Aljoscha, Teil V

Aljoscha fiel kopfüber in den Schnee und wurde wach. Ein Mann, der in zusammengeschnürten Fußlappen breitbeinig auf der oberen Stufe stand und auf ihn herabsah, aß den Rest des Kuchens, über den der Junge vor ein paar Minuten eingeschlafen war. Er schrie: „Was willst Du hier? Schere dich weg, Du versperrst mir den Weg! Du Dieb, Du hast den Kuchen gestohlen. Gib es zu!“ Der Junge erkannte das kantige Gesicht mit der flachen Stirn und der breiten Nase und dem zottligen Bart. Oft hatte er in seiner warmen Nische sitzend beobachtet, wie dieser Mann aus unerklärlichen Gründen plötzlich Ränkeleien anzettelte und auf die Gäste einschlug, bis diese zu Boden gingen und regungslos liegen blieben. Selbst der Gastwirt schien jedes Mal vor diesem Mann Angst zu haben, denn er blieb stets still hinter dem breiten Tisch seiner Theke stehen oder ging schnell in die Küche oder den Keller, bis der Kampf ausgetragen war und der Zusammengeschlagene blutüberströmt das Gasthaus verließ. Der Mann drückte mit seinen schmutzigen Fingern den Kuchenrest in einem Zuge in den Mund und wischte sich schmatzend über den ungeschnittenen Bart. Er sprang von der obersten Stufe herunter, drehte sich zu dem Jungen und blieb mit breit ausladenden Armen vor ihm stehen. Der Junge lag immer noch regungslos im Schnee. Der Mann machte einen Schritt auf den Jungen zu, beugte sich über ihn und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. In der Zeit des Schlages griff er mit der anderen Hand geschickt das im Schnee liegende rotlederne Beutelchen, warf es in einem Schwunge hoch und ließ es in seine Hand gleiten. Der Junge, der glaubte, dass der Schlag wegen des Stück Kuchens erfolgte, sagte ehrerbietig: „Herr, verehrter Herr, ich habe den Kuchen eben von einem großherzigen Gönner geschenkt bekommen und nicht gestohlen. Wenn Sie, verehrter Herr, jedoch den Kuchen wollen, dann dürfen Sie ihn selbstverständlich nehmen!“ So als ob er die Worte des Jungen nicht hörte, schlug der Mann ihn ein weiteres Mal in das Gesicht. Dieses Mal heftiger. Er zog den Jungen am hochgestellten Kragen in einem Schwung nach oben, das dieser für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor und sich in die Luft erhob. Dabei löste sich die Jacke aus dem Gürtel und der Junge stand mit freier Brust vor ihm. „Woher hast Du das Beutelchen, Du verdammter Tagedieb?“, schrie der Mann aus voller Kehle. Ohne weitere Worte des Jungen abzuwarten, schlug er mit einem kurzen, aber treffsicheren Schlag genau zwischen die Rippen des Jungen, dass dieser rücklings wieder in den Schnee fiel und sich krümmte. Wieder zog er ihn am Kragen hoch, dieses Mal aber so heftig, dass die Arme aus den Ärmeln rutschten und die Jacke im hohen Bogen in den Schnee flog und der Junge mit freiem Oberkörper vor ihm stand. Wieder schlug er ihm mit einem gekonnten Hieb zwischen die Rippen oberhalb des Magens. Und wieder fiel der Junge. Dieses Mal krümmte er sich nicht. Die Wucht des Schmerzes, die in seinem Leibe einsetze, machte ihn für einen Augenblick atemlos und nahm ihn die Möglichkeit, eine abwehrende Körperbewegung einzunehmen. Stattdessen wartete der Junge im Schnee liegend, bis er wieder Luft holen konnte und sich die Lunge mit Atem füllte. Er holte kurz hintereinander Luft und hauchte: „Bitte, bitte, fremder Herr, bitte lasst mich in Ruhe, ich sage Ihnen doch, wenn Ihr den Kuchen möchtet, bitte, so könnt Ihr ihn haben!“ Voller Gier öffnete der Mann das Beutelchen und schüttete den Inhalt in die Hand. Da sich außer ein paar zusammengeknüllten Zetteln kein Geld darin befand, schüttelte er wieder und wieder an dem Beutelchen. Als immer noch keine Kopeke herausrollte, zog er das Beutelchen auseinander, sah hinein und schlug, als er immer noch keine Münze darin fand, mit der Faust auf das Leder. Er warf die zusammengeknüllten Zettel in den Schnee und steckte das Beutelchen in seine Manteltasche. Von Wut erfüllt, stapfte er nochmal zu dem Jungen und schrie so laut er konnte: „Wo, wo ist das verdammte Geld? Wo hast du das Geld versteckt? Sag es, Du elender Tagedieb! Wo, wo, wo, verdammt noch einmal, wo? Sag es! Sag es!“ Der Junge, der am Tonfall und den ruckartigen Bewegungen die Raserei an dem Manne wiedererkannte, machte sich so klein er konnte. Um den Schlägen soweit als möglich, zu entgehen, kauerte er sich zusammen, zog die Füße an das Gesäß und schlang Arme und Hände um die Lenden und Beine. Der Mann, von der devoten Haltung, die der Junge einnahm, angestachelt, schlug mit den Fäusten auf den Rücken des Jungen wie ein Hungriger auf den Küchentisch. Als ihm die Puste ausging, trat er mit den Füßen auf den Kopf und die Schulter. Benommen von den Schlägen und taumlig von den Tritten, versuchte der Junge sich aufzurichten und an die Barmherzigkeit des Mannes zu appellieren. In diesem Moment beugte sich der Mann nach vorn, um einen vom Baume herunterbrechenden Ast aufzuheben. Beim Umgreifen des Astes kamen sich die Gesichter der Beiden nah. Der Junge sah den starren, tiefen Blick der Augen und begriff, dass alles Bitten und Flehen zwecklos sein würde. Der Mann umgriff mit beiden Händen den Ast, hob ihn hoch, schwang ihn wie eine Peitsche in die Luft, um den Jungen den alles entscheidenden Hieb zu versetzen. In diesem Moment rollte der Junge seinen schlanken Körper durch den Schnee, genauso wie er es vorhin tat, als die Pferde der Kutsche auf ihn zurasten. Er krabbelte zu der Öffnung unter der Treppe und schlupfte hindurch. Der Mann, der über die unerwartete Bewegung des Jungen verdutzt war, hielt den Ast immer noch in die Luft und blieb regungslos stehen. Mit dem Ast in den Händen, stellte er sich vor die schmale Öffnung und schlug so lange auf die Stufen, bis der Ast zerbrach. Der Junge hoffte, dass der Mann zu ungeschickt war, um ihn aus der Öffnung hervorzuholen. Ohne zu wissen, welchen seiner Heiligen er jetzt bitten musste, um zu erreichen, dass diese den Mann völlig betrunken werden ließen, faltete er die Hände und bat laut murmelnd zu den Stufen schauend, in die Richtung, in der er den Himmel und seine Heiligen vermutete. Er bat sie, dass sie den Mann endlich betrunken machten. Er bat sie, dass dem Mann genauso wie den Betrunkenen, die der Junge in den letzten Jahren zuhauf in den Gasthäusern kennen gelernt hatte, die Kräfte entwichen und wie es bei Betrunken üblich war, schnell die Laune verlöre und sich einer neuen Sache zuwendete. Und schließlich bat er seine Heiligen, dass sie den Mann, wenn möglich, abrupt müde werden ließen, in den Schnee sinken und einschlafen lassen sollten. Der Mann stand indes unbeirrt vor dem Loch wie vor einem Fuchsbau und trat abwechselnd mit den Füßen dagegen. Immer wieder beugte er sich vor, griff in das Dunkel der Öffnung und ruderte blind mit der Hand umher. Er spreizte und schloss die Finger zu Schnappbewegungen und versuchte so den Jungen herauszuziehen. Immer wieder sah der Junge die suchende Hand, mit dem vernarbten Handrücken, sah die dicken Finger, an denen einige Glieder fehlten, die in Richtung seines nackten Oberkörpers schnappten. Als der Mann von der Raserei erschöpft war und er begriff, dass er den Jungen auf diese Weise nie zu fassen bekommen würde, trat er nochmal wütend gegen die Bretter der Öffnung und gab lauthals Flüche über Löcher käuflicher Frauen ab, die der Junge jedoch nicht verstand. Zum Abschluss schlug er nochmal prüfend auf jede einzelne Stufe, ob nicht doch eine Möglichkeit bestand, den Jungen aus dem Versteck zu zerren und zu verprügeln. Als er erkannte, dass die Stufen fest vernagelt waren, fluchte er nochmals und verschwand. Der Junge kauerte still in dem Loch. Er lehnte seinen Kopf gegen die Bretter des Gasthauses und sah wie einzelne Zettel des Beutelchens vom Schneegewölk einer Windböe erfasst wurden, hochwirbelten und in einem Schwung direkt vor dem Eingang seines Versteckes zum Liegen kamen. Trotz oder weil er nicht wirklich lesen konnte, reizte ihn die Neugierde zu erfahren, was auf den Zetteln geschrieben stand. Auf allen Vieren krabbelte er aus dem Loch heraus, griff nach den Zetteln, die eben noch vor ihm am Boden lagen und die nun wieder von einer Böe erfasst wurden, sich in die Luft erhoben und wild um seinen Kopf tanzten. Von der unsichtbaren Macht der Böe angelockt, krabbelte er weiter und weiter und erhaschte einen nach dem anderen. Nach all den Schlägen, deren Wirkung noch nicht ganz in seinem Körper angekommen war, empfand er auf einmal Freude. Er drehte sich flink von rechts nach links, von oben nach unten. Nachdem er die Zettel eingesammelt hatte, griff er das am Boden liegende letzte Stück Papier. Er beugte sich über das Blatt und bemerkte, wie sich ein Schatten erst über das Blatt und dann über ihn schob.

Aljoscha Teil IV

Er setzte sich auf die Schwelle des Gasthauses, das ihn und seine Geschwister all die Jahre zuverlässig ernährt hatte und das ihm deswegen jetzt der vertrauteste Ort auf dieser Welt war. Aljoscha wusste, würde er jemals zu Gelde kommen, würde er viele solche Gasthäuser über das Land verteilt bauen, den Kindern darin Zuflucht gewähren, sie jeden Tag mit süßem Brei und Kuchen ernähren und ihnen das Alphabet in schönen großen Buchstaben auf die Fensterscheiben schreiben lassen. Außerdem würde er darauf achten, dass keiner der anderen Gäste jemals die Hand gegen eines der Kinder erheben würde. In diese wunderbaren Gedanken versunken, lehnte er seinen Rücken an die Hauswand aus dicken übereinander gefügten Kiefernstämmen. Er drehte den Kragen hoch, drückte seinen schlanken Hals in den schmutzigen Stoff hinein und überkreuzte die Beine. Weil er dennoch zu frieren begann, schnürte er den aus Lederresten verflochtenen Gürtel, der seine Hose und die dünne Stoffjacke nur leidlich zusammenhielt, enger um die Taille und hauchte über die erkalteten Fingerkuppen. Dabei hörte er durch das geschlossene Fenster die vielen Stimmen, die wild durcheinandersprachen. Da er von je her nicht die Neigung der Anderen besaß, Dinge, die ihn bewegten seinen Mitmenschen mitzuteilen und deswegen auch von klein auf, keinerlei Veranlassung verspürte, mit irgendjemanden über das notwendige Maß hinaus ins Gespräch zu kommen und wegen dieser Eigenschaft in früheren Jahren manchmal in der Nachbarschaft sogar als geistig zurückgeblieben gegolten hatte, wunderte er sich nicht wirklich über das Gemurmel. Schon lange hatte er es aufgegeben herauszufinden, was Leute dazu antrieb, immerzu zu erzählen, anstatt sich still über den Tag, die Heiligen und die schöne Natur zu erfreuen. Eine Zeit lang hatte er es wie die Anderen versucht. Aber egal was er erzählte, sie machten sich entweder mit hämischen Sprüchen über seine Worte lustig oder fuhren ihm bei jedem zweiten Satz über den Mund, sodass er seine Gedanken oftmals nicht zu Ende bringen konnte. Und so nahm er es als eine Art Schicksal an, den Anderen still zuzuhören und dann und wann, wenn diese eine Pause einlegten, nachzufragen oder sie wortlos anzusehen, zuzustimmen oder auch gar nichts dergleichen zu tun und ihnen stattdessen zu versprechen für sie und ihre Sorgen zu beten. Die Erfahrung schien dem Jungen Recht zu geben. Bemühte er sich mit ihnen um eine Tagearbeit, bekam meist er den Auftrag und nicht die Gesprächigen. Zufrieden rieb Aljoscha den Kopf über die Rinde der Kiefernstämme und betrachtete den leckeren Kuchen, den der freundliche Mann ihm eben auf der Straße einfach so in die Hand gelegt hatte. Er rieb sich über die Stelle der Stirn, auf die ihn der Fremde eben geküsst hatte und überlegte, wann er das letzte Mal einen so unerwarteten Kuss erhalten hatte und ob er überhaupt schon einmal von einem Mann geküsst wurden war. Dass seine Mutter so etwas mit ihm früher vor dem Zubettgehen gemacht hatte und er mit solchen Aufmerksamkeiten häufiger bedacht wurden war, als die sieben Geschwister, begriff er immer dann, wenn sie ihn nach dem Kerzenlöschen in die Waden kniffen, einen Klaps auf die Schulter gaben oder die kleinen Geschwister beim Fortgehen der Mutter weinten und von ihm getröstet werden wollten. Er lächelte über den Gedanken, zwickte sich selbst in die Seite und beschloss, all seinen Geschwistern, wenn er nachher Hause käme, mindestens einen Kuss auf die Stirn und einen weiteren auf den Mund zu geben. Glücklich über seine Idee, schob er die Zunge über die Zuckerkruste und tupfte sanft über die unebenen Klümpchen, die der Bäcker wohl in der Schnelle seiner vielen Handbewegungen unachtsamer Weise darauf verteilt haben musste. Nach einer Weile machte er eine Pause, schob den runden Marmorkuchen vor die Augen und schaute ihn aus der Tiefe seines hochgeschobenen Kragens an, als wollte er sich noch einmal überzeugen, dass er tatsächlich im Besitze eines so schmackhaften Kuchens war. Er hielt ihn an die Nase und sog den Duft des Teiges in sich hinein. Aljoscha streckte die Zunge soweit er konnte heraus und begann mit der Zungenspitze kleine Kreisbewegungen über die Klümpchen zu ziehen, bis diese glatt geleckt waren. Unebenheit für Unebenheit leckte er so Stück für Stück herunter. Und Schicht für Schicht leckte er anschließend auch den dicken Zuckerguss ab. Als dieser abgeleckt war atmete er zufrieden ein und aus, schloss die Augen und begann in den Teig zu beißen. Endlich spürte er ein Mandelstück. Er pulte es aus dem Teig, schob es zwischen die Zähne, verharrte einen klitzekleinen Moment und zerknackte es schließlich. Das Geräusch gefiel ihm. Wieder begann er zu pulen und holte ein weites Mandelstück hervor. Auch bei diesem machte er eine Pause und biss darauf. Aljoscha pulte und pulte bis der Kuchen in zwei Hälften zerbrach. Dankbar gedachte er des fremden rothaarigen Mannes, mit den lustig klingenden Glöckchen an den Stiefeln und der schönen Pelzkappe, der ihn völlig unerwartet geküsst hatte und dessen Kuss er immer noch als angenehm empfand. Er freute sich über seine Heiligen und war sich sicher, dass sie ihn nie verlassen und auch weiterhin beschützen würden. Mit dieser Gewissheit, die er schon als kleiner Junge aus irgendeinem Grunde in sich trug und die ihm schon frühzeitig das Gefühl gab, eines Tages still für Gottes Ruhm und Ehre tätig werden zu dürfen, schlief der Junge auf der oberen Stufe kauernd und sich in einem Kloster mit weißen hohen Mauern sehend und allerlei Geschenke an die Armen verteilend, ein.

Aljoscha III

Aljoscha, der noch nie in seinem Leben gestohlen hatte, und der sich so eine furchtbar Tat, trotz seines immerwährenden Hungers auch für sein weiteres Leben nicht wirklich vorstellen konnte, ließ den Beutel, der ihm aus einem unerklärlichen Grunde in die Hand gekommen war, vor Schreck wieder in den Schnee fallen. Ängstlich drehte er sich um, um zu prüfen, ob ihn womöglich ein neugieriger Straßenpassant bei seinem Funde beobachtete und falsche Schlüsse daraus zog. Er betrachtete den Beutel mit der glänzenden Messingschnalle und bestaunte den goldenen Farbton, den er sonst nur vom Abendmalkelch und den reich verzierten Ikonen kannte. Er freute sich über das angenehme Gefühl, das der Glanz ihm in die Augen brachte. So, als wollte er die Schläge seines Vaters artig in Empfang nehmen, beugte er seinen Kopf langsam nach vorn, streckte den Rücken gerade, schob den Hintern etwas heraus und ließ die Arme geradewegs über die goldgelbe Stelle im Schnee hängen. Er beobachtete, wie der Glanz zusehend unter den herabfallenden dicken Flocken verschwand. In dieser Haltung drehte er sich noch einmal nach links und rechts, fand aber keinen Passanten weit und breit. Aljoscha wusste, dass es nicht richtig war, fremdes Eigentum an sich zu nehmen. Und dennoch tat er es. Aus einem ihm unerklärlichen Triebe und gegen seine innere Überzeugung und sicherlich auch weil er den Fund gleich morgen einem hohen Beamten der Stadt überreichen wollte, umgriff er mit beiden Händen das rotlederne Bündel mit der schönen goldleuchtenden Schnalle und schob es unter sein Hemd und drückte es an die Rippen. Die Kühle des Metalls, die er spürte, empfand er, trotz dessen er fror, als angenehm. Er schloss die Augen und glaubte zu fühlen, wie der Glanz seinen Körper durchdrang. Magensäure stieß in ihm auf und sein Bauch begann zu schmerzen und erinnerte ihn, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Er öffnete die Augen und starrte auf die Tür des Gasthauses, die sich soeben knarrend auftat und aus der ein Schwall würziger Düfte herausströmte. Ganz gegen seine Gewohnheit und ganz gegen die Order des Gastwirtes keinen der wertvollen Gäste auch nur im Geringsten zu belästigen, sprach der Junge den nahezu zwei Meter großen Mann mit runder Pelzmütze und knielangen Ledermantel an, der soeben die Stufen des warmen Gastraumes heruntertaumelte. Der Junge trat einen Schritt beiseite und musterte die bunten Stiefel mit den Glöckchen am Schaft. Er verbeugte sich und sagte ehrerbietig: „Verehrter Herr, sehr verehrter hoher Herr, bitte geben Sie mir ein Stück von dem, was Sie in der Hand haben. Ich weiß, hoher Herr, dass es sich nicht geziemt, ehrbare Herren anzubetteln. Aber ich habe Hunger und mein Vater hat meine sieben Geschwister zu ernähren. Ich komme auch morgen zu Ihnen und fege Ihre Stube sauber. Ganz gewiss, hoher Herr!“ Der Mann, der schwankend an dem Jungen vorbei gestolpert war, drehte sich um und fragte jedes Wort einzeln betonend: „Sieben? Sieben Kinder hat dein Vater? Soso! Hast Du auch richtig gezählt?“ Aljoscha verbeugte sich noch tiefer und antwortete kaum hörbar: „Ja, hoher Herr! Gewiss, es sind drei Jungen und vier Mädchen, mit mir also acht!“ Wieder fragte der Mann die Worte betonend: „Drei, sagt du? Soso. Acht? Und Du lügst mich auch nicht an?“ Er kaute und betrachtete aus dem Augenwinkel den Jungen, der mit bauen Lippen und durchgeweichten Fußlappen vor ihm stand. Der Mann hörte plötzlich auf zu kauen und hielt die Speise, die der Junge begehrte, in den Schatten des Fensters. Der Junge, der die Speise immer noch nicht erkennen konnte, aber umso mehr sehnte, drehte seinen Kopf blindlinks nach dem begehrten Stück im Dunkel der Nacht, wo er es vermutete. Der Mann, der dies beobachtete, tat so, als ob er weiter aß und sagte mit vorgetäuscht vollem Munde: „Kannst Du überhaupt zählen und schreiben? Weißt Du überhaupt, wie eine Acht geschrieben wird?“ Dabei pusselte er fortwährend an den Lippen und schmatzte. Aljoscha beugte sich noch tiefer, dass er fast vornüber und dem Fragenden auf die Stiefel gefallen wäre und sagte erleichtert: „Ja, aber ja, verehrter Herr, ich kann zählen und schreiben!“ Damit der Herr nicht auf die Idee kam, ihn nach Zahlen zu fragen, die er noch nicht kannte oder schon wieder vergessen hatte, kauerte sich Aljoscha vor ihn in den Schnee und malte vor dessen eisenbeschlagenen Stiefelspitzen in Schönschrift und mit ausladenden Handbewegungen die Zahlen Drei, Vier und Acht. Der Mann, der sichtlich erstaunt war und dem Jungen das in den Schnee Geschriebene sofort glaubte, ließ überrascht die Speise fallen. Er schob die Mütze in den Nacken, kratze sich am rotblonden Stirnhaar und ging wortlos auf die Straße. Nach wenigen Schritten blieb er abrupt stehen, drehte sich um, ging den Weg zurück und hob die Speise auf. Er wiegte seinen Kopf im Schneegewölk und wedelte mit seiner breiten Hand vor dem Gesicht des Jungen. Er betrachtete die klaren, braunen Augen, die schmale Nase und den etwas zu klein geratenen Mund mit den blauen Lippen. Er nahm die Hände des Jungen, legte das eben Weggeworfene hinein und sagte im sanften Ton, den man dem stattlichen Mann mit seiner lauten Stimme niemals zutrauen würde: „Und das Du schön brav weiterlernst. Ich sage dir, mein Junge, aus dir wird einmal wer, vielleicht ein Beamter. Man weiß nie!“ Bei dem Wort nie, tätschelte er dem Jungen zärtlich über die Wange und kämmte ihm das nasse, schneeverklebte, schulterlange Haar zu einem Scheitel. Er drückte sein rundes Gesicht mit dem rotblonden Backenbart an das blasse Gesicht des Jungen, umgriff dessen Hals zog ihn an sich heran und gab ihm einen schmatzenden Kuss auf die Stirn. Dann drehte er sich um und ging, dass die Glöckchen an den Stiefeln erklangen. Dabei sagte er: „Drei, soso, Acht, aus dem wird nochmal etwas Großes! Sieben Geschwister, und er kann Schreiben und Lesen. Wer hätte das gedacht? „Trällernd bog er in den abschüssigen, unbefestigten Seitenweg ein, der in einen tückischen rechten Winkel zum Bach hinabführte und auf dem sich schon viele ihre Knöchel nicht nur im winterlichen Schneegestöber an den vielverzweigten tiefen Wagenfurchen verstaucht hatten und auf dem schon so mancher Betrunkene abkam und in die unübersichtliche nahe Wasserbiegung rutschte und von dort fortgeschwemmt wurde. Er pfiff eine fröhliche Melodie in die Nacht und rief: „Soso, drei, aus dem wird noch mal ein Beamter. Ich sage euch, fein wird er werden, fein, drei und vier, eine sehr feine Acht. Ich spüre sowas!“ Vom eben Geschehenen verunsichert, wischte sich der Junge mit der einen Hand die Spucke vom Mund und schob mit der anderen Hand geistesabwesend langsam das eben Geschenkte zwischen die Lippen und biss darauf. Die Süße des Zuckers und das Aroma der Schokolade, die er beim Kauen auf einmal auf seiner Zunge verspürte, machten ihn glücklich. Er winkte dem Mann, von dem plötzlich weder sein Trällern noch das Glöckchengeläut zu hören waren, hinterher und rief: „Danke, danke für das schöne Stück Kuchen. Gott beschütze Sie, verehrte Herr! Gott gebe Ihnen ein langes und gesegnetes Leben

