Aljoscha, Teil V

Aljoscha fiel kopfüber in den Schnee und wurde wach. Ein Mann, der in zusammengeschnürten Fußlappen breitbeinig auf der oberen Stufe stand und auf ihn herabsah, aß den Rest des Kuchens, über den der Junge vor ein paar Minuten eingeschlafen war. Er schrie: „Was willst Du hier? Schere dich weg, Du versperrst mir den Weg! Du Dieb, Du hast den Kuchen gestohlen. Gib es zu!“ Der Junge erkannte das kantige Gesicht mit der flachen Stirn und der breiten Nase und dem zottligen Bart. Oft hatte er in seiner warmen Nische sitzend beobachtet, wie dieser Mann aus unerklärlichen Gründen plötzlich Ränkeleien anzettelte und auf die Gäste einschlug, bis diese zu Boden gingen und regungslos liegen blieben. Selbst der Gastwirt schien jedes Mal vor diesem Mann Angst zu haben, denn er blieb stets still hinter dem breiten Tisch seiner Theke stehen oder ging schnell in die Küche oder den Keller, bis der Kampf ausgetragen war und der Zusammengeschlagene blutüberströmt das Gasthaus verließ. Der Mann drückte mit seinen schmutzigen Fingern den Kuchenrest in einem Zuge in den Mund und wischte sich schmatzend über den ungeschnittenen Bart. Er sprang von der obersten Stufe herunter, drehte sich zu dem Jungen und blieb mit breit ausladenden Armen vor ihm stehen. Der Junge lag immer noch regungslos im Schnee. Der Mann machte einen Schritt auf den Jungen zu, beugte sich über ihn und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. In der Zeit des Schlages griff er mit der anderen Hand geschickt das im Schnee liegende rotlederne Beutelchen, warf es in einem Schwunge hoch und ließ es in seine Hand gleiten. Der Junge, der glaubte, dass der Schlag wegen des Stück Kuchens erfolgte, sagte ehrerbietig: „Herr, verehrter Herr, ich habe den Kuchen eben von einem großherzigen Gönner geschenkt bekommen und nicht gestohlen. Wenn Sie, verehrter Herr, jedoch den Kuchen wollen, dann dürfen Sie ihn selbstverständlich nehmen!“ So als ob er die Worte des Jungen nicht hörte, schlug der Mann ihn ein weiteres Mal in das Gesicht. Dieses Mal heftiger. Er zog den Jungen am hochgestellten Kragen in einem Schwung nach oben, das dieser für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor und sich in die Luft erhob. Dabei löste sich die Jacke aus dem Gürtel und der Junge stand mit freier Brust vor ihm. „Woher hast Du das Beutelchen, Du verdammter Tagedieb?“, schrie der Mann aus voller Kehle. Ohne weitere Worte des Jungen abzuwarten, schlug er mit einem kurzen, aber treffsicheren Schlag genau zwischen die Rippen des Jungen, dass dieser rücklings wieder in den Schnee fiel und sich krümmte. Wieder zog er ihn am Kragen hoch, dieses Mal aber so heftig, dass die Arme aus den Ärmeln rutschten und die Jacke im hohen Bogen in den Schnee flog und der Junge mit freiem Oberkörper vor ihm stand. Wieder schlug er ihm mit einem gekonnten Hieb zwischen die Rippen oberhalb des Magens. Und wieder fiel der Junge. Dieses Mal krümmte er sich nicht. Die Wucht des Schmerzes, die in seinem Leibe einsetze, machte ihn für einen Augenblick atemlos und nahm ihn die Möglichkeit, eine abwehrende Körperbewegung einzunehmen. Stattdessen wartete der Junge im Schnee liegend, bis er wieder Luft holen konnte und sich die Lunge mit Atem füllte. Er holte kurz hintereinander Luft und hauchte: „Bitte, bitte, fremder Herr, bitte lasst mich in Ruhe, ich sage Ihnen doch, wenn Ihr den Kuchen möchtet, bitte, so könnt Ihr ihn haben!“ Voller Gier öffnete der Mann das Beutelchen und schüttete den Inhalt in die Hand. Da sich außer ein paar zusammengeknüllten Zetteln kein Geld darin befand, schüttelte er wieder und wieder an dem Beutelchen. Als immer noch keine Kopeke herausrollte, zog er das Beutelchen auseinander, sah hinein und schlug, als er immer noch keine Münze darin fand, mit der Faust auf das Leder. Er warf die zusammengeknüllten Zettel in den Schnee und steckte das Beutelchen in seine Manteltasche. Von Wut erfüllt, stapfte er nochmal zu dem Jungen und schrie so laut er konnte: „Wo, wo ist das verdammte Geld? Wo hast du das Geld versteckt? Sag es, Du elender Tagedieb! Wo, wo, wo, verdammt noch einmal, wo? Sag es! Sag es!