Die Gastnehmerin, Teil IV

Sie legt ihren Wunschzettel neben den Teller, zupft am Ärmel ihres zu großen Kostüms und schließt die Knöpfe. Sie streckt die Finger durchs Haar, dreht an ihren Locken und beißt mit ihrem schlecht sitzenden Gebiss auf die Unterlippe, dass es aus der Kieferleiste kippt. Erschrocken schiebt sie das Gebiss zurück und greift an die Goldkette, die bis zur Brustmitte hängt. Sie umgreift den antiken Anhänger mit dem ovalen Granat, den sie aus einem unbekannten Grunde als einzig verbliebenes Schmuckstück noch nicht verkauft hat. Mit dem Schmuckstück ihrer Großmutter pendelt sie heftig hin- und her, sodass ich die Befürchtung bekomme, die feinen Kettenglieder könnten reißen und der Anhänger auf dem Fußboden landen. Dabei höre ich ein rhythmisches Tippen unter dem Tisch. Ich drehe mich zu ihr herüber, höre wie das Geräusch lauter und schneller wird und überlege, wo ich es gehört habe. Es war bei ihrem letzten Besuch. Aus einem mir unerklärlichen Grunde bin in der darauf folgenden Nacht aufgewacht und hatte erkannt, dass sie immer dann, wenn sie etwas als unangenehm empfindet, mit dem Fuß auf den Boden tippt, als wollte sie lieber weglaufen. Sie lässt den Anhänger los, hält die Hand vor den Mund und fragt in kaum hörbarer Stimme: “Kannst Du mir etwas Geld leihen?“

Dabei schlägt sie mit der Schuhspitze immer heftiger und lauter auf die Fliesen, dass die gemurmelten Worte in den Klopfgeräuschen untergehen und ich sie nur deshalb verstehe, weil ich weiß, was sie bedeuten. Sprachlos, dass sie mir die Frage tatsächlich gestellt hat, bin ich mir jetzt absolut sicher, dass sie nie mit diesen Forderungen aufhören wird. Widerwillig setze mich an den Tisch, von dem ich weiß, dass ich ihn nach ihrem Besuch wieder mit Scheuerpaste putzen werde. Nach dem letzten Besuch habe ich bemerkt, dass das Furnier an ihren Stammplatz ausgebleicht ist. Ich schiebe den Stuhl vom Tisch an die Wand, sehe auf die ausgebleichte Stelle, höre auf das Fußgetippel, sehe wieder auf die ausgebleichte Stelle und versuche mir irgendeinen sinnvollen Takt in ihrem Getippel vorzustellen, um den wahren Grund von mir möglichst fernzuhalten. Gegen meinen festen Vorsatz, werde ich nun doch traurig und spüre wie mir ihre und meine Hilflosigkeit leidtun. Auf einmal habe ich selber den Wunsch wegzulaufen, fühle mich aber unfähig aufzustehen. Da ich seit dem letzten Besuch weiß, was ihr Fußgetippel bedeutet und mir nach dem Besuch bewusst geworden war, dass sie niemals weglaufen wird, stehe ich auf. Ich schalte wieder die Herdplatte an, drücke meine Handfläche darauf, bis sich Hitze auf der Haut in ein Brennen verwandelt und ich die Kraft bekomme mich über mich selbst zu ärgern. Sofort ärgere ich mich, in der Nacht im Regen Geld am Automaten geholt zu haben. In meinem Vorsatz bestärkt, ihr ab jetzt nichts mehr geben zu wollen, schalte ich die Herdplatte aus, halte die Hand unter fließendes kaltes Wasser, sehe sie an und sage ihr, dass ich derzeit kein Geld habe. Ich höre wie das Tippeln schneller und schneller wird und sie mit den Fingerkuppen über das Furnier der Tischplatte schabt. Ich drehe mich wieder von ihr weg und wiederhole, dass ich ihr leider dieses Mal nicht helfen könne. Schlagartig werden die Fußgeräusche schneller und sie stottert, dass es doch nur für ganz, ganz kurze Zeit sei und ich es