Ein kaputter Topf und ein kaputter Deckel

Es ist fünf Uhr morgens und du horchst wie der Wecker tickt. Du weißt, du müsstest dich auf den Bauch drehen, den einen Arm unter das Kopfkissen legen und die Augen würden dir zufallen. Stattdessen stehst du auf und tappst barfuß in die Küche. Du suchst eine Mülltüte. Die Küchenlampe knipst du nicht an, der bärtige Mann aus der Wohnung gegenüber wirft dir oft Blicke über die Fenster hinweg, dass dich ein kleiner Schauer erfasst − so als bekäme man Gänsehaut. Das hochgestapelte Geschirr erkennst du schemenhaft und der Geruch, der davon ausgeht, verrät, dass du es gestern schon hättest abwaschen sollen. Dir fällt ein, dass du die Mülltüten vergessen hattest, beim Einkauf letzte Woche. Du nimmst dir stattdessen eine Einkaufstüte vom Küchenstuhl, die Moritz dort achtlos hingeworfen hatte.
Er war bestimmt gerade erst aus dem Club zurück. Die Zimmerwände sind nicht dicker als die Hartfaserrückwände eines Schranks. Und so kennt ihr euch besser, als euch manchmal lieb ist. Ihr hört die Lieblingssongs des Anderen genausooft mit, bringt einander Salbeitee, wenn die Hustenanfälle unerträglich werden und die nächtlichen Begegnungen des Anderen versucht ihr mit Oropax so intim wie möglich zu halten und grinst euch dann am Frühstückstisch an: „Na, ne tolle Nacht gehabt?“ „Hmm.“
Du drückst die Zimmertür leise zu. Der Laptop läuft noch. Du hast Sigur Ros´ gehört die ganze Nacht. Damit hatte alles begonnen. Ihr wart beide auf einer Informationsveranstaltung der Jusos. Du warst neu. Er war neu. Resi war neu. Resi mit ihren seltsamen Weltansichten, dass doch durch das Abschalten von Atomkraftwerken Arbeitsplätze verloren gängen, ließ euch beide die Augen verdrehen. Ihr habt darüber diskutiert bei Salzstangen und Bier. Du mochtest ihn sofort. Er war genau dein Typ. Lockige braune Haare, Bart und politisch interessiert. Du fragtest ihn, ob er dir vielleicht seinen Schlafsack borgen könnte. Warum, fragte er zurück. Du würdest nächste Woche nach Berlin zu einem Konzert von Sigur Ros´ fahren und müsstest dir noch einen Schlafplatz besorgen. Klar, kriegst du meinen Schlafsack, sagte er, aber nur, wenn du mich mitnimmst. Ihr wart also gemeinsam zum Konzert gefahren. Ihr habt euch Bandnamen hin- und hergeworfen und ward erstaunt gewesen, wie ähnlich doch euer Musikgeschmack war. Ihr seid spazieren gewesen am Spreeufer, habt Enten mit Pistazienschalen beworfen und seit Hand in Hand vor ihnen davon gelaufen, als sie euch mit ihren Schnäbeln in Rücken und Arme pickten. Ihr seid zum Flughafen gefahren und du hast das erste Mal ein Flugzeug von so nah gesehen. Ihr habt euch auf den buntbekreisten Sitzen der BVG aneinandergelehnt und auf einem unbefahrenen Bahnhofsgleis Kürbiskernbrötchen gegessen und mit einem großen Pappbecher Kaffee auf den Sonnenaufgang gewartet. Ihr nahmt den ersten Zug nach Leipzig. Ihr ward verknallt.
Du schaltest die Nachttischlampe an, obwohl es schon langsam hell wird draußen. Du öffnest die Tüte und wirfst die ausgebrannten Teelichter hinein, die vertrockneten Gänseblümchen, das Silberpapier von der Bio-Schokolade neben deinem Bett. Du frierst und eine Träne rinnt dir die Wange hinunter. Du musst an die erste gemeinsame Nacht denken, als er ein Porträt von dir malte. Zwei Stunden hattest du dich bemüht, still zu sitzen und hübsch auszusehen. Als Belohnung gab´s Spagetthi Bolognese. Die Teller habt ihr auf den Boden gestellt und „Dogville“ angeschaltet. Ihr seid eingeschlafen auf dem furchtbaren Sitzsack. Schlafen konnte man das auch nicht nennen, eher genießen einander nahe zu sein, egal wie unbequem es auch war. Als der Soundtrack zum hundertsten Male lief, bist du aufgestanden und hast den Laptop auf Standby geschalten. Er stand plötzlich hinter dir. Er legte seine Arme um deine Hüften und du hast dich umgedreht. Ihr habt euch geküsst.