Aljoscha, Teil II

Um sich abzustützen ließ der Angetrunkene, der dem Geruche nach in sein Beinkleid uriniert haben musste, seinen Kuchen fallen. Aljoscha half dem völlig Betrunkenen beim Aufstehen, stellte sich aber dabei so geschickt zwischen den Mann und das Stück Kuchen, dass es der Betrunkene trotz des Suchens, nicht finden konnte. Aljoscha wusste nur zu genau, dass Betrunkene, wenn sie ihr Ziel aus den Augen verloren, recht schnell etwas anderes unternahmen. Mit dieser Beobachtung hatte er schon mehr als einmal Schläge von seinem Vater abhalten können. Aljoscha stellte sich vor den Mann, stützte ihn übertrieben heftig unter dem Arm und sagte in seiner seit frühen Kindertagen anerzogenen ehrerbietigen Stimme: „Väterchen, verehrtes Väterchen, Sie müssen nach Hause, sonst erfrieren Sie hier auf der Straße. Gehen Sie, sehr verehrtes Väterchen, gehen Sie bitte hier entlang, Ich stütze Sie. Gehen Sie, es ist dunkel. Gehen Sie hier entlang, ich zeige Ihnen den Weg!“ Dabei verneigte er sich, wie es ihm seine geliebte Mutter beigebracht hatte, weil sie wusste, dass Leute wie sie im Leben nur weiterkommen würden, wenn sie sich tief genug vor anderen verneigten. In ihrer Erziehung bestand sie bei all ihren Kindern umso mehr auf der tiefen Verbeugung, da es ihrer Meinung außerdem die einzige Möglichkeit war, kostenlos Menschen für sich zu gewinnen oder, wenn sie Groll in sich trugen, diesen ohne Aufhebens aus der Welt zu schaffen. Aljoscha verneigte sich, wie er es gelernt hatte vor dem seiner Meinung nach nicht allzu hohen Herren und zeigte mit seiner Tschapka zur Straßenmitte, die der Betrunkene nun überqueren müsse. Der Mann machte sich ruckartig und mit einem verächtlichen Blick von dem frierenden Jungen los, sah von den Fußlumpen hinauf zu dem dürftigen Schal, der nicht wirklich den Hals und die dünne Brust des Jungen bedeckte, drehte sich noch einmal nach dem Kuchen um, schien aber nicht mehr so recht zu wissen, was er eigentlich suche, schüttelte den Kopf und fluchte unverständliche Worte und blieb mitten auf der Straße stehen. Eine vorbeifahrende Kutsche brachte Aljoscha endlich die rettende Idee. „Väterchen, verehrtes Väterchen“, sprach er ihn mit einer ungewohnt listigen Stimme an, „passen Sie auf, sonst werden Sie von der Kutsche überfahren. Sicherlich ist der Fahrer wieder betrunken. Kommen Sie, schnell, kommen Sie, Verehrtester, ich bringe sie rasch auf die andere Seite der Straße!“ Er griff dem Mann kräftig am Arm und zog ihn von der Straße herunter, drehte ihn in die Richtung, in die der Angetrunkene ursprünglich gehen wollte und gab ihm einen Schubs auf die Schulter, dass der Betrunkene fast wieder hinfiel. Der Mann gehorchte seinen mahnenden Worten, brabbelte etwas von der Jugend, die so gar nichts taugt, und das er als er so jung war, schneidig gewesen wäre, einem heldenhaften General gleich und die Weiber, allesamt, die gesamte Weibsbilderschaft, nur ihm gehorcht hätte. Dabei pfiff er, so gut er es in diesem Zustand noch konnte und nuschelte immerzu: „Jawohl, General, jawohl, Weibsvolk, General, alle Weiber.“ Danach verschwand er, eine Linie von Wassertropfen auf seinem Weg zurücklassend im Schneegewölk.
Aljoscha konnte mit dem Inhalt seiner Worte nichts anfangen, wusste aber, dass Betrunkene zuweilen in nassen Beinkleidern von schneidigen Generälen und willigen Frauen, die angeblich alles machen würden, sprachen. Er rannte auf die Mitte der Straße zurück und suchte das Stück Kuchen, das verschneit irgendwo in seiner Nähe liegen musste. Von dem Stück beseelt und von seinem Hunger getrieben, kniete er sich auf die Straße und tastete mit seinen erfrorenen Händen in das Schneegestöber. Der, so schien es ihm jetzt, nur ihm zum Schure in noch dickeren Flocken herabsank, um auf seiner schmalen Nase und seinen langen schwarzen Wimpern, den verklebten Haarlocken und dem viel zu dünnen Schal, niederzugehen und ihm den Blick auf das begehrte Stück Kuchen zu verwehren. Trotzig schüttelte er seinen Kopf, hob die Hände in den Himmel und sagte leise, fast flehentlich in seiner ehrerbietigen Stimme. “Ihr Heiligen, ihr Heiligen, ihr Lieben, bitte, bitte, lasst mich den schönen Kuchen finden. Ich bitte Euch sehr darum. Ich habe so lange keinen mehr gegessen! Ich schwöre, ich schwöre, ich werde ihn auch mit meinen Geschwistern teilen. “ Er ließ die Hände sinken und sah auf die weiße Straße mit den schwarzen Kutschspuren, die vom frisch fallenden Schnee zusehends aufgefüllt wurden. Er lief von einer Seite der Straße zur anderen und wieder zurück. Er lief vor, zur Seite, machte einen Kreis, dass man hätte in dem dichten Schneegestöber leicht glauben können, einen Betrunkenen, wie sie zu dieser Stunde oft unterwegs sind, sehen zu können. Verwirrt von dem Speichel der sich in immer größeren Mengen in seinem Munde ansammelte, benommen von dem Schmerz den die Säure in seinen Magen anrichtete und irre von dem Wunsch nach der ersehnten Süße des Kuchens, ließ er sich erschöpft vor den Rest der Wagenspur niedersinken. Er breitete die Hände aus und wünschte sich hier und jetzt endlich sterben zu können. Langsam ließ er seinen dürren Körper nach vorn in den Schnee fallen. Er wusste, wenn er jetzt nicht wieder aufstand, dass er starr und kalt werden würde, wie der Mann heute Nachmittag, zwischen dem Arzt und der Heilerin. Plötzlich und aus einem unerklärlichen Triebe heraus, sei es weil er sich um seine Geschwister sorgte, oder weil er immer noch zu viel Lebenswillen innehatte, stellte er sich auf die Knie, stützte sich in die aufgetürmten Schneewehen und spürte auf einmal das Stück Kuchen zwischen seinen eiskalten, starren Fingern. Er setzte sich wie ein Kleinkind breitbeinig auf die Straße und begann zu weinen. Er weinte dicke Tränen, wie man es dem schlanken, zähen Jungen, der durch Schläge nicht nur seines Vaters groß geworden war, niemals zugetraut hätte. Er weinte, dicke Tränen, dass die Flocken auf seinen Wimpern und den verfilzten Haarspitzen zu schmelzen begannen. Er weinte, dass die Tränen auf den Kuchen tropften und den Schnee darauf zum Schmelzen brachten und die verschiedenen Farben der Kuchenzutaten zum Vorschein traten. Er weinte, weil er lange nicht mehr geweint hatte. Er weinte, weil der Vater irgendwie anders geworden ist, seit er seine geliebte Mutter mit eigenen Händen eingegraben hatte. Und schließlich weinte er auch, weil sein Vater ihm an diesem Tage verboten hatte, am offenen Grabe vor den acht Geschwistern zu weinen. Aber am meisten weinte er, weil das schöne Stück Kuchen, nach dem er sich von ganzem Herzen gesehnt hatte, von der Kutsche zerfahren und nun zermatscht vor ihm in zwei Teilen im Schnee lag. Er hob die zwei Stücke auf und versuchte sie mit den steifen Fingern zu streicheln. So, als ob er seiner geliebten Mutter ins Gesicht sah, um sich für eine ihrer vielen Zärtlichkeiten zu bedanken, schaut er in den Himmel und sagte in seiner gewohnt ehrerbietigen aber immer noch verweinten Stimme: „Danke, ihr Heiligen, danke Euch allen!“ Er sah auf die Marmorierung des Kuchens und legte beide Stücke jeweils auf einen Oberschenkel. So als wollte er seine eben gedachten Gedanken des Freitodes im Schnee dennoch umsetzen, legte er sich an die Stelle der Kutschspur, pustete sie vorsichtig frei und begann mit beiden Daumen an dem Steinpflaster zu kratzen. Dabei pustete er immer und immer wieder Schneeflocken von den Kutschspuren weg. Behutsam sammelte er die Krümel des Kuchens, die er von dem schmutzigen Pflaster abkratzen konnte, auf und streute sie vorsichtig in seine Seitentasche. Danach nahm er seine zwei Kuchenhälften, stand auf, bekreuzigte sich noch einmal an der Stelle, wo der Kuchen gelegen hatte und ein zweites Mal mit Blick in den Himmel, wo er die Heiligen vermutete. Mit beiden Händen schützte er die zwei Hälften und trug sie, wie der Pfarrer den allsonntäglichen Kelch vor seiner Brust. Er hauchte über seine Finger, damit der Schmerz, der sich darin befand, endlich verschwand. Taumelnd setzte er sich an den Rand der Straße, sah sich die beiden Hälften an und schätzte deren Größe. Das kleinere der beiden wickelte er in sein Taschentuch und steckte es zu den Krümeln in die Tasche. Das Größere nahm er in beide Hände und versuchte es zu erwärmen. Wieder hauchte er über seine Hände und hoffte so endlich den darin befindlichen Kuchen essbar zu machen. Er stand auf und lief in einem Glückstaumel die dunkle Straße entlang. Er sah die großen Augen seiner Geschwister, ihr erstauntes Lächeln, ihre vielen Fragen und das tagelange Erzählen von dem herrlichen Fund. Voller Glück lief er schneller und schneller und hatte das wunderschöne Gefühl, zu fliegen. Er lief und rutschte an einer frischen Schneewehe aus. Die Kuchenhälfte fiel zurück auf die Straße. Aljoscha erwachte aus seinem Glückstaumel und tapste auf allen vieren der Kuchenhälfte, die im dichten Schneefall verschwand, hinterher. Die heranfahrende Kutsche, vor die er den nicht so feinen Herren eben noch gewarnt hatte, fuhr im Eiltempo über das Kopfsteinpflaster und die Peitsche surrte durch die Luft. Betäubt von dem kostbaren Verlust suchte Aljoscha weiter und bückte sich in die frische Schneewehe. Die Kutsche raste auf den Jungen zu. Aljoscha sah von der Stelle, an der er die Kuchenhälfte vermutete, auf. Er sah die herannahenden Pferde und warf seinen dünnen Leib in die Schneewehe und drehte sich von dieser an den Straßenrand. Er stand auf, betastete sich von den Fußlappen bis zum Schal und konnte kaum glauben, unversehrt geblieben zu sein. Erschöpft von dem Schreck und erschöpft vom Abtasten, kauerte er sich auf den Bordstein, hob die Hände nach oben und sagte in seiner ehrerbietigen Stimme: „Danke, danke, ihr Heiligen, habt vielen, vielen Dank“. Er verbeugte sich ins Dunkel und sackte zusammen. Im Liegen zog er das Stück Kuchen aus der Hosentasche und entfernte das Taschentuch. Er öffnete den Mund und schob die Zunge heraus, um endlich die ersehnte Süße zu schmecken, um die er sich seit über eine Stunde so verzweifelt bemühte. Als er die Stelle erkannte, an der er lag, stieß er sich vom Bordstein ab. Dabei umklammerte er ein im Schnee liegendes morsches Stück Holz und schubste seinen schlanken Körper in einem Zuge nach oben, dass auch die zweite Kuchenhälfte im hohen Bogen im Schnee verschwand. Mit letzter Kraft rannte er über die Straße zum Licht des Gasthauses und stellte sich vor das Fenster an dem er heute Nachmittag seine Buchstaben geschrieben hatte. Verwirrt vom Tage und verwirrt auch vom eben Erlebten, starrte er zum Licht und von diesem auf seine immer noch zitternden Hände. Zwischen den Fingern hielt Aljoscha statt des morschen Holzes, einen rotledernen Beutel mit einer aufwendig verzierten Messingschnalle.

Aljoscha, Teil I

Sobald er bemerkte, dass einer der Männer mit den dickbepelzten Kragen den Gastraum zu verlassen gedachte, sprang Aljoscha vorsorglich auf und wartete, bis dieser das Speisegeld für alle im Raume hörbar, Münze um Münze, auf den Tisch warf. Bevor der Wirt das Geschirr vom Tische nehmen konnte, kratzte Aljoscha hastig die Rester aus der Schüssel und leckte sie aus. Gierig griff er den Becher und trank in einem Zuge, was der Gast bewusst oder unbewusst zurückließ. Nicht selten machten dem Jungen die Getränke wirre und er schlief in der Nische ganz gegen seinen Willen ein und konnte so keine weiteren Speisereste für den Abend erhaschen. War der Gast reich, ließ dieser, teils weil sein Magen bereits gefüllt war, teils aus purer Hochnäsigkeit vor dem Jungen oder vor den anderen Gästen, aber manchmal auch nur aus Barmherzigkeit einen nicht zu Ende gegessenen Knödel oder gar ein Stück angebranntes Fleisch auf dem Teller für ihn liegen, wischte sich demonstrativ den Mund mit dem Ärmel ab, um mit gespielt mürrischem Blick den Teller wegzuschieben, aufzustehen, dem Jungen zuzunicken und wortlos zu gehen. Manchmal beobachteten sie sich beide und der Gönner hatte Freude daran, den Jungen an der Nase herumzuführen und den zurückgeschobenen Teller wieder an sich heranzuziehen und schmatzend weiter zu essen. Aljoscha war gut im Erkennen dieses Spiels, hatte er sich doch von klein an, an die Gesichter, Bewegungen und die Kleidung, der mehr oder weniger lauten Herren, gewöhnt. Und so konnte er über die Jahre einige der Gäste mit einem Lächeln, einem traurigen Gesichtsausdruck oder mit gespieltem Desinteresse für sich gewinnen und so wenigstens die vier kleinen, der acht Geschwister, leidlich miternähren. War kein Gönner am Tische zu erkennen oder war der Gastraum leer und forderte der Wirt von ihm keine Gefälligkeiten, wie Putzen, Holz holen, Asche wegschaffen, ausfegen, machte Aljoscha das, was er in dieser warmen Stube an den nie richtig hell werdenden Wintertagen am liebsten tat: er schmiegte sich in die Nische wie an die Brust seiner längst verstorbenen Mutter und sah stundenlang aus dem Fenster.

Er hauchte ein Loch auf die vereiste Fensterscheibe und beobachtete in dem kleinen Ausschnitt wie die aufgebrachte Menschenmenge langsam auseinanderlief, die sich zum einen hinter die schreiende Heilerin Feodora Iljanowa und zum anderen um den um Sachlichkeit bemühten Arzt Anatolij Michail gescharrt hatten. Den im Schnee liegenden Fremden, um den der ganze Streit im Ursprünglichen gegangen war, ließ man, weil er während des Streitgespräches der beiden erfroren war, für den Leichengräber liegen. Aljoscha faltete die Hände und betete, dass der Fluch, den Feodora Iljanowa vor einer halben Stunde über ihn sprach, weil er sich auf die Seite des Arztes gestellt hatte, wirkungslos bleiben möge. Um sich von ihrem Fluche abzulenken, malte er mit dem Zeigefinger auf die andere Scheibe der Nische Buchstaben, wie er sie vor Jahren einst mit Begeisterung in der Schule gelernt hatte und wie er sie manchmal auf diesen Scheiben nur so zum Zeitvertreib übte. Auch heute begann er mit dem ersten Buchstaben des Alphabetes. Dabei strahlte er, dass sich das Kerzenlicht des Gastraumes in seinen braunen Augen spiegelte. Es folgte der zweite und dritte, der vierte und fünfte Buchstabe. Als die Scheibe vollgekritzelt war, machte er eine Pause und hoffte, dass sie schnell wieder beschlage, damit er weitere Buchstaben auf die Scheibe malen könne. Er drehte sich um und kontrollierte, ob nicht in der Zwischenzeit ein Gast gekommen oder ein anderer sich anschickte zu gehen oder einer mit ihm ein Spielchen, um die Essensreste auf seinen Teller spielen wolle. Nichts von alledem, die Gaststube, war bis auf ein paar bekannte Trinker, die allesamt Geizhälse waren, leer. Er kritzelte in die andere Scheibe den sechsten, siebten achten und neunten Buchstaben und freute sich, dass er nach all der Zeit endlich wieder einmal bis zum neunten Buchstaben gekommen war. Beim Zehnten musste er überlegen. Er schloss die Augen und malte ihn in Gedanken mehrmals und in Schönschrift auf, weil ihm zum Üben der Platz auf den Scheiben fehlte.
Weil seine Stirn zu schmerzen begann, öffnete er die Augen und bemerkte, dass sich der Gastraum gefüllt hatte. Er musste wohl beim Überlegen des Elften Buchstabens eingeschlafen sein, denn seine Stirn ruhte auf der eiskalten Scheibe und fror, dass es ihn nun zu schmerzen begann, wovon er erwachte. Er sah jeden einzelnen Besucher aufmerksam an, musterte die Frisuren, die Hände mit oder ohne Ringen, die Kleidung von den Schuhen bis zum Schal. Vor allen Dingen beobachtete er, wie hastig oder entspannt sie aßen, ob sie den Kloß in ihren Mund reinschoben oder langsam kauten, ob sie sich unterhielten, Pausen einlegten, auch wenn sie allein waren und durch keine Antwort genötigt wurden, die Gabel aus dem Mund zu nehmen. Außerdem achtete er auf deren Gesten, ob die Mundwinkel nach oben zeigten, ob sie lächelten, den Kopf bei ihren Antworten wiegten und die Hände zur Unterstützung des Gesagten zu Hilfe nahmen oder ob sie auf all dies verzichteten. Dann waren sie auf keinem Fall gewillt, so einem armen Jungen wie ihn, einen Bissen auf dem Teller zu gönnen. Aljoscha gähnte und drehte sich zur Scheibe zu den inzwischen verschwundenen Buchstaben zurück. Er überlegte, wie der elfte und zwölfte Buchstabe aussah und malte sie auf die Scheibe. Aber schon beim nächsten Buchstaben kam er nicht weiter und grübelte, ob er jemals diesen Buchstaben geschrieben habe. Ein Schlag auf den Hinterkopf beendete seinen Gedanken. Der Gastwirt zog ihn aus der Nische und sagte: „Du nichtsnutziges Stück Holz, geh´ und hole Wein aus dem Keller. Und das Du mir ja keinen Tropfen verschüttest, sonst prügle ich dich windelweich. “ Aljoscha wusste, dass der Wirt meinte, was er sagte. Er spürte von jeher, wenn jemand Schläge nur androhte oder sie wirklich ernst meinte. Das sah er an den Blicken, den Bewegungen und der Betonung, mit der diese Menschen ihre Worte aussprachen. Er kannte den Blick seines Vaters, bevor der mit der flachen Hand zuschlug, er kannte die Worte des Lehrers, wenn er ihn wegen eines falsch geschriebenen Buchstabens rügte und er kannte die Bewegungen des Pfarrers, wenn dieser mit der Faust auf ihn einschlug, weil er wieder einmal mit dem Banknachbarn tuschelte. Er kannte alle Schläger des Dorfes und hatte mit der Zeit das Gefühl, fast alle Schläge, die es von diesen Menschen jemals zu verteilen gab, im Voraus erhalten zu haben. Es waren nur wenige, die sich nicht wie die Mehrheit benahmen, denen der Ernst in der Stimme fehlte, die ihre Worte nicht mit einer ausholenden Handbewegung begleiteten. Aljoscha gehorchte dem Wirt und rannte in den Keller, holten einen Krug Wein und stellte ihn in die Mitte des Tisches. Weil er sich ihm gegenüber als unentbehrlich zeigen wollte, ging er ein zweites Mal und ein drittes Mal. Und jedes Mal kam er mit einem halbvollen Krug zurück und stellte ihn ehrerbietig vor dem dünnen Manne in der Tischmitte auf. Der Wirt goss den Wein in die Becher und scheuchte Aljoscha weg. So konnte er wieder in seine Nische zurück klettern und sich an die warmen Bretter schmiegen.
Von der spontanen Rennerei außer Atem, knetete Aljoscha seine Hände warm und begann, da er keinen weiteren Buchstaben kannte, einen zu erfinden. Er nahm den Zeigefinger und zeichnete ihn mit der Fingerkuppe auf die Scheibe. Er betrachtete die Umrisse und hauchte darüber. Weil ihm der Buchstabe gefiel, zeichnete er einen weiteren und noch einen weiteren. Ob es das Malen der vielen Buchstaben war, die ihm ins Bewusstsein riefen, dass er heute noch nichts gegessen hatte oder ob es die Rennerei in den Keller war oder auch die Streiterei um den verstorbenen Fremden vorhin auf der Straße, wusste er nicht. Allein sein Magen begann sich unaufhörlich bemerkbar zu machen. Und so sah sich Aljoscha, von Hunger getrieben, im Gastraum um. Ein Herr, den er vor geraumer Zeit schon einmal beobachtet hatte und von dem er glaubte, dass jener nie einen Bissen für ihn auf seinem Teller zurücklassen würde, sah ihn an und musterte Aljoscha von Kopf bis Fuß. Er lächelte, zeigte seine krummen Zähne, die hinter seinem ungeschnittenen Schnurbart herauslugten und biss in ein großes Stück Kuchen. Aljoscha kaute unwillkürlich mit. Der Mann sah dies und kaute umso deutlicher mit seinen Zähnen auf dem Kuchen. Aljoscha, von den Kaubewegungen des fremden Herren wie von magischer Hand geführt, kaute jede seiner Bewegungen doppelt nach. Der Mann mit seiner abgewetzten Jacke betrachtete den Jungen und begann zu schmatzen. Dabei leckte er die Finger ab und pusselte einzelne Krümel vom Teller auf die Fingerkuppen und schob sie einen Krümel nach dem anderen zwischen seine schiefen Zähne mit den großen Zahnspalten. Aljoscha wurde schlecht. Der Mann rülpste und schob den Teller mit dem Kuchen weit von sich weg, griff in seine Hose und holte ein Geldstück hervor, hauchte auf das Metall und bügelte mit dem Hemdsärmel darüber. Er streckte seine Hand nach oben und ließ das nun blanke Geldstück auf den Rand des Tellers klirren. Dann erhob er sich und stieß den Stuhl um. Bei alledem sah er unentwegt den Jungen an, schlug sich auf den Bauch und winkte ab, als hätte er wieder einmal viel zu viel gegessen. Aljoscha ahnte, dass der Mann nur mit ihm spielte und gar nicht die Absicht hatte ihm eine Ecke seines Kuchens zu überlassen. Trotzdem folgte er aufmerksam jeder Bewegung des Mannes, denn der Schmerz in seinem Magen ließ ihm keine andere Wahl. Damit er dem Herrn, der seiner Meinung nach nicht wirklich ein feiner Herr war, nicht unnötig bei seinem Spiele half, drehte sich Aljoscha zum Fenster, hauchte über die Scheiben und malte die ersten Buchstaben des Alphabetes. Keinesfalls wollte er ihm seine Schwierigkeiten, die er beim Schreiben hatte, so leicht zu erkennen geben. Er schrieb und beobachtete den Mann im Spiegelbild. Der rief den Wirt und sagte: „He, Du, bring mir Papier damit ich den Kuchen einpacken kann, oder soll ich ihn wegwerfen?“ Der Wirt rief Aljoscha zu sich und befahl ihm mit erhobener Stimme und Hand, den Wunsch des Herren umgehend zu erfüllen. Aljoscha nahm das Umschlagpapier und ging an den Tisch. Mit zitternden Händen nahm er den Kuchen vom Teller und legte ihn in die Mitte des Papiers. Der Mann sah dem Jungen zu und fauchte: „Geh weg, schere dich zum Teufel, den Rest mach ich selber, sonst frisst Du ihn mir weg!“ Er klappte das Papier zusammen ohne es an den Enden einzuschlagen. In diesem Augenblick erkannte Aljoscha, dass der Mann sturzbetrunken war und ihm das Stück Kuchen früher oder später aus dem Umschlag rutschen und auf die Erde fallen würde. Er blieb neben dem Mann stehen, der soeben die vier Stufen aus dem Gastraum herunterging und überlegte, ob er ihn sicher zur Tür und von dort über die Straße auf den Fußweg bringen, oder ob er doch lieber in der wohligen Wärme seiner Nische bleiben und abwarten sollte, bis ein barmherziger Gast vorbeikäme, um ihn seinen nicht abgegessenen Teller zu überlassen. Die Säure im Magen schmerzte und das Hungergefühl drängte ihn nicht mehr darüber nachzudenken, ob es klüger wäre, hier angewärmt zu bleiben oder ob es nicht doch besser wäre, dem Gasthause mit seinen Düften zu entkommen und neben den hungrigen Geschwistern Platz zu suchen, sich an diesen zu wärmen, bis auch der Schlaf ihm gnädig den Hunger für ein paar Stunden abnähme. Und so begleitete er den angetrunkenen Gast vor die Tür, auf den beschneiten Boden der holprigen Straße.

