barrikaden

was kommt,
wenn wir nicht mehr demonstrieren fünfzehntausend zu fünf-.
grob geschätzt, der frieden
eine schmale meterware in der lose vernähten menschenmenge.
es gibt dichte minuten, schwer wie schlagstock, leer wie kopf-
los, flüssig wie tränen & gas.
die anderen ziehen den hut und ihre fahne an solch´ schwarzen tagen,
sie wohnen hier – ihnen gehört die luft, die erde,
die welt. nur wachs-
figuren in panzerumhängen, die trennen und der nachbar
schreit PEACE, ehe er rennt auf eigenen wegen.

Die Geldeintreiberin

Die Geldeintreiberin kennt keinen Tag und keine Nacht. Sie übt keinen Beruf aus, nein, sie ist berufen. Sie wittert die Geldstücke schon um achtzig Meter im Voraus und bohrt sich vor Aufregung mit dem linken Zeigefinger in der Nase. Herzlich begrüßt sie die gut bestückten Gäste hinter dem Tresen und nestelt nervös an ihrem Rock. Schon vor Jahren hat sie sich eine Tasche darunter genäht und im Laufe des Tages wird sie mit Rock älter und fülliger. Sobald die Geldeintreiberin die Scheine und Geldstücke in Empfang genommen hat, denn bei ihr darf man nur in bar bezahlen, rennt sie sofort in ihre Stube nebenan. Hastig schüttelt sie all ihre neu gewonnenen Besitztümer aus der Rocktasche. Sie breitet sie sorgfältig aus und sortiert die Scheine und Münzen nach Wert. Die Scheine verstaut sie akkurat in der Schrankwand und wischt bei der Gelegenheit mit dem Staubwedel sorgfältig über ihren gesamten Bestand. Sie ist stolz. Beständig stapelt sie höher. Beständig wächst sie über sich hinaus. Glückselig nimmt sie sich nun der Münzen an. An jeder einzelnen riecht sie und leckt die Kopfseite genüsslich ab. Das macht sie immer so, es ist ihr Begrüßungsritual. Die Geldeintreiberin weiß sehr wohl um den geringeren Wert der Münzen, aber dennoch bevorzugt sie jene. Sie liebt es, die Geldstücke zu polieren und als Dank ihr Spiegelbild darin erblicken zu dürfen. Zudem ermöglicht es ihr das Kopfkissen anstelle von Daunen damit aufzufüllen. Darauf könnte sie sicherlich gut schlafen, würde sie nicht schon wieder die nächsten, gut bestückten Gäste wittern.

Der Lauscher

Der Lauscher will von sich nicht viel erzählen, er hört gern andere reden. Überall wo es etwas zu hören gibt, ist er zu Haus´. Um die ganze Welt ist er schon gekommen. Keine Hitze und keine Kälte machen ihm zu schaffen, wenn er nur die Möglichkeit hat, ein paar Wörter zu erhaschen. Auf dem Rücken trägt er dafür stets einen Rucksack, der ihm den Lauschangriff leichter macht. Ein Klapphocker für die optimale Lauschsitzhaltung findet darin ebenso Platz wie ein großes schwarzes Fernglas. Letzteres lässt das Lippenlesen auch vom Hotelzimmer aus zu und vermittelt ihm neben dem gesprochenen Wort zusätzlich ein mimisches Ausdrucksspiel. Am Wichtigsten aber sind dem Lauscher die Ohren. Er ist ein Ohrenspitzer. Unter höchster Konzentration zieht er dafür die Stirn nach oben, rümpft kurz die Nase, klappt die Ohrmuscheln einmal um, öffnet sie wieder und lauscht. Es gibt niemanden, der die Ohren besser spitzen könnte als er.

Die Hauselfe

Die Hauselfe fliegt nicht, sie schwirrt umher. Jeden Tag ab fünf treibt sie sich emsig im Haus herum und flitzt die Treppen hinauf und hinab, den Wischmopp in der einen und den Staubwedel in der anderen Hand. Sie saust wie der Wind in die Zimmer, wirbelt die Staubkörner eifrig in die Luft, zieht Betten ab und auf, schrubbt Badewannen und poliert die Klinken. Die Hauselfe ist tüchtig. Kein Gast konnte sich bisher über sie beschweren, denn keine Hauselfe ist so gründlich wie sie. Sie kennt jeden Winkel des Hauses, ihr bleibt nichts verborgen, nein, denn sie kennt jeden Gast persönlich. Sie weiß von seinem Leiden, wenn sie die Haare büschelweise im Waschbecken findet. Sie weiß von seinen Vorlieben, wenn sie die sieben Flakons anhebt, um die Fliesen darunter gründlich zu reinigen und ihr jedes Mal ein anderer Duft entgegenschlägt. Und sie weiß sogar von seinen unzähligen Krawatten, die sie farblich sortiert im Schrank vorfindet. Aber all das behält die Hauselfe für sich, sie verrät niemanden, so ist sie nicht. So schnell wie sie gekommen ist, saust sie auch schon wieder aus dem Zimmer und schwirrt ins nächste, jeden Tag, treppauf, treppab, den Wischmopp in der einen und den Staubwedel in der anderen Hand.

