Besuchszeit (Zweiter Teil)

Ich höre wie der Mann ein zweites und drittes Mal an der Tür rüttelt und durch den Briefkastenschlitz Hallo, Hallo, ist da wer, ruft und danach die Treppe runtertrampelt. Ich schiebe mich leise vom Stuhl, schleiche zum Küchenfenster, sehe durch den Vorhang auf das Blumenbeet des schicken Hinterhofes und bemerke, dass die Scheiben völlig verdreckt sind. Ich schüttele den Kopf, nehme den froschgrünen Eimer aus der Ecke, lasse Wasser über meine Hände auf den Boden des Eimers laufen damit kein Laut nach draußen klingen kann und bin mir sicher, dass die Frau mit den gepunkteten Küchenkram von einem sauberen Fenster auch noch nichts gehört hat. Ich ziehe den Vorhang zurück und putze eine Seite des schmutzigen Fensters bis es streifenfrei glänzt. Die andere Seite lasse ich dreckig, damit sie den Unterschied merkt. Als ich den Eimer wieder in die Ecke stelle, sehe ich, dass die Fliesen an der Kochzeile ebenfalls völlig verdreckt sind. Auch hier putze ich eine Seite der Fliesen. Nachdem ich den Eimer zurückgestellt habe, klopfe ich mir auf die Schulter. Ich spiele an der leuchtenden Anzeige und lasse einen Latte Macchiato in die Tasse laufen. Den habe ich aber jetzt wirklich verdient, denke ich stolz. Als ich über den Automaten putzte, kommt mir die Idee ihm endlich einen Namen zu verpassen. Dabei stelle ich wie im Film die Tasse nach jedem Schluck auf die Untertasse, da ich das Klirren des Porzellans wahnsinnig mag. Ich überlege, ob ich den Kaffeeautomaten nach meiner Mutter oder doch lieber nach meinem Papa benenne. Weil mein Papa äußerst akkurat ist und die Chromstangen der Autos immer blankhaucht und weil es grammatikalisch völlig richtig ist, entscheide ich mich seinen Namen zu benutzen. Den Namen meiner Mutter möchte ich für den schicken chromfarbenen Automaten nicht unbedingt benutzen, vielleicht doch eher für den grünen Eimer. Wie unsere alte Pfarrerin, hebe ich die Hand und sage: „Mein kleiner Täufling, ich taufe Dich auf den Namen Jens! Möge die Taufe Dich vor allem Unheil in der Welt bewahren!“ Feierlich küsse ich über das kalte Metall wie über eine Babystirn und murmle: „Im Namen des Allmächtigen!“. Zufrieden greife ich zum Latte Macchiato und tue so, als würde ich drei Tropfen von dem Kaffee über den Automaten kippen. Ich gehe in den Flur, schlürfe wie die feinen Damen in den Pariser Boutiquen den Kaffee mit der einen Hand, mit der anderen wühle ich in den Fächern und kontrolliere die bunten Schuhe. Schimpfend stelle ich die Tasse ab, nehme das Putzmittel und säubere den verkrusteten olivgrünen Schuh, der mit einer schrägen Schleife aus bunten Strasssteinen besetzt ist. Ich stellte mich vor den Spiegel, halte den glitzernden Schuh vors Gesicht, lächle wie ein Mannequin und versuche in das Ding hineinzuschlüpfen. Da ich nicht hineinkomme, ziehe ich die ausgetreten Turnschuhe an, die ihr Freund achtlos in die Ecke geschmissen hat und denke, von meiner Mutter hättest als erstes eine geschallert bekommen und als zweites hätte sie dir die Latschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Kopf gehauen.