“ Der Junge, der am Tonfall und den ruckartigen Bewegungen die Raserei an dem Manne wiedererkannte, machte sich so klein er konnte. Um den Schlägen soweit als möglich, zu entgehen, kauerte er sich zusammen, zog die Füße an das Gesäß und schlang Arme und Hände um die Lenden und Beine. Der Mann, von der devoten Haltung, die der Junge einnahm, angestachelt, schlug mit den Fäusten auf den Rücken des Jungen wie ein Hungriger auf den Küchentisch. Als ihm die Puste ausging, trat er mit den Füßen auf den Kopf und die Schulter. Benommen von den Schlägen und taumlig von den Tritten, versuchte der Junge sich aufzurichten und an die Barmherzigkeit des Mannes zu appellieren. In diesem Moment beugte sich der Mann nach vorn, um einen vom Baume herunterbrechenden Ast aufzuheben. Beim Umgreifen des Astes kamen sich die Gesichter der Beiden nah. Der Junge sah den starren, tiefen Blick der Augen und begriff, dass alles Bitten und Flehen zwecklos sein würde. Der Mann umgriff mit beiden Händen den Ast, hob ihn hoch, schwang ihn wie eine Peitsche in die Luft, um den Jungen den alles entscheidenden Hieb zu versetzen. In diesem Moment rollte der Junge seinen schlanken Körper durch den Schnee, genauso wie er es vorhin tat, als die Pferde der Kutsche auf ihn zurasten. Er krabbelte zu der Öffnung unter der Treppe und schlupfte hindurch. Der Mann, der über die unerwartete Bewegung des Jungen verdutzt war, hielt den Ast immer noch in die Luft und blieb regungslos stehen. Mit dem Ast in den Händen, stellte er sich vor die schmale Öffnung und schlug so lange auf die Stufen, bis der Ast zerbrach. Der Junge hoffte, dass der Mann zu ungeschickt war, um ihn aus der Öffnung hervorzuholen. Ohne zu wissen, welchen seiner Heiligen er jetzt bitten musste, um zu erreichen, dass diese den Mann völlig betrunken werden ließen, faltete er die Hände und bat laut murmelnd zu den Stufen schauend, in die Richtung, in der er den Himmel und seine Heiligen vermutete. Er bat sie, dass sie den Mann endlich betrunken machten. Er bat sie, dass dem Mann genauso wie den Betrunkenen, die der Junge in den letzten Jahren zuhauf in den Gasthäusern kennen gelernt hatte, die Kräfte entwichen und wie es bei Betrunken üblich war, schnell die Laune verlöre und sich einer neuen Sache zuwendete. Und schließlich bat er seine Heiligen, dass sie den Mann, wenn möglich, abrupt müde werden ließen, in den Schnee sinken und einschlafen lassen sollten. Der Mann stand indes unbeirrt vor dem Loch wie vor einem Fuchsbau und trat abwechselnd mit den Füßen dagegen. Immer wieder beugte er sich vor, griff in das Dunkel der Öffnung und ruderte blind mit der Hand umher. Er spreizte und schloss die Finger zu Schnappbewegungen und versuchte so den Jungen herauszuziehen. Immer wieder sah der Junge die suchende Hand, mit dem vernarbten Handrücken, sah die dicken Finger, an denen einige Glieder fehlten, die in Richtung seines nackten Oberkörpers schnappten. Als der Mann von der Raserei erschöpft war und er begriff, dass er den Jungen auf diese Weise nie zu fassen bekommen würde, trat er nochmal wütend gegen die Bretter der Öffnung und gab lauthals Flüche über Löcher käuflicher Frauen ab, die der Junge jedoch nicht verstand. Zum Abschluss schlug er nochmal prüfend auf jede einzelne Stufe, ob nicht doch eine Möglichkeit bestand, den Jungen aus dem Versteck zu zerren und zu verprügeln. Als er erkannte, dass die Stufen fest vernagelt waren, fluchte er nochmals und verschwand. Der Junge kauerte still in dem Loch. Er lehnte seinen Kopf gegen die Bretter des Gasthauses und sah wie einzelne Zettel des Beutelchens vom Schneegewölk einer Windböe erfasst wurden, hochwirbelten und in einem Schwung direkt vor dem Eingang seines Versteckes zum Liegen kamen. Trotz oder weil er nicht wirklich lesen konnte, reizte ihn die Neugierde zu erfahren, was auf den Zetteln geschrieben stand. Auf allen Vieren krabbelte er aus dem Loch heraus, griff nach den Zetteln, die eben noch vor ihm am Boden lagen und die nun wieder von einer Böe erfasst wurden, sich in die Luft erhoben und wild um seinen Kopf tanzten. Von der unsichtbaren Macht der Böe angelockt, krabbelte er weiter und weiter und erhaschte einen nach dem anderen. Nach all den Schlägen, deren Wirkung noch nicht ganz in seinem Körper angekommen war, empfand er auf einmal Freude. Er drehte sich flink von rechts nach links, von oben nach unten. Nachdem er die Zettel eingesammelt hatte, griff er das am Boden liegende letzte Stück Papier. Er beugte sich über das Blatt und bemerkte, wie sich ein Schatten erst über das Blatt und dann über ihn schob.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.