Die Eismutter (I/II)

Sie ist 10. Ihr Bruder wurde geboren. Die Eltern freuen sich und haben weniger Zeit.

Sie ist jetzt immer so traurig. Die Tage sind irgendwie anders, nicht mehr wie früher. Das Spielzeug läßt sie oft liegen. Sie kann nicht schlafen und sie hat Angst sie könnte vergessen werden. Manchmal ist sie verzweifelt.

Ihre Eltern sind stolz auf ihren Bruder. Er sitzt auf Muttis Schoß. Er lacht und schmatzt und knetet Muttis Nase. Vati zieht dabei Grimassen. Auch er lacht und spricht mit ihm in der Kindersprache. Sie will auch gestreichelt werden und streckt ihre Arme weit hoch, zu den Eltern, so wie früher.

Die Eltern sind fleißige Leute. Das wissen alle im Dorf. Immer öfter kommen die Eltern zu anderen Zeiten nach Hause, manchmal ganz spät. Abendbrot isst sie entweder mit Vati oder Mutti, manchmal auch allein. Dann muß alles schnell gehen und es wird auch nicht mehr so viel erzählt. Das fehlt ihr besonders. Deswegen unterhält sie sich oft mit ihren Händen. Und wenn sie im Bett liegt und ihre Hausaufgaben vergessen hat, schimpfen die Eltern viel. Mutti holt sie aus dem Bett und sie muß die Aufgaben erledigen. Das passiert oft. Wenn das geschieht, schleicht sie heimlich in die Küche und isst das ganze Nutella auf. Das gibt es seit neuesten im Konsum.

Sie ist 13. Sie hat immer mehr Probleme den Lehrer zu verstehen. Sie ist müde und hat Kopfschmerzen. Irgendwie fehlt ihr Kraft dem Lehrer zu antworten. Sie behält die Antworten einfach für sich: in solchen Momenten packt sie wortlos die Einträge und schlechten Zensuren in ihren Ranzen und zeigt sie ihren Eltern, abends vor dem Fernseher. Wenn sie Stubenarrest bekommt versucht sie besonders lieb zu sein. Und auch in der Schule gibt sie sich besonders viel Mühe. Doch dann, dann ist alles so wie vorher. Sie geht wortlos in ihr Zimmer und legt sich auf ihr Bett und zieht die Decke über den Kopf: Sie träumt, wie ihr schwarzes Haar im Wind weht, wie sie ertrinkt und hofft das alle Kinder und auch die Eltern traurig sind. Sie träumt wie Mich Bucannon sie aus dem Wasser trägt, wie sie sich an ihn schmiegt, wie er sie anlächelt und sanft umarmt. Sie spürt wie er in ihr Ohr flüstert. Bei diesem Gedanken drückt sie immer die Hände fest vor die Augen. Und gemeinsam laufen sie am Strand entlang bis die Sonne untergeht. Sie denkt viel an ihn, manchmal auch nachts, bis sie endlich wieder einschlafen kann. Gemeinsam fährt sie mit Michael Knight und KITT davon, ganz schnell: vorbei am Haus der Eltern mit dem Garten und dem kleinen Bruder der darin spielt, vorbei an der Schule mit den Lehrern und den Schülern die erstaunt ihr zuwinken. Und wenn sie aufwacht, dann ist sie irgendwie vergnügt.

Sie ist 17. Und sie ist glücklich! Er schaut sie an. Dann spricht er mit ihr. Sie sieht wie er ruhig und sicher sein Bier trinkt. Sie findet es gut, wie er raucht und wie er mit seinen starken Armen den Kellner zu sich herüberwinkt. Sie lächelt. Er lächelt. Sie tanzt mit ihm fast alle Lieder an diesem Abend. Er umarmt sie, er küßt sie, er umfasst sie, ganz fest. Dann flüstert er ihr ins Ohr. Sie versteht ihn nicht. Er zieht sie vom Festzelt weg, zieht sie hinter sich her, hinter das Schulgebäude, hinter den Appellplatz, zu den Bänken, neben die Mülleimer.

Sie hat ihn gefunden. Sie ist ganz aufgeregt. Die Nächte sind nicht mehr wie früher. Sie kann nicht schlafen. Das stört sie jetzt nicht mehr. Er hat es ihr gleich am ersten Tag gesagt, das mit der Liebe.

Sie ist 18. Und sie ist schwanger. Das ging alles so schnell. Sie hat das ja nur ganz selten gemacht, das hinter dem Appellplatz an den Mülleimern. Die Ausbildung will sie beenden. Sie braucht viel Zeit für das Kind. Sie will heiraten. Ihre Eltern sind dagegen. Die wollen ihren Freund nicht. Das Ungeborene, das auch nicht. Und sie, sie will ihn nicht verlieren. Er gehört ihr, ihr ganz allein. Sie liebt ihn, und seinen silbernen Lastwagen auch.

