Das ist Politik

Sie entschuldigen, Sie haben da eine witzige Tätowierung am Arm. Eine Mickey Mouse habe ich ja noch nie als Tätowierungen gesehen.

Ach, das, das ist gar nichts. Schau mal, hier hab´ ich Popeye und hier ist Donald Duck. Und guck mal, hier über dem Rücken, da hab ich ´ne Frau drauf, ganz groß, mit hammermäßigen, naja, du weißt schon. Tja, ich war schon immer einer, der mit Frauen gut kann. Weißt du, ich weiß wie man die richtig flach legt.

Waren Tätowierungen zu DDR-Zeiten überhaupt erlaubt? Ich kannte einen, dessen Tätowierungen wurden fotografiert und katalogisiert und der hatte deswegen Scherereien.

Ja, ja, das war aber erst wenn du in den Knast reinkamst. Da haben die bei mir dann auch mit dem Kram angefangen. Die drei haben sie am Anfang nicht fotografiert, denn die habe ich mir schon mit elf machen lassen, da hatten die Bullen noch nichts zu sagen. Popeye war meine erste Tätowierung, denn den fand ich saukomisch. Und Mickey war ´ne Idee von meinem Kumpel.

Mit elf? Da macht man doch andere Sachen, ich meine…

…Och nö, nö, da habe ich mit `nem Kumpel lieber sowas gemacht. Wir zwei waren schon immer kreativ. Und mit ein bissel Tinte und ner angefeilten Feder von ´nem geklauten Füller kriegste alles hin. Uns konnten sie ja nicht belangen. Ich war elf und mein Kumpel war zehn.

Zehn?

Tja, warum nicht. Alles andere war mir zu langweilig. Meine Mutter hat zwar gebrüllt, aber was wollte sie machen. Wieder eine in die Fresse hauen? Irgendwann ist das auch durch und dann wirkt´s nicht mehr, weißt du.

Also, der den ich kenne, der hat mir gesagt, dass sie ihn bestraft haben, wenn er sich wieder eine neue Tätowierung hat stechen lassen. Wie war das bei Ihnen?

Ja, weißt du, das hat mich irgendwann nicht mehr gestört. Die haben mir sowieso immer eine in die Fresse gehauen, die Bullen. Ich hab die mal gefragt, warum sie mir immer eine reinkloppen, wenn ich die Wahrheit sage und warum sie mir ´ne Zigarette geben, wenn ich lüge. Da haben die mir gleich noch eine reingedroschen. Die waren schon komisch die Bullen. Ich hab die nie verstanden.

Der, den ich kenne, der meinte, dass die Gefangenen untereinander oftmals brutaler waren.

Ach, bei mir nicht, die kannten mich ja irgendwann alle. Ich hab am Fenster geschlafen und meine Ruhe gehabt.

Aber, der den ich kenne, meint, am Fenster durfte nicht jeder schlafen. Das waren die begehrtesten Plätze. Wie sind Sie denn an das Fensterbett gekommen?

Weißt du, wenn ich kam verscheuchte der Stubenälteste den Typen aus dem Nest, der grad drin lag. Und dann war das wieder mein Platz. Nö, nö, Probleme hatte ich nicht. Weißt du, und meinen Arsch haben ´se auch in Ruhe gelassen. Am Anfang war´s schwer, da konntest du keine Nacht ruhig schlafen. Weißt du, da habe ich jede Nacht höllisch aufpassen müssen. Aber dann, dann war´s geklärt. Und so einer, der im Knast erst mit den Kerlen rummacht und dann draußen wieder mit den Weibern anbändelt, nö, nö, so einer war ich nicht. Der Stecher von meiner Mutter, der war so einer. Den hatte ich im Knast kennen gelernt und irgendwann mit nach Hause geschleppt. Warum meine Mutter sich mit dem eingelassen hat, das hab´ ich nie verstanden. Meine Mutter war schon irgendwie krass. Die schickte mich vor der Schule immer Klauen. Weißt du, ich war der Älteste von uns fünfen. Und Hunger, Hunger hatten wir fünf immer. Wenn ich nicht genug mitgebrachte hatte, kriegte ich eine. Wollte mich aber einer ihrer Männer verdreschen, stellte sie sich vor mich hin und ließ nichts auf mich kommen. Das fand ich dann Spitze. Meine Mutter war schon krass. Seit ein paar Jahren telefoniere ich sogar einmal die Woche mit ihr. Weißt du, ihr geht’s nicht mehr so gut. Und außer mir hat sie niemanden. Die anderen Geschwister wollen mit ihr nichts mehr zu tun haben. Ich bin doch der Große, weißt du, ihr Großer.

