Die Gastnehmerin, Teil V

Sie steht auf, zupft ein verwelktes Blatt von der Grünpflanze, wirft es in den Mülleimer und geht auf die Toilette. Wie immer lehnt sie die Tür an und ich höre wie ihr Urin in die Schüssel läuft. Damit ich das Geräusch des Urinstrahls heute nicht hören muss, lege ich Jazzmusik in den Spieler und drehe die Musik laut. Sie kommt aus dem Bad und schimpft erwartungsgemäß, dass das furchtbare Affenmusik sei, dass die Nachbarn dieses Geheul auf keinen Fall dulden würden und auch sie bei der furchtbaren Musik sofort gehen werde. Ich schalte die Musik etwas leise, sage beiläufig, dass es mir leidtue und warte bis sie sich angezogen hat. Ich begleite sie zur Tür. Sie bleibt im Flur stehen und fragt, ob nicht doch etwas Geld in dem Geldbeutel sei und ob ich noch einmal gründlich nachsehen könne. Siegessicher gehe ich zum Küchenschrank zurück, nehme mit ausladender Handbewegung den Geldbeutel aus dem Fach, werfe ihn in die Luft und drücke ihn ihr in die Hand und ermuntere sie, doch selber noch einmal ganz gründlich hineinzusehen. Sie schaut hinein und dreht die Spitze ihres Schuhs, als wollte sie eine Zigarette austreten. Sie klopft mit der Hand auf die Oberfläche ihrer Tasche und flüstert, ob ich nicht wenigstens etwas Kleingeld im Portemonnaie sei.