gleich, gleich wieder zurückbekäme. Ich antworte, dass ich leider überhaupt kein Geld im Hause habe. Sie schaut auf den leeren Teller und flüstert, dass sie es unbedingt bräuchte, gar nicht wüsste, was sie ohne machen solle und sie sich nun wieder zu ärgern beginne, mich als Säugling gerettet zu haben. Ich gehe zum Schrank und öffne das Fach in dem ich mein Kostgeld in einem Geldbeutel aufbewahre. Sie beobachtet mich, hält wieder ihre Hand vor den Mund und flüstert, dass sie nie gedacht hätte, dass ich jemals so undankbar sein würde. Ich greife ins Fach zum Geldbeutel und höre wie sie nuschelt, dass sie es leider nicht rückgängig machen und mich nicht wieder in das Dreckloch stecken könne. Hastig umgreife ich den Geldbeutel und spüre wie mir schwindlig wird und ich mich hinsetzen muss. Sie sieht mich an und nuschelt, dass sie alles für mich getan habe und sie mich von dem unsteten Vater und der unzuverlässigen Schwester völlig uneigennützig befreit habe. Sie streckt mir ihren dicken Zeigefinger entgegen und sagt im lauten Ton, dass sie nur wegen mir auf ihre vielen Verehrer verzichtet habe und es nun doch nicht all´ zu viel verlangt sei, sie ein einziges Mal im Leben zu unterstützen. Wortlos halte ich mich am Schrank fest, nehme den Geldbeutel heraus und reiße ihn auf. Ich greife hinein und bemerke, dass der Beutel leer ist. Ich zucke zusammen. Plötzlich fällt mir ein, dass ich das Geld, das ich in der Nacht eilig für sie geholt hatte, noch im Portemonnaie befindet. Ich atme tief ein und bin über die unverhoffte Chance froh. Ich drehe den Geldbeutel um, schüttle ihn demonstrativ aus, versuche ihr in die Augen zu sehen und stottere, dass ich wirklich überhaupt kein Geld mehr im Haus habe, da ja derzeit sehr viel eingebrochen werden würde und die Polizei erst letzte Woche von Wohnung zu Wohnung gegangen sei und vor unnützen Geldbeständen im Hause gewarnt hätte. Von allen guten Geistern verlassen, greife ich in die andere Schublade, nehme eine der sieben Kopien chinesischer Stockpuppen, die verschiedene Beamte in ihren traditionellen Kleidern darstellen, heraus, setze den Beamten trotzig auf den leeren Käseteller und drapiere das Gewand über den Tellerrand. Ich blicke unter den Tisch und sehe einen Halbkreis auf den schmutzigen Fliesen. Das Getippel hört auf. Ich gehe zum Schrank zurück, schiebe die Schublade zu und sage, dass sie die wertvolle Puppe liebend gern haben könne. Sie sieht sie an, sieht mich an und wieder zur Puppe und antwortet, dass sie mir das schöne Stück doch vor Jahren… Ich falle ihr ins Wort, dass ich gar nicht weiß, wer sich mit dem Kauf der edlen Kostbarkeit für mich in Unkosten gestürzt habe. Schnell setze ich mich auf den Stuhl, schiebe ihn an den Tisch heran und versuche sie anzusehen. Ich zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht und sage, dass ich ihr den chinesischen Beamten gern schenken möchte und hoffe, dass sie für ihn viel Geld bekäme. Das Tippeln unter dem Tisch wird völlig unrhythmisch und die weiße, halbrunde Stelle auf den schmutzigen Fliesen verwischt zu einem großen Fleck. Mit ihren dicken Fingern greift sie die Stockpuppe am traditionellen chinesischen Gewand, wirft sie zu dem Käseresten in die Tüte und flüstert danke.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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