu hören ist und mir somit ausreichend Zeit gibt, mich schnell unter dein Bett zu verkrümeln. Nur bei dieser Schwester kann ich mich auf die Uhrzeit verlassen und auf ihr pünktliches Schlüsselgeklapper. Meiner Meinung nach ist sie die lauteste, aber auch die zuverlässigste aller Schwestern. Ich ziehe dein Hemd zurecht, lege die Bettdecke glatt, gebe dir einen Klaps auf die Wange, rolle mich unter das Bett und überlege, ob ich ihr nicht ein Glöckchen für das Schlüsselbund wichteln sollte. Meinen Rücken schiebe ich so lange auf dem gebohnerten Boden zurecht, bis ich die passende Position unter deinem Körper gefunden habe. Denn nur so habe ich ein Gefühl dafür, ob das, was die Schwestern mit dir tun, auch wirklich gut für uns beide ist. Wenn ich hier unten liegend die leise Vermutung bekomme, dass mich die pflegerische Anordnung stört, mache ich sie, wenn die Schwester gegangen ist, sofort rückgängig. Bei ihr hatte ich jedoch noch nie Bedenken und weiß, dass sie alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft ausführt. Vor ein paar Wochen wollte ich sie sogar loben. Aber dann hatte ich Angst, sie könnten sie zur Stationsschwester ausbilden und dann hätte ich keine pünktlich klappernde Schwester mehr gehabt. Bei den anderen Schwestern habe ich manchmal meine Schwierigkeiten, rechtzeitig unter das verflixte Bett zu kommen. Und das geht dann meist nicht ohne blaue Flecken und Schrammen. Es gibt Nächte, die knapp an der Katastrophe vorbei gehen und am nächsten Tag sehe ich zerkratzt aus und meine Kleidung ist eingerissen oder an einem meiner hohen Schuhe fehlt der Absatz.

Ich lausche. Wie üblich erklärt sie dir alle Handgriffe bis ins Detail. Übertrieben laut erläutert sie dir, welche medizinische Verordnungen sie machen muss und warum, und fragt immerzu, ob du damit einverstanden bist. Du bist doch nicht schwerhörig. Ständig habe ich das Gefühl, dass die hier alle Selbstgespräche führen. Bei einigen Schwestern habe ich sogar Mühe, nicht lachen zu müssen. Im Allgemeinen finde ich ihre Erklärungen aber wichtig. Nur manchmal, wenn die Schwestern zu persönlich werden, wenn sie, irgendetwas von Schatz, Liebling, oder schöner Mann faseln, wenn sie beim Waschen meinen, dass sie dich nicht von der Bettkante stoßen würden, dann werde ich fuchsteufelswild und muss mir vor Wut in die Hand beißen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten hervorkriechen und alle ordentlich verdreschen. Diese Schwester hingegen hielt sich von Anfang an mit solcherlei Sprüchen zurück. Trotzdem oder vielleicht deswegen muss ich auch bei ihr höllisch aufpassen.

Sie geht zur Tür, dreht sich zu dir um, haucht dir einen ihrer Luftküsse entgegen und löscht das Licht. Langsam schiebe ich mich unter dem Bett hervor, krame im Dunkeln die Taschenlampe aus der Tasche, knipse sie an und kontrolliere, ob sie die von ihr aufgezählten Verordnungen richtig ausgeführt hat. Einige der Schwestern sind nämlich unzuverlässig, um nicht zu sagen schlampig. Auch diese Schwester arbeitet an manchen Tagen ungenau. Damit ich die Schwestern überprüfen kann, habe ich mir Fachbücher gekauft und lese, wenn meine meckernde Chefin nicht da ist, stundenlang im Internet und arbeite alle über Nacht angestauten medizinischen Problemfälle, die dich betreffen, in Foren nach und nach ab. Mit der Zeit kenne ich die Foren und kann sehr gut mitdiskutieren. Und werden neue Heilmethoden besprochen, flechte ich sie beharrlich in die Arztgespräche, die ich einmal pro Woche führe, ein. Einer der Assistenzärzte hat doch wirklich mal gedacht, ich sei Medizinstudentin. Und nur wenn ich früher überhaupt nicht weiter wusste, ging ich zu meinem Hausarzt und gab die Beschwerden an, die mich interessierten. Den Termin beim Psychologen nahm ich aber nur einmal war. Seitdem wechsle ich die Fachärzte nach deinen jeweiligen Beschwerdegruppen. Mein Lieber, es gibt Tage, da überlege ich, ob ich meine Arbeit für dich hinschmeiße und ein Medizinstudium beginnen sollte. Spätestens seitdem mein Chef gegen eine Chefin ausgetauscht wurde, denke ich fast täglich diesen wunderschönen Gedanken. Dann könnte ich nach dem Studium ganz offiziell bei dir arbeiten und den Schwestern jede Menge Anweisungen in einem wehenden weißen Kittel erteilen. Leider habe ich aber nicht die Superabiturnoten wie du dafür. Vielleicht sollte ich dein Zeugnis fälschen und meinen Namen eintragen. Dann bekäme ich auf jeden Fall den Studienplatz, den du partout nicht wolltest. Du weißt, für dich mache ich alles.

Damit du mich gut sehen kannst, hebe ich dein Kopfende nach oben. Ich lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, stelle mich in die Mitte des Lichtkegels, beuge mich zu dir und zu deinen beiden Mitpatienten und applaudiere. Ich strecke die Arme zur Zimmerecke, lasse sie langsam auf meinen Busen sinken und knöpfe die Bluse auf. Vorsichtig löse ich die Schnallen der Glitzerschuhe und sammle die Schuhe mit dem Mund auf. Da meine tollen Glitzerschuhe im Taschenlampenlicht blenden, kneife ich die Augen zu und versuche die schweren Dinger blind auf dein Bett zu zielen. Nachdem ich das geschafft habe, öffne ich meine Hose mit dem Ringelmuster, die ich bei unserem ersten Kennenlernen anhatte und die du von jeher so furchtbar gefunden hattest. Ich beuge mich nach vorn, ziehe sie herunter und schieße das Ringelding mit dem großen Zeh im hohen Bogen zu dir hinüber. Mit den Füßen ziehe ich abwechselnd meine Socken aus, sammele auch sie mit dem Mund auf, hänge sie mir über meine beiden Ohren und schüttle den Kopf, bis sie runterfallen. Ich hebe sie auf, knülle sie zusammen und werfe sie dir genau ins Gesicht. Weil ich dich getroffen habe, strecke ich meine Arme aus und schlage ein Rad. Ich gehe an dein Bett und ziehe endlich meine Bluse aus und lege alle Kleidungsstücke, die du noch nie an mir gemocht hattest, auf deiner Bettdecke aus, als hättest du sie allesamt an. Ich zupfe die Klamotten faltenfrei und flüstere dir ins Ohr, dass du ein tolles Mädchen in den klamotten abgeben würdest. Ich richte die Taschenlampe auf dein Bett, hole mein Handy mit dem neuen Kameratyp und der Videofunktion und mache Fotos von dir und den Klamotten. Ich schiebe die Lampe zurück, tipple auf meinen Zehenspitzen in den Lichtkegel, lächle euch drei stummen Zuschauern zu, drehe mich einmal um die eigene Achse, öffne mein hochgestecktes Haar und halte es für euch ins Licht. Wie wild schüttle ich es auseinander und sehe durch die Strähnen zu euch hindurch. Mit beiden Händen umfasse ich zwei Haarbüschel und winke dir zu. Ich verbeuge mich vor euch, schlage, weil es mir vorhin so gut gefallen hat und weil ich merke, dass ich davon endlich wach werde, noch einmal ein Rad und komme vor deinem Bettgiebel zum Stehen. Ich umwickele das glänzende Metall mit meinen langen Haaren und sage dir, dass ich die völlig durchgeknallte Rapunzel aus einem deiner unzähligen geliebten Märchenbücher bin, und dass ich dich jetzt mitnehmen will. Ich sage dir, dass ich vorher aber noch meinen Prinzen vernaschen muss. Plötzlich höre ich ein Alarmsignal aus einem deiner vielen Geräte. Ich schnappe die Bluse, die Hose, die Socken, die Schuhe von der Bettdecke, greife mir die Taschenlampe und rolle mich unter das Bett. Dabei stoße ich mich zuerst am Fuß und dann an der Schulter, dass die frisch verheilte Schürfwunde wieder aufplatzt. Die Tür geht auf und die Schwester kommt ohne zu klappern ins Zimmer gerannt. Sie macht Licht, hantiert an den Geräten, streichelt über dein Haar und fragt, was heute mit dir los ist. Sie sieht zum Katheterbeutel und sagt zu den anderen Patienten, dass dein Urin verdächtig trübe aussieht, sie einen Harnwegsinfekt vermutet und dass sie das nach dem Wochenende unbedingt dem Stationsarzt vorstellen wird. Muss der Infekt heute sein, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz im Fuß und in der Schulter. Zu gern würde ich ihr zurufen, dass ich verblute und auch mal dringend einen Arzt bräuchte. dabei spüre ich, dass ich mit meinem Rücken am Linoleum festklebe. Sie geht zurück zur Tür, zwinkert dir den üblichen Luftkram zu, macht das Licht aus und ruft beim Rausgehen, dass du heute besonders wilde Träume mit deiner Geliebten haben wirst, sie dir viel Spaß wünscht und sie deinen Katheter wechselt, wenn du dich ordentlich ausgetobt hast. Ich schüttle den Kopf über ihre Sprüche, äffe sie nach und weiß, dass ich gleich morgen früh alle Foren zum Thema Urin, Katheter, Infekt und Komplikation durchforsten werde. Zur Not lasse ich mich am Montag krankschreiben, gehe zu meinem Urologen und sage, dass mir die Blase höllisch wehtut und der Urin verdächtig aussieht. Und vielleicht sollte ich die Krankschreibung auch nutzen, um dein Einser-Abiturzeugnis zu kopieren und mit meinem Namen zu versehen.

1. Erwachen

Endlos und leer lag die Ebene vor ihm. Ohne jeden Makel, sogar ohne jegliche Textur. Seit Stunden stellte er sich gegen die Kälte, die sich immer tiefer in seinen Körper fraß. Dutzende Kilometer hatte er hinter sich gelassen, aber die Ebene vor ihm veränderte sich nicht. Längst hatte er eingesehen, dass er die Hütte heute nicht mehr erreichen würde. Weit in ihm, hinter dem Fauchen des Windes in seinen Ohren, zog seine Angst zischend in Zweifel, ob er die Hütte jemals fände. Er sehnte sich nach dem wärmenden Feuer, das in ihr brannte, aber er würde in der kommenden Nacht wohl darauf verzichten müssen. Der Himmel hatte schon von weißlich blau auf petrol gewechselt und würde sich bald in Richtung schwarz recken. Seine Hunde wurden langsamer und brauchten eine Pause. Wie er. Wenn er nicht sofort anhielt um sein Nachtlager zu bereiten, würde er in der Dunkelheit vor Erschöpfung vom Schlitten kippen und bis morgen früh erfroren sein. Ihm war das klar, doch ängstigte es ihn nicht genug, als dass er den Singsang der Glöckchen an den Halsbändern seiner Hunde dafür stoppen würde. Er mochte ihr Lied und er fürchtete sich vor der betäubenden Stille, die sich binnen weniger Augenblicke wie eine schwere Wolldeckte über die Ebene legen würde, sobald seine Hunde zur Ruhe gekommen waren. Also schloss er die Augen und konzentrierte sich auf das Gleiten der Kufen unter seinen Füßen; konzentrierte sich auf seinen Atem, atmete tief, ließ den Atem entweichen, versuchte seinen warmen Hauch auf der Haut zu spüren, spürte nichts. Er öffnete seine Augen und sah, dass ein Sturm aufzog.

Der Horizont, der die Ebene messerscharf vom Himmel trennte, geriet aus dem Gleichgewicht, geriet in Wallung, warf hohe Wellen. Es war, als würden die Böen auch unter dem schneebedeckten Boden wüten wie unter einem gespannten Laken. Die Ebene verlor ihre Stabilität. Sie öffnete sich wie ein riesiger Schirm vor ihm, umfing ihn, ließ sich von den Kufen seines Schlittens spuren, und einen Moment später entzog sie ihm; zog sie sich so weit zusammen, dass nur ein winziger weißer Spalt blieb von ihr, verschwand schließlich ganz, warf ihn ins Nichts.

