Wolken

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Der Wind treibt sie voran und du wunderst dich, dass ich niemals schlafe. Doch im Kinderwagen lässt sich gemütlich die Welt betrachten. Und wenn sich in deiner Brille die Wolkentiere spiegeln, strahle ich wie das Honigkuchenpferd, das du mir auf dem Rummel gekauft hast. Großmutter greift sich an den Kopf und schimpft mit den Spatzen auf dem Rohr. Was du dir dabei wieder einmal gedacht hättest, ich hätte doch überhaupt noch keine Zähne in meinem Mund. Iwo, murmelst du, die kommen schon bald, und hängst mir den Lebkuchen ins Blickfeld.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Wir stapfen durch Morast und Gestrüpp. Du sagst, wir wandern heute den Berghain hinauf. Wir tappen im Dunkeln und ich suche Halt an deiner Hand. Doch du schüttelst mich ab, sagst mir, du musst lernen, dich allein zurechtzufinden, ich weise dir nur die Richtung. Kleinlaut befolge ich deinen Rat und vertreibe mir die Geister mit Kieselstein-Weitwurf. Du brummst zufrieden, als sich die Lichtung auftut. Wir liegen im Gras. Ich kitzele dich mit Halmen im Ohr. Du schnarchst und dein runder Bauch wirft der Sonne Schatten entgegen. Am Abend sagst du zu Großmutter, wir haben uns nicht verlaufen, wir sind nur vom Weg abgekommen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Warum bauen wir eine Gartenpforte, frage ich dich. Die Blumen haben kalte Füße, antwortest du und schlägst die Nägel in das Holz. Aber ich hätte viel lieber eine eigene Schaukel, flüstere ich. Du hebst deinen Kopf und zupfst dir den Bart. Anständige Menschen bleiben lieber auf dem Boden der Tatsachen, zeterst du.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Großmutter sagt, ich sei ein Wildfang und meine Locken wären keine Laune der Natur, sondern ein Ausdruck meines Charakters, erzähle ich dir. Wenn sie das sagt, dann wird´s schon stimmen, meinst du zu mir. Und warum hast du dann so einen langen Bart, frage ich dich. Je länger der Bart, umso weiser ist ein Mensch, erklärst du. Ich staune und du lachst Tränen.

Die Wolken ziehen heute schneller als üblich. Gestern um neun, in deinem Ohrensessel hat es dir halbseitig die Sprache verschlagen. Du liegst im Bett und hältst die Augen geschlossen. Verstehst du mich?, frage ich dich. Du lächelst und nickst.

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Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

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