Der Büchernarr

Der Büchernarr ist ein Besessener. Kein Tag vergeht, an dem er nicht ein Buch herbeischleppt. Er kauft sie sich, er leiht sie sich, er stiehlt sie sich. Der Büchernarr liest seine Bücher aber nicht, nein, so viele Jahre würden ihm gar nicht bleiben, ihnen auf diese Weise gerecht zu werden. Der Büchernarr häuft die Bücher lediglich an und sorgt sich um sie. Sobald er ein neues Exemplar ausfindig machen konnte, ergreift er es freudig mit seinen schwitzenden Händen. Er umstreicht es zärtlich einmal von vorn und einmal von hinten. Er schlägt es auf und atmet den Geruch des Buches tief ein. Das liebt er, ein jedes Buch hätte seinen ganz eigenen Duft, behauptet er. Es riecht nach Druckerschwärze, Papier und vor allem nach seinen Vorbesitzern. Hocherfreut ist der Büchernarr, wenn das Buch nach vielen Besitzern riecht. Denn dann glaubt er, seinem Buch einen besonderen Gefallen getan zu haben, er hätte es dann errettet, und es dürfe nun bei ihm, dem Büchernarr unbehelligt seinen Lebensabend verbringen. Einmal im Jahr unternimmt er eine große Reise. Er begibt sich weltweit auf die Suche nach vielgelesenen Büchern und sichert sich alle Bestände der Stadtbibliotheken und Schulen.
Entzückt über seinen Fund packt der Büchernarr die Koffer und lässt die empörten Wirtsleute zurück. Schon wieder wäre aus jedem Zimmer das Gottesbuch entfernt worden. Eine Unverschämtheit wäre das. Aber der Büchernarr ist besessen und deshalb eilt er seinem Nachruf auch schon voraus.

Die Schläfrige

Die Schläfrige kann den Tag nur schwer ertragen. Kaum ist sie erwacht, ist sie auch schon von Müdigkeit geplagt. Mühsam öffnet sie ihre verklebten Augen und schließt sie beunruhigt wieder, als sie die Lichtstrahlen blenden. Es ist noch viel zu früh, sagt sie und dreht sich auf die andere Seite. Doch die Sonnenstrahlen kitzeln sie in der Nase und mit einem lauten Hatschi sitzt sie plötzlich aufrecht in ihrem Bett. Nun, dann wird sie aufstehen. Langsam hebt sie ihre müden Beine aus dem Bett, streckt sich gemächlich und gähnt. Aber erneut nickt sie auf der Bettkante sitzend ein. Kurz bevor sie herunterzufallen droht, öffnet sie ihre Lider. Sie schüttelt das Kissen auf und begibt sich schlurfenden Schrittes in den nebenan liegenden Frühstücksraum. Noch im Nachthemd gekleidet, sitzt sie nun zwischen all den anderen Gästen und schmiert sich ein Marmeladenbrot. Doch bereits als sie den ersten Bissen hinunterschluckt, überkommt sie der Schlaf. Erst als ihr Tischnachbar sie unsanft am Ärmel zupft und nach der Butter fragt, erhebt sie sich träge. Das Marmeladenbrot noch in der Hand, sucht sie mit schon geschlossenen Augen ihr Zimmer auf. Gerade noch rechtzeitig erreicht sie ihr Bett und sinkt erschöpft nieder.

Niemandsland

Zehn vor Zwei. Er faltet die Zeitung zusammen. Gleich wird sie von der Schule kommen. Sie wird einen roten Kopf haben und ganz außer Atem den Lockenschopf durch die Tür stecken. Er schiebt die Gardine ein wenig zur Seite und blickt auf die Straße.

Behutsam betritt sie die Diele und klopft an die Küchentür. Großvater, ich bin wieder da, ruft sie. Großvater sitzt auf dem Canapé. Sorgsam nimmt er sich die Brille von der Nase, steckt sie in das abgenutzte Lederetui und legt die Zeitung ganz oben auf den Stapel voller Reiseberichte und -kataloge. Sie schmunzelt. Längst hat sie bemerkt, dass er Tag für Tag, hinter der Gardine versteckt, auf die Straße blickt und auf ihr Nachhausekommen wartet. Und spätestens wenn sie über den Hof läuft, setzt er sich wieder auf sein Canapé, die Brille auf die Nase und tut so, als wäre er gerade ganz zufällig fertig mit Zeitunglesen. Sie setzt ihren Ranzen ab und wäscht sich die Hände mit Kernseife.

Er fragt sie, wie es in der Schule war. Sie erzählt vom Musikunterricht und dass es über das Wochenende keine Hausaufgaben aufgäbe. Sie fragt, ob sie noch ein wenig raus dürfe. Er streichelt ihr über den Kopf und nickt. Aber zum Tee bist du wieder da!

