You’re welcome

„Sorry.“, sagt die Frau und ich bin versucht mich umzusehen um sicherzugehen, dass sie mich meint. Aber wir sitzen einander gegenüber und wie hinter ihr nur Glas und U-Bahntunnel ist, so kann auch hinter mir nur Glas und U-Bahn-Tunnel sein. Ihre Augen – groß, klar, dunkel – fokussieren mich eindeutig. Ich hebe ich die Augenbrauen und senke die Mundwinkel, weil ich mich nicht traue „Was? Wie?“ zu fragen. Die Frau presst die Lippen aufeinander, senkt den Kopf und steckt ihre schlanke Nase in das Haar ihres Kindes, welches auf ihrem Schoß sitzt. Für einen Moment schließt sie ihre Augen.

Das Mädchen – die gleichen dicken braunen Locken wie ihre Mutter – hatte mich lange angestarrt und dann meine Hündin und dann wieder mich. Ich hatte gezwinkert und gegrinst. Der Blick des Mädchens hatte weiterhin distanziert und beobachtend auf meinem Gesicht geruht. Ich hatte eine Grimasse gezogen und geschielt. Das Gesicht des Mädchens war unbewegt geblieben. Meine 8-jährige Nichte ist dankbarer, wenn ich den Clown spiele, hatte ich gedacht; wie es ihr wohl geht, hatte ich mich gefragt und wann ich sie mal wieder anrufen würde.

Weil die U-Bahn ein bisschen rumpelte, hatte sich meine Hündin zwischen meinen Beinen aufgesetzt, so dass ihr Kopf an meinem Knie lehnte. Ich hatte angefangen, sie hinter dem Ohr zu graulen. Meine Hündin grunzt und schnauft dann ein bisschen und das bringt Menschen zum Lächeln. Das Mädchen aber hatte sich abgewendet und sein Gesicht im dunkelblauen Mantel seiner Mutter verborgen.

In manchen Kulturen gelten Hunde als schmutzig, hatte ich gedacht, vielleicht ekelt sich das Mädchen zu sehen, dass ich meine Hündin mit bloßen Händen streichle. Du solltest mal fühlen, wie sich das anfässt, dachte ich weiter; weichster Plüsch, warm und kuschlig. Vielleicht fürchtest du dich auch vor meiner Hündin, dachte ich noch, aber ich sag’s dir, die fürchtet sich mehr vor dir. Erst dann hatte ich bemerkt, dass der zarte Rücken des Mädchens zu zucken begonnen hatte. Wahrscheinlich weinte sie.

Ich muss erschrocken aussehen, denn jetzt sieht mich die Mutter an – unverwandt, tief – und sagt: „Sorry.“
Als ich nicht sage, schiebt sie nach einigen Sekunden nach: „We had a dog, too:“
Ich nicke mitfühlend.
„It died?“, frage ich schließlich leise.
Die Mutter sieht zur Decke und neigt abwägend den Kopf. Sie presst kurz die Lippen aufeinander, dann sieht sie mich an und sagt unvermittelt: „We ate it.“
Mein Mund öffnet sich. Sie hält meinen Blick.
„We’re from Syria. We were hungry.“, erklärt sie.

Ich schlucke. Sie hebt kurz die schlanken Schultern. Ich mache ein Geräusch, das man am ehesten als Ächzen beschreiben kann. Sie lächelt unsicher. Ich ziehe meinen Bauch ein. Sie wendet sich ihrem Kind zu. Ich fahre mir mit der Hand über den Mund und nutze die Gelegenheit, meinen Kopf zu drehen um für ein paar Sekunden woanders hinzusehen. Reklame, Mobiltelefone, bunte Turnschuhe, dunkel geränderte Brillen, ein Süßwarenautomat auf dem Bahnsteig, eine leere Tequila-Bier-Dose, die über den grauen Boden rollt. Ich sehe sie wieder an. Ihr Blick ist glasig. Sie sieht mich wieder an. Ich spüre, wie mein Blick glasig wird. Sie zieht die Unterlippe nach innen. Ich streiche mir über den Bart.

„You’ve never been as hungry.“, sagt sie und schüttelt einige Sekunden lang kaum merklich den Kopf. „Believe me.“
„I don’t judge you.“, sage ich und schüttele ebenfalls den Kopf. „It’s just so –“, sage ich weiter und dann fällt mir das Wort nicht ein und ich denke, verdammt, sag ein anderes Wort, aber ich kann kein anderes Wort sagen, es gibt kein Wort. Ich sehe auf den Boden.

Ich muss es mir vorstellen. Wie tötet man einen Hund? Mit dem Messer? Mit einem Stein? Und was dann? Häuten? Ausnehmen? Braten? In den Nachrichten hatte ich gehört, vom Hunger in Madaja. Liegt Madaja in Syrien? Ich hatte gehört, dass es stinkt, wenn man tote Tiere aufschneidet neulich, von einer Kollegin, aus einer Fleischerfamilie. Ich spüre den Kopf meiner Hündin an meinem Knie, ihren Hals an meiner Wade. Ich habe den Impuls, sie zu graulen. Ich verbiete es mir, ich finde es pietätlos. Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Augen, damit die Frau denkt, sie wären davon rot geworden. Würde ich meine Hündin essen, wenn ich hungriger wäre, als ich jemals war? Natürlich. Keinesfalls. Sicher. Vielleicht. Was weiß ich denn?

„People eat animals.“, höre ich mich sagen. „When we eat pork, why shouldn’t we eat dogs?“
„We’re Muslim. We do not eat pork.“, antwortet sie. „But we usually do not eat dogs, either.“
„Of course not.“, antworte ich, „Sorry.“
„You’re welcome.“, sagt sie und winkt ab.
„You are welcome, too.“, antworte ich ernst und langsam. Dann lächle ich.

Sie lächelt zurück. Du bist schön, denke ich, aber was ist das für eine Kategorie: Schönheit! Ich stehe auf. Meine Hündin schüttelt sich, ihr Halsband klappert. Das Mädchen zieht sein Gesicht aus dem Mantel seiner Mutter und sieht meine Hündin an. Die macht einen Schritt auf das Mädchen zu und schnuppert an seiner Hose. Das Mädchen streckt ihr seine Hand entgegen, aber dann öffnen sich die Türen. Wir steigen aus. Als ich am Fenster der U-Bahn vorbeilaufe und mein Blick den der Mutter kreuzt, blinzle ich lange und nicke langsam. Sie winkt mit zwei Fingern. Ich setze mich und warte auf den nächsten Zug.

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