Wie die Mechatroniker in der Autowerkstatt meines Papas, schlendere ich mit den ausgetretenen Turnschuhen im Gammelschritt durch den Flur und bleibe vor der geschlossenen Wohnzimmertür stehen. Ich ziehe das dicke Schlüsselbund vom Hals, räuspere mich laut und frage in verstellter Kinderstimme, ob ich eintreten darf, weil ich einen Wohnungsschlüssel im Treppenhaus gefunden habe. Da sich niemand meldet, drücke ich die Klinke herunter, trete in Zeitlupenschritten ins Wohnzimmer, schleiche zum Fenster und sehe auf die Mittagsstraße. Lust auch diese verschmutzten Scheiben zu putzen, habe ich nicht. Viel lieber will ich den neumodischen Fernseher und die Musikanlage probieren, die ihr reicher Freund von seinem vielen Geld hier aufgestellt hat. Ich muss unbedingt sein Foto suchen. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sieht er gut aus, denn nur gut aussehende Männer haben auch einen guten Technik-Geschmack. Ich schnalze wie mein Papa und suche die Fernbedienung. Bei Frauen kannst du die gesamte Bude auf den Kopf stellen bis du die Fernbedienung findest und dann liegt sie in der Küche im Brotkorb oder im Bad zwischen den Schminksachen. Ich gehe in den Flur und sehe die Fernbedienung neben dem rosa Telefon. Aha, da hat sie während eines Liebesfilms ein Telefonat gehabt. Ich nehme die Fernbedienung, gehe ins Wohnzimmer zurück und mache den glänzenden Flachbildschirm an. Typisch, als erstes die ARD, dann das ZDF und dann das Dritte. Wie meine Mutter ändere ich die langweiligen Sender in ordentliche Sender und zappe bis ich meinen Musiksender finde. Jetzt fehlt nur etwas zu Knabbern und ich könnte hier vor dem Superteil übernachten. Ich greife unter die Fernsehzeitung und finde die fast leere Schale mit den Erdnüssen. Die hat garantiert er ausgefressen. Das zum Beispiel hasse ich an Männerwohnungen. Immer sind die Chips und Erdnüsse weg und nur süßer Kram liegen bergeweise da. Eigentlich kann ich froh sein, dass kaum noch Nüsse in der Schale sind, denn bei meiner Diät ist das wirklich nicht sonderlich gut. Und wie ich mich kenne, würde ich doch früher oder später fast alle Nüsse wegnaschen. Ich höre schon wieder die blöde Richterin labern, dass ich doch von der Gesellschaft versorgt werde und sie meine ständige Verletzung der grundgesetzlich garantierten Privatsphäre keinesfalls weiterhin dulden wird, sie mich aber für überwiegend zurechnungsfähig hält und ich endlich lernen muss die Privatsphäre anderer Mitmenschen zu respektieren. Blablabla, ja, was hat die Kuh in Schwarz denn gedacht, dass ich irgendwie Plemplem bin und anderen unnötig auf den Geist gehe? Aber woher, verehrte Frau Richterin, soll ich denn sonst die leckeren Chips herbekommen? Bei uns zuhause, allerverehrteste Frau Richterkuh, sind die Dinger strikt verboten und es gibt für mich und Papa permanent nur die widerlichen Gummibärchen und die ekelhaft süßen Törtchen. Bei dem Gedanken strecke ich der Richterin die Zunge raus, stibitze mit den Fingerkuppen eine und noch eine und noch eine klitzekleine Erdnuss und entschuldige mich in den Fernseher. Ich schalte einen anderen Musiksender ein, sehe Britney Spears und bekomme Lust bei der Mucke die Jacke auszuziehen. Ich ziehe die gepunktete Strickjacke aus, drehe mich wie meine Britney um die eigene Achse, rufe jä, jä, jä und werfe das gepunktete Teil auf die bronzene Männerstatue. Ich beuge mich zu dem Bronzeboy vor, drehe mich zur Seite, wieder zu ihm vor, nach hinten und zur anderen Seite. Ich ziehe das Hemd aus, trommle rhythmisch auf seinen Sixpack, wackle mit dem Hintern, lege dem Bronzemann die Jacke um den Hals, kreise mit meinen Hüften, umrunde den Kerl und greife ihm rein zufällig unten hin. Ich knöpfe meine Hose auf, beuge mich wieder vor, ziehe die Hosen ein Stück herunter, lasse mich wie der Papst auf die Knie fallen, wirble die Arme durch die Luft und zufällig auch