Die Bagger sind auf den Ladeflächen der LKW´s verstaut. Die Baustellenfahrzeuge räumen das Gelände. Sie klettert durch die undichte Stelle des Stacheldrahtes und blickt der immer kleiner werdenden Staubwolke nach. Heute ist Freitag. Drei Tage hat sie nun Ruhe vor dem Lärm und der Angst entdeckt zu werden. Vorgestern erst hatte sie nach einer Stunde Fußmarsch ein Schild am Ende des Geländes gesehen − Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Sie war erschrocken, hatte aber gleich versucht, sich wieder zu beruhigen. Ihr Eingang war ein anderer und das Verbot damit für sie nicht gültig. Die Angst blieb. Schneller als an den anderen Tagen hatte sie sich auf den Heimweg gemacht. Bei jedem Geräusch war sie zusammengezuckt. Ihr Herz hatte gepocht − laut. Sie hatte gedacht, man könnte es hören − sie entdecken. Als sie durch das Loch im Zaun gekrabbelt war und sich damit außerhalb der Gefahrenstelle befunden hatte, schwor sie sich, niemals zurückzukehren. Zwei Tage nur hatte sie es ausgehalten. Heute steht sie erneut hier, umhüllt von einer dichten Staubwolke, mitten auf dem Gelände einer stillgelegten Kaserne.

Sie erzählt ihm nichts von ihren Entdeckungsgängen durch die Kaserne. Aber er kann sich denken, dass sie sich dort herumtreibt. Immer wieder will sie die alten Geschichten hören, vom Dorf und seinen Bewohnern und von der Kaserne. Er hatte ihr erzählt, dass es ein Kartoffel- und Rübenfeld gewesen war. Seine Eltern hatten ein Stückchen bestellt. Sie hatten gesät, gejätet, geerntet. 1933 waren sie das letzte Mal mit der Egge hindurch gefahren. Eine Autobahn sollte gebaut werden. Es war abgesteckt, betoniert und der Stacheldraht aufgezogen worden. Erst als die Ziegelsteine bis zum Dach gereicht und die Mauer vor dem Schlafzimmerfenster die Sicht versperrt hatte, war ihnen bewusst geworden, dass ein Autobahnbau solche Maßnahmen nicht erfordert hätte. Als die Wachposten ihre Straße zur Sackgasse deklariert hatten, verstand sie, was die Kommandorufe, die der Wind zu ihnen trug, bedeuteten. Sie waren nun das letzte Haus im Dorf, hinter ihnen − Niemandsland.

Sie klettert auf den frisch aufgeworfenen Erdhügel. Von hier hat sie einen guten Überblick. Die Schweineställe sind zur Hälfte und die Mauer vor ihrem Haus fast vollständig abgerissen. Wenn Großvater am Schlafzimmerfenster stehen würde, könnte sie ihm jetzt winken, denkt sie. Er hatte ihr erzählt, dass sie Glück gehabt hätten. Die Flieger hätten ihr Ziel knapp verfehlt und stattdessen die Teppichfabrik zerstört. Doch mit dem Einzug der Russen, wären harte Zeiten auf sie zugekommen. Sie waren aus dem Haus geflüchtet und hatten notdürftig Unterschlupf gefunden − in der benachbarten Porzelline, der Porzellanfabrik in der das halbe Dorf eine sichere und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit gefunden hatte. Ein Bürozimmer hatte als Wohn- und Schlafstätte gedient. Die Russen waren abgezogen. Nach nebenan gezogen. Und vom Haus hatten nur noch die Grundmauern gestanden. Die Dielen, die Fensterrahmen und Möbel waren verfeuert, das Besteck und die Bettwäsche verhökert, die Tiere geschlachtet worden.

Er schlurft in die Wohnstube. Ihn friert es. Spätestens morgen wird er einheizen müssen. Der Winter soll hart werden, sagen sie. Er kann sich noch gut erinnern, an den Winter ´86. Es hatten Unmengen an Schnee gelegen, noch bis in den März hinein als der Kohlenkeller längst leer war. Er war auf dem Weg in den Schuppen gewesen, um nachzusehen, wie viel Holz er noch in der eisernen Reserve hatte. Das Schloss war aufgebrochen und sein Vorrat bis auf den letzten Scheit ausgeräumt worden. Ein Wunder, dass sie nicht noch den Schuppen zerlegen, hatte er damals gedacht. Er war wütend gewesen, und als ihm war, als würde ein Augenpaar durch die Sträucher blicken, hatte er so laut er konnte geschrien: Lasst uns in Ruhe, nun habt ihr uns auch noch das letzte Holz genommen, ihr Schweine!