Du hockst auf dem Bett und suchst nach einer Packung Taschentücher. Du kannst nicht aufhören zu weinen. Seine Paper liegen noch auf dem Nachttisch. Du hattest ein Kuli-Herz auf die Innenseite gemalt, als er sie neu gekauft hatte und du hattest am Abwaschbecken gestanden und dich verstohlen auf sein überraschtes Gesicht gefreut, als er sich eine Zigarette drehen wollte. Du schmeißt das Päckchen wütend in die Tüte. Und diese tausend Klebezettel, die hier im ganzen Zimmer verteilt sind, willst du ebenfalls reinschmeißen. Du reißt sie von der Wand über deinem Schreibtisch, vom Nachttisch, einen vom Radio und drei von der Tür. Dein Blick bleibt am Hocker hängen, auf dem sein blaues T-shirt liegt. Das hatte er einmal zum Trocknen bei dir gelassen, als ihr im strömenden Regen vom See nach Hause geradelt ward. Wenn du ehrlich warst, hattest du nie vor, ihm dieses Shirt zurückzugeben. Es roch nach seinem Aftershave und Sommerregen. Als er eine Woche paddeln war mit seinen Freunden, hattest du das Shirt über ein Kissen bezogen und dir vorgestellt, er würde jetzt neben dir liegen. Das hatte dich beruhigt. Sein Geruch und seine Wärme hatten dich immer beruhigt. Und wenn du Alpträume hattest und im Schlaf zu sprechen und zu weinen anfingst, dann hatte er dich geweckt und geküsst und dir die Haare aus dem Gesicht gestrichen.
Du läufst in die Küche. Die Kirchenglocke müsste gleich sechs schlagen. Du schaltest den Wasserkocher an. Ein Tee wäre gut. Hunger hast du nicht. Du kramst im Regal und die Schachtel Pfefferminztee fällt dir entgegen. Es gab Tage an denen er depressiv war und du wusstest nicht, wie du damit umgehen solltest. Du hattest dann gesagt: Komm, wir gehen spazieren und ihr lieft stundenlang schweigend Hand-in-Hand durch die ganze Stadt. Manchmal hast du ihm einen Gummi-Schlumpf gekauft und er hatte lächeln müssen. Manchmal aber hast du ihm einfach nur eine große Kanne Pfefferminztee gekocht und ans Bett gebracht. Du wirfst die Schachtel mit in die Einkaufstüte. Du mochtest ihn nie.
Du rufst E-Mails ab. Keine neuen Nachrichten. Du klappst den Laptop zu. Den aufgeklebten Zettel auf dem Laptoprücken hattest du tagelang verstört angesehen: Ich kann das nicht. Es tut mir leid. T.
Du reißt ihn ab. Du reißt ihn in viele Stücke, bis er sich nicht mehr zerreißen lässt. Nichts mehr willst du davon lesen können. Du schlägst plötzlich im Wechsel mit beiden Fäusten auf deine Oberschenkel, immer schneller und schneller. Du pustest, so kräftig wie deine Wut es zulässt. Es regnet. Es regnet Konfetti.

Veröffentlicht von

Dina

Dina H. wurde an einem stürmischen Novembertag im Jahre 1986 geboren. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Elias Canetti, Max Frisch und Nikolai W. Gogol zählt sie zu ihren engsten Freunden.

2 Gedanken zu „Ein kaputter Topf und ein kaputter Deckel“

  1. Solche Sätze liebe ich: Ihr habt euch auf den buntbekreisten Sitzen der BVG aneinandergelehnt und auf einem unbefahrenen Bahnhofsgleis Kürbiskernbrötchen gegessen und mit einem großen Pappbecher Kaffee auf den Sonnenaufgang gewartet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.