Alles andere

„Da bist du! Ich habe dich überall gesucht! Was machst du hier oben?“
Kai sieht Wenzel an, sagt aber nichts. Einen Augenblick später wendet er sich wieder der orange getünchten Stadt zu.
„Komm runter da, Kai. Das ist gefährlich. Und grins nicht so. Sei vernünftig!“
„Machst du dir Sorgen um mich?“
„Allerdings!“
„Das ist schön.“
„Bist du betrunken?“
„Allerdings. Das ist schön.“
„Was soll das, Kai? Es ist noch nicht mal sechs.“
„Spaß machen. Es soll Spaß machen.“
„Okay: Ich greif dir jetzt von hinten unter die Arme und ziehe dich zu mir rüber.“
„Lass mich.“
„Deine Zehen klemmen hinter dem Geländer. Du hängst fest.“
„Na bitte. Ist doch gar nicht gefährlich.“
„Kannst du dir denken, warum diese Dachterrasse von einem Geländer begrenzt ist?“
„Damit man darauf sitzen kann?“
„Sicher nicht.“
„Dann vielleicht als Sprungbock?“
„Los jetzt, Kai!“
„Für einen schönen Köpper in die Stadt?“
„Kai, wir sind 16 Etagen über dem Boden. Wenn du hier runter stürzt bist du tot.“
„16 mal 3 ist 48, plus ein bisschen ist 50. Wie lange falle ich für 50 Meter?“
„Deinem Gewicht nach zu urteilen nicht sehr lange. So, jetzt bitte loslassen, ich habe dich.“
„Hast du Zigaretten?“
„Du kriegst eine, sobald du vom Geländer runter bist.“
„Rauch eine mit mir. Hier.“
„Ausgeschlossen.“
„Feigling.“
„Oh, ja! Das zieht bei mir. Du nennst mich Feigling und ich tue alles was du von mir verlangst, um dich zu beeindrucken.“
„So ist das eben zwischen uns. Komm schon, ich will dir etwas zeigen.“
„Was gibt es da zu sehen, dass ich nicht auch von hier sehen könnte?“
„Nichts. Aber es gibt was zu fühlen.“
„Todesangst?“
„Nein. Chance.“
„Chance?“
„Entweder setzt du dich jetzt neben mich und erlebst es mit mir oder du verschwindest und lässt mich diesen Moment genießen.“
„Genießen? Aushalten.“
Wenzel tritt an das Geländer und atmet tief.
„Nicht nach unten gucken, Wenzel! Sieh mich an.“
„Kai, wie soll ich denn –“
„Linkes Bein über das Geländer schlagen, Geländerstange in die Kniekehle klemmen, linken Fuß hinter eine Geländerstrebe stecken, rechtes Bein nachziehen. Schon sitzt du.“
„Nichts leichter als das, du Klugscheißer.“
„Bist du noch nie irgendwo drüber geklettert?“
„Sehe ich aus, als würde ich viel klettern?“
„Gerade siehst du sehr lustig aus. Du hast ein V zwischen deinen Augenbrauen. V wie Venzel.“
„Das ist sehr hoch, Kai.“
„Toll, oder?“
„40 Meter weniger würden mir auch reichen. Oder 50.“
„Aber der Blick!“
„Es ist der gleiche Blick wie eben.“
„Nur, dass da kein Geländer mehr ist, zwischen dir und –“
„Dem Tod?“
„Dem Leben! Diesem Licht! Diesem –“
„Mir wird schlecht.“
„Du gewöhnst dich dran, gleich.“
„Gleich werde ich nicht mehr hier sitzen. Was wolltest du mir zeigen?“
„Hast du die Zigaretten?“
„Das Päckchen ist in meiner Hosentasche.“
„Na los, gib eine aus.“
„Das geht nicht. Ich werde keine meiner Hände von dem Geländer lösen.“
„Soll ich das Päckchen etwa aus deiner Hosentasche fischen? Das wird aufregend.“
„Unter anderen Umständen gern. Gott, ich hoffe, dass du dir bis an dein Lebensende bei jeder Zigarette Vorwürfe machst, wenn ich jetzt abstürze und sterbe.“
„Vielleicht springe ich dann gleich hinterher.
„Willst du dich umbringen?“
„Was soll ich hier ohne dich?“
„Ha. Ha.“
„Ich will rauchen. Aber davon kann man auch sterben.“
Wenzel löst seine rechte Hand vom Geländer. Nur eine Sekunde, dann muss er sich wieder festhalten.
„Sehr gut! Siehst du? Es passiert gar nichts, Wenzel. Und jetzt in die Tasche mit der Hand.“
„Ich hasse dich, Kai.“
„Du würdest nicht hier sitzen, wenn das stimmen würde.“