Sie wohnen im letzten Haus im Dorf. Und es scheint, als wäre allein diese Tatsache etwas Besonderes. Wenn sie früher mit Großvater im Konsum war, war es ihr vorgekommen als hätten alle anderen Dorfbewohner Respekt vor ihnen. Sie hatte gewusst, dass sie Großvater achten, aber das alleine war es nicht. Nach dem üblichen Guten Tag. Wie geht’s heute? folgten immer Fragen wie: Was gibt’s Neues von den Russen? Haben Sie heute wieder geschossen? Gestern sind die Panzer durchs Dorf gefahren, habt ihr das gesehen? Haben Sie bei euch auch um Brot gebettelt? Und so sehr getratscht wurde in diesem Laden, so sehr sie sich bemüht hatten, diese Fragen achtlos in den Raum zu werfen, so sehr waren sie mit einer Anspannung verbunden und mit einem Zittern in der Stimme der Fragenden. Es war, als gebühre Großvater Respekt, weil sein Grundstück unmittelbar an die Kaserne grenzt. Großvater aber hatte dazu nichts gesagt, er hielt es für nichts Besonderes, an der Grenze zum Niemandsland zu wohnen. Sie hatte es schießen gehört und die Panzer die Dorfstraße hinauffahren gesehen und einen Soldaten, als er ihre Johannisbeeren vom Strauch gepflückt hatte, aber gefürchtet hatte sie sich nicht. Auch jetzt nicht auf dem leeren, unheimlichen Gelände. Großvater achtet ja auf sie.

Angst hatte er nicht vor ihnen gehabt, nur um die Kleine war er immer in Sorge gewesen. Sie war naiv. Gleichzeitig hatte ihn das beruhigt, denn Kindern würden sie nichts tun, da war er sich sicher gewesen. Er hatte zu niemandem von seiner Sorge gesprochen, wie er die Stube in der nächsten Zeit beheizen sollte. Er hatte die alten Handwagen auseinander gebaut und ein paar Stühle. Als sie Fragen gestellt hatte, hatte er gegrummelt, die hätten alle den Holzwurm und würden im Sommer sowieso auseinanderfallen. Zum Glück war zwei Wochen später der Frühling gekommen und geblieben. Im Sommer hatten sie ihm noch die gesamte Apfelernte gestohlen und die Beeren. Aber daran hatte er sich nicht so sehr gestört, er wusste selbst, wie es war, Hunger zu leiden. Wenn sie schon nichts mehr zu essen hatten, musste es schlimm um sie stehen, hatte er gedacht und war ein um das andere Mal froh gewesen, dass die Mauer ihnen diesen Anblick verwehrte. Vor zwei Monaten war es dann soweit gewesen − die Truppen zogen ab. Er setzt das Teewasser auf.

Sie läuft am Schießstand vorbei, hinab auf den breiten Pfad. Es war der Versorgungsweg gewesen, der direkt ins Dorf führte. Sie erinnert sich, wie sie die Soldaten durchs Dorf marschieren gesehen hatte. Sie hatte das Feuer gerochen. Sie hatte die Tiere gehört, die quiekten und brüllten, wie sie es aus der Vorweihnachtszeit kannte, wenn sie den Festtagsbraten abholte, beim Bauern Müller. Sie hatte Großvater gesehen, wie er eine Woche lang torkelnd durch Haus und Hof irrte. Sie hatte sich gewundert, über die eingekehrte Stille. Seit zwei Monaten steht die Kaserne nun leer.

Dass Veränderungen anstanden, hatte er täglich in den Nachrichten sehen können, aber vielmehr hatte er es gehört. Die Rufe der Soldaten, das Brüllen der Tiere, die Gewehre − die Geräusche hatten sich überschlagen und mit ihnen die Ereignisse im gesamten Land. Immer hatte er seinen eigenen Standpunkt vertreten, auch wenn er nach außen neutral erschienen war. Er hatte sich und seine Familie nie politisch verkauft, aber immer gewusst, wohin er gehörte. Er hatte gedacht, mit dem Abzug der Truppen würde, wenn auch mit Verspätung, eine Wende ins Dorf kommen und davor hatte er sich gefürchtet. Das Teewasser kocht. Er nimmt das Tee-Ei aus der Schublade.

Die Sonne geht unter und sie macht sich auf den Heimweg. Ihr Blick schweift über das Gelände. Die niedergerissenen Holzbaracken und der asphaltierte Auffahrtsweg, umgeben von Wänden aus Beton und Stacheldraht. Rechter Hand der Schießstand und die alten Schweineställe. Im Abendlicht ist alles friedlich anzusehen, denkt sie. Aber sie liebt diesen Ort, auch an Tagen, an denen er ihr Angst einflößt. Hier entdeckt sie die vergangene Welt neu. Einen Schweineknochen, Essbesteck aus Aluminium, grüne Knöpfe, Patronen aus dem Schießgewehr, einen Helm und ein Taschenmesser mit den Initialien „A.“ und „M.“ hält sie vor Großvater versteckt in einem Karton unter ihrem Bett. Je weiter die Abrissbagger vordringen, umso mehr schmückt sie ihre Geschichten aus − von den Soldaten und deren Leben auf dem Kasernengelände. Es ist, als fände die Vergangenheit zunehmend Platz in ihrer Fantasie, als lebe sie fort in ihrer Traumwelt und als würde erst dadurch Platz geschaffen, für einen Neuanfang. Sie muss sich beeilen, Großvater würde schon mit dem Tee auf sie warten!