Frau Schnorrmann

Langsam legte sich die stickige Zimmerluft in den Raum. Eine nach der anderen atmete den gleichmäßigen Atem, der der noch wach Liegenden verriet, dass die beiden Patientinnen bereits eingeschlafen waren. Und so wurde es kurz nach Mitternacht bis auch Frau Schnorrmanns unschöne Gedanken von dem gleichgültig machendem Geräusch der beiden Frauen erfasst wurden und sich ins Nichts auflösten: die Ankunft vor zwei Tagen; dass die Neue die geordnete Ruhe störe; die heiße Stimme von Frau Bayer; die jungfräuliche Lehrerin Frau Schubert, die im Bett sitzt und alles und jeden schulmeisterlich kritisierte, dass es selbst dem Personal manchmal zu viel wird.

Frau Schnormann bewegte sich im Bett von der einen auf die andere Seite. Dabei fiel ihre Steppdecke herunter und sie erwachte aus einem beunruhigenden Schlaf. Sie setzte sich auf und starrte zur der mehrere Meter hohen Zimmerdecke mit dem verzerrten Fensterkreuz mit Dreipass, welches das Mondlicht auf die weißen Wände projizierte. Sie betrachtete jede der gleichmäßig Atmenden in dem Raum und kletterte, nachdem sie sicher war, dass alle schliefen, vorsichtig über das Bettgitter hinab, hob die Steppdecke auf und legte sie ins Bett zurück. Mit kleinen Schritten bewegte sie sich ans Fenster, dessen Sims breit ausladend in ihrer Augenhöhe begann. Sie nahm sich einen Stuhl, kletterte darauf, legte ihre dicken Knie auf den Tisch, um auf diesen zu steigen. Mit den Händen stützte sie sich auf den tiefen Sims, öffnete das Fenster, umgriff die dünnen Sandsteinsäulen des Dreipasses und starrte still in die Nacht. Zu viel Mond, zu viel Licht, dachte sie. Das kann sehr gefährlich werden. Sie fror und knöpfte die zwei Knöpfe ihres rüschenbesetzen Nachthemdes zu. Die Kälte erinnerte sie an den Winter, an die ständige Angst, und immer die Russen im Nacken. Sie atmete die kühle, beißende ostpreußische Winterluft, hörte das Pferdegetrappel, wildes Durcheinanderschreien, das Knirschen von schnellen Fußstapfen, und in der Ferne den seit Wochen herannahenden Kanonendonner. Leise schob sie das Fenster zu, kniete sich mühsam auf den Tisch, um von diesem rückwärts auf den Stuhl zu klettern, um von dem wieder mit ihren nackten, für ihre Größe viel zu großen Füßen auf den Boden zu gelangen. Sie wischte mit ihren faltigen Wäscherinnenhänden über die Sitzfläche des Stuhles und schob ihn vorsichtig unter den Tisch. Sie kletterte über das Bettgitter in ihr Bett und bewegte den Kopf mit den faltigen Wangen auf dem Kopfkissen unruhig von der einen zur anderen Seite und kniff die Augen zusammen. Ihre breiten Hände mit den dicken Fingernägeln schob sie ins Gesicht und murmelte ein Gesicht. Es gelang nicht. Zu sehr schwirrten die Gedanken um sie herum und zu sehr beunruhigte sie diese Nacht. Ich halt das nicht aus. Ich weiß nicht was passiert ist, dachte sie. Sie rieb über den Bauch, der in der Windel steckte. Ich muss hier weg! Nein, nein, es ist zu spät, wie damals als sie ihn erschossen. Sie selbst spürte in jener Nacht nichts, die Tochter in ihrem warmen Stoffbündel gehüllt, schrie im Versteck. Sie schrie und hätte die Dorfbewohner fast verraten. Sie solle der Kleinen den Kehlkopf zudrücken, hatten die anderen gefordert. Es müsse sein. Sie dachte damals, die Tochter würde wegen der wenigen Habseligkeiten, schreien, die sie ins Knäuel heimlich eingenäht hatte, weil es doch immer hieß, die Russen würden die Kinder verschonen. Nur die Kinder. Deswegen riss sie die Löffel, die Silberschnalle der Mutter, die vergoldete Uhr, das Zigarettenetui des Vaters und die kleine, bronzene Kaiserplastik des Großvaters, heraus und warf sie in den Fluss. Erschossen hatten sie ihren Franz. Ganz einfach, ohne zu fragen, erschossen, und die Tochter hatte geschrien in dieser kalten, mondklaren Nacht und ließ sich einfach nicht beruhigen. Wie konnte das armselige Ding das nur merken, flüsterte Frau Schnorrmann zur Zimmerdecke, zu den Schatten des Dreipasses und zu dessen blasenförmigen Umrissen und glaubte den Schatten Dickichts im Schnee zu erkennen. Sie kniff die Augen zu, duckte sich in die Bettkuhle und flüsterte: „nur Du weißt warum, nur Du, lieber Gott? Ein Stück Papier hast Du mir gelassen, auf dem steht, dass er tot ist, in schöner Sütterlinschrift, mit einem Stempel drauf. Da sie sehr genau wusste, dass es ihr in diesen Momenten beim Einschlafen half, summte sie „Drei weiße Birken“ und streichelte sich über ihre Nase. Sie lief den Birkenhain entlang, stellte sich hinter die Mauerreste und hörte ihm beim Singen eines seiner vielen Volkslieder zu, die er gern und laut sang. Sie schwang sich heimlich über das Seitenbrett auf das Fuhrwerk, kletterte auf den Holzstapel und fuhr mit ihm ins Dorf.

Weil sie der Schlaf aber nicht haben wollte, öffnete Frau Schnurrmann die Augen, legte die Hände auf den Schoß und grübelte. Das gleichmäßige Atmen der Mitpatientinnen beunruhigte sie auf einmal. Sie kletterte wieder über das Bettgitter, ging zum Schrank, in dem die Schwestern die Kleidung bei der Ankunft einer Jeden hineinsortierten, nahm ihre Kleidung heraus, entfernte den schief eingeklebten Pflasterstreifen, auf dem ihr Name in hastig geschriebenen Buchstaben stand und zog die Sachen an. Da sie ihre Schuhe nicht fand, ging sie barfuß in ihrem viel zu großen grauen Mantel und dem viel zu langen grünen Rock durch den Raum, nahm ein Bündel Zellstoff, den die Schwestern vorsorglich am Abend auf alle Nachttische gelegt hatten und stellte sich an das gegenüberliegende Bett. Den Rock hatte sie vorher noch mit dem Pflasterstreifen zusammengeklebt, auf dem ihr falsch geschriebener Name stand. Die Patientin lag auf dem Rücken, die Arme auf der Brust, das Gesicht weit nach oben gerichtet, der Mund geöffnet. Mit ihrer blassen Haut wirkte sie wie eine in weißen Stein geschlagene Friedhofsskulptur. Frau Schnorrmann stellte sich an das Kopfende, seufzte und betete mit ihrer tiefen, brummenden Stimme, leise ein Vater Unser. Sie griff den Stapel mit den dünnen Zellstoffbahnen, zerpflückte diese zwischen ihren dicken Fingern zu kleinen Blütenknäulen und verstreute die Knäuel feierlich auf das Gesicht und auf die Brust der Schlafenden. Liebevoll streichelte sie über deren Wangen, murmelte Kinderreime und küsste sie. Von alledem aufgewacht, begann die Patientin um Hilfe zu schreien. “Was machen sie denn da? Die ist verrückt“, rief sie! „Bringt sie hier weg!“ und griff nach der Klingel. Völlig irritiert stand Frau Schnorrmann mit dem Zellstoff in der Hand, vor ihr. Die Nachtschwester betrat das Zimmer und herrschte sie an:“ Was wollen sie hier? Wissen sie nicht wie spät es ist? Gehen Sie sofort wieder in ihr Bett. Sie müssen doch schlafen, wenn sie gesund werden wollen!“ – „ Schaffen Sie mal die Oma hier fort“, geiferte die Patientin weiter und warf die zerpflückten Zellstoffknäuel, der auf ihrer Brust lag, hinter ihr her.
Mit gesenktem Kopf ging Frau Schnorrmann artig an der Hand der herbeigerufen Schwester. Sie entfernte das Bettgitter und legte die Frau wieder ins Bett. Frau Schnorrmann murmelte:“ Aber ich dachte, ich darf noch mal, aber ich muss sie doch wenigstens…!“ und sah dabei die Schwester an – „Ich bring ihnen noch etwas zur Beruhigung und dann schlafen wir aber fein. Es ist doch schon spät“, beschwichtigte die Schwester liebevoll die Frau.
Am anderen Morgen saß Frau Schnorrmann wortlos in ihrem Bett, zerriss den restlichen Zellstoff und streute ihn über ihre Bettdecke. Die lindgrüne Windel, die bis unter die dünnhäutige Brust reichte, irritierte den Arzt bei der Visite, dass er ihr das Nachthemd eilig zuknöpfte und beiläufig fragte „Was haben Sie denn da gestern Abend gemacht?“. Frau Schorrmann, die ihren Unterkiefer unaufhörlich hin- und herbewegte und mit den Händen die Zipfel der Bettdecke gegeneinander rieb, blickte ihn freundlich an. Sie hob die Schultern und sprach mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme „Wissen Sie“, dann machte sie eine Pause, holte tief Luft, denn sie hatte vor jedem Studierten Respekt, „wissen Sie, ich wollte doch nur noch ein einziges Mal, ich musste sie doch…!“ Sie hob wieder die Schultern und sah hilflos in die Runde der Visite. Da müssen wir unbedingt etwas dagegen machen!“, unterbrach empört die Stationsschwester, sonst bekommt der Nachtdienst eine Meise.“ – „Na, dann geben Sie ihr 10 Tropfen Valocordin zum Abend und ein bisschen Haloperidol zur Nacht!“, beschwichtigte der Arzt, streichelte über den Kopf der Frau und ging zum nächsten Bett.

Nach der Visite klingelte das Telefon der Stationsleiterin und eine Schwester erkundigte sich, ob sich die 90´jährige Frau Schnormann noch auf ihrer Station befände und das ihre Tochter heute Nacht plötzlich auf ihrer Station verstorben sei. Die Stationsschwester überlegte, wie sie die Nachricht der verwirrten Frau übermitteln könne. Sie beauftragte mit der Nachricht eine neue Mitarbeiterin.

Die junge Schwester betrat das Zimmer, nahm eine Schüssel, füllte sie mit Wasser und wusch Frau Schnorrmann. Sie fragte sie nach ihrem Leben, nach besonderen Wünschen, massierte den Rücken, die Hände und die Füße. Die Schwester brachte es jedoch nicht fertig, der Frau den Tod der einzigen Tochter mitzuteilen und stellte ihr wortlos das Frühstück hin. Mittag trat sie wieder an ihr Bett, räumte das Frühstück weg, reichte ihr das Mittagessen und überlegte, wie sie ihr endlich den Tod mitteilen könne. Mit leiser Stimme fragte sie: „Haben Sie sich schon in diesem Zimmer eingewöhnt? Haben Sie noch einen Wunsch? Kann ich Ihnen das Kissen aufschütteln?“ Die alte Frau, die auf der Seite lag und von der nur ein Stück der grünen Windel zu sehen war, drehte sich zu ihr um, legte den Kopf auf die Hand, die auf dem Kopfkissen lag und schwieg. Die Schwester zwirbelte unaufhörlich den Haarlocken und sagte: „Frau Schnorrmann, Sie müssen jetzt sehr stark sein. Ihre Tochter ist letzte Nacht unerwartet gestorben. Frau Schnorrmann, haben sie verstanden, was ich eben gesagt habe?“ Die alte Frau setzte sich auf, griff die runden Hände der Schwester und streichelte sie. Sie runzelte die Stirn und wog ihren von Falten übersäten Kopf nach links und rechts, dass ihr Zopf wackelte. Mit tiefer, fast männlichen Stimme sagte sie müde: „Ich weiß, Kindchen. Da kann ich nun nichts mehr machen.“ Sie lächelte die Schwester an, dass ihre drei verbliebenen schiefen Zähne in der linken Mundhälfte, hervortraten. „Wenn ich Ihnen nur helfen könnte“, sagte die Schwester, weinend am Bettrand sitzend. Frau Schnorrmann schob ihre faltigen Hände um die Wangen der Schwester und flüsterte in ihrem ostpreußischen Dialekt: „Ich weiß Kindchen. Ich weiß es bereits!“ Danach schob sie ihre Hände um ihre flache Brust und murmelte. „Weißt Du, ich habe sie eigenhändig getragen, von Ostpreußen bis hierher, die Russen im Nacken und die Kanonen im Ohr. Es war Weihnacht 44`“. Sie streichelte nochmal die Schwester, legte sich zurück auf die Seite, dass nur die grüne Windel zum Vorschein kam und starrte das Bettgitter an.

Kreiseln

Ich starre zur Deckenleuchte, zum Fenster und von dort zum Nachttisch. Keine der Schwestern beachtet mich. Ich höre mich fragen, was ich hier soll und höre sie antworten, dass ich ganz ruhig im Bett liegen bleiben muss und nicht aufstehen darf. Das Zimmer ist voll alter Leute und mein Bett steht in der Mitte des lindgrün gestrichenen Raumes mit dem glänzenden Linoleum. Ein Notbett, denke ich. Die anderen Patienten sind still oder schlafen oder schauen teilnahmslos zur Zimmerdecke; das Personal wäscht, bettet oder spritzt ihnen Medikamente oder hantiert an Schläuchen und Infusionen. Die Schwestern kommen an mein Bett und beugen sich über mich. Eine stellt sich an mein Kopfteil und streichelt über meine Stirn; eine Zweite greift meinen Arm und prüft die Flexülen im Handrücken; die Dritte legt die Manschette an den Oberarm und misst Blutdruck; die Ältere setzt sich kumpelhaft auf mein Bett und schlägt die Beine übereinander. Ich sehe sie an, kann die Buchstaben auf dem Namensschild im blendenden Licht nicht erkennen, frage, wie sie heißt und was ich hier soll. Mit ihren Fingernägeln zeigt sie auf ihr Zwerchfell und reibt kleine Kreise. Immer und immer wieder reibt sie auf der Stelle ihres Kittels kleiner werdende Kreisbewegungen, dass das Rot zu einem Punkt verwirbelt. Ich habe das Gefühl, dass sie das absichtlich macht und mir irgendetwas andeuten will. Sie nimmt meine Hand, zieht sie sanft auf ihren Oberbauch, schiebt die Hand auf meinen Bauch zurück, reibt sie über meine Haut und ermuntert mich wortlos, den Unterschied zu erspüren. Als ich den Unterschied ahne, werde ich müde, schließe die Augen und schlafe sofort ein.

Ich stehe auf. Ich wandere ziellos umher. Ohne mir darüber bewusst zu werden, suche ich einen Arzt. Als mir meine Suche bewusst wird, lege ich mich zurück ins Bett. Ich ziehe die Decke über den Kopf. Ich winkle meine Beine an und umklammere sie, denn vor dem Frühstück will ich keinen Arzt sehen. Das Frühstück wird gebracht. Ich schiebe den Kopf unter der Decke hervor. Ich fahre mit den Fingern durch meine ungekämmten Haare. Ich beginne hastig zu essen und zu trinken. Dabei kann ich nicht sagen, was ich esse und trinke und wonach es schmeckt. Die Schwester, die eben noch auf meinem Bettrand gesessen hatte, läuft an mir vorbei. Sie schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Zeigefinger auf das Zwerchfell und kreiselt darüber. Sie nickt freundlich und ermuntert mich, ebenfalls zu nicken und das Essen endlich wegzuschieben.

Ich nicke ihr zu, werde wach, sehe den vollen Teller, mit dem Brötchen, dem Kaffee, dem Apfel, und dem Käse und der Marmelade. Ich schiebe alles beiseite, entferne die Schläuche, stehe auf und suche einen Arzt. Ich gehe hinaus in den Gang, von dort die Treppe herunter, nach draußen und vom Eingang hinüber in den Garten. Die Patienten, die eben noch geschlafen haben, drängeln sich vor mich jeder mit einem Zettel in der Hand an der Tür eines verschlossenen Zimmers. Unwillkürlich denke ich an Kinder vor einer Essenausgabe in der Schulküche. Ich sehe die nackten Rücken der Patienten und überlege, ob ich das träume und dass ich R. sofort anrufen muss. Er hat mir erst vor kurzem gesagt, dass er weiß, wie man kontrolliert, ob man schläft oder wach ist. Ich suche mein Handy, greife ins Leere und beginne zu frieren. Ich verlasse die Menge aufgeregter Patienten mit ihren entblößten Hintern und begegne wieder der Schwester, die mir auch dieses Mal freundlich zunickt und sich dabei über den Bauch streichelt. Ich renne vor der Schwester mit ihrem weinroten Fingernagel davon. Richtungslos irre ich durch Räume mit gedimmten Licht, ziehe einen leeren Stuhl hinter mir her und stelle ihn in eine freie Ecke, bleibe neben ihm stehen und betrachte Patienten, die aufgeregt Dinge tun, die ich nicht verstehe. Ich gehe in einen anderen Raum und stelle mich auch hier still in die Ecke und beobachte die Kleidung der Patienten, die weder Farbe noch Schnitt hat. Auch ihr Verhalten ist mir unverständlich: mal greifen sie nach etwas, dann lassen es los, geben das Gegriffene einem anderen Mitpatienten, um es sofort wieder von diesem im Empfang zu nehmen oder weiterzugeben. Schnell verlasse ich auch diesen Raum und ziehe den Stuhl hinter mir her, gehe ins Freie, zu den Lichtern, die über mir von allen Seiten leuchten. Ich freue mich, dass die Sonne heute so intensiv über mir strahlt und strecke meine Brust immer und immer wieder nach oben. Mir kommt der Gedanke, noch nicht genug Sonne gespürt zu haben. Ich lasse mich aufs Laken zurücksinken, werde traurig und sinke weiter ins Laken und wundere mich, dass ich jetzt an so etwas denken muss. Mir kommt die Erinnerung, dass ich mir ganz fest vorgenommen hatte, an diesen Gedanken nie und nimmer denken zu wollen, weil man nie genug Sonne spürt und es immer zu wenig Licht gibt und ich bei solch einem Gedanken nur traurig werden kann.

Ich öffne die Augen, sehe hinüber zum Fenster in den grauen Novembermorgen und von dort zum Wecker auf den Nachttisch. Ich bemerke, dass ich eine weitere Stunde geschlafen habe.
Benommen schiebe ich die Decke zurück, stehe auf und gehe barfuß ans Fenster. Ich ziehe die Gardinen auseinander, lehne die Stirn an die Scheibe und betrachte die Frau, die schnellen Schrittes durch den beginnenden Schneeregen quer über die Straße läuft und die große Ähnlichkeit mit der Krankenschwester aufweist, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf meinem Bettrand gesessen hat. Die Frau bleibt plötzlich stehen, dreht sich um, schaut durch den dichter werdenden Schneeregen zu mir nach oben und nickt mir zu. Ich schließe die Augen und weiß, dass es so oder so ähnlich geschehen wird. Ich hebe den Kopf von der Scheibe, hauche verschlafen über den Stirnfleck, male kleiner werdende Kreise darauf und reibe sie mit dem Ärmel des Nachthemdes vom Glas. Mit beiden Händen ziehe ich die Gardinen wieder zusammen und tapse zur Kommode. Ich greife das Handy, öffne das Akkufach, nehme den Akku heraus und lege mich wieder hin.

