Manni + Horst

Es ist 3:50 Uhr. Ein Montagmorgen im März. Aber es könnte auch ein Dienstag-, ebenso ein Donnerstagmorgen sein. Ihm war jeder Tag gleich.
Das Radio hatte eine Weckfunktion und 3:50 Uhr startete er mit der Sendung durch die Nacht in den Tag. Die Zigaretten der Vortage füllten den Aschenbecher bis an den Rand. Sie hinterließen eine Schwade kalten Rauches, die er genüsslich in sich aufnahm. Wenige Minuten später lag Mentolgeruch der Zahnpasta und Kaffeeduft in der Luft − oder besser gesagt in der Kabine.
Es war nicht sein eigener Truck. Seine Gedanken drehten sich ständig darum, wie lange der Sprit noch reichen würde, wann in die Waschanlage zu fahren sei, der nächste Ölwechsel nötig wäre und eine neue gelbe Plane beschafft werden müsste. Aber es war nicht sein Eigener, so sehr er es sich auch wünschte. Vielleicht war das so wie mit seinem Ziehvater. „So sehr ich es mir auch wünsche, du bist nicht mein Eigener!“, hatte der immer zu ihm gesagt, wenn er etwas angestellt hatte, er unglücklich gestürzt war und ein Loch in der Hose gehabt hatte oder er in Ohnmacht gefallen war, wenn zu viele Menschen an ihm zogen oder der Wind ungünstig stand.
Aber auch, wenn der Truck nicht ihm, sondern Herrn Horst gehört, so liebt er ihn trotzdem. Denn er war der Auffassung, das könne man – jemanden lieben, ohne ihn besitzen zu wollen. Seine Freundin − die Gabi − die liebt er. Aber gehören tut sie jemand anderem – nämlich Herrn Horst. Der kümmert sich auch immer darum, dass sie schick aussieht, zieht ihr Röcke an und aus und legt ihr an besonderen Tagen die Perlenkette um. Dann ist er eifersüchtig, aber ändern kann er es nicht. Er liebt sie eben.
Die Tür ging auf. „Guten Morgen Manni. Heute fahren wir die Gabi besuchen. Und ihr zwei Hübschen dürft dann die ganze Woche gemeinsam auf der Logistikmesse bleiben.“, sagte Horst und schwang sich auf seinen Sitz. Der Truck fuhr los. Horst pfiff ein Liedchen zur Radiomusik. Manni schwieg. „Na Manni, da hat´s dir wohl die Sprache verschlagen, was?“, grölte Horst und klopfte Manni freundschaftlich auf die Schulter aus Papier.

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Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

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