Also, der, den ich kenne, der meinte, die wären im Bautzenknast untereinander besonders brutal gewesen. Erst im Stasiknast hatte er etwas Ruhe.

Nö, nö, bei mir war´s andersrum. Die haben gleich Stunk gemacht. Deswegen hab´ ich´s ja auch mit die Nerven, bin wegen die Psyche in die Rente geschrieben. Die haben mich geärgert und ich hab´s wieder mal nicht verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Die Bullen waren schon immer komisch. Irgendwann war mir das dann alles zu viel, weißt du. Das habe ich dann nicht mehr geschafft und versucht mich zu vernichten. Da haben die von der Stasi dann Schiss bekommen, mich entlassen und mir sogar ´ne Bude besorgt. Aber das hat mir dann auch nichts mehr genützt. Das erste, was ich gemacht habe, als ich in der Bude saß, ich hab wieder versucht mich zu vernichten. Naja, seit der Wende leb ich mit ´nem Hooligan und Nazi zusammen. Da bin ich wenigstens nicht mehr ganz allein. Die gucken ab und zu nach mir ins Zimmer und erledigen ein paar Wege, die ich nicht mehr kann, weiß du. Hat schon was, wenn einer mal nach dir guckt.

Sie haben eine WG? Sind die beiden Mitbewohner nicht… anstrengend?

Nö, nö, weißt du, die habe ich im Griff. Bei mir wird nicht gekloppt. Ich mach das nicht mehr. Und deswegen will ich es auch nicht mehr bei die Demos haben. Ich bin jetzt politisch geworden, weißt du, so richtig politisch. Mir kann keiner mehr was.

Politisch? Sie engagieren sich… politisch? Das, das find ich… vom Prinzip her gut.

Weißt, du, die haben gerade heute im Fernseher gebracht, dass immer mehr Leute politisch mitmachen, weil sie die Schnauze vollhaben von allem. Mehr als 10 Prozent machen jetzt mit, und es werden immer mehr.

Wie meinen Sie das? Es gibt doch mehr Menschen die sich politisch engagieren und…

…sag ich doch. Es werden immer mehr. Ich bin jetzt auch dabei seit der Politische bei mir wohnt.

Ähm, Sie sagten doch, Sie wohnen mit einem Hooligan und einem… einem Nazi…

…einem Politischen zusammen. Der wird verfolgt weil er in der NPD ist. Versteh´ ich nicht. Der kloppt sich nicht mehr rum, ist friedlich, geht arbeiten, macht jetzt in Politik mit. Und seit ich den kenne und wir uns angefreundet haben, kloppe ich nicht mehr und bin jetzt auch politisch. Der hat mich überzeugt. Deswegen wohnt er auch bei mir. Weißt du, bei mir sind die friedlich obwohl die beiden sich nicht ausstehen können. Hoolis wollen kloppen und Nazis wollen das alles politisch klären. Die Nazis sind zu Unrecht verschrien. Die haben mit Hitler auch nichts am Hut. Ich auch nicht. Das war ein Riesenarschloch. Der hat unserer Sache nur geschadet.

Aber wenn Sie mir jetzt hier während unseres Armbades erzählen, dass Sie eine Rente beziehen, wo liegt ihr Ziel bei den Demos, ich meine, was machen Sie auf den Demos?

Du meinst meinen Rollstuhl?

Ach so, Sie fahren, ähm, Sie haben einen, einen Rollstuhl. Ich dachte, Sie sind wegen einer Herzerkrankung hier…

…und wegen der Bandscheiben und wegen meiner Wirbelsäule und wegen dem Knie und wegen dem anderem Knie auch. Alles vom Kloppen. Das geht nun nicht mehr. Deswegen bin jetzt politisch, weißt du.

Sagten Sie nicht soeben, dass Sie im Stasiknast waren?