Ich weiß nicht, was ich denken soll

Ich fahre den Einkaufswagen zum Käseregal. Aus dem Gang mit den Konserven kommen junge Zigeuner. Ich schiebe den Wagen schnell weiter. Ich weiß, dass man Zigeuner nicht sagt. Und trotzdem forme ich wie von fremder Macht geführt dieses Wort lautlos in meinem Mund und schiebe mich an den plappernden Frauen vorbei. Ich schiebe meinen Einkaufswagen an den Sinti oder Roma-Männern, wie es korrekt heißen müsste, entlang, die jeder neugierig in einen anderen Gang schauen. Hab´ ich mir`s doch gedacht, geht es mir durch den Kopf, ihr wollt klauen. Ich beiße mir bei dem Wort Klauen auf die Lippen und denke, dass ich das maximal vermuten darf und mir fest vorgenommen habe aus der jämmerlichen Geschichte der Zigeuner meine Konsequenzen zu ziehen und stets zuerst eine Unschuldsvermutung abzugeben. Ich erinnere mich, dass ich mich tagelang im Internet belesen hatte, um deren Schicksal nachzuvollziehen. Ich weiß seitdem, dass sie wie die Homosexuellen und Kommunisten noch vor Hitlers Machtergreifung auf Listen geführt und verfolgt worden, dass sie in Auschwitz ein spezielles Lager hatten, und dass sie die Einzigen waren, die einen Aufstand führten, sodass die SS abziehen musste und erst am nächsten Tag alle Gefangenen ermorden konnte.

Ich flüstere lautlos Entschuldigung und schiebe meinen Einkaufswagen zurück. Im Vorbeigehen greife ich ein Glas Senf und nicke den Männern freundlich zu. Ich schiebe den Wagen zu der Sinti-Frau, mit der aufwendig gesteckten Frisur und überlege, ob und wie ich sie eigentlich ansprechen soll. Im bemühten Tonfall frage ich mit meinen Englischkenntnissen: „Can I help you, please?“ Dabei lächle ich und wiederhole meine Frage ohne eine Antwort abzuwarten. „What can I do for you?“ Das Plappern der Frauen hört auf, sie sehen mich an und die Sinti-Frau mit der verschnörkelt schönen Haarkreation winkt meine Worte mit einer laxen Handbewegung ab. Weil ich mir nicht sicher bin, ob sie mich versteht, wiederhole ich dieses Mal meine Frage an die Schwangere, die mit den Händen über ihren dicken Bauch streichelt. „Can I help you?“ Ich lächle und zeige auf das Wurstregal. Sicher, geht es mir durch den Kopf, sicher sind sie mit der Fülle an Wurstsorten überfordert. Als ich nach der Wende das erste Mal in einen Supermarkt stand, wusste ich auch nicht, was ich wollte und packte den so Wagen voll, dass das Geld an der Kasse nicht reichte und ich mich mit hochrotem Kopf entschuldigen musste. Da mir diese Situation unangenehm wird, nehme ich irgendeine Packung Wurst aus der schier endlosen Fülle, bedeute ihr, dass die Wurst sehr gut schmecke, werfe sie in meinen Wagen und fahre weiter. Im übernächsten Gang bleibe ich stehen und überlege, ob sie vielleicht wegen der Frage, ob die Wurst aus Schwein oder Rind bestünde, verunsichert ist. Ich erinnere mich an meine Internetsuche und weiß, dass die Zigeuner oder Sinti und Roma oder wie auch immer, überwiegend Christen sind und somit auch Schwein essen. Ich erinnere mich, dass es mir nach dem Gelesenen damals unverständlich blieb, warum besonders die Kirchen ihre Verfolgung mit den Namenslisten in den Taufbüchern ermöglichten und sich Himmler genötigt sah, sich für deren Unterstützung öffentlich in einer Radioansprache zu bedanken. Ich schiebe meinen Wagen weiter durch die Gänge und überlege, warum sie über Jahrhunderte so viel Hass erleben mussten. Bei den Juden hat man sich der Frage gestellt und es gibt jede Menge Bücher dazu. Bei den Sinti bleibt die Frage bis heute unbeantwortet. Deswegen bekommen sie auch kein jährliches Flüchtlingskontingent zuerkannt. Ich schiebe den Wagen zur Aktionstheke und beginne zu wühlen. Mir fällt der Spruch des Vorsitzenden des Zentralrates der Sinti und Roma ein, der in einem seiner wenigen Interviews sagte, dass er im Windschatten des Holocaust leben musste. Unlängst las ich einen Beitrag, dass deutsche Zigeuner, die an der Front kämpften und mit Tapferkeitsmedaillen geehrt wurden, umgehend nach Auschwitz kamen, wenn sich herausstellte, dass sie Zigeuner waren und dass die Uniformen und Auszeichnungen bei Bewachern und Gefangenen für Verwirrung sorgten.

Ich wühle in der Aktionsware und nehme eher lustlos, und um aus meiner wirren Gedankenspirale herauszufinden, einen Doppelpack gebackene Camembert, obwohl ich weiß, dass ich die Kalorienbombe im Ganzen fresse, wenn ich die Packung einmal aufhabe. Der Gruppe an Männern und Frauen drängt lautstark in Richtung Kasse. Weil mir es unangenehm ist, hinter den Männern zu stehen, renne ich an die andere Kasse und werfe schnell die Wurst, den Senf und den gebackenen Camembert aufs Band. Die Verkäuferin sieht mich ungläubig an, steht auf und schaut in den leeren Wagen, in Richtung meiner Tasche, auf meine Hände und sagt in die Länge gezogen: „Ist das alles?“ Ich schaue zurück und komme mir wie ein Dieb vor. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die anderen Wartenden, die jede ihrer Bewegungen aufmerksam verfolgt. Ich lasse die schwangere Sinti-Frau mit den tausend Armreifen, die beim Aneinanderschlagen so wunderbar klingen, an mir vorbei. Empört sage ich: Wenn Sie heute kein gescheites Angebot haben, dafür kann ich doch nichts.“ Nur um sie zu ärgern, ziehe ich den Hunderter aus dem Portemonnaie und bekomme prompt die Frage: „Haben Sie´s nicht Kleiner?“ Ich lächle sie an und sage: „. Leider nicht. Tut mir wirklich leid! Ist wohl heute bei Ihnen nicht viel Umsatz?“ Wortlos gibt sie mir das Wechselgeld. Sofort kommen mir die Sinti-Männer in den Sinn. Hastig schütte ich das Geld ins Portemonnaie und verstecke es in der Brusttasche. Die schwangere Sinti-Frau sieht mich an und steigt auf die Rolltreppe. Demonstrativ nehme ich das Portemonnaie wieder aus der Brusttasche und stecke es wie sonst üblich in die Gesäßtasche. Ich werfe die Einkäufe in den Rucksack und gehe ebenfalls zur Rolltreppe. Die Sinti-Männer huschen auf die Stufen und stehen nun doch vor mir. Auf der Rolltreppe betrachte ich die Männer mit ihren völlig ausgetretenen Schuhen und bin mir sicher, dass sie mit den Dingern nach Deutschland gelaufen sein müssen und dringend neues Schuhwerk bräuchten. Ich betrachte ihre Kleidung und wundere mich. Rosa und gelb scheinen denen wirklich nichts auszumachen. Die Männer kommen im Erdgeschoss an. Die Schwangere erwartet sie, zieht ihr Sweatshirt hoch, lässt eine Vielzahl an Wurstpackungen herausgleiten und verteilt sie an die Männer. Ich laufe an ihnen vorbei, tue so, als ob ich die Wurst nicht sehe und starre stattdessen zu der Frau mit der hochgesteckten Frisur. Ich gehe zum Rad und denke, typisch Zigeuner. Über meinen Gedanken erschrocken, trete ich wütend ins Pedal und fahre los. An der Straßenkreuzung, bremse ich ab, steige vom Rad, nehme das Portemonnaie und ziehe den Fünfziger, den Zwanziger, die zwei Zehner und den Fünfer Wechselgeld heraus. Ich falte sie zusammen und werfe sie dem Zigeuner, ich berichtige mein Gedankenwort, dem Sinti, der schon seit Jahren hier kniet, in den Pappbecher mit dem verblassten Aufdruck. Ich nicke. Er sieht mich an, bekreuzigt sich und will meine Hand küssen. Ich habe nichts gegen euch, denke ich. Ich betrachte den knienden Mann mit seiner gegerbten Gesichtshaut, der mich dankbar anlächelt. Ich nicke ihm nochmal zu und weiß auch heute wieder nicht, was ich von Sinti oder Romas oder wie man korrekterweise heutzutage sagen muss, halten soll.

Die Internette

Bevor die Internette mit dem Taxi zur Arbeit ins nahe gelegene Krankenhaus fährt, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Ladekabel zusammenzurollen und ihre beiden Smartphones wie Revolver links und rechts in die Gürteltaschen zu verstauen.

Sie wirft sich auf die Rückbank, streift die Pantoletten ab und stützt die Füße an die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Sie greift zu den beiden Smartphones und tippt den Inhalt ihres Traumes -, oder auch nur die Dauer des nächtlichen Gewitters mit der Anzahl der Blitze als erste Nachricht ein. Aufgeregt versendet sie diese Informationen an ihre noch schlafenden Abonnementen. Reichen für die Weitergabe ihrer News Daumen und Zeigefinger nicht aus oder bekommt sie die von ihr gefürchteten Muskelkrämpfe im Daumen, setzt sie sich auf und tippt und scrollt stattdessen mit der Nase Informationen ins Tablet.

Fährt die Internette an der Krankenhauspforte vor, steigt sie aus und schreibt die letzten Worte über grandiose Mitternachtsschwimmen, über einen Feuerwehreinsatz, den ihre Freunde durch ein drei-Meter hohes Lagerfeuer ausgelöst haben oder auch über ein Wettessen mit Todesfolge und verschickt die Nachrichten mit 33 Emojis. Erst danach schlüpft sie in ihre Pantoletten und versteckt das Tablet geschickt unter ihrer luftigen Kleidung. Schweißgebadet greift sie das mitgebrachte Handtuch aus der Tasche und trocknet sich Hals, Hände und die Stirn ab. Sie schleicht hinter die Pförtnerei und wringt das Handtuch über der in schnurgerader Reihe gepflanzten Köpfe des Pfücksalats aus, die der Pförtner jedes Frühjahr für sein Frühstück angelegt hat. Ist sie damit fertig, stopft sie das Handtuch wieder in die Tasche, geht zurück zum Auto und schickt dem Fahrer Infos über wichtige Kulturveranstaltungen auf sein Smartphone, die ihm jede Menge zusätzliche Fahrgäste versprechen. Hat sie hingegen wieder heikle Informationen über das abendliche Treiben seiner geschiedenen Frau oder böse Streiche seiner drei heranwachsenden Kinder parat, krakelt sie mühselig Buchstaben auf linierte Zettel, faltet diese zusammen und legt sie als Lohn für treue Fahrdienste auf den Beifahrersitz. Mit einem Nicken bedankt sich der Fahrer, fragt, wann er sie wieder abholen soll und braust mit Lichtsignal davon.

Betritt die Internette das Foyer des Krankenhausgebäudes, schnappt sie alle Meinungsfetzen auf, die sie bekommen kann. Mit diesen geht sie in die neonbeleuchteten Flure und fragt entgegenkommende Mitarbeiter nach den Launen ihrer Chefs oder Kollegen. Noch im Hören greift sie in den Beutel, winkt besorgt oder erfreut den Berichterstattern zu und gibt die Melange aus Meinungsfetzen und eben geäußerten Nachrichten blind in die Smartphones ein und drückt aufgeregt gleichzeitig die Entertasten. Bevor sie auf Station ankommt, hat sie so ein erstes Stimmungsbarometer der Belegschaft noch vor den Sechs-Uhr-Nachrichten abgesandt. Und es ist kein Wunder, dass, seit sie sich mit ihren beiden Smartphones in die letzte Personalratswahl mit zigtausend Rund-SMS eingemischt hat und der aussichtsreichste Kandidat von Platz eins auf den vorletzten Platz rutschte und andere Kandidaten, die seit Jahren aktiv für die Rechte der Mitarbeiter kämpfen, urplötzlich rausfielen, -die Geschäftsführung, die Personalabteilung sowie der Personalrat zu ihren treuesten Kunden zählen sollen. Einzig der Pförtner weigert sich beharrlich eines von den doofen Smartphonedingern zu kaufen und den unverständlichen Quatsch, den sie Tag und Nacht schreibt, zu lesen. Seit geraumer Zeit wird gemunkelt, dass die Pflegedienstleitung extra wegen ihr einen nicht näher benannten Mitarbeiter mit Diplomstudiengang der Neuen Medien beschäftigt, der tags und manchmal auch nachts mit der Weiterverarbeitung ihrer Nachrichten beschäftigt sei. Auch hält sich das Gerücht, die Personalakte der Internetten sei nur wegen ihrer eifrigen Smartphonetätigkeiten bei allen Entlassungsgesprächen immer wieder unauffindbar. Viele, die dieses Gerücht verbreiten, stellen ungefragt der Internetten ihr Wissen zur Verfügung. Auch scheint ihr, dass die Chefs ihr gegenüber irgendwie aufmerksamer geworden sind, ihr neuerdings jede Menge Komplimente machen und sie des Öfteren in der Kantine zum Essen einladen.

Gelangt die Internette endlich auf Station, geht sie voller Ungeduld in die Zimmer, öffnet die Fenster und lässt die ersten Sonnenstrahlen auf die Gesichter der noch schlafenden Patienten scheinen. Sie klopft sie wach, nimmt die Becher vom Nachttisch, reicht sie ihnen an die Münder und fragt ganz nebenbei, wie viele Besucher gestern das Radrennen des Enkels hatte, wie das Essen derzeit schmeckt, wie laut sie die Musik beim diesjährigen Sommerfest des Krankenhauses fanden oder auch nur wie sie die Kleiderordnung auf einer Skala von eins bis zehn einstufen würden. Haben die Patienten ihre Informationen im Halbschlaf genuschelt, klopft sie ihnen anerkennend auf die Schulter, stellt die leer getrunkenen Becher auf die Nachttische zurück, notiert die Flüssigkeitsmenge im Einfuhrprotokoll, zieht die Decken bis zur Nasenspitze hoch, schließt die Fenster und gibt noch im Raume stehend umgehend Votings zur Genießbarkeit des Patientenessens, des Lärmpegels im Krankenhaus und zum schrillsten Ärztekittel an alle Whatsapp-Gruppen ihres ellenlangen Verteilers weiter. Und nur wenn die Daten mehr als zwei, drei SMS überschreiten, schiebt sie sich seit Neuestem in einen der sehr schmalen Patientenschränke, zieht das Tablet unter dem Shirt hervor und schreibt ausführliche Rundmails mit Grafikanhang und Balkendiagramm. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie die eigens für diese schmalen Schränke begonnene Diät erfolgreich beendet hat. Anschließend kommt sie wie nach einem Toilettengang erleichtert aus dem Schrank, schiebt zufrieden die Tür zu und steckt das Tablet unters Shirt. Meist bemerkt sie erst jetzt, dass sie in der Zwischenzeit furchtbar müde geworden ist und sie dringend einen Frühstückskaffee braucht. Im Pausenraum angelangt, schiebt sich die Internette in ihre Lieblingsecke an die Stirnseite des Tisches, streift die Schuhe ab, legt die Beine hoch und lauscht gleichzeitig allen Gesprächen der Mitarbeiter. Da es sehr anstrengend ist, die Verwandten und Bekannten der Mitarbeiter auseinanderzuhalten, kann es schon mal vorkommen, dass der Internetten die Augen zufallen und sie in einen wohltuenden Sekundenschlaf hinabgleitet. Erwacht sie wieder, gibt sie die oft unvollständigen Sachverhalte in ihre beiden Smartphones ein. Nicht selten ist sie von der Brisanz ihrer neu gewonnenen Informationen so perplex, dass sie vor Schreck gleichzeitig in zwei, drei oder gar vier Brötchen beißt und den viel zu heißen Kaffee abwechselnd aus den umherstehenden Kaffeepötten runterschlüft. Ist die ihrer Meinung nach viel zu kurze Pause vorbei, zieht die Internette ihre Pantoletten an und fragt die Stationsleiterin, ob sie die Patienten in den OP fahren oder von dort abholen darf. Vorher schleicht sie in den Umkleideraum und wechselt ihre zwei schwächelnden Smartphones gegen zwei mit aufgeladenen Akkus. Die akkuschwachen Smartphones steckt sie an einer Verteilerdose an, die ihr ein Handwerker, aus der Schar der unendlichen Verehrer, in den Umkleideschrank heimlich eingebaut hat. Mit den zwei aufgeladenen Smartphones bewaffnet, schnappt sie sich ein im Gang geparktes Bett nebst Patient und beginnt ihre ausgedehnte Spazierfahrt durch alle Etagen und Winkel des Krankenhauses. Zuerst führt sie ihr Weg in die Wäscherei. Dort horcht sie was die Besungene an Zetteln, Eintrittskarten und anderen interessanten Fundstücken in den schmutzigen Wäschestücken gefunden hat und welche wichtigen Nachrichten sich daraus rekonstruieren lassen. Anschließend schiebt sie das Bett mitten in die Raucherinsel der Krankenpflegeschule, holt ihre Zigaretten heraus, steckt sich und dem halbschlummernden Patienten eine Zigarette zwischen die Lippen und gibt der qualmenden Schülerschaft Tipps, wo in den nächsten Nächten angesagte oder gar streng verbotene Tanzveranstaltungen mit anschließendem Nacktbaden stattfinden. Kommt die Internette von der kleinen Raucherpause an der Kantine vorbei, kann sie sich meist nicht beherrschen. Sie wirft ihre und des Patienten Zigarette in die Ecke, stellt das Bett mit dem magennüchternen Patienten neben den beleuchteten Lunchautomaten, zieht sich ihr saftiges Schinken-Käse-Sandwich mit Ei und Salat aus dem Automatenfach und stürmt an die Kasse zu Herrn Auskunft. Dort tauschen sie Speicherkarten mit verschiedenen Diagrammen und Grafiken aus und besprechen wichtige Kulturveranstaltungen, die im Umkreis von mindestens einhundertfünfzig Kilometern stattfinden. Und jedes Mal nimmt sich die Internette ganz fest vor beim nächsten Schwatz nicht wieder zwei, drei Stunden in der Kantine zu verweilen. Denn oft kommen die Patienten danach viel zu spät zu ihren OP-Terminen oder versterben, weil die Sauerstoffmaske zwischenzeitlich verloren gegangen oder der Infussiomat leer gelaufen ist. Sie übergibt ihre halbtoten Patienten am OP-Eingang und übernimmt die frisch operierten Patienten. Da das Handy im OP und ITS-Bereich keinen Empfang hat, hasst sie die Zeit der Übergabe und drängt das Personal zur Eile. Anschließend rast sie wie von der Tarantel gestochen mit dem Patienten in den Flur zurück und prüft mit zitternden Händen den Empfang ihrer beiden Smartphones. Mit der Fülle an Informationen beantwortet sie auf der Rückfahrt bereitwillig jedem Mitarbeiter, wann, wo, wie, welche wichtigen Veranstaltungen stattfinden, wie hoch die Eintrittsgelder sind, wie viele Karten sich überhaupt noch im Umlauf befinden und ob die Fragenden zu dieser oder jener außergewöhnlichen oder einmaligen Veranstaltung kommen müssen. Gern beendet sie ihre Tipps mit dem mahnenden Satz, dass ein Fernbleiben ein nicht wieder gut zumachender Frevel oder gar ein untrügerisches Zeichen von kultureller Einfältigkeit vor aller Welt darstelle und der Ferngebliebene sich nicht mehr bei Tage unter die Menschheit getrauen könne. Sind die Fragenden noch im Zweifel, schiebt sie den standardisierten Satz hinterher, dass auch sie todmüde sei, dass auch sie Wäsche in der Waschmaschine habe und auch ihre Fenster vor Dreck aus den Rahmen fielen, aber sie sich gar nicht mehr im Spiegel ansehen könne, wenn sie der Veranstaltung fernbliebe. So angeheizt beteuern die Informierten, dass sie in jedem Falle zur angemahnten Veranstaltung kämen. Oft trifft sie am Abend den Handwerker, der ihr fortwährend zulächelt, Teile ihres alten oder neuen Stationsteams oder gar ganze Abteilungen dort an. In diesen Momenten fühlt sie sich seltsam geborgen und glaubt sich ihrem großen Ziele näher, einmal alle Mitarbeiter des Krankenhauses als familiäres Ganzes zu erleben. Sie nimmt die Smartphones und macht Fotos, die sie als Panoramabilder in verschiedene Netzwerke stellt und mit den Namen aller Abgebildeten versieht. Die Gelungensten klebt sie später an einer der wenigen freien Plätze ihrer vier Meter hohen, weiß getünchten Wände der Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Außentoilette. In sehr guten Momenten gelingt ihr das Kunststück, die Anwesenden im Saale in tobende Begeisterung zu versetzen. Dann schunkelt sie so lange hin und her, bis die Anwesenden die von ihr vorgegebene Bewegung aufgreifen und in eine einzige Woge verwandeln. Nach solchen Veranstaltungen fährt sie nicht, wie sonst üblich, mit dem Taxi zum nächsten Ereignis, sondern schaltet ihre beiden Smartphones aus, nimmt ihre bunten Pantoletten in die Hand und planscht im Springbrunnen und träumt davon, endlich von einem schönen Mann entdeckt zu werden. Barfuß tanzt sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett und schaukelt sich mit dem Rhythmus der abendlichen Woge in den wohl verdienten Schlaf und stellt sich die Frage warum sich niemand getraut, sie endlich anzusprechen. Und nur wenn sie wieder einen ihrer furchtbaren Albträume hat, schreckt sie aus ihrem Schunkelschlafe auf und starrt mit weit aufgerissenen Augen auf ihre beiden Handys, die sie stets fest umklammert in den Händen hält. Dabei überlegt sie, was sie eigentlich machen wird, wenn sie, wie im Traume geschehen, wirklich in ein Funkloch fallen sollte.

Würde man den Pförtner nach ihr fragen, würde er sagen, dass sie eine ausgesprochene Handymacke hätte und er beim besten Willen nicht sagen könne, woher sie die viele Kohle nehme, um die täglichen Taxifahrten bezahlen zu können. Außerdem würde er behaupten, dass sie endlich einen Mann in ihr unstetes Leben lassen müsse. Dann würde sich das mit der Doppel-Handymacke und dem Taxirumgekutsche schnell legen. Außerdem könne er dann wieder seinen geliebten Pflücksalat abernten und zum Frühstück essen.