Mir wird schwindlig. An die Möglichkeit dieser Frage hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich umgreife einen Haken der Flurgarderobe und spüre meine Beine wegsacken. Diese Frage macht mich hilflos und ich möchte zum Küchenherd rennen. Da kommt mir der Gedanke, dass sie meine Brieftasche unter meinem langen Hemd nicht sehen kann. Ich greife in die Hosentasche, an die Brusttasche, an die Gesäßtasche, schiele zu ihr herüber und beobachte wie sie jede meiner Handbewegungen aufmerksam verfolgt. Ich versuche sie anzusehen. Da mir das nicht gelingt, sehe ich zur Küchentür, mache ein besorgtes Gesicht und frage zur Küchendecke schauend, ob sie denn wüsste, wo ich die blöde Brieftasche wieder abgelegt habe und dass ich das Ding sowieso ständig vergessen würde. Ich greife mir an die Stirn und gehe in die Küche. Ich ziehe die Brieftasche aus der Gesäßtasche und überlege, wo ich sie am besten verstecken soll. Da ich vor dieser Frau nie etwas verstecken konnte und sie früher sowieso alles in meinem Kinderzimmer fand, was sie finden wollte, gebe ich den Gedanken nach einem Versteck auf und drehe mich reumütig zur Korridortür. Mein Blick streift den Küchenherd. Wütend drehe ich mich schnell zum Mülleimer, reiße die Geldscheine aus der Brieftasche, schmeiße sie hastig hinein und knalle den Deckel zu. Sie sagt, ja, ja, da möchte sie auch gern hin um ihr Taschentuch einzuwerfen. Erschrocken, dass sie mir in die Küche gefolgt ist, drehe ich mich um und sage, dass der Mülleimer randvoll sei und nichts, aber auch nichts mehr hineinpasse. Sie schüttelt den Kopf und antwortet, dass ein kleines Taschentuch überall reinpasse. Ich ziehe ihr das Taschentuch aus der Hand und drücke es zusammen mit den Geldscheinen durch die schimmelnde Gemüsepampe auf den Boden des Mülleimers. Ich bin erleichtert, heute Morgen faul gewesen zu sein und die Gemüsepampe nicht doch in die Toilette gekippt zu haben. Ich drücke die Scheine so fest nach unten, dass der Mülleimer aus der Verankerung bricht und auf die Fliesen fällt. Ich verfluche den Eimer und dass ich jetzt alles wegräumen müsse, zuvor würde ich sie aber noch schnell zur Tür bringen wollen. Sie starrt auf den Mülleimer. Ich versuche sie aus der Küche zu bringen. Sie schielt auf die verschimmelte Gemüsepampe und sagt, dass sie sehr gern helfen möchte und ich mich in der Zwischenzeit ins Wohnzimmer setzen könne. Ich gehe weiter in Richtung Flur. Sie streckt die Hand nach der Gemüsepampe aus und sagt aber… Ich öffne die Wohnungstür, unterbreche sie und sage, dass ich mich melde, jetzt ganz, ganz dringend selber zur Toilette müsse. Sie sagt wieder aber… Ich bringe sie in den Hausflur, verabschiede mich und schließe die Tür. Ich setze mich auf den Fußboden, lasse meinen verschwitzten Oberkörper an die kühle Tür sinken und erblicke den stumpfen Punkt auf dem frisch polierten Laminatboden, an dem sie eben noch die Schuhspitze drehte. Da ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich gegangen ist oder wieder eines ihrer Spielchen spielt und einfach vor der Tür stehen bleibt, stehe ich auf und schaue durch den Türspäher. Nachdem ich sie nicht sehen kann, öffne ich die Tür und schleiche zur Wendeltreppe, sehe durch die Streben der Treppe zu den unteren Etagen und beobachte, wie sie die Stufen herunter geht. Als sie unten ankommt und die Haustür zuschlägt, renne ich in die Wohnung zurück und reiße das Schlafzimmerfenster auf. Erstmals ärgere ich mich, dass ich im Dachgeschoss wohne und von hier oben aus nicht den ganzen Hof im Blick habe. Mit Schwung lehne ich mich aus dem Fenster und verliere dabei fast das Gleichgewicht. Ich sehe nach unten und schiebe mich soweit aus dem Fenster, bis mir die Füße wegrutschen. Endlich höre ich sie. Endlich höre ich das Geräusch, auf das ich seit ihrem Telefonat gewartet habe. Endlich höre ich das, was ich schon immer hören wollte. Ich klatsche in die Hände und rufe zur Zimmerdecke, dass ihr das ganz recht geschehe. Ich erschrecke über meine Worte und sage, dass mir die Worte sehr Leid tun. Ich schüttle den Kopf und weiß, dass es gar keinen Anlass zur Freude gibt, mein Verhalten vorhin undankbar war, sie mich aus dem Drecksloch gerettet, mir den Namen meines Vaters zu meiner Sicherheit verschweigt und sie wegen mir auf ihre vielen, mir aber unbekannten Liebhaber und somit auf ihr ganz persönliches Lebensglück verzichtet habe. Ich greife zum Telefon gebe ihre Nummer ein und durchdenke, wie ich ihr erklären kann, dass ich doch noch Geld gefunden habe und sie es sich abholen könne. Ich drücke auf die Aus-Taste und überlege, ob ich vielleicht vorher noch einmal schnell zur Bank gehen solle. Ich gehe in die Küche, greife die Jacke und sehe zur Herdplatte. Ich lasse die Jacke auf den Fußboden fallen, schüttle den Kopf und sage im trotzigen Ton in den leeren Flur, dass sie mich immer nur rumkommandiert, mir die Erbschaft meiner Mutter Stück für Stück abgeschwatzt und mich mit ihren Forderungen von Etage zu Etage nach oben gehetzt hat. Ich greife in die verschimmelte Gemüsepampe, ziehe die Scheine heraus, spüle sie ab und beobachte wie vereinzelte Wassertropfen von den Scheinen auf den Fliesenboden platschen. Ich halte die Scheine in die Luft, küsse sie und sage, dass sie ab jetzt nichts mehr bekommt. Ich klebe einen Schein auf meine Stirn und die restlichen auf die Fensterscheibe. Ich greife zur Scheuerpaste und setze mich an ihren Stammplatz. Ich sehe auf die ausgebleichte Furnierstelle und überlege, dass schlechtes Wetter und verdorbenes Essen manchmal auch etwas Gutes haben. Ich kippe die Scheuerpaste aus und male eine Sonne auf die ausgebleichte Stelle des Furniers. Erstmals habe ich nicht den Gedanken, vor ihr sterben zu wollen. Erstmals erlebe ich, wie es ist, zu sein, auch wenn ich keine ihre Forderungen erfüllt habe.
Ich gehe ins Schlafzimmer, werfe mich mit Schwung ins Bett, drücke den Geldschein auf das Kissen, lege meinen Kopf darauf und genieße die feuchte Kühle des Papiers, die durch die Haare auf die Kopfhaut dringt. Ich schließe die Augen, sage, dass es sich recht gut auf der feuchten Kohle liege und dass ich, wenn ich wieder wach werde, zur Bank renne, um Geldscheine zu holen, die ich allesamt einweichen und klatschnass auf mein Kopfkissen legen werde. Ich ertaste den Schein und sage, dass ich ab jetzt nicht mehr an mir selber rumgeize und stattdessen lernen muss, Geld auszugeben.

Es klingelt einmal. Pause. Einmal klingeln ist der verschreckte Hausbewohner aus dem Erdgeschoss. Der will mir sagen, dass wieder ein großer Haufen Kotze hinter dem Container liegt. Ich lache und sage zu mir selber, dass ich das schon längst weiß, dass die Kotzhaufen über die Monate abnehmen werden und er mich nicht fragen solle, woher ich dies weiß. Es klingelt wieder einmal. Wieder Pause. Zweimal kurz hintereinander. Ich rühre mich nicht. Es klingelt wieder zweimal. Ich halte mir die Hand vor den Mund. Und weitere zweimal. Ich reiße die Augen auf, spüre meinen Puls rasen und bin mir sicher, dass das nur mein Wecker sein kann. Ich schiele zum Wecker, ziehe die Bettdecke über den Kopf und schiebe die Finger in die Ohren. Ich drücke mein Gesicht ins Kissen auf den feuchten Geldschein und nehme mir ganz fest vor, so lange hier still zu liegen, bis das gottverdammte Klingeln aufhört.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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