Ja, weißt du, ich hab das nie begriffen, ich war immer ein Politischer, schon früher, ob ich wollte oder nicht. Und jedes Mal habe ich Ärger bekommen, wenn ich erzählt habe, dass wir zu Hause nichts zu Fressen haben, dass wir arm sind und ich Futter klauen muss. Ich versteh´ nicht, warum die Bullen was dagegen hatten, dass ich das überall rumerzählt habe. Ich hab doch nicht gelogen. Ich kapier´s selbst heute noch nicht. Jetzt wollen die Bullen wieder was von mir, jetzt wollen die mir ´ne Volksverhetzung dranhängen. Versteh ich auch nicht. Ich will doch nur, dass die Ausländer genauso ihre Steuern zahlen wie wir Deutschen. Ich muss doch auch meine Steuern zahlen. Weißt du, wenn die arbeiten gehen, sich benehmen, unsere Kultur achten und nicht ständig ein Haufen Kinder machen und überall ihren Scheiß hinschmeißen, dann sind sie mir völlig egal. Ich kauf auch bei meinem Türken um die Ecke. Der weiß, dass ich ihn so nenne und lacht nur. Ich ess´ gern auch mal ´nen Döner oder so. Also Steuern zahle ich dabei immer, das hat mir der Politische erklärt. Der Türke muss meine Steuern nur an den Staat ordentlich abgeben wie sich´s gehört und nicht ins letzte Kaff nach Anatolien schmuggeln, sagt der Politische. Weißt du, mehr will ich doch nicht.

Aber was hat das mit Politik zu tun?

Weißt du, der Nazi bei mir in der Wohnung, der sich um mich kümmert, der hat mir das mit der Politik mal so richtig erklärt. Und seitdem er mir das ganz genau erklärt hat, versteh ich, wie Politik geht. Weißt du, wenn ein Bulle einem Ausländer eine ordentlich auf´s Maul haut, dann ist das politisch. Und Bullen dürfen nicht politsch sein, die müssen unpolitsch bleiben. Deswegen kloppen die auch keinen Ausländer mehr eine auf´s Maul. Wenn der hingegen einem Deutschen eine auf die Fresse kloppt, dann zählt das nicht als Politik, dann bleibt er unpolitisch. Und weil der Bulle nur den Deutschen eine aufs Maul haut, haut der Hool dem Bullen eine auf´s Maul. Und dann kommen die Bullen zu uns, stören unsere Demo und hauen uns wiederum eine rein. Weißt du, ich kann doch nicht mehr richtig wegen meinem Rollstuhl, deswegen will ich meine Ruhe haben. Wenn die aber Stunk machen, dann schnapp ich mir zur Strafe so ´nen kleinen verkackten Hool und hau ihm eine rein, weißt du, so richtig eine rein und frag ihn dabei, was der Scheiß eigentlich soll. Wir sind jetzt politisch. Wir machen ab jetzt nichts Verbotenes mehr. Uns kann keiner was. Weißt du, das ist Politik. Ich find Politik gut, richtig gut. Aber jetzt muss ich erst mal hier meine zwei Infarkte kurieren. Weißt du, ich bin das erste Mal zur Kur. Warst du schon mal in Kur?

Ja.

Und waren da auch so viele Ausländerärzte wie hier?

Meinen Sie die Ärztin von der Inneren? Bei der Aufnahmeuntersuchung erzählte sie mir, dass sie in den nächsten zehn Jahren keine Stelle in Serbien bekommen wird und sich eher zufällig hier beworben hatte. Wissen Sie, Kureinrichtungen scheinen nicht unbedingt das zu sein, was deutsche Ärzte suchen.

Sag ich doch. Die verdrängen unsere deutschen Ärzte. Und dann musst du dir von so einer, die kaum Deutsch reden kann, helfen lassen. Weißt, du, ich hab nix gegen die. Aber wenn ich krank werde, dann will ich auch unbedingt deutsch behandelt werden. Im Moment komme ich hier nicht weg. Du siehst doch, ich kann nicht mehr richtig laufen und komme früh kaum aus dem Bett. Und die verfluchte Pumpe, die macht nun schon das zweite Mal schlapp. Deswegen muss ich mir die Ausländerärztin auch gefallen lassen. So, ich muss jetzt zur nächsten Anwendung. Aber vorher, vorher da will ich schnell noch eine Durchziehen. Wir sehen uns beim Essen im Speisesall. Und dann können wir uns weiter über Politik unterhalten.

Hat man Ihnen nicht erklärt, dass nach frischen Infarkten eine einzige Zigarette reicht, um einen neuen Infarkt auszulösen.

Weißt du, den Quatsch wollte mir die Ausländertussi heut´ Morgen auch einreden.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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