Niemandsland

Zehn vor Zwei. Er faltet die Zeitung zusammen. Gleich wird sie von der Schule kommen. Sie wird einen roten Kopf haben und ganz außer Atem den Lockenschopf durch die Tür stecken. Er schiebt die Gardine ein wenig zur Seite und blickt auf die Straße.

Behutsam betritt sie die Diele und klopft an die Küchentür. Großvater, ich bin wieder da, ruft sie. Großvater sitzt auf dem Canapé. Sorgsam nimmt er sich die Brille von der Nase, steckt sie in das abgenutzte Lederetui und legt die Zeitung ganz oben auf den Stapel voller Reiseberichte und -kataloge. Sie schmunzelt. Längst hat sie bemerkt, dass er Tag für Tag, hinter der Gardine versteckt, auf die Straße blickt und auf ihr Nachhausekommen wartet. Und spätestens wenn sie über den Hof läuft, setzt er sich wieder auf sein Canapé, die Brille auf die Nase und tut so, als wäre er gerade ganz zufällig fertig mit Zeitunglesen. Sie setzt ihren Ranzen ab und wäscht sich die Hände mit Kernseife.

Er fragt sie, wie es in der Schule war. Sie erzählt vom Musikunterricht und dass es über das Wochenende keine Hausaufgaben aufgäbe. Sie fragt, ob sie noch ein wenig raus dürfe. Er streichelt ihr über den Kopf und nickt. Aber zum Tee bist du wieder da!

Die Bagger sind auf den Ladeflächen der LKW´s verstaut. Die Baustellenfahrzeuge räumen das Gelände. Sie klettert durch die undichte Stelle des Stacheldrahtes und blickt der immer kleiner werdenden Staubwolke nach. Heute ist Freitag. Drei Tage hat sie nun Ruhe vor dem Lärm und der Angst entdeckt zu werden. Vorgestern erst hatte sie nach einer Stunde Fußmarsch ein Schild am Ende des Geländes gesehen − Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Sie war erschrocken, hatte aber gleich versucht, sich wieder zu beruhigen. Ihr Eingang war ein anderer und das Verbot damit für sie nicht gültig. Die Angst blieb. Schneller als an den anderen Tagen hatte sie sich auf den Heimweg gemacht. Bei jedem Geräusch war sie zusammengezuckt. Ihr Herz hatte gepocht − laut. Sie hatte gedacht, man könnte es hören − sie entdecken. Als sie durch das Loch im Zaun gekrabbelt war und sich damit außerhalb der Gefahrenstelle befunden hatte, schwor sie sich, niemals zurückzukehren. Zwei Tage nur hatte sie es ausgehalten. Heute steht sie erneut hier, umhüllt von einer dichten Staubwolke, mitten auf dem Gelände einer stillgelegten Kaserne.

Sie erzählt ihm nichts von ihren Entdeckungsgängen durch die Kaserne. Aber er kann sich denken, dass sie sich dort herumtreibt. Immer wieder will sie die alten Geschichten hören, vom Dorf und seinen Bewohnern und von der Kaserne. Er hatte ihr erzählt, dass es ein Kartoffel- und Rübenfeld gewesen war. Seine Eltern hatten ein Stückchen bestellt. Sie hatten gesät, gejätet, geerntet. 1933 waren sie das letzte Mal mit der Egge hindurch gefahren. Eine Autobahn sollte gebaut werden. Es war abgesteckt, betoniert und der Stacheldraht aufgezogen worden. Erst als die Ziegelsteine bis zum Dach gereicht und die Mauer vor dem Schlafzimmerfenster die Sicht versperrt hatte, war ihnen bewusst geworden, dass ein Autobahnbau solche Maßnahmen nicht erfordert hätte. Als die Wachposten ihre Straße zur Sackgasse deklariert hatten, verstand sie, was die Kommandorufe, die der Wind zu ihnen trug, bedeuteten. Sie waren nun das letzte Haus im Dorf, hinter ihnen − Niemandsland.

