Fotocollage

Ich sitze auf dem Fensterbrett. Der Wind ist kühl. Die ausgesäten Blumen sind aufgegangen. Ich träume und schieße Fotos. Ein Foto bleibt. Die Blumen leuchten auf der Fensterbank, ich blicke zur Straße, die Haare sind kurz. Im Kopf ein ständiges Klicken. Erinnerungen. Bilder. Eine Polaroid-Fotostrecke in meinem Kopf, ähnlich jener, die Großvater vergilbt und ausgeblichen auch noch vor acht Jahren präsentierte.

Der Tag an dem andere heiraten, wird auch mein besonderer sein. Ein halbes Jahr stumm in Kopfkissen geweint, bis keine Tränen mehr kamen. Heute die Einweisung. Ich komme mit Tasche und meiner Patientenverfügung. Der Arzt weist mich auf mögliche Behinderungen hin, die ich davontragen könne. Er nimmt es ernst. Ich auch. Welche Wahl bleibt? Die Vermessung beginnt. Wiegen. Bluten. Schwitzen. Das Mittagessen verpasst. Meine Bettnachbarin ist kahlrasiert, lächelt und lenkt mich ab, mit Geschichten, die mir Angst machen und für sie keine sind. Sieben Hirntumore operiert und morgen ein achter. Die Hoffnung sterbe zuletzt, sagt sie. Wie makaber. Die dicken Socken wärmen mich nicht. Ich flüchte mich auf den Gang. Überall Kahlrasierte. Sie klingeln, sie rufen, sie schleichen. Mitleid will wohl keiner von ihnen. Ich auch nicht. Ich bekomme Panik. Auch das Gespräch per Münztelefon lenkt mich nicht ab. Ich trinke drei Kaffee hintereinander aus dem Kaffeeautomaten für 80 Cent den Becher. Ich kugele mich ein, auf der Couch im Aufenthaltsraum. Da kommst du. Nimmst mich in den Arm und bist da. Also lachen wir gemeinsam über meinen Jogginghosen-Nachthemd-Mix und die bunten Ringelsocken, die aus den Sandalen quellen. Die Besuchszeit endet. Das Abendbrot fällt aus, um nüchtern zu bleiben. Ich schaue seit Jahren mal wieder GZSZ. Folgen kann ich nicht. Um neun knipse ich das Licht aus und kann doch nicht schlafen. Eine Schlaftablette möchte ich nicht, notiert die Nachtschwester.
Ich habe keinen Wecker, aber laut Bettnachbarin ist es kurz nach fünf Uhr, als uns die Schwestern wecken. Wir springen aus dem Bett, völlig schlaftrunken, stellen uns am Fenster auf und lassen uns die Kissen aufschütteln. Ich möchte noch mein Taschentuch unter dem Kissen hervorholen und zaubere so der Schwester ein Lächeln auf die Lippen.
Ich trage nur noch ein Hemdchen. Das Warten macht mich verrückt. Ich bekomme Beruhigungstabletten gegen meinen Willen eingeflößt. Zwei Männer holen mich. Sie grüßen nicht, sie rollen mich einfach mit dem Bett hinaus. Wir fahren Fahrstuhl. Sie erzählen über das Fußballspiel gestern Abend. Ich starre an die Neonleuchten der Fahrstuhldecke. Im Keller lassen sie mich zurück. Ein anderer Mann, ein jüngerer spricht zu mir. Ich kann ihn nicht gut erkennen. Keine Kontaktlinsen mehr. Keinen Schmuck, keine Unterhose. Nur noch mein bloßer Körper. Bekleidet mit diesem lächerlichen Hemdchen, knapp unter dem Schambereich endend und meinem Patientenbändchen ums Handgelenk. Der junge Mann sagt, er werde mich jetzt auf eine andere Liege legen. Ich will aufstehen. Er drückt mich zurück. Um mich herum sind überall Liegen. Solche wie meine mit Planen darüber. Vielleicht liegen auch Tote darunter, überlege ich. Die Anästhesistin legt Kanülen und fragt interessiert nach meinem Studienfach. Geantwortet habe ich ihr nicht mehr.
Ein monotones Piepen weckt mich. Ein Mann sitzt neben meinem Bett. Es ist alles gut gegangen. Wir haben den Tumor erfolgreich entfernt. Er drückt meine Hand, ich lächle und schlafe sofort wieder ein. Wieder weckt mich das Piepen. Mein Puls ist zu hoch, erklärt die Schwester. Ich bekomme eine Spritze gegen die Schmerzen in den Oberschenkel. Ich schreie laut, als sich der Wirkstoff verteilt. Von nun an verweigere ich weitere Schmerzmittel. Den Schieber will ich auch verweigern, muss ihn dann aber doch einmal notdürftig benutzen. Ich darf kurz telefonieren. Hallo. Ich bin´s. Mir geht’s gut. Ja, ich ruhe mich aus. Tschüss. Ich schlafe ein. Ich darf Wasser trinken. Ich schlafe. Wie spät ist es? Ich schlafe. Zwei Männer holen mich. Sie tragen mich auf die Liege. Sicher können sie alles von meinem Körper sehen, bis auf die Brust, die ist verdeckt vom Hemdchen. Es ist mir egal. Es mir sowas von scheißegal. Ich werde zur Kontrolle in die Röhre geschoben. Das Ergebnis ist gut. Ich werde verlegt auf die Normalstation. Das erste Essen drei Löffel Kartoffelbrei und ich habe nie etwas Köstlicheres gegessen seit dem. Ich darf endlich wieder Unterwäsche anziehen, Socken, ein T-Shirt. Ich darf auf die Toilette. Ich bemerke die pochenden Kopfschmerzen nicht, weil meine Freude überwiegt. Ich ertrage die neue nervige Bettnachbarin grinsend, indem ich sie mir als Kohlkopf vorstelle.
Ich werde entlassen. Du stehst in der Tür, wolltest mich besuchen und bestaunst meinen kahlen Hinterkopf. Nun trägst du meine Tasche und schiebst dein Fahrrad nebenher. Wir trinken einen Kaffee und fallen uns in die Arme.

Ein Foto. Der Auslöser für viele. Die Blumen leuchten auf der Fensterbank, ich blicke zur Straße, meine Haare sind wieder kurz. Das Kopftuch trage ich um den Hals.

Veröffentlicht von

Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

2 Gedanken zu „Fotocollage“

  1. Wow! Dina, das ist… Irgendwie kann ich nach diesem Text nicht „wunderbar“ oder „fantastisch“ schreiben. Du hast mich gerade völlig gefesselt und aus meiner Welt in eine andere gezogen. Mit lesen aufhören war wie aufwachen. Beeindruckend wie du diese Gefühle erzeugst und miteinander verwebst. Toll!
    Liebe Grüße aus Rom –
    AnnA

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