klabautern

augen zu und durch
die nacht der dämonen.

wir schippern gott weiß wohin
auf dem offenen meer.
rotbart und weißbart mit plautze und pickeln
auf der riesennase drei warzen dazu,
sie gröhlen, sie bechern, sie rülpsen,
sie lachen, sie lästern, sie lieben,
mich zu drangsalieren, mit schlägen,
mit stock, mit stein, mit stiefel.
alle glühbirnen an, so bunt
toben sie mit mir durchs hirn.

wir driften gott weiß wohin,
mitten hinein in den sturm,
bis das segel reißt, das steuer bricht,
wir kreischen, wir klammern uns an wimpeln fest.
gekentert übe ich kopfstand
mitten im meer, umspült von blut, unbeschuht.
niemand hier, mich zu retten,
mein rufen verschluckt vom zerwühlenden meer.
augen zu und auf.

die nacht der dämonen,
die wiederkehren in einer selbst-verständlichkeit,
als hätten sie anspruch darauf,
hausen sich ein & genügen sich selbst.

betonschädellektion

einmal das hirn geschaukelt
in dieser kühlen nacht ende august.
ein rinnsal blut läuft die schläfe entlang und will nicht versiegen,
eisbeutelturban,
auf den boden gesunken, verstummt,
während sich stimmen erheben,
leise, bestimmend, fragend und panisch.
der rettungssanitäter glotzt neidisch auf gerollte schinkenfeige und die königsberger klopse,
reicht mir die hand, sucht einen puls, der in der kälte meiner fingerspitzen erfroren scheint.
verbandsturban.
wie ist ihr name? alter? schwanger? alkohol?

nun das warten im keller ohne empfang,
ein mann ohne hand, eine frau, gekrümmt, ein mann mit augen so groß wie ein riesenrad,
ein mann, mit doppelgips, ein mann mit sauerstoffmaske, der fragt, wann er endlich
nach hause darf.
musik wäre schön im wachtraum zwischen dem weiß hier,
ein streichkonzert vielleicht oder metal.

röntgen, rasur, desinfektion,
betäubung bleibt aus, denn
schneider meck meck meck näht eins, zwei, drei,
während mich´s schüttelt vor kälte und zähne klappern.

das blut hinfort von hose und vom gesicht,
nun lache ich lauthals und klappere und plappere dummes zeug über haifischfilme und schokoladenkuchen bis ich endlich einschlafe,
im nebenraum von nirgendwo.

seewärts

so sehr sehnt sie sich. sommer, sonne, segeljacht.
seelenvergnügt schwimmt sie seemeilen.
seepferdchen, seeräuber, seetang; schön.
sogleich seeluft, salz, sekundenschlaf.
sinkt sie, singt sie seenot schon. schläft sie.
sehnsüchtig schlabbern sechzig seeleute.
seekrank schlürft sie schnell. stoß spreizbeinig.
solches spektakel schimpfen sechs seemänner.
schnauze. schnipp schnapp steuerbord; sternenklar.

Fotocollage

Ich sitze auf dem Fensterbrett. Der Wind ist kühl. Die ausgesäten Blumen sind aufgegangen. Ich träume und schieße Fotos. Ein Foto bleibt. Die Blumen leuchten auf der Fensterbank, ich blicke zur Straße, die Haare sind kurz. Im Kopf ein ständiges Klicken. Erinnerungen. Bilder. Eine Polaroid-Fotostrecke in meinem Kopf, ähnlich jener, die Großvater vergilbt und ausgeblichen auch noch vor acht Jahren präsentierte.