Die Gastnehmerin, Teil V

Sie steht auf, zupft ein verwelktes Blatt von der Grünpflanze, wirft es in den Mülleimer und geht auf die Toilette. Wie immer lehnt sie die Tür an und ich höre wie ihr Urin in die Schüssel läuft. Damit ich das Geräusch des Urinstrahls heute nicht hören muss, lege ich Jazzmusik in den Spieler und drehe die Musik laut. Sie kommt aus dem Bad und schimpft erwartungsgemäß, dass das furchtbare Affenmusik sei, dass die Nachbarn dieses Geheul auf keinen Fall dulden würden und auch sie bei der furchtbaren Musik sofort gehen werde. Ich schalte die Musik etwas leise, sage beiläufig, dass es mir leidtue und warte bis sie sich angezogen hat. Ich begleite sie zur Tür. Sie bleibt im Flur stehen und fragt, ob nicht doch etwas Geld in dem Geldbeutel sei und ob ich noch einmal gründlich nachsehen könne. Siegessicher gehe ich zum Küchenschrank zurück, nehme mit ausladender Handbewegung den Geldbeutel aus dem Fach, werfe ihn in die Luft und drücke ihn ihr in die Hand und ermuntere sie, doch selber noch einmal ganz gründlich hineinzusehen. Sie schaut hinein und dreht die Spitze ihres Schuhs, als wollte sie eine Zigarette austreten. Sie klopft mit der Hand auf die Oberfläche ihrer Tasche und flüstert, ob ich nicht wenigstens etwas Kleingeld im Portemonnaie sei. Die Gastnehmerin, Teil V weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“ Die Gastnehmerin, Teil IV weiterlesen

Die Gastnehmerin, Teil III

Sie knurrt. Ich drehe das Radio leise, den Wasserhahn ab und wiederhole in langsamen Worten meine Frage: „Schmeckt´s dir? Schmeckt´s? Oder bist du schon satt? Wenn Du satt bist, musst du´s mir nur sagen. Dann stelle ich den restlichen Käse auch gern wieder in den Kühlschrank! Der muss ja nicht unnütz auf dem Tisch stehen.“ Ich höre ein weiteres Mal ihr Knurren und ein „Nein, nein, es schmeckt! Stell´ den Käse bloß nicht wieder weg!“ Ich drehe den Kopf etwas zur Seite und sehe wie sie mit der einen Hand hastig zwei Scheiben in ihren Mund steckt, wobei die eine Scheibe für Sekunden wie eine weiße Zunge heraushängt und im Rhythmus ihrer Kaubewegung mitschwingt. Mit der anderen Hand schiebt sie schnell die verbliebenen Käseteile auf ihren Teller. Sie nimmt die mitgebrachte Tüte aus der Tasche und kippt den Käse hinein. Ich drehe den Kopf zurück zur Spüle, schließe die Augen und spüre das Gefühl, dass ich in solchen Momenten immer verspüre. Ich sage mir in Gedanken, dass ich diesem Gefühl des Mitleids ab heute nicht mehr nachgeben will. Außerdem sage ich mir, dass ich mir das seit Jahren jedes Mal vorgenommen habe. Zum Schluss sage ich mir, dass ich aus einem unerklärlichen Grund seit dem letzten Besuch weiß, dass ich von ihr nichts mehr erhoffen kann.
Ich öffne die Augen, schiele auf den Tisch und sehe wie sie das letzte Stück herunterschlingt. Ich bemerke, wie ich die Schnur der Mikrowelle umfasse und in die Steckdose schieben will. Ich schüttle den Kopf, schalte die Herdplatte an, lege meine flache Hand darauf, bis es warm wird und ich ein leichtes Brennen verspüre, starre in das immer deutlicher werdende Rot und spreche lautlos zu mir: „Ab heute, ab heute muss das anders werden! Du hast es dir versprochen!“ Ich lege die Schnur der Mikrowelle aus der einen Hand, nehme die andere Hand von der Platte, schalte den Herd aus und überlege, wann sie endlich mit dem eigentlichen Grund ihres Besuches herausrücken wird. Ich halte meine Hand unter das kalte Spülwasser und bin mir auf einmal sicher, dass ich ihr es ganz gewiss nicht leicht machen werde und sie ab heute mit mir einen wirklich echten Gegner haben wird. Als erstes kommt mir die Idee, ihr Gespräch, zu torpedieren. Da ich weiß, was sie in Wirklichkeit will, dürfte es mir nicht allzu schwer fallen, jedes Mal, wenn sie damit beginnen würde, sie mit einem anderen Thema zu überrumpeln. Ich gieße ihr Kaffee ein. Dieses Mal gieße ich ihn, wie den Tee in chinesischen Filmen, aus großer Höhe ein, damit er schnell kalt wird. Ich weiß, kalten Kaffee mag sie noch weniger als zu heißen. Sie sagt, dass es schön sei, dass es so schnell mit diesem Besuch geklappt habe und sie ein dringendes Anliegen auf dem Herzen habe. Ich frage sie, was eigentlich ihr Herz mache und wie der Befund des Langzeit-EKGs ausgefallen sei. Sie sagt, dass sie es noch nicht geschafft habe, aber gleich nächste Woche zum Arzt gehe. Sie sagt, dass es schön ist, dass es mit diesem Besuch so schnell geklappt habe und sie wieder einmal einen kleinen Wunsch hätte. Ich frage, ob sie denn die Weihnachtswünsche der Verwandtschaft für dieses Jahr schon wüsste und bin völlig erstaunt als sie ja, natürlich sagt und dass sie ja deswegen mich besuchen komme. Ich verdrehe die Augen und sage, dass ich mich über ihren Besuch sehr freue, mir aber dieses Jahr vorgenommen habe, keinerlei Wünsche zu erfüllen. Sie sagt, dass auch sie sich dieses Jahr vorgenommen habe keine allzu großen Wünsche zu erfüllen und es sich sowieso nur wieder um Kleinigkeiten handle. Sie greift in ihre Jackentasche und holt den Weihnachtswunschzettel, den sie auf die Rückseite eines langen Kassenbons geschrieben hat, heraus. Da ich weiß, dass sie mit ihrer Brille nicht allzu viel erkennen kann, gehe ich zum Fenster, sehe hinaus und drehe am Stellrad der Jalousie. Sie beugt sich über den Zettel mit der kindlich krakeligen Schrift und beginnt laut vorzulesen. Ich bin erstaunt, dass sie ihre Schrift immer noch erkennt. Ich schaue wieder scheinbar unbeteiligt durch die Fensterscheibe und drehe ein weiteres Mal am Stellrad der Jalousie. Sie hält den Zettel nah an ihre Brille und liest in ihrer unnachgiebigen Art, die ich bewundere und zugleich fürchte, ihren Wunschzettel vor. Ich sehe weiterhin aus dem Fenster und drehe ein weiteres Mal das Plasterädchen der Jalousie und bin erfreut, mit wie wenig Aufwand ich ihren Willen unterbrechen kann. Sie schiebt den Zettel vor die Brille, reibt ihre Augen und beginnt zu stottern. Ich flüstere in Gedanken, dass ihr das völlig zu Recht geschieht und es die Strafe dafür ist, das von mir erbetene Geld statt für die neue Brille für unsinnige Einkäufe auszugeben. Sie reibt sich erneut die Augen und beginnt zu zittern. Da mir dieser Anblick leidtut, drehe ich das Rädchen der Jalousie zurück. Sofort beginnt sie wieder, diesmal schneller, die Wünsche vom Zettel vorzulesen. Da mich das, aber auch mein gottverfluchtes Mitfühlen ärgert und ich mir nicht sicher bin, was mich mehr von beidem in hilflose Wut versetzt, drehe ich das Rädchen zurück. Sie reibt Kreise über die Karos ihres violetten Hosenkostüms. Ich drehe wieder an dem Rädchen. Sie beobachtet mich und ich überlege, was ihre Beobachtung bedeutet und ob sie gemerkt hat, dass ich das Rädchen gedreht habe. Das macht mich völlig unsicher. Ich schaue noch einmal aus dem Fenster, öffne es, winke und rufe auf die Straße herunter. Ich schließe das Fenster, reibe mit dem Ellenbogen über die Scheibe, gehe vom Fenster zur Spüle, die hinter ihr steht und überlege wie ich ihren Leseschwall unterbrechen kann. Ich hole mit dem schweineteuren Bergkäse, den ich extra für diese Situation beim Händler bestellt habe, meine allerletzte Waffe aus dem Kühlschrank, stelle ihn vor sie und bemerke erst jetzt, dass sie schweigt und ihre Brust sich schnell auf- und abbewegt. Ich glaube puterrot zu werden, drehe mich von ihr weg und sage trotzig, dass ich ihn extra nur für sie gekauft habe, vorhin glatt vergessen habe ihn auf den Tisch zu stellen und nun aber auch möchte, dass sie ihn unbedingt isst und ich ihn ansonsten nie mehr kaufen werde. Sie schaut auf ihren Wunschzettel, auf den Käse, auf den Wunschzettel und von dort langsam auf den Käse und danach mich fragend an. Ich nicke ihr zu und sage im überzeugt lässigen Tonfall, dass es da überhaupt nichts zu überlegen gibt. Sie schaut mich zögernd an und legt in Zeitlupe den Zettel neben den Teller. Ich hobele die Scheiben vom Käse herunter und garniere sie auf den Teller. Sie schaut mich an und beginnt die Scheiben in einem Tempo in den Mund zu schieben, dass ich mit dem Hobeln kaum nachkomme Sie greift zur Kanne und gießt sich mit Schwung Kaffee nach, dass der Kaffee über die Tasse, auf die Untertasse und von dort auf den Tisch schwappt. Sie trinkt ihn mit einem großen Schluck, dass er tröpfchenweise aus den losen Gebisshälften träufelt. Ich beobachte sie und möchte am liebsten zum Fenster stürzen und die Jalousie komplett zudrehen. Stattdessen drehe ich mich wieder zur Spüle, frage sie in einem eingeübt scheinheiligen Ton, was denn dieses Mal der Grund ihres Besuches ist und spüre plötzlich wie mir übel wird und ich mich über meine eben gestellte Frage zu ärgern beginne, da ich ihr nun eine wunderbare Steilvorlage biete, die sie garantiert nutzen wird. Mit vollem Mund, nimmt sie den Wunschzettel in die Hand und beginnt laut vorzulesen. Ich schüttle den Kopf, setze mich an den Küchentisch sehe die vielen Posten, die auf der Vorderseite des Kassenbons aufgetragen sind und spüre das jahrhundertealte Gefühl in mir hochsteigen aus der Wohnung zu laufen, getraue es mir aber nicht. Ich sehe auf die Herdplatte, schüttle den Kopf und bezweifle, ob ich jemals diesem Gast, der auch heute wieder mit einem Selbstverständnis an seinem sogenannten Stammsitz am Küchentisch Platz genommen hat, gewachsen bin. Ich stehe auf, gehe zum Küchenherd, schalte die Herdplatte an und drücke meine flache Hand darauf.

Die Gastnehmerin, Teil II

Im ersten Teil wartet der Erzähler auf seinen Gast und erzählt dabei (aufgeregt) wie aufgeregt er ist und er sich auch dieses Mal gegen dieses unangenehme Gefühl nicht wehren kann. Noch während des Wartens vollzieht sich für den Erzähler und den neugierigen Leser aus (noch) unerklärlichen Gründen eine Wandlung seines sonst üblichen Verhaltens. Diese Wandlung wird heute in Teil II fortgeführt und der Leser wird (un-gewollt) zum voyeuristischen Teilhaber des bizzaren Frühstücksgeschehens am Küchentisch.

Sie greift den Käse, schneidet wie erwartet dicke Scheiben herunter und stapelt ihn auf das Brötchen. Ich beobachte sie und bin verwundert, weil mich ihre Verfressenheit überhaupt nicht aufregt. Stattdessen sage ich, dass es mich sehr freut, dass sie heute ausnahmsweise viel Appetit mitgebracht hat und es ihr so wunderbar schmeckt. Ich nehme die Kaffeekanne, gieße ihr den tiefschwarzen Kaffee randvoll in die Tasse und sage: „Einen recht bekömmlichen und guten Hunger!“ Sie trinkt einen Schluck, antwortet, bei mir hast du das anders gelernt und beschwert sich, dass ich ihr zu viel Kaffee in die Tasse gegossen habe, sie ihn nun nicht mehr mit Milch verdünnen kann und der Kaffee außerdem viel zu stark sei. Sie erinnert mich daran, dass ich doch wüsste, dass sie starken Kaffee seit langem nicht mehr vertrüge und ob ich unbedingt wolle, dass sie wie ihr Großvater Magenkrebs bekomme. Ich entschuldige mich beiläufig und biete ihr mit einem Lächeln Milch an. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne mit der einen Hand die Tür, ziehe mit der anderen Hand den Neztstecker der Mikrowellenschnur aus der Dose und stelle ihr die eiskalte Milch, die ich vor ihrem Besuch ins Kühlfach gelegt habe, auf den Tisch. Sie fragt mich, ob ich wenigstens Milch in der Mikrowelle warm machen könne. Ich verneine, drücke stattdessen theatralisch an der unbeleuchtete Tastatur und bedaure, dass die Mikrowelle aus einem mir wirklich unerklärlichem Grunde just gestern den Geist aufgegeben habe und sie die Milch heute leider mal kalt nehmen müsse. Sie sagt nein und trinkt den schwarzen Kaffee in kleinen Schlucken und flüstert, dass sie, wenn sie ihre Diagnose bekäme, wenigstens wisse wer an alledem schuld sei. Ich versichere, dass das nie und nimmer passiert und sie wenigstens Hundert werde. Mit einem Knurren beißt sie in die Brötchenhälfte und zieht wie ein wildes Tier daran. Sie lässt den Teil der Brötchenhälfte wieder aus dem Mund gleiten, dreht den Kopf zur Seite und versucht es noch einmal. Als auch das nicht gelingt, schiebt sie die Lippen vor und lutscht an der Kruste. Sie schiebt ihre Zähne hin- und her, beißt vorsichtig hinein und würgt das abgesägte Stück herunter. Sie flucht und legt die Hälfte des Mohnbrötchens zurück und isst stattdessen den Käse vom Teller. Damit sie nicht mit dem Essen aufhört, gehe ich zum Kühlschrank und nehme den Büffelmozzarella heraus. Ich öffne die Verpackung, rieche daran, lecke mit der Zunge um den Mund, stelle den Mozzarella direkt vor ihre Nase und sage ihr in die Länge gezogen, dass ich den Käse extra nur für sie gekauft habe. Ich hoffe ihr so ein schlechtes Gewissen zu machen und ihre Fresssucht wieder anzuheizen. Wenn ich Glück habe, isst sie wieder alles, was ich auf den Tisch gestellt habe und ihr wird schlecht. Heute scheint mir das nichts auszumachen. Sonst regt mich ihr zu erwartendes Verhalten Tage vorher maßlos auf und ich beschwere mich lautstark vor dem Spiegel stehend über ihre Verfressenheit und mache ihren immer gleichen jammernden Monolog nach, bei dem sie sagt, dass sie wieder viel zu viel gegessen habe und ihr nun schlecht würde. Jedes Mal nehme ich mir vor dem gottverdammten Spiegel stehend vor, ihr endlich zu sagen, dass sie über ausreichend Geld verfügt und ich nicht mehr ihr Goldesel sein möchte. Aber nachdem ich die Vermutung habe, dass sie es ist, die im Hof hinter die Container kotzt, stört mich ihre Fresserei nur noch halb. Am Anfang dachte ich, es seien Jugendliche oder eines von den Hippie-Pärchen aus dem Nachbarhaus, die nach ihren Saufgelagen gern mal in die Ecken kotzen oder pinkeln. Aber nachdem ich festgestellt habe, dass die Kotze immer dann hinter dem Container liegt, wenn sie da war und die Hippies zu der Zeit ihren Rausch ausschliefen, bekam ich diese Ahnung. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn ich mich wieder über sie aufrege und wütend durch die Bude renne, das Kotzgeräusch nachmache und mich schlagartig dabei wohlfühle. Wenn ich Glück habe, kann ich es heute endlich live erleben. Ich summe ein Lied, schneide den Mozzarella in extra dicke Scheiben und lege ihn breitfächerig auf den Meißner Servierteller meiner verstorbenen Großmutter. Mit gespreizten Fingern nasche ich eine Scheibe vom Teller und summe trotz vollem Munde weiter. Jedes Mal wenn sie den Teller mit dem Streublumenmuster sieht, wird sie unruhig und äußert abwertende Bemerkungen, um auch das letzte bei mir verbliebene Stück meiner geliebten Großmutter, von mir geschenkt zu bekommen, um es anschließend zu verscherbeln. Über die Jahre habe ich es mir abgewöhnt, die Teile, die sie an den Antiquitätenhändler in meiner Straße verkaufte, zurückzukaufen. Anfangs hatte ich mich geärgert, dass sie die Stücke verkauft hat. Später war ich nur noch enttäuscht, dass sie sich nicht einmal die Mühe gab, die mir zuvor abgeschwatzten Teile, so zu verkaufen, dass ich es nicht bemerke. Und als sie mir eher zufällig ein Stück abschwatze, das ich ihr schon einmal geschenkt hatte, ließ ich es, weitere Teile vom Händler zurückzukaufen. Ich streichle über eine der abgebildeten Streublumen auf dem Teller, schmatze nachdenklich, sehe ihr in die Augen und sage, dass das ein wunderschönes Muster ist und ich gar nicht weiß, wer diesen prachtvollen Teller, wenn ich nicht mehr bin, bekommen soll und er sicherlich, wie mein anderer Kram in einer der vielen Haushaltauflösung oder gar im Sperrmüll landen wird. Ich staune, dass mir heute das bei Sammlern begehrte Motiv nicht abschwatzen will und stelle Pfeffer, Salz und Olivenöl wie eine Mauer um den Meißner Teller herum. Ich nehme das Kürbiskernöl, öffne es und sage ihr, dass das Öl vorzüglich zum Mozzarella passe. Ich garniere die Scheiben mit frischen Basilikumblättern und Cherrytomaten und bitte sie sich nicht zu zieren und doch endlich zuzugreifen. Ich gehe zur Spüle, wasche meine vom Käse verklebten Hände und sage ihr, dass der Büffelmozzarella erst neulich im Fernsehen von ihrem Lieblingskoch angepriesen wurde. Ich gehe zurück zum Tisch und erwische sie, wie sie mit ihren dicken Fingern an ihren beiden Gebissen rumruckelt. Erstmals erfreue ich mich bei dem Anblick, dass ihr die Beißer nicht mehr passen und sie seit Jahren deswegen Schmerzen hat. Hätte sie das viele Geld, das sie mir damals über Monate abgepresst hatte, auch wirklich für die Zahnarztrechnung verwendet, müsste sie jetzt nicht mit Schmerzen am Tisch sitzen und mit kaputten Zähnen und einem zu großen Gebiss essen. Ich drehe mich zurück zur Spüle und frage sie in einem Tonfall, bei dem ich mir sicher bin, dass sie in jedem Fall auf meine Frage antworten muss: „Schmeckt´s dir eigentlich? Du sagst gar nichts?“