etwas um seine Hüften. Außer Puste setze ich mich hin, ziehe den linken Turnschuh aus und werfe ihn auf die Kaninchenbox zu dem blöde glotzenden Tier. Ich ziehe den rechten Turnschuh aus, rieche darin und denke, bei dem Gestank muss er ja ein wahrer Wohltäter sein. Im hohen Bogen werfe ich den zweiten Schuh auf einen der vielen Stahlarme der Deckenlampe. Ich ziehe die Hose aus, springe hoch, rufe wie meine Britney jä, jä, jä und tanze in der Unterwäsche nach dem Musikvideo. Ich kullere auf dem weißen Teppichboden hin und her und hebe die Schultern bis sie mir der Nacken wieder wehtut und mich daran erinnert, dass ich dringend zu einem meiner vielen Fachärzte gehen muss. Da mir die Luft ausgeht, kullere ich mich ein letztes Mal auf dem Teppich, wackele mit dem fast freien Hintern und hebe schwungvoll den Kopf nach oben, dass mein gewelltes Haar über die Schultern fällt. Dabei stoße ich den Kopf am eckigen Glastisch. Ich greife an die Stelle am Kopf und meckere warum die Frau auch den blöden Glaskasten unbedingt da hinstellen muss. Ich beschließe, dass der Tisch dort sowieso nicht hingehört und schiebe ihn unter das Fenster. Da ich beim Umräumen bin, schiebe ich den Schwingsessel in die andere Ecke, stelle die Stahlvase an die Wand und den roten Blumenkasten neben die Tür. Ich ziehe mein Unterhemd aus, setze mich vor den Bildschirm, lege den Kopf auf die Knie und schaue den fast unbekleideten und gut aussehenden Tänzern von Britney zu. Warum ich dabei plötzlich traurig werde, weiß ich nicht, spüre aber, dass ich unbedingt nackt sein muss. Ich winke in den Fernseher, ziehe langsam die Unterhose aus und tupfe sie auf die linke und rechte Brust. Mit beiden Händen knülle ich sie zusammen, werfe sie wie einen Ball nach oben und fange sie mit dem Kopf auf. Damit ich sie nicht wieder irgendwo liegen lasse und sie urplötzlich bei Gericht als Beweismittel, Nummer soundso landet, ziehe ich sie vorsichtshalber über beide Ohren Ich nasche eine klitzekleine Erdnuss, schiebe die verbliebenen Nüsse in der viel zu großen Schale auseinander, damit keiner merkt, das einige der Dinger fehlen. Ich lasse mich rückwärts auf den flauschigen Teppich knallen und kullere mich noch einmal um die eigene Achse. Auf allen Vieren robbe ich zur Wand und bekomme Lust völlig unbekleidet durch die ganze Bude zu toben. Wie die Jungs im Fernseher springe ich hoch und runter, beuge mich nach vorn, winke den hübschen Tänzern von Britney zu und drehe schließlich die Mucke auf. Ich flitze in die Küche, klemme den Griff des Kühlschrankes zwischen die Hinterbacken, drücke beide Hände darauf und öffne mit zusammengekniffen Backen die Tür. Gierig greife ich den Balugacaviar. Ich nehme die große Dose heraus und halte das kühle Teil zuerst über meine Schläfe, reibe sie danach über die Brustwarzen und zum Schluss über meinen schweißnassen Bauch. Ungeduldig reiße ich die metallene Lasche auf, stecke Zeige- und Mittelfinger hinein und hole das schwarze salzhaltige Gelumpe heraus. Wie die Reichen in meinen Lieblingsfilmen lecke ich die Finger ab und stöhne zur lila Küchendecke, dass die verkackte Gänsestopfleber heute auch noch daran glauben muss. Ich renne zurück in den Flur und stelle mich an den mannshohen Spiegel. Völlig aufgeregt wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter, verstelle meine Stimme und sage mit vollem Mund, dass sie endlich der Teufel holen soll, dass sie nicht mehr so viel mit meinem Papa rummeckern soll, dass sie mich nach all den Jahren endlich auch einen Beruf erlernen lassen soll, dass sie ab jetzt mein Zimmer nicht mehr unerlaubt betreten darf und dass sie sowieso alle Menschen aus unserem Viertel hassen. Ich höre wie meine Mutter mir wie immer ins Wort fällt und sagt, dass ich sofort nach Hause kommen soll und sie mich einschließen wird und dass das heute das allerletzte Mal war, das ich allein außer Haus