Der Tag an dem andere heiraten, wird auch mein besonderer sein. Ein halbes Jahr stumm in Kopfkissen geweint, bis keine Tränen mehr kamen. Heute die Einweisung. Ich komme mit Tasche und meiner Patientenverfügung. Der Arzt weist mich auf mögliche Behinderungen hin, die ich davontragen könne. Er nimmt es ernst. Ich auch. Welche Wahl bleibt? Die Vermessung beginnt. Wiegen. Bluten. Schwitzen. Das Mittagessen verpasst. Meine Bettnachbarin ist kahlrasiert, lächelt und lenkt mich ab, mit Geschichten, die mir Angst machen und für sie keine sind. Sieben Hirntumore operiert und morgen ein achter. Die Hoffnung sterbe zuletzt, sagt sie. Wie makaber. Die dicken Socken wärmen mich nicht. Ich flüchte mich auf den Gang. Überall Kahlrasierte. Sie klingeln, sie rufen, sie schleichen. Mitleid will wohl keiner von ihnen. Ich auch nicht. Ich bekomme Panik. Auch das Gespräch per Münztelefon lenkt mich nicht ab. Ich trinke drei Kaffee hintereinander aus dem Kaffeeautomaten für 80 Cent den Becher. Ich kugele mich ein, auf der Couch im Aufenthaltsraum. Da kommst du. Nimmst mich in den Arm und bist da. Also lachen wir gemeinsam über meinen Jogginghosen-Nachthemd-Mix und die bunten Ringelsocken, die aus den Sandalen quellen. Die Besuchszeit endet. Das Abendbrot fällt aus, um nüchtern zu bleiben. Ich schaue seit Jahren mal wieder GZSZ. Folgen kann ich nicht. Um neun knipse ich das Licht aus und kann doch nicht schlafen. Eine Schlaftablette möchte ich nicht, notiert die Nachtschwester.
Ich habe keinen Wecker, aber laut Bettnachbarin ist es kurz nach fünf Uhr, als uns die Schwestern wecken. Wir springen aus dem Bett, völlig schlaftrunken, stellen uns am Fenster auf und lassen uns die Kissen aufschütteln. Ich möchte noch mein Taschentuch unter dem Kissen hervorholen und zaubere so der Schwester ein Lächeln auf die Lippen.
Ich trage nur noch ein Hemdchen. Das Warten macht mich verrückt. Ich bekomme Beruhigungstabletten gegen meinen Willen eingeflößt. Zwei Männer holen mich. Sie grüßen nicht, sie rollen mich einfach mit dem Bett hinaus. Wir fahren Fahrstuhl. Sie erzählen über das Fußballspiel gestern Abend. Ich starre an die Neonleuchten der Fahrstuhldecke. Im Keller lassen sie mich zurück. Ein anderer Mann, ein jüngerer spricht zu mir. Ich kann ihn nicht gut erkennen. Keine Kontaktlinsen mehr. Keinen Schmuck, keine Unterhose. Nur noch mein bloßer Körper. Bekleidet mit diesem lächerlichen Hemdchen, knapp unter dem Schambereich endend und meinem Patientenbändchen ums Handgelenk. Der junge Mann sagt, er werde mich jetzt auf eine andere Liege legen. Ich will aufstehen. Er drückt mich zurück. Um mich herum sind überall Liegen. Solche wie meine mit Planen darüber. Vielleicht liegen auch Tote darunter, überlege ich. Die Anästhesistin legt Kanülen und fragt interessiert nach meinem Studienfach. Geantwortet habe ich ihr nicht mehr.
Ein monotones Piepen weckt mich. Ein Mann sitzt neben meinem Bett. Es ist alles gut gegangen. Wir haben den Tumor erfolgreich entfernt. Er drückt meine Hand, ich lächle und schlafe sofort wieder ein. Wieder weckt mich das Piepen. Mein Puls ist zu hoch, erklärt die Schwester. Ich bekomme eine Spritze gegen die Schmerzen in den Oberschenkel. Ich schreie laut, als sich der Wirkstoff verteilt. Von nun an verweigere ich weitere Schmerzmittel. Den Schieber will ich auch verweigern, muss ihn dann aber doch einmal notdürftig benutzen. Ich darf kurz telefonieren. Hallo. Ich bin´s. Mir geht’s gut. Ja, ich ruhe mich aus. Tschüss. Ich schlafe ein. Ich darf Wasser trinken. Ich schlafe. Wie spät ist es? Ich schlafe. Zwei Männer holen mich. Sie tragen mich auf die Liege. Sicher können sie alles von meinem Körper sehen, bis auf die Brust, die ist verdeckt vom Hemdchen. Es ist mir egal. Es mir sowas von scheißegal. Ich werde zur Kontrolle in die Röhre geschoben. Das Ergebnis ist gut. Ich werde verlegt auf die Normalstation. Das erste Essen drei Löffel Kartoffelbrei und ich habe nie etwas Köstlicheres gegessen seit dem. Ich darf endlich wieder Unterwäsche anziehen, Socken, ein T-Shirt. Ich darf auf die Toilette. Ich bemerke die pochenden Kopfschmerzen nicht, weil meine Freude überwiegt. Ich ertrage die neue nervige Bettnachbarin grinsend, indem ich sie mir als Kohlkopf vorstelle.
Ich werde entlassen. Du stehst in der Tür, wolltest mich besuchen und bestaunst meinen kahlen Hinterkopf. Nun trägst du meine Tasche und schiebst dein Fahrrad nebenher. Wir trinken einen Kaffee und fallen uns in die Arme.

Ein Foto. Der Auslöser für viele. Die Blumen leuchten auf der Fensterbank, ich blicke zur Straße, meine Haare sind wieder kurz. Das Kopftuch trage ich um den Hals.

die halme des letzten jahres stehen
noch quer, der rost des winters
geblättert im gras, während
der flieder seinen duft im april schon verstäubt,
der löwenzahn verpustet,
die ersten gansblumen gemäht und die rapsfelder
neonbeleuchtet der sonne entgegen strahlend,
versickert das streugut im erdloch und ebnet
den weg für den sommer.

