Die Traumfängerin

Die Traumfängerin erscheint hier und da. Oft kommt sie nicht, aber man kennt sie seit Jahren. Sie ist viel auf Reisen. Doch sie ist immer wieder auf dieselbe Weise da. Die Traumfängerin verkehrt nicht mit Nachbarn. Sie bekommt keine Post und redet nicht viel. Die Traumfängerin weiß seit ihrer Geburt, dass niemand besser ist als sie. Die Männer kennen ihre Gabe nicht, die Frauen ahnen sie nur. Die Traumfängerin ist auf alles Schöne aus, was es gibt in der Welt der Träume. Denn sie selbst ist traumlos. Um die elfte Stunde wirft sie sich ihren Mantel über die Schulter und verschwindet im Nebel. Sie trägt ein Netz aus feinmaschigem, weichem Tüll bei sich, angebracht an einem Stock. Geduldig wartet sie ab und hascht zu, wenn ihr etwas, das schon lange als schön gilt und noch nicht in ihrem Besitz ist, in einem Traum zu finden ist. Die Traumfängerin hat keine Schwierigkeiten die Schönheiten aufzufinden, sie erkennt sie sofort. Und so erhascht sie sich einen Sieben-Punkt-Marienkäfer, feinste englische Rosen, Pfefferminz-Schokoladenpralinés, ein Schaumbad so hoch wie die Pyramiden von Gizeh, Schneewittchens Haar, einen Sommermorgen auf einer Lichtung im Wald und einen Ritt durchs Lavendelfeld. So leise sie kommt, so leise verschwindet sie auch wieder. Man sieht sie nie unterwegs. Nur die Kinder wissen um sie. Sie tun es ihr nach und haschen nach Schmetterlingen.

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Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

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