Die Besungene

Hört die Besungene die ersten Töne aus dem kleinen Radiowecker, dreht sie sich auf ihrem durchgelegenen Schlafsofa müde auf die Seite. Sie schielt auf die blinkende Leuchtziffernanzeige und vergleicht die Zeit mit der auf dem Ziffernblatt ihrer ramponierten Armbanduhr. Hat sie sich von der Richtigkeit der Zeitangabe überzeugt, löst sie die Armbanduhr vom Handgelenk und schiebt sie unter das Kissen. Gähnend zieht sie die Wolldecke weit über den Kopf und massiert im Halbschlaf ihre Waden. Ist sie an den Füßen angelangt, tastet sie behutsam über die vielen schmerzenden Stellen auf den Fußsohlen. Wird dabei im Radiowecker ein Liebeslied gespielt, träumt sich die Besungene unter der dicken Decke liegend, in das Schicksal der Besungenen hinein. Erschrocken hält sie den Atem an oder drückt die zierlichen Hände kichernd auf ihre schmalen Lippen oder die immer noch faltenfreie Stirn. Voller Mitgefühl beginnt sie zu weinen und reibt die Augen rot.

Kommt die Besungene endlich unter der Wolldecke hervor, schleicht sie ins Bad, zieht ihr vollgeträntes Nachthemd aus und sucht einen leeren Platz auf der Leine, die sie spinnennetzartig über die Badewanne gespannt hat. Noch in tiefer Trauer befindlich, schlurft sie zurück ins Schlafzimmer, stellt sich mit gebeugtem Rücken vor den Spiegel und betrachtet ihr verheultes Gesicht. Will sie ihr Gesicht nicht mehr sehen, öffnet die Besungene die Türen des Kleiderschrankes und macht sich für den Tag zurecht. Dabei orientiert sie sich stets am Text des ersten Liedes. Wählerisch wühlt sie in den Stapeln der Regalfächer und Schubladen. Wurde im ersten Lied von einem glücklichen Ausgang der Liebenden gesungen, tanzt die Besungene in einem dünnen Sommerkleid aus schimmerndem Stoff vor dem Spiegel und dreht sich selbstverliebt um die eigene Achse. Hatte hingegen einer der Verliebten ein tödliches Ende gefunden, zieht sie schweigend einen schwarzen Hosenanzug an und tupft sich fortwährend Tränen aus dem verweinten Gesicht. Ist sie endlich angekleidet, schließt sie die Schranktür mehrfach ab und versteckt den Schlüssel in einen der unzähligen Kartons unter dem durchgelegenen Schlafsofa. Anschließend geht sie in die kalte Küche und trinkt ein Glas Cranberrysaft oder schlürft angewidert an der Zitronenlimonade.

Auf dem Weg zur Arbeit durchlebt die Besungene immer und immer wieder das gehörte Lied. Oft schüttelt sie heftig den Kopf und überlegt, wie sie das Unfassbare zu einem guten Ende hätte führen können. Hat ihr hingegen der Text gefallen, pfeift sie aufgeregt auf ihrem Stuhle sitzend das Liebeslied. Sie winkt den vorbeieilenden Passanten freundlich durch das Straßenbahnfenster und schwelgt sich in die starken Arme des Sängers hinein. Dabei reibt sie ihre blonde Zopffrisur am Fensterglas oder am Kopf des verdutzten Vordermannes oder der kreischenden Vorderfrau. Und mehr als einmal hat sie wegen der starken Arme die Haltestelle verpasst und eine ernste Ermahnung von der Wäschereileiterin erhalten.

Schon von weitem erkennt der Pförtner den Inhalt ihres Morgenliedes. Steht sie in Tiefschwarz vor ihm, drückt er sie minutenlang fest an sich heran. Steht sie hingegen im grellen Gelb, im feurigen Rot oder gar in Azurblau an seiner Seite, verneigt er sich, nimmt ihre Hand und tanzt mit ihr um den herabgelassenen Schlagbaum. Danach öffnet er ihn, schreitet mit ihr feierlich hindurch und bringt sie höchstpersönlich bis an die Tür.