gehen durfte. Vor Wut, dass sie mich wieder nicht ausreden lässt und wieder einsperren will, trage ich das rosa Telefon ins Wohnzimmer und lege es vor die Box zur Musik von Britney. Trotzig gehe ich zurück in den Flur und tanze vor dem Spiegel, strecke meiner Mutter die Zunge heraus und zeige ihr meinen nackten Hintern. Ich nehme den neongrünen Mantel und lege ihn um die Schultern. Mit dem grünen Teil und dem Kaviar, renne ich zurück ins Wohnzimmer und lasse den Mantel wie ein Modell langsam an meiner Haut herabgleiten. Ich greife den Balugakaviar, stecke Zeige-und Mittelfinger wieder hinein und hole einen ordentlichen Batzen heraus. Johlend schiebe ich den schwarzen Kram in den Mund. Dabei äffe ich die bescheuerte Richterin nach, dass ich eigentlich eine Zumutung für die Gesellschaft sei und im Wiederholungsfall für immer weggeschlossen gehöre. Was heißt hier eigentlich und was heißt für immer, du dusslige schwarz eingefärbte fette Kuh, denke ich, wackle mit den Hintern und drehe den Fernseher auf volle Pulle. Ich nehme das neongrüne Teil, lege es auf den Glastisch, stelle mich auf die grüne Fläche und hebe wie ein Sieger die Arme in die Luft. Mit beiden Händen schmiere ich den restlichen Kaviar auf meinen Körper. Ich reibe das schwarze Zeug zuerst auf das Gesicht, danach über die Schultern, über die Brustwarzen, dann den Bauch, den Hintern, reibe die Beine entlang und zum Schluss über die Füße. Lautstark beginne ich mich abzuschlecken und finde, dass der nackte Typ mit der Zigarette im Mund hammermäßig einen auf James Dean macht. Außerdem finde ich, dass er einen durchtrainierten Body hat und verdammt gut aussieht. Mit einem angedeuteten Arschbombensprung, springe ich vom Tisch und komme vor ihm zum Stehen. Ich strecke ihm die fast leere Dose Kaviar hin, ziehe die Augenbrauen hoch und sage im Ton meiner Mutter in sein verdutztes Gesicht, wenn er sich die ölverklebten Finger ordentlich gewaschen hat und mir verspricht für immer und ewig brav zu sein und alles machen wird, was ich von ihm verlange, darf er, wenn er will, die Rester rauskratzen. Dafür erwarte aber im Austausch als erstes eine Zigarette und will, dass er mich bei meiner nervigen Mutter nicht verpetzt. Ich gehe eine Schrittlänge auf ihn zu, umgreife seine Hände schiebe die Dose zwischen seine Finger und ziehe die Zigarette aus dem Mundwinkel. Weil er nicht reagiert und mich anguckt, als ob ich nicht da wäre, gehe ich einen Schritt näher an ihn heran. Da er immer noch nicht reagiert, schiebe ich meinen Körper die restlichen Zentimeter an ihn heran, bis sich zuerst unsere Fußspitzen und danach unsere Pimmel berühren. Ich sehe in sein Gesicht, lächle und habe Mühe, ihm nicht die ungekämmten Haare zu streicheln. Stattdessen reibe ich mit den kaviarverschmierten Fingern über seine muskulösen Oberarme. Wie die Orang-Utans in unseren wöchentlichen Gruppen-Therapie-Besuchen im Zoo, schiebe ich die Lippen weit nach vorn und stecke mir die halb abgebrannte Zigarette in den Mund. Ich sauge Luft in meine Lungen und beuge meinen Kopf nach vorn, bis meine Haare an seine Brust fallen. Ich öffne den Mund, atme den eingesaugten Atem aus und puste den Qualm an unseren nackten Körpern hinab. Dabei beobachte ich, wie unsere Pimmel den herabsinkenden Qualm in zwei Hälften teilen. Weil mir das irre gut gefällt, ziehe ich noch einmal Luft in mich hinein und puste den Qualm bis zu unseren Pimmelspitzen hinunter. Dabei überlege ich, was ich machen soll, wenn unsere Pimmel hart werden.

Was soll denn daran unnormal sein, frage ich sie? Mal ehrlich, wenn ich hier rauskomme, kann die Richterin etwas erleben. Und auf meine Wohnungsbesichtigung werde ich mein Lebtag nicht mehr verzichten. Darauf kann sie ewig warten. Lieber möchte ich sterben/tot sein.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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