Frohe Weihnachten!

Wir wollten gern eine Weihnachtsgeschichte für euch schreiben. Aber wir hatten leider keine Zeit. Jeder von uns hat nur einen Absatz geschafft: Vor der Bescherung, während der Bescherung, nach der Bescherung. Dabei geht es ja gar nicht um Geschenke. Sondern um Familie. Und Harmonie. Und so. Ein Weihnachtspuzzle.

Da war sehr wohl Knoblauch in der Wurst, Horst schmeckte das genau, aber weil er nicht schon wieder einen Streit anfangen wollte und schließlich nicht mehr er derjenige war, unter dessen Tisch alle Anwesenden die Beine steckten, wälzte er den Fleischbrei geduldig von einer Backe in die andere, bis der richtige Moment gekommen war, auch diesen letzten Bissen ohne sichtbare Anzeichen von Ekel herunter zu würgen. Denn Luzie lächelte zwar, aber sie bestand auf bewährte Zeremonien: “Beschert wird erst nach dem Essen; wir haben noch nie während des Abendessens beschert!“ „Ja doch“, stöhnte Johannis und spannte ein Zelt aus Messer und Gabel über seinem Teller, das scheppernd im Majonäserest zusammenbrach, als Opa Horst endlich „Und los!“ sagte.

Der Weihnachtsmann stürmt mit hochrotem Kopf in die Wohnstube, wirft schwungvoll den Mantel zurück, sodass sein dicker Bauch hervorblitzt und feuert ein lautes „Fröhliche Weihnachten“ in den Raum. Mutter Luzie bringt vor Aufregung kein Wort mehr hervor und verstummt eingeschüchtert in ihrem Sessel, während Opa Horst trunkend von den Schnapspralinen „Scher dich bloß wieder zu deinem Nordpol“ wettert. Johannis ist dagegen artig, füttert die Rentiere im Hof und klaut dem Nachbarjungen Tom das Nitendo und die Zuckerstangen.

Nachdem Johannis auch in diesem Jahr ein sehr tiefes Loch in den vereisten Boden ausgehoben hatte, ging er in die warme Wohnstube zurück, rieb mit klammen Fingern über die dicken Gläser seiner beschlagenen Harry-Potter-Brille und griff wortlos die Gaben, die unter dem liebevoll geschmückten Weihnachtsbaum aufgestapelt standen. Umständlich packte er ein Geschenk nach dem anderen aus und betrachtete sie reglos durch die verschmierten Brillengläser. Ohne sich seine Verärgerung anmerken zu lassen, legte Johannis auch in diesem Jahr die Gaben behutsam in die Verpackungen zurück, faltete, während er sich wortreich bedankte, die Papierreste akkurat zusammen, schob dabei unbemerkt mit den immer noch schneebehafteten Stiefeln die Gaben unter den Baum und überlegte, wann er das Zeug schnellstmöglich und ohne viel Aufsehens noch in dieser Nacht in die eisige Erde verschwinden lassen könnte.

Veröffentlicht von

Korbinian

Korbinian Saltz wurde im November 1978 in Kapstadt geboren. Seitdem ist er unterwegs in Richtung Norden. Weil er ein miserabler Fotograf ist, versucht er alles, woran er sich erinnern möchte in Worten zu bewahren. Einige davon veröffentlicht er hier. Andere auf korbiniansaltz.de

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