Die Gastnehmerin, Teil I

Ich warte. Meine Mutter hat sich angemeldet. Sie hatte gestern am späten Abend angerufen und gefragt, ob sie mit mir heute Morgen etwas überaus Wichtiges besprechen dürfe. Es sei dringend, sehr dringend.
Ich kenne ihre Art. Ich kenne ihre unaufschiebbaren Wünsche und auch ihre Hartnäckigkeit. Sie gibt nicht nach. Sie gab noch nie nach. Sie versucht es anfangs freundlich, später indem sie mir ein schlechtes Gewissen macht und zum Schluss mit Vorwürfen. Das alles ist mir vertraut. Nun sitze ich da und warte auf das, was ihr Besuch von mir fordern wird. Ich schalte den Fernseher an und springe von Sender zu Sender. Nachdem ich alle dreiunddreißig Programme durchgeblättert habe, fange ich wieder von vorne an, bis es zwei Mal kurz hintereinander klingelt. Sie klingelt immer zwei Mal. Das ist ihr Zeichen. Das hat sie vor Jahren für uns festlegt. Deswegen ermahne ich die Postträger und die Bewohner des Hauses, falls sie Irgendetwas von mir wollen, bitte, bitte nur einmal zu klingeln. Da sie schon mehrfach erlebt haben, wie mies es mir geht, wenn sie zweimal klingeln, halten sich die meisten an meine ungewöhnliche Bitte, wie sie sie verwundert ein jedes Mal nennen, wenn wir darauf zu sprechen kommen. Wieder klingelt es zwei Mal. Und dann noch zweimal kurz hintereinander. Auch das kenne ich von ihr. Heute stürze ich nicht zur Tür, sondern lasse mir Zeit. Eigentlich wäre jetzt eine weitere Chance, mich endlich still zu verhalten und nicht zu öffnen. Eigentlich. Noch nie habe ich diese Chance genutzt. Komischerweise bereite ich mich aber jedes Mal auf diesen Moment vor. Ich schalte alle Lampen aus, drehe das Radio leise und wenn es draußen dunkel ist, schalte ich sogar den Fernseher ab, damit mich das Geflacker nicht verrät. Noch nie habe ich mich still verhalten. Doch, ein einziges Mal. Mir war das damals so unangenehm, dass ich mich bei ihr entschuldigte, ihr versicherte, sehr, sehr fest geschlafen zu haben und ihr zum Abschied Geld geschenkt hatte.
Ich schalte den Fernseher ab, stehe vom Sofa auf, setze einen Fuß vor den anderen und schleiche so zum Türsummer. Es klingelt zwei Mal kurz. Ich warte einen Moment, bis es wieder und wieder zwei Mal kurz hintereinander klingelt und versuche in gelangweilter Stimme zu fragen, wer da ist. Ich höre ihr: „Hier is´ Mutti! Lass mich rein!“ Über meine gelangweilte Stimme bin ich erschrocken. Schnell drücke ich den Summer und öffne die Wohnungstür. Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ein Hemd aus dem Schrank, ziehe es aber nicht an. Stattdessen hänge ich es zurück, gehe ins Bad, nehme ein schmutziges Hemd aus der Wäsche und streife es über. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, werfe mich auf das Sofa, schalte den Fernseher wieder an und drücke wahllos durch die Sender. Das Klingeln hat meinen Puls hochgejagt. Ich reibe die Hände an den Hosenbeinen trocken. Ich fluche und drehe den Fernseher lauter.
Sie klopft an die Tür. Ich rufe vom Sofa aus herein und spüre jetzt das Pochen am Hals. Ich drehe die Lautstärke noch ein Stück auf, bevor ich den Fernseher ausschalte. Früher hätte sie sich zuallererst über die Lautstärke beschwert und verlangt den Ton leise zu stellen. Es wäre ihre erste Anweisung gewesen. Es war immer ihre erste Anweisung wenn sie in mein Zimmer eintrat. Sie hatte diese Begründung auch gern benutzt, um mein Zimmer zu betreten, selbst dann, wenn ich gar keine Musik gehört hatte. Ich wische meine kalten Hände nochmal an den Hosenbeinen trocken und schiebe mich vom Sofa auf.
Jetzt steht sie da, klopft leise an der Stubentür und tritt ein. Ich blicke flüchtig zu der kurzatmigen und unfrisierten Frau in ihrem zu großen violetten Hosenkostüm und nicke. Irgendwie freue ich mich über ihre Kurzatmigkeit. Ich hatte mir vor Jahren angewöhnt in obere Etagen zu ziehen. Irgendwie fühlte ich mich dort wohler. Mit jedem Umzug zog ich eine Etage höher, anfangs noch mit Fahrstuhl. Als ich bemerkte, dass ihr das Treppensteigen immer schwerer fiel, suchte ich speziell nach Wohnungen in Häusern ohne Fahrstuhl. Die Makler wollten mir mein Anliegen erst nicht glauben. Aber nachdem ich ihnen Fitnessgründe dargelegt hatte, suchten sie für mich und erklärten mir, dass das Gesetz jedoch Wohnungen nur bis zur Sechsten ohne Fahrstuhl zulässt. Sicherlich fällt mir das tägliche Treppensteigen schwer und ich verfluche sie manchmal auf einem der Treppenabsätze. Wegen den einhundertneun Stufen trinke ich nur noch Leitungswasser und esse eingeschweißtes Fertigzeug. Und seit ich hier oben in die Mansardenwohnung mit der steilen Wendeltreppe gezogen bin, habe ich sogar mein Bier weggelassen und trage meinen Wocheneinkauf in einem speziellen, rückenschonenden Bergsteigerrucksack.
Sie geht in die Küche, setzt sich auf den Stuhl und ringt um Luft. Ich stelle mich an die Spüle, putze am Wasserhahn und beobachte sie aus den Augenwinkeln. Ich freue mich wie sich ihre flache Brust schnell auf- und abbewegt. Wenn sie wieder Luft bekommt, wird sie mich fragen, ob´s denn hier nichts zu essen gibt. Da mir die Frage wieder unangenehm sein wird, hole ich ein hart gekochtes Ei, Margarine und den vorbereiteten Teller Käse aus dem Kühlschrank. Warum ich mich dieses Mal für hart gekochte Eier und Margarine im Kühlschrank entschieden habe, obwohl weder ich noch sie das Zeug essen, sage ich ihr vorerst noch nicht, stelle es ihr aber demonstrativ auf den Tisch. Ich gehe zur Kaffeemaschine und fülle mehr als die doppelte Menge Kaffeepulver, die ich benötige, in den Filter. Ich öffne den Schrank und hole das Gedeck mit der angeschlagenen Tasse heraus, das ich dachte längst weggeworfen zu haben und stelle auch dieses vor sie. Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Eigentlich. Da nichts passieren will, drehe ich ihr den Rücken zu und suche Brötchen im Fach. Das abgepackte Brot schiebe ich dabei unter die Servietten und das Backpapier, dass sie, wenn sie danach suchen würde, in keinem Fall fände. Ich weiß genau, dass sie keine Mohnbrötchen isst. Trotzdem staple ich sie neben die Margarine und erkläre, dass ich leider vergessen habe ihr Brot mitzubringen und ihr nur frische Mohnbrötchen anbieten kann. Sie sagt in ihrem vorwurfsvollen Tonfall, dass sie überhaupt nicht verstehen kann wie ich ihr Brot vergessen könne und wo ich meine Gedanken wieder hätte und ob ich überhaupt auch wenigstens einmal an sie denke. Sie verzieht die Mundwinkel, greift nach einem der frischen Brötchen, betastet es und legt es wieder hin. Damit sie sich es nicht anders überlegt, schneide ich das von ihr betastete Brötchen auf. Mit einem Lächeln, über das ich völlig erstaunt bin, lege ich die Hälften auf den Teller und gebe ihr ein abgenutztes Messer aus dem Schrank. Sie greift zur Margarine, fragt warum ich keine Butter hätte und ob ich sie jemals Margarine essen sah und beschmiert widerwillig die Brötchenhälften. Ich reiche ihr den vollgepackten Teller mit den verschiedenen Käsesorten und bin gespannt auf das, was jetzt passieren würde.

Blinder Alarm

So, damit sie etwas zur Ruhe kommen, habe ich Ihnen den Fernseher angestellt. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich gebe Ihnen die Fernbedienung und dann können Sie sich einen Lieblingsender raussuchen. – Haben Sie Engegefühl in der Brust? Luftnot?

Das Herz hört auf zu schlagen. Sämtliche Organe werden nicht mehr mit Blut versorgt. Sauerstoff und Nährstoffe werden nicht mehr über das Blutkreislaufsystem transportiert.

Nein, im Moment nicht. Das tut alles mir leid, Frau Doktor, dass ich Sie wieder belästige. Aber mir ging es vorhin nicht gut. Wirklich, ich…. Und da hatte ich gedacht, ehe wieder etwas mit mir passiert und ich wie letztes Mal zwei Tage in der Wohnung liege und rufe…

Das Hirn wird nicht mehr durchblutet. Nach drei Minuten ist es dauerhaft geschädigt und es treten Enzyme aus, die die Hirnzellen auflösen.

Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich nehme Ihnen jetzt Blut ab. Das kennen Sie ja. Und in zehn Minuten, wenn wir den Troponinwert haben, wissen wir mehr. Eine Grippe oder Ähnliches hatten Sie nicht in der letzten Zeit? Machen Sie den Arm lang und eine Faust! Das gibt jetzt einen Stich.

Nach dem Stopp der Blutzirkulation sinkt die Temperatur des Körpers.

Wissen Sie, Frau Doktor, mir war schlecht, die Finger waren kalt und ich habe am ganzen Körper gezittert.

Der Haut beginnt kühl und blass zu werden.

Das ist mir alles unangenehm. Seit gestern spielt mein Blutdruck verrückt. Ach, ich mache Ihnen wieder Arbeit. Aber ich, ich hatte auf einmal so ´ne Angst, das Herz klopfte ganz schnell und mir blieb die Luft weg. Ich habe mich gar nicht getraut anzurufen. Und die am Telefon haben zu mir gesagt, dass sie dieses Mal nicht kommen wollen und es sowieso wieder nur blinder Alarm ist. Und dann, dann habe ich all meinen Mut gesammelt und durchs Telefon gerufen, dass ich mir das nicht gefallen lasse.

Nach 15-30 Minuten sterben die Zellen des Herzens ab.

Frau Renner, machen Sie sich keine Sorgen. Jetzt geben wir Ihnen Sauerstoff. Und eine Herzultraschalluntersuchung bekommen Sie auch noch. Strecken Sie mir den Zeigefinger entgegen! Ich lege Ihnen jetzt eine Klammer um den Finger, damit kann die Sauerstoffsättigung besser kontrollieren kann. Und einen weiteren Hub Nitrospray gebe ich Ihnen auch noch.

Nach 30 Minuten sterben die Zellen der Niere.

Wie war denn das mit dem Blutdruck, Frau Renner?

Nach 30 Minuten sterben die Zellen der Leber.

Ich habe wie immer meinen Blutdruck mit meinem Gerät von der Hausärztin gemessen. Und da habe ich gesehen, dass er sehr niedrig war. In der Nacht habe ich kaum geschlafen. Und morgens, da bin ich wie immer aufgestanden, nur etwas früher, weil ich nicht mehr schlafen konnte und habe Frühstück gemacht, aber nichts gegessen, nur Kaffee getrunken. Und dann bin ich schlagartig müde geworden und musste mich auf das Sofa legen.

Leichenflecken entstehen. Blut und andere Flüssigkeiten sinken durch die Schwerkraft langsam an die unteren Stellen des Körpers.

Nehmen Sie Ihre Medikamente regelmäßig ein, Frau Renner?

1-2 Stunden nach dem Tod sterben die Zellen der Lunge.

Ja. Alle 14 Tabletten über den Tag verteilt. Wissen Sie, früher wollte ich nie Medizin nehmen. Nachdem mein Mann von einer Bahn überfahren wurde, habe ich ein Jahr lang daran gedacht, meinem Leben ein Ende zu setzen. Die neugeborene Tochter hat mich aber davon abgehalten. Und jetzt, jetzt komme ich seit Jahren aller naselang als Heulsuse in Ihre Notaufnahme. Ich schäme mich. Eigentlich will ich das alles gar nicht mehr.

Nach 2-4 Stunden setzt die Todenstarre ein. Sie beginnt zuerst am Kiefergelenk und geht auf Hals, Nacken, Rumpf, Beine und Arme über. Nach ca. 6-8 Stunden ist sie voll ausgeprägt. Nach 1-3 Tagen löst sie sich wieder auf.

Dafür sind wir da, Frau Renner. Sie haben schließlich vier Infarkte in 30 Jahren überstanden. Ich hole den Oberarzt, er soll sich noch einmal das EKG ansehen. Sie sagten eben etwas von Ihrer Tochter. Haben Sie die Telefonnummer parat?

Nach 8 Stunden beginnen die Muskeln des Körpers abzusterben.

Muss ich hierbleiben?

Magen und Darm arbeiten noch bis zu 24 Stunden weiter. Danach beginnen sie sich selbst zu verdauen. Schließlich lösen sie sich auf. Der Körper beginnt zu verwesen.

Ja, Frau Renner. Es war dieses Mal eine gute Entscheidung, herzukommen. Ich denke, dass Sie bei uns bleiben werden. Ich bringe nur schnell Ihre Blutentnahme rüber und schaue danach gleich noch einmal zu Ihnen. Dann erzählen Sie mir ausführlich von dem Mut, den Sie damals nach dem Tod Ihres Mannes bewiesen haben.

Unter dir (Teil VI)

Ich lege das rote Samtbündel auf dein Kopfkissen, streichle mit meinen Fingernägeln über deine Handrücken, klopfe auf die Bettdecke und schiebe meine Zunge zwischen den Mundwinkeln hin und her. Lass uns anfangen, sage ich, lass uns endlich anfangen, sonst ist die Nacht vorbei und wir haben es immer noch nicht hinter uns gebracht. Ich sehe auf die Uhr und sage Mist, die kommt jetzt zur Jahresendrunde bevor sie sich auf die Nachbarstation verkrümelt, um literweise Kaffee und Sekt in sich reinzuschütten. Mit einem Schwung rutsche ich vorsichtig unter das Bett und wundere mich nicht, dass ich wieder an dem blöden Metallgestell anecke. Wie vorhergesagt, höre ich das Klappern ihres Schlüsselbundes im Rhythmus ihrer schnellen Schritte. Die Schwester hustet mehrmals, klopft an die Tür, fragt, ob du fertig bist und steckt den Kopf mit dem blonden Pferdeschwanz hindurch. Sie dimmt das Licht an und fragt in die Länge gezogen, ob du deinen heißen Traum schon beendet hast. Sie hustet noch einmal gekünstelt, kommt herein, schaut zum Monitor, geht zurück, haucht dir einen ihrer komischen Luftküsse entgegen und meint beim Lichtausmachen, dass sie nun erst im neuen Jahr wiederkommen wird. Ich schüttle über so viel Übermut den Kopf, sage dir, dass ich ihr Verhalten merkwürdig finde und ich sie selten so aufgekratzt erlebt habe wie heute und denke, dass sie jetzt schleunigst ihren Sekt trinken gehen sollte, ehe sie noch Schaden anrichtet.

Ich räkle mich unter deinem Bett, schlage mit den Fersen abwechselnd auf das gebohnerte Linoleum und merke, dass ich Lust auf dich bekomme. Ich greife zwischen meine Schenkel und beginne an mir rumzuspielen. Am liebsten würde ich meine Finger reinstecken, so wie du es früher immer bei mir gemacht hast und so wie ich es auch oft unter diesem Krankenhausbett extra für dich mache, um dir zu zeigen, wie wild ich immer noch auf dich bin. Da mir das Rumspielen heute nicht gelingen will, morse ich dir an dein blödes Bettgestell, wie einfach ihr Kerle es im Leben habt, dass quietschvergnügt Tag und Nacht an euch rumfummeln könnt und dass ihr euch zur Not auch auf dem Marktplatz neben einer Imbissbude an den Glocken rumspielen würdet. Ich rolle mich unter dem Bett hervor, ziehe mich am Bettgitter hoch, klatsche mir auf den Hintern und zwinkere deinen beiden Bettnachbarn zu. Ich greife dir an deinen Schwanz und flüstere dir ins Ohr, dass ihr Kerle es guthabt, und dass mich das schon früher interessierte und ich dich deswegen auf dem Schulhof gefragt hatte, ob du es dir schon mal gemacht hast. Ich ziehe an deinem Schwanz, hauche dir über die Stirn und erinnere dich, wie du bei meiner Frage früher so wunderbar rot geworden warst. Ich sehe dich an, streichle dir über die blassen Wangen und wünsche mir, dass du zur Abwechslung auch mal wieder rot werden könntest. Mir gefiel das damals so gut, dass ich dich auf unserem Hofpausenrundgang nochmal gefragt hatte, ob du dir´s in der Zwischenzeit wieder gemacht hast. Und wie beim ersten Mal, wurdest du rot, stottertest und verrietest mir ungewollt, was ich wissen wollte. Seit diesem wunderbaren Ereignis lauerte ich dir jeden Tag auf den Schulweg auf, um von dir zu erfahren, was du tags zuvor gemacht hattest, rempelte dich beim Mittagessen ausversehen an und setzte mich an deinen Tisch oder passte dich auf dem Nachhauseweg ab und verwickelte dich in Gespräche über deine und auch meine Zukunft. Ich brachte dich nach unserem dritten oder vierten zufälligem Treffen dazu, dass du mich zu mir nach Hause begleitet hast. Dabei bemerkte ich, wie simpel es war, dich zu führen und die Oberhand zu haben. Und das faszinierte mich. Ich hörte dir neugierig zu, dass du in deiner Freizeit, Orgel, Klavier und Gitarre spielst, zum Modellieren und Zeichen gehst, soeben einen Goldschmiedekurs bei deiner Tante gemacht hattest und an den Wochenenden mit deinem Cousin Bergsteigen oder Kanu fahren gehst. Von der Art, wie du mir das alles erzähltest, war ich völlig perplex. Keine Angebernummer wie bei den anderen Jungs der Schule, kein Gelaber oder blöde Kinderei über Titten und Schneckenkram. Nichts. Du erzähltest mir von deinen Schwierigkeiten beim Zeichnen und Musizieren, was du alles noch nicht beherrschst, du noch alles ändern musst und was ich denn zu alledem sage und welche wertvollen Tipps ich dir dazu geben könne. Du sahst mich mit deinen braunen Augen an, wühltest in deiner schwarzen Lockenmähne, zuppeltest an deinem Bärtchen und bohrtest fortwährend in deinem linken Ohr. Weil ich dir überhaupt nichts antworten konnte und ehrlich gesagt auch völlig neidisch neben dir stand, dachtest du, ich fände dich genauso bescheuert wie die anderen Jungs aus der Schule. Du entschuldigtest dich beim nächsten Treffen mit einem selbst geschriebenen Lied. An diesem Tag hatte ich mich in dich verknallt. Ich war verknallt in deine ungekämmte Lockenmähne und die Haare, die über deine Schultern und über deine Brust hingen. Ich war verknallt in deine braunen Augen mit den fast zusammengewachsenen Augenbrauen, in dein Lächeln mit den zwei schiefen Zähnen im Oberkiefer. Und ich war verknallt in deine langen Finger, die du immerzu in Bewegung hieltest und in die Hosentaschen stecktest, wenn du bemerktest, dass ich auf sie sah. An diesem Tag wusste ich, dass ich dich will, koste es was es wolle. Und ich wusste sofort, dass ich dich, wenn ich dich erst einmal habe, nie und nimmer an irgendeine andere hergeben werde.

Weil du immer noch nicht rot wirst, schlage ich dir links und rechts auf die Wangen und freue mich, dass endlich deine langweilige Blässe verschwindet. Ich frage dich, ob du dich noch erinnern kannst, dass ich dich, als wir zusammen waren, so lange über das Onanieren genervt hatte, bis du aufgabst und mir brav erzähltest, dass du an die wackelnden Brüste der ach so sportlichen Volleyballspielerinnen gedacht hattest, an die ach so supernette Musiklehrerin oder an die ach so durchtrainierten Kanumädels mit denen du Morsekurse übtest. Ich war sauer. Stinksauer. Um mich von dem Gedanken abzulenken, schnipse ich mit den Fingern auf deine Wangen und frage dich, ob du dich auch noch daran erinnern kannst, dass du mir damals gesagt hast, dass du ab und zu an mich gedacht hast und gemacht hattest. Ich hatte dich gefragt, wie oft du an die Volleyballspielerinnen und wie oft du an mich denken musst. Du bliebst mir die Antwort schuldig, an wen du mehr dabei denken musstest und ob du es lieber auf dem Bauch oder auf dem Rücken machst. Was ist das für eine Frage, hast du gesagt, natürlich im Stehen, natürlich vorm Fenster und natürlich in die Vollmondsilhouette. Weil ich mich über die Antwort auch heute noch ärgere, halte dir die Nase zu, schnipse nochmal mit meinen frisch lackierten Fingern kräftig auf deine roten Wangen und flüstere dir ins Ohr, dass du mir schon damals in entscheidenden Fragen ausgewichen bist und ich das in Zukunft nicht mehr dulden werde. Dabei wollte ich doch damals eigentlich nur wissen, mit welchen Mädchen du es vorher getrieben hattest. Du hast mir zwar gesagt, dass wir beide uns entjungfert hätten, aber ich glaube dir das bis heute nicht. Zu viele Mädels schwirrten um dich herum. Außerdem gab es da ein Gerücht, du hättest die hässliche Gruftiliese mit den ungewaschenen schwarzen Haaren und dem Metallzeug im Gesicht aus der Parallelklasse während der Klassenfahrt gevögelt, zumindest hatte sie dieses widerliche Gerücht in der Hofpause unter die Mädels gestreut. Ich war damals so wütend, dass ich erst dich und danach mich vergiften wollte. Und du kannst von Glück reden, dass ich in dem Moment nicht wusste, wie das geht und was man dazu alles braucht. Chemie ist nun mal nicht meine Stärke. Zur Strafe habe dich danach solange mit dem Runterholen genervt, bis du es endlich vor mir gemacht hast. Ich hatte mich mit verschränkten Armen vor dir aufgestellt, dich aufgefordert, mit den Händen geschnipst und gewartet bis es endlich kam. Dann habe ich mich etwas von dir weggestellt, dir zugerufen, ist das alles und dich ein weiteres Mal aufgefordert, dass du es nochmal machen sollst, dieses Mal aber noch weiter als vorher. Als das dann nicht genau vor mir runterkam, fragte ich dich, warum du nicht ordentlich gekommen bist. Bin ich ein Zuchtbulle, bin ich ein Elefant, hattest du geschrien. Ja, hatte ich gesagt, ja, du hast doch gesagt, dass du einen Dinoschwanz hast und immerzu an die Volleyballmädels, die Musiklehrerin und die Kanuliesen in ihren kurzen Hosen denkst. Das war Spaß, einfach nur Spaß, hattest du wütend gesagt. Ich fand das damals gar nicht witzig, überhaupt nicht. Na dann kommst du eben noch einmal, hatte ich geantwortet. Wie oft soll ich denn noch kommen, ich bin doch keine Maschine. Ich glaube, so wütend warst du sonst nur, wenn ich nach den Mitschülerinnen fragte. Da konntest du unendlich genervt sein.
Ich streichle über die Stelle der Bettdecke, unter der dein Ding ist und überlege, wie das ist, einen steifen Penis zu bekommen und wie es wäre wenn mir jetzt so ein riesiges Ding wachsen würde. Dann würde ich jetzt zum Silvesterabend mit so einem harten Teil hier durch das Zimmer wandern.

Das ist Politik

Sie entschuldigen, Sie haben da eine witzige Tätowierung am Arm. Eine Mickey Mouse habe ich ja noch nie als Tätowierungen gesehen.

Ach, das, das ist gar nichts. Schau mal, hier hab´ ich Popeye und hier ist Donald Duck. Und guck mal, hier über dem Rücken, da hab ich ´ne Frau drauf, ganz groß, mit hammermäßigen, naja, du weißt schon. Tja, ich war schon immer einer, der mit Frauen gut kann. Weißt du, ich weiß wie man die richtig flach legt.

Waren Tätowierungen zu DDR-Zeiten überhaupt erlaubt? Ich kannte einen, dessen Tätowierungen wurden fotografiert und katalogisiert und der hatte deswegen Scherereien.

Ja, ja, das war aber erst wenn du in den Knast reinkamst. Da haben die bei mir dann auch mit dem Kram angefangen. Die drei haben sie am Anfang nicht fotografiert, denn die habe ich mir schon mit elf machen lassen, da hatten die Bullen noch nichts zu sagen. Popeye war meine erste Tätowierung, denn den fand ich saukomisch. Und Mickey war ´ne Idee von meinem Kumpel.

Mit elf? Da macht man doch andere Sachen, ich meine…

…Och nö, nö, da habe ich mit `nem Kumpel lieber sowas gemacht. Wir zwei waren schon immer kreativ. Und mit ein bissel Tinte und ner angefeilten Feder von ´nem geklauten Füller kriegste alles hin. Uns konnten sie ja nicht belangen. Ich war elf und mein Kumpel war zehn.

Zehn?

Tja, warum nicht. Alles andere war mir zu langweilig. Meine Mutter hat zwar gebrüllt, aber was wollte sie machen. Wieder eine in die Fresse hauen? Irgendwann ist das auch durch und dann wirkt´s nicht mehr, weißt du.

Also, der den ich kenne, der hat mir gesagt, dass sie ihn bestraft haben, wenn er sich wieder eine neue Tätowierung hat stechen lassen. Wie war das bei Ihnen?

Ja, weißt du, das hat mich irgendwann nicht mehr gestört. Die haben mir sowieso immer eine in die Fresse gehauen, die Bullen. Ich hab die mal gefragt, warum sie mir immer eine reinkloppen, wenn ich die Wahrheit sage und warum sie mir ´ne Zigarette geben, wenn ich lüge. Da haben die mir gleich noch eine reingedroschen. Die waren schon komisch die Bullen. Ich hab die nie verstanden.

Der, den ich kenne, der meinte, dass die Gefangenen untereinander oftmals brutaler waren.