Bei Kaffee und Kuchen

Eines Sonntagnachmittages im April trug es sich zu, dass ich Besuch empfing. Es läutete und mit einem großen Strauß gelber Tulpen tratet ihr auf den Flur. Wir fielen uns in die Arme, küssten uns auf die Wangen und freuten uns, was für wunderbar sonniges Frühlingswetter ihr doch mitbrachtet und alsbald ein erstes Picknick anstünde. Und wie bei jedem Sonntagsbesuch hattet ihr auch euren geliebten Perserkater im Weidenkorb mit. Schläfrig hob er kurz die Augenlider, ehe er uns wieder unserer Wiedersehensfreude überließ. Der Kaffee wurde gekocht, die Blümchenteller wurden bestaunt und die Tulpen mit Wasser versorgt. Ein geselliges Geschnatter begann, den Kuchen im Mund lachten wir und übertrafen einander im Loben unserer beiden selbstgebackenen Kuchen. Natürlich nach Omas Rezept und nur sie könne ihn perfekt. Die zweite Kaffeekanne wurde gekocht und es blieb nicht aus, einen Gang auf die Toilette zu unternehmen. Bereits vorbereitet, konnte sogleich noch die Kochwäsche angestellt werden. Das Stubenfenster weit geöffnet, genossen wir die warmen Sonnenstrahlen. Der Familie ginge es wunderbar, die Kinder würden studieren und der Job wäre anstrengend, aber bald hättet ihr Urlaub, darauf würdet ihr euch freuen. Ja und den Kater den würdet ihr mitnehmen im Wohnwagen, aber im Herbst auf die Malediven, da wäre das nichts für ihn und ihr würdet überlegen ihn in eine Katzenpension zu bringen für die fünf Tage, denn die Nachbarin wäre ja verstorben, die sich immer gekümmert hätte. Nun würde dort eine WG leben, die jeden Montag Partys feiere und ihr wäret ja froh, dass eure Kinder so nicht wären. Der Kuchen wäre ja so lecker gewesen, aber ihr wäret nun so satt, sodass ihr gleich nach Hause spazieren und das Abendbrot heute wohl entfallen würde. Unglaublich lecker wäre es gewesen und toll sich endlich einmal wiedergesehen zu haben. Das müssten wir bald wiederholen und ja, dass Picknick, das sollten wird bei dem schönen Wetter im Auge behalten. Es wurde noch einmal in den Badezimmerspiegel geblickt, ehe die Jacken vom Haken genommen und lässig über die Schulter gelegt wurden. Und wo denn eigentlich der Kater wäre, der hätte sich wohl mal wieder ein ruhiges Plätzchen gesucht und wäre eingeschlafen, der dicke Liebe. Die Waschmaschine piept und während ihr eure Schuhe anzieht, könne die Wäsche auch schnell aus der Maschine genommen werden, schließlich sind es nur drei große Bettlaken. Das Wiedersehen auf den Lippen, steht ihr in der Tür und schreit laut auf, als ich einen Perserteppich aus der Maschine ziehe.
Zu dem Picknick ist es nie gekommen.

Umklammert

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kiew, 22. februar 2014

sag es nur niemandem, aber gestern kam ein pegasus
auf den maidan. der zarkowitsch flüchtete darauf,
hisste die flügel ´gen krim, doch die dichter
& demonstranten bemerkten es nicht, staunten beschäftigt
auf das schlaraffenbankrott.
die kinder beworfen mit schokolade, während frauen auf blauer flamme kochen &
die männer die eisenfaust beim schopfe packen.
der schokoladenkönig, gas-snegurotschka und dr. faust beanspruchen den thron.
nur mephisto ja, den freut´s,
reitet hinaus aus der hölle, reißt flügel aus und feixt.
dort vorne läuft die korruption.

abgebrüht

k1

krautkopf und rübe geraten quer beet,

schalottenbeschuss:

du sagst, du hättest die mütze auf,

der ofen, der spräche zu dir, schon wieder,

du könntest nicht anders, das wäre der hammel in dir,

also bleibe ich dünnhäutig sitzen und als reiche das nicht,

steh ich spalier auf meinem eigenen schlips,

denn es mundet mir sehr,

bin ich mir selbst der suppenhuntzelmann,

der vorher spuckt und nachher schlürft,

morgen dürftest du wieder ran,

sage ich als wäre es das salz der brühe.

k2

© Illustrationen Küche (I. und II.) von Elena Seubert

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung

(m)eine rechtfertigung zur kleinschreibung.

manches mal schon wurde ich gefragt, warum ich eigentlich immer alles kleinschriebe. das würde nerven. das wäre unleserlich. das entspräche nicht der norm. ja genau, antworte ich dann trotzig, es entspricht nicht der norm und das ist gut so.

argument eins. ich widersetze mich gerne der norm, auch wenn´s nur die rechtschreibenorm ist. für mich ist das ein ausdruck des widerstandes gegen gesetze.