Sie klettert auf den frisch aufgeworfenen Erdhügel. Von hier hat sie einen guten Überblick. Die Schweineställe sind zur Hälfte und die Mauer vor ihrem Haus fast vollständig abgerissen. Wenn Großvater am Schlafzimmerfenster stehen würde, könnte sie ihm jetzt winken, denkt sie. Er hatte ihr erzählt, dass sie Glück gehabt hätten. Die Flieger hätten ihr Ziel knapp verfehlt und stattdessen die Teppichfabrik zerstört. Doch mit dem Einzug der Russen, wären harte Zeiten auf sie zugekommen. Sie waren aus dem Haus geflüchtet und hatten notdürftig Unterschlupf gefunden − in der benachbarten Porzelline, der Porzellanfabrik in der das halbe Dorf eine sichere und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit gefunden hatte. Ein Bürozimmer hatte als Wohn- und Schlafstätte gedient. Die Russen waren abgezogen. Nach nebenan gezogen. Und vom Haus hatten nur noch die Grundmauern gestanden. Die Dielen, die Fensterrahmen und Möbel waren verfeuert, das Besteck und die Bettwäsche verhökert, die Tiere geschlachtet worden.

Er schlurft in die Wohnstube. Ihn friert es. Spätestens morgen wird er einheizen müssen. Der Winter soll hart werden, sagen sie. Er kann sich noch gut erinnern, an den Winter ´86. Es hatten Unmengen an Schnee gelegen, noch bis in den März hinein als der Kohlenkeller längst leer war. Er war auf dem Weg in den Schuppen gewesen, um nachzusehen, wie viel Holz er noch in der eisernen Reserve hatte. Das Schloss war aufgebrochen und sein Vorrat bis auf den letzten Scheit ausgeräumt worden. Ein Wunder, dass sie nicht noch den Schuppen zerlegen, hatte er damals gedacht. Er war wütend gewesen, und als ihm war, als würde ein Augenpaar durch die Sträucher blicken, hatte er so laut er konnte geschrien: Lasst uns in Ruhe, nun habt ihr uns auch noch das letzte Holz genommen, ihr Schweine!

Sie wohnen im letzten Haus im Dorf. Und es scheint, als wäre allein diese Tatsache etwas Besonderes. Wenn sie früher mit Großvater im Konsum war, war es ihr vorgekommen als hätten alle anderen Dorfbewohner Respekt vor ihnen. Sie hatte gewusst, dass sie Großvater achten, aber das alleine war es nicht. Nach dem üblichen Guten Tag. Wie geht’s heute? folgten immer Fragen wie: Was gibt’s Neues von den Russen? Haben Sie heute wieder geschossen? Gestern sind die Panzer durchs Dorf gefahren, habt ihr das gesehen? Haben Sie bei euch auch um Brot gebettelt? Und so sehr getratscht wurde in diesem Laden, so sehr sie sich bemüht hatten, diese Fragen achtlos in den Raum zu werfen, so sehr waren sie mit einer Anspannung verbunden und mit einem Zittern in der Stimme der Fragenden. Es war, als gebühre Großvater Respekt, weil sein Grundstück unmittelbar an die Kaserne grenzt. Großvater aber hatte dazu nichts gesagt, er hielt es für nichts Besonderes, an der Grenze zum Niemandsland zu wohnen. Sie hatte es schießen gehört und die Panzer die Dorfstraße hinauffahren gesehen und einen Soldaten, als er ihre Johannisbeeren vom Strauch gepflückt hatte, aber gefürchtet hatte sie sich nicht. Auch jetzt nicht auf dem leeren, unheimlichen Gelände. Großvater achtet ja auf sie.