Kommt die Besungene in die dämmsige Wäscherei, wühlt sie zu Beginn ihres Dienstes den Stapel Mitarbeiterwäsche nach absichtlich abgelegten Zettelchen durch. Findet sie auch an diesem Tage wieder keine an sie adressierte Nachricht, sucht sie emsig in den Körben mit Patientenkleidung nach vergessenen Fotos, Handys oder anderen persönlichen Dingen. Manchmal wühlt die Besungene so unermüdlich in dem Berg verschmutzter Kleidung, dass sie die Pause vergisst und von der Leiterin an die Heißmangel strafversetzt wird. Nur widerwillig legt sie dort die Bettbezüge zusammen, nutzt jedoch jedes Mal die Möglichkeit, handgeschriebene Nachrichten in der gebügelten Wäsche zu verstecken. Mit der Morgenmusik auf den Lippen, belädt sie im Anschluss die Wäschekisten und fährt sie auf die Stationen. Sind die Mitarbeiter oder Patienten beim Frühstück, greift sie blitzschnell Fotos vom vollgestellten Schreibtisch der Schwestern oder den unaufgeräumten Nachttischen der Patienten. Herzklopfend stopft sie die Fotos in die Tasche oder die leeren Wäschekisten. Hat sie alle eingesammelt, geht sie auf die Nachbarstation, um auch dort unbeobachtet Fotos von gut aussehenden Männern an sich zu bringen. Hastig rumpelt sie mit den leeren Kisten die langen Gänge zurück, hinunter in die Wäscherei. Sie schließt sich auf der Toilette ein und holt die Taschenlampe und das Vergrößerungsglas aus ihrer Jackentasche. Mit großen Augen und offenem Mund betrachtet sie die mitgenommenen Männerportraits. Findet sie einen der portraitierten Männer unattraktiv oder meint sie zweifelsfrei zu erkennen, dass er zu keinerlei aufrichtiger Liebe fähig sei, zerreißt sie von ihm angeekelt das Foto und wirft es zerschnipselt in die Toilette. Empört zieht sie ihre Hose herunter, setzt sich auf die Toilettenbrille und presst sich notdürftig ein Geschäft ab. Und meist schläft sie darüber ein und holt für kurze Zeit einen Teil ihres fehlenden Nachtschlafes nach. Kommt die Besungene am Nachmittag nach Hause, geht sie in die Küche und reiht die eingeheimsten Fotos an der Mittelfalte des Leinentuches auf. In aller Ruhe betrachtet sie die Portraits und ordnet sie nach einer ihr unerklärlichen Wertigkeit. Ist sie mit der Bewertung fertig, liebkost sie gründlich jedes Portrait mehrfach ab. Akribisch notiert sie auf der Rückseite die erküsste Liebesfähigkeit und ordnet sie bestimmten Liedern oder Interpreten zu. Sorgsam steckt sie die Portraits in die unzähligen und nach Jahreszahlen beschrifteten Schuhkartons. Den persönlichen Tagesfavoriten hingegen schiebt sie in die große Sichtfläche ihrer Brieftasche oder legt ihn gut sichtbar auf den Nachttisch. Und so mancher Mitarbeiter behauptet beharrlich, die Besungene des Öfteren im Laden beobachtet zu haben, wie sie sich in die längere Warteschlange einreiht und das Kleingeld in der Brieftasche mehrfach mit einem Lächeln abzählt. Hat die Besungene endlich alle Fotos zugeordnet, steht sie zufrieden vom Küchentisch auf und wischt mit einem Seufzen über die Mittelfalte des nun leeren Leinentuches. Im Stehen isst sie schnell ein trockenes Brötchen und trinkt dazu heißen Kakao. Noch mit vollem Mund stellt sie die Tasse und den Teller in die Spüle, hebt den Stuhl auf den Tisch und schiebt ihn an den Schrank. Ungeduldig streift sie die glitzernden Hausschuhe ab und wirft sie in die Ecke. Sie lässt das Rollo herabsausen und hängt die bunte Diskoleuchte und die Lichtschlange ins Fensterkreuz. Leise schließt sie die Küchentür, löscht das Licht und schaltet das Radio an. Sie stellt sich auf die Stelle mit dem abgenutzten Linoleum und beginnt zu tanzen. Behutsam umgreift sie ihre Schultern und streichelt sanft über Ohren und Nacken und die immer noch schlanke Taille. Ohne sichtbare Müdigkeit träumt sie sich barfuß in die besungenen Schicksale hinein. Und bis weit nach Mitternacht hört die Besungene Lieder, die sie seit Jahren allesamt auswendig kann.

Würde man den Pförtner nach ihr befragen, würde er gutmütig den Kopf schütteln und meinen, dass man der Träumerin einfach nicht böse sein kann. Außerdem würde er sagen, dass er selbst an seinen freien Tagen früh morgens noch vor ihrer Weckzeit bei verschiedenen Radiostationen anruft und romantische Liebeslieder bestellt.

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

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