viel entscheidender aber ist argument zwei. die großschreibenorm wird meiner meinung nach schlichtweg nicht benötigt, da selbst worte die als substantiv oder verb zugleich gelesen werden könnten und erst durch die entsprechende klein- bzw. großschreibung ihre bedeutung erhalten immer aus dem kontext erkennbar werden.

argument drei. andere sprachen machen es vor. im englischen ist kleinschreibung bis auf den satzanfang gang und gäbe. und selbst den satzanfang gilt es zu brechen, da dieser eineindeutig durch den punkt gekennzeichnet wird.

fazit. entscheiden darf immer noch jeder selbst. und ich muss zugeben, dass ich in offiziellen briefen auch die rechtschreibenorm einhalte und wohl als angehende deutschlehrerin kein loblied auf die stringente kleinschreibung singen darf, dennoch: im privaten bereich breche ich diese norm gern und werde sie so schnell auch nicht ändern.

einen wunderbaren kleingeschriebenen samstag wünscht euch /eure freundeunbekannte dina

Der Geheimniskrämer

Der Geheimniskrämer lässt sich nicht täuschen. Er fasst einen jeden ins Auge und wartet geduldig ab. Noch ehe der Betroffene selbst es ahnt, weiß er schon um sein Geheimnis. Scheinbar betreten weicht der Geheimniskrämer dem misstrauischen Blick aus, umgarnt den Entlarvten mit einem freundlichen Wort und wiegt ihn in Sicherheit. Ein höflicher, zurückhaltender Mann, sagen die Frauen und buhlen um seine Zuneigung. Doch der Geheimniskrämer pflegt sich gerne freien Standes zu bewegen, eine Gefährtin würde ihn entlarven, so denkt er und lässt sich geschmeichelt weiterhin den Hof machen. Er ist nie ernsthaft interessiert, weiß er doch, dass sich beim Knüpfen erster zarter Bande, eine Dame nicht lange bitten lässt und beflissen aus dem Nähkästchen plaudert. Der Geheimniskrämer ist nicht erpicht auf eine Bestätigung der Heimlichkeiten. Im Gegenteil, ist das Geheimnis nicht nur ihm und dem Betroffenen selbst bekannt, sondern weiß auch ein Dritter von ihm, verliert es an Wert. Es ist dann kein Geheimnis mehr, sagt der Geheimniskrämer und begibt sich auf die Suche nach anderen. Aber der Geheimniskrämer findet schnell, er ist erprobt in seinem Handwerk. Jedes Geheimnis, was seinen Ansprüchen zur Genüge entspricht, fängt er ein und verwahrt es gut in seinem Krambeutel. Und so zieht er von Tür zu Tür, macht Halt, wenn es ein Geheimnis zu erspüren gilt und feilscht. Er feilscht solange bis der Ahnungslose ihm sein Geheimnis unbemerkt preisgibt, denn den Geheimniskrämer kann niemand täuschen.

Der Gartentroll

Der Gartentroll gräbt sich gedanklich gern ein. Er ist dann mehr Pflanze als Mensch. Jeden Ersten des Monats schaufelt er sich ein Loch und legt sich in die kühle Erde, er rollt sich ein, wirft den Erdhügel über sich und wartet auf Regen. Im Sommer verweilt er oft Tage in dieser Position, sodass schon die Regenwürmer an ihm nagen. Aber ihm macht das nichts, solange er nur Pflanze sein darf.

Nur so spürt er, was seinen Schützlingen wohl bekommt. Er weiß um den wärmenden Sonnenstand, den Wohlgenuss von sanft fallendem Regen, bei dem sich die Erde lockert und im Anschluss wie ein Kokon um die Knolle legt. Er weiß um den kargen Boden und die stürmischen Winde. Und er weiß, um das Glück einer jeden Pflanze, ein Gespräch zu verfolgen oder sogar einer Geschichte lauschen zu dürfen. Denn Pflanzen sind stumm, dennoch wollen auch sie gern redlich unterhalten werden. All das weiß der Gartentroll und sobald er sich nach dem erfrischenden Regenguss empor gebuddelt hat, macht er sich an die Arbeit. Dann sät er und steckt er. Dann harkt er und düngt er. Dann gießt er und jätet er. Und wenn sein Bestand rücksichtslos niedergetreten wird, dann schimpft er.

Der Gartentroll kennt jede seiner Pflanzen persönlich. Eine jede hat er eigenhändig getauft und mit Namen gesegnet. Eine jede umsorgt er und eine jede liebt er mehr als sich selbst. Und natürlich kann er keinem seiner Sprösslinge einen Wunsch abschlagen und bereitet ihnen Tag für Tag die größte Freude: er spricht mit ihnen. Unermüdlich erzählt er ihnen von neuen Gästen, der Tagesschau und seinem Mittagsbrot. Und wenn er selbst nichts zu berichten hat, dann liest er ihnen aus der Zeitung vor oder wälzt das dicke Märchenbuch. Der Gartentroll ist schließlich ein Pflanzenkenner.