Wenzel löst die Hand ein weiteres Mal und stopft sie in seine rechte Hosentasche. Er lehnt seinen Oberkörper Richtung Kai, damit der feste Stoff seiner Jeans mehr Platz für seine fleischigen Hände lässt.
„Da. Zigaretten.“
„Steckst du mir keine an?“
„Mach das selber.“
„Manche sagen, sich von anderen eine Zigarette anstecken zu lassen, sei ein indirekter Kuss.“
„Und manche sagen, sich von anderen zwingen zu lassen, seine Sommerabende auf einer 5 Zentimeter breiten Metallstange in 50 Metern Höhe zu verbringen sei seltendämlich.“
Wenzel steckt sich eine Ecke des Zigarettenpäckchens mit der rechten Hand in den Mund und hält es mit den Zähnen fest. Dann umfasst er wieder das Geländer. Mit der linken Hand greift er nun nach dem Päckchen und reicht es Kai. Der lächelt und nimmt es.
„Feuerzeug?“
„Im Päckchen.“
Kai schlägt das Päckchen gegen seinen Handrücken. Zwei Zigaretten schießen heraus. Eine prallt von Kais Knie ab, die Zweite landet auf seinem Schenkel, rollt in Richtung Knie, fällt sein Schienbein hinunter und landet auf seinem Fuß. Die erste befindet sich inzwischen bereits anderthalb Stockwerke unter ihnen im freien Fall.
„Heilige Scheiße!“
„Man kann nicht widerstehen, oder?“
„Mir wird schwarz vor Augen.“
„Man kann nicht widerstehen, ihr nach zu sehen, stimmt’s? Wie schön sie trudelt, wie sie noch ein bisschen überlegt und probiert, was denn nun die günstigste Position für den Aufprall wäre und wie sie sich schließlich der Schwerkraft ergibt, und mit dem Tabak nach unten und dem Filter nach oben in die Tiefe stürzt. Schön, oder?“
„Du bist ein Sadist. Wolltest du mir das zeigen?“
„Nein, das war ein Versehen.“
„Ein Versehen? Dass du die zweite Zigarette mit deinem Fuß auffängst, war ein Versehen?“
„Nein, das war Glück. Warte, ich rette sie.“
Kai zieht die Zehen an und hebt langsam sein Bein, um nach der Zigarette auf seinem Fuß zu greifen. Wenzel packt Kais Schenkel und drückt ihn wieder auf das Geländer.
„Keine Akrobatik! Bist du verrückt geworden?“
„Nein, sparsam. Ich bin schließlich arbeitslos.“
Erst nach einigen Sekunden zieht Wenzel seine Hand zurück um sich wieder am Geländer festzuhalten. Die Zigarette rollt auf Kais Fuß hin und her, bevor auch sie auf die Straße trudelt.
„Sieh nur, sie wird ganz woanders landen! Der Wind trägt sie ganz woanders hin als die erste.“
„Fantastisch. Aber bevor der Wind auch mich sonstwohin trägt und dich bezaubernderweise ganz anderswohin, bringe ich mich lieber in Sicherheit.“
„Bleib, Wenzel.“
„Du hattest deinen Spaß.“
„Spür das doch mal!“
„Was denn? Meinen Angstschweiß auf der Stirn? Großartig.“
„Das ist bloß die Hitze.“
„Was dann? Panik? Herrlich.“
„Nein, keine Panik. Chance.“
„Chance? Wovon zur Hölle redest du?“
„Achte mal auf den Wind. Wie er dir durchs Haar fährt. Durch den Bart. In dein Hemd. Über deine Knöchel. Und sieh dir die Stadt an, sieh nur! Hinter jedem dieser Fenster wartet eine Geschichte! Und guck, dort drüben, das Flugzeug! Wohin fliegt es?“
„Das ist alles sehr romantisch, Kai, aber die einzige Chance, die ich hier habe, ist abzustürzen und zu sterben. Und das ist eigentlich keine Chance. Das ist ein Risiko.“
„Ja! Das ist das Risiko, genau.“
„Also?“
„Also ist alles, was nicht Risiko ist Chance!“
„Das ist doch pubertär.“
„Nein, das ist wahr! Alles was passiert, wenn du nicht stirbst ist Chance! Begreifst du das? Du könntest jetzt abstürzen und sterben. Oder du könntest ein paar Sachen packen, zum Flughafen fahren und noch heute Abend selbst in einem dieser Flugzeuge sitzen. Du könntest überall leben!“