Angst hatte er nicht vor ihnen gehabt, nur um die Kleine war er immer in Sorge gewesen. Sie war naiv. Gleichzeitig hatte ihn das beruhigt, denn Kindern würden sie nichts tun, da war er sich sicher gewesen. Er hatte zu niemandem von seiner Sorge gesprochen, wie er die Stube in der nächsten Zeit beheizen sollte. Er hatte die alten Handwagen auseinander gebaut und ein paar Stühle. Als sie Fragen gestellt hatte, hatte er gegrummelt, die hätten alle den Holzwurm und würden im Sommer sowieso auseinanderfallen. Zum Glück war zwei Wochen später der Frühling gekommen und geblieben. Im Sommer hatten sie ihm noch die gesamte Apfelernte gestohlen und die Beeren. Aber daran hatte er sich nicht so sehr gestört, er wusste selbst, wie es war, Hunger zu leiden. Wenn sie schon nichts mehr zu essen hatten, musste es schlimm um sie stehen, hatte er gedacht und war ein um das andere Mal froh gewesen, dass die Mauer ihnen diesen Anblick verwehrte. Vor zwei Monaten war es dann soweit gewesen − die Truppen zogen ab. Er setzt das Teewasser auf.

Sie läuft am Schießstand vorbei, hinab auf den breiten Pfad. Es war der Versorgungsweg gewesen, der direkt ins Dorf führte. Sie erinnert sich, wie sie die Soldaten durchs Dorf marschieren gesehen hatte. Sie hatte das Feuer gerochen. Sie hatte die Tiere gehört, die quiekten und brüllten, wie sie es aus der Vorweihnachtszeit kannte, wenn sie den Festtagsbraten abholte, beim Bauern Müller. Sie hatte Großvater gesehen, wie er eine Woche lang torkelnd durch Haus und Hof irrte. Sie hatte sich gewundert, über die eingekehrte Stille. Seit zwei Monaten steht die Kaserne nun leer.

Dass Veränderungen anstanden, hatte er täglich in den Nachrichten sehen können, aber vielmehr hatte er es gehört. Die Rufe der Soldaten, das Brüllen der Tiere, die Gewehre − die Geräusche hatten sich überschlagen und mit ihnen die Ereignisse im gesamten Land. Immer hatte er seinen eigenen Standpunkt vertreten, auch wenn er nach außen neutral erschienen war. Er hatte sich und seine Familie nie politisch verkauft, aber immer gewusst, wohin er gehörte. Er hatte gedacht, mit dem Abzug der Truppen würde, wenn auch mit Verspätung, eine Wende ins Dorf kommen und davor hatte er sich gefürchtet. Das Teewasser kocht. Er nimmt das Tee-Ei aus der Schublade.

Die Sonne geht unter und sie macht sich auf den Heimweg. Ihr Blick schweift über das Gelände. Die niedergerissenen Holzbaracken und der asphaltierte Auffahrtsweg, umgeben von Wänden aus Beton und Stacheldraht. Rechter Hand der Schießstand und die alten Schweineställe. Im Abendlicht ist alles friedlich anzusehen, denkt sie. Aber sie liebt diesen Ort, auch an Tagen, an denen er ihr Angst einflößt. Hier entdeckt sie die vergangene Welt neu. Einen Schweineknochen, Essbesteck aus Aluminium, grüne Knöpfe, Patronen aus dem Schießgewehr, einen Helm und ein Taschenmesser mit den Initialien „A.“ und „M.“ hält sie vor Großvater versteckt in einem Karton unter ihrem Bett. Je weiter die Abrissbagger vordringen, umso mehr schmückt sie ihre Geschichten aus − von den Soldaten und deren Leben auf dem Kasernengelände. Es ist, als fände die Vergangenheit zunehmend Platz in ihrer Fantasie, als lebe sie fort in ihrer Traumwelt und als würde erst dadurch Platz geschaffen, für einen Neuanfang. Sie muss sich beeilen, Großvater würde schon mit dem Tee auf sie warten!

Veröffentlicht von

Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

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