Sein Schlitten kippte und begrub ihn unter sich, weich aber schwer. Er wartete auf den Schmerz, aber es schmerzte nicht. Er konnte seine Hunde nicht mehr sehen. Er musste sie wiederfinden, er wäre verloren ohne sie. Dass er ihre Glöckchen noch singen hören konnte, beruhigte ihn. Er schloss die Augen, atmete und lauschte. Er mochte den weichen Schnee unter seiner Wange. Er beschloss, eine Weile liegen zu bleiben, auszuruhen und sich vom Gewicht seines Leibes wärmen zu lassen. Kurz bevor man erfriert, wird einem ganz warm, sagt man.

Er öffnete die Augen. Die petrolfarbenen Vorhänge filterten die Sonne und tauchten das Zimmer in ein fahles, kaltes Licht. Nur ganz unten, ein fingerbreit über dem Boden, dort wo der Horizont die Ebene abschnitt, tanzte ein warmweißer Fetzen auf den hellen Dielen. Vom geöffneten Fenster her fuhr ein eisiger Hauch ins Zimmer, der von fern das Klimpern der Glöckchen an den Halsbändern seiner Schlittenhunde zu ihm herübertrug.
10:42 Uhr. Ein schöner Wecker. Mit Klappzahlen und Radio. Aber nicht seiner. Ebenso wenig wie das schneeweiche Kissen, die Matratze mit der tiefen Kuhle oder das flache Bett, in dem er lag. Er stützte seinen Oberkörper auf seine Ellenbogen und sah sich um. Sein Nacken schmerzte. Er ächzte.
Nichts hier gehörte ihm. Nicht der helle Plüschteppich auf dem das Bett stand, nicht die matten, hellen Dielen auf denen er lag und nicht die kargen hellgrauen, Wände an denen sie endeten. Er setzte sich auf. Nichts von dem, was ihn umgab, kannte er. Den riesigen weißen Schrank nicht, nicht seinen Inhalt und nicht den, dem er gehörte. Das einzige, was ihm unangenehm vertraut vorkam, war der Andere, der ihn ernst, zerzaust und irritiert aus einem mannshohen weißen Holzrahmen neben der Flügeltür anstarrte.

Er legte sich wieder hin, kniff die Augen zu und ließ sie ein paar Sekunden geschlossen. Er sah ein, dass die weite, klare Schneelandschaft unwiederbringlich dem fast schwarzen Dunkelrot hinter seinen Lidern gewichen war. War er tatsächlich wach? Er biss sich auf die Unterlippe. Es tat weh, aber wer konnte sich sicher sein, dass es nicht wehtun würde, sich im Traum auf die Lippe zu beißen? Vorsichtig setzte er seine Füße auf den Plüschteppich, so vorsichtig, dass es ihn kitzelte. Langsam verlagerte er sein Gewicht und stand auf. Weil jemand seinen Schädel über Nacht mit Beton gefüllt hatte, gelang es ihm erst nach einigen Sekunden seinen Körper im Gleichgewicht zu halten. Ihm war schwindlig und im Traum war ihm noch nie schwindlig gewesen.

Er taumelte zum Holzrahmen hinüber. Aus dunklen Augen in tiefen Höhlen starrte ihn ein alter Mann an, aufgedunsen, irritiert und feindselig. Sein Körper war ohne Wunden, aber wegen seiner gekrümmten Haltung wirkte er verletzt. Mit der linken Hand berührte er seine Rechte, die reglos an seinem Arm hing. Dann seine Wangen, seine Brust, seinen Bauch. Seine Haut war aus Latex. Sie schimmerte in blassem Violett. Darunter waberte Flüssigkeit, lauwarm. Er berührte seine Lippen. Silikon. Weich, aber trocken und ohne Gefühl. Er steckte seine Hand in seine Shorts. Er spürte die Berührung stärker als die anderen, weil er sie nicht sah. Aber er fühlte nichts. Trotzdem: Er war es, auch wenn er sich nur ähnelte. Er stammelte „Wer?“, „Wo?“ Seiner Stimme fehlte der Bass. Er wandte sich ab.

10:49 Uhr. Ein schöner Wecker auf dem Nachttisch. Ein leeres Wasserglas. Daneben ein schwerer großer Kristallaschenbecher. Dunkelblau. Leer aber nicht unbenutzt. Wie er. Weiter daneben Magazine. In gewollter Unordnung. Wie er. Wer schläft hier, wenn er hier nicht schläft? Wieso war er hier aufgewacht?

Er taumelte zu den petrolfarbenen Vorhängen und ließ die Stadt herein. Seine Fremde endete nicht an den Grenzen seines Körpers. Auch nicht an den Wänden dieses Raumes. Durch eine schmale Tür trat er auf einen halbrunden Balkon. Die frostige Luft füllte seine Lungen und nahm einen Teil seiner Benommenheit mit sich. Der grobe Beton unter seinen Füßen riss ein Loch in die Watteschicht, die ihn umgab. Das geschwungene Eisengeländer zwang ihn, zuzugreifen. Er stutzte: Dort unten fand ein Tag statt. Busfahrer fuhren Busse, Paketboten lieferten Pakete und durch die großen Fenster des Gebäudes gegenüber sah er Büros, in denen Sachbearbeiter Sachverhalte bearbeiten. Die Maschine lief.
Auf den Balkon nebenan war ein Schäferhund gesperrt. Der schlief. Er selbst nahm seinen Mut und seine Konzentration zusammen und beugte sich über die Brüstung nach unten. Weit, so weit, bis er das metallene Windspiel auf dem Balkon eine Etage tiefer sehen konnte. Die Glocken der Schlittenhunde. Ursache und Wirkung bedeuteten ihm viel.

Er ließ seinen Blick schweifen und entdeckte das Wintergartenhochhaus. Er war noch in Leipzig. Volkmarsdorf, Neuschönefeld oder Reudnitz. Er erkannte kein anderes Gebäude in seinem Sichtfeld. Er war kein Leipziger. Seine Augen schafften es nicht, den Straßennamen auf dem Schild an der Ecke zu entziffern.

Ein Bellen wie eine Sturmböe warf ihn auf die andere Seite. Er schrie. Adrenalin flutete ihn. Der Hund vom Nachbarbalkon hatte sich in einen tollwütigen Werwolf verwandelt. Mit den Vorderläufen hing er über der Brüstung und kläffte, fletschte, knurrte, dass der Speichel spritzte. Er gehorchte und ging nach drinnen. Sorgfältig verriegelte er die Balkontür.

Er war Herzschlag. Er pumpte. Das Pochen seiner Schläfen erinnerte ihn daran, dass Zeit verging. Das war tröstlich. Er würde klarer werden, mit der Zeit. Er würde herausfinden, wo er war. Und wo seine Kleidung. Und ob es diese Hütte gab. Und warum sich der Hund gegen ihn wandte. Er entdeckte die Heizung hinter dem Vorhang und drehte sie auf.

Er ging zum Kleiderschrank. Der wies ihn ab wie ein Monolith außerirdischen Gesteins. Seine weiße Hochglanzoberfläche wollte nicht berührt werden. Nicht von ihm. Er war schmutzig, fettig und voller Keime. Der Schrank hatte keine Türgriffe, keine Griffmulden, keine Schlüssel oder Schlösser. Der Schrank stand vor ihm, im vollen Bewusstsein der eigenen Anmut. Der Schrank ignorierte ihn. Er trat zur Seite um seinen Winkel zum einfallenden Licht zu verändern. Das Spiegelbild des Raumes war makellos. Kein Fingerabdruck, kein Kratzer, keine Spur. Er untersuchte die Kanten nach Vertiefungen oder Tastern. Sie waren glatt, ebenmäßig und kalt – nichts sonst. Er trat zurück, um den Schrank als Ganzes sehen zu können. Er wollte ihn verstehen. Der Schrank schien sich abzuwenden. Er trat heran, als würde er Anlauf nehmen, streckte die Hand aus und drückte sie fest gegen das porenfreie Weiß. Es klickte merklich unter seiner Hand. Die Tür trat hervor und fuhr langsam aber präzise geführt zur Seite.
Im Inneren offenbarte sich das, was von außen vehement geleugnet wurde: ein ordinärer Kleiderschrank aus weiß furniertem Pressspan. Das Versprechen der Perfektion wurde nicht gehalten, das wird es nie. Die Kleidungsstücke und Gegenstände im Inneren waren zwar nach Art sortiert aber ohne große Sorgfalt aufeinander gestapelt, nebeneinander gelegt und übereinander gehangen.

Er fand Hemden, kariert zumeist, wenigstens zwanzig. Und Hosen aus Cord, hellbraun, dunkelbraun, beige, schwarz, blau. Vielleicht zehn? Jeans, sieben Mal das gleiche Modell aber eindeutig unterschiedlich alt. Cordwesten und Cordjacketts. Boxershorts, die engen. Gürtel, alle braun, alle Leder, einer mit einer Schnalle in Form eines Bullenkopfes. In einer Ecke Cowboystiefel mit Sporen. Das reichte ihm. Seine Sachen waren da nirgends. In der Sekunde, in der er die Tür wieder schließen wollte, stutzte er.

„Cowboystiefel?“ Er hob einen Stapel T-Shirts, zog einen Stapel Pullover aus dem Fach, um dahinter zu schauen, prüfte einige Kleiderbügel darauf, ob unter den Hemden vielleicht Blusen hingen. Aber nichts. Dies war ohne Zweifel der Kleiderschrank eines Mannes. Dies war ohne Zweifel das Schlafzimmer eines Mannes. Aber er war nicht der dazugehörige Mann. Er legte die Hände vors Gesicht und rieb sich die Augen. Er schlug sich mit den Handballen auf die Stirn um klarer zu werden, aber sein Schädel antwortete mit stärkerem Dröhnen.

Er berührte die Tür erneut, woraufhin der Schrank die Kleidung des Fremden wieder verschluckte. Er schauderte: Der Fremde. Das war er. Er war in einem Bett aufgewacht, in das er nicht gehörte. Er war derjenige, der hier nicht stimmte. Dem Nachbarshund war es gleich aufgefallen. Er fand sich in der Mitte des Zimmers wieder und drehte sich langsam um die eigene Achse.

(Fortsetzung 2. Ausrüsten)

Unter dir (Teil 2)

Wenn ich dir früher einen Knutschfleck an jeder Seite deines Halses verpasste, meckertest du, dass du dir markiert vorkamst und bandest dir eines deiner albernen Tücher um. Aber diese gemeine Bemerkung verzieh ich dir meist schon in der darauffolgenden Nacht. Ich streichle über die feucht glänzende Stelle, die ich dir soeben gemacht habe und sage, na dann eben nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das Risiko eines Knutschflecks heute eingehen sollte. Heute Abend darf uns auf keinen Fall irgendwer stören; zulange habe ich mich auf diese alles entscheidende Nacht vorbereitet. Beim letzten Knutschfleck haben sie gedacht, du hättest eine innere Blutung und dich übergründlich untersucht. Für mich war das grausam, da ich die ganze Nacht hinter dem dussligen Vorhang stehen musste. Der Gedanke daran macht mir schon wieder Angst.

Da meine Füße schmerzen, ziehe ich die Schuhe mit den vielen Glitzersteinen, die ich extra für Heute angezogen habe und die du von jeher besonders albern findest, aus. Ich sage, von Schuhmode hast du keine Ahnung und werfe sie unter das Bett. Ich gehe zum aufgeräumten Nachttisch, dessen Sauberkeit die Schwester soeben ausgiebig gelobt hat und sortiere die darauf liegenden Dinge zusammen. Was ich für unnütz halte, werfe ich in den leeren Eimer. Weil das Desinfektionsmittel in der Nase juckt, pople ich und schnipse ab und zu einen der rausgeholten Popel durch den Raum. Misstrauisch lese ich die Handschriften der Briefe deiner vielen Freunde und rieche an den Absendern die mir unbekannt sind. Die Briefe mit den Handschriften, die mir besonders verdächtig vorkommen oder die ich nicht kenne oder von denen ich meine einen mir fremden Parfümduft zu erriechen, zerrreiße ich in klitzekleine Schnipsel und streue sie zufrieden in das Seitenfach meiner Handtasche. Die ungefährlichen lege ich gut sichtbar in den Nachttisch zu den Stapeln der anderen. Ich schiebe das Nachttischfach zu, gähne in die Länge gezogen und spüre den anstrengenden Tag in meinen Beinen. Um mich fit für die Nacht zu machen, beuge ich mich nach vorn, strecke beide Arme zu den lackierten Zehen und danach zur Lampe der Zimmerdecke. Ich halte mich am Nachttischgriff fest, schiebe das linke Bein langsam in Augenhöhe, lasse vorsichtig den Nachttischgriff los und drehe mich ballarinamäßig einmal um die eigene Achse. Ich tipple an das Bett deines linken Mitpatienten, strecke ihm das Bein und den Fuß entgegen, ziele über den großen Zeh und sage laut Peng, Peng, jetzt bist du tot. Ich tipple zum rechten Mitpatienten, strecke das rechte Bein und erschieße auch ihn. Nachdem ich sie beiden zur Strecke gebracht habe, klatsche ich in die Hände, mache einen Sprung in die Luft, verbeuge mich vor den drei Betten, bedanke mich für den Applaus und fühle mich bereit für die Nacht.