„Ich muss arbeiten.“
„Blödsinn. Du müsstest dich viel eher mal fragen, was du bist, wenn du nicht arbeitest.“
„Ein Taugenichts wie du?“
„Oder du könntest zu einem dieser Häuser laufen und klingeln um zu sehen, wer hinter den Fenstern wohnt. Vielleicht die Liebe!“
„Ich weiß, wo die wohnt.“
„Oder du gehst in den Supermarkt, kaufst jedes 10. Ding und erfindest ein neues Essen!“
„Soll ich uns was kochen?“
„Kapierst du das nicht?“
„Natürlich tue ich das. Aber musstest du mich in Lebensgefahr bringen um sicherzugehen?“
„Du hast dich in Lebensgefahr gebracht.“
„Weil du versprochen hattest, dich dann endlich außer Lebensgefahr zu begeben. Wärst du dann so weit?“
„Weil ich dir was bedeute.“
„Ja! Du bedeutest mir was. Und? Bist du jetzt überrascht?“
„Gerührt. Ich bin ein bisschen gerührt.“
„Du bist gerührt? Mir zittern die verkrampften Hände vor Panik und du bist gerührt von meiner Zuneigung? Gott, ich bin so ein Idiot!“
„Nein, Wenzel. Ich bin betrunken.“
„Jedenfalls ist es im Augenblick nicht möglich, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen.“
„Ich will gar kein vernünftiges Gespräch führen.“
„Verstehe.“
„Es geht aber nicht darum, etwas zu verstehen. Es geht darum, etwas zu erleben.“
„Und was erlebe ich deiner Meinung nach?“
„Deine Macht.“
„Meine Macht? Ich erlebe deine Macht!“
„Aber nein. Wenn du jetzt aufstehst, die Augen zu machst und auf eine Windböe wartest, ist alles zu Ende. Zack. Deine Macht.“
„Ich will aber nicht, dass alles zu Ende ist.“
„Ich weiß. Aber wann hast du das jemals intensiver gespürt als jetzt?“
„Das stimmt. Noch nie.“
„Genau! Das ist es. Das Ende wollen wir nicht. Aber wir wollen alles andere!“
„Ja. Insbesondere du. Du willst alles.“
„Aber ich tue nichts, leider.“
Kai raucht. Wenzel sieht auf die Spitzen seiner Schuhe, schürzt die Lippen und atmet langsam aus.
„Kai? Willst du dich umbringen?“
„Ich weiß nicht.“
„Du musst doch wissen, ob du lebensmüde bist oder nicht!“
„Nein! Ich bin wach. Ich bin hellwach! Ich habe aufgehört, jeden Tag zu tun, was man eben tut und zu lassen, was man eben lässt. Und ich will meinen Geburtstag nicht jedes Jahr noch lauter und noch heftiger feiern müssen, damit niemand anspricht, wie wenig eigentlich passiert ist seit der letzten Party.“
„Aber du weißt nicht, was du stattdessen willst.“
„Alles andere!“
„Es kann nicht ewig so weitergehen, Kai. Das ist unvernünftig.“
„Diese scheiß Vernunft von der du immer redest: Ich hasse sie! Siehst du die S-Bahn auf der Brücke dort? Das ist, was die Vernunft aus uns macht.“
„Wie bitte?“
„Es ist, als kämen wir als robuste Geländewagen auf die Welt, Allradantrieb, voller Tank, fette Federung. Und dann begegnen wir der Vernunft und die baut uns über die Jahre zu S-Bahnen um, die nur noch in vorgefertigten Gleisen fahren können und selbst das nur, wenn alle Signale auf grün sind.“
„Ich mag S-Bahnen.“
„War ja nur ein Beispiel.“
„Ein alkoholisiertes Draufsichtsbeispiel. Du musst runter von deinem Turm, Kai.“
„Aber wohin?“
„In die Stadt? Mit dem Rad? Zum Beispiel.“
„Au ja! Kommst du mit?“
„Klar. Vorher will ich auch noch eine.“
„Was?“
„Zigarette.“
„Sicher.“

Veröffentlicht von

Korbinian

Korbinian Saltz wurde im November 1978 in Kapstadt geboren. Seitdem ist er unterwegs in Richtung Norden. Weil er ein miserabler Fotograf ist, versucht er alles, woran er sich erinnern möchte in Worten zu bewahren. Einige davon veröffentlicht er hier. Andere auf korbiniansaltz.de

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