Ach, bei mir nicht, die kannten mich ja irgendwann alle. Ich hab am Fenster geschlafen und meine Ruhe gehabt.

Aber, der den ich kenne, meint, am Fenster durfte nicht jeder schlafen. Das waren die begehrtesten Plätze. Wie sind Sie denn an das Fensterbett gekommen?

Weißt du, wenn ich kam verscheuchte der Stubenälteste den Typen aus dem Nest, der grad drin lag. Und dann war das wieder mein Platz. Nö, nö, Probleme hatte ich nicht. Weißt du, und meinen Arsch haben ´se auch in Ruhe gelassen. Am Anfang war´s schwer, da konntest du keine Nacht ruhig schlafen. Weißt du, da habe ich jede Nacht höllisch aufpassen müssen. Aber dann, dann war´s geklärt. Und so einer, der im Knast erst mit den Kerlen rummacht und dann draußen wieder mit den Weibern anbändelt, nö, nö, so einer war ich nicht. Der Stecher von meiner Mutter, der war so einer. Den hatte ich im Knast kennen gelernt und irgendwann mit nach Hause geschleppt. Warum meine Mutter sich mit dem eingelassen hat, das hab´ ich nie verstanden. Meine Mutter war schon irgendwie krass. Die schickte mich vor der Schule immer Klauen. Weißt du, ich war der Älteste von uns fünfen. Und Hunger, Hunger hatten wir fünf immer. Wenn ich nicht genug mitgebrachte hatte, kriegte ich eine. Wollte mich aber einer ihrer Männer verdreschen, stellte sie sich vor mich hin und ließ nichts auf mich kommen. Das fand ich dann Spitze. Meine Mutter war schon krass. Seit ein paar Jahren telefoniere ich sogar einmal die Woche mit ihr. Weißt du, ihr geht’s nicht mehr so gut. Und außer mir hat sie niemanden. Die anderen Geschwister wollen mit ihr nichts mehr zu tun haben. Ich bin doch der Große, weißt du, ihr Großer.

Also, der, den ich kenne, der meinte, die wären im Bautzenknast untereinander besonders brutal gewesen. Erst im Stasiknast hatte er etwas Ruhe.

Nö, nö, bei mir war´s andersrum. Die haben gleich Stunk gemacht. Deswegen hab´ ich´s ja auch mit die Nerven, bin wegen die Psyche in die Rente geschrieben. Die haben mich geärgert und ich hab´s wieder mal nicht verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Die Bullen waren schon immer komisch. Irgendwann war mir das dann alles zu viel, weißt du. Das habe ich dann nicht mehr geschafft und versucht mich zu vernichten. Da haben die von der Stasi dann Schiss bekommen, mich entlassen und mir sogar ´ne Bude besorgt. Aber das hat mir dann auch nichts mehr genützt. Das erste, was ich gemacht habe, als ich in der Bude saß, ich hab wieder versucht mich zu vernichten. Naja, seit der Wende leb ich mit ´nem Hooligan und Nazi zusammen. Da bin ich wenigstens nicht mehr ganz allein. Die gucken ab und zu nach mir ins Zimmer und erledigen ein paar Wege, die ich nicht mehr kann, weiß du. Hat schon was, wenn einer mal nach dir guckt.

Sie haben eine WG? Sind die beiden Mitbewohner nicht… anstrengend?

Nö, nö, weißt du, die habe ich im Griff. Bei mir wird nicht gekloppt. Ich mach das nicht mehr. Und deswegen will ich es auch nicht mehr bei die Demos haben. Ich bin jetzt politisch geworden, weißt du, so richtig politisch. Mir kann keiner mehr was.

Politisch? Sie engagieren sich… politisch? Das, das find ich… vom Prinzip her gut.

Weißt, du, die haben gerade heute im Fernseher gebracht, dass immer mehr Leute politisch mitmachen, weil sie die Schnauze vollhaben von allem. Mehr als 10 Prozent machen jetzt mit, und es werden immer mehr.

Wie meinen Sie das? Es gibt doch mehr Menschen die sich politisch engagieren und…

…sag ich doch. Es werden immer mehr. Ich bin jetzt auch dabei seit der Politische bei mir wohnt.

Ähm, Sie sagten doch, Sie wohnen mit einem Hooligan und einem… einem Nazi…

…einem Politischen zusammen. Der wird verfolgt weil er in der NPD ist. Versteh´ ich nicht. Der kloppt sich nicht mehr rum, ist friedlich, geht arbeiten, macht jetzt in Politik mit. Und seit ich den kenne und wir uns angefreundet haben, kloppe ich nicht mehr und bin jetzt auch politisch. Der hat mich überzeugt. Deswegen wohnt er auch bei mir. Weißt du, bei mir sind die friedlich obwohl die beiden sich nicht ausstehen können. Hoolis wollen kloppen und Nazis wollen das alles politisch klären. Die Nazis sind zu Unrecht verschrien. Die haben mit Hitler auch nichts am Hut. Ich auch nicht. Das war ein Riesenarschloch. Der hat unserer Sache nur geschadet.

Aber wenn Sie mir jetzt hier während unseres Armbades erzählen, dass Sie eine Rente beziehen, wo liegt ihr Ziel bei den Demos, ich meine, was machen Sie auf den Demos?

Du meinst meinen Rollstuhl?

Ach so, Sie fahren, ähm, Sie haben einen, einen Rollstuhl. Ich dachte, Sie sind wegen einer Herzerkrankung hier…

…und wegen der Bandscheiben und wegen meiner Wirbelsäule und wegen dem Knie und wegen dem anderem Knie auch. Alles vom Kloppen. Das geht nun nicht mehr. Deswegen bin jetzt politisch, weißt du.

Sagten Sie nicht soeben, dass Sie im Stasiknast waren?

Ja, weißt du, ich hab das nie begriffen, ich war immer ein Politischer, schon früher, ob ich wollte oder nicht. Und jedes Mal habe ich Ärger bekommen, wenn ich erzählt habe, dass wir zu Hause nichts zu Fressen haben, dass wir arm sind und ich Futter klauen muss. Ich versteh´ nicht, warum die Bullen was dagegen hatten, dass ich das überall rumerzählt habe. Ich hab doch nicht gelogen. Ich kapier´s selbst heute noch nicht. Jetzt wollen die Bullen wieder was von mir, jetzt wollen die mir ´ne Volksverhetzung dranhängen. Versteh ich auch nicht. Ich will doch nur, dass die Ausländer genauso ihre Steuern zahlen wie wir Deutschen. Ich muss doch auch meine Steuern zahlen. Weißt du, wenn die arbeiten gehen, sich benehmen, unsere Kultur achten und nicht ständig ein Haufen Kinder machen und überall ihren Scheiß hinschmeißen, dann sind sie mir völlig egal. Ich kauf auch bei meinem Türken um die Ecke. Der weiß, dass ich ihn so nenne und lacht nur. Ich ess´ gern auch mal ´nen Döner oder so. Also Steuern zahle ich dabei immer, das hat mir der Politische erklärt. Der Türke muss meine Steuern nur an den Staat ordentlich abgeben wie sich´s gehört und nicht ins letzte Kaff nach Anatolien schmuggeln, sagt der Politische. Weißt du, mehr will ich doch nicht.

Aber was hat das mit Politik zu tun?

Weißt du, der Nazi bei mir in der Wohnung, der sich um mich kümmert, der hat mir das mit der Politik mal so richtig erklärt. Und seitdem er mir das ganz genau erklärt hat, versteh ich, wie Politik geht. Weißt du, wenn ein Bulle einem Ausländer eine ordentlich auf´s Maul haut, dann ist das politisch. Und Bullen dürfen nicht politsch sein, die müssen unpolitsch bleiben. Deswegen kloppen die auch keinen Ausländer mehr eine auf´s Maul. Wenn der hingegen einem Deutschen eine auf die Fresse kloppt, dann zählt das nicht als Politik, dann bleibt er unpolitisch. Und weil der Bulle nur den Deutschen eine aufs Maul haut, haut der Hool dem Bullen eine auf´s Maul. Und dann kommen die Bullen zu uns, stören unsere Demo und hauen uns wiederum eine rein. Weißt du, ich kann doch nicht mehr richtig wegen meinem Rollstuhl, deswegen will ich meine Ruhe haben. Wenn die aber Stunk machen, dann schnapp ich mir zur Strafe so ´nen kleinen verkackten Hool und hau ihm eine rein, weißt du, so richtig eine rein und frag ihn dabei, was der Scheiß eigentlich soll. Wir sind jetzt politisch. Wir machen ab jetzt nichts Verbotenes mehr. Uns kann keiner was. Weißt du, das ist Politik. Ich find Politik gut, richtig gut. Aber jetzt muss ich erst mal hier meine zwei Infarkte kurieren. Weißt du, ich bin das erste Mal zur Kur. Warst du schon mal in Kur?

Ja.

Und waren da auch so viele Ausländerärzte wie hier?

Meinen Sie die Ärztin von der Inneren? Bei der Aufnahmeuntersuchung erzählte sie mir, dass sie in den nächsten zehn Jahren keine Stelle in Serbien bekommen wird und sich eher zufällig hier beworben hatte. Wissen Sie, Kureinrichtungen scheinen nicht unbedingt das zu sein, was deutsche Ärzte suchen.

Sag ich doch. Die verdrängen unsere deutschen Ärzte. Und dann musst du dir von so einer, die kaum Deutsch reden kann, helfen lassen. Weißt, du, ich hab nix gegen die. Aber wenn ich krank werde, dann will ich auch unbedingt deutsch behandelt werden. Im Moment komme ich hier nicht weg. Du siehst doch, ich kann nicht mehr richtig laufen und komme früh kaum aus dem Bett. Und die verfluchte Pumpe, die macht nun schon das zweite Mal schlapp. Deswegen muss ich mir die Ausländerärztin auch gefallen lassen. So, ich muss jetzt zur nächsten Anwendung. Aber vorher, vorher da will ich schnell noch eine Durchziehen. Wir sehen uns beim Essen im Speisesall. Und dann können wir uns weiter über Politik unterhalten.

Hat man Ihnen nicht erklärt, dass nach frischen Infarkten eine einzige Zigarette reicht, um einen neuen Infarkt auszulösen.

Weißt du, den Quatsch wollte mir die Ausländertussi heut´ Morgen auch einreden.

Unter dir (Teil V)

Der Schmerz am Hinterkopf lässt nach und ich versuche zu der Stelle zu schauen, in der das Samtbeutelchen steckt. Ich sehe zur Stuhllehne und zu der pinkfarbenen Jacke, die ich vorhin ausversehen achtlos darauf abgelegt habe und in deren linker Tasche sich der rote Samtbeutel befindet. Langsam sehe ich wieder alle Umrisse des Zimmers, höre die Tür aufgehen und das Schlüsselgeklapper, sehe verschwommen das Licht vom Korridor ins Zimmer blenden und den schnellen Schatten im Türrahmen, der die Deckenbeleuchtung anschaltet. Damit mich die Schwester nicht sieht, drücke ich mich an die Wand heran und versuche auf der Seite liegend, etwaige Blutflecken auf dem Fußboden, meiner Kleidung oder meiner Haut zu entdecken. Auf keinen Fall will ich den Vorfall vom letzten Mal nochmal erleben, als die Schwestern Blut auf deinem Bettzeug entdeckten, rumschrien und dich in die Notaufnahme schieben wollten. In diesem Moment hatte ich gedacht, dass es mit uns beiden aus und vorbei ist. Denn meinen Körper an das Unterteil deines Bettes zu heften, habe ich zwar schon mehrfach geübt, jedoch nur an stehenden und niemals an einem fahrenden Bett. Vielmehr befürchte ich, dass es mich an dem Untergestell deines Bettes, das allernaselang an irgendwelchen Kanten und Wänden aneckt, derart durchschüttelt, dass ich früher oder später abgeworfen und entdeckt worden wäre. Glücklicherweise waren es Schwestern, die lieber über Männergeschichten quatschten als dich in die Notaufnahme zu karren. Die eine hatte ständig neue Männerstorys auf Lager, die sie jeder Schwester anders erzählte und die von Woche zu Woche versauter wurden. Ich bin mir sicher, dass sie die untreueste Frau war, deren Stimme ich jemals hier unten mit anhören musste. Untreue kann ich auf keinen Fall leiden. Sie hätte es wirklich verdient, von einem ihrer vielen Liebhaber erschlagen und zerstückelt zu werden. Bei so etwas, kenn ich wirklich kein Pardon.

Ich reibe mir den Hinterkopf und weiß, dass ich eine mordsmäßige Beule bekommen werde, sehe auf die Schrammen an Arm und Schulter und sage, dass das Mist ist und ich ab morgen wieder bei knapp 40° eine geschlossene Bluse tragen darf und ich schon jetzt wieder die Kollegen lästern höre, dass ich zu den verstaubten Gouvernanten übergewechselt bin. Mein ehemaliger Chef hatte mich einmal besorgt gefragt, ob ich überfallen worden sei, oder ob mein Freund mich geschlagen hätte. In diesen Fällen, hatte er gemeint, könnte ich mich vertrauensvoll an ihn wenden. Dann hat er mir die Nummer eines nahe gelegenen Frauenhauses in die Hand gedrückt und gesagt: „Sehr verehrtes Fräulein Büttner, Sie können mich jederzeit, zur Not auch in der Nacht, anrufen!“ Ich hatte mit hochrotem Kopf vor Herrn Doktor Kalbe gestanden und ihm versucht zu erklären, dass ich mich nur beim Putzen unter dem Bett gestoßen hatte. Eigentlich war er ein toller Mann und trotz seiner knapp 60 Jahre noch attraktiv. Warum er sich so brennend für mich interessierte und wie er mein Geheimnis herausgefunden hatte, weiß ich nicht und werde ich wohl auch nie herausfinden. Du kannst dir denken, dass ich das auf keinen Fall gut fand. Nun bin ich auch nicht viel besser dran und habe dafür die meckernde Chefin am Hals. Wenn ich das nur vorher gewusst hätte. Ich glaube, bei ihr kann ich total zerkratzt und blutig ins Büro torkeln, das stört die nicht im Geringsten.

Die Schwester geht an dein Bett, kniet sich auf die Stuhlsitzfläche, um die Infusion abzustellen. Sie nimmt die alte Flasche und stellt sie auf den Stuhl. Dabei fällt ihr die Flasche herunter. Mit aller Kraft presse ich mich an die Wand und sehe wie sie blind nach der Flasche schnappt und zu dir sagt, dass sie heute sehr, sehr ungeschickt ist. Sie stellt die leere Flasche auf den Stuhl und schließt die neue an und sagt, dass ihr heute die Beine wehtun und sie sich in den nächsten Tagen ein paar neue Schuhe zulegen muss, da die alten völlig ausgetreten sind. Sie nimmt die leere Flasche von der Sitzfläche, schiebt den Stuhl vor, lässt sich darauf fallen und schiebt die Füße unter das Bett. Abwechselnd wippt sie mit den Füßen und sagt, dass ihr das jetzt wirklich guttut. Mit der letzten Kraft versuche ich das Unglück zu verhindern, drücke meinen Körper an die Wand und halte die Luft an. Sie wippt mit dem rechten Fuß in mein Gesicht hinein und mit dem linken gegen meiner Hand, mit der ich mich mit aller Kraft gegen die Wand presse. Sie sagt, dass du es auf keinen Fall mit deiner Traumfrau aus gesundheitlichen Gründen übertreiben darfst und sie dich ansonsten melden muss. Sie zieht die Beine zurück und steht mit einem „Na dann will ich mal wieder die anderen Patienten stören!“ auf. Sie hebt den Stuhl an und stellt ihn an den Tisch. Mit einem ungläubigen Blick greift sie die Jacke von der Lehne, sieht sich im Zimmer um, wirbelt die Jacke durch die Luft, riecht an dem pinken Stoff und lobt das kräftige Parfüm. Ich merke wie mir unter deinem Bett der Magen beginnt zu brennen. Sie gleitet mit ihren Armen in die Jackenärmel, sagt, dass sie an ihr auch sehr aussehen würde, dreht sich um die eigene Achse und greift in die Jackentaschen und tastet hinein. Sie nimmt den Samtbeutel heraus. Ich sehe ihr zu, will sie anschreien, dass sie das nicht machen soll, kann aber nicht schreien und spüre stattdessen auf einmal das gleiche Herzrasen, das ich immer verspürte, wenn ich dich wegen einer Frauensache zu Rede stellen wollte. Sie macht das Samtbeutelchen auf und ich trete mit den Fersen gegen die Wand. Sie sieht hinein, schüttelt den Kopf und schnürt es wieder zu. Um nicht in Ohnmacht zu fallen, beiße ich in meinen Daumennagel. Lachend stellt sie sich vor den Spiegel, gibt sich einen Luftkuss und dreht sich noch einmal um die eigene Achse. Sie zieht die Jacke wieder aus, wirbelt sie durch die Luft, legt sie über die Stuhllehne und streichelt über den Stoff. Sie geht zur Tür macht das Licht aus, dreht sich zu euch drei, macht einen ihrer üblichen Luftküsse und wirft vergnügt die Zimmertür zu.

Ich stoße meine angestaute Luft heraus, lege meinen Kopf auf das Linoleum und ringe nach Atem. Zum ersten Mal, seit ich hier unten liege, verspüre ich keine Kraft mehr und fühle mich völlig leer und unfähig unter dir hervor zu krabbeln. Mit dem Gesicht auf dem Linoleum bleibe ich liegen und rieche wie ekelhaft das Reinigungsmittel ist und dass ihr drei das Zeug für den Rest eures Lebens riechen müsst. Ich versuche mich auf den Rücken zu drehen, spüre aber, dass mir die dazu notwendige Kraft fehlt. Ich bleibe liegen und versuche Arme und Beine zu strecken, um wieder ein Gefühl für meinen Körper zu bekommen. Wäre ich wie meine Freundin christlich, würde ich jetzt zu Gott beten und ihn bitten, mir die Kraft zu geben von hier weg zu laufen. Außer der Ehelosigkeit und dem Kloster würde ich ihm so ziemlich alles versprechen, aus dieser Gefangenschaft zu entkommen. Zum allerersten Mal empfinde ich dein Bett als Enge, um nicht zu sagen als Gefängnis.

Wieder versuche ich unter dem Bett hervor zu kommen, merke aber, dass mir die Kraft dazu immer noch fehlt. Deswegen umgreife ich die Räder des Bettes und ziehe mich mit den Armen hervor und stoße mich mit den Beinen an der Wand ab. Auf allen Vieren sortierte ich meine Kleidung und die Tasche unter dem Bett hervor, stützte mich auf meine Knie, mache die Taschenlampe an und kontrolliere deinen Katheterbeutel. Damit sie dich in dieser Nacht nicht doch noch einem Arzt vorstellt, robbe ich zum Waschbecken, hole in einem Becher Wasser, robbe zurück und drücke dir mit der Spritze, die die Schwester auf dem Nachtisch liegen gelassen hat, Wasser über die Abflussöffnung in den Katheterbeutel. Ich ziehe mich am Bettgestell hoch, schüttle den Krampf aus den Waden und merke wie mir schwindlig wird. Mit beiden Händen halte mich am Nachttisch fest, falle aber auf das Bett deines Nachbarn und entschuldige mich bei ihm. Ich richte von ihm auf, gehe zum Stuhl und hole das Samtbeutelchen hervor. Ich knülle die Jacke zusammen, packe sie in die vorgeholte Tasche und bin froh, dass ich mir über die Zeit angewöhnt habe, dünne, knitterfeste Jacken zu kaufen, damit sie problemlos in die Tasche passen ohne viel Platz wegzunehmen. Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl, hole Luft und sage, dass das heute sehr, sehr knapp war, ich den verflixten Tag habe kommen sehen, ich überhaupt nicht verstehe, dass sie mich nicht erwischt hat und ich erleichtert bin, dass sie meine Jacke nicht ins Schwesternzimmer geschleppt hat, so wie im letzten Winter, wo ich bei Minus 17 Grad in einer Bluse aus der Klinik verschwinden musste und mich die Leute auf der Straße blöd angegafft haben. Ich frage dich, was wir beide gemacht hätten, wenn sie die Jacke mitgenommen hätte und bekomme von dir wieder einmal keine Antwort. Mit einem Seufzen umgreife ich das Samtbeutelchen, küsse es und merke wie ich auf den Stoff weine. Ich strecke dir den roten Beutel entgegen und sage dir, dass sich unsere gemeinsame Erlösung darin befindet und du wie ich schon lange auf diesen Moment gewartet hast. Taumelnd stehe ich vom Stuhl auf, halte das Beutelchen in die Luft und sage dir, dass wir unbedingt jetzt anfangen müssen, damit wir rechtzeitig fertig sind, bevor die Nacht zu Ende geht. Denn nach dieser Nacht kann uns keiner mehr trennen.

Unter Dir, Teil IV

In den ersten beiden Teilen legt sich die Freundin des Patienten unter das Bett und versucht im Dunkel der Nacht mit ihm „Kontakt“ aufzunehmen.
Im dritten Teil entkleidet sie sich vor ihrem Freund und dessen beiden Mitpatienten.
Im heutigen vierten Teil sucht sie ein Samtbeutelchen, das sie trotz intensiver Suche nicht finden kann. Wie in den vorangegangenen drei Teilen wird sie auch in diesem Teil bei ihrem nächtlichen Treiben von der Schwester gestört. Und wie immer, muss sie, wenn sie Schlüsselgeklapper von Fern vernimmt, unter das Bett rollen. Unter ihm liegend, hofft sie, dass sie auch in dieser (letzten) Nacht unentdeckt bleibt.

Ich krabble wieder unter dem Bett hervor, stelle mich breitbeinig vor dir auf und frage dich im nachäffenden Schwesternton, was du heute für schlimme Sachen machst und wie wild deine Träume mit deiner Traumfrau sind. Ich nehme deinen Beatmungsschlauch, drücke ihn zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen und frage dich nochmal, ob sie dir wirklich besser gefällt, seit wann du auf kräftige Schwestern stehst, obwohl du mir doch immerzu gesagt hattest, dass ich die beste Figur der ganzen Schule habe und ob du wirklich denkst, dass ich deine Weibergeschichten nicht bemerke. Ich löse den Daumen vom Zeigefinger und lege den Schlauch auf seine alte Stelle. Wütend schiebe ich dein Gesicht auf dem Kissen zurecht, bis es exakt unter meinem liegt. Damit du mich besser sehen kannst, ziehe ich eines deiner Augenlider hoch, halte den Lichtkegel der Taschenlampe hinein und frage dich, woher du verdammt nochmal weißt, dass die Schwester unbemannt ist. Ich ermahne dich, dass du ab jetzt schön artig sein musst, dass du mir in unserer ersten Nacht etwas versprochen hast, dass ich mich für dich aufopfere und dass ich es überhaupt nicht fair finde, dass du in unserer heutigen alles entscheidenden Nacht genauso einen Blödsinn machst, wie du ihn in der Nacht deines Unfalls gemacht hattest. Ich schüttle den Kopf, lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, streichle dich und flüstere dir ins Ohr, dass ich dir den Weiberkram letztmalig verzeihen werde und nach dieser Nacht sowieso für uns beide alles anders wird.