Ich lege mich zu dir ins Bett, rolle mich zusammen und kuschle mich an dich heran. Ich betrachte dein wunderschönes schlafendes Gesicht mit den starken Wangenknochen. Ich nehme den kleinen Zeigefinger und ziehe eine Linie von dem Haaransatz, über die hohe Stirn, zum schnurgeraden Nasenrücken zu den Nasenflügeln mit den kleinen Härchen. Dabei stecke ich meinen Fingernagel in jedes Nasenloch und hole deine Popel raus und schnipse sie im hohen Bogen durch den Raum. Ich sehe wieder in dein Gesicht. Ich öffne deine Lippen, schiebe den Zeigefinger in den Mund, ziehe ihn heraus, schiebe ihn wieder rein und raus und sage vorwurfsvoll, ehe du mich beißt. Mit dem kleinen Finger umrunde ich das breite Kinn, den Hals bis zum Adamsapfel, bleibe dort stehen und pikse mit der roten Fingernagelkuppe in den Apfel und zähle die kleinen schwarzen Härchen die dort aus der Haut wachsen und überlege, wie lange es brauchen wird, bis die Härchen sich krümmen und die von mir geliebte Form des Kopfhaares annehmen. Als ich früher in dein Gesicht schaute und deine Barthaare zählte, wunderte ich mich wie schnell die dicken schwarzen Haare dir aus der gebräunten Haut wuchsen. Schon damals schob ich meine knallrot lackierten Finger durch dein Haar und zirbelte den Bart. Die Kombination von Knallrot, Schwarz und Braun machte mich wild, auch wenn dir meine rot angepinselten Krallen, wie du sie abfällig nanntest, nie wirklich gefielen. Hier rasieren die Schwestern dich, bevor ich deinen Bart zu sehen bekomme. Außerdem, mein Lieber, ist deine Haut wie weiße Babyhaut geworden. Dass sie weiß ist, stört mich nicht wirklich, das habe ich dir schon oft ins Ohr geflüstert. Ich finde, dass sie mich sogar anmacht. Aber dass sie dein Kinn und deinen Hals babyglatt rasieren, bringt mich auf die Palme. Deswegen habe ich auch ab und zu Lust Haare mitzubringen, die ich zuhause heimlich in den Kartons unter deinem durchgelegenen Jugendbett aufbewahre, um sie dir zu einem Bart anzukleben. Oder, dass ich wenigstens ab und zu ein paar Haare mit meinem schwarzen Filzstift, mit dem ich täglich die pflegerischen Anordnungen der Schwestern auf den Karteikarten unter dem Bett benote, anmalen zu dürfen. Aber das geht nun wirklich nicht, das sehe ich ein. Dann denken die womöglich hier, dass ich völlig durchgeknallt bin. Ich seufze, schließe die Augen, reibe blind über deinen rasierten Kehlkopf mit den Stoppeln und stelle mir vor, dass dort ganz viele schwarze, gelockte Haare wären. Ich streichle um den surrenden Schlauch, der aus deinem Hals ragt und flüstere dir zu, dass es mir leidtut, was die vergesslichen Schwestern mit dir hier alles anstellen. Ich verspreche dir, heute wird das Alles für dich und mich ein Ende haben.

Ich richte mich aus meiner Embryonalhaltung auf, küsse deinen glatten Kehlkopf und lasse die nasse Zunge darüber gleiten. Mit dem Daumen massiere ich die glänzende Stelle und sage, dass gefällt dir, mein Lieber? Stimmt. Ich schaue kurz auf die Leuchtanzeige meiner Uhr und horche, ob vom Gang her ein Geräusch zu hören ist und mache, nachdem ich nichts höre, weiter. Ich umgreife deine Ohren und schiebe dein Gesicht auf dem Kopfkissen unter mein Gesicht. Ich stütze meine Hände auf deine Schultern und bewege meine Hüften, als ob ich tief in dich eindringen würde. Als du noch nicht hier lagst, tat ich das nämlich immer, weißt du das noch. Wie damals ärgere ich mich auch jetzt, dass ich kein Mann bin und in dich eindringen kann. Ich mochte es, wenn du dir auf mir zu schaffen machtest. Ich mochte es, wenn du mit deinen langsamen, tiefen Stößen in mich eindrangst und ich dein langes, dickes und schneeweißes Ding in mir spürte. Und ich mochte es wenn dein schwarzes Kopfhaar im Rhythmus über deine Schultern mitschwang. Ich umklammerte erst deinen muskulösen Hintern mit meinen Beinen und danach mit den Händen und klopfte dabei so lange und so heftig auf deine Arsch, bis alles aus dir raus war. Mach weiter, mach weiter, du kleine Hexe, hattest du mir zugeflüstert. Oft habe ich danach meine rot lackierten Finger genommen und sie an deinen Hüften entlanggekratzt. Ich kneife mich links und rechts in meinen Hintern, öffne die Augen und sehe zu deinen beiden Mitpatienten, die wie immer still daliegen. Ich hebe deine Bettdecke an und schaue mit einem prüfenden Blick, ob noch alles an dir dran ist. Es hat sich nichts geändert, genau wie der Rest deines Körpers. Nur, dass er jetzt komplett weiß ist. Dein ganzer schöner zwei Meter und einen Zentimeter langer Körper. Früher konnte ich mich an dem weißen Streifen, der an dem braunen Körper herunterbaumelte, nicht sattsehen. Pinsel hab ich zu deinem Ding gesagt. Quast hast du geantwortet. Das ist ein Quast. Dein Ding war so weiß, dass ich damals dachte, dass es nur deswegen so weiß war, weil du es in mich reinschobst, weil ich ja innen auch weiß war wie eine Farbdose. Aber das war quatsch. Dein Hintern war ja auch weiß. Wie du deinen Hintern damals anhobst, im Rhythmus immerzu im Rhythmus anhobst, immer und immer wieder. Ich weiß warum ich auf Musiker stehe. Ich schließe die Augen und flüstere, schön, das war damals wunderschön. Manchmal zählte ich deine Haare während du in mich eindrangst. Weit war ich damit aber nie gekommen. Gleich kriegst deine Narkose, hattest du gesagt, warte, gleich kriegst du, du kleine Hexe. Du sagtest das, wenn du merktest, das ich über deine Schulter sah und deine Haare an den zuckenden Gesäßmuskeln zu zählen begann. Und weil ich damit nie sehr weit gekommen war, hatte mich das laute Zählen deiner Gesäßhaare irgendwann an meine Narkose erinnert. Die Anzahl deiner Haare hatte ich dabei jedes Mal genauso vergessen, wie die Zahl bei der Narkose. Und dann ärgerte ich mich wieder, dass ich kein Mann war. Wenn du fertig warst und tief Luft holtest, fragte ich dich, wie das ist, was für ein Gefühl das ist und ob du mir dieses Gefühl erklären kannst, ob du mir Beispiele nennen kannst, damit ich dich besser verstehe, wenn du es in mir treibst. Schließlich wollte ich alles wissen, was du machst. Alles. Meist lächeltest du und sagtest in die Länge gezogen, geil, einfach nur affentittenobergeil. Ich war mir sicher, dass du damit meinen Körper meintest, fragte dich aber vorsichtshalber, ob das Gefühl bei allen Mädchen gleich geil war. Du sagtest ja, ja, und deutetest mit weit aufgerissenen Augen einen Orgasmus an. Es machte mich jedes Mal wütend, das du mir nicht sagen wolltest, wieviel Mädels du nun vor mir hattest. Und wenn ich deswegen in Wut geriet, konnte ich dir sogar mit voller Wucht auf deinen steifen Penis schlagen. So sehr ich mich bemühte, ich konnte mich bei dem Thema einfach nicht beherrschen. Und wenn ich merken würde, dass du wegen einer der Schwestern einen Steifen bekommst, dann würde ich, glaube ich, es wieder tun. Mein Gott, wie ich dich in diesen Momenten abgrundtief gehasst habe. Da ich aber jetzt nicht schon wieder an die blöden Missverständnisse denken will, schiebe ich mich weiter auf deinem Körper hin und her. Meine Haare lasse ich dabei in deinem Rhythmus über meine Schulter herunterschwingen. Mit den Haarspitzen reibe ich deine Nase, bis du schnaubst. Empört sage ich, das passt dir wohl nicht. Ich ziehe eine Schnute, knicke deinen Schlauch zusammen und beobachte wie lange es dieses Mal dauert, bis du endlich reagierst. Ich öffne dein albernes Krankenhaushemd. Typisch, die Schwestern haben dir wieder eines aus ihren Beständen verpasst. Ich lege mein Ohr an deine Brust, reibe über deine Haut und flüstere, dass ich dir dein Geschnaube verzeihe. Wie zu Beginn, macht mich deine warme Haut an meinem Ohr wieder etwas schläfrig und ich gähne. Ich weiß, sage ich, ich muss aufpassen, dass ich nicht auf dir einschlafe. Wenn mir das jetzt passiert, flüstere ich dir ins Ohr und die mich erwischen, sind alle Vorbereitungen umsonst gewesen und ich bin geliefert und die schmeißen mich im hohen Bogen raus. Deswegen habe ich mir etwas einfallen lassen. Heute Nacht, mein Schatz, heute Nacht ist es endlich soweit.

Unter dir (Teil 1)

Mit einem Schwung, den ich mir mühsam über die letzten Jahre antrainiert habe, rutsche ich unter das Bett. Ich schiebe meinen Hintern auf dem glänzenden Linoleum hin und her, bis ich das Gefühl habe, genau unter deinem Körper zu liegen. Ich schließe die Augen, achte auf das surrende Geräusch deiner Atemanlage und höre einen ungewohnten Ton heraus. Sofort versuche ich anhand deines Atems herauszufinden, was dir in den letzten 24 Stunden passiert sein könnte. Damit ich deine passende Frequenz schneller finde, halte ich meine Atmung an. Meist gelingt es mir so, schnell in deinen Rhythmus einzudringen. Nur manchmal bockst du. Aber gegen meine Yogaübungen, die ich nur für unseren gemeinsamen Rhythmus zu Hause übe, bist du völlig machtlos. Warum es mir diesmal nicht gelingt, kann ich nicht sagen, bringe es aber zum einen mit meiner Chefin in Zusammenhang. Zum anderen damit, dass wir beide heute unseren besonderen Tag haben und ich seit dem Morgen aufgeregt bin. Bei dem Gedanken an unsere besondere Nacht, schiebe ich meinen Körper unruhig auf dem gebohnerten Fußboden hin und her und stoße mich mit dem Knie an einer der Querstreben des Bettes. Ich fluche. Um mich von dem Schmerz abzulenken, klopfe ich mit den Fingern abwechselnd Morsezeichen an das blöde Metallgestell. Dabei fällt mir ein, dass du es warst, der mich damals auf die Idee mit dem Morsen gebracht hatte. Immer wenn ich dich fragte, mit wem du bei den Pfadfindern morst und ob auch Mädchen mitmachen, fühltest du dich genervt. Und das brachte mich auf die Idee, mich ebenfalls dort anzumelden, um dich bei deinem Schweinskram mit den anderen Mädels auf frischer Tat zu ertappen.
Ich werde müde und klopfe lauter und schneller an das Metallgestell. Manchmal fange ich unter dem Bett liegend, zu Schnarchen an. Vor deinem Unfall hattest du mir in unseren Nächten oft vorgeworfen, zu schnarchen. Alte Schnarchguste, hattest du zu mir gesagt. Du schnarchst wie meine Oma. Beleidigt gab ich dir jedes Mal einen Klaps auf deinen muskulösen Hintern und sagte, dass deine Oma tot ist und ich lebe. In manchen Nächten werde ich von der eintönigen Büroarbeit schlagartig müde und muss hier unten aufpassen, nicht doch einzuschlafen. Dann frage ich mich jedes Mal, wie das alles enden soll, wenn wir beiden irgendwann ein altes Ehepaar sind.
Ich gähne und baue dir meine heutigen Tageserlebnisse vorsichtig in den Rhythmus des Atems hinein, den ich vorgebe. Ich sage dir, dass ich glaube, dass meine Chefin ahnt, dass ich jede Nacht zu dir gehe. Glücklicherweise kann sie es aber nicht beweisen. Deswegen, glaube ich, gibt sie mir in der letzten Zeit zum Feierabend neue Aufgaben. Ich hoffe sehr, dass sie schwanger wird. Wenn es geht Zwillinge oder gleich Drillinge. Dann hat sie massig Scherereien und lässt mich in endlich Ruhe.

Das Schlüsselgeklapper beendet meine Unterhaltung an dich und schiebe mich näher an die Wand. Dabei stoße ich mich an der Schulter. Die Tür geht auf und eine Stimme erzählt überlaut, dass sie jetzt hier wäre und du dich jederzeit melden könntest, wenn du etwas benötigt. Sie sagt das Wort jederzeit in einem vertraulichen Ton, der mir einfach nicht gefällt. Trotzdem bin ich froh, dass die Schwester mit der überlauten Stimme und dem Schlüsselgeklapper heute Nachtdienst hat. Sie steht über das Bett gebeugt und scheint dich zu streicheln, zumindest kommt es mir hier unten an meiner linken Wange und auf der Stirn so vor. Es krabbelt. Mit einem lobenden Satz über den sauberen Nachttisch geht sie zur Tür zurück und dimmt das Licht. Lobende Worte spricht nur diese Schwester. Das gefällt mir an ihr. Auf einmal habe ich den Wunsch, sie näher kennen lernen zu wollen. Früher, als ich begann, mich unter das Bett zu dir zu legen, um nicht mehr in den Nächten allein zu Hause zu sein, hatte ich sie wie alle anderen Schwestern gründlich beobachtet und viele Notizen in meine Karteikarten eingetragen. Tagsüber war ich ihr müde hinterhergelaufen und wusste recht schnell wie sie heißt, wo sie wohnte, was sie alles einkaufte, mit wem sie rumlungerte und wohin sie in den Urlaub fuhr. Bei keiner anderen Schwester habe ich jemals soviel Mühe aufgewandt. Ich weiß auch, dass sie, wie ich, keine Geschwister hat und allein bei ihrer Mutter lebt und manchmal deren teures Auto fährt. Und ich weiß, dass sie immer noch keinen Freund hat. Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ob ich ihr einen Freund suchen sollte. Ich hatte für sie Annoncen aufgegeben und ihr über Wochen hinweg die Briefe unter den Scheibenwischer geschoben, in der Manteltasche oder einem ihrer fremdsprachigen Reiseführer versteckt. Genützt hatte es aber nichts. Soweit ich weiß, hat sie nie einem der vielen Bewerber zurück geschrieben. Da hatte ich ihr dann die Liebesbriefe, die ich dir in der Schule geschrieben und in deiner Schultasche versteckt hatte, einfach abgeschrieben. Zum einen um sie endlich mit einem netten Mann zusammenzubringen, denn unbemannte Schwestern sind so ziemlich das Gefährlichste was es gibt. Und zum anderen, weil sie doch immer so lieb zu dir ist. Aber nachdem sie in der Kantine allen erzählt hatte, dass ihr eine unnachgiebige Lesbe Liebesbriefe schriebe, lies ich die Schreiberei bleiben. Ich vermute, meine Handschrift hatte mich damals verraten. Im Verstellen war ich leider noch nie gut. Von jeher mag ich keinen Fasching, kein Ostereiersuchen und auch kein `Ich-sehe-was, -was-du-nicht-siehst`.
Was macht sie da bloß? Sie hantiert immer noch am Bett. Das dauert heute länger als sonst. Ich sehe auf ihre Schuhe, sie hat immer noch ihre alten Birkenstockdinger an. Seit ich ihre Füße hier unten sehe, trägt sie diese alten ausgelatschten Dinger. Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten ein paar neue Wichteln. Das gäbe eine schöne Verwirrung. So etwas kann ich gut. Verwirrungen stiften, ja das mag ich sehr. Welche Größe sie hat, habe ich in meinem Merkbuch eingetragen. Es ist ca. die 40. Beim Gedanken ans Wichteln, sehe ich, dass sie die Fußnägel knallrot lackiert hat. Ich schüttle den Kopf und bin mir sicher, dass ich ihr doch noch einen Mann besorgen muss. Dich bekommt sie jedenfalls nicht!
Endlich öffnet sie die Krankenzimmertür. Sie dreht sich nochmal um, hält dir die ausgestreckte Hand entgegen und macht einen ihren üblichen Luftküsse. Früher machten mich ihre Luftküsse rasend und ich wollte in die Verwaltung gehen und protestieren oder ihr zumindest in die Waden treten. Aber dann hatte ich mir gedacht, dass sie es sowieso abstreiten würde und ich es ja auch nicht beweisen könnte ohne mich dabei zu verraten. Schließlich hatte mich die Angst abgehalten, sie könnte dir etwas antun, oder zumindest nicht mehr so freundlich zu dir sein. Und das wollte ich dir auf keinen Fall zumuten. Manchmal empfand ich ihre Luftküsse auch als eine Art Liebenswürdigkeit und ich war mir nicht sicher, ob sie diese Luftknutscherei auch mit anderen Patienten machte, denn dann wäre sie ein Miststück, oder ob sie diese Liebelei nur mit dir machte, dann war es ihre Art von liebenswürdiger Aufmerksamkeit für dich. Durch meine jahrelange Beobachtung war ich eher der Meinung, dass es Aufmerksamkeit ist. Egal. Ich wusste vom allerersten Tag unserer Beziehung, dass ich höllisch auf dich aufpassen muss. In der Schule, wenn du halb angezogen vom Sport kamst, drängelten sich unsere Klassenkameradinnen um dich, trugen dir die Sporttasche und den Rest deiner Kleidung hinterher oder wollten mit dir ins Schwimmbad gehen. Am Schlimmsten war es, wenn du aus dem Musikunterricht kamst und verträumt vor dich hinschautest. Die Mädchen wollten dann von dir wissen, was du im Unterricht gespielt hattest, was für ein Instrument sich im Beutel befand und ob sie mit dir mal am Abend ein paar Stücke üben durften. Seit ich das mitbekam, wartete ich vor der Schule und begrüßte dich vor allen Mädchen der oberen Klassen, in dem ich dich umarmte. Anschließend ging ich mit dir Hand in Hand Eis essen oder nach Hause.

Mit einem Schwung kullere ich mich unter dem Bett hervor. Ich ziehe mich langsam am Gitter hoch und begrüße dich mit einem überlauten Kuss. Ich mag dieses schmatzende Geräusch, das die Stille in dem wenig beleuchteten Raum beendet und mich unmissverständlich bei euch drei Patienten ankündigt. Manchmal küsse ich dich so oft und so laut und verlängere dabei die Geräusche, bis ich keine Luft mehr bekomme oder Angst habe, du könntest davon aufwachen oder die Schwestern könnten ins Zimmer kommen.
Ich öffne den Nachttisch und krame den großen Silberkamm, den ich mir von dir von unserer ersten gemeinsam besuchten Haushaltauflösung erbettelt hatte und mit dem ich stundenlang alle Haare deines Körpers kämmen konnte, aus dem unteren Fach. Weil du es wahnsinnig geliebt hast, stelle ich mich vor dir auf und kämme mit dem Silberkamm in Zeitlupe durch meine Haare. Dabei drehe ich dir den Rücken zu, schaue über die Schulter und binde die durchgekämmten Haare zu einem Dutt zusammen. Ich strecke meinen Po zu einem Entenhintern heraus, wackle im Watschelschritt eine Runde um den Nachttisch herum und mache dabei das Geräusch einer Ente. Ich stelle mich wieder vor dir auf, schüttle den Kopf und wühle mit einer wischenden Handbewegung deine brave Frisur durcheinander. Ich mag sie nicht. Ich mag die langweiligen Frisuren, die sie dir hier kämmen, überhaupt nicht. Stundenlang habe ich den Schwestern erklärt, dass ich keinen Mittelscheitel, Seitenscheitel oder sonst so einen Opakram haben will; aber keine hat jemals auf mich gehört. Vor Wut frisiere ich dein schwarzes, lockiges Haar wild durcheinander, kämme dir sexy Haarsträhnen über die Augen bis zur Nase und kitzle dich mit deinen eigenen Haarspitzen. Irgendwie bekomme ich jetzt, wo du wieder die tolle, wilde Frisur aus unserer Campingzeit hast, den Wunsch, dir einen megafetten Knutschfleck zu verpassen. Ich beginne exakt an der Stelle unter deiner sichelförmigen Narbe meine Lippen aufzulegen und zu saugen, an der ich mich früher gern zu schaffen gemacht habe. Ich finde deine Haut riecht heute wieder nach Krankenhaus. Sicherlich hat dich am Morgen die ältere Schwester gewaschen. Sie nimmt ständig die Krankenhauskosmetik, obwohl ich es ihr hundertmal verboten habe. Ich rieche noch einmal über deine Krankenhaushaut und öffne mein kleines Fläschchen, das ich mir eigens für diese Momente zugelegt habe und am Hals in einer deiner vielen handgefertigten Lederhüllen unter dem T-Shirt trage. Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke und dein Hemd um die Schläuche herum. Ich tropfe einzelne Tropfen aus dem Fläschchen zuerst auf deine Stirn, auf deine Augenlider, auf deine beiden Brustwarzen, in deinen Bauchnabel, auf die beiden Hoden, die Armbeugen, auf jeden Finger, auf deine Oberschenkel, die beiden Knie und zum Schluss auf jede deiner Zehen. Ich tropfe, bis das kleine Fläschchen völlig leer ist. Mit den Fingerspitzen verreibe ich die Flüssigkeit auf deinem immer noch schönen Körper. Ich schließe die Augen, lege mein Ohr auf deine linke Brustwarze und lausche dem Rhythmus deines Herzschlages. Zufrieden atme ich tief ein und rieche an deiner weißen und nun gut duftenden Haut. Da ich mich auch heute nicht benehmen kann, strecke ich die Zunge heraus, lecke an deiner Haut und habe Lust dir endlich den überfälligen Knutschfleck zu verpassen. Knutschflecke konnte ich schon immer schöne machen. Die wurden bei mir besonders bunt und blieben lange bestehen. Dafür war ich in der Schule berühmt. Ich glaube, mein erster Freund hatte sich deswegen geschämt und ist auch deswegen weggerannt. Ich hole noch einmal tief Luft und sauge an der Stelle, an der ich für gewöhnlich früher meine Knutschflecke hinknutschte. Ich weiß, dass du Küsse magst und dass du auch das Machen der Knutschflecke liebt. Und ich weiß, dass du früher dabei eine Erektion hattest und vorschnell kamst. Manchmal schob ich meine Hand vor dein Glied und wartete bis es bei dir losging und alles auf meiner Hand landete. Ich wusste vom ersten Tag an, dass wir uns lieben und für immer zusammengehören. Und vom allerersten Tag an, wusste ich auch, dass ich es niemals zulassen würde, dass uns irgendwer ungestraft auseinanderbringt.
Ende Teil I

Als ich blieb

Wir schreiben Listen mit Dingen, die wir besser machen wollen. Ab jetzt. Ab gestern. Ab als ich blieb.

Ich will ordentlicher werden und du weniger pingelig. Ich will ruhiger bleiben und du sachlicher. Du willst klare Ansagen und ich mehr Zärtlichkeit.

„Absurd ist das.“, sagst du und stützt den Kopf auf deine Faust. „Absolut.“, sage ich, nehme die Brille ab und reibe mir die Augen. „Hätte ich so eine Liste vor fünf Jahren geschrieben, es wäre die gleiche Liste gewesen.“ „Es sind immer wieder die gleichen Dinge, an denen wir zu scheitern drohen.“ Als ich ‚scheitern‘ sage, stocke ich und du unterbrichst mich. „Scheitern? Wobei?“. Ich klicke die Kulimiene rein, raus, rein raus.

„Es gibt solche Phasen“, sagst du, „die gibt es in jeder Beziehung.“ „Aber das hier ist unsere!“, sage ich. „Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut ist.“ „Was lief eigentlich schief?“ „Nicht viel.“

Du hast gelacht über die Schmiererei auf dem Plakat gegenüber der Haltestelle und ich konnte nicht mitlachen. „Ich kann das nicht lesen auf die Entfernung.“ „Deine Augen sind schlechter geworden.“ „Meine Augen werden andauernd schlechter.“ „Ich mache dir einen Termin beim Augenarzt.“ „Das mache ich selbst.“ „Aber wann?“ „Wenn ich soweit bin.“ „Wann?“, „Dann!“ Und so weiter, und so fort.

Du kennst mich. Du weißt, dass ich mich andauernd vor Arztterminen drücke. Du weißt, dass ich eine irrationale Angst davor habe, zu erblinden. Aber du kapierst einfach nicht, was Gängelei ist und wie sehr ich es hasse, gegängelt zu werden. Ich kenne dich. Ich weiß, dass du deinen Tonfall von der Armee mitgebracht hast und es nicht erträgst, wenn ich unentschlossen bin. Aber ich glaube dir nicht, dass immer alles nur zu meinem Besten sein soll. Wir kennen uns. Vielleicht zu gut. Oder zu lange. Manchmal sind wir keine Wunder mehr sondern Selbstverständlichkeiten. Alltäglichkeiten. Unannehmlichkeiten, sogar.

Du plapperst ständig und ich erzähle nichts. Du putzt zu viel und ich achte die Dinge zu wenig. Du flippst aus, wenn etwas nicht nach Plan läuft und ich habe keine Pläne. Oft haben wir gesagt, dass es nichts anderes als Liebe sein kann, das uns zusammenhält. Kann man Liebe aufbrauchen?

Man muss sich an das erinnern, was gut war. Gut war, als ich neulich mit dem Kopf auf deinem Schoß lag und du mir vorgelesen hast. Gut war, als wir uns eines Nachts auf den kühlen Balkon gelegt haben und Musik hörten, bis es wieder heiß wurde. Dann sind wir rein und haben geschlafen. Gut war, als wir uns letztens im Spreewald verliefen.

Jetzt sind wir ein trockener Wald, ausgezehrt vom erbarmungslosen Sommer und jeder Satz kann die herumliegende Scherbe sein und jede Laune das Licht, dass sich ungünstig darin bricht und andauernd drohen wir abzufackeln mit allem was wir hatten. Haben. Was weiß ich?

Ich hatte meine Tasche schon gepackt, gestern. Ich bin nur noch einmal in die Stube, um mich zu entschuldigen, dass ich nicht alles wegkriege. Da habe ich das zerknitterte Taschentuch in deiner Hand gesehen, und deine Haltung, gekrümmt wie ein Fragezeichen und wie dein Rücken gebebt hat. „Wir dürfen nicht streiten.“, hast du geschluchzt.

Doch, ich will streiten, manchmal. Ja, ich will, dass wir vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Ich will die alten Kamellen durchkauen, den Schnee von gestern aufwärmen, all das wieder rauskotzen, was wir geschluckt haben, denn irgendwo da drin muss einer von uns eine Erklärung finden.

Aber wenn du weinst, vergesse ich, was ich wollte, dann will ich nur eines noch: dich trösten. Ich kann das. Außer gestern, da bist du mir um den Hals gefallen und hast mich angesteckt. Und dass ich weine, kannst du nicht aushalten. Gestern habe ich deinen Hals vollgeweint, deine Haare und dein T-Shirt und konnte mich überhaupt nicht beruhigen. Erst heute kommt es mir grotesk vor, dass du gefragt hast: „Was ist denn nur los?“

Du musst alles sofort reparieren, wenn ich weine, deswegen schwörst du mir, dass alles Mögliche nicht mehr passieren wird. Du wirst mir nichts mehr vorschreiben, mich nie wieder anschreien und nie wieder stundenlang schweigen, schon gar nicht wegen so einem Mist. „Ich glaube nicht an ‚immer‘ und ‚nie‘, deswegen hat es zehn Jahre gedauert, ehe ich dich geheiratet habe.“, „Aber du hast mich geheiratet.“, „Und ich wusste, warum.“, „Weißt du das noch?“, „Ja, ich weiß es.“, „Sicher?“, „Ich weiß es!“

Ich werde nächste Woche 34 und ich habe in meinem Leben bisher drei Menschen geliebt. Alle drei liebe ich noch immer. Meiner Erfahrung nach, höre ich nicht mehr auf, jemanden zu lieben, wenn ich einmal damit angefangen habe. Auch nicht, wenn die Beziehung in die Brüche geht, oder ich die Person völlig aus den Augen verliere. Ob ich dich noch liebe ist leicht zu beantworten. Aber ob ich gehen soll oder bleiben, das weiß ich nicht.

Gut sind deine Bouletten ohne Fleisch, deine Idee, gezuckerte Erdbeeren mit Schlagsahne aufzugießen und wie der grüne Tee schmeckt, wenn du ihn brühst. Gut ist dein kleiner, runder Bauch und wie du die Grammatik verdrehst in deinem Vogtländer Dialekt. Gut sind deine stachligen Wangen.

Entweder habe ich das in einem Beziehungsratgeber gelesen, oder es ist mir selbst eingefallen, jedenfalls glaube ich, dass Liebe die Summe unzähliger Entscheidungen ist. Deshalb sind die kleinen Dinge so wichtig. Jede Entscheidung füreinander ist ein Investment in die Zukunft. (Manchmal platzen Investmentblasen; ich arbeite in einer Bank, das tut mir nicht gut.) Doch, es war ein Beziehungsratgeber. Da stand auch, gleich im Klappentext, dass man das Buch nicht kaufen soll, wenn man nur noch aus Gewohnheit zusammen ist. Dann solle man sich lieber gleich trennen. Ich habe das Buch gekauft.

„Kann es vorkommen, dass sich Zwei lieben und es trotzdem nicht aushalten miteinander?“ Ich nehme mir fest vor, dich zu verlassen, wenn du jetzt sagst: „Wege kreuzen sich, Wege trennen sich, vielleicht ist unser gemeinsamer Weg hier zu Ende.“ Stattdessen fragst du: „Wie sollen es Zwei, die sich lieben nur ohne einander aushalten?“

„Vielleicht müssen wir das versuchen.“, sage ich. „Ich würde gern mal eine Weile ohne dich sein, ich war noch nie ohne dich.“ Vielleicht fliege ich an den Wochenenden nach Helsinki, Amsterdam und Rom, ich hätte ja keinen Hund mehr, auf den zu achten wäre. Vielleicht tanze ich endlich wieder nächtelang durch, da wäre dann ja keiner, der mich um halb neun weckt. Vielleicht gehe ich endlich für ein Jahr nach England, hier würde mich ja niemand vermissen. Bestimmt hätte ich Sex mit Fremden. Bestimmt fehlst du mir.

Gut ist dein schelmisches Lachen, deine kleine Zahnlücke, deine bunten Augen, und wie du damit funkeln kannst. Gut ist, wie du zum Radio singst und tanzt, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Gut ist, dass du mich aushältst.

“Ein Glas wird nicht davon wieder heile, dass du ‚Entschuldigung‘ sagst, nachdem du es hingeworfen hast.“, flüsterst du und stierst zum Fenster hinaus. Ich sehe dich an.

Regenlied

Es hat geregnet in diesen Nächten. In jeder. Und ich habe geträumt. Vom Regen. Auf der Haut. Wie er in jede Pore dringt. Und nichts mehr übrig lässt, außer den Träumen.

Ich habe zugelassen, dass ich überspült wurde vom Regen, der die Tränen verbirgt. Und nasse Strähnen hingen mir ins Gesicht. Und kalte Spuren liefen darüber. Ich sage dir nicht, dass es Tränen waren. Ich hebe die Finger in das fahle Licht der Straßenlaterne. Es ist schon sehr dunkel in dieser Gegend. Und du fährst vorbei, als hättest du mich nie gesehen. Du lügst, ich weiß das. Du kennst mich, bestimmt. Träume ich. Wenn du mich siehst, was siehst du? Was willst du sehen? Ich will dich sehen. In meinen Träumen. Und im Licht der Straßenlampen. Und dein nass strähniges Haar spüren, auf deinem Gesicht klebend. Und die kalten Spuren fühlen. Weil es bei dir nur Regen sein wird.

Du sollst meine Schultern halten. Fester, auch wenn sie nass sind vom Regen. Denn der Regen wird uns verbinden. Das grau und schwarz der Nächte auswischen. Ich möchte, dass es genau so wird. Ich will dich ganz fest halten. Und es wird mir nichts ausmachen, dass du nass sein wirst. Denn der Regen ist unser Zeichen. Für uns beide.

Wir werden uns erinnern. An Tropfen, die auf der Haut zu mehr werden als bloß Wasser. Tropfen, in denen deine Fingerspitzen vorsichtig gezeichnet haben. Auf meiner Haut. Zuerst nur Linien, dann Muster und später auch Buchstaben. Mir war das immer fremd. Ich habe gleich mit ganzen Wörtern angefangen. Und du hast es nie gemerkt. Die Zeit, in der du beginnen wirst mich zu verstehen, wird erst viel später sein. Wir haben diese Zeit. Genug für uns beide. Und Regen. Wir haben auch Regen. Genug für eine lange Zeit. Und beim Frühstück wirst du mich jedes Mal anlächeln und fragen, ob der Regen heute reicht, für uns beide. Und ich werde zurück lächeln. Irgendwann auch nicht mehr so vorsichtig, weil ich dann weiß, dass du auch auf Regen warten kannst, wenn der Himmel blau ist. Aber bis dahin wird es noch dauern.

Ich wende mich in die Richtung, in die du verschwunden bist. Ich erwarte nicht wirklich, dass du dich noch einmal umdrehst. Bei diesem Regen solltest du deinen Blick fest auf der Straße lassen. Nicht, dass dir etwas passiert und meinen Träumen auch nicht.
Es ist gut, dass du vorsichtig fährst. So wirst du gut auf mich achten können. Bald. Ich weiß das. Ich werde in Sicherheit sein, bei dir.
Wenn du nur endlich begreifst. Dass der Regen unser Zeichen ist. Dass deine Regenlinien auf meiner Haut schon längst verwischt sind zu ganzen Sätzen.

Du bist vorbeigefahren. Warum? Ich habe doch auf dich gewartet. Und der Regen hat „sieh mich“ geschrien. Für dich. Und auf dem durchnässten Plakat der Bushaltestelle habe ich dann Regenlinien zu Mustern gemacht. Buchstaben habe ich mich noch nicht getraut, weil die Straßenlampe so direkt darauf geschienen hat. Aber vielleicht nächste Woche. Ich habe Zeit. Ich werde warten. Denke ich. Noch eine Weile. Und der Regen hört auch nicht auf.

 

AnnA-Katharina Kürschner – Vita

Auf die „Warum-schreibst-du?“-Frage antwortet sie:

Buchstaben setzen Zeichen.
Wörter geben den Dingen einen Namen.
Was will ich mehr, als Zeichen setzen und die Dinge beim Namen nennen?
Und sonst kann man vielleicht noch sagen…
Ich bin zum Glück nur noch ein Jahr Schülerin.
Dann geht es in die wilde Welt hinein.
Das Schreiben ist dabei – schon seit den ersten Versuchen – Hut, Stock und Zuhause zugleich.

Lieber Kai,

was passiert ist, siehst Du. Wenn es Dich überrascht, war es richtig. Wenn nicht, erst recht. Kai: Ich verlasse Dich.

Auf der Heimfahrt von Svenjas Taufe habe ich Dich gefragt. Ob mein Gefühl mich täuscht, dass Du mich nicht mehr willst. Ob es wahr ist, dass ich Dir auf die Nerven gehe, sobald ich spreche. Ob es stimmt, dass Du meine Nähe suchst, aber doch nur deine Ruhe willst. Alles Blödsinn, hast du geantwortet. Wie ich darauf komme und was das soll! Dann bist du eingeschlafen. Ich spüre es, Kai. Ich spüre, dass Du zuhause sein willst bei mir. Dass du zu mir gehören willst. Dass Du Dich führen lassen willst, wann immer Du meine Hand greifst. Ich will Dich aber nicht führen. Ich kenne Deinen Weg nicht. Und unser Weg ist lange zu Ende.

Du machst mich nicht mehr glücklich. Und Du bist es nicht mehr. Dein wacher Blick ist ganz schmal geworden, deine Haare kommen mir wie Stroh vor und deine Hände sind kalt. Wann hast Du das letzte Mal mit mir geschlafen? Zählen die fünf Minuten nach meiner Geburtstagsparty? Wann hast Du mich das letzte Mal geliebt? Auf dem Zimmer nach Martins Hochzeit? Du warst betrunken! Wann hast Du mich zum letzten Mal angesehen? Mir einen Kuss gegeben, kein Küsschen?

Wenn Du sprichst, wünsche ich mir, dass Du Dich räusperst, um das Fisteln von deinen Bändern zu wischen. Ich wünsche mir, dass Du etwas sagst. Du sprichst über bedingungsloses Grundeinkommen, über strukturellen Sexismus, über grüne Energie. Je weiter ein Thema von Dir weg ist, umso leidenschaftlicher sprichst Du. Über Dich sprichst Du nicht. Über mich immer nur gut. Wenn ich frage, streiten wir. Das heißt: Ich streite. Du schweigst.

Was hat Dich so grau gemacht? So schwach? So müde? Wir mieten kein Wohnmobil. Wir gehen nicht tanzen. Wir kochen nicht. Wir gehen nicht paddeln, weil dir übel wird. Du grölst nicht mehr mit, wenn sie im Radio einen Ärzte-Song spielen. Du magst Die Ärzte nicht mehr. Funktioniert Dein Lachen noch? Ich erinnere mich kaum.

Ich habe mich verliebt in das, was Du könntest. In Deine Träume, in Deine Ideale und in Deine Klarheit. Du willst einen Roman schreiben, aber du bist seit zwei Jahren auf Seite 34. Du hast eine flache Windenergie-Turbine erfunden, aber der Prototyp verstaubt halbfertig im Keller. Das alte Segelboot hat dein Vater inzwischen verschrotten lassen. Du bewachst dein Potential wie einen Schatz. Du überhöhst Dich mit Deiner Intelligenz. Du behauptest, jeden übertrumpfen zu können, aber du trumpfst nicht auf. Wenn andere scheitern, sagst Du, Dir wäre das nicht passiert. Dir kann nichts passieren, wenn du nichts tust. Du pokerst im Internet. Du guckst Filme. Du verplemperst Dich.

Du verachtest Deine Chefin, aber Du dienst ihr treu. Du verabscheust die Dunkelheit dieser Wohnung, aber wir ziehen nicht um. Nachts drehst Du Dich weg von mir aber Du bleibst in meinem Bett. Warum, Kai? Jede Spinne rettest Du aus dem Bad in die Freiheit. Aber Dich befreist du nicht. Ich auch nicht. Ich habe es lange versucht. Ich glaube, du willst, dass ich dich gefangen halte, weil du dich vorm Freisein fürchtest. Ich bin Deine Ausrede für alles, was Du nicht tust.

Du fürchtest Dich, Kai. Vor dem Kämpfen, vor dem Scheitern und vor dem Gewinnen auch. Mir aber graut vor dem Stillhalten. Erinnerst Du Dich an den furchtbaren Abend beim Italiener? Unser Jahrestag? Die Bilanz und die Diskussion über eine Paartherapie? Du leugnest. Du wiegelst ab. Du spielst Zufriedenheit. Du bittest um Geduld. Alles wird sich fügen. Nichts fügt sich! Warum sollte sich jemals etwas fügen? Du bist unglücklich, ich bin unglücklich!

Ich bin eine tolle Frau, hast Du mir an die Akademie geschrieben. Eine starke, wache, kluge! Ich sei makellos, sinnlich, warm. Warum schreibst Du das in E-Mails, Kai? Warum sagst Du, wir können alles schaffen? Wir schaffen nichts!

Wir sind jung! Wir sind schön! Das hier sind unsere besten Jahre. Wir dürfen die verschwenden, ja! Aber wir müssen glücklich dabei sein. Wir dürfen sie nicht an uns vorbeiziehen lassen, während wir auf richtige Momente warten. Wenn Du wirklich Kinder willst, dann ist jetzt die Zeit dafür. Ich will Kinder. Ich werde Kinder haben. Aber Du bist selbst ein Kind und ich werde keine Zeit mehr verlieren. Du wirst nicht ihr Vater sein.

Siehst Du nicht, wie uns alle überholen? Wie Sven und Caro eine Familie werden? Wie Toni und Anja das Haus ihrer Oma umbauen? Wie Luise Karriere macht? Und Katja? Liest Du die Karten, die uns Enzo aus Indien schreibt? Wie nennt man dieses Vakuum, das wir leben? Wir lügen uns an. Wir spielen diese Rollen, weil wir wissen, dass sie sicher sind. Weil nichts passieren kann. Es muss aber was passieren.
Wer bist Du, Kai? Was willst Du? Leben mit mir? Warum hast Du es dann nie fest gemacht? Mich nie geheiratet? Nie einen neuen Bus mit mir finanziert? Kein Haus mit mir gekauft? Das ist spießig, wir brauchen das nicht. Ich höre, wie Du das sagst! Kai: Warum haben wir kein Kind?

Du bist dir nicht sicher. Du weißt nicht, ob Du das willst. Ich weiß, dass du es nicht willst. Du hast es mir gesagt. Deine Augenbrauen. Wie sie zusammengerutscht sind, als ich Dich auf dem Flohmarkt gefragt habe, ob wir diesen Stubenwagen kaufen wollen. Du warst so irritiert. So erschrocken. Der Gedanke war Dir so fremd. Ich weiß nicht, was du willst. Du weißt es auch nicht. Ein Kind jedenfalls nicht. Du bist feige. Ich auch.

Schon in diesem Moment, da ich diese Zeilen an Dich schreibe, weiß ich dass ich feige bin. Es wäre aufrichtiger gewesen, Dir das alles zu sagen, während Du mir an diesem Tisch gegenüber sitzt und die Nachbarn zum Fenster rein glotzen, weil wir immer noch keine Gardinen haben. Aber das ging nicht. Ich habe mir dieses Gespräch in den letzten Tagen oft vorgestellt. Ich bin Argument und Gegenargument, Rede und Widerrede durchgegangen und immer endete es in der gleichen Katastrophe. Einige Sätze, die ich Dir hier schreibe, habe ich vor dem Badspiegel einstudiert. Ich wollte sicher sein, dass an ihren Rändern nicht doch das eine Gefühl zu Dir herüberblitzt, das ich Dir so gern ersparen möchte. Mitleid.

Du hättest versucht mich zu halten, Kai. Das weiß ich. Warum, weiß ich nicht. Du hättest Zugeständnisse gemacht, Einsicht gezeigt und Besserung versprochen. Du hättest Pläne geschmiedet, Termine vereinbart und Farben zum Renovieren gekauft. Du hättest geweint und gefleht und gebettelt, dass ich bleibe. Du hättest vor mir auf den Fliesen gekniet und deine Würde verloren. Ich will Deine Würde nicht, Kai. Du brauchst sie, das Bisschen, das Du hast.

Es gibt nichts, das Du hättest tun können, um mich umzustimmen. Es gibt nichts, dass Du hättest sagen können, um mich zu überzeugen. Es gibt überhaupt nichts mehr zu sagen, Kai. Meine Entscheidung steht. Ich will sie Dir mitteilen, auch ihre Hintergründe. Aber ich will sie nicht diskutieren. Du findest das arrogant und egozentrisch. Du findest, ich sollte mir auch Deinen Teil der Geschichte anhören. Ich sollte wissen, was meine Worte in Dir auslösen. Womit ich vielleicht recht habe, vor allem aber, womit ich falsch liege. Aber ich bin fertig, Kai. Jede Diskussion wäre Schauspiel meinerseits.

Bitte suche mich nicht. Du würdest mich nicht wiederfinden auch wenn Du mich fändest. Ich möchte nicht länger die sein, die ich in deiner Gegenwart bin. Und ich will, dass Du frei bist. Wozu auch immer. Bitte rufe mich nicht an. Bitte hole mich nicht von der Arbeit ab. Ich will, dass Du kämpfst, ja. Aber nicht um mich.

Lebe wohl, Kai.
Und ich meine das: Lebe wohl!

Mira

Durch eine mit einer rot-weiß-gestreiften Plastikhülle überzogene Büroklammer ist ein weiterer Bogen Papier an dem Brief befestigt. Darauf:

Dinge, die ich Dir lasse, obwohl sie uns beiden gehören:
– Vorräte
– Polstergarnitur
– Messerblock und Induktionstöpfe

Dinge, die ich mitgenommen habe, obwohl sie uns beiden gehören:
– Stehlampe im Wohnzimmer
– iPad
– das gute Geschirr
Das Besteck habe ich geteilt.

Dinge, die ich die hier lasse, obwohl sie mir gehören
– Lavalampe
– Schaukelstuhl
– Orchideen

Dinge, die ich mitnehme, obwohl sie Dir gehören
– Nudelmaschine
– Schmale graue Kunstlederkrawatte
– Heizdecke

Dinge, die ich verkauft habe, obwohl sie Dir gehören:
– Mikrowelle
– Playstation
– Model-Lokomotvien
Das Geld ist im Umschlag. Kauf Dir was Schönes.

M.

Mein Hase

Du bist wach. Du bist allein. Du streckst dich. Du öffnest Facebook. Drei deiner Freunde haben ihr Profilbild geändert. Zwei tragen jetzt Mützen. Einer fährt Ski. Ansonsten keine Neuigkeiten. Keine neuen Likes. Keine neuen Nachrichten. Du rollst durch die alten. Alle gelesen. Alle beantwortet. Du checkst deine E-Mails. Zwei Newsletter. Viermal Spam. Du drückst sechs Mal Entfernen. Du öffnest den Chat. Keiner deiner Favoriten ist online. Du hast große warme braune Augen.

Ich reibe den Schlaf aus meinen und krümle die Körner auf den Teppich. Meine Augen brennen. Das ist einfach nicht mein Biorhythmus. Ich greife zu meiner Kaffeetasse. Sie ist leer. Ich müsste aufstehen und neuen Kaffee aufsetzen. Das geht jetzt nicht. Ich will nichts verpassen. Ich schlage mir die Hände ins Gesicht. Ich ohrfeige mich. Adrenalin macht wach. Ich will jetzt wach sein. Du bist wach. Was machst du?

Du greifst zu deinem Telefon. Keine neuen SMS. Keine Benachrichtigungen. Du rollst durch dein Adressbuch. Du könntest jemanden anrufen. Aber wen? Die Hälfte der Leute hat in den letzten acht Wochen keine Rolle in deinem Leben gespielt. Du löschst ein paar von denen. Du blätterst durch deinen SMS-Eingang. Du liest alte Nachrichten. Du löschst ein paar von denen. Du könntest jemandem schreiben. Aber wem? Oder was? Du kaust auf deinen Lippen. Lass das! Du gehst zum Fenster und legst deine Stirn an die Glasscheibe. Was siehst du?

Ich öffne eine neues Nachrichtenfenster und schreibe dir: „Guten Morgen.“ Wen soll ich als Absender nehmen? Ich lasse es. Stattdessen angle ich die letzte Zigarette aus dem Päckchen. Ich muss neue holen. Ich suche mein Feuerzeug. Ich suche den Aschenbecher. Ich habe keinen Kaffee. Ich raste aus. Ich klemme die Zigarette ohne Feuer zwischen meine Lippen. Ich schmecke trotzdem Rauch. Ich sollte lüften. Ich brauche frische Luft. Du brauchst frische Luft.

Du solltest rausgehen. Nimm dein Handy mit. Dann bin ich beruhigt. Es dämmert schon. Du warst noch nicht draußen. Aber es regnet und du willst nicht raus. Du kriegst eine neue E-Mail. Dein Foto-Netzwerk. So gelingen tolle Schnappschüsse bei tristem Frühlingswetter. Du klickst die Benachrichtigung weg. Du steckst dir eine Zigarette an. Du hast noch massig Zigaretten. Feuerzeug und Aschenbecher liegen griffbereit. Typisch für dich. Du atmest weißliche Schwaden aus. Du bist blass wie ein Geist. So gelingen tolle Schnappschüsse vor Ihrem Rechner. Ich möchte auch eine Zigarette rauchen.

Ich lasse meinen Kopf zwischen meine Knie fallen. Mein Rücken schmerzt. Ich finde mein Feuerzeug hinter einem meiner Monitore. Ich finde meinen Aschenbecher unter dem Tisch. Ich muss tagsüber ein paar Minuten eigenickt sein. Ich kann mich nicht erinnern ihn runtergeschmissen zu haben. Ich strecke meine Beine unter den Tisch. Mit den nackten Füßen schiebe ich die Asche zu einem Haufen zusammen. Ich stecke mir die Zigarette an. Der Filter ist schon ganz aufgeweicht. Ich inhaliere. Wir rauchen eine Zigarette zusammen. Ich muss aufräumen. Morgen früh. Wenn du wieder schläfst.

Du gehst zum Kühlschrank. Du kniest Dich davor. Du hast einen schönen Hintern. Du nimmst das Saure-Gurken-Glas heraus. Viel mehr Auswahl ist nicht. Seit einer Woche warst du nicht einkaufen. Mit den Fingern angelst du in der Brühe. Du nimmst eine Gabel aus dem benutzten Geschirr. Du spießt die Gurke auf und isst sie. Du hast Appetit auf Erdnussbutter. Du hast die Erdnussbutter gestern alle gemacht. Du hast keine Vorräte. Nicht mal Nudossi. Null Überblick hast du. Du läufst zur Süßigkeiten-Schublade. Du findest Gummibärchen. Du magst keine Gummibärchen. Du magst jetzt was Richtiges.

Dein Telefon vibriert. Whopper-Menü heute im Angebot. Milchshake für einen Euro. Du hebst die Augenbrauen. Du lächelst. Du drehst dich und kratzt dich am Hals. Du überlegst. Du entscheidest. Du willst ein Whopper-Menü. Du schlüpfst aus deinem Schlafshirt und lässt es auf den Boden fallen.

Ich halte die Luft an. Deine weiße Haut! Deine Schulterblätter! Deine Hüften! Du verschwindest zum Kleiderschrank. Ich raufe mir Haare. Ich muss daran ziehen. Ich brauche einen Reiz. Bitte nimm das rote T-Shirt! Deine Brust in dem Roten T-Shirt! Du kommst mit dem roten T-Shirt zurück. Ja! Es ist soweit. Heute! Du ziehst Dich an. Deine Schenkel! Deine Waden! Ich muss mich anziehen! Deine Hosen sind eng geworden. Dir steht das. Meine Hosen haben Gummibund. Du wirst mich sowieso nicht bemerken.

Du suchst Deine Schuhe. Du findest Deine Schuhe nicht. Ohne Schuhe kannst du nicht raus. Das passt dir gut. Du willst nicht nach draußen. Willst du nie. Aber du bist hungrig. Dann fällt es dir ein. Deine Schuhe stehen vor der Tür. Du hast sie dort stehen lassen. Sie waren nass und schmutzig geworden. Neulich. Meine Schuhe stehen vor dem Bett. Aber ich brauche eine Jacke. Ich kann nicht im Unterhemd vor die Tür. Ich rase durch meine Wohnung und suche meine Jacke. Ich finde sie auf dem Kochfeld. Ich kam hungrig nach Hause neulich und hatte die nasse und schmutzige Jacke vor dem Kühlschrank ausgezogen. Ich schlüpfe hinein. Ich hole meine Schuhe. Ich gehe an meinen Platz um sie anzuziehen. Wo bist du?

Du kommst aus dem Bad zurück und gehst zur Wohnungstür deines Apartments. Du legst dein Auge an den Spion. Du trittst einen Schritt zurück. Du zögerst. Du trittst wieder zur Tür. Du wartest. Du lehnst dich mit dem Rücken an deine Tür und knallst deinen Hinterkopf dagegen. Du ziehst deine Jacke aus. Du kaust an deinen Nägeln. Als wärest du nicht in Sicherheit! Du lässt dich aufs Sofa fallen. Was ist los?

Du schaltest den Fernseher ein. Dein Fernseher hat Zugriff auf dein Netzwerk. Wie ich. Eine dicke Frau legt Karten. Du nimmst dein Telefon aus der Tasche. Du wählst die eingeblendete Nummer. Du willst nach deiner Zukunft fragen? Wie albern! Du hörst sowieso nicht zu! Die Nummer ist besetzt. Du legst auf und stützt den Kopf auf deine Hände.

Du hast Sehnsucht. Ich habe Sehnsucht. Aber du hast einen Vorteil: Dich gibt es. Ich habe auch einen Vorteil: Du bist naiv. Du hättest die Bilder nicht herunterladen sollen. Nicht auf deinen Rechner und nicht auf dein Handy. Man öffnet keine Dateien von fremden Männern. Du wolltest den Mann kennen lernen. Aber so einen Mann gibt es nicht. Jetzt habe ich dich kennen gelernt. Und ich werde Dich treffen. Heute. Ich schalte deinen Fernseher aus. Du staunst. Du nimmst die Fernbedienung in die Hand. Du kratzt dir irritiert dich irritiert hinter dem Ohr. Du siehst niedlich aus. Die liest die schwarze Mattscheibe als Zeichen. Du erinnerst dich an deinen Hunger.

Du kommst zurück zum Schreibtisch und greifst nach deinem Portmonee. Du zählst dein Geld. Es müsste reichen. Findest du auch. Du gehst wieder zur Tür. Du lauschst ins Treppenhaus. Du fährst dir durch deine braunen Locken. Der Hase traut sich nicht aus seinem Bau! Mein Hase! Du schnappst dir den Schlüssel von der Kommode und traust dich doch. Mit einem Ruck öffnest du die Tür. Zügig fällt sie hinter dir ins Schloss. Bravo! Ich brauche noch ein paar Sekunden. Die Stille in deinem Apartment fesselt mich. Ich sehe es so selten leer. Dein Bau.

Ich stürze ins Treppenhaus und haste die Treppen hinunter. Du wirst den Lift nehmen. Dein Weg ist viel kürzer. Du wirst vor mir da sein. Vor der Haustür atme ich kurz durch. Haltung! Am besten die eines Niemand. Ich höre meinen Puls nicht mehr. Ich betrete die Straße. Der Wind kitzelt hinter den Ohren. Ich schüttele mich. Ich reiße mich zusammen. Der Regen platscht mir auf die Kopfhaut. Das ist erniedrigend. Draußen läufst du ganz anders. Deine Schritte sind größer und fester. Dein Gang ist eine Pose. Deine Pose amüsiert mich. Bald bin ich dicht hinter dir. Ich würdige dich keines Blickes. Du öffnest die Tür zum Restaurant. Du hältst sie mir nicht auf. Du würdigst mich keines Blickes. Ich bin dir zu alt und zu dick. Das hast du klipp und klar geschrieben. Warum solltest du mich treffen? Das hast du geraderaus gefragt. Ich hätte keine Chance. Du bist hungrig. Ich bin hungriger. Ich bin cleverer. Du hattest keine Chance.

Du stehst vor mir in der Schlange. Du bist größer als ich dachte. Kräftiger. In der Kapuze deiner Jacke liegen ausgefallen Haare. Ich reiße mich zusammen. Ich trete näher an dich heran. Du suchst nach dem Sonderangebot auf den Angebotstafeln. Der Erfinder des Sonderangebots steht hinter dir. Ich versuche dich zu riechen. Ich rieche Bratfett. Ich trete noch näher. Der Gedanke dich zu riechen erregt mich. Du hast dich heute noch nicht deodoriert. Aber ich muss mich zusammenreißen. Du bist dran. Deine Stimme ist leise und belegt. Ich mag deine Telefonstimme lieber. Du traust dich nicht nach dem Sonderangebot zu fragen. Du kramst umständlich Münzen aus deinem Kleingeldfach. Ein 2-Euro-Stück rutscht dir aus den Händen und fällt auf den gefliesten Boden. Ich könnte mich Bücken und es dir aufheben. Du würdest mich ansehen. Du würdest Danke zu mir sagen. Vielleicht würdest du lächeln. Ich kann nicht.

Du bückst dich und hebst das 2-Euro-Stück selbst auf. Du siehst dich nervös um. Ich richte meinen Blick auf den Boden. Ich atme tief aus. Ich ärgere mich. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Die Verkäuferin fragt „Zum Mitnehmen?“. Du nickst. Sie wirft den Burger und die Pommes in eine Papiertüte. Den Milchshake stellt sie daneben. Sie faltet die Papiertüte zu und schiebt sie über den Tresen. Du greifst danach. Ich sammle mich. Ich atme tief ein. Du drehst dich um und läufst auf mich zu Richtung Ausgang. Ich nehme meinen Mut zusammen. Ich mache einen Schritt in deinen Weg. Deine Schulter stößt gegen meine. Du rempelst mich an. Deine Schulter ist fest. Du riechst salzig. Ich höre meinen Puls wieder. Du bleibst stehen. Du siehst mich an. Du hast verboten große warme braune Augen. Du hebst deine Augenbrauen. Ich reiße mich zusammen. Ich sage Entschuldigung. Du legst die Hand an meinen Oberarm. Ich zucke. Du sagst: „Kein Problem.“ Mir dreht. Die Verkäuferin fragt: „Bitte?“. Ich kann deinen Blick nicht halten und sehe zur Verkäuferin. Du kannst meinen Blickt nicht halten und siehst zur Tür. Ich sage: „Das gleiche nochmal.“ Du läufst los. Zurück in deinen Bau. Ich sehe dir nicht nach. Du gehst. Ich bleibe.

Besuchszeit (Zweiter Teil)

Ich höre wie der Mann ein zweites und drittes Mal an der Tür rüttelt und durch den Briefkastenschlitz Hallo, Hallo, ist da wer, ruft und danach die Treppe runtertrampelt. Ich schiebe mich leise vom Stuhl, schleiche zum Küchenfenster, sehe durch den Vorhang auf das Blumenbeet des schicken Hinterhofes und bemerke, dass die Scheiben völlig verdreckt sind. Ich schüttele den Kopf, nehme den froschgrünen Eimer aus der Ecke, lasse Wasser über meine Hände auf den Boden des Eimers laufen damit kein Laut nach draußen klingen kann und bin mir sicher, dass die Frau mit den gepunkteten Küchenkram von einem sauberen Fenster auch noch nichts gehört hat. Ich ziehe den Vorhang zurück und putze eine Seite des schmutzigen Fensters bis es streifenfrei glänzt. Die andere Seite lasse ich dreckig, damit sie den Unterschied merkt. Als ich den Eimer wieder in die Ecke stelle, sehe ich, dass die Fliesen an der Kochzeile ebenfalls völlig verdreckt sind. Auch hier putze ich eine Seite der Fliesen. Nachdem ich den Eimer zurückgestellt habe, klopfe ich mir auf die Schulter. Ich spiele an der leuchtenden Anzeige und lasse einen Latte Macchiato in die Tasse laufen. Den habe ich aber jetzt wirklich verdient, denke ich stolz. Als ich über den Automaten putzte, kommt mir die Idee ihm endlich einen Namen zu verpassen. Dabei stelle ich wie im Film die Tasse nach jedem Schluck auf die Untertasse, da ich das Klirren des Porzellans wahnsinnig mag. Ich überlege, ob ich den Kaffeeautomaten nach meiner Mutter oder doch lieber nach meinem Papa benenne. Weil mein Papa äußerst akkurat ist und die Chromstangen der Autos immer blankhaucht und weil es grammatikalisch völlig richtig ist, entscheide ich mich seinen Namen zu benutzen. Den Namen meiner Mutter möchte ich für den schicken chromfarbenen Automaten nicht unbedingt benutzen, vielleicht doch eher für den grünen Eimer. Wie unsere alte Pfarrerin, hebe ich die Hand und sage: „Mein kleiner Täufling, ich taufe Dich auf den Namen Jens! Möge die Taufe Dich vor allem Unheil in der Welt bewahren!“ Feierlich küsse ich über das kalte Metall wie über eine Babystirn und murmle: „Im Namen des Allmächtigen!“. Zufrieden greife ich zum Latte Macchiato und tue so, als würde ich drei Tropfen von dem Kaffee über den Automaten kippen. Ich gehe in den Flur, schlürfe wie die feinen Damen in den Pariser Boutiquen den Kaffee mit der einen Hand, mit der anderen wühle ich in den Fächern und kontrolliere die bunten Schuhe. Schimpfend stelle ich die Tasse ab, nehme das Putzmittel und säubere den verkrusteten olivgrünen Schuh, der mit einer schrägen Schleife aus bunten Strasssteinen besetzt ist. Ich stellte mich vor den Spiegel, halte den glitzernden Schuh vors Gesicht, lächle wie ein Mannequin und versuche in das Ding hineinzuschlüpfen. Da ich nicht hineinkomme, ziehe ich die ausgetreten Turnschuhe an, die ihr Freund achtlos in die Ecke geschmissen hat und denke, von meiner Mutter hättest als erstes eine geschallert bekommen und als zweites hätte sie dir die Latschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf gehauen.

Wie die Mechatroniker in der Autowerkstatt meines Papas, schlendere ich mit den ausgetretenen Turnschuhen im Gammelschritt durch den Flur und bleibe vor der geschlossenen Wohnzimmertür stehen. Ich ziehe das dicke Schlüsselbund vom Hals, räuspere mich laut und frage in verstellter Kinderstimme, ob ich eintreten darf, weil ich einen Wohnungsschlüssel im Treppenhaus gefunden habe. Da sich niemand meldet, drücke ich die Klinke herunter, trete in Zeitlupenschritten ins Wohnzimmer, schleiche zum Fenster und sehe auf die Mittagsstraße. Lust auch diese verschmutzten Scheiben zu putzen, habe ich nicht. Viel lieber will ich den neumodischen Fernseher und die Musikanlage probieren, die ihr reicher Freund von seinem vielen Geld hier aufgestellt hat. Ich muss unbedingt sein Foto suchen. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sieht er gut aus, denn nur gut aussehende Männer haben auch einen guten Technik-Geschmack. Ich schnalze wie mein Papa und suche die Fernbedienung. Bei Frauen kannst du die gesamte Bude auf den Kopf stellen bis du die Fernbedienung findest und dann liegt sie in der Küche im Brotkorb oder im Bad zwischen den Schminksachen. Ich gehe in den Flur und sehe die Fernbedienung neben dem rosa Telefon. Aha, da hat sie während eines Liebesfilms ein Telefonat gehabt. Ich nehme die Fernbedienung, gehe ins Wohnzimmer zurück und mache den glänzenden Flachbildschirm an. Typisch, als erstes die ARD, dann das ZDF und dann das Dritte. Wie meine Mutter ändere ich die langweiligen Sender in ordentliche Sender und zappe bis ich meinen Musiksender finde. Jetzt fehlt nur etwas zu Knabbern und ich könnte hier vor dem Superteil übernachten. Ich greife unter die Fernsehzeitung und finde die fast leere Schale mit den Erdnüssen. Die hat garantiert er ausgefressen. Das zum Beispiel hasse ich an Männerwohnungen. Immer sind die Chips und Erdnüsse weg und nur süßer Kram liegen bergeweise da. Eigentlich kann ich froh sein, dass kaum noch Nüsse in der Schale sind, denn bei meiner Diät ist das wirklich nicht sonderlich gut. Und wie ich mich kenne, würde ich doch früher oder später fast alle Nüsse wegnaschen. Ich höre schon wieder die blöde Richterin labern, dass ich doch von der Gesellschaft versorgt werde und sie meine ständige Verletzung der grundgesetzlich garantierten Privatsphäre keinesfalls weiterhin dulden wird, sie mich aber für überwiegend zurechnungsfähig hält und ich endlich lernen muss die Privatsphäre anderer Mitmenschen zu respektieren. Blablabla, ja, was hat die Kuh in Schwarz denn gedacht, dass ich irgendwie Plemplem bin und anderen unnötig auf den Geist gehe? Aber woher, verehrte Frau Richterin, soll ich denn sonst die leckeren Chips herbekommen? Bei uns zuhause, allerverehrteste Frau Richterkuh, sind die Dinger strikt verboten und es gibt für mich und Papa permanent nur die widerlichen Gummibärchen und die ekelhaft süßen Törtchen. Bei dem Gedanken strecke ich der Richterin die Zunge raus, stibitze mit den Fingerkuppen eine und noch eine und noch eine klitzekleine Erdnuss und entschuldige mich in den Fernseher. Ich schalte einen anderen Musiksender ein, sehe Britney Spears und bekomme Lust bei der Mucke die Jacke auszuziehen. Ich ziehe die gepunktete Strickjacke aus, drehe mich wie meine Britney um die eigene Achse, rufe jä, jä, jä und werfe das gepunktete Teil auf die bronzene Männerstatue. Ich beuge mich zu dem Bronzeboy vor, drehe mich zur Seite, wieder zu ihm vor, nach hinten und zur anderen Seite. Ich ziehe das Hemd aus, trommle rhythmisch auf seinen Sixpack, wackle mit dem Hintern, lege dem Bronzemann die Jacke um den Hals, kreise mit meinen Hüften, umrunde den Kerl und greife ihm rein zufällig unten hin. Ich knöpfe meine Hose auf, beuge mich wieder vor, ziehe die Hosen ein Stück herunter, lasse mich wie der Papst auf die Knie fallen, wirble die Arme durch die Luft und zufällig auch etwas um seine Hüften. Außer Puste setze ich mich hin, ziehe den linken Turnschuh aus und werfe ihn auf die Kaninchenbox zu dem blöde glotzenden Tier. Ich ziehe den rechten Turnschuh aus, rieche darin und denke, bei dem Gestank muss er ja ein wahrer Wohltäter sein. Im hohen Bogen werfe ich den zweiten Schuh auf einen der vielen Stahlarme der Deckenlampe. Ich ziehe die Hose aus, springe hoch, rufe wie meine Britney jä, jä, jä und tanze in der Unterwäsche nach dem Musikvideo. Ich kullere auf dem weißen Teppichboden hin und her und hebe die Schultern bis sie mir der Nacken wieder wehtut und mich daran erinnert, dass ich dringend zu einem meiner vielen Fachärzte gehen muss. Da mir die Luft ausgeht, kullere ich mich ein letztes Mal auf dem Teppich, wackele mit dem fast freien Hintern und hebe schwungvoll den Kopf nach oben, dass mein gewelltes Haar über die Schultern fällt. Dabei stoße ich den Kopf am eckigen Glastisch. Ich greife an die Stelle am Kopf und meckere warum die Frau auch den blöden Glaskasten unbedingt da hinstellen muss. Ich beschließe, dass der Tisch dort sowieso nicht hingehört und schiebe ihn unter das Fenster. Da ich beim Umräumen bin, schiebe ich den Schwingsessel in die andere Ecke, stelle die Stahlvase an die Wand und den roten Blumenkasten neben die Tür. Ich ziehe mein Unterhemd aus, setze mich vor den Bildschirm, lege den Kopf auf die Knie und schaue den fast unbekleideten und gut aussehenden Tänzern von Britney zu. Warum ich dabei plötzlich traurig werde, weiß ich nicht, spüre aber, dass ich unbedingt nackt sein muss. Ich winke in den Fernseher, ziehe langsam die Unterhose aus und tupfe sie auf die linke und rechte Brust. Mit beiden Händen knülle ich sie zusammen, werfe sie wie einen Ball nach oben und fange sie mit dem Kopf auf. Damit ich sie nicht wieder irgendwo liegen lasse und sie urplötzlich bei Gericht als Beweismittel, Nummer soundso landet, ziehe ich sie vorsichtshalber über beide Ohren Ich nasche eine klitzekleine Erdnuss, schiebe die verbliebenen Nüsse in der viel zu großen Schale auseinander, damit keiner merkt, das einige der Dinger fehlen. Ich lasse mich rückwärts auf den flauschigen Teppich knallen und kullere mich noch einmal um die eigene Achse. Auf allen Vieren robbe ich zur Wand und bekomme Lust völlig unbekleidet durch die ganze Bude zu toben. Wie die Jungs im Fernseher springe ich hoch und runter, beuge mich nach vorn, winke den hübschen Tänzern von Britney zu und drehe schließlich die Mucke auf. Ich flitze in die Küche, klemme den Griff des Kühlschrankes zwischen die Hinterbacken, drücke beide Hände darauf und öffne mit zusammengekniffen Backen die Tür. Gierig greife ich den Balugacaviar. Ich nehme die große Dose heraus und halte das kühle Teil zuerst über meine Schläfe, reibe sie danach über die Brustwarzen und zum Schluss über meinen schweißnassen Bauch. Ungeduldig reiße ich die metallene Lasche auf, stecke Zeige- und Mittelfinger hinein und hole das schwarze salzhaltige Gelumpe heraus. Wie die Reichen in meinen Lieblingsfilmen lecke ich die Finger ab und stöhne zur lila Küchendecke, dass die verkackte Gänsestopfleber heute auch noch daran glauben muss. Ich renne zurück in den Flur und stelle mich an den mannshohen Spiegel. Völlig aufgeregt wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter, verstelle meine Stimme und sage mit vollem Mund, dass sie endlich der Teufel holen soll, dass sie nicht mehr so viel mit meinem Papa rummeckern soll, dass sie mich nach all den Jahren endlich auch einen Beruf erlernen lassen soll, dass sie ab jetzt mein Zimmer nicht mehr unerlaubt betreten darf und dass sie sowieso alle Menschen aus unserem Viertel hassen. Ich höre wie meine Mutter mir wie immer ins Wort fällt und sagt, dass ich sofort nach Hause kommen soll und sie mich einschließen wird und dass das heute das allerletzte Mal war, das ich allein außer Haus gehen durfte. Vor Wut, dass sie mich wieder nicht ausreden lässt und wieder einsperren will, trage ich das rosa Telefon ins Wohnzimmer und lege es vor die Box zur Musik von Britney. Trotzig gehe ich zurück in den Flur und tanze vor dem Spiegel, strecke meiner Mutter die Zunge heraus und zeige ihr meinen nackten Hintern. Ich nehme den neongrünen Mantel und lege ihn um die Schultern. Mit dem grünen Teil und dem Kaviar, renne ich zurück ins Wohnzimmer und lasse den Mantel wie ein Modell langsam an meiner Haut herabgleiten. Ich greife den Balugakaviar, stecke Zeige-und Mittelfinger wieder hinein und hole einen ordentlichen Batzen heraus. Johlend schiebe ich den schwarzen Kram in den Mund. Dabei äffe ich die bescheuerte Richterin nach, dass ich eigentlich eine Zumutung für die Gesellschaft sei und im Wiederholungsfall für immer weggeschlossen gehöre. Was heißt hier eigentlich und was heißt für immer, du dusslige schwarz eingefärbte fette Kuh, denke ich, wackle mit den Hintern und drehe den Fernseher auf volle Pulle. Ich nehme das neongrüne Teil, lege es auf den Glastisch, stelle mich auf die grüne Fläche und hebe wie ein Sieger die Arme in die Luft. Mit beiden Händen schmiere ich den restlichen Kaviar auf meinen Körper. Ich reibe das schwarze Zeug zuerst auf das Gesicht, danach über die Schultern, über die Brustwarzen, dann den Bauch, den Hintern, reibe die Beine entlang und zum Schluss über die Füße. Lautstark beginne ich mich abzuschlecken und finde, dass der nackte Typ mit der Zigarette im Mund hammermäßig einen auf James Dean macht. Außerdem finde ich, dass er einen durchtrainierten Body hat und verdammt gut aussieht. Mit einem angedeuteten Arschbombensprung, springe ich vom Tisch und komme vor ihm zum Stehen. Ich strecke ihm die fast leere Dose Kaviar hin, ziehe die Augenbrauen hoch und sage im Ton meiner Mutter in sein verdutztes Gesicht, wenn er sich die ölverklebten Finger ordentlich gewaschen hat und mir verspricht für immer und ewig brav zu sein und alles machen wird, was ich von ihm verlange, darf er, wenn er will, die Rester rauskratzen. Dafür erwarte aber im Austausch als erstes eine Zigarette und will, dass er mich bei meiner nervigen Mutter nicht verpetzt. Ich gehe eine Schrittlänge auf ihn zu, umgreife seine Hände schiebe die Dose zwischen seine Finger und ziehe die Zigarette aus dem Mundwinkel. Weil er nicht reagiert und mich anguckt, als ob ich nicht da wäre, gehe ich einen Schritt näher an ihn heran. Da er immer noch nicht reagiert, schiebe ich meinen Körper die restlichen Zentimeter an ihn heran, bis sich zuerst unsere Fußspitzen und danach unsere Pimmel berühren. Ich sehe in sein Gesicht, lächle und habe Mühe, ihm nicht die ungekämmten Haare zu streicheln. Stattdessen reibe ich mit den kaviarverschmierten Fingern über seine muskulösen Oberarme. Wie die Orang-Utans in unseren wöchentlichen Gruppen-Therapie-Besuchen im Zoo, schiebe ich die Lippen weit nach vorn und stecke mir die halb abgebrannte Zigarette in den Mund. Ich sauge Luft in meine Lungen und beuge meinen Kopf nach vorn, bis meine Haare an seine Brust fallen. Ich öffne den Mund, atme den eingesaugten Atem aus und puste den Qualm an unseren nackten Körpern hinab. Dabei beobachte ich, wie unsere Pimmel den herabsinkenden Qualm in zwei Hälften teilen. Weil mir das irre gut gefällt, ziehe ich noch einmal Luft in mich hinein und puste den Qualm bis zu unseren Pimmelspitzen hinunter. Dabei überlege ich, was ich machen soll, wenn unsere Pimmel hart werden.

Was soll denn daran unnormal sein, frage ich sie? Mal ehrlich, wenn ich hier rauskomme, kann die Richterin etwas erleben. Und auf meine Wohnungsbesichtigung werde ich mein Lebtag nicht mehr verzichten. Darauf kann sie ewig warten. Lieber möchte ich sterben/tot sein.