Sie ist 19. Sie heiratet. Ihre Ausbildung bricht sie ab. Zuviel hat sie mit dem Kind zu tun. Sie streichelt es liebevoll und sie spricht mit ihm liebevoll in der Kindersprache. Ihr Mann hat wenig Zeit. Er muss viel arbeiten. Er ist fleißig. Das wissen alle Leute im Dorf. Und wenn er da ist, geht er manchmal zur Feuerwehr ein Bier trinken. Das geht in Ordnung. Andere Männer machen das auch.

Sie ist 20. Sie wird wieder schwanger. Auch dieses Mal ging alles sehr schnell. Sie mag es wenn der Große sie in die Nase kneift. Dann spricht sie mit ihm in der Kindersprache. Der Mann fährt immer noch einen Lastwagen, jetzt einen blau-weißen. Und wenn er wie immer sein Bier trinkt, geht das fast immer in Ordnung. Nur manchmal, wenn er mit seinen starken Armen sie sehr fest hält, ist sie traurig. Danach bringt er ihr viele Blumen mit und spricht mit ihr. Und zärtlich ist er auch, nachts, meistens jedenfalls. In solchen Momenten ist es wunderbar schön! Er liebt sie. Sie weiß es genau.

Sie ist 21. Sie erinnert sich an den Großvater. Er hat vom Klapperstorch erzählt, wenn eine Familie im Dorf ein Kind bekam. Daran muss sie jetzt denken. Und an die Hände die er ihr immer so lieb in die Haare schob, bis sie kicherte, auch. Und dann, dann war er einfach tot, obwohl er sagte: „bis Samstag, Kleine!“ Und auch die Hände waren weg. Das ist lange her. Sie streichelt sich über den Bauch. Das Kind soll seinen Namen bekommen.

Sie ist ganz aufgeregt. Abends vorm Fernseher will sie es ihm sagen. Sie stellt ausreichend Bier in den Kühlschrank und kocht eine doppelte Potion von seinem Lieblingsgericht. Und er, er wird plötzlich laut, schreit sie an. Erst will er sie und dann die Kinder „alle machen“. Er steht auf und geht sein Bier woanders trinken. Sie weiß was danach passiert.

Sie sitzt am Küchentisch und malt Kreise auf die Decke. Sie weiß, dass Männer so etwas tun, überlegt sie. Sie hat es im Fernsehen gesehen. Die bringen so etwas immer in den Nachrichten. Auch in ihrer Zeitung sieht sie die Mütter mit den Kindern lachen, obwohl sie doch schon tot sind. Die Kinder, denkt sie, die können doch gar nichts dafür. Und warum nur machen Männer so etwas? Sie weiß nicht mit wem sie reden soll. Sie weiß nicht, was sie fragen soll, wo er sie doch liebt, sie und die Kinder auch. Sie ist verzweifelt. Und gegen das Gefühl von früher kann sie einfach nichts machen.

Die Eltern kommen die Enkel besuchen wenn er nicht da ist, sonst gibt es zuviel Streit. An solchen Abenden hören die Nachbarn die Streitereien, und die anderen Dinge auch. Das will sie nicht. Mit ihnen kann sie nicht reden, überlegt sie. Die Kinder leben auf dieser Erde. Das andere, das nicht. Die Kinder sprechen mit ihr in der Kindersprache. Das andere, das nicht. Sie kann sich ihr Leben ohne ihren Mann und ohne ihre Kinder einfach nicht vorstellen. Was wissen die Nachbarn schon von ihr. Die reden über jeden.

Sie ist 21. Es ist Nacht. Der Mann war Bier trinken. Heute hat er ihr nichts getan. Die Kinder hat sie zeitiger ins Bett gebracht. Sie liegt im Bad auf den weißen, kalten Fliesen; neben ihr die Nachgeburt. Es muß alles schnell gehen, denkt sie. In der Hand hält sie den Körper; die Nabelschnur fest um den Hals. Es ist kalt. So viel Blut. Sie muss das alles wegwischen. Sie friert. Und sie ist müde. Jetzt darf keiner ins Bad kommen. Und wohin mit dem Kind, überlegt sie. Sie schaut in den Wäschekorb. Weg von der Erde hat er gemeint. Sie ist zu kraftlos um noch weiter suchen zu können, um noch graben zu können.

(Fortsetzung folgt am 25.Nov. um 10 Uhr.)

Veröffentlicht von

Michael Elias

So wie er sich in politischen Dingen nicht festlegt - er hat zwei Systeme mit ihren Vor- und Hinterteilen kennengelernt - so ist auch seine Sprachform unentschieden. Er bleibt vielmehr auf der Suche nach den jeweiligen zusammengehörigen Sätzen. Er lebt über den Dächern von Leipzig; zwischen den Zeilen stürzt er sich mit offenen Augen ins Nachtleben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.