Ich schiebe mich unter das Bett, suche meine Tasche hervor und krame nach dem roten Samtbeutelchen. Da ich es nicht finde, bekomme ich Panik und schüttelte die Tasche über deiner Bettdecke aus. Ich halte die Hände vor den Mund, schließe die Augen, drehe den Kopf im Kreis und überlege, wo ich das Samtbeutelchen hingelegt habe. Da ich von jeher vergesslich bin, versuche ich deine Methode des rückwärtigen Denkens anzuwenden. Ich atme tief ein, lege die Finger an die Schläfe und lasse die Luft herausgleiten. In langsamen Kreisbewegungen gehe ich vom Krankenhaus zurück in die Wohnung, wo mich deine nervige Mutter wieder mit einem ihrer vorwurfsvollen Blicken empfängt. Ich sehe wie sie einen frischen Strauß Blumen neben dein Foto stellt, höre mich sagen, dass du kein bisschen tot bist, ich alles in meiner Macht stehende tun werde, dass du am Leben bleibst und ich auch nie und nimmer zustimmen werde, die medizinischen Geräte abzustellen. Ich höre mich mit deiner Mutter streiten und ihr vorwerfen, dass sie dich viel zu wenig besucht und dein Schicksal endlich ertragen soll und sehe wie sie wieder mit einem Heulkrampf dein Zimmer verlässt, dass ich seit deinem Unfall bewohne. Ich gehe zurück ins Großraumbüro zu den Kollegen, die mich permanent zu irgendwelchen Feiern einladen und jedes Mal beleidigt sind, wenn ich dankend ablehne. Ich gehe zurück in die übervolle Kantine an den Tisch zu den Azubis, höre ihre dummen Anmachwitze und höre wie der eine mir unterstellt, dass ich die Chance heimlich nutze und mich mit irgendwelchen Typen rumtreibe. Dabei spüre ich den dumpfen Schmerz in der Hand, als ich dem Neuen aus der Presseabteilung, der mir die Zunge zu einem angedeuteten Kuss rausstreckt eine Ohrfeige verpasse. Ich gehe zurück in den Supermarkt, um dir deinen Lieblingsschokoriegel und dein Lieblingsbier zu kaufen. Ich sehe die überschminkte Kassiererin mit dem aufgetürmten Dutt, höre wie sie mich fragt, wie es ihrem ehemaligen Lieblingskunden derzeit geht, wie sie mir ellenlang versichert, dass ihr die ganze Sache von damals immer noch leid tut und sie hofft, dass du irgendwann wieder bei ihr einkaufen kommst und sie mit deiner freundlichen Art und deinem schönen Lächeln wieder erfreust. Ich spüre mein Unbehagen an der Kasse und meine Angst, sie könnte mir wieder eine ihrer unzähligen langweilen Kindergeschichten von dir und ihrem Sohn erzählen. Und ich erinnere mich, wie ich das viele Restgeld liegenlasse und davonrenne. Von der aufdringlichen Verkäuferin gehe ich Schritt für Schritt dein riesiges, stuckverziertes Zimmer mit dem Marmorkamin und der zweiflügligen Tür ab, in dem ich seit unserer ersten Nacht unbedingt leben wollte. Weil ich mich immer noch nicht an das Samtbeutelchen erinnern kann, kneife ich die Augen fester zusammen, drücke auf die Schläfen bis sie schmerzen und fordere dich auf, mir zu helfen, denn schließlich wäre der Inhalt des Samtbeutelchens, die für uns beide lange erhoffte Lösung. Immer stärker schwinge ich dabei meinen Kopf. Ich sehe das große Stahlregal mit deinen zerflederten Märchenbüchern, sehe deine schweren Kunstbände mit den Abbildungen, die außer dir, kein Mensch versteht, sehe deinen verschnörkelten Schrank, in dem deine anatomischen Skizzen zuhauf aufgestapelt liegen und von denen ich mir die allerschönsten Männerakte ganz gern vor dem Schlafengehen ansehe, und von denen ich mir die die besonders schönen Akte auf dein Kopfkissen lege und mich so lange streichle, bis ich wieder ruhig werde und endlich einschlafen kann. Ich sehe den übervollen Mülleimer, in den ich in der letzten Woche Aktzeichnungen von Frauen hineinwarf, weil ich felsenfest davon ausging, dass sie allesamt nur misslungenen Schweinskram darstellten. Und ich erinnere mich, dass ich die zerrissenen Zeichnungen unbedingt morgen früh wegwerfen muss, bevor sie deine Mutter findet und ein Heidentheater anstellt. Ich sehe das Schränkchen mit deinem Modellierkram und dem unfertigen Gipsportrait von mir. Ich sehe unser schönes weiches Bett mit den vielen Kissen, sehe unsere gemeinsame Hängematte, die wir manchmal aus Jux benutzt haben und ich sehe dein Faltboot, in das ich ab und zu ein paar Löcher stach, damit wir nicht ständig in irgendwelchen Seen an den Wochenenden paddeln mussten und stattdessen gemütlich im Bett zwischen den vielen Kissen liegen bleiben konnten.

Ich öffne die Augen, seufze, umgreife deine Hände, ziehe sie zu mir hoch, küsse sie und bitte dich, mir doch bei der Suche des Samtbeutelchens ein bisschen zu helfen. Da deine Hände unendlich schwer sind, lasse ich sie auf die Bettdecke gleiten und entschuldige mich bei dir, dass mir im Moment die Kraft und auch die Nerven fehlen, sie weiter an mich zu drücken. Ich lege sie vorsichtig neben deinen Körper und massiere deine Handrücken entlang den Venen bis zu den Fingerspitzen deiner Ringfinger und bitte dich, mir doch endlich zu helfen. Ich küsse deine Handrücken und tupfe mit der Nase darauf. Ich schließe wieder die Augen und ziehe deine linke Hand zu mir hoch. Ich schiebe deinen Zeigefinger auf meine Lippen, lächle und erinnere mich, wie du früher versuchtest, Klavier zu spielen, wie ich dich neidisch dabei beobachtet hatte und, um dich davon abzubringen, von dir verlangte, dass du mit deinen Fingern genau das Gleiche mit mir machst, was du mit dem doofen Klaviertasten getan hattest. Ich puste zufrieden Luft aus und erinnere mich an den Moment, als ich es nach einer tollen Nacht endlich geschafft hatte, dich dazu zu bringen, die Klimperei abzumelden und das Klavier aus der Wohnung abholen zu lassen. Ich knabbere an deinem Nagel und schiebe deinen Zeigefinger zwischen meine Lippen, sauge daran und höre dich sagen „Jetzt nicht, ich muss üben, jetzt nicht, du blonde Hexe, gibst du denn nie Ruhe!“ Ich erinnere mich wie ich dich fragte, ob du denkst, dass die Musiker früher ohne Sex gelebt hätten, wie ich dir die Hose nach der Frage aufmachte und mit meinen Fingern anfing an deinem Ding zu üben, wie ich mir vorstellte ein Instrument zu spielen. Auf deine Bedenken, dass das alles auf den Tasten des geborgten Klaviers landen könnte, reagierte ich nie.
Ich öffne den Mund, lasse deinen Finger hinausgleiten, reibe deine Hand über meine rote Wange und bin erstaunt wie beweglich deine Finger wieder geworden sind. In den letzten Wochen haben die Schwestern die Fingermassage vernachlässigt, obwohl ich sie mehrfach gebeten habe, dass sie intensiv üben sollen. Deswegen habe ich mich Nacht für Nacht hingestellt, jeden deiner Finger massiert und sie so auf den heutigen Abend vorbereitet. Da deine Hand mir zu schwer wird, lege ich sie behutsam auf die Bettdecke zurück und bemerke, dass sie dir wieder ein langweiliges Krankenhauslaken über die Matratze aufgezogen haben. Wie oft habe ich den Schwestern unsere Lieblingswäsche mitgebracht! Da ab jetzt sowieso alles anders wird und mir hier in eine paar Minuten keiner mehr etwas vorschreiben kann, ärgere ich mich nicht und hole stattdessen das blau-gelb karierte Laken aus der Tasche, auf dem wir es zum ersten Mal gemacht haben und auf dem wir uns ewige Treue geschworen haben und in dem wir auch gemeinsam begraben werden wollen. Gleich können mir die Schwestern nichts mehr von Krankenhaushygiene sagen und mir auch nicht mehr deine Bettwäsche mitgegeben. Plötzlich fällt mir ein, wo ich das Samtbeutelchen abgelegt habe. Ich sage dir, dass ich dir für deine Methode des rückwärts gerichteten Denkens unendlich dankbar bin und ich vom ersten Tag wusste, warum ich nur mit dir zusammen sein wollte und nicht Melvin aus der Parallelklasse oder dem ekligen Schulcasanova Chris. Ich gebe dir einen Schmatzer auf deine Stirn, einen weiteren Schmatzer auf deine Nase und einen auf deinen kahl rasierten Kehlkopf. Ich ziehe dir abwechselnd an den Ohren, lecke abwechselnd in sie hinein und pople dir auch abwechselnd in deinen Nasenlöcher. Da ich jetzt weiß, wo ich das Samtbeutelchen hingelegt habe, stelle mich auf das Bett, winke den beiden anderen Patienten zu und mache ausladende Schwanenbewegungen. Wie die Nachtschwester, strecke ich meine Hand aus und hauche den beiden fette Luftküsse zu, zwinkere und höre von Ferne Schlüsselgeklapper. Vor Schreck verliere ich das Gleichgewicht, falle von deiner Bettdecke herunter und lande mit einem Knall auf dem harten Linoleum. Benommen krieche ich unter das Bett, stoße mich dabei diesmal an der Stirn, dass mir schwindlig wird und ich für einen klitzekleinen Moment nichts mehr sehen kann. Ich fluche, stoße mit dem Ohr an einen Längsträger und ärgere mich, dass mir das in letzter Zeit immer öfter passiert, obwohl ich doch das Darunterrollen fleißig übe. Nur für dich, mein Schatz, habe ich mir teure Sportkleidung gekauft. Und nur für dich schleiche ich einmal pro Woche am Abend, wenn alle Kinder zuhause sind, in den nahe gelegenen Stadtteilpark und rolle mich immer und immer wieder unter die unterste Strebe des verrosteten Klettergerüstes hindurch und höre erst auf, wenn ich es mindestens fünf Mal in Folge fehlerfrei geschafft habe. Danach jogge ich in die Altbauwohnung deiner Mutter zurück, dusche mich ausgiebig mit ihrem Warmwasser ab, stelle die Lieblingsmusik auf volle Pulle, frisiere und schminke mich, obwohl ich ganz genau weiß, dass du das als aufgedonnerten Schnickschnack abtust, plündere anschließend die leckersten Sachen aus dem Kühlschrank und mache mich danach vergnügt auf den Weg zu dir

Unter dir (Teil III)

Im ersten Teil legt sich die Freundin (wie jede Nacht) unter sein Bett und wartet, dass die Nachtschwester ihren Rundgang durch die Zimmer unternimmt. Diese Zeit nutzt sie, um über diese und andere Krankenschwester und ihre Mühen, unter das Bett zu gelangen, nachzudenken.

Im zweiten Teil „beschäftigt“ sie sich mit ihrem Freund, der im Bett liegt und „bereitet“ ihn für das „Ereignis “ vor, wobei sie (wie auch im folgenden Teil) von der Nachtschwester gestört wird.

Ich lege mein Ohr auf deinen Körper, höre dein Herz schlagen und schließe zufrieden die Augen. Ich zähle laut deine Herzschläge und wiederhole jeden einzelnen mit meinen Fingerkuppen auf deiner Wange. Im Rhythmus deines Herzens puste ich auf deine Brustwarzen, bis ich spüre, dass sie hart werden. Weil mir das Gepuste zu anstrengend wird und weil ich auch weiß, dass es dir als Linkshänder wichtig war, schiebe ich vorsichtig meine Zungenspitze heraus und betupfe zuerst deine linke und danach deine rechte Brustwarze. Als ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich dir einen Schmatzer auf dein glatt rasiertes Babygesicht und sage, dass ich ganz genau weiß, dass du mich wahnsinnig liebst und ich auch heute wieder deine versteckte Morse-Botschaft aus deinem Herzschlag herausgehört habe. Ich streichle zwischen deinen Brustwarzen über den ovalen Leberfleck, sehe dich an und flüstere „Schokopudding mit Vanille“.
Plötzlich höre ich Schlüsselgeklapper auf dem Flur. Ich fluche, ob das jetzt unbedingt sein muss und bin der Schwester wieder dankbar, dass sie mit ihrem Geklapper meilenweit zu hören ist und mir somit ausreichend Zeit gibt, mich schnell unter dein Bett zu verkrümeln. Nur bei dieser Schwester kann ich mich auf die Uhrzeit verlassen und auf ihr pünktliches Schlüsselgeklapper. Meiner Meinung nach ist sie die lauteste, aber auch die zuverlässigste aller Schwestern. Ich ziehe dein Hemd zurecht, lege die Bettdecke glatt, gebe dir einen Klaps auf die Wange, rolle mich unter das Bett und überlege, ob ich ihr nicht ein Glöckchen für das Schlüsselbund wichteln sollte. Meinen Rücken schiebe ich so lange auf dem gebohnerten Boden zurecht, bis ich die passende Position unter deinem Körper gefunden habe. Denn nur so habe ich ein Gefühl dafür, ob das, was die Schwestern mit dir tun, auch wirklich gut für uns beide ist. Wenn ich hier unten liegend die leise Vermutung bekomme, dass mich die pflegerische Anordnung stört, mache ich sie, wenn die Schwester gegangen ist, sofort rückgängig. Bei ihr hatte ich jedoch noch nie Bedenken und weiß, dass sie alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft ausführt. Vor ein paar Wochen wollte ich sie sogar loben. Aber dann hatte ich Angst, sie könnten sie zur Stationsschwester ausbilden und dann hätte ich keine pünktlich klappernde Schwester mehr gehabt. Bei den anderen Schwestern habe ich manchmal meine Schwierigkeiten, rechtzeitig unter das verflixte Bett zu kommen. Und das geht dann meist nicht ohne blaue Flecken und Schrammen. Es gibt Nächte, die knapp an der Katastrophe vorbei gehen und am nächsten Tag sehe ich zerkratzt aus und meine Kleidung ist eingerissen oder an einem meiner hohen Schuhe fehlt der Absatz.

Ich lausche. Wie üblich erklärt sie dir alle Handgriffe bis ins Detail. Übertrieben laut erläutert sie dir, welche medizinische Verordnungen sie machen muss und warum, und fragt immerzu, ob du damit einverstanden bist. Du bist doch nicht schwerhörig. Ständig habe ich das Gefühl, dass die hier alle Selbstgespräche führen. Bei einigen Schwestern habe ich sogar Mühe, nicht lachen zu müssen. Im Allgemeinen finde ich ihre Erklärungen aber wichtig. Nur manchmal, wenn die Schwestern zu persönlich werden, wenn sie, irgendetwas von Schatz, Liebling, oder schöner Mann faseln, wenn sie beim Waschen meinen, dass sie dich nicht von der Bettkante stoßen würden, dann werde ich fuchsteufelswild und muss mir vor Wut in die Hand beißen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten hervorkriechen und alle ordentlich verdreschen. Diese Schwester hingegen hielt sich von Anfang an mit solcherlei Sprüchen zurück. Trotzdem oder vielleicht deswegen muss ich auch bei ihr höllisch aufpassen.

Sie geht zur Tür, dreht sich zu dir um, haucht dir einen ihrer Luftküsse entgegen und löscht das Licht. Langsam schiebe ich mich unter dem Bett hervor, krame im Dunkeln die Taschenlampe aus der Tasche, knipse sie an und kontrolliere, ob sie die von ihr aufgezählten Verordnungen richtig ausgeführt hat. Einige der Schwestern sind nämlich unzuverlässig, um nicht zu sagen schlampig. Auch diese Schwester arbeitet an manchen Tagen ungenau. Damit ich die Schwestern überprüfen kann, habe ich mir Fachbücher gekauft und lese, wenn meine meckernde Chefin nicht da ist, stundenlang im Internet und arbeite alle über Nacht angestauten medizinischen Problemfälle, die dich betreffen, in Foren nach und nach ab. Mit der Zeit kenne ich die Foren und kann sehr gut mitdiskutieren. Und werden neue Heilmethoden besprochen, flechte ich sie beharrlich in die Arztgespräche, die ich einmal pro Woche führe, ein. Einer der Assistenzärzte hat doch wirklich mal gedacht, ich sei Medizinstudentin. Und nur wenn ich früher überhaupt nicht weiter wusste, ging ich zu meinem Hausarzt und gab die Beschwerden an, die mich interessierten. Den Termin beim Psychologen nahm ich aber nur einmal war. Seitdem wechsle ich die Fachärzte nach deinen jeweiligen Beschwerdegruppen. Mein Lieber, es gibt Tage, da überlege ich, ob ich meine Arbeit für dich hinschmeiße und ein Medizinstudium beginnen sollte. Spätestens seitdem mein Chef gegen eine Chefin ausgetauscht wurde, denke ich fast täglich diesen wunderschönen Gedanken. Dann könnte ich nach dem Studium ganz offiziell bei dir arbeiten und den Schwestern jede Menge Anweisungen in einem wehenden weißen Kittel erteilen. Leider habe ich aber nicht die Superabiturnoten wie du dafür. Vielleicht sollte ich dein Zeugnis fälschen und meinen Namen eintragen. Dann bekäme ich auf jeden Fall den Studienplatz, den du partout nicht wolltest. Du weißt, für dich mache ich alles.

Damit du mich gut sehen kannst, hebe ich dein Kopfende nach oben. Ich lege die Taschenlampe auf den Nachttisch, stelle mich in die Mitte des Lichtkegels, beuge mich zu dir und zu deinen beiden Mitpatienten und applaudiere. Ich strecke die Arme zur Zimmerecke, lasse sie langsam auf meinen Busen sinken und knöpfe die Bluse auf. Vorsichtig löse ich die Schnallen der Glitzerschuhe und sammle die Schuhe mit dem Mund auf. Da meine tollen Glitzerschuhe im Taschenlampenlicht blenden, kneife ich die Augen zu und versuche die schweren Dinger blind auf dein Bett zu zielen. Nachdem ich das geschafft habe, öffne ich meine Hose mit dem Ringelmuster, die ich bei unserem ersten Kennenlernen anhatte und die du von jeher so furchtbar gefunden hattest. Ich beuge mich nach vorn, ziehe sie herunter und schieße das Ringelding mit dem großen Zeh im hohen Bogen zu dir hinüber. Mit den Füßen ziehe ich abwechselnd meine Socken aus, sammele auch sie mit dem Mund auf, hänge sie mir über meine beiden Ohren und schüttle den Kopf, bis sie runterfallen. Ich hebe sie auf, knülle sie zusammen und werfe sie dir genau ins Gesicht. Weil ich dich getroffen habe, strecke ich meine Arme aus und schlage ein Rad. Ich gehe an dein Bett und ziehe endlich meine Bluse aus und lege alle Kleidungsstücke, die du noch nie an mir gemocht hattest, auf deiner Bettdecke aus, als hättest du sie allesamt an. Ich zupfe die Klamotten faltenfrei und flüstere dir ins Ohr, dass du ein tolles Mädchen in den klamotten abgeben würdest. Ich richte die Taschenlampe auf dein Bett, hole mein Handy mit dem neuen Kameratyp und der Videofunktion und mache Fotos von dir und den Klamotten. Ich schiebe die Lampe zurück, tipple auf meinen Zehenspitzen in den Lichtkegel, lächle euch drei stummen Zuschauern zu, drehe mich einmal um die eigene Achse, öffne mein hochgestecktes Haar und halte es für euch ins Licht. Wie wild schüttle ich es auseinander und sehe durch die Strähnen zu euch hindurch. Mit beiden Händen umfasse ich zwei Haarbüschel und winke dir zu. Ich verbeuge mich vor euch, schlage, weil es mir vorhin so gut gefallen hat und weil ich merke, dass ich davon endlich wach werde, noch einmal ein Rad und komme vor deinem Bettgiebel zum Stehen. Ich umwickele das glänzende Metall mit meinen langen Haaren und sage dir, dass ich die völlig durchgeknallte Rapunzel aus einem deiner unzähligen geliebten Märchenbücher bin, und dass ich dich jetzt mitnehmen will. Ich sage dir, dass ich vorher aber noch meinen Prinzen vernaschen muss. Plötzlich höre ich ein Alarmsignal aus einem deiner vielen Geräte. Ich schnappe die Bluse, die Hose, die Socken, die Schuhe von der Bettdecke, greife mir die Taschenlampe und rolle mich unter das Bett. Dabei stoße ich mich zuerst am Fuß und dann an der Schulter, dass die frisch verheilte Schürfwunde wieder aufplatzt. Die Tür geht auf und die Schwester kommt ohne zu klappern ins Zimmer gerannt. Sie macht Licht, hantiert an den Geräten, streichelt über dein Haar und fragt, was heute mit dir los ist. Sie sieht zum Katheterbeutel und sagt zu den anderen Patienten, dass dein Urin verdächtig trübe aussieht, sie einen Harnwegsinfekt vermutet und dass sie das nach dem Wochenende unbedingt dem Stationsarzt vorstellen wird. Muss der Infekt heute sein, denke ich und spüre einen stechenden Schmerz im Fuß und in der Schulter. Zu gern würde ich ihr zurufen, dass ich verblute und auch mal dringend einen Arzt bräuchte. dabei spüre ich, dass ich mit meinem Rücken am Linoleum festklebe. Sie geht zurück zur Tür, zwinkert dir den üblichen Luftkram zu, macht das Licht aus und ruft beim Rausgehen, dass du heute besonders wilde Träume mit deiner Geliebten haben wirst, sie dir viel Spaß wünscht und sie deinen Katheter wechselt, wenn du dich ordentlich ausgetobt hast. Ich schüttle den Kopf über ihre Sprüche, äffe sie nach und weiß, dass ich gleich morgen früh alle Foren zum Thema Urin, Katheter, Infekt und Komplikation durchforsten werde. Zur Not lasse ich mich am Montag krankschreiben, gehe zu meinem Urologen und sage, dass mir die Blase höllisch wehtut und der Urin verdächtig aussieht. Und vielleicht sollte ich die Krankschreibung auch nutzen, um dein Einser-Abiturzeugnis zu kopieren und